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Ypsilon (02/2022) Mobilität neu denken

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wie das auto unser leben

wie das auto unser leben verändert hat Wenn wir über umweltfreundliche, nachhaltige Mobilität reden, denken wir vor allem an Elektroautos und den öffentlichen Verkehr. Selten fragen wir uns, was uns veranlasst oder sogar zwingt, so viel unterwegs zu sein. Christian Brandstätter 4 YPsilon 02/2022

SCHWERPUNKT FÜR STRASSEN UND PARKPLÄTZE HABEN WIR IN ÖSTERREICH BEREITS EINE FLÄCHE VON RUND 2.080 QUADRATKILOMETERN VERSIEGELT. ZUM VERGLEICH: VORARLBERG IST MIT 2.600 QUADRATKILOMETERN NICHT WESENTLICH GRÖSSER. Wussten Sie, dass der Verkehr immer mehr wird, obwohl wir gleich lang unterwegs sind? Das Reisezeitbudget, also die Zeit, um in die Arbeit oder in die Schule zu kommen oder einzukaufen, liegt seit vielen Jahrzehnten konstant bei etwa einer bis eineinhalb Stunden pro Tag. Das zeigen langjährige Forschungen. Kurios, oder? Die Zahl der Wege einer Person pro Tag bleibt konstant, nur die Weglänge nimmt zu. „Es gibt ein Verkehrswachstum, aber kein Mobilitätswachstum“, bestätigt auch Ulrich Leth, Verkehrsexperte an der Technischen Universität Wien. Der Siegeszug des Autos … Fotos: Mediocre Studio; Fly Die Geschwindigkeit, in der wir heute leben, hat zugenommen. Die Züge fahren schneller, ja, wir gehen heute sogar viel schneller als noch vor einigen Jahrzehnten. Einen wesentlichen Anteil daran hat das Auto und dessen Aufstieg zu einem bequemen, individuellen Verkehrsmittel für alle. Es hat die Art und Weise, wie wir leben und wie wir unterwegs sind, in nur wenigen Jahrzehnten völlig umgekrempelt. Als Kind, vor rund 50 Jahren, habe ich die Milch mit einer Kanne von einem kleinen Laden im Ort geholt, den ein Bauer selbst betrieben hat. Es gab einen Schuster, einen Gemischtwarenhändler, drei Lebensmittelhändler, einen Bäcker und fünf Wirtshäuser. Heute wachsen die Einfamilienhäuser mit Doppelgaragen wie die Schwammerl auf den Hügeln rund um das Zentrum. Geblieben ist der Bäcker, ein Wirt und ein Supermarkt mit großem Parkplatz. Man geht auch nicht mehr einkaufen, man fährt! Und zwar zu den HoferBillaSparLidlLutzLeinerMöbelixObi-Tempeln an den Einfahrtsstraßen der nahen Stadt. Und weil es im Ort immer weniger Arbeitsplätze gibt, müssen wir in die nächste Stadt oder noch weiter zur Arbeit fahren. Weil alle fahren, sind viele Straßen hoffnungslos überlastet. Der Ruf nach neuen Straßen oder dem Ausbau der alten wird immer lauter und bislang auch zumeist gehört. Neue Straßen ziehen zusätzlichen Verkehr an, an den neu erschlossenen Straßen siedeln sich neue Einkaufszentren an, die wieder nur mit dem Auto erreichbar sind. … und wie es unser Leben verändert hat Wir können uns ein Leben ohne eigenes Auto kaum mehr vorstellen. Vor allem am Land hört man immer wieder, dass es ohne Auto gar nicht gehe. In nur wenigen Jahrzehnten hat es das Auto geschafft, uns völlig abhängig zu machen. Abgesehen davon fressen Anschaffung, Betrieb und Erhalt einen ziemlichen Brocken des Haushaltsbudgets. All das akzeptieren wir auch, weil das Auto nach wie vor ein Statussymbol ist. Ein bequemes erweitertes Wohnzimmer, das mit ausgefeilter Technologie ein lustvolles und angenehmes Reisen ermöglicht und das Gefühl vermittelt, im eigenen Takt unterwegs zu sein. Das Auto hat nicht nur die Einkaufs- und Arbeitswelt verändert, sondern auch eine neue Freizeitindustrie beflügelt. „Komm‘ ein bisschen mit nach Italien“, trällerte der deutsche Schlager in den 1950er Jahren. Heute wälzt sich jeden Sommer eine Blechlawine quer durch Europa bis „ans blaue Meer“. Im Winter werden unsere Gebirgstäler heimgesucht, wenn wir „am Freitog auf‘d Nocht die Schi aufs Auto“ – wohin sonst – montieren. Ypsilon 02/2022 5

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