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ZT | Sonderausgabe 2015

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»Man muss nicht sich

»Man muss nicht sich selbst aufgeben, um Freund sein zu können, ganz im Gegenteil.« Gespräche, in denen es darum geht, das Leben zu deuten und zu interpretieren, Geschehnisse, Begegnungen und Erfahrungen miteinander zu besprechen und Schlüsse daraus zu ziehen. In den Gesprächen mit dem Freund sind die kleinen und großen Lebensfragen zu besprechen und zu klären, die sich jedem Menschen stellen: Welche Erfahrungen wie einzuschätzen sind, welche verborgenen Zusammenhänge bei einer Sache ausfindig zu machen sind, welche Argumente für und gegen eine Wahl aufgeboten werden können, welchen Werten welche Bedeutung zugemessen werden soll, was wirklich wichtig ist im Leben, was schön ist, was Glück bedeutet. Exzellent miteinander umgehen Beide unterhalten bei dieser Form der Freundschaft nicht nur einen Bezug zur Freiheit, sondern auch zur Wahrheit, um sich auch mal „die Wahrheit zu sagen“, wie sie jedenfalls subjektiv erscheint. Eine Offenheit für Kritik besteht gerade dann, wenn das Selbst sich geborgen fühlen kann im Wohlwollen des Anderen. Beide spornen sich an zur Exzellenz in ihrer Haltung und ihrem Verhalten – die griechische Arete, landläufig mit „Tugend“ übersetzt, ist nicht so sehr als moralischer Begriff zu verstehen, sondern meint vor allem, dass alles, was mit der Gestaltung und Pflege der Beziehung der Freundschaft zu tun hat, auf vortreffliche, exzellente Weise getan und nicht nachlässig gehandhabt wird. Von Grund auf gehört dazu, die Freundschaft nicht instrumentell, den Freund nicht als Mittel zu einem egoistischen Zweck zu betrachten. Gerade dann gerät die Freundschaft zur wahren Lebenshilfe. Von der Hermeneutik der Existenz Es ist von unschätzbarem Wert, mit einem Menschen zusammen zu sein, mit dem sich alles, auch Intimes, besprechen lässt, dem wir uns zuwenden können und von dem wiederum Zuwendung zu erfahren ist, wechselseitige seelische Berührung. Im vertrauten Gespräch mit dem Freund gelingt es immer wieder von neuem, die eigene Lebensführung zu orientieren, sich in der Welt zurechtzufinden, Sinn und Bedeutung im Leben und in der Welt zu finden. Mit dem Freund gemeinsam ist die Hermeneutik der Existenz zu betreiben. Es kommt dabei nicht darauf an, den „eigentlichen“ Sinn des Lebens zu erschließen, den nicht einmal die Philosophen kennen. Es kann vielmehr der Sinn sein, den die Individuen selbst für überzeugend halten und auf den sie ihr Leben zu bauen bereit sind, den sie allerdings auch immer wieder kritisch befragen, um neue Überlegungen und Erfahrungen mit einzubeziehen. »Gemeinsam erfahren die Freunde eine größere Fülle des Lebens als jeder Einzelne für sich allein.« Glück aus Freundschaft entfalten Gemeinsam begeben sich die Freunde auf den Weg zu einem schönen und erfüllten Leben, und ihre innere Nähe im Fühlen und Denken, diese seelisch-geistige Berührung ist bereits, über Freiheit und Wahrheit hinaus, Schönheit und Erfüllung. Wenn die Erfüllung Glück ist, dann ist die Freundschaft die Erfahrung dieses Glücks, griechisch eudaimonía, einen „guten Dämon“, etwas Göttliches in sich zu haben und davon beseelt zu sein. Die wahre Freundschaft hat so großen Wert, weil in ihr sogar das Glück zu erlangen ist, also das, wonach alle Menschen suchen. Glücklich kann man nicht werden, wenn man sich wechselseitig zu irgendwelchen Zwecken missbraucht, sondern nur in der wechselseitigen Beziehung der Freunde um ihrer selbst willen, nicht abhängig von zufälligen Interessen und Lüsten. Es handelt sich jedoch um ein Glück, das nicht aus einer endlosen Abfolge von Glücksmomenten besteht, wie dies beim modernen Verständnis – oder besser Missverständnis – von Glück maßgebend ist, sondern um eines, das auch noch das Unglücklichsein und die Bewältigung von Unglück mit umfasst. Gemeinsam erfahren die Freunde eine größere Fülle des Lebens als jeder Einzelne für sich allein. Eine Fülle, die sowohl 34 | Zukunft-Training • TAM-Lernkongress Sonderausgabe

Angenehmes als auch Unangenehmes enthalten kann, denn es wäre töricht, nur auf angenehme Weise erfüllt sein zu wollen: Das ist vielmehr der Weg der bloßen Lustfreundschaft. Gemeinsam erschließen die Freunde sich zudem eine größere Fülle des Lebens, indem sie sich wechselseitig Hilfestellung bei der Eröffnung von Möglichkeiten des Lebens leisten. Aus all diesen Gründen zählt die Freundschaft zu den vortrefflichsten seelischen Gütern. Überraschend ist, dass das Eigeninteresse dabei keineswegs, wie vielleicht anzunehmen wäre, zurückstehen muss; es ist nicht moralisch verwerflich, vielmehr kann es aus exzellenten Gründen gepflegt werden. Man muss nicht sich selbst aufgeben, um Freund sein zu können, ganz im Gegenteil. Wie befreundet man sich mit dem Selbst? Die Grundlage dafür, überhaupt Beziehungen zu Anderen einzugehen, erst recht Freundschaft mit anderen schließen zu können, ist zweifellos die Freundschaft mit sich selbst, eine Selbstberührung seelischer Art. Natürlich kann man die Frage stellen, wer hier eigentlich mit wem befreundet ist: Das Selbst mit dem Selbst? Ist das nicht ein und dasselbe? Aber hinter dem angeblich einzigen Selbst verbergen sich verschiedene Selbste, die miteinander im Widerstreit liegen und sich wechselseitig ruinieren können: Etwa das gegebene und das vorgestellte Selbst; das Selbst des Denkens und das des Fühlens; innerhalb des Denkens wie des Fühlens wiederum widersprüchliche Gedanken und Gefühle, die sich jeweils als das eigentliche Selbst gebärden. Der innere Zwiespalt ist zu klären, indem er aufgeklärt, sodann aufgehoben oder auch bewusst beibehalten wird. Sich mit sich selbst befreunden heißt, die widerstreitenden Teile in ein gedeihliches Verhältnis zueinander zu setzen, sie im Idealfall zu einer spannungsvollen Harmonie zusammenzubringen. *** Wilhelm Schmid Wilhelm Schmid Lebenskunstphilosoph Wilhelm Schmid, geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. 2012 erhielt er den deutschen Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie, 2013 den schweizerischen Egnér-Preis für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst. www.lebenskunstphilosophie.de @lebenskunstphil Buch-Empfehlung Vom Glück der Freundschaft — Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, Insel Verlag, Berlin 2014 von Wilhelm Schmid Mehr unter: www.zukunfttraining.de/ buecher

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