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Taxi Times München - Dezember 2017

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Entrückt: Der Mirai

Entrückt: Der Mirai polarisiert (links). So sieht ein Mirai Taxi von innen aus. Die Technik sitzt unter dem Dachhimmel (unten). EIN LEBEN MIT DER BRENNSTOFFZELLE Die Stadt München fördert seit September die Anschaffung von Elektrotaxis. Dazu zählen auch Wasserstoff-Antriebe. Wir haben einen Toyota Mirai getestet. STADT MÜNCHEN FÖRDERT UNTERNEHMER MIT E-TAXIS Seit dem 1. September 2017 kann die E-Taxi-Förderung der Stadt München in Anspruch genommen werden. Förderfähig sind alle nach dem 1. Januar 2017 zugelassenen Taxis mit batterieelektrischem Antrieb oder Brennstoffzelle. Plugin-Hybride sind explizit ausgeschlossen. Gefördert wird jeder Besetztkilometer mit 0,20 Euro, bis 40 % der Nettoanschaffungskosten des Taxis erreicht sind. Eine weitere Voraussetzung für die Förderung ist eine quartalsmäßige Übertragung der Daten eines Fiskaltaxameters mit INSIKA. Unternehmer, welchen die Reichweite eines E-Fahrzeugs nicht ausreicht, können mit der identischen Taxilizenz ein zweites Fahrzeug mit Verbrennungsmotor nutzen. Selbstverständlich nicht zeitgleich, sondern alternierend. Mirai“ ist japanisch und bedeutet „Zukunft“. Ein passender Name für das erste Toyota-Serienfahrzeug mit Brennstoffzelle. Wer die Zukunft symbolisieren will, drückt das auch durch ein futuristisches Design aus. Schon bei der Anlieferung des Toyota Mirai hat der Wagen die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich gezogen. Das sollte auch im weiteren Verlauf des Tests so bleiben. Die Gründe, warum wir den Mirai testen: Es gibt ihn mit dem Intax-Taxipaket. Seine innovative Technologie hat uns neugierig gemacht. Er hat keine Probleme mit einem Dieselfahrverbot. Er zählt zu jenen Modellen, die innerhalb des E-Taxi-Projekts der Stadt München voll förderfähig sind. Warum der Mirai trotz Taxipaket bisher noch nicht zum Verkaufsschlager in Hellelfenbein geworden ist, liegt auf der Hand: Er ist ein reiner Viersitzer und mit 255 Kilogramm exklusive Fahrer hinsichtlich seiner maximalen Zuladung auch sehr beschränkt. Von diesen Fakten möchte ich mich gerne lösen, denn der Mirai hat im Gegenzug, auch in der Taxiversion, eine einzigartige Technologie zu bieten, die es wert ist, einen Blick über den Tellerrand zu werfen. DIE TECHNIK IM TOYOTA MIRAI: H2 + O = H2O Vor vielen Jahren hatte ich die Gelegenheit, ein Brennstoffzellenauto Probe fahren zu dürfen. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich zwei Eindrücke gewonnen: Ein Brennstoffzellenauto fährt sich wie ein Elektro auto und die Wasserstofftankstellen sind martialische und laut zischende Ungetüme. Zumindest mit meiner ersten Erkenntnis sollte ich recht behalten. In seiner DNA ist der Mirai ein Elektroauto und fährt sich zunächst auch genauso. Sein maximales Drehmoment von 335 Newtonmetern ab der ersten Umdrehung der E-Maschine sorgt für einen flotten Antritt. Zudem kann er, typisch für ein Elektroauto, Bremsenergie rekuperieren, also zurückgewinnen. Dies tut der Mirai auch mit einer einzigartigen Klangkulisse kund. Einen Teil der Geräusche kennen viele Taxifahrer vom Toyota Prius, aber der Mirai kann neben Surren, Summen und Gluckern auch Klackern, Klicken und Klacken. Diese Geräusche verdanken wir der Brennstoffzelle, denn der Mirai wird nicht wie ein Plug-in-Hybrid oder Elektrofahrzeug mit Strom betankt, sondern er produziert ihn selbst. Dazu benötigt er lediglich Luft, Wasserstoff und eine Brenn- FOTO: Taxi Times, Intax 32 DEZEMBER / 2017 TAXI

ANTRIEB Auf den ersten Blick ganz normal: So wird Wasserstoff getankt. Ein guter Schnitt: Tank und Brennstoffzelle sind im Heck verbaut. FOTO: Taxi Times, Toyota stoffzelle. Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H2) reagieren in der Brennstoffzelle so miteinander, dass ein elektrisches Potenzial entsteht, also Strom erzeugt wird, welcher den Motor antreibt. Als Abfallstoff entsteht H2 + O = H2O, besser bekannt als Wasser. 66 000 EURO UND DOCH EIN SCHNÄPPCHEN Die 114 kW (155PS) starke E-Maschine sorgt in jeder Situation für einen starken Antritt und lässt leistungsmäßig keine Wünsche offen. Was Komfort und Konnektivität angeht, ist der Mirai komplett ausgestattet: Navigation, Sitzheizung, Tempomat mit Abstandsradar und eine Vielzahl elektronischer Fahrerassistenzsysteme gehören bereits zur Serienausstattung. Weitere Ex tras gibt es nicht. Mit so einer kompletten Ausstattung hat der Mirai natürlich seinen Preis: Der Langstreckenstromer steht ab rund 66 000 Euro netto beim Toyota-Händler, in Berlin bei der Motor-Company. Hinsichtlich der kompletten Ausstattung und der verbauten Technologie geradezu ein Schnäppchen. Im Vergleich zu einem Elektroauto ist er allerdings deutlich aufwendiger konstruiert, denn neben den E-Auto-Komponenten wie Motor, Leistungselektronik und Batterie muss der Mirai auch noch die Brennstoffzelle und den Wasserstofftank aufnehmen. Neben der Technik, die bei einem Brennstoffzellenauto in jeder Lebenslage funktionieren muss, ist also auch das Packaging eine große Herausforderung. Im Alltagsbetrieb merkt man davon allerdings wenig. Der etwas eingeschränkte Platz im Innenund Kofferraum wird aber mit einem nur drei bis fünf Minuten andauernden Tankvorgang belohnt. Im Vergleich zum zeitintensiven Nachladen eines Elektroautos ist dies ein klarer Vorteil. Einmal Volltanken entspricht nach Werksangabe rund fünf Kilogramm Wasserstoff, die mit über 700 bar in den Tank gepresst werden. Ein Kilogramm des flüssigen Wasserstoffs kostet in Deutschland derzeit 9,50 Euro. Auf 100 Kilometer Fahrstrecke verbraucht der Mirai ca. ein Kilogramm Wasserstoff. MIT FÜNF KILO WASSERSTOFF 500 KILOMETER WEIT FAHREN Das logistische Problem: Noch gibt es Wasserstoff nur an wenigen Tankstellen. Aus den zischenden Ungeheuern von damals sind harmlose Zapfsäulen geworden, die sich inzwischen auch optisch gut in die normale Tankstellenlandschaft einfügen. Längere Fahrten sollten, sofern sie als Vorbestellungen gebucht werden, mit Bedacht geplant werden. Unbedingt empfehlenswert ist die H2.LIVE-App von H2 Mobility. Sie gibt an, wo die nächstgelegene Tankstelle ist, ob sie betriebsbereit ist und wo in Zukunft weitere H2-Tankstellen geplant sind. Bis zum Jahresende sollen deutschlandweit 41 Wasserstofftankstellen ihren Betrieb aufgenommen haben; Ende 2018 sollen es schon 100 sein. Das weitmaschige Tankstellennetz lässt das Thema Reichweitenangst zumindest bei Mirai-Neulingen aufkommen. Die Möglichkeiten, dass beim Tanken etwas nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, sind vielfältig: eingeschränkte Öffnungszeiten, Tankanlagen, die nicht genügend Druck für das Volltanken liefern, oder im schlimmsten Fall der Totalausfall einer Zapfsäule. Leider musste ich während der Betankungen alle Fälle erleben. Wenn jetzt der ein oder andere Taxiunternehmer aus all dem den Schluss zieht: „Zu wenig Platz, keine Tankstellen und viel zu teuer“, dann kann ich nicht ganz widersprechen. Jedoch bin ich sicher, dass der Mirai auf einer anderen Ebene bei Unternehmern und Fahrgästen punkten kann: Die Emis sionsfreiheit, seine komplette Ausstattung sowie seine Exklusivität machen den Mirai zu einem echten Hingucker auf der Straße. Deshalb meine Bitte: Der Mirai und vor allem die Brennstoffzellentechnologie haben eine Chance verdient – erst recht, wenn die Stadt dieses Auto fördert. sg TECHNISCHE DATEN Leistung (Elektromotor): 113 kW (154 PS) Höchstgeschwindigkeit: 178 km/h Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: 9,6 Sekunden Antrieb: Frontantrieb Reichweite elektrisch: 500 km (nach Herstellerangaben) Brennstoffzellen-Fahrzeug mit Akku und Elektroantrieb; die Brennstoffzelle liefert die Energie für den Fahr-Akku; Fahrzeug wird mit Wasserstoff betankt Ladezeit: ca. 5 Minuten für H2-Tankvorgang Leergewicht: 1 925 kg Emission CO 2 : 0 g/100 km, Voraussetzung: Wasserstoff, der mit Strom aus regenerativen Quellen hergestellt ist, sonst 121 g CO 2 /km Kaufpreis: ca. 66 000 Euro netto Taxipaket: 1 290 Euro netto Auslieferungspaket: 840,43 Euro netto Versicherung: Toyota bietet die Vermittlung von speziellen Tarifen an TAXI DEZEMBER / 2017 33

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