Fit für die Zukunft 2024
Transforme seus PDFs em revista digital e aumente sua receita!
Otimize suas revistas digitais para SEO, use backlinks fortes e conteúdo multimídia para aumentar sua visibilidade e receita.
FIT FÜR DIE ZUKUNFT?
DES HANDELS NEUE
PFLICHTEN UND CHANCEN
Wie in Zeiten größter Herausforderungen Management und
Dienstleister den Retail-Erfolg sichern können
FIT FÜR DIE ZUKUNFT?
FIT FÜR DIE ZUKUNFT?
DES HANDELS NEUE
DES HANDELS NEUE
PFLICHTEN UND CHANCEN
PFLICHTEN UND CHANCEN
Wie in Zeiten größter Herausforderungen Management und
Wie
Wie Dienstleister in
in
Zeiten
Zeiten den größter
größter Retail-Erfolg Herausforderungen
Herausforderungen sichern können Management
Management
und
und
Dienstleister
Dienstleister
den
den
Retail-Erfolg
Retail-Erfolg
sichern
sichern
können
können
Die Zukunft und
nichts als die Zukunft!
Der stationäre Handel in Deutschland muss in diesem
Jahrzehnt die wahrscheinlich herausforderndste Dekade
nach dem Zweiten Weltkrieg bewältigen. Es geht um nichts
weniger als die Sicherung seiner Existenz in der Zukunft
– was längst nicht nur am weiterhin zunehmenden Onlinehandel
liegt.
Die Zeiten verlangen nach Ideen, Innovationen, Lösungen,
aber immer auch nach Mut und Entscheidungsfreudigkeit
– bei gleichzeitig überlegtem Abwägen von Chancen und
Risiken.
Es ist gewaltig, was derzeit quasi täglich auf den Retail in
Einkaufszentren und Fußgängerzonen einwirkt.
Hier mal die Negativeinflüsse der letzten Jahre in Schlagworten:
Post-Corona, Ukraine-Krieg, Nahost-Konflikt, Inflation,
Geschäftsaufgaben, Stadtumbau, geändertes Kaufverhalten,
demografischer und klimatischer Wandel – nicht zu
vergessen die langatmigen Verwaltungs- und Genehmigungsprozesse,
unverständliche Verordnungen und Gesetze,
der Digitalisierungsmarathon und die immer noch
anhaltende Investorenzurückhaltung.
Puuuh! Da kann man schon mal die Krise kriegen! Doch wir
wissen natürlich alle: Klagen nutzt nichts! Und Unternehmen
sind gut beraten, wenn sie sich den Herausforderungen
stellen und diese versuchen zu meistern.
Heutzutage sind es vor allem Aufgabenstellungen rund um
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI), doch ebenso
um Nachhaltigkeit – ESG und Taxonomie – die den Unternehmen
nicht nur große Investitionen mit Blick auf das
Erreichen der Klimaziele abverlangen, sondern sie auch
organisations- und arbeitstechnisch enorm fordern.
HI HEUTE hat in der Branche die Notwendigkeit gespürt,
genau zu diesem Themenkomplex ein Buch herauszugeben,
um dabei und damit mal so richtig ins Eingemachte
gehen zu können.
Wir wollten herausfinden: Was muss sich ändern? Welches
sind die aussichtsreichsten Wege zum Erfolg? Welche Erwartungen
haben Investoren (die Anleger)? Was verlangen
die Konsumentinnen und Konsumenten und welche Antworten
muss die Händlerschaft geben? Gibt es neue Betrachtungsweisen
zur Mietpreisberechnung?
chen wir nicht einen deutlich pragmatischeren Verordnungs-
und Verwaltungsbetrieb? Und: Wie können wir diesen
möglichst zeitnah erreichen?
Aber natürlich wollten wir auch ganz konkrete Dinge wissen:
Wie rentiert sich ein Investment in Shopping Center
auch weiterhin? Wie sieht die ideale Verschmelzung von
Offline und Online aus?
Wie heben wir die Kommunikation zwischen Händlern
und Kunden auf ein neues Level und wie optimieren sich
Center- und Asset Management? Und: Wie können Dienstleister
den Workflow und die Verwaltung noch effizienter
gestalten?
Viele namhafte Expertinnen und Experten beziehen in diesem
Buch Stellung. Auch verraten sie, was sie bereits an
guten Umsetzungsmöglichkeiten gefunden haben und welche
sie in naher Zukunft noch angehen wollen.
Es ist ein Buch entstanden, das einen Mix aus Analyse, Expertise
und Best-Practice bildet, das wiedergibt, wo der
Handel und die Handelsimmobilienwirtschaft im Moment
stehen, aber noch viel mehr, wohin sie gehen wollen. Eines
ist jedoch ohnehin klar: Wichtigstes Ziel aller Akteure sollte
es sein, zukunftsfähig zu bleiben bzw. wieder zu werden.
Denn genau darum geht’s: die Zukunft und nichts als die
Zukunft!
Und nun viel Spaß beim Lesen!
Ihre
Zudem interessierten uns Fragen Richtung Politik: Brau-
Thorsten Müller
Chefredakteur
Dr. Kersten Rosenau
Herausgeber
INHALT
03 EDITORIAL
STATUS QUO
10 EIN TIEFSCHLAG NACH
DEM NÄCHSTEN -
DIE VIELFÄLTIGEN
VERÄNDERUNGEN IM
STATIONÄREN
EINZELHANDEL
von Thorsten Müller
EXPERTENBEITRÄGE
22 Prof. Dr. Tobias Just:
Die ewig veränderliche
Zukunft des Handels
24 Jan Berger:
Einfachheit als
Erfolgsrezept
28 Frank Rehme:
KI im
stationären Handel?
40 Susanne Gehle:
Nachhaltigkeit im Fokus:
Kaufland setzt neue
Maßstäbe im Filialbau
42 Torsten Janke:
Einfach, modern
und nachhaltig:
Der Discounter von morgen
44 James McEvoy:
Digitaler Zwilling als
Schlüsselinstrument
46 Joaquin Jimenez Zabala:
Weg von der Teflonstadt,
hin zur grünen Erlebnis-Oase
48 Richard Gerritsen:
Mehr Effizienz
und Performance mit
KI-gestützter Technologie
50 Christoph Andexlinger:
Was sich niemals
ändern darf:
Fokus Kunde!
62 Florian Vetter:
GEIG & EPBD:
Ladesäulenpflicht
für den Handel
64 Sebastian Müller:
Big Data im Parken
schafft neue Chancen
für Handelsimmobilien
66 Albert Roelen:
Die Handelsimmobilie
der Zukunft: Von isolierten
Systemen zum
lebendigen Organismus
68 Uwe Großmannn:
Alle können die Kosten
für Strom und Wärme
zweistellig senken
70 Philipp Ellrich: :
Leerstand Adé:
Mit digitalem Matching
zur erfolgreichen
Standortfindung
32 Klaus Striebich:
Erfolgreiche
Kollaborationen
können Zukunft sichern
34 Wolf Jochen Schulte-Hillen:
Generation Alpha und
der Future Store!
38 Christian Schröder:
Erfolgsfaktoren für
den stationären Handel
im Wandel
54 Dr. Rainer Burbulla:
Handel und Bandel oder
Wirtschaft im Wandel -
neue Wege beschreiten!
58 Marcus Seybold:
Digitalisierung als Wendepunkt:
Filialmanagement
neu denken
60 Björn Rieger:
Prozesse der Zukunft:
Mehr Effizienz durch
Digitalisierung und KI
im Property Management!
DISKUSSION UND
INTERVIEWS
76 Prof. Dr. Gerrit Heinemann:
Überregulierung hält
Retailer von
Kundenfreundlichkeit ab
80 Christoph Werner:
Entscheidend ist,
aus Zitronen
Limonade zu machen
INHALT 7
84 Iris Schöberl:
Bestandsschutz ist bei
Umnutzungen immer häufiger ein
Schlüsselpunkt
88 Joachim Stumpf:
Mixed-Use ist oft Bedingung für
einen erfolgreichen Betrieb
92 Eckhard Brockhoff
Bert Pfeffer:
Größte deutsche
Projektentwicklung wäre
die Umwandlung der
Obergeschosse
in den Fußgängerzonen
96 Dirk Völkel:
Der stationäre Handel
muss den eigenen
Stellenwert begreifen
und seine Chancen ausspielen
100 Christine Hager:
Interaktion und Erlebnisse
fördern – Servicequalität
optimieren
102 Karl Schwitzke/
Klaus Schwitzke:
Alles wird besser - Aufbruch
zur neuen Qualität
106 Maria Hill:
Investitionen in
Nachhaltigkeit sind
Investitionen
in Wertstabilität
108 Stefan Kaiser:
„Vor-Ort-Beratung
und digitaler Service
ist eine Pflicht-Kombi“
112 Aniko Korsos:
Man muss den Finger
am Puls der Zeit haben
und sich auf den
permanenten Wandel einstellen
114 Talkrunde: Gastronomie:
Wie Gastronomie
dem Einzelhandel helfen kann
130 STUDIEN RUND UM
DIE ZUKUNFT
DES HANDELS
154 KURZSTATEMENTS
BEKANNTER
PERSÖNLICHKEITEN
BEST PRACTICE
166 Anstoß im Frankfurter
Shopping Center MyZeil
167 FLAiR Fürth erfolgreich
mit innovativen
Technologien
168 Originelles
Gastro-Konzept:
Fisch in
Theateratmosphäre
169 NordWestZentrum
hat jetzt einen
Indoorspielplatz
170 Pilotmarkt „REWE voll pflanzlich“
ist gut angelaufen
171 Bau-Revolution:
Erster recycelbarer
Supermarkt in Deutschland
172 Innovative Logistik: Kauflands
automatisiertes High-Tech-Lager
in Geisenfeld
174 Nachhaltige Standards setzen:
GFORM`s Weg zu einem
Net-Zero Supermarkt
176 REWE baut
schwebenden Supermarkt
177 Kaufland setzt in Tuttlingen
Zeichen mit
recycelten Baustoffen
178 Gebäudereinigung wird
zunehmend hybrid -
Zauberwort heißt „Cobotik“
182 VÖLKEL Real Estate
setzt Maßstäbe in Nachhaltigkeit
186 Bereit für morgen:
ALDI Nord modernisiert
Filialnetz
188 Smarter Klimaschutz im
Shopping Center: „Das Schloss“
in Berlin
190 Der persönliche
KI-Einkaufshelfer:
Lieblingsshops finden,
Deals entdecken, Fragen klären!
8 INHALT
192 Von Insellösungen
zur intelligenten
Prozessautomatisierung
194 Verlässlicher Partner
auf Expansionskurs
196 An 30 Standorten
mehr als 200 Ladepunkte:
EnBW mobility+ und
Hahn Gruppe setzen
neue Maßstäbe
198 Innovationen rund
um den Einzelhandel
202 IMPRESSUM
dm macht
das Leben schön
dm-drogerie markt GmbH + Co. KG · Am dm-Platz 1 · 76227 Karlsruhe
Mit innovativen Raumkonzepten
schafft dm einladende Einkaufswelten:
Funktional, inspirierend und zum Wohlfühlen.
Ob in Karlsruhe, Wien, Breslau oder Bratislava –
dm soll sich überall wie dm anfühlen.
10 STATUS QUO
Ein Tiefschlag nach dem nächsten –
die vielfältigen Veränderungen
im stationären Einzelhandel
Bestandsaufnahme: Spätestens seit
Corona-Beginn erlebte die heimische
Retail- und Retailimmobilienwirtschaft
eine nicht enden wollende Phase ständig
neuer Herausforderungen.
Die Corona-Pandemie hat den stationären Einzelhandel
in Deutschland sicherlich am nachhaltigsten
verändert und mit ihr ein neues Kapitel
in der Geschichte des Handels eröffnet. Von
den ersten Lockdowns im März 2020 bis hin zu
den Entwicklungen bis September 2023 sind die
Auswirkungen der Pandemie deutlich spürbar.
Die Veränderungen betreffen nicht nur die Verkaufszahlen,
sondern auch das Kaufverhalten,
die Kundenerwartungen sowie die betrieblichen
Strategien der Händler.
Erste Lockdowns und Umsatzrückgänge
Zu Beginn der Pandemie führten die strengen
Lockdowns zu massiven Umsatzrückgängen im
stationären Einzelhandel. Geschäfte mussten
schließen, was viele Einzelhändler in finanzielle
Schwierigkeiten brachte. Laut einer Studie des
Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln sanken
die Umsätze im stationären Handel im Jahr
2020 um bis zu 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Besonders stark betroffen waren Branchen
wie Bekleidung, Schuhe und Gastronomie, während
Lebensmittelhändler vergleichsweise stabil
blieben.
Zunahme des Online-Handels
Mit der Schließung von Geschäften erlebte der
Online-Handel einen enormen Aufschwung. Vie-
STATUS QUO 11
Foto: Adobe Stock
Der Online-Handel hat während der Corona-Pandemie einen enormen Aufschwung erfahren.
le Händler, die zuvor nur stationär aktiv waren,
mussten schnell auf digitale Vertriebskanäle umschwenken.
Das EHI Retail Institute berichtete,
dass der Online-Handel in Deutschland im Jahr
2020 um mehr als 20 Prozent wuchs, während
der stationäre Handel stark zurückging. Diese
Entwicklung beschleunigte die Digitalisierung
des Einzelhandels, da viele Einzelhändler gezwungen
waren, ihre Online-Präsenz auszubauen
oder neu zu gestalten.
Veränderung des Kaufverhaltens
Die Pandemie hat das Kaufverhalten der Konsumenten
nachhaltig verändert. Hygiene- und
Sicherheitsbedenken führten dazu, dass viele
Verbraucher ihre Einkaufsgewohnheiten überdachten.
Der Trend zu kontaktlosen Zahlungsmethoden,
Click & Collect und Lieferdiensten
nahm rasant zu. Viele Einzelhändler investierten
in neue Technologien, um den veränderten Be-
12 STATUS QUO
Foto: Adobe Stock
Verbraucher legen Wert auf Nachhaltigkeit und wollen lokale Geschäfte unterstützen.
dürfnissen ihrer Kunden gerecht zu werden. Laut
einer Umfrage von Statista gaben 70 Prozent der
Befragten an, dass sie während der Pandemie
ihre Kaufgewohnheiten angepasst haben.
Die Rolle von Nachhaltigkeit und Regionalität
Ein weiterer bemerkenswerter Trend, der sich
während der Pandemie verstärkte, ist das zunehmende
Interesse an Nachhaltigkeit und regionalen
Produkten. Verbraucher legen vermehrt Wert
auf umweltfreundliche Produkte und die Unterstützung
lokaler Geschäfte. Der Bundesverband
E-Commerce und Versandhandel Deutschland
berichtete, dass viele Einzelhändler ihre Nachhaltigkeitsstrategien
überarbeiteten, um diesen
Anforderungen gerecht zu werden. Nachhaltige
Verpackungen, umweltfreundliche Materialien
und transparente Lieferketten sind nun wichtige
Verkaufsargumente.
STATUS QUO 13
Hybride Geschäftsmodelle
Bis September 2023 hat sich der stationäre Einzelhandel
weiterentwickelt, und viele Händler
haben hybride Geschäftsmodelle etabliert, die
sowohl stationäre als auch digitale Komponenten
kombinieren. Dies umfasst beispielsweise die
Integration von E-Commerce-Funktionen in stationäre
Geschäfte sowie die Nutzung von Social
Media für den direkten Verkauf. Der Erfolg von
Omnichannel-Strategien wurde von zahlreichen
Einzelhändlern erkannt, da sie es ermöglichen,
ein nahtloses Einkaufserlebnis zu schaffen.
Anpassung der Ladenflächen
Die Gestaltung von Verkaufsflächen hat sich
ebenfalls verändert. Einzelhändler passen ihre
Geschäfte an, um den neuen Kundenbedürfnissen
gerecht zu werden. Offene Ladenkonzepte,
die soziale Interaktionen fördern, sowie Bereiche
für Veranstaltungen und Erlebnisse gewinnen
an Bedeutung. Laut einem Bericht von Colliers
International setzen immer mehr Einzelhändler
auf Erlebnisflächen, um Kunden in ihre Geschäfte
zu locken.
Herausforderungen durch Inflation und geopolitische
Unsicherheiten
Die Herausforderungen enden jedoch nicht mit
der Pandemie. Seit 2022 sieht sich der stationäre
Einzelhandel mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert,
darunter Inflation und geopolitische
Unsicherheiten, wie den Ukraine-Krieg. Diese
Faktoren haben zu steigenden Kosten für Rohstoffe
und Logistik geführt. Laut einer Umfrage
des Handelsverbands Deutschland (HDE) erwarten
70 Prozent der Einzelhändler negative Auswirkungen
auf ihre Geschäftsentwicklung aufgrund
dieser Faktoren.
Die Rolle der Politik und Unterstützung
Um den stationären Einzelhandel zu unterstützen,
sind auch politische Maßnahmen erforderlich.
Im Jahr 2023 haben einige Bundesländer
Programme zur Förderung des Einzelhandels
aufgelegt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken
und die Digitalisierung voranzutreiben. Diese
Initiativen zielen darauf ab, die Innovationskraft
der Händler zu erhöhen und gleichzeitig
die soziale Infrastruktur in den Innenstädten zu
fördern.
Ausblick auf die Zukunft
Die Entwicklungen im stationären Einzelhandel
sind weiterhin dynamisch. Die Kombination
aus technologischen Innovationen, veränderten
Verbraucherpräferenzen und den Auswirkungen
globaler Ereignisse wird die Branche in den
kommenden Jahren prägen. Der Schlüssel zum
Erfolg liegt in der Fähigkeit der Einzelhändler,
Foto: Adobe Stock
Viele Händler haben Geschäftsmodelle etabliert, die stationär und digital kombinieren.
14 STATUS QUO
Foto: Adobe Stock
In den Fußgängerzonen vollzieht sich ein radikaler Wandel.
sich anzupassen, innovative Konzepte zu entwickeln
und die Bedürfnisse ihrer Kunden in den
Mittelpunkt zu stellen.
Fazit
einem grundlegenden Wandel unterliegen, ist es
für Einzelhändler entscheidend, ihre Existenz zu
sichern. Die Bedrohung durch den Onlinehandel
ist dabei nur ein Aspekt; die Herausforderungen
sind vielschichtig und vielschichtig.
Insgesamt hat die Corona-Pandemie den stationären
Einzelhandel in Deutschland grundlegend
verändert und einen Transformationsprozess
angestoßen, der bis September 2023 an Dynamik
gewonnen hat. Die Fähigkeit, sich an neue Bedingungen
anzupassen, wird entscheidend sein,
um in einem zunehmend wettbewerbsintensiven
Markt zu bestehen. Die kommenden Jahre werden
zeigen, wie die Branche auf die Herausforderungen
reagiert und welche neuen Chancen sich
ergeben werden.
Wie sich der stationäre Einzelhandel fit für die
Zukunft machen kann
Der stationäre Einzelhandel in Deutschland
steht in diesem Jahrzehnt vor einer der herausforderndsten
Phasen seiner Geschichte. In einer
Zeit, in der digitale Verkaufsplattformen boomen
und die Konsumgewohnheiten der Menschen
Ein markanter Umbruch vollzieht sich derzeit in
den Einkaufszentren und Fußgängerzonen, die
traditionell als Herzstück des stationären Handels
gelten. Eine Vielzahl externer und interner
Faktoren wirkt sich auf den Handel aus, die nicht
nur die Geschäftsmodelle, sondern auch die gesamte
Infrastruktur des Einzelhandels in Frage
stellen.
Zu den drängendsten Themen zählen die Auswirkungen
der Post-Corona-Zeit, geopolitische
Spannungen wie der Ukraine-Krieg und der
Nahost-Konflikt, die Inflation, die Schließung
von Geschäften, städtebauliche Umgestaltungen,
ein sich veränderndes Kaufverhalten sowie
demografische und klimatische Veränderungen.
All dies wird zusätzlich durch langwierige
Verwaltungs- und Genehmigungsprozesse, unverständliche
Gesetze und Verordnungen, den
Digitalisierungsmarathon und eine anhaltende
Investorenzurückhaltung verstärkt.
STATUS QUO 15
In dieser dynamischen und unsicheren Umgebung
sind Einzelhändler gefordert, nicht nur
neue Ideen und Innovationen zu entwickeln,
sondern auch den Mut und die Entscheidungsfreudigkeit
zu zeigen, diese Konzepte umzusetzen.
Klagen über die gegenwärtige Lage ist wenig
hilfreich; stattdessen sollten Unternehmen die
Herausforderungen als Chancen begreifen und
aktiv daran arbeiten, sich neu zu positionieren.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz als
Treiber der Veränderung
Ein zentrales Thema für die Zukunft des stationären
Handels ist die Digitalisierung. Die technologische
Transformation bietet nicht nur die
Möglichkeit, Effizienz und Rentabilität zu steigern,
sondern auch, das Einkaufserlebnis grundlegend
zu verändern. Künstliche Intelligenz (KI)
spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Sie ermöglicht
die Analyse von Kundendaten, um personalisierte
Angebote zu erstellen, und verbessert das Lager-
und Bestandsmanagement.
Omnichannel-Strategien
Um den modernen Verbraucher zu erreichen, ist
eine nahtlose Verknüpfung zwischen Online- und
Offline-Erlebnissen unerlässlich. Konsumenten
erwarten heute ein konsistentes Einkaufserlebnis
über alle Kanäle hinweg. Einzelhändler sollten
Omnichannel-Strategien entwickeln, um sicherzustellen,
dass die digitale Präsenz die physische
Ergänzung und umgekehrt ist. Diese Strategie
könnte auch die Einführung innovativer Technologien
wie Augmented Reality (AR) oder Virtual
Reality (VR) beinhalten, um den Kunden ein einzigartiges
Einkaufserlebnis zu bieten.
Nachhaltigkeit als unverzichtbarer Bestandteil
der Geschäftspraktiken
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Zukunft
des stationären Einzelhandels ist die
Nachhaltigkeit. Verbraucher sind zunehmend
sensibilisiert für Umweltfragen und soziale Gerechtigkeit
und erwarten von den Unternehmen,
Foto: Adobe Stock
Konsumenten erwarten über alle Kanäle hinweg ein konsequentes Einkaufserlebnis,
16 STATUS QUO
dass sie entsprechende Standards einhalten.
Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Trend, sondern
eine Notwendigkeit, die in die Kernstrategien der
Unternehmen integriert werden muss.
ESG-Kriterien und klimaneutrale Ziele
Die Berücksichtigung von ESG (Environmental,
Social, Governance)-Kriterien wird für Einzelhändler
zunehmend wichtig. Investoren und
Konsumenten erwarten, dass Unternehmen ihre
Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesellschaft
transparent darlegen. Die Implementierung
nachhaltiger Praktiken, sei es durch umweltfreundliche
Materialien, energieeffiziente
Technologien oder soziale Verantwortung, ist
entscheidend, um das Vertrauen der Kunden zu
gewinnen und langfristige Investitionen zu sichern.
Anpassung der Geschäftsmodelle
und Mietpreisstrukturen
Um in der gegenwärtigen Marktsituation erfolgreich
zu sein, müssen Einzelhändler ihre Geschäftsmodelle
überdenken und anpassen. Eine
wichtige Frage ist, wie sich die Mietpreisstrukturen
entwickeln müssen, um den Herausforderungen
des Marktes gerecht zu werden. Flexiblere
Mietmodelle, die sich an den Umsatz und die
tatsächliche Geschäftslage anpassen, könnten
eine Lösung sein, um den Druck auf die Einzelhändler
zu verringern und gleichzeitig die Rentabilität
der Immobilien zu sichern.
Erwartungen von Konsumenten und Investoren
Die Ansprüche der Konsumenten an den Einzelhandel
sind gestiegen. Neben einem vielfältigen
und qualitativ hochwertigen Sortiment erwarten
sie ein einzigartiges Einkaufserlebnis. Händler
müssen darauf reagieren, indem sie innovative
Marketingstrategien entwickeln, die sich auf
die individuellen Bedürfnisse ihrer Zielgruppen
konzentrieren.
Auch Investoren haben höhere Erwartungen. Sie
suchen nach langfristigen, stabilen Erträgen und
sind zunehmend bereit, in Unternehmen zu investieren,
die ein starkes Bekenntnis zu Nachhaltigkeit
und sozialer Verantwortung zeigen. Für
Foto: Adobe Stock
Für die Einzelhändler gilt es immer mehr, auch die ESG-Kriterien im Blick zu haben.
STATUS QUO 17
Händler ist es daher wichtig, transparente Geschäftsmodelle
zu etablieren und sich aktiv um
die Kommunikation mit ihren Investoren zu bemühen.
Herausforderungen an
die Politik und Verwaltung
In diesem Transformationsprozess spielt auch
die Politik eine zentrale Rolle. Es ist unerlässlich,
dass der Verordnungs- und Verwaltungsbetrieb
pragmatischer und flexibler gestaltet wird, um
den Einzelhandel in seinen Anpassungsprozessen
zu unterstützen. Lange Genehmigungsprozesse
und unklare Regularien bremsen Innovationen
und behindern die Entwicklung neuer
Geschäftsmodelle.
Die Fragen, die sich hier stellen, sind: Brauchen
wir nicht einen deutlich pragmatischeren Ansatz
bei der Gestaltung von Verordnungen? Wie können
wir sicherstellen, dass diese Reformen zeitnah
und effektiv umgesetzt werden?
Fazit: Der Weg in eine erfolgreiche Zukunft
Der stationäre Einzelhandel in Deutschland steht
vor enormen Herausforderungen, aber auch vor
großen Chancen. Die Fähigkeit, sich an die sich
verändernden Bedürfnisse der Verbraucher anzupassen
und innovative Lösungen zu entwickeln,
wird entscheidend sein, um im Wettbewerb
bestehen zu können. Durch die Kombination von
Digitalisierung, Nachhaltigkeit und flexiblen Geschäftsmodellen
können Einzelhändler nicht nur
überleben, sondern auch florieren.
Die Zukunft des stationären Handels ist von der
Bereitschaft geprägt, mutige Entscheidungen zu
treffen und sich aktiv mit den Herausforderungen
und Chancen auseinanderzusetzen. Wenn
Händler, Dienstleister und Investoren gemeinsam
an einem Strang ziehen, kann der stationäre
Einzelhandel nicht nur eine wichtige Rolle im urbanen
Lebensraum einnehmen, sondern auch als
dynamischer und attraktiver Teil der Wirtschaft
bestehen.
Investitionspotenzial
im stationären Einzelhandel
Thorsten Müller, Chefredakteur HI HEUTE
Trotz der zahlreichen Herausforderungen gibt es
auch positive Ansätze und Perspektiven für den
stationären Einzelhandel. Die Frage, wie sich ein
Investment in Shopping-Center weiterhin rentiert,
wird zunehmend relevant. Die Schaffung
von Mixed-Use-Entwicklungen, die Einzelhandelsflächen
mit Wohnraum, Büros und Freizeitangeboten
kombinieren, könnte ein vielversprechendes
Modell sein, um die Attraktivität von
Standorten zu erhöhen.
Foto: Adobe Stock
Die Zukunft gestalten: Synergien zwischen
Handel und Dienstleistern
Um den Herausforderungen des Marktes gerecht
zu werden, müssen Händler und Dienstleister
enger zusammenarbeiten. Die Optimierung von
Center- und Asset Management ist entscheidend,
um die Effizienz zu steigern und die Betriebskosten
zu senken. Innovative Dienstleister können
helfen, den Workflow und die Verwaltung zu
verbessern, um die reibungslose Integration von
Technologie und traditionellem Einzelhandel zu
gewährleisten.
Verwaltungsprozesse müssen flexibler gestaltet werden.
Zukunft gestalten.
500
TSD. M 2
VERMIETBARE
FLÄCHE
IMMOBILIENDIENSTLEISTUNGEN MIT WEITBLICK
Unsere Mission ist es, das volle Potenzial jeder Gewerbeimmobilie zu entfesseln.
Durch unser ganzheitliches Leistungsspektrum an Immobiliendienstleistungen
bieten wir unseren Kunden deutschlandweit passgenaue individuelle Lösungen
an – von der ersten Beratung bis hin zur Umsetzung.
Wir sind stolz darauf, mit unserer Erfahrung und Marktkenntnis immer einen
Schritt voraus zu sein, uns an die sich ständig ändernden Marktbedingungen
anzupassen und unsere Kunden dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.
Jede Immobilie – ob Handels-, Büro-, Logistikimmobilie oder andere Assetklasse
– hat eine einzigartige Geschichte, die wir gerne entwickeln, begleiten
und fortführen.
VÖLKEL Real Estate GmbH · Ferdinandstr. 3 · 20095 Hamburg · Fon: 040 - 189 812 821 · voelkel-re.de
IDEENGEBER IN DYNAMISCHEN ZEITEN
2+
MRD. €
ASSETS UNDER
MANAGEMENT
120
ENGAGIERTE
MITARBEITENDE
20+
CENTER UNDER
MANAGEMENT
PHILIP BÄHR:
LOUISA WEIK:
ANNE SCHWEGLER:
JENS JÄGER:
SVENJA SCHEIBE:
Obwohl erst seit Kurzem
dabei, fühle ich mich
schon nach wenigen
Tagen voll integriert bei
VÖLKEL. Alle Kollegen
sind sehr zuvorkommend
und herzlich und
das Onboarding war
perfekt organisiert. So
ist der Einstieg für mich
bei VÖLKEL sehr leicht
gewesen und ich kann
mich direkt den vielen
spannenden Aufgaben
im Bereich Leasing
widmen.
Durch die enge Zusammenarbeit
der Teams
Center Management
und Leasing schaffen
wir wahre Erlebniswelten
für unsere Kunden
und verleihen unseren
Einkaufszentren mit
einem optimal abgestimmten
Mietermix
und faszinierenden
Attraktionen neues
Leben. Hier bei VÖLKEL
ist Eigeninitiative eine
Selbstverständlichkeit
und alle Mitarbeitenden
werden ermutigt,
ihre Ideen eigenständig
selbst umzusetzen
Verantwortung und
Vertrauen, das sind
wohl die zwei herausragenden
Eigenschaften,
die die Arbeit bei
VÖLKEL kennzeichnen.
Ich durfte dies besonders
bei dem Aufbau
des Bereiches Consulting
erfahren. Aber
auch als Asset Managerin
Leasing profitiere
ich von dieser Unternehmenshaltung
bei
meiner Arbeit.
VÖLKEL gibt mir die
Flexibilität, das Vertrauen,
die Wertschätzung,
um in einer sehr guten
Work-Life-Balance zu
bleiben. Ich bekomme
Verantwortung übertragen,
darf Herausforderungen
angehen und
so jeden Tag in meinen
Aufgaben wachsen.
Deshalb arbeite ich
gerne für VÖLKEL.
Was ich besonders
an VÖLKEL schätze:
- ist die Zusammenarbeit
auf Augenhöhe,
- sind die engen Vertrauensbeziehungen
auf allen Ebenen
- sowie die mir ermöglichte
hohe Flexibilität
in meinem Arbeitsalltag.
Expertenbeiträge
22 EXPERTENBEITRÄGE
Prof. Dr. Tobias Just
Die ewig veränderliche
Zukunft des Handels
Das Statistische Bundesamt weist für das Jahr 2022 insgesamt 334.591 Unternehmen
im Einzelhandel (ohne Kraftfahrzeughandel) aus, das sind über 83.000
Unternehmen weniger als 20 Jahre zuvor, und der Rückgang verlief bis auf den
Corona-Schock stetig. Gleichzeitig gibt es heute rund zehn Prozent mehr Verkaufsfläche
als vor 20 Jahren – auch wenn dieser Flächenanstieg allein bis 2010
erfolgte und seitdem eine Seitwärtsbewegung einsetzte. Beide Zahlen illustrieren
die Herausforderungen im stationären Handel: Die Flächenkonkurrenz ist groß,
und der damit verbundene Wettbewerbsdruck sorgt für geringe Margen. Und
weil Online-Plattform geradezu beliebig erweiterbare Präsentierflächen bieten,
ist der Druck durch den digitalen Wettbewerb deutlich verschärft worden.
Der stationäre Einzelhandel muss sich wieder
einmal neu erfinden. In welche Richtung kann
dieses Neuerfinden gehen? Hierzu ist es hilfreich,
sich die Kernfunktion des Einzelhandels in Erinnerung
zu rufen: Letztlich geht es darum, Transaktionskosten
zu reduzieren. Transaktionskosten
sind die Kosten für den Betrieb des (Markt-)
Systems. Der Einzelhandel hat über Jahrtausende
einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Waren
der Produzenten in die Hände der Konsumenten
zu bringen. Dazu gehörte natürlich die Logistik,
also der physische Transport und Einlagern und
Präsentieren dieser Güter. Es gehörte zusätzlich
über Schaufenster, Preisschilder, Verkaufsgespräche
die Informationsvermittlung dazu, und
es gehörte das Auswählen von passenden Gütern
dazu, denn die Ladenflächen waren immer begrenzt.
Die Internetwelt torpediert diese Funktionen,
denn das Internet ermöglicht in mehrfacher
Hinsicht noch geringere Transaktionskosten als
der Einzelhandel, können die Hersteller doch
via Plattformen direkt mit den Konsumenten in
eine Beziehung treten, und weil die Grenzkosten
zusätzlicher Informationen im Netz und zusätzlicher
Angebote gegen Null gehen, haben Internetplattformen
einen nicht schlagbaren Wettbewerbsvorteil
in genau diesen Punkten.
Stationäre Händler müssen sich daher auf die
verbleibenden Vorteile konzentrieren, und diese
passen tatsächlich weiterhin genau zur Kernfunktion
der gesparten Transaktionskosten. Insofern
muss sich der Handel nicht wirklich neu
erfinden, er muss aber seine Aktivitäten neu justieren.
Schauen wir auf die Logistik: Wenn die Güter direkt
vom Händler zum Konsumenten transportiert
werden können, bedarf es keiner zusätzlichen
(teuren) Ladenflächen in Innenstädten. Das
wäre ineffizient. Doch unschlagbar transaktionskosteneffizient
- und auch ökologisch vorteilhaft
– ist jener Konsum, der wie ein Portfolio auf dem
Weg zwischen mehreren Läden en passant erfolgen
kann. Dies ist besonders bei zeitkritischen
Tagesbedarfsartikeln sowie den typischen Basics
möglich. Hier kommt es auf die Organisation von
Wegebeziehungen an, daher haben Shopping-
Center hier einen Vorteil gegenüber den unkoordinierten
Einkaufsstraßen.
EXPERTENBEITRÄGE 23
Auch mit Blick auf die Informationsfunktion
kann der stationäre Einzelhandel einen Vorteil
ausspielen, allerdings geht es hierbei weniger um
typische Preisschildinformationen und Produkteigenschaften;
diese können im Netz besser und
effizienter dargestellt und verglichen werden. Es
geht um Erlebnisinformationen, das Haptische,
Olfaktorische, Sensorische. Hier behält der stationäre
Einzelhandel dauerhaft im wahrsten Sinne
des Wortes die Nase vorn. Das Verkaufsgespräch
dürfte zwar ebenfalls bedeutsam bleiben, doch
hier ist zu vermuten, dass relativ zügig durch
Künstliche Intelligenz gesteuerte Verkaufsavatare
im Netz dies ebenfalls leidlich gut nach Eingabe
hinbekommen werden. Der Handel sollte
daher den größeren Fokus auf das Schaffen von
Erlebniswelten und dann erst auf Beratung setzen.
Drittens bleibt ein häufig unterschätzter Aspekt
im Optimieren der Transaktionskosten: das Kuratieren
von Angeboten. So wie eine gute Zeitung
die unwichtigen Informationen aussortiert und
uns nur die wesentlichen Informationen aussiebt
und idealerweise auch noch bewertet, übernimmt
der stationäre Handel eine Auswahlfunktion.
Und ähnlich wie ein Museumskurator kann
der stationäre Einzelhandel ein Angebot zusammenstellen,
das uns in kurzer Zeit überrascht,
begeistert, verführt. Die Warenhäuser sind nicht
nur deswegen an ihre Grenzen gestoßen, weil
das Internet immer noch mehr Angebot bieten
kann, sondern auch, weil Menschen bei einer zu
großen Fülle an Informationen entscheidungsschwach
werden. Werden uns nur Joghurts in
zwei Geschmacksrichtungen offeriert, sagen wir
Erdbeere und Vanille, sind wir rasant mit unserer
Entscheidung und kaufen zügig ein. Werden uns
jedoch allein sieben unterschiedliche Erdbeerjoghurts
angeboten, sind wir rasch überfordert
und schieben die Einkaufsentscheidung auf. Daraus
könnte folgen, dass stärkere Spezialisierung
lohnt, denn nur Spezialisierung macht das Kuratieren
glaubwürdig, und dann wird dann bleibt
auch das Verkaufsgespräch wertvoll.
Der stationäre Handel wird sich also dort leichter
behaupten, wo Wege- und Sichtbeziehungen optimiert
werden können, wo Erlebnisse entstehen
und wo dem Kunden glaubhaft die Entscheidung
durch Auswahl erleichtert wird. Alles andere
kann ins Netz, auch durch die stationären Händler
selbst. Natürlich gehört ein gutes gastronomisches
Angebot ebenfalls zu den Erlebnissen dazu.
Doch die Gastronomie kann den stationären Einzelhandel
nicht im Alleingang retten. Gegessen
wird zwar immer, aber nicht immerzu. Auch hier
gibt es eine Grenze.
Diese Neuausrichtung könnte die Städte kurzweiliger,
attraktiver machen, auch wenn einige
Handelsflächen fortfallen werden. Dass dadurch
neue Einzelhandelsmuster entstehen, begleitet
den Einzelhandel seit Jahrhunderten, eine kurze
Recherche in der (wissenschaftlichen) Literatur
zum Wandel im Einzelhandel zeigt, dass sich hier
in jeder Generation der letzten 100 Jahre neue,
starke Verschiebungen ergaben. Diese Verwerfungen
gehören so elementar zum Einzelhandel
dazu, dass den Autoren schon lange die Ideen für
Überschriften für Ideen ausgehen.
Foto: Adobe Stock
ZUR PERSON
Wenn der stationäre Handel seine Vorteile ausspielt, werden
die Kunden gerne das Einkaufszentrum besuchen.
Prof. Dr. Tobias Just ist Inhaber
des Lehrstuhls für Immobilienwirtschaft
an der IREBS International
Real Estate Business School
der Universität Regensburg sowie
Wissenschaftlicher Leiter und
Geschäftsführer der IREBS Immobilienakademie.
24 EXPERTENBEITRÄGE
Jan Berger
Einfachheit als
Erfolgsrezept
Im letzten HI HEUTE-Fachbuch TRANSFORMATION INNENSTADT schrieb ich
über das soziale Auseinanderdriften in eine „Gesellschaft der Singularitäten“
und die Mehrheit, die mit den alltäglichen Herausforderungen von gestiegenen
Preisen für Wohnen, Lebensmittel und Kinderbetreuung ringt. Diese Kluft
ist in den vergangenen Monaten noch sichtbarer geworden und drückt sich inzwischen
auch deutlich in Wahlergebnissen aus. Während eine kleine Gruppe
ihren Fokus auf Individualität und Exklusivität legt, steht die breite Mehrheit
unter einem wachsenden wirtschaftlichen Druck, der klare und bezahlbare
Lösungen verlangt.
Diese Dynamik spiegelt sich auch im Einzelhandel
wider: Die Nachfrage nach einfachen, übersichtlichen
und erschwinglichen Angeboten
nimmt zu. Gleichzeitig bietet diese Entwicklung
eine Chance, den Handel zu einem Ort der Begegnung
und der sozialen Teilhabe zu machen.
Belebung durch Vereinfachung: Einzelhandel
neu gedacht
Ein gastronomisches Beispiel dafür liefern die
Pariser Bouillons, die mit simplen Menüs und
erschwinglichen Preisen nicht nur wirtschaftlich
erfolgreich sind, sondern auch soziale Treffpunkte
schaffen. Inspiriert von den Bouillons des
19. Jahrhunderts, die erschwingliche Speiselokale
für Arbeiter waren, haben moderne Einrichtungen
wie das Bouillon Pigalle am Fuße des Montmartre
dieses Konzept wiederbelebt.
Die Innenstädte Deutschlands haben in den letzten
Jahren an Attraktivität verloren. Innovative
Konzepte, die auf Einfachheit setzen, können hier
Abhilfe schaffen. Darin bieten Pop-up-Stores
und kompakte, multifunktionale Flächen ein
übersichtliches Angebot und laden gleichzeitig
zum Verweilen ein.
In Städten wie Berlin und Hamburg entstehen Pilotprojekte,
die auf kleine, kuratierte Sortimente
setzen, um die Einkaufsentscheidung zu erleichtern.
Diese Modelle sprechen vor allem Konsumenten
an, die eine klare, stressfreie Alternative
zum überladenen Sortiment der großen Handelsketten
suchen.
Sie bieten einfache, herzhafte Gerichte zu niedrigen
Preisen. Steak frites und Boeuf Bourgignon
sind dort für jeweils 12,80 Euro oder 12,20 Euro
erhältlich und liegen damit preislich bei einem
BigMac-Menü bei Mc Donald’s (wenn man es
denn schafft, sich durch die vielen Buttons und
Zusatzoptionen am Bestellautomaten stressfrei
durchzuklicken. Bouillon Pigalle zieht damit eine
vielfältige Kundschaft an, die traditionelle französische
Küche ohne hohe Kosten sucht. Solche
Ansätze können eine Inspiration sein, wie Innenstädte
und der Einzelhandel in Deutschland neu
belebt werden können. Und was spricht schon
gegen einen guten Leberkäs oder Kassler mit
Bratkartoffeln und Sauerkraut?
EXPERTENBEITRÄGE 25
Nachhaltigkeit muss leicht gemacht und
erschwinglich sein
Nachhaltigkeit bleibt ein zentrales Thema im
Handel – getrieben durch Regulatorik, aber
durchaus auch mit weiterhin hohen Werten einer
nachhaltig orientierten Kundschaft. Eine Studie
Mitte 2024 vom Handelsverband Deutschland
(HDE) und dem Handelsforschungsinstitut IFH
legt nahe, dass nachhaltige Ware vor allem in Supermärkten
(66,7 Prozent) und Discountern (57,9
Prozent) gefragt sind.
Doch steigt die Preissensibilität, weshalb Eigenmarken
sich mit 85 Prozent großer Beliebtheit
erfreuen. Auch hier können Einzelhändler durch
reduzierte Produktpaletten nachhaltige Entscheidungen
erleichtern. Weniger, aber hochwertigere
Produkte schaffen Vertrauen und vermeiden
Überangebot.
Händler wie Alnatura oder Unverpackt-Läden
setzen auf Klarheit: ein fokussiertes Sortiment,
das ökologischen und sozialen Standards entspricht,
reduziert nicht nur Komplexität, sondern
auch die Kosten entlang der Lieferkette.
Intelligente Vereinfachung
„Intelligente“ Systeme spielen eine entscheidende
Rolle bei der Optimierung von Sortimenten.
Durch die Analyse von Verkaufsdaten können
Händler verstehen, welche Produkte wirklich gefragt
sind, und darauf basierend ihr Angebot anpassen.
Was träge läuft, sollte aus dem Sortiment
genommen werden.
KI-gestützte Lösungen wie personalisierte Produktempfehlungen
oder automatisierte Bestandsüberwachung
tragen dazu bei, Überfüllung
zu vermeiden und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit
zu steigern. Intelligente Systeme schaffen
also die Grundlage für einen übersichtlichen
und effizienten Handel.
Vor allem aber ermöglicht die Digitalisierung
Einzelhändlern, Prozesse zu vereinfachen und
Kosten zu senken. Omnichannel-Strategien verbinden
Online- und Offline-Kanäle, um ein nahtloses
Einkaufserlebnis zu bieten. Ein Beispiel ist
Click-and-Collect, das Kunden eine einfache und
flexible Abholung ihrer Bestellungen ermöglicht.
Zusätzlich helfen digitale Tools, die interne Or-
Motiv Ki-Erzeugt
Einfache, herhhafte Gerichte zu niedrigen Preisen - damit konnte und kann man Kunden in die Innenstadt locken.
26 EXPERTENBEITRÄGE
Motiv Ki-Erzeugt
Ein foklussiertes Sortiment reduziert die Komplexität und sorgt für geringere Kosten entlang der Lieferkette.
ganisation zu straffen: von cloudbasierten Systemen
für Lagerhaltung bis hin zu optimierten
Bezahllösungen. Diese Technologien sparen Zeit
und Geld – Vorteile, die letztlich die Margen verbessern
und an die Kunden weitergegeben werden
können.
Einfachheit als Zukunftsstrategie: Das
Standardsegment wächst wieder!
Die Zukunft des Einzelhandels in Deutschland
liegt in der Fähigkeit, komplexe Strukturen zu
reduzieren und den Fokus auf das Wesentliche
zu legen. Ob durch kleinere, klar kuratierte Sortimente,
die Integration von Nachhaltigkeit oder
den Einsatz modernster Technologien: Einfachheit
ist das Erfolgsrezept.
Händler, die den Mut haben, sich von überteuertem
Überangebot zu verabschieden und stattdessen
auf Effizienz und Klarheit zu setzen, werden
die Gewinner von morgen sein. Denn in einer
Zeit, in der Komplexität den Alltag dominiert, ist
Einfachheit mehr denn je gefragt. Wenn vor zehn
Jahren noch die Flucht ins individualisierte Werte-aufgeladene
Premium-Segment Händlern
enorme Vorteile bot, dann heißt es jetzt: Standard
und Economy sind zurück!
ZUR PERSON
Jan Berger ist Gründer und Geschäftsführer
der Berliner Denkfabrik
Themis Foresight, die Unternehmen
bei der Entwicklung
ihrer Langfriststrategien begleitet.
Der Historiker startete seine Karriere
in der Verlagswirtschaft und
verantwortete jahrelang das Osteuropageschäft
eines dänischen
Immobilienentwicklers. Anfang
der 10er-Jahre leitete er die Produktentwicklung
eines Startups,
das sich auf robotische Prozessautomatisierung
spezialisierte. Seit
2014 widmet er sich der Zukunftsforschung
für Unternehmen und
arbeitet für Kunden im Handel,
in der Finanz-, Mobilitäts-, Energie-
und Lebensmittelwirtschaft.
Er ist Autor und Co-Autor zahlreicher
Zukunftsstudien und Co-Autor
zweier Bücher zur Zukunft von
Arbeit.
Mit dem Handy durchs
Center navigieren und
aktuelle Angebote erhalten
Der Shopping-Begleiter für
Ihre Kunden: unser KI-gestützter
MallPilot 2.0
Jetzt QR-Code scannen
und Live-Demo testen!
28 EXPERTENBEITRÄGE
Frank Rehme
KI im stationären Handel?
Künstliche Intelligenz ist längst im Handel angekommen –
nicht nur online, sondern auch offline. Um in Zukunft wettbewerbsfähig
zu bleiben, sollten Händlerinnen und Händler auf
die smarten Helfer setzen. Doch welche Technologien haben
bereits heute in die Geschäfte Einzug gefunden und wo lohnt
ein Blick in die Zukunft?
Die Einsatzmöglichkeiten von KI sind vielfältig
– von personalisierten Produktempfehlungen in
Onlineshops über Chatbots, Vorhersagemodelle
und Lieferkettenoptimierung bis hin zur Anpassung
von Marketingbotschaften basierend auf
dem Verhalten und den Präferenzen der Kundschaft
ist fast jeder Handelsbereich betroffen.
Aktuell wird Künstliche Intelligenz vom mittelständischen
Handel jedoch oftmals noch als
„Spielwiese" gesehen, auf der ausprobiert wird.
Generell drehen sich die Fragen der Händlerinnen
und Händler eher um grundlegende Themen
wie „Ist KI etwas für mich?", „Wo kann ich KI
überhaupt einsetzen?" und „Gibt es eine passende
KI-Lösung für mich?"
Einkauf in Eigenregie und verbesserte
Erlebnisse
KI-Technologien findet man im Handel aktuell
vermehrt im Backstore-Bereich. Doch auch
durch einige Entwicklungen im Frontstore bemerken
Kundinnen und Kunden bereits Veränderungen.
Ist die Zeit langer Kassenschlangen
bald vorbei? Wirft man einen Blick auf die Supermarktkette
Rewe, könnte man zu diesem Schluss
gelangen. Im Vergleich zu den USA sind kassenlose
Supermärkte hierzulande noch nicht allzu
verbreitet, REWE hat jedoch mehrere Pick&Go-
Filialen in Deutschland eröffnet. Die Filialen ermöglichen
es Kunden, mithilfe einer zugehörigen
App ihren Einkauf zu erledigen und das Geschäft
ohne weiteres wieder zu verlassen, ohne ihre Artikel
scannen zu müssen. Kameras und Wiegezellen
in den Regalen erfassen alle Produkte im Warenkorb,
bezahlt wird mit der in der zugehörigen
App hinterlegten Bezahlmethode.
Neben diesen „Smart Stores" gibt es weitere Ladenformate,
die einen 24/7-Einkauf vollkommen
ohne Personal bieten, wie vom Lebensmittelhändler
Tegut mit „teo" vorgemacht und mittlerweile
auch von anderen Anbietern besonders
in ländlichen Regionen im Einsatz. Während
die „Walk-In"-Geschäfte mit Self-Scanning oder
Pick&Go arbeiten, bestellen Kunden bei „Automated
Boxes" via Terminal oder App ihre Waren.
Roboterbasierte Technologien stellen diese anschließend
in einem Ausgabefach bereit. Dabei
handelt es sich typischerweise um ein reduziertes
Sortiment.
Weniger innovativ, aber umso verbreiteter sind
die Self-Checkout-Kassen, bei denen Kunden
ihre Waren selbst scannen und am Kassenautomat
bezahlen. Computer-Vision-Lösungen, also
„maschinelles Sehen“ vereinfacht und beschleunigt
den Kassier- und Bezahlvorgang, da die
Software die Produkte sekundenschnell anhand
ihrer Form und Farbe erkennt. Problematisch
sind hierbei große Einkäufe, da sich Produkte in
der Regel nicht überlagern dürfen. Bei verwandten
Konzepten, zum Beispiel RFID-Erkennung,
EXPERTENBEITRÄGE 29
wie unter anderem von Decathlon eingesetzt, besteht
dieses Problem nicht: durch die speziellen
Labels werden Waren im Einkaufskorb von Kundinnen
und Kunden automatisch erkannt, statt
einzeln gescannt.
Doch nicht nur der Bezahlvorgang verändert sich
durch Künstliche Intelligenz: Mit Hilfe von KI
kann sich ein neuer Zugang zu bereits vorhandenen
Daten wie beispielsweise Abverkaufszahlen
ergeben. So kann das Wissen daraus deutlich
einfacher geschöpft und analysiert werden, um
entspreche Schlüsse abzuleiten. Durch den Einsatz
von KI-Lösungen können außerdem Freiräume
geschaffen, indem Routine-Tätigkeiten
vereinfacht werden. So bleibt den Mitarbeitenden
mehr Zeit für die Kundinnen und Kunden selbst –
Potenzial, um das Einkaufserlebnis zu verbessern
und die Kundschaft so auch langfristig an sich zu
binden.
Was bringt die Zukunft?
Was aktuell bereits im Einsatz ist, werden wir in
Zukunft vermehrt beobachten können: den Einsatz
von Computer-Vision-Lösungen. Über das
maschinelle Sehen bei Self-Checkouts hinaus
wird sich die Technologie als Grundlage für Digitale
Zwillinge und damit zusammenhängende
Mehrwerte weiter etablieren. Digitale Zwillinge,
also digitale Abbilder physischer Einzelhandels-
Filialen, repräsentieren das Geschäft möglichst
detailliert. Welche Produkte stehen wie oft in
welchem Regal und in welchem Fach, wie groß
und schwer sind sie? An welchen Positionen befinden
sich eigentlich die Regale selbst? Durch
die visuelle Ermittlung von Fehlbeständen wird
eine verbesserte Warenplanung möglich und Regallücken
können schneller geschlossen werden.
Auch eine Laufwegsoptimierung wird so möglich.
Durch die verstärkte Vernetzung von online und
offline werden Kundinnen und Kunden außerdem
verbesserte Angebote und Services unterbreitet:
Computer-Vision ist in der Lage, demografische
Kundenstrukturen zu erfassen, die
Informationen darüber liefern, welche Kunden
wann vermehrt im Geschäft einkaufen und Interesse
an bestimmten Produkten haben (z. B. durch
eine längere Verweildauer vor dem betreffenden
Regal). Diese Erkenntnisse können genutzt
werden, um passgenauere Anzeigen auf mobilen
Endgeräten auszuspielen – datenschutzkonform,
ohne die Personen direkt zu identifizieren. Generell
ist davon auszugehen, dass Daten in Zukunft
eine deutlich höhere Bedeutung zukommen wird
und Fragen bezüglich Datenhoheit, Datennutzbarmachung
und Co. in den Fokus rücken.
Auch Robotik ist weiter auf dem Vormarsch: In
Zukunft werden Serviceroboter, ausgestattet mit
Laserscanner, 3D-Kamera und Sensoren dafür
sorgen, dass Regale gescannt und automatisiert
wieder befüllt werden.
Und das Metaverse? Die Entwicklung scheint
aktuell noch weit vom Handelsalltag entfernt.
Dennoch testen einige Marken im Bereich Mode,
Beauty und Luxussegment bereits seit einiger
Zeit aus, wie sie das Metaverse nutzen können,
um neue Kundenerlebnisse zu erzeugen, beispielsweise
durch Communities. Da die Grundidee
einer gemeinsamen „Online-Welt", in welcher
virtuelle Welt, erweiterte Realität und die
echte Welt miteinander verschmelzen, noch nicht
existiert, heißt es allerdings dranbleiben.
Welche Grenzen gibt es (noch)?
Künstliche Intelligenz ist kein Allheilmittel,
sondern ein Werkzeug, das, richtig eingesetzt,
äußerst hilfreich sein kann. Für den richtigen
Einsatz gibt es jedoch eine Reihe von Voraussetzungen,
wie das Vorhandensein geeigneter Daten
in der richtigen Qualität und Menge. Der Ansatz
„Ich brauche ein KI-System, weil KI alle Probleme
löst" wird nicht zum Ziel führen, da eine Reihe
an Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Ist dies
(noch) nicht der Fall, muss geprüft werden, wie
sie erfüllt werden, oder welche alternativen Herangehensweisen
erfolgversprechend sein können.
Unabhängig von den konkreten Lösungsansätzen
gibt es beim Einsatz von KI auch ethische
und (datenschutz-) rechtliche Fragestellungen,
mit denen sich Händlerinnen und Händler auseinandersetzen
müssen.
Bereit für KI?
Besonders deutsche Kunden stehen Künstlicher
Intelligenz zum Teil noch skeptisch gegenüber
– vor allem, wenn es um den Schutz ihrer persönlichen
Daten geht. Aber auch darüber hinaus
gelten die Deutschen als technisch eher zurückhaltend.
Dies gilt auch für die Händler selbst:
„KI-ready“ zu werden bedeutet für sie also, die
30 EXPERTENBEITRÄGE
Die Einsatzmöglichkeiten von KI im Einzelhandel sind vielfältig.
Möglichkeiten des eigenen Geschäfts sowie die
Herausforderungen zu kennen, bei denen KI eine
potenzielle Lösung bieten könnte. Händler sollten
sich zuerst die Frage stellen, welche Probleme
in ihrem Unternehmen vorhanden sind und
wie sie diese lösen oder optimieren möchten. Andernfalls
laufen sie Gefahr, KI zwar einzusetzen,
jedoch ohne wirklichen Nutzen.
Innovationen im Handel werden daher in anderen
Ländern häufig schneller vorangetrieben und
umgesetzt. Der Einblick in den vielfältigen Einsatz
von Künstlicher Intelligenz zeigt jedoch, dass
der Handel in verschiedensten Bereichen profitieren
kann, wenn er sich mit den Innovationen
auseinandersetzt. Denn die Technologie hat sich
zum essenziellen Begleiter im Handel entwickelt
– und ist noch längst nicht am Ende angelangt.
ZUR PERSON
Frank Rehme gilt als einer der
wichtigsten Vordenker im Bereich
Innovation und Zukunftsgestaltung
für den Handel. Als Unternehmer,
Strategieberater, Speaker
und Managementcounsel zeigt
und erarbeitet er praxisgerechte
Antworten auf die Fragen der Zukunft.
Er ist Mitgründer der Erlebnismanufaktur
gmvteam, des
Portals Zukunft des Einkaufens für
Innovationen im Handel und Geschäftsführer
des Mittelstand-Digital
Zentrums Handel.
INDIVIDUELLER
SERVICE MIT
WEITBLICK
PROPERTY MANAGEMENT
Ob umfassende Eigentümervertretung, Mietvertragsmanagement,
Objekt- & Finanzbuchhaltung oder Betriebskostenmanagement
– mit unseren Expert:innen haben Sie
alle relevanten Themen abgedeckt.
QUARTIERS- & CENTER-MANAGEMENT
Eine verantwortliche Quartiers- bzw. Center-Führung,
regelmäßige Bestandsaufnahmen, individuelle Nutzungskonzepte,
Standortmarketing sowie Öffentlichkeits- und Pressearbeit sind
nur einige Beispiele unseres Dienstleistungsspektrums.
TECHNISCHES PROPERTY MANAGEMENT
Wir kümmern uns u.a. um Instandhaltungsmaßnahmen, die
Erneuerung technischer Anlagen, die Ergreifung wertverbessernder
Maßnahmen, um Mängel- & Schadensmanagement
und die Gewährleistungsverfolgung.
INTEGRIERTE SERVICES
Wir bieten Ihnen weitere Leistungen wie Vermietungskoordination,
Projektmanagement, Document Management Solutions
oder Nachhaltigkeitsberatung an, damit Sie sich auf Ihr
Kerngeschäft konzentrieren können.
www.bnppre.de/property-management
Immobilienberatung
für eine Welt im Wandel
32 EXPERTENBEITRÄGE
Klaus Striebich
Erfolgreiche Kollaborationen
können die Zukunft sichern
Kollaborationen (oder neudeutsch „Collabs“) – Buzzword, aktuell modernes
Marketing-Tool oder gar strategisches Mittel zur Zukunftssicherung?
Es ist eine Binsenweisheit – wenn auch oft in den
Hintergrund gerückt oder vergessen: Im Team
ist man erfolgreicher als allein! Dies nicht nur im
Privatleben oder Sport (siehe hier den Vergleich
der Einzellaufzeiten einer 4 x 100 Meter-Sprintstaffel
im Vergleich zu einem Einzel-100-Meter-
Rennen), sondern auch im Geschäftsleben. Zusammenarbeit
kann Effizienzen verbessern oder
erst heben und sowohl Innovationen als auch die
Beziehungen untereinander fördern.
Kollaborationen können eine entscheidende Rolle
spielen, um den Einzelhandel in einer sich schnell
verändernden, wettbewerbsintensiven und technologiegetriebenen
Welt erfolgreich zu gestalten.
Um zu einer erfolgreichen Kollaboration zweiter
Parteien zu gelangen, bedarf es gemeinsamer Ziele
(insbesondere in Sachen Umsatz, Ertrag oder
Gesamterfolg) und entsprechender Vereinbarungen,
dies auch zu erreichen.
Gestartet wird mit einer einfachen Information,
die in einer gemeinsamen Konversation (einmaliger
Vorgang) mündet und sich daraus eine wechselseitige,
anhaltende Kommunikation entwickelt.
Information ist der Inhalt, Kommunikation die
Übertragung von Inhalten. Während es bei einer
Information um Daten geht, steht bei der Kommunikation
der Austausch beziehungsweise der
Dialog im Vordergrund. Sofern diese Basis geschaffen
wurde (leider nicht immer selbstverständlich)
kann man gemeinsame Aktivitäten
(z.B. Werbung) koordinieren, die sich dann zu
langfristigen Maßnahmen (Kooperationen) entwickeln.
Kollaboration meint die Zusammenarbeit in Bezug
auf ein gemeinsames Ziel, während Kooperation
auf das Zusammenführen von Wissen zugunsten
eines Ergebnisses beschränkt sein kann.
Ein Beispiel hierzu:
Im Bereich der Personal Computer – unabhängig
vom Produzenten – hat sich die Zusatzinfo „Intel
Inside“ zu einer echten Kooperation entwickelt.
Man nutzt die Markenstärke und Qualitätsversprechen
zweier Top-Marken, bis hin zu gemeinsamen
Produktentwicklungen und Marktansprachen.
Die Zusammenarbeit mit „Influencern“ für bestimmte
Themen, Marken oder Produkte oder
anderen Multiplikatoren in einer enorm vielschichtigen
und komplexen Welt der Kommunikation
verdeutlichen die Notwendigkeit von Kollaborationen.
Für den Einzelhandel würden sich
folgende Möglichkeiten und Ziele mit anderen
Handelsnutzungen und Immobilienvermietern
zeigen, wie Kollaborationen die Zukunft positiv
beeinflussen können:
1. Verbesserung der Marktattraktivität
• Erweiterung des Angebots: Durch Zusammenarbeit
können verschiedene Produzenten oder
auch Handelsunternehmen ein vielfältigeres Angebot
an Produkten und Dienstleistungen bereitstellen,
was die Attraktivität eines Standortes erhöht.
Der ideale Angebotsmix ist Schlüssel zum
Erfolg.
• Zielgruppenansprache: die verschiedenen
Partner können ihre Zielgruppen gemeinsam
EXPERTENBEITRÄGE 33
ansprechen und durch abgestimmte Marketingmaßnahmen
eine größere Reichweite, Wiederkehrquote
oder Kundenbindung erzielen oder
sogar neue Kundengruppen erschließen.
• Die Customer-Journey lässt sich optimieren:
beispielsweise können Einzelhändler durch Kooperationen
mit Logistikdienstleistern Lieferketten
effizienter gestalten und schnellere Lieferzeiten
anbieten oder mit Delivery-Points für
z.B. Gastronomiebetriebe im Einkaufszentrum
das Geschäft auch außerhalb der Öffnungszeiten
aufrechterhalten.
2. Effizientere Nutzung von Ressourcen
• Geteilte Kosten: Partner können Kosten für
Marketing, Logistik oder gemeinsame Flächen
wie Parkplätze u.ä. teilen, was die Wirtschaftlichkeit
verbessert.
• Bessere Flächenleistung: durch gezielte Partnerschaften
zwischen Handelsunternehmern,
Produzenten aber auch Vermietern und Mietern
kann eine optimale Nutzung der verfügbaren
Flächen erreicht werden, z. B. durch Pop-up-
Flächen oder in Sachen Flächennutzung flexibel
gehandhabte Mietvertragsregelungen.
3. Synergieeffekte
• Erhöhung der Kundenfrequenzen: eine enge
Zusammenarbeit zwischen Mietern und Vermietern
wird dazu führen, dass ein Einkaufszentrum
oder eine Handelsimmobilie zu einem dauerhaft
attraktiven Ziel für Konsumenten wird.
• Ergänzende Konzepte: verschiedene Angebotsformate
(z. B. Handel, Service, Gastronomie, Entertainment,
Arbeiten und Wohnen) können sich
gegenseitig unterstützen und das Kundenerlebnis
verbessern.
4. Innovationsförderung
• Neue Geschäftsmodelle: Kollaborationen können
innovative Konzepte wie Co-Retailing oder
flexible Mietmodelle hervorbringen und dadurch
Einnahmen (Umsätze und Mieten) steigern.
• Digitalisierung und Datenintegration: Partner
können gemeinsam in digitale Plattformen investieren,
um Kunden besser zu verstehen und den
Service zu verbessern.
5. Risikominderung
• Geteilte Verantwortung: Risiken, wie schwankende
Kundenfrequenzen und -nachfrage oder
wirtschaftliche Unsicherheiten, können besser
verteilt und abgefedert werden.
Wie lassen sich Kollaborationen umsetzen?
• Partnerschaftsmodelle entwickeln: Vertragsgestaltungen
wie Umsatzmieten oder gemeinsame
Geschäftsstrategien und -ziele bilden die Grundlage.
• Kommunikation und Transparenz: Offener
Austausch von Daten, Marktanalysen und Zielsetzungen
als essenzielle Basis.
• Flexibilität fördern: Flexible Mietstrukturen
und modulare Flächenkonzepte helfen, unterschiedliche
Bedürfnisse besser zu erfüllen.
Kollaborationen im Handel und in der Vermietung
von Handelsimmobilien sind aus mehreren
Gründen nicht nur hilfreich, sondern Schlüssel
für eine erfolgreiche und nachhaltig wirtschaftliche
Zukunft.
Händler (Mieter) und Vermieter können durch
Kollaborationen flexibler auf Marktveränderungen
reagieren, ihre Innovationskraft steigern und
sich stärker auf die Bedürfnisse der Kunden ausrichten…
und das ist immer die Basis und Schlüssel
zum langfristigen Erfolg (den man idealerweise
dann auch gemeinsam feiert).
ZUR PERSON
Klaus Striebich war viele Jahre
Vermietungschef der ECE und ist
heute Inhaber des Beratungsunternehmens
RaRE Advise.
34 EXPERTENBEITRÄGE
Wolf Jochen Schulte-Hillen
Generation Alpha
und der Future Store
Wie sich der Einzelhandel nach der Gen Z auf die Gen@ einstellen muss und was
das Einkaufsverhalten dieser jungen Menschen von dem der Boomer-Generation
unterscheidet.
In einer Welt, die sich ständig weiterentwickelt,
verändert sich auch das Einkaufsverhalten. Auf
meinen jüngsten Reisen konnte ich vor allem
beim Besuch des kürzlich eröffneten Future-
Stores in London und bei Abstechern in die
Dream Mall in New Jersey, zur aktuell noch im
Bau befindlichen Mega Mall am „The Sphere“
in Las Vegas, aber auch in Daikanyama in Tokio
sowie in einigen andern Distrikten der Welt den
zunehmenden Andrang von jungen Menschen
beobachten, die nach meiner Wahrnehmung ein
anderes Besuchs- und Einkaufsverhalten als frühere
Generationen zeigen.
Echte immersive Erlebnisse, wie sie zum Beispiel
der türkisch-amerikanische Medienkünstler
und Architekt Refik Anadol kreiert, sind wahre
Storytelling-Ereignisse. Mithilfe Künstlicher Intelligenz
und großer Datenmengen lässt er die
Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen;
der Betrachter fühlt sich als Teil
einer Gesamtdramaturgie.
Wie beeinflusst diese neue heranwachsende Generation
unser Einkaufsverhalten?
Jedenfalls gehe ich genauso wie die jüngeren Generationen
zu McDonald's und hänge mit meinem
digitalen Device bei Starbucks ab, während
ich auf meinen Coffee to go warte. Meine Sneaker
kaufe ich bei Snipes und das Sommer-T-Shirt bei
Kult oder Titus. Kurzum: Ich erkenne keinen gravierenden
Unterschied in meinem Einkaufsverhalten,
außer es geht um Business Outfits.
Wir Boomer haben jahrelang den jeweiligen Zeitgeist
geprägt und unser Handeln dem jeweiligen
Zeitgeist angepasst. Wir haben als Marken- und
Einzelhandelsprofis viel Augenmerk auf Wertigkeit,
Produktvielfalt, authentische Brands und
persönliche Ansprache gelegt.
Heute aber hat sich vieles geändert. Vorbei sind
die Zeiten der Standardsortimente und -flächen,
die im Wesentlichen der Warentransaktion dienten.
Das mussten vor allem die Warenhäuser leidlich
erfahren.
Aktuell sprechen wir viel von Retailment, Ambiente,
Theatralisierung, Community Hubs und
Erlebnissen. Die Rolle der stationären Läden hat
eine rasante Evolution gemacht: Das Produkt und
der Einkauf sind fast zur Nebensache geworden.
Betreten Kunden heute einen Laden, legen sie vor
allem auf Folgendes wert:
- Kuratierte Stores und Sortimente: das Credo
meiner vielen Vorträge und Workshops. Also kleine
thematisch abgestimmte Sortimente. Auf die
Bedürfnisse der gewünschten Zielgruppe abgestimmt.
Zum Beispiel Concept Stores.
- Communities: Die Besucher eines Ladens
möchte sich willkommen und zugehörig fühlen.
Pioniere wie Lululemon und Rapha Bikes haben
mich von Anfang an fasziniert. Gepusht von Influencern
in den Sozialen Netzwerken haben sich
viele Brands international entwickelt. Zunehmend
richten Fitness-, Bike-, aber auch Fashion-
Brands Erlebnisflächen in ihren Häusern ein, um
EXPERTENBEITRÄGE 35
ihrer Community Entfaltungsraum zu bieten
oder die Location an zur Brand passenden Zielgruppe
für Meetings und Events zu vermieten.
- Storytelling: Erlebnisse verkaufen nicht nur
Produkte, sondern kreieren Storys in physischen
Räumen. Eine Vorreiterin war Rachel Shechtman
mit ihrem „Story“-Laden in Chelsea: Im regelmäßigen
Wechsel hat die Gründerin das Warensortiment
ihres Ladens unter ein neues Thema
gestellt hat: Love, Travel, Holiday, Health etc. Gekonnt
inszenierte Marken, die ihre Geschichten
in physischen Räumen ausleben, haben leider in
Deutschland noch nicht den Status erreicht, wie
zum Beispiel meine favorisierte Brillenmarke
„Gentle Monster“ in Korea. Aus meiner Markenund
Expansionserfahrung hätte ich wenig Lust,
mich mit dieser großartigen Brand in beliebige
Billigsortimente einzureihen.
- Entertainment-Erlebnisse: Dafür gibt es gottlob
auch in Deutschland gelungene Beispiel wie
L&T aus Osnabrück: Hasewelle fürs Indoor-Surfen,
Klima- und Fitnesskammern nebst Markthalle
und opulenter Gastronomie vermitteln den
Besuchern das Gefühl, etwas Einzigartiges zu erleben.
Dasselbe gilt auch für das Haus of Rituals
und Gymshark. Der neue Future-Store und das
Xperion setzen ebenfalls Maßstäbe, wohin die
Reise der Gen@ geht. Motoren der Freizeitbewegung
sind vor allem die Leitmessen ISPO in München
und FIBO in Köln. Solche Veranstaltungen
sollten zum Pflichtprogramm von Entscheidern
aus dem Handel gehören, um kommende Trends
zu verstehen und kompetent auf Augenhöhe mit
ihren Kunden zu kommunizieren.
- Pop-up-Stores: Die Ermüdung vieler Luxusbrands
in China haben diese im Jahr 2024 veranlasst,
viele besonders kreative Pop-up-Stores in
Malls oder zentralen Lagen zu errichten. Sowohl
die Wahrnehmung der Brands als auch deren
Abverkauf hat sich dadurch enorm verbessert.
Wechselnde Pop-ups sorgen für Überraschungen
und wecken Neugier auf weitere Inszenierungen.
- Trend zur Nachhaltigkeit: Nicht nur Fridays for
Future, sondern auch eine zunehmend bewusste
und gesunde Lebensführung hat die Gen@ erfasst.
Vegan essen, gesund leben und Second-
Hand-Ware kaufen, liegen im Trend. Händler wie
Globetrotter und Ecoalf bauen sogar ihre neuen
Läden umweltbewusst aus recycelten Materialien
auf.
- Analoge Beratung: Digitale Systeme begeistern
die Gen@. Gern lässt sie sich aber auch analog
beraten, vor allem in Laufstores, Modegeschäften
und bei Kosmetikanbietern. Der Servicemitarbeiter
muss sich mit seinem Kunden jedoch auf
Augenhöhe kompetent auszutauschen vermögen.
Ich möchte zusammenfassend feststellen, dass
gerade die GenZ und die Gen@ stark zu Wiederbelebung
des stationären Handels beigetragen
haben, wobei Kieze und neue Lagen den bisherigen
klassischen Einkaufslagen den Rang ablaufen.
Deren beliebigen Sortimente turnen ab,
zumal zunehmend in den Webshops eingekauft
wird. Der durch Shein und Temu und jetzt auch
durch Amazons Niedrigpreiskonzept Haul eingeleitete
Direktvertriebs-Boom wird nicht Halt machen
und den Einzelhandel noch mehr fordern.
Es bringt also wenig, weiter in Billigketten zu investieren
und höchstmögliche Skalierbarkeit anzustreben.
In Deutschland gibt es sowieso zu viel
Retail Flächen, und die sollten sinnvollerweise
mit neuen Retail-Welten bespielt werden.
Doch es kommt noch eine weitere Aufgabe auf
den stationären Handel zu: der Service! Gerade
beim Onlinekauf schaut sich die Gen@ die Auswahl
der Ware in Retail-as-a-Service-Stores wie
dem Future Store an uns bestellt dann nach dem
Showrooming online. Der Stationärhandel wird
also noch mehr Services wie Personal Shopping
anbieten müssen, so wie es viele Unternehmen
auch bereits hervorragend machen.
Gerade in der Corona Zeit haben viele kreative
Händler Instrumente wie Buy-Online-Pick-upin-Store
(BOPIS) genutzt, um Umsätze zu generieren,
obwohl die Stores geschlossen waren.
Kombiniert mit Hol – und Bringservices konnte
beispielsweise die Firma Ramelow aus Elmshorn
ihren Umsatz mithilfe dieses Instruments nahezu
auf Normalniveau halten.
Der Kundenservice wird jetzt und auch in Zukunft
zunehmend als Call Center fungieren müssen,
damit Käufer, die mit ihrem Produkt oder
dem Service nicht zufrieden sind, eine angemes-
36 EXPERTENBEITRÄGE
Foto: Future Stores, London
Der Future-Store in London setzt Maßstäbe, wohin die Reise der Gen@ gehen wird.
Dach“ gelingt jedoch kaum mehr und ist in der
Regel nicht skalierbar. An der desolaten Warenhaussituation
ist das deutlich abzulesen.
Die Generation@, also die ab 2010 geborene Kohorte,
entwickelt sich jedoch im Unterschied zur
Gen Z zu einer technologisch stark integrierten
und zur ethnisch vielfältigsten Generation der
Geschichte. Die zu erwartende weitere Zuwanderung
aus unterschiedlichsten Kulturen beschleunigt
diese Tendenz.
Was die Gen@ beschäftigt und sie stark beeinflusst,
sind vor allem die digitalen Medien: Bereits
ab dem sechsten Lebensjahr haben die Mitglieder
der Gen@ gelernt, mit Smartphones oder
Tablets umgehen, mit zehn bis 14 Jahren besaßen
sie in der Regel eines oder beide dieser Endgeräte
und in einem ähnlichen Alter waren sie auch
schon regelmäßig im Netz unterwegs und bauten
ihre eigenen Communities auf. In den USA lebende
Alphas kommen auf durchschnittlich 4:44
Stunden Bildschirmzeit, die 13- bis 17-Jährigen
bringen es sogar auf 7:22 Stunden. Interessant ist,
dass gerade die Alphas ihre eigene Sprache entwickelt
haben, die Boomer häufig nicht verstehen.
Die Bezeichnung ihrer Outfits, wie Baggysene
Betreuung erhalten, die sie zufriedenstellt.
Überraschungen: In die Zauberkiste der aktiven
Händler gehören auch überraschende Inszenierungen
wie sie Apple beim Launch seiner neuen
Produkte praktiziert oder Fashion Drops auf der
Fläche, die Käufer veranlassen, freiwillig Schlange
zu stehen. Jüngstes Beispiel für eine überraschende
Inszenierung war der Launch der Dubai
Schokolade von Lindt, der im November 2024 in
den Lindt Stores zu einem Massenansturm führte.
Gibt es überhaupt ein spezielles Einkaufsverhalten,
das die Gen@ prägt?
Neben den bereits genannten Beispielen gibt es
weitere, die gravierende Generationsunterschiede
im Einkaufsverhalten der Generationen belegen.
Grundsätzlich gilt: Jede Generation muss
sich in einem Laden wohl und willkommen fühlen.
Wobei die Zukunft der Läden maximal auf
zwei Generationen zugeschnitten sein sollte. Beispielhaft
lösen das in Deutschland die Inditexund
die H&M-Gruppe. Beide haben den Spagat
zwischen den verschiedenen Generationsangeboten
hervorragend gelöst. „Alles unter einem
EXPERTENBEITRÄGE 37
Jeans aus den 90ern oder Sneaker, differenziert
sie unter anderem von der Gen Z.
Wie stark die Affinität der Gen@ zur Digitalwelt
ausgeprägt ist, zeigt eindrücklich die Computerspielemesse
„Gamescom“, die alljährlich fast eine
halbe Millionen junge Besucher, die meisten im
Alter zwischen zwölf und 18 Jahren, nach Köln
zieht. Vom 20. bis 24. August 2025 werden in den
Kölner Messehallen wieder zahlreiche Spieleneuheiten
und Hardwareinnovationen vorgestellt.
Mit 230.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche
für Computer- und Videospiele ist die
Gamescom Europas größte Business-Plattform
für die Games-Branche. Im Fokus stehen Neuerscheinungen,
die dort ausprobiert werden können,
bevor sie im Handel erhältlich sind. Auf der
Gamescom bespielen die Kids Plattformen wie
Roblox, Minecraft oder Fortnite, schaffen sich
ihre individuellen Avatare und lernen so früh, mit
hoch individualisierten Produkten ihre Identität
zu unterstreichen. Für Händler im Grunde eine
Pflichtveranstaltung, um zu sehen wie ihre zukünftigen
Kunden ticken.
Ebenso lehrreich für ein besseres Verständnis
der Konsumgewohnheiten der Gen@ empfehle
ich eine Reise nach Tokyo. Hier sieht man deutlich
die im Stadtteil Akihabara in Tokyo differenzierte
Manga- und Animewelt. Eine schrille Heimat
von Pokemon, Hello Kitty und für die Nerds
unter den Alphas ist auch die Luxusmarke BAPE.
Eine klar Fantasywelt die so weit von der Gamescon
nicht entfernt ist.
Zusammenfassung:
- Im Grunde bedeutet Demografie in Zukunft
nicht mehr viel. Die Veränderung der Kulturen
und kulturelle Werte sind entscheidend. Verbraucherkulturen
sind dynamisch und im steten
Wandel. Die Begriffe Nachhaltigkeit, Digitalisierung,
Erlebniskonsum, Regionalität, Sharing
Economy, neueste Tech-Gadgets, Markenbewusstsein
sind derzeit bei allen Generationen im
Trend. Vor allem zählt: Ich gehöre meiner Community
an.
- Die Gen@ wächst in einer digitalen Welt auf,
spannend wird es mit der Einführung von Tik-
Tok Stores. Grundsätzlich treiben die sozialen
Medien die Konsumgewohnheiten der Gen@, bis
hin zu Fanclubs. Im Wesentlichen geht es darum,
sich in einer Community wohlzufühlen, sei es im
realen Leben oder vor allem auch im Netz. Millionen
Follower lassen sich über Communties in
den sozialen Medien beeinflussen.
- Unified Commerce löst Ominchannel und Multichannel
ab. Unified Commerce erweitert das
Online-Angebot um das tatsächliche Erlebnis im
Store und repliziert es nicht. In Perfektion realisiert
hat das Retail-as-a-Service-Konzept „Future
Store“ in London Oxford Street. Mittels K.I.
ist es möglich sich beraten zu lassen, die neuen
KI-PC zu testen und online zu bestellen. Oder
später auch ggf. umzutauschen. Es gibt nur ein
einziges System, das als zentrale Datenplattform
fungiert.
-Die Gen@ ist ja noch jung, aber sie beeinflusst
bereits das Kaufverhalten ihrer Eltern, und ist in
der Lage Einfluss auf Konsumstandards zu nehmen
(Fridays for Future etc.)
- Mitglieder der Gen@ sollten für Händler willkommene
Gesprächspartner sein, mit denen sie
über die Wünsche an den Handel der Zukunft offen
diskutieren.
ZUR PERSON
Wolf Jochen Schulte-Hillen (WJSH)
begann sein Geschäft als Student
und Leichtathlet (immer noch Rekordhalter
und Ehrenmitglied des
HSV) mit dem Verkauf von Sportartikeln,
die er zunächst testete
und trug. Nach dem Studium gründete
er 1972 als Student SH Selection
und wurde Agent und Importer
für verschiedene Sport- und
Modemarken. Später war er Berater
für internationale Shopping
Center. Heute arbeitet er als Berater
und Visionär an individuellen
Projekten. Er berät Einzelhändler,
Entwickler, Investoren, Städte und
Organisationen zu Zukunftsstrategien
für den modernen Einzelhandel
in einer digitalen Welt.
38 EXPERTENBEITRÄGE
Christian Schröder
Erfolgsfaktoren
für den stationären
Handel im Wandel
Die Zukunft des stationären Handels stellt Immobilienmanager, Investoren und
Einzelhändler gleichermaßen vor immense Herausforderungen. In Zeiten, in denen
sich das Konsumverhalten durch Digitalisierung und gesellschaftliche Trends
rasant verändert, genügt es nicht mehr, Handelsimmobilien nur zu verwalten
– sie müssen neu gedacht und an die Erwartungen der Menschen angepasst
werden. Gerade Fachmarktzentren, die eine zentrale Rolle in der Nahversorgung
spielen, sehen sich vor die Aufgabe gestellt, sich nicht nur räumlich, sondern
auch konzeptionell neu aufzustellen.
Mit der Verlagerung zahlreicher Handelsaktivitäten
ins Internet und der zunehmenden Bedeutung
von sozialen und ökologischen Themen
stehen Handelsimmobilien unter Druck. Verbraucher
erwarten von stationären Standorten
mehr als bloß Einkaufsmöglichkeiten: Einladende
Aufenthaltsqualität, multifunktionale Angebote
und eine gute Anbindung sind zu wichtigen
Faktoren geworden. Die Zukunftsfähigkeit eines
Standorts hängt damit stärker als je zuvor von
seiner Flexibilität ab, sich immer wieder an wandelnde
Bedürfnisse anzupassen.
Dies stellt neue Anforderungen an die Planung
und das Management von Handelsimmobilien.
Die bloße Verwaltung reicht nicht aus – gefragt
sind Konzepte, die Standorte langfristig attraktiv
halten und die Integration innovativer Angebote
ermöglichen.
hier nicht nur ein zeitgemäßes Design, sondern
eine spürbare Verbesserung der Aufenthaltsqualität
und Energieeffizienz. Refurbishment-Maßnahmen
umfassen daher häufig die Installation
moderner Beleuchtungssysteme, optimierter
Heiz- und Kühlsysteme sowie nachhaltiger Baumaterialien.
Refurbishments sind allerdings mit Herausforderungen
verbunden: Planer und Betreiber stehen
vor der Aufgabe, Eingriffe zu identifizieren, die
langfristigen Mehrwert schaffen. Ein Fokus auf
nachhaltige und energieeffiziente Maßnahmen
wird dabei immer wichtiger, nicht zuletzt aufgrund
steigender Betriebskosten und wachsender
regulatorischer Anforderungen. So wird das
Refurbishment zur Investition in die Zukunftsfähigkeit
einer Immobilie – ein entscheidender
Baustein für deren Wettbewerbsfähigkeit.
Im Kontext der Modernisierung bestehender
Handelsimmobilien gewinnt das Refurbishment,
also die umfassende bauliche und funktionale Erneuerung,
zunehmend an Bedeutung. Das Ziel ist
Während das Refurbishment die baulichen
Strukturen der Handelsimmobilie betrifft, ist
die Neupositionierung entscheidend für die inhaltliche
Ausrichtung. Der Mietermix, also die
EXPERTENBEITRÄGE 39
Foto: Adobe Stock
Zusammensetzung der ansässigen Händler und
Dienstleister, spiegelt die Vielfalt eines Standortes
wider und ist maßgeblich für seine Attraktivität
verantwortlich. Ein guter Mietermix berücksichtigt
nicht nur den Bedarf an Waren, sondern
auch zunehmend Dienstleistungen und Freizeitangebote,
die Aufenthaltsqualität schaffen.
Neupositionierungen bieten die Chance, Standorte
so anzupassen, dass sie zu lebendigen und
vielseitigen Anziehungspunkten für unterschiedliche
Zielgruppen werden. Gerade Fachmarktzentren
können davon profitieren, indem sie
neben Einzelhandelsgeschäften auch gastronomische
Angebote und Dienstleistungsbereiche
wie Fitnessstudios oder Arztpraxen integrieren.
Ein dynamischer Mietermix erhöht die Kundenfrequenz,
stärkt die Bindung der Kunden und
bietet dem Handel ein stabileres Umfeld.
Die Herausforderung liegt darin, diese Balance
zu finden und dabei die lokalen Bedürfnisse zu
berücksichtigen. Der Austausch mit den Mietern,
die Beobachtung des Marktes und die gezielte
Ergänzung des Portfolios sind Schlüsselfaktoren,
um die richtige Mischung zu schaffen. Standorte,
die neben einem vielseitigen Angebot auch Raum
für Gemeinschaftserlebnisse bieten, werden so
zu langfristigen Erfolgsträgern.
Ein weiterer Trend im stationären Handel ist
die Flexibilisierung der Nutzungsarten. Klassische
Handelsflächen bieten zunehmend Raum
für temporäre Angebote wie Pop-up-Stores,
Eventflächen oder flexible Arbeitsplätze. Diese
Multifunktionalität macht die Fläche nicht
nur vielseitiger, sondern erhöht auch die Anpassungsfähigkeit
der Immobilie. Temporäre
Formate sprechen spontane Bedürfnisse an und
können saisonale Frequenzspitzen bedienen.
Auch die Nutzung von Freiflächen für regionale
Märkte oder Open-Air-Events ist eine zunehmend
attraktive Möglichkeit, die Anziehungskraft
eines Standorts zu erhöhen.
Durch Flexibilität und Multifunktionalität kann
der stationäre Handel den Erwartungen heutiger
Kunden gerecht werden und zusätzliche Zielgruppen
erschließen. Dies ist auch ein Beitrag
zur Revitalisierung von Handelsimmobilien, die
sich so als Orte für Gemeinschaft, Erlebnis und
Begegnung positionieren können.
Die Zukunft des stationären Handels hängt stark
von der Fähigkeit ab, langfristige Entwicklungen
in die Standortplanung einzubeziehen. Der strategische
Ansatz, Immobilien nicht nur zu verwalten,
sondern kontinuierlich zu entwickeln, wird
zum zentralen Erfolgsfaktor. Handelsimmobilien
müssen heute vor allem als Orte konzipiert
werden, die sich flexibel an die wechselnden Anforderungen
der Gesellschaft anpassen können.
Dabei sind sowohl ökologische und soziale als
auch ökonomische Aspekte in die strategischen
Planungen einzubeziehen.
In einer Welt, die zunehmend digital geprägt ist,
werden stationäre Standorte durch Anpassung
und Innovation weiterhin eine bedeutende Rolle
im Leben der Menschen spielen. Entscheidend
ist, dass die Betreiber den Wandel aktiv gestalten
und Handelsimmobilien zu lebendigen, vielseitigen
und anpassungsfähigen Orten machen, die
für alle einen Mehrwert bieten.
ZUR PERSON
Christian Schröder ist Managing
Director (COO) bei MEC.
40 EXPERTENBEITRÄGE
Susanne Gehle
Nachhaltigkeit im Fokus:
Filialbau hat ein neues
Qualitätsniveau erreicht
Kaufland hat sich in den vergangenen Jahren schwerpunktmäßig auf die Revitalisierung
bestehender Handelsstandorte spezialisiert. Dabei wird stets auch ein
besonderes Augenmerk auf den Einsatz nachhaltiger Technik bei der Sanierung
gelegt. Auch im Zuge von Neubauentwicklungen fokussiert sich Kaufland auf
Nachhaltigkeit, wie die zwei folgenden Beispiele zeigen sollen.
Die neue Filiale in Tuttlingen befindet sich in
einem besonderen Gebäude. Denn gleich sieben
verschiedene recycelte Materialien, die aus
Abbruchmaterial, Abfall oder nachwachsenden
Rohstoffen produziert worden sind, kamen in
eineinhalb Jahren Bauzeit unter anderem für
Wände, Fassadenteile, Dämmung und Dachabdichtung
zum Einsatz, mit dem Ziel, nachhaltige
Immobilien, sowohl im Bestand als auch im Neubau
zu entwickeln. Der Einsatz dieser neuartigen
Materialien ist in den über 770 Kaufland-Standorten
bundesweit erstmalig verprobt worden.
Die Abdichtungsplane des Dachs besteht zum
Beispiel zu 60 Prozent aus recycelten Plastikfolien,
die als Verpackungsmaterial in der Logistik
verwendet werden. Die Pflastersteine, die auf
dem Parkplatz verlegt worden sind, bestehen zu
40 Prozent aus mineralischen Abfallstoffen. Im
Lager kommen Rammschutzelemente zum Einsatz,
die komplett aus recyceltem Kunststoff bestehen.
Erkenntnisse und Erfahrungen für zukünftige
Projekte
Mit recyceltem Baumaterial wird vor allem graue
Energie, also jene Energie, die für die Produktion
von Materialien benötigt wird, reduziert und da-
mit CO2 eingespart. Durch den Einsatz der Materialien
in Tuttlingen können nun Erfahrungen
gesammelt werden, wie sich nachhaltige Bauweise
und Materialien in der Praxis bewähren, mit
dem Ziel, diese Materialien auch in anderen Filialen
dauerhaft zum Einsatz zu bringen.
Eine Photovoltaikanlage bietet auf über 2.000
Quadratmetern zudem viel Fläche für nachhaltige
Energiegewinnung auf dem Tuttlinger Filialdach.
Die Anlage hat eine Leistungsstärke von 420
Kilowatt-Peak (kWp) und ist damit eine der größten
in Tuttlingen. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche
Anlagengröße für Privathaushalte
beträgt circa 10 kWp. Der Großteil des erzeugten
Stroms wird direkt in der Filiale für die Eigennutzung
verwendet. Der restliche Strom wird ins
Netz eingespeist. So deckt die Photovoltaikanlage
circa ein Viertel des jährlichen Gesamtenergiebedarfs
der Filiale ab. Dank Wärmepumpe und
effizienter Nutzung der Abwärme, die beim Betrieb
der Kälteanlage anfällt, kommt das Gebäude
ganzjährig ohne fossile Brennstoffe aus.
Stärkung der Regionalität als wichtiges
Anliegen
Nachhaltigkeit spielt auch bei der Sortimentsgestaltung
eine zentrale Rolle. Auf über 30.000
EXPERTENBEITRÄGE 41
Artikel erstreckt sich die Auswahl von Markenartikeln,
Eigenmarken, Bio- und Fairtrade-Produkten
über vegetarische und vegane Produkte
bis hin zu laktose- und glutenfreien Artikeln. Die
Stärkung der Regionalität ist Kaufland dabei ein
wichtiges Anliegen. Bei der Sortimentsauswahl
wird ein Schwerpunkt auf Produkte von Lieferanten
aus der Region gelegt. Neben bekannten
Markenartikelherstellern finden sich auch zahlreiche
Erzeugnisse mittelständischer Unternehmen
im Sortiment.
Neue Wege in Sachen nachhaltige Immobilien im
Neubaubereich ist Kaufland bereits im vergangenen
Jahr in Marktredwitz gegangen. Erstmals
wurden für den Unterbau Holzpfosten und Leimbinder
statt Stahlbeton verwendet. Auch optisch
wurde mit dem Holzbau ein Zeichen gesetzt.
Seitdem werden Neubaufilialen stets dahingehend
überprüft, ob Holz statt Stahlbeton eingesetzt
werden kann.
Die Fläche in der Filiale ist zudem noch besser
ausgenutzt worden. Durch das reduzierte Raumvolumen
wird der Energiebedarf optimiert.
Wie auch in Tuttlingen, können Kunden während
des Einkaufs ihr Elektroauto an einer Schnellladestation
laden. Die Ladestationen werden
mit 100 Prozent Ökostrom betrieben, der das
umweltfreundliche Label „Grüner Strom“ trägt.
Dieses Label garantiert, dass der Ökostrom zu
100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen
stammt, und steht für höchste Qualität und
Transparenz.
Fazit
Mit den neuen Filialen in Tuttlingen und Marktredwitz
setzt Kaufland ein starkes Zeichen für
Nachhaltigkeit und Innovation im Einzelhandel.
Durch den Einsatz recycelter Materialien, erneuerbarer
Energien und energieeffizienter Technologien
zeigt das Unternehmen, wie ernst es ihm
mit dem Umweltschutz ist.
ZUR PERSON
Susanne Gehle ist Geschäftsführerin
Immobilien bei Kaufland. Hier
widmet sie sich täglich der Neuentwicklung,
nachhaltigen Optimierung
und der Performance bestehender
Handelsimmobilien, um
den Kundenbedürfnissen rund um
den Lebensmitteleinkauf gerecht
zu werden.
Foto: Kaufland
Die neue Filiale in Tuttlingen befindet sich in einem besonderen Gebäude.
42 EXPERTENBEITRÄGE
Torsten Janke
Einfach, modern
und nachhaltig – der
Discounter von morgen
Als Discounter müssen wir heute unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden:
Kundinnen und Kunden wünschen sich einen einfachen Einkauf und beste Qualität
zu bezahlbaren Preisen. Gleichzeitig tragen wir als Unternehmen auch die
Verantwortung, nicht nur das Sortiment, sondern auch die Märkte immer nachhaltiger
zu gestalten, um Umwelt und Ressourcen zu schonen. Unsere neuen
ALDI Nord-Filialen zeigen, wie sich dies alles miteinander vereinbaren lässt.
ALDI Nord ist ein regelmäßiger Begleiter im
Alltag der Kundinnen und Kunden. Unser Ziel:
„Gutes für alle“ bieten und ein komfortables
Einkaufserlebnis ermöglichen. Dazu gehören
ein freundliches Ambiente im Markt mit einem
modernen LED-Lichtkonzept und Oberlichtern
sowie eine klare, immer gleiche Filialstruktur.
Diese macht nicht nur den Großeinkauf zu einem
angenehmen Erlebnis, sondern ermöglicht in einem
hektischen Alltag auch schnelle Einkäufe. In
allen neuen und modernisierten Filialen befindet
sich eine Frischeinsel mit Obst und Gemüse, dem
Convenience-Bereich ALDI to go sowie einem
Backwarenregal mit frischen Teigwaren direkt
am Eingangsbereich.
Auch die Lage der Filialen spielt eine wichtige
Rolle: Wir möchten die Menschen dort erreichen,
wo sie leben und arbeiten. Denn so werden ihre
Wege kürzer, und sie können ihren Einkauf einfacher
in den Alltag integrieren. Das tun wir einerseits
über unsere charakteristischen Stand-Alone-Filialen;
zum anderen verdichten wir unser
Filialnetz strategisch in den Metropolregionen
für eine flächendeckende Versorgung. Bei letz-
terem fokussieren wir uns auf zentrumsnahe
Premiumstandorte und Mixed-Use-Immobilien.
Unser Konzept fügt sich nahtlos in unterschiedliche
Konzepte und Lebenswelten ein – ob als
Stand-Alone-Filiale, in einem Fachmarktzentrum
oder in einem Shopping Center.
Ressourcen im Blick: nachhaltige
Marktgestaltung bei ALDI Nord
Einfach, verantwortungsbewusst, verlässlich –
diese Werte bilden seit mehr als 111 Jahren die
Basis für unser Handeln und die kontinuierliche
Weiterentwicklung von ALDI Nord. Ein verantwortungsvoller
Umgang mit Ressourcen ist
elementarer Bestandteil unseres Discount-Prinzips
und heute wichtiger denn je. Das beginnt bei
unseren Produkten und Lieferketten und geht
bis zu unseren Märkten: Die Stand-Alone-Filialen
errichten wir zunehmend in Holzbauweise,
da Holz als nachwachsender Rohstoff nachhaltiger
ist als viele Alternativen. Aktuell umfasst das
bereits mehr als 80 Märkte – weitere werden im
kommenden Jahr folgen. Bei der Baubeschreibung
berücksichtigen wir außerdem Materialien,
die sich am Ende des Produktlebenszyklus
EXPERTENBEITRÄGE 43
schnell und einfach in den Recyclingkreislauf
zurückführen lassen. Unsere Filialneubauten
und -modernisierungen kommen zudem in der
Regel ohne fossile Energieträger aus. Wir statten
unsere Filialen mit modernster Anlagentechnik
aus, beispielsweise CO2-Integralanlagen, die die
Abwärme der Kühlsysteme zum Heizen nutzen.
Mehr als 550 Märkte liefern eigenständig Energie
mit Betonkernaktivierung und einer Photovoltaikanlage.
Unter Berücksichtigung von allen
ALDI Nord Bürogebäuden und Logistikzentren
in Deutschland sind es mehr als 700 Dächer mit
PV-Anlagen. Allein 2023 erzeugten diese Anlagen
bei einer Dachfläche von rund 971.000 Quadratmetern
insgesamt 107.000 kWp. Etwa 50 Prozent
dieses selbst erzeugten Stroms nutzen wir selbst.
Den Rest speisen wir in das öffentliche Stromnetz.
Zudem sind viele Kühlmöbel mit Türen ausgestattet,
um zusätzlich Energie zu sparen.
der Planung bereits mit und positionieren unsere
Märkte entsprechend auf dem Grundstück. Zudem
optimieren wir stetig unser Supply-Chain-
Management, um Lagerflächen einzusparen.
Pfandautomaten befinden sich in einem Anbau,
der Backraum ist von den Verkaufsflächen separiert.
Um Kosten und Ressourcennutzung so niedrig
wie möglich zu halten und gleichzeitig den Einkauf
für Kundinnen und Kunden so einfach wie
möglich zu machen, optimieren wir unsere Baubeschreibung
kontinuierlich: Mit der neuen Baubeschreibung,
die 2025 in Kraft tritt, weicht das
Lager in L-Form einem vollständigen seitlichen
Lager für einen optimierten Warenverkehr.
Als Unternehmen sind wir uns stets unserer Verantwortung
bewusst – und unsere modernen Filialen
zeigen dies eindrucksvoll.
Bei ALDI Nord setzen wir immer auf das Wesentliche
und das zeigt sich auch bei der Grundfläche
eines Gebäudes. Ziel ist eine Filiale mit 1.050
Quadratmetern Verkaufsfläche. In besonders
frequenzstarken Regionen realisieren wir auch
Filialen mit rund 1.200 Quadratmetern Verkaufsfläche.
Mögliche Erweiterungen denken wir bei
ZUR PERSON
Torsten Janke ist Geschäftsführer
Immobilien & Expansion bei ALDI
Nord Deutschland
Foto: ALDI Nord
Nachhaltige Marktgestaltung bei ALDI Nord: Bau einer Stand-Alone-Filiale in Holzbauweise
44 EXPERTENBEITRÄGE
James McEvoy
Digitaler Zwilling
als Schlüsselinstrument
Die Handelsimmobilienbranche steht vor weitreichenden Herausforderungen
und Chancen, die durch zukunftsweisende Technologien und datengetriebene
Innovationen, den Anforderungen der Klimaziele der EU, und den sich wandelnden
Erwartungen von Verbrauchern und Investoren angetrieben werden. Doch
was sind die entscheidenden Trends und Strategien, um als Vermieter und Manager
von Handelsimmobilien wettbewerbsfähig und erfolgreich zu bleiben?
Innovation als Treiber der Transformation
Innovation ist das Herzstück jeder zukunftsgerichteten
Strategie. Um langfristige Erfolge zu
sichern, müssen datenbasierte Entscheidungsfindung
und technologischer Fortschritt gezielt
eingesetzt werden. Dies erfordert einen strategischen
Fokus darauf, Immobilien effizient zu
verwalten, Prozesse nachhaltig zu gestalten und
sich an die Bedürfnisse von Mietern sowie Konsumenten
anzupassen. Ein solcher Ansatz ermöglicht
die Entwicklung zukunftssicherer Nutzungskonzepte
und die Umsetzung innovativer
Projekte, die als Blaupause für die gesamte Branche
dienen können.
Um datengetriebene Effizienz in Handelsimmobilien
zu erreichen, ist es entscheidend, relevante
Daten systematisch zu sammeln und zu analysieren.
Dies umfasst Energiekosten, Nutzungsdaten
und Fußgängerfrequenzen, um fundierte
Einblicke in die Betriebsabläufe zu gewinnen.
Ziel ist es, diese Erkenntnisse in Echtzeit bereitzustellen,
damit Mieter und Eigentümer den Gebäudebetrieb
optimieren und Kosten reduzieren
können. Ein strategischer Ansatz besteht darin,
solche Methoden schrittweise auf unterschiedliche
Standorte zu übertragen, wobei der Einsatz
eines Digitalen Zwillings als Schlüsselinstrument
dient, um physische Immobilien virtuell abzubilden
und umfassende Analysen sowie Optimierungen
in Echtzeit zu ermöglichen.
KI für mehr Kundenengagement
Künstliche Intelligenz spielt eine entscheidende
Rolle dabei, Kundenverhalten im stationären
Handel besser zu verstehen und den Erfolg langfristig
zu sichern. Im Lebensmitteleinzelhandel
und der Handelsbranche geht es heute darum,
nachhaltige und werteorientierte Verbindungen
zu den bewussten Konsumenten von heute aufzubauen.
Mittels KI können individuelle Kundenbedürfnisse
analysiert und durch Personalisierung,
Gamification und nachhaltigkeitsorientierte
Strategien gezielt angesprochen werden. Solche
Ansätze stärken nicht nur das Kundenengagement,
sondern tragen auch dazu bei, den stationären
Handel mit der Dynamik des Online-Handels
in Einklang zu bringen.
Ein Blick auf aktuelle Messen zeigt, wie stark
Themen wie KI, Personalisierung und digitale
Lösungen inzwischen vertreten sind. Zusammenarbeit
mit Start-ups und Innovatoren ist essenziell,
um neue Technologien zu erschließen
und an der Spitze dieser Entwicklung zu bleiben.
EXPERTENBEITRÄGE 45
Net Zero und Dekarbonisierung:
Eine gemeinschaftliche Aufgabe
Die Immobilienwirtschaft ist für einen erheblichen
Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich,
wobei 70 Prozent aus dem Betrieb und
30 Prozent aus dem Bau von Gebäuden stammen.
Vor dem Hintergrund der EU-Taxonomie, sind
Netto-Null-Ziele ein unverzichtbarer Bestandteil
moderner Immobilienstrategien. Um diese Ziele
zu erreichen, müssen Maßnahmen wie die Optimierung
der Energieeffizienz, der Einsatz erneuerbarer
Energien und die Nutzung digitaler Tools
priorisiert werden.
Vermieter und Immobilienmanager spielen hierbei
eine Schlüsselrolle, indem sie ihre Mieter
durch Datenanalysen, energieeffiziente Technologien
sowie ökologische und soziale Maßnahmen
unterstützen. Diese Ansätze dienen nicht nur der
Reduzierung von Emissionen, sondern fungieren
auch als Kundenmagnet, indem Handelszentren
in Hubs für Bildung und Gemeinschaftsengagement
umgewandelt werden. Beispiele dafür sind
die Nutzung ungenutzter Flächen für gemeinnützige
Aktivitäten, die Förderung nachhaltiger
Lebensmittelproduktion oder Kooperationen mit
lokalen Schulen und Organisationen.
Starke Beziehungen als Schlüssel zum Erfolg
Ein wesentliches Element in der Handelsimmobilienbranche
ist der Aufbau und die Pflege starker
Mieterbeziehungen. Diese sind entscheidend,
um langfristigen Erfolg und Stabilität sicherzustellen.
In den letzten Jahren beobachten wir
einen zunehmenden Trend zu Sale-and-Lease-
Back-Transaktionen auf dem Markt.
Einzelhändler nutzen dieses Modell, um Kapital
freizusetzen und ihre finanzielle Stabilität zu
sichern, während sie gleichzeitig ihre betriebliche
Flexibilität bewahren. Diese Entwicklung
zeigt, wie wichtig starke Beziehungen zwischen
Vermietern und Mietern sind. Starke Partnerschaften
basieren auf Vertrauen und sind der
Schlüssel, um Innovationen einzuführen, auf sich
ändernde Marktbedürfnisse einzugehen und die
Bereitschaft zu fördern, notwendige Veränderungen
zu wagen.
ZUR PERSON
Foto: GFORM
Vor dem Hintergrund der EU-Taxonomie sind Netto-Null-Ziele ein
unverzichtbarer Bestandteil moderner Immobilienstrategen.
James McEvoy ist CEO von
GFORM, einem führenden Mieter-
und Gewerbeimmobilienmanager
mit einem starken Fokus
auf lebensmittelgeankerte Einzelhandelsimmobilien
und Teil der
Greenman Gruppe mit einem verwalteten
Vermögen von ca. 1,28
Milliarden Euro. Mit rund 15 Jahren
Erfahrung in den Bereichen
Akquisition, Asset- und Property-
Management, Projektentwicklung
sowie Finanzen und Investment,
verfügt er über ein umfassendes
Netzwerk aus deutschen Entwicklern,
Investoren, Einzelhändlern,
Banken und Maklern. Seit 2015 hat
er Transaktionen im Gesamtvolumen
von rund 1 Milliarde Euro begleitet.
46 EXPERTENBEITRÄGE
Joaquin Jimenez Zabala
Weg von der
Teflonstadt, hin zur
grünen Erlebnis-Oase
Eine florierende Innenstadt, die Menschen zusammenführt, gedacht als Marktplatz
und Begegnungsstätte mit Luft zum Atmen und Leben – so sieht die Vision
der WISAG aus. Um Cities wieder grün und erlebbar zu machen, ist die
Entsiegelung grauer Materie angesagt.
Wer kennt die Szenerie nicht? Betonwüsten, Einheitsbrei,
wenig spannende Elemente prägen das
Bild vieler Innenstädte. Solche Szenarien machen
wenig Lust darauf, länger zu verweilen. Auf dem
Land hingegen fehlen oftmals Working Spaces
und Shopping-Places. Folgerichtig gilt die Devise,
unsere Stadtkerne attraktiver zu gestalten.
Versiegelte Flächen zurückbauen
Rückbau versiegelter Flächen – so lautet unsre
Lösung für die Zukunft. Wo jetzt noch Tristesse
herrscht, sollen Bäume und Pflanzen sprießen,
könnte ein lebendiges Umfeld entstehen. Um die
Kultur des Miteinanders zu fördern, möchten wir
begrünte, lebenswerte Zentren gestalten. Denn
natürliche Elemente strahlen unweigerlich ihre
Wirkung auf den Menschen aus.
Renaissance des Behagens
In einer zubetonierten, allzu glatten „Teflonstadt“
bleiben Erlebnisse nicht haften. „Back to
the Roots“ hat sich unser Unternehmen daher auf
die Fahne geschrieben. Die Ästhetik der Innenstädte
mit dem Shopping-Erlebnis zu verbinden,
damit sich Menschen in ihrem Kiez wieder rund-
um wohl fühlen, ist Gebot der Stunde. Als Ziel
betrachten wir eine Gemeinschaft von Handel,
Bürgern und der Stadt als solche – kurzum: die
Renaissance des Behagens und der Identifikation
mit dem Stadtkern.
Bewegung in die Stadt bringen
Die Aufenthaltsqualität unserer Innenstädte ist
keineswegs vom Konsum allein geprägt. Hobbies,
Bildung und weitere Facetten des Lebens
machen die Qualität und der Charme von Stadtzentren
aus. Warum zum Beispiel nicht eine
Bibliothek auf der Düsseldorfer Kö oder an der
Kölner Schildergasse etablieren? Derartige Angebote
bringen Bewegung in die Stadt und generieren
zusätzliche Frequenzen. Derlei Ansinnen
gelingen optimal in der Zusammenarbeit mit der
Wirtschaft und der Kommune.
Begrünung vorantreiben
Die WISAG hat sich längst darauf fokussiert, die
Begrünung der Innenstädte voranzutreiben und
öde Betonfelder wieder erlebbar zu machen. Reine
Einkaufsparks sind in der Regel nach Ladenschluss
tote Flächen – das muss aber nicht so
EXPERTENBEITRÄGE 47
bleiben. Ein Plus an Wohneinheiten und die Integration
von kulturellen Institutionen bricht das
starre Schema auf. In der Stadt der Zukunft steht
nicht der pure Konsum an erster Stelle, sondern
das Erlebnis.
Die Stadt als Kraftquelle
Erreichen wollen wir diese Ziele unter anderem
mit der Umrüstung von Gebäuden und der Integration
von Mixed-Use-Elementen. Ein weiterer
wichtiger Faktor ist die Energieerzeugung: Die
Stadt von morgen ist eine Kraftquelle, die sich
selber speist. Und das ist nicht nur wörtlich zu
verstehen, sondern gilt auch im übertragenen
Sinne.
Plätze. Diese zum Leben zu erwecken, als Treffpunkt
für Menschen, mit Liebe zum Detail und
hoher Aufenthaltsqualität gestaltet, ist wie die
kostbare Fassung für einen funkelnden Edelstein.
Wichtiges Zukunftsthema
Flächenentsiegelung wird in den kommenden
Jahren ein wichtiges Thema sein – allein schon
aus klimatechnischen Gründen. Denn wenn zum
Beispiel durch Asphaltierung Regenwasser nicht
ablaufen kann, drohen Überschwemmungen. Natur
in unsere Städte zurückzubringen, ist also gut
für die Umwelt und für uns Menschen. Die WISAG
möchte als kompetenter Partner an der Aufwertung
unserer Cities teilhaben.
Gesamtpaket gestalten
Die CO2-Bilanz von Handelsplätzen zu verbessern
und das Objekt dabei ganzheitlich im Blick
zu behalten, ist eine unserer Kernkompetenzen.
Zudem steigert Klimaneutralität den Wert einer
Immobilie. Zum Gesamtpaket eines Objektes
zählen aber auch die umgebenden Straßen und
ZUR PERSON
Joaquin Jimenez Zabala ist Geschäftsführer
der WISAG Facility
Management Retail GmbH & Co.
KG.
Foto: Adobe Stock
Die Innenstadt ist nicht von Konsum allein geprägt. Sie soll eine Kultur des Miteinanders fördern und zu einem Ort des
Behagens werden.
48 EXPERTENBEITRÄGE
Richard Gerritsen
Mehr Effizienz
und Perfomance mit
KI-gestützter Technologie
Die Technologie verändert die Einzelhandelslandschaft rasant. Einzelhändler
und Asset Manager müssen sich anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Das heutige Einzelhandelsumfeld erfordert mehr als traditionelles Management.
Dies erfordert ein zukunftsorientiertes Konzept für den Betrieb, die
Vermietung und das Kundenerlebnis, das durch fortschrittliche Technologien
unterstützt wird. Für Einzelhändler, die „fit für die Zukunft“ sein wollen, liegt
der Schwerpunkt eindeutig auf dem Einsatz von Tools, die die Effizienz, die
Datentransparenz und die Kundenbindung erhöhen.
Datenbasierte Transformation im
Asset Management
Ein wichtiger Aspekt des modernen Managements
von Handelsimmobilien ist die datengestützte
Entscheidungsfindung. Plattformen wie
der Retail Manager von Yardi ermöglichen es
Asset Managern, sich in Echtzeit einen Überblick
über die Asset-Performance und die Kundenpräferenzen
zu verschaffen.
Der Zugang zu aktuellen Daten über Vermietungs-
und Belegungstrends ermöglicht es Asset
Managern, fundiertere Entscheidungen zu treffen,
sei es bei der Anpassung von Mieten oder
bei der Identifizierung von Mietern mit hohem
Potenzial. Dieser datengestützte Ansatz ist der
Schlüssel zur Entwicklung anpassungsfähiger
Einzelhandelsflächen, die den sich ändernden
Verbraucherbedürfnissen gerecht werden und
die Rentabilität der Investitionen maximieren.
Optimierung von Vermietungsprozessen
Effiziente Vermietungsprozesse sind das Rückgrat
eines erfolgreichen Einzelhandelsmanage-
ments. Die Möglichkeit, Vermietungsaktivitäten
über eine integrierte Plattform zu überwachen,
kann den Zeit- und Verwaltungsaufwand erheblich
reduzieren und die Gesamtproduktivität
steigern. Interaktive, farbcodierte Grundrisspläne,
die anhand von Leistungsindikatoren (KPIs)
konfiguriert werden können, bieten Asset Managern
einen klaren Überblick über die aktuelle
und zukünftige Belegung und ermöglichen eine
schnelle Bewertung der verfügbaren Flächen und
potenziellen Mieter.
Die Automatisierung der Dokumentation durch
KI-gestützte Technologie, einschließlich Mietverträgen
und -verlängerungen, steigert die Effizienz
weiter. Durch die Reduzierung manueller
Tätigkeiten können sich die Retail Manager auf
wertschöpfende Tätigkeiten wie die Pflege der
Mieterbeziehungen und die Optimierung der
Flächenbelegung konzentrieren. Automatisierungsfunktionen
können auch die Genauigkeit
verbessern und somit das Risiko rechtlicher Probleme
verringern sowie sicherstellen, dass alle
Mietverträge zügig erstellt werden.
EXPERTENBEITRÄGE 49
Visualisierung für strategische Planungen
Moderne Visualisierungstools sind in der heutigen
Einzelhandelslandschaft von unschätzbarem
Wert. Plattformen mit detaillierten Grundrissen
und interaktiven Plänen ermöglichen Asset Managern
die Visualisierung aktueller und potenzieller
Belegungen und unterstützen so die strategische
Planung und effiziente Flächennutzung.
Diese Tools sind unerlässlich, um jeden Quadratmeter
optimal zu nutzen und Möglichkeiten für
Erweiterungen oder Umbauten zu ermitteln, die
dem sich ändernden Verbraucherverhalten gerecht
werden.
Foto: Adobe Stock
Aufbau langfristiger Partnerschaften
Das Kundenerlebnis im Einzelhandel geht über
die Zufriedenheit der Verbraucher hinaus und
umfasst auch die Pflege starker Mieterbeziehungen.
Eine umfassende Software für die Verwaltung
von Handelsimmobilien bietet eine zentrale
Plattform für die Nachverfolgung von Mieterpräferenzen,
Mietbedingungen und Interaktionshistorie,
so dass die Manager einen personalisierten
und zuverlässigen Service anbieten können.
Dieser ganzheitliche Ansatz erhöht die Zufriedenheit
der Mieter und schafft langfristige Loyalität,
die für eine konstante Auslastung und Einnahmequelle
unerlässlich ist. Die Retail Manager
erhalten Einblick in die Organisation jedes einzelnen
Mieters, was eine individuelle Kommunikation
und engere Beziehungen zu den Stakeholdern
ermöglicht. Dies reduziert die Fluktuation
und fördert eine stabile Mieterbasis.
Retail-Manager können sich durch KI-gestützte Technologie
auf wertschhöpfende Tätigkeiten konzentrieren.
Innovative Technologie im Einzelhandel
Eine einheitliche Plattform für das Management
von Handelsimmobilien, die alle wichtigen
Funktionen von der Vermietung bis zur Mieterbetreuung
integriert, ist entscheidend für einen
effizienten und zukunftsfähigen Einzelhandel.
Plattformen mit mobilem Zugriff ermöglichen
es Asset Managern, von überall aus in Kontakt zu
bleiben und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Sie können sofort auf die Bedürfnisse der Mieter
reagieren und Besichtigungen mit aktuellen
Daten durchführen.
Zukunftsfähigkeit bedeutet nicht nur mit Veränderungen
Schritt zu halten, sondern Innovationen
im Einzelhandel aktiv voranzutreiben.
ZUR PERSON
Richard Gerritsen ist seit mehr als
26 Jahren in leitenden Positionen
im Bereich Finanzen und Vertrieb
bei verschiedenen niederländischen
und US-amerikanischen
Technologieunternehmen tätig.
Seit seinem Wechsel zu Yardi im
Jahr 2005 ist er als Senior Director
für Business Development und
Vertrieb im europäischen Raum
verantwortlich und hat dazu beigetragen,
dass die Europa Niederlassungen
von Yardi immer stärker
wachsen konnten.
50 EXPERTENBEITRÄGE
Christoph Andexlinger
Was sich niemals ändern
darf – Fokus Kunde!
In einer zunehmend digitalen Welt bleibt der stationäre Handel unverzichtbar –
bei weitem nicht mehr nur als Ort des Einkaufens, sondern als Plattform für Begegnungen,
Emotionen und erlebbare Innovationen in der realen Welt – kurz: als
Ort, den die Menschen lieben. Der Schlüssel liegt in einer klaren Fokussierung auf
die Kundenbedürfnisse, gepaart mit Mut, Experimentierfreude und der Balance
zwischen Bewährtem und Neuem. Emotion ist und bleibt der entscheidende Vorteil
gegenüber dem Onlinehandel und damit auch die Basis, mit der stationäre
Konzepte auch in Zukunft Erfolg haben werden.
Der stationäre Handel im Wandel
Menschen wollen unter Menschen sein – eine Erkenntnis,
die gerade durch die Unerfüllbarkeit
dieses Wunsches während der Pandemiejahre
auf beeindruckende Weise den Praxistest bestanden
hat. Stationäre Einkaufsorte, allen voran
Shopping-Malls, kombinieren die analoge Stärke
des Erlebnisses mit den Vorteilen digitaler Technologien.
Gleichzeitig durchlebt die Handelslandschaft
eine tiefgreifende Transformation:
Pandemie, hohe Arbeitskosten, Störungen in den
Lieferketten und hohe Zinsen zwingen die Branche
zur Konsolidierung des Standortportfolios
mit der Konsequenz, dass es zukünftig weniger
stationäre Handelsorte geben wird, die verbleibenden
jedoch stärker als bisher frequentiert
sein werden – eben weil Menschen unter Menschen
sein wollen, ihnen zukünftig dafür aber
weniger Orte zur Verfügung stehen.
Diese Entwicklung bietet bei aller Wehmut aber
auch Chancen: Kleinunternehmen, Familienbetriebe
und Start-ups profitieren von neuen
Standortmöglichkeiten, während schon bisher
kundenfokussierte Händler und Mall-Betreiber
ihre diesbezüglichen Stärken voll zur Geltung
bringen. Die notwendige, gewichtige Ergänzung
mit erlebnis-, service-, gesundheits- und entertainmentorientierten
Angeboten jenseits des
klassischen Handels ist dabei jedoch Grundvoraussetzung
für eine zukunftsfähige Entwicklung.
Fokus Kunde – Der Schlüssel zum Erfolg
Was sich bei allem Wandel im Handel nie verändert,
aber auf Onlineplattformen mit abertausenden
Angeboten zu ein und demselben Suchbegriff
oftmals übersehen wird, ist die ureigenste Aufgabe
von Retailern: das Kuratieren bzw. Vorselektieren
im Hinblick auf spezifische Kundengruppen.
Damit reduzieren Händler die Komplexität
des Angebots und bieten gleichzeitig Orientierung.
In letzter Konsequenz schaffen Sie dadurch
auch die Basis jeder erfolgreichen Marke: eine
klare Positionierung, wodurch sowohl sie selbst
als auch die Kunden wissen, wofür der Händler
steht. Dieses Kuratieren hört naturgemäß nie
auf, vielmehr erfolgt dadurch die notwendige,
kontinuierliche Anpassung und Optimierung des
Sortiments. Für uns als Mall-Betreiber stehen
unter dem Titel „Kunde“ gleich drei Hauptstoßrichtungen
im Fokus: Die Besucher, Shoppartner
und Eigentümer.
Emotion und Erlebnis – der USP des stationären
Handels
Shopping-Destinations müssen heute Erlebnisräume
sein, in denen Eigenschaften wie Freude,
EXPERTENBEITRÄGE 51
Spaß, Interessantes, Innovatives, Überraschendes,
aber auch Gewohntes tief verwurzelt sind.
Das größte Kompliment für uns als Betreiber solcher
Destinations ist, wenn unsere Besucherinnen
und Besucher unsere Orte lieben und sie als
festen Bestandteil ihres Alltags wahrnehmen. Um
dorthin zu kommen, benötigt es tagtäglich ein
leidenschaftliches und engagiertes Team.
Innovation und Technologie – der Weg in die
Zukunft
Die Verschmelzung von digitaler und analoger
Welt ist Fakt – und das ist gut so. Shopping-Malls
nutzen digitale Tools wie smarte Apps und hybride
Konzepte, um das Kundenerlebnis anzureichern.
Künstliche Intelligenz bietet enorme
Möglichkeiten: von Standortanalysen über die
Optimierung von Flächennutzungen bis hin zur
Gebäudesteuerung.
Die Grundlagen für den erfolgreichen Einsatz
von KI in unserer Branche sind eine äußerst hohe
Datenqualität sowie eine strategische, nicht reaktive
Herangehensweise. Wir haben uns zum
Ziel gesetzt, KI nicht grundsätzlich auszulagern,
sondern entsprechendes Know-how innerhalb
unserer Organisation aufzubauen. Prognosen
zeigen das Wachstumspotenzial: Die globalen Investitionen
in KI sollen bis 2028 auf 631 Mrd. USD
ansteigen (Quelle: PwC Strategy&). Der Handel
gehört dabei zu den Top-3-Branchen in der Anwendung
von KI-Technologien.
Mut und Experimentierfreude – neue Konzepte
ausprobieren
Shopping-Malls sind ideale Experimentier-Plattformen
für innovative Konzept- und Produktideen.
Sie bieten den hochqualifizierten Raum
und das entsprechende Publikum, um neue
Ideen zu testen, bevor größere Investitionen getätigt
werden. Dabei geht es um gut durchdachte
Experimente, die auf fundierten Analysen basieren.
Mut, gepaart mit Ausdauer und Gelassenheit,
ist hier gefragt.
Kooperationen und multifunktionale Nutzung
Erfolgreiche, pulsierende Handelsstandorte benötigen
– wenn sie als echte Lebensräume angedacht
sind - eine Mischung aus internationalen
Magnetbetrieben und regionalen Anbietern, die
eine starke Verbindung zur jeweiligen Region
schaffen. Nutzungsangebote, die eine breite Vielfalt
an Funktionen erfüllen können, gewinnen an
Bedeutung. Als Beispiel dafür kann die Integration
von Gesundheitsparks in Shopping-Centern
sein, wie wir sie in der SES demnächst erstmals
mit einem rund 3.000 Quadratmeter großen
Konzept gemeinsam mit einem der Top-Player
aus der Gesundheitsbranche in einer unserer
Malls realisieren.
Vision 2030 – Handel für kommende
Generationen
Ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges
Handeln, gepaart mit dem Fokus auf höchster
Kundenrelevanz, sind nach meinem Dafürhalten
die Grundlage für eine erfolgversprechende,
langfristige Perspektive für den Handel der Zukunft.
Wir müssen Entscheidungen so treffen,
dass sie auch für die übernächste Generation
sinnvoll sind oder ihr zumindest keine Nachteile
daraus erwachsen. Dass dies möglich ist, davon
bin ich überzeugt.
ZUR PERSON
Christoph Andexlinger ist CEO
der SES Spar European Shopping
Centers GmbH, die Teil der
SPAR Österreich-Gruppe ist und
in sechs europäischen Ländern
aktuell 31 Shopping-Destinations
betreibt. Seit 1998 im Konzern,
startete Andexlinger als Leiter
Marketing im EUROPARK Salzburg,
wurde dort Center-Manager
und avancierte zum Head of Center
Management bei Gründung der
SES im Jahr 2007. 2021 wurde er in
die SES Geschäftsführung berufen,
der er seit 2023 als CEO vorsteht.
Er ist zudem Obmann des Austrian
Council of Shopping Places (ACSP)
und Board Member des European
Council of Shopping Places (ECSP).
54 EXPERTENBEITRÄGE
Dr. Rainer Burbulla
Handel und Bandel oder
Wirtschaft im Wandel –
neue Wege beschreiten!
Bandel ist bekannt für seine historische Bandel-Kirche, eine beliebte Pilgerstätte
für Christen, und berühmt für seine köstlichen lokalen Süßigkeiten und Snacks,
was es zu einem großartigen Ziel sowohl für religiösen als auch für kulinarischen
Tourismus macht. Anziehungspunkte sind auch für den stationären Einzelhandel
entscheidend und das namentlich in Krisenzeiten. Neue Herausforderungen wie
der fortdauernde Ukraine-Krieg, die Folgen der Energiekrise, der demographische
Wandel, Klimaschutz, Insolvenzen, Leerstand in Innenstädten und zuletzt
politische Krisen sowie die aktuelle geopolitische Lage belegen die Aktualität
des Sprichwortes „Handel ist Wandel bzw. ohne Wandel kein Handel“.
Es gilt, sich den neuen Rahmenbedingungen zu
stellen und daraus etwas zu machen, und zwar
vorrangig mit neuen städtebaulichen Konzepten.
Erforderlich ist hierzu ein gemeinschaftliches
Zusammenwirken zwischen öffentlicher Hand
und privater Wirtschaft, was vermehrt zu verzeichnen
ist. Der Anfang ist verschiedentlich also
gemacht. Diese neuen Wege sollten tatsächlich
auch weitergegangen werden.
1. Behandlung von „ungünstigen Rahmenbedingungen“
in der Immobilienwirtschaft in der
Rechtsprechung
Nach der Rechtsprechung sind die derzeitigen
(Gesamt-)Umstände in der Immobilienwirtschaft
(Nachwirkungen der Corona-Pandemie, Ukraine-
Krieg, Zinserhöhungen, Baukostensteigerungen,
Personalmangel etc.) auf der einen Seite zwar
sehr gravierend, auf der anderen Seite haben Unternehmen
derartige Risiken aber zumindest bis
zu einem gewissen Grad stets einzukalkulieren,
so dass Kündigungsrechte aus wichtigem Grund
(§ 314 BGB) bzw. Vertragsanpassungen wegen
Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 BGB) im
Grundsatz nicht in Betracht kommen. Auch wenn
sich viele Akteure an eine dauerhafte Geltung extrem
niedriger Zinsen gewöhnt hatten, war doch
bekannt, dass Zinssteigerungen weiter möglich
sind, zumal Inflationsgefahren auch vor dem
Ukraine-Krieg bestanden, die durch den Ukraine-Krieg
nur weiter verschärft wurden. Von einer
Erschütterung der Sozialexistenz kann ebenfalls
nicht gesprochen werden, wenn in einem anderen
Land Krieg herrscht oder sich eine Katastrophe
ereignet und eine Leistungserschwerung
oder -unmöglichkeit in Deutschland eintritt. Es
bleibt also Aufgabe der jeweiligen Akteure, mit
neuen Konzepten Anziehungspunkte in Innenstädten
zu schaffen. Denn der stationäre (Einzel-)
Handel wird auch in der Zukunft eine zentrale
Anlaufstelle bleiben.
2. Gemeinsame Konzepte
Um eine Stärkung dieser Anlaufstelle zu errei-
EXPERTENBEITRÄGE 55
chen, wird es entscheidend auf das weitere Zusammenspiel
zwischen privater Wirtschaft, also
(Handels-)Unternehmen, Projektentwicklern
und der öffentlichen Hand, vorrangig der Politik
ankommen.
Städten und Kommunen fehlt es beispielsweise
nicht selten am Know-How von Projektentwicklern,
was sich vermehrt in den Ankaufsfällen leerstehender
Karstadt-Warenhäuser durch Städte
und Kommunen gezeigt hat. Es reicht nicht allein,
ein leerstehendes Warenhaus anzukaufen, sondern,
um die Immobilie wiederzubeleben, bedarf
es angepasster und zukunftsorientierter Konzepte,
die sich wiederum von den Städten und
Kommunen oftmals nicht „ohne externe Hilfe“
erstellen und realisieren lassen. Hierzu gehören
geeignete Vermietungskonzepte und das Aufzeigen
weiterer Nutzungsmöglichkeiten wie etwa
Umnutzungen von Gewerbeflächen in Wohnraumflächen.
Zum Teil werden auch von den Behörden
nicht mehr ausgiebige Büroflächen und
-gebäude infolge verstärkter Tätigkeit im Home-
Office benötigt mit der Folge, dass vermehrt große
(behördliche) Bürogebäude leer stehen wer-
den und sich hier ebenfalls die Frage nach einer
Nachumnutzung stellt.
Im Zusammenhang mit der Um- und Nachnutzung
leerstehender Gebäude stellt sich eine weitere
Thematik und zwar die Frage nach der Stadtverträglichkeit
von Verkehrsaufkommen. Kunden
haben nicht Lust, im Verkehr „stecken zu bleiben“
und sodann durch überfüllte Geschäfte zu drängeln.
Dann bestellen sie lieber online. Der Zusammenhang
von Leerständen in Innenstädten mit
dem Online-Handel ist bekannt.
Zurückdrehen lässt sich diese Entwicklung nicht.
D.h., dass nicht nur die Attraktivität und die Aufenthaltsqualität
der Innenstädte entscheidende
Faktoren für den stationären Einzelhandel sind,
sondern auch Fragen nach geeigneten Verkehrskonzepten.
Auch hier gilt es gemeinsame Wege zu
finden, um ein „richtiges“ Zusammenspiel von
öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV), Fahrrad-
und Autoverkehr zu ermöglichen. Park- &
Ride-Parkplätze außerhalb der Stadtteilzentren
mit einem gut funktionierenden öffentlichen
Foto: Adobe Stock
Entscheidend für die Aufenthaltsqualität der Innenstädte sind auch geeignete Verkehrskonzepte.
56 EXPERTENBEITRÄGE
Personennahverkehr wären der richtige Ansatz.
Falsch ist es, (weitere) Streichungen im ÖPNV
vorzunehmen bzw. Fahrradwege ohne Weiteres,
d.h. ohne hinreichende alternative Verkehrskonzepte
zu schaffen.
Ein nach wie vor dringendes Thema betrifft die
Schaffung von Wohnraum gerade in den Innenstädten,
also etwa die Nachverdichtung und die
Innenentwicklung. Auch hier bietet es sich an,
leerstehende Gebäude einer attraktiven „Mischnutzung“
aus Wohnen und Gewerbe zuzuführen.
Denkbar ist etwa die Umwandlung gewerblicher
Obergeschosse in Wohnräume in Innenstadtlagen.
Die Einbeziehung von Gastronomie ist in diesem
Zusammenhang ebenfalls ein richtiger und
wichtiger Schritt, um die Attraktivität zu steigern.
Die Vereinfachung von (behördlichen) Genehmigungsverfahren
nach dem BauGB (BauGB-Novelle)
bzw. den entsprechenden landesrechtlichen
Bauordnungen im Zuge dieser Umwandlungen ist
zu begrüßen. Angezeigt ist dann aber weiterhin,
dass konkret in den (Bau-)Ämtern von bereits
umgesetzten Erleichterungen tatsächlich auch
Gebrauch gemacht wird, also Baugenehmigungen
erteilt werden. Hierzu bedarf es wiederum Mut.
Letztlich steht bei all den anstehenden Maßnahmen
die Finanzierbarkeit im Raum. Gerade
in Zeiten „knapper Kassen“ erscheinen die dringend
anstehenden Maßnahmen oftmals als „Herkulesmaßnahme“.
Denn die bundesweit sinkenden
Steuereinnahmen zeitigen Auswirkungen auf
Städte und Gemeinden. Die finanziellen Aspekte
rechtfertigen jedoch keinen Stillstand. Im Gegenteil:
Bleibender Leerstand führt dazu, dass auch
die Umsätze im Handelsumfeld sinken mit der
Folge weiterer finanzieller Einbußen der Städte
und Kommunen (geringere Gewerbesteuer).
3. Fazit
Positiv ist zu konstatieren, dass sowohl Projektentwickler,
(Handels-)Unternehmen und Städte
und Kommunen die aktuellen Probleme erkannt
haben und oftmals auch der Wille bei den jeweiligen
Akteuren nach einem gemeinsamen Handeln
vorhanden ist. Beispiele zeigen, dass Städte
und Kommunen den Schritt einer Kooperation
mit Projektentwicklern vermehrt gehen, wie die
Revitalisierung des ehemaligen Kaufhof-Gebäu-
des in den „Stadthof Hanau“ in der Stadt Hanau
zeigt. Dieser Schritt ist gut und richtig, um neue
Anziehungspunkte für den stationären Handel in
Innenstadtlagen zu schaffen, also den Versuch zu
wagen, die Innenstädte wieder zu beleben.
Nunmehr geht es darum, diesen Willen und diese
Schritte weiter umzusetzen. Die hierzu erforderlichen
Maßnahmen sind ebenfalls nicht neu.
Es handelt sich um Entbürokratisierung, vor allem
die Vereinfachung baurechtlicher Vorgaben
und letztlich geht es um den Mut, „neue Wege
beschreiten zu wollen“. Als sich bereits um 1600
portugiesische Händler in Bandel niederließen
und (neue) Anziehungspunkte schafften, stand
gleichfalls Mut im Raum. Dieser Mut ist aktuell
gefragt. Die Zeiten, in denen Kommunen zuwarten
konnten, bis irgendwann nach mehreren
Versuchen ein Investor mit einer Idee des Wegs
kommt, die allen Fraktionen recht ist, sind jedenfalls
vorbei und auch rechtlich bleibt es dabei,
dass die Kommunen verpflichtet sind, ihrem Planungserfordernis
nachzugehen (§ 1 Abs. 3 BauGB).
ZUR PERSON
Dr. Rainer Burbulla ist Partner
der Sozietät Langguth & Burbulla
Rechtsanwälte PartG mbB in
Düsseldorf. Langguth und Burbulla
Rechtsanwälte ist eine auf
das Immobilienwirtschaftsrecht
spezialisierte Boutique-Kanzlei,
die Projektentwickler, Bestandshalter,
Vermieter und Mieter
in allen Bereichen des gewerblichen
Mietrechts, des öffentlichen
und privaten Baurechts und
des Grundstücksrechts berät. Zu
den Tätigkeiten gehören u.a. die
Ausgestaltung, Verhandlung und
Abwicklung von Gewerberaummietverträgen,
Bau- und Architektenverträgen
sowie Grundstückskaufverträgen,
sowie die
Begleitung von Bauleitplan- und
Genehmigungsverfahren bei Einzelhandelsimmobilien.
BROCKHOFF RETAIL –
37 JAHRE ERFAHRUNG IN DER
VERMIETUNG UND IM VERKAUF
VON IMMOBILIEN IN
DEUTSCHEN INNENSTÄDTEN.
Unser Team kennt jede Einkaufsstraße in ganz
Deutschland und ist auf die Vermietung
von Ladenlokalen in 1A-Lagen sowie den
Verkauf von Geschäftshäusern und
Fachmarktzentren spezialisiert.
Sprechen Sie uns an! Wir finden die optimale Lösung
für Ihre einzelhandelsgenutzte Immobilie!
Brockhoff GmbH
Engelbertstr. 43
D-45139 Essen
Telefon: +49 (0)201 81092-0 | E-Mail: info@brockhoff.de | Web: www.brockhoff.de
@brockhoff_immobilien
@Brockhoff GmbH
58 EXPERTENBEITRÄGE
Marcus Seybold
Digitalisierung
als Wendepunkt:
Filialmanagement
neu denken
Die Digitalisierung wirkt wie ein Katalysator, der Branchen weltweit transformiert
und Unternehmen vor die Frage stellt: Wie lassen sich die Chancen neuer
Technologien nutzen, um effizienter, nachhaltiger und letztendlich auch wirtschaftlicher
agieren zu können?
Im Filialmanagement, wo sinkende Budgets und
steigende Anforderungen zunehmend den Handlungsspielraum
einschränken, wird diese Herausforderung
besonders deutlich. Die Antwort
liegt indes nicht in einer einzelnen Technologie,
sondern in einem durchdachten Zusammenspiel:
Künstliche Intelligenz entfaltet ihr Potenzial erst,
wenn sie mit moderner Software, Automatisierung
und datengetriebenen Analysen kombiniert
wird. Ergänzt durch agiles Projektmanagement,
optimierte Prozesse und eine klare Strategie entsteht
ein System, das zukunftsfähig ist und nachhaltig
wirkt. Doch wo genau schlummern ungenutzte
Potenziale?
Portfoliomanagement und Expansion
Nach den Umbrüchen der Corona-Pandemie
bietet die Digitalisierung auch im stationären
Handel neue Chancen, um sich in einem krisengeschüttelten
Markt zu behaupten. Während
Insolvenzen Verkaufsflächen freisetzen, nutzen
internationale Marken aus Europa, Asien und
den USA diese Gelegenheiten zur Expansion in
Deutschland. Für deutsche Händler eröffnen
sinkende Mietpreise und verfügbare Top-Lagen
ebenfalls Möglichkeiten, um Expansionsvorhaben
strategisch voranzutreiben. Allerdings sind
fundierte Analysen und eine präzise Finanzplanung
entscheidend, um Risiken wie unvorteilhafte
Mietverträge zu vermeiden.
Der Einsatz von künstlicher Intelligenz wird es
ermöglichen, Szenarien zu simulieren und das
ideale Umfeld für neue Standorte zu ermitteln,
wodurch sich die Abhängigkeit von bloßer Erfahrung
und Branchenwissen deutlich verringert.
Mietverträge und Nebenkosten
Der Einsatz digitaler Technologien eröffnet nicht
nur Einsparpotenziale in der operativen Steuerung,
sondern auch im Bereich der Nebenkostenprüfung.
Erfahrungsgemäß sind Nebenkostenabrechnungen
häufig fehlerhaft und selbst
für Immobilienprofis schwer nachvollziehbar.
Unsere Analysen zeigen, dass bei der erstmaligen
Prüfung bei etwa 70 bis 80 Prozent der Abrechnungen
Fehler auftreten. Dabei werden im
Durchschnitt rund 10 Prozent der Nebenkosten
zu hoch angesetzt, in Einzelfällen sogar bis zu 30
Prozent.
EXPERTENBEITRÄGE 59
Foto: echolot pr
Hier bietet der Einsatz von digitaler Technologie
einen erheblichen Mehrwert: Sie ist in der Lage,
typische Fehlerquellen in Nebenkostenabrechnungen
zu erkennen, von unzulässigen Umlageschlüsseln
bis hin zu nicht plausiblen Kostenansätzen.
Jede Rechnung kann systematisch und zuverlässig
geprüft werden, wodurch Fehlbeträge identifiziert
und direkt korrigiert werden können. Gleiches
gilt, wenn es um die Einhaltung von Fristen
oder die Bearbeitung von Kündigungs- oder Verlängerungsoptionen
von Mietverträgen geht.
Neben der Fehlererkennung schafft dies für Retailer
auch Transparenz: Automatisierte Prüfberichte
und übersichtliche Analysen ermöglichen
es, komplexe Abrechnungen einfach nachzuvollziehen.
Gleichzeitig wird der manuelle Prüfaufwand
minimiert, was nicht nur Kosten spart,
sondern auch die Abrechnungsgeschwindigkeit
erhöht. Die Digitalisierung macht es so möglich,
Nebenkosten nicht nur zu kontrollieren, sondern
aktiv zu optimieren – ein entscheidender Schritt
hin zu einem effizienten und kostenbewussten
Immobilienmanagement.
Facility Management
Generell gilt der Grundsatz, dass 80 Prozent der
Kosten im Lebenszyklus einer Immobilie auf die
Betriebskosten wie beispielsweise Energie oder
die Instandhaltung entfallen. Genau hier setzt die
Digitalisierung an: Sie bietet erhebliche Einsparpotenziale,
indem sie Prozesse effizienter gestaltet.
Von der präzisen Steuerung von Energie- und
Wartungsplänen über die datenbasierte Auswahl
passender Handwerker bis hin zum bewussten
Umgang mit Ressourcen wie Wasser. Häufig
scheitern Effizienzgewinne jedoch an fehlender
Transparenz und einer lückenhaften Kommunikation.
Mithilfe KI-gestützter Software lassen
sich Anfragen automatisch bearbeiten: Kunden
können so beispielsweise den Reparaturstatus
und die voraussichtliche Dauer einsehen, während
Routineaufgaben diskret im Hintergrund
abgewickelt werden.
Damit solche Systeme ihr volles Potenzial entfalten,
ist kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung
entscheidend. Mit jeder neuen Information
steigt die Präzision, so dass Schwachstellen wie
ineffiziente Wartungsintervalle oder unnötige
Kosten erkannt und Abläufe gezielt optimiert
werden. Auch Daten über Dienstleister wie Fahrtkosten
oder Qualifikationen können integriert
werden, um weitere Einsparungen zu erzielen.
ZUR PERSON
Auch dem stationären Handel bietet die Digitalisierung zahlreiche Chancen
Marcus Seybold ist Gründer
und Geschäftsführer der Seybold
GmbH, Marktführer im Bereich
Filialmanagement. Er verfügt über
langjährige Handelserfahrung sowie
in der Etablierung effizienter
Abläufe in den Bereichen Objektmanagement,
Nebenkosten und
Mietverträge.
60 EXPERTENBEITRÄGE
Björn Rieger
Prozesse der Zukunft:
Mehr Effizienz durch
Digitalisierung und KI im
Property Management!
Als Dienstleister sind unsere Teams aus Fachkräften und Experten im Property
Management, die wichtigsten Bausteine, um als Unternehmen erfolgreich zu
sein. Aufgabe für uns als Unternehmen aktuell und in Zukunft ist, diese wertvollen
Personalressourcen viel effizienter einzusetzen, nämlich dort und bei Tätigkeiten,
wo sie wirklich gebraucht werden.
Der Fachkräftemangel betrifft auch unsere Branche
und wir müssen schauen, dass wir Talente
nicht mit Aufgaben beschäftigen, die sich viel
sinnvoller und schneller durch ausgeklügelte
KI-unterstützte Digitallösungen erledigen lassen.
Unser Ziel: ressourcenraubende Prozesse
– sowohl in Bezug auf Zeit als auch auf Personal
– erheblich zu optimieren. In der weiteren
Digitalisierung und der unterstützenden Einbindung
von KI in unseren Prozessen, sehen wir
ausschließlich Vorteile - dies ist ein ganz klares
strategisches Ziel in unserer Unternehmensentwicklung!
Einige Beispiele:
KI-Projekt: Automatisierte Bearbeitung
von Rechnungsdokumenten und Sachkonten-
Zuordnung
Mithilfe von KI soll die Verarbeitung von Rechnungsdokumenten
automatisiert werden, inklusive
der präzisen Zuordnung von Sachkonten.
Dies dient dazu, die Rechnungsbearbeitung erheblich
zu beschleunigen und den Aufwand bei
der Erstellung von Nebenkostenabrechnungen
deutlich zu reduzieren. Dadurch wird eine höhere
Effizienz und Zeitersparnis im gesamten Prozess
erreicht.
KI-Projekt: Optimierung der Startphase für neue
Mandate und Objekte
Im Rahmen der Startup Phase steht ein Team
oft vor der Herausforderung, große Mengen an
Dokumenten aus übergebenen Datenräumen zu
sichten und auszuwerten. Ziel ist es, mithilfe von
KI schnell einen strukturierten Überblick über
die vorhandenen Unterlagen zu gewinnen, um
gezielt fehlende Dokumente identifizieren und
nachfordern zu können. Dadurch wird der Einstieg
in neue Projekte effizienter gestaltet und
die zeitlichen Ressourcen des Teams geschont.
KI-Projekt: Einholung von Vergleichsangeboten
bei Handwerksleistungen.
Ein zentraler Punkt ist die Vereinfachung der
Einholung von Vergleichsangeboten für Handwerksleistungen,
die derzeit zeitaufwendig und
personalintensiv ist. Ziel ist es, diesen Prozess
durch die Kombination menschlicher Expertise
und KI effizienter zu gestalten, ohne die Transparenz
und Branchenstandards zu gefährden.
Ein optimierter Prozess macht das zeitintensive
Einholen von Vergleichsangeboten nun überflüssig.
Der Einsatz von KI ermöglicht hier eine
weitgehend automatisierte Vorabprüfung vieler
EXPERTENBEITRÄGE 61
Foto: Adobe Stock
Angebote und Rechnungen, sodass von Dokumenteneingang
bis zur vollständigen Prüfung in
der Regel nur wenige Tage bis Stunden vergehen.
Bei auffälligen Belegen (sowohl sachlicher Natur
als auch bei regionen- oder branchenunüblichen
Preisen) wird automatisch eine Detailprüfung
durch einen der über 50 festangestellten Handwerksexperten
unseres Kooperationspartners
aus mehr als einem Dutzend Gewerken angestoßen
und etwaige Unstimmigkeiten direkt geklärt.
Dadurch werden unnötige Touchpoints mit
Auftraggebern vermieden und so auch dort Ressourcen
geschont sowie sichergestellt, dass keine
utopischen Preise veranschlagt werden.
Sind keine Vergleichsangebote zu bekommen,
sichern sich die Property Manager von HEI-
CO allerdings mit den zu jeder Prüfung durch
unseren Kooperationspartner (Property Expert)
übermittelten ausführlichen Prüfberichten gegenüber
Eigentümern und Investoren ab, dass
das vorgeschlagene Angebot zuverlässig und umfassend
geprüft wurde. Aufgrund des immensen
Volumens an Vergleichsdaten aus den jeweiligen
Bereichen entspricht das Ergebnis des Prüfprozesses
einer teilweise tausendfachen Angebotseinholung
und Prüfung gegen den deutschen
Durch ausgeklügelte KI-unterstützte Digitallösungen lassen sich zahlreiche
Prozesse optimieren.
Gesamtmarkt, die die manuelle Einholung weiterer
Vergleichsangebote überflüssig macht. Diese
teilautomatisierte Angebotsprüfung stellt eine
vielversprechende Option dar, die neben der digitalen
Auswertung von Mietverträgen und der
Digitalisierung, KI-basierten Optimierung wesentlicher
Prozesse der Buchhaltung und Nebenkostenabrechnung
einen neuen, moderneren
Branchenstandard darstellen könnte.
ZUR PERSON
Björn Rieger stieg 1998, damals
noch im Bereich Facility Management,
bei HEICO ein.
Nach der Übernahme eines Portfolios
mit mehr als 190 Objekten,
war der Grundstein für die heutige
HEICO Property Partners
gelegt. 2009 wurde Björn Rieger
Geschäftsführender Gesellschafter
und konnte nach weiterer Expansion
neben Retail- auch immer
mehr Office-Portfolien übernehmen.
Heute ist HEICO Property
Partners führender Property Manager
in Deutschland, wenn es um
die Verwaltung von gewerblich genutzten
Immobilien geht. Ca. 140
Experten sind an neun Standorten
in Deutschland aktiv und betreuen
ca. 500 Objekte mit rund 2.700
Mietern, in 3,5 Mio. qm Mietfläche.
Die Leistungen wurden im Property
Management Report (Bell Consultants)
schon dreimal mit dem 1.
Platz und einmal mit dem 2. Platz
bestätigt (Assetklasse Büro mittel).
Die Themen KI und ESG intern,
aber auch durch Engagement in
der gesamten Branche voranzutreiben
ist Ziel und Anspruch für
die Zukunft!
62 EXPERTENBEITRÄGE
Florian Vetter
GEIG & EPBD:
Ladesäulenpflicht
für den Handel
Die Energy Performance of Buildings Directive (EPBD) und das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz
(GEIG) stehen vor neuen gesetzlichen Anforderungen. Offiziell bekannt
als Richtlinie 2024/1275, setzt die EPBD neue Maßstäbe für die Energieeffizienz von Gebäuden
in der EU. Diese aktualisierte Version, die seit dem 28. Mai 2024 in Kraft ist, ist Teil
des Klimaprogramms „Fit for 55“ und ein zentrales Element des European Green Deals, der
Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll. Die EU-Mitgliedstaaten haben nun
zwei Jahre Zeit, um die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Die neuen Anforderungen
der EPBD erweitern und verschärfen die Bestimmungen des GEIG erheblich.
Energieeffiziente und emissionsfreie Gebäude
Die EPBD zielt darauf ab, den Energieverbrauch
und die Treibhausgasemissionen von Neubauten
und Bestandsgebäuden signifikant zu reduzieren.
Diese Neuerungen erweitern das GEIG und
bauen auf der Vorgängerversion aus dem Jahr
2010 auf, mit einem besonderen Fokus auf die
energieintensivsten Gebäude. Bis 2050 soll der
Gebäudebestand in der EU energieeffizient und
nahezu emissionsfrei gestaltet werden.
Ladesäulenpflicht für Nicht-Wohngebäude
Gebäudeeigentümer und -betreiber müssen sich
auf strengere Vorgaben einstellen. Die EPBD
unterscheidet zwischen Wohngebäuden und
Nicht-Wohngebäuden. Bis 2030 müssen Nicht-
Wohngebäude unterhalb eines Energieeffizienz-
Schwellenwerts von 16 Prozent liegen, ab 2033
unterhalb von 26 Prozent . Konkret bedeutet das,
dass der Energieverbrauch eines Nicht-Wohngebäudes
bis 2030 um mindestens 16 Prozent unter
dem heutigen Niveau liegen muss.
Zudem fördern die Regelungen nachhaltige
Mobilitätslösungen durch Bestimmungen zur
Ladeinfrastruktur, zu Ladepunkten für Elektrofahrzeuge
und zu Fahrradstellplätzen. Vorverkabelungen
werden zum Standard für neue und
renovierte Gebäude.
Für neue oder umfassend renovierte Nicht-
Wohngebäude mit mehr als fünf Parkplätzen gelten
folgende Vorgaben:
Neue / renovierte Nicht-Wohngebäude:
- Anwendungsschwelle: Ab fünf Stellplätzen
- Ladeinfrastruktur Anforderungen: ein Ladepunkt
pro fünf Stellplätze, ein Ladepunkt pro
zwei Stellplätze für Bürogebäude
- Vorverkabelung: Vorverkabelung für 50 Prozent
der Stellplätze; Schutzrohre für die übrigen Stellplätze
- Besonderheiten & frühere Regelungen:
• EPBD 2018: Schutzrohre für 20 Prozent der
Stellplätze
• GEIG: Leitungsinfrastruktur für ein Drittel
der Stellplätze und eine Ladesäule
EXPERTENBEITRÄGE 63
Bestehende Nicht-Wohngebäude:
- Anwendungsschwelle: Ab 20 Stellplätzen
- Ladeinfrastruktur Anforderungen: ein Ladepunkt
pro zehn Stellplätze oder
- Vorverkabelung: Vorverkabelung für 50 Prozent
der Stellplätze
- Besonderheiten & frühere Regelungen:
• GEIG: Stichtag 1. Januar 2025 für einen Ladepunkt
verpflichtend
• zukünftige EPBD-Übernahme unklar
Novellierung des GEIG durch die EPBD
Die EPBD erweitert und verschärft die Bestimmungen
des GEIG deutlich. Während das GEIG
sich hauptsächlich auf die Ladeinfrastruktur für
Elektrofahrzeuge in Neubauten und bei größeren
Renovierungen fokussiert, setzt die EPBD umfassendere
Ziele für die Energieeffizienz und Dekarbonisierung
des gesamten Gebäudebestands.
Dies schließt nicht nur die Installation von Ladepunkten
ein, sondern auch umfangreiche Maßnahmen
zur energetischen Sanierung und zur
Nutzung erneuerbarer Energien in Gebäuden.
Die neuen Anforderungen der EPBD beinhalten
detailliertere Pflichten für die Vorverkabelung
und den Einbau von Ladepunkten sowie Fahrradstellplätzen,
die über die bisherigen GEIG-
Vorgaben hinausgehen. Da die novellierte EPBD
bis zum 28. Mai 2026 in nationales Recht umgesetzt
werden muss, erfordert es auch einer Novelle
des GEIG.
Umsetzung der Ladesäulenpflicht
Die Umsetzung der Ladesäulenpflicht für Unternehmen
und Nicht-Wohngebäude ist ein entscheidender
Schritt, um nach aktueller Gesetzeslage
GEIG-konform zu werden. Darüber hinaus
trägt die Aufwertung von Standorten durch Ladeinfrastruktur
zur Erfüllung von Nachhaltigkeitszielen
und Energieeffizienzanforderungen
der EPBD bei.
Schnellladeinfrastruktur von EnBW
Der Energieversorger EnBW übernimmt an geeigneten
Standorten sämtliche Kosten für Planung,
Betrieb und Wartung von Schnellladeinfrastruktur.
Kooperationspartner stellen lediglich
den Standort zur Verfügung und profitieren von
den Vorteilen moderner Hochleistungs-Ladeinfrastruktur
und zusätzlichen Pachterlösen für die
zur Verfügung gestellten Flächen.
ZUR PERSON
Foto: ENBW
Für Nicht-Wohngebäude besteht eine Ladesäulenpflicht.
Florian Vetter ist ein erfahrener
Experte im Bereich nachhaltige
Energieinfrastruktur und Elektromobilität
und arbeitet seit 2014 bei
der EnBW Energie Baden-Württemberg
AG. Er hat als Projektleiter
in der Produktentwicklung begonnen,
war später Product Owner
für Demand Side Management und
Chief Commercial Officer für das
Virtuelle Kraftwerk der EnBW. Seit
Juli 2023 leitet er das Standortmanagement
Ladeinfrastruktur und
ist für den strategischen Ausbau
der Schnellladeinfrastruktur, die
Standortbetreuung, den Partnerservice
und das Liegenschaftsmanagement
verantwortlich.
64 EXPERTENBEITRÄGE
Sebastian Müller
Big Data im Parken
schafft neue Chancen
für Handelsimmobilien
Eine Parkfläche ist mehr als ein Ort zum Abstellen des Fahrzeugs – sie ist der oft
unterschätzte Einstieg in die Customer Journey. Zukunftsfähige Handelsimmobilien
nutzen diese Chance: Mit intelligenten Technologien und digitalen Lösungen
wird das Parken nicht nur nachhaltiger und kundenfreundlicher, sondern zu
einem echten Wettbewerbsvorteil. Und damit zur Basis für gesteigerte Kundenzufriedenheit
und langfristigen Erfolg.
Von Parkplatz zu Wettbewerbsvorteil? Das sind
die wichtigsten Stellschrauben:
1. Parkraum smart bewirtschaften
Viele Märkte befinden sich in zentraler Lage und
ziehen dadurch nicht nur Kunden an, sondern
auch andere Parkplatznutzer – etwa Pendler,
Anwohner oder Innenstadtbesucher. Besonders
ärgerlich sind diese Fremdparker, wenn ihre tatsächliche
Kundschaft keine freien Plätze mehr
findet.
Eine professionelle Parkraumbewirtschaftung
schafft Abhilfe. Schlanke, kamerabasierte Systeme
bieten eine moderne Alternative zu klassischen
Schranken- und Ticketlösungen. Diese
traditionellen Ansätze sind oft wartungsintensiv,
störanfällig und führen insbesondere in Stoßzeiten
zu Rückstaus.
gleich zur Schrankenanlage. Auch eröffnet es die
Möglichkeit, zusätzliche Einnahmen zu generieren,
indem Nicht-Kunden eine Parkgebühr entrichten.
Auf diese Weise werden Fremdparker
ferngehalten, die Wirtschaftlichkeit des Marktes
gesteigert und es wird dafür gesorgt, dass Kunden
schnell und stressfrei einen Parkplatz finden
– für ein rundum positives Einkaufserlebnis.
2. Geeigneten Partner wählen
Mit der Wahl des Park-Dienstleisters steht und
fällt der Erfolg des Parkraummanagements. Ein
kompetenter Partner stellt nicht nur zuverlässige
Technologien zur Seite, sondern auch persönliche
Ansprechpartner. Aus unserer zehnjährigen
Erfahrung wissen wir: Nur durch einen direkten
Dialog lassen sich maßgeschneiderte Lösungen
entwickeln, die auf die spezifischen Anforderungen
Ihres Standorts optimal abgestimmt sind.
Ein digitales Parksystem hingegen ermöglicht
einen reibungslosen Verkehrsfluss ohne Anhalten
und weist gleichzeitig ein deutlich geringeres
Investitionsniveau auf – nur ein Drittel im Ver-
Ein echter Erfolgsfaktor: Es sollte geschultes
Personal zur Verfügung gestellt werden, das vor
Ort im Einsatz ist und die Parkfläche zusätzlich
kontrollieren kann. Insbesondere bei Inbetrieb-
EXPERTENBEITRÄGE 65
nahme des für manche Nutzer in Deutschland
noch neuen FreeFlow-Systems ist diese Präsenz
vor Ort wichtig. Der Auftraggeber sollte einen
Ansprechpartner vor Ort haben, um gerade die
zu Beginn auftretenden Rückfragen schnell klären
zu können.
Auch ein transparentes Kulanzsystem sollte fester
Bestandteil des Parksystems sein, um die
Kundenbindung zu stärken und potenzielle Konflikte
zu minimieren. Wir bei fair parken setzen
dabei unter anderem auf angemessene Karenzzeiten,
die es der Kundschaft ermöglichen, im
Markt unbesorgt zu bummeln und zu plaudern
– ohne die Höchstparkdauer minutengenau im
Blick behalten zu müssen.
erfolgreiches Parkraummanagement ist daher
die Nutzung datenbasierter Einblicke.
Ein Praxisbeispiel: Unser schrankenloses FreeFlow-Parksystem
erfasst die Parkvorgänge, indem
die Kennzeichen an Ein- und Ausfahrt
von einer Kamera ausgelesen werden. Irreversible,
DSGVO-konforme Datenverschlüsselung
ermöglicht, dass unser Auftraggeber seinen
Standort noch besser kennenlernt. So können
datenbasierte Aussagen über Auslastung, Aufenthaltsdauer,
Herkunft, Umsatz und Stammkunden
getroffen werden.
3. Datenbasierte Einblicke nutzen
In der heutigen Zeit sind Daten ein wertvolles
Gut. Wer sie gezielt einsetzt, verschafft sich einen
klaren Wettbewerbsvorteil und kann Prozesse
optimal auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zuschneiden.
Ein weiterer Schlüsselfaktor für ein
ZUR PERSON
Sebastian Müller ist Bereichsleiter
Gebührenpflichtiges Parken
bei der fair parken GmbH (Düsseldorf).
Foto: Adobe Stock
Der Komfort in deutschen Parkhäusern – gerade auch von größeren Handelsimmobilien – hat deutlich zugenommen.
66 EXPERTENBEITRÄGE
Albert Roelen
Die Handelsimmobilie der
Zukunft: Von isolierten
Systemen zum lebenden
Organismus
Bei einem Gespräch mit Branchenpartnern kam das Thema E-Mobilität auf.
‚Das ist doch nur ein vorübergehender Hype‘, meinte einer der Anwesenden mit
Überzeugung. ‚In unseren Centern werden wir keine Ladesäulen installieren - die
Leute fahren bald wieder Verbrenner.‘ Diese Begegnung hat mich nachdenklich
gemacht. Nicht wegen der E-Mobilität - die Zahlen sprechen da eine eindeutige
Sprache. Sondern weil sie exemplarisch zeigt, wie gefährlich es ist, fundamentale
Veränderungen zu ignorieren. Die wahre Revolution steht uns nämlich erst
bevor: Die Transformation der Handelsimmobilie von isolierten Systemen zum
lebenden, sich selbst optimierenden Organismus.
Ein Beispiel macht die Revolution greifbar: Die
moderne Handelsimmobilie versteht und antizipiert
ihre Besucherströme. Sie erfasst die von
Menschen abgestrahlte Wärme, während KI-
Systeme komplexe Besuchermuster analysieren
und aus historischen Daten lernen, wie sich die
Wärmeentwicklung über verschiedene Tageszeiten
und Wochentage verteilt. An verkaufsoffenen
Sonntagen oder während Sonderaktionen bereitet
sich das System proaktiv vor: Die Heizleistung
wird automatisch angepasst, die Frischluftzufuhr
entsprechend der erwarteten Frequenz optimiert.
Das intelligente Zusammenspiel aus Sensorik,
KI, Datenanalyse und vorausschauender
Steuerung schafft maximalen Besucherkomfort
bei gleichzeitig deutlich verbesserter Wirtschaftlichkeit
durch optimierten Ressourceneinsatz.
Kleine Sensormodule an Aufzugsanlagen erkennen
frühzeitig drohende Defekte. Die Systeme
lernen kontinuierlich voneinander und entwi-
ckeln ein „Bewusstsein“ für ihre optimale Funktionsweise.
Die zentrale KI analysiert nicht nur
Datenströme, sondern erkennt komplexe Muster
- wie Wettereinflüsse auf Besucherverhalten
- und koordiniert vorausschauend Wartung und
Reinigung.
Die Revolution der Automatisierung
Die wohl sichtbarste Entwicklung ist der Einsatz
humanoider Roboter im Facility Management.
Von Boston Dynamics Atlas bis zum Tesla Optimus
entstehen Systeme, die nahezu alle handwerklichen
Aufgaben übernehmen können - rund
um die Uhr und ohne Ausfallzeiten.
Als Teil des vernetzten Systems kommunizieren
diese Roboter untereinander und mit der zentralen
KI, optimieren ihre Routen und passen
sich flexibel an. Das reduziert nicht nur Kosten,
sondern revolutioniert die gesamte Dienstleis-
EXPERTENBEITRÄGE 67
terstruktur. Für etablierte Marktteilnehmer bedeutet
dies: Anpassen oder verschwinden. In den
nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir erleben,
wie viele traditionelle Dienstleister massiv
schrumpfen oder ganz vom Markt verschwinden
werden. Gleichzeitig eröffnen sich neue Chancen
für innovative, technologiegetriebene Unternehmen.
Nachhaltigkeit durch intelligente Vernetzung
keiten der Nachhaltigkeitssteuerung. Predictive
Maintenance verhindert energieintensive Störfälle,
intelligentes Besucherstrommanagement
optimiert Klimatisierung und Belüftung, während
automatisierte Verbrauchserfassung erstmals
wirklich granulare ESG-Reportings ermöglicht.
Diese Transparenz ist die Grundlage für kontinuierliche
Verbesserung und macht Nachhaltigkeit
zu einem messbaren, steuerbaren Prozess statt
einem abstrakten Ziel.
Foto: Adobe Stock
Die ESG-Transformation und die digitale Vernetzung
sind untrennbar miteinander verbunden.
Erst die intelligente Integration aller Systeme ermöglicht
echte Nachhaltigkeit. Die KI-gesteuerte
Vernetzung schafft dabei völlig neue Möglich-
Der Weg in die Zukunft
Als Geschäftsführer erlebe ich täglich, wie Kostendruck
und Fachkräftemangel die Branche
herausfordern. Die Kombination aus vernetzten
Systemen, KI und Robotik ist keine Zukunftsvision
mehr, sondern unsere Antwort auf diese
realen Herausforderungen.
Nehmen wir die Wartung: Heute koordinieren wir
noch aufwendig verschiedene Dienstleister und
zahlen Nachtzuschläge. In zehn Jahren werden
Roboter nachts automatisch die Tiefgarage streichen,
während Sensoren uns frühzeitig über anstehende
Aufzugsreparaturen informieren. Das
spart Kosten und sichert konstante Qualität.
Die nächsten Jahre werden zeigen, wer diesen
Wandel aktiv gestaltet – und wer den Anschluss
verliert. Eines ist klar: Die Zeit des Abwartens ist
vorbei. Wer heute nicht anfängt, seine Immobilien
als lebende, lernende Systeme zu begreifen, wird
morgen nicht mehr relevant sein.
ZUR PERSON
Im Facility Management können Roboter eingesetzt werden,
die nahezu alle handwerklichen Aufgaben übernehmen.
Albert Roelen ist Geschäftsführer
und Gründer-Sohn der City Immobilien
Verwaltungs GmbH &
Co. KG. Seit 2008 hat er aber auch
Hard- und Software-Lösungen mit
internationalen Partnern entwickelt
und erkannt, dass die digitale
Transformation eine wesentliche
Rolle in der Handelsimmobilienbranche
spielt, um innovative Lösungen
für die Verwaltung, Mieter
und den Betrieb der Gebäude anzubieten.
68 EXPERTENBEITRÄGE
Uwe Großmann
Alle können die Kosten
für Strom und Wärme
zweistellig senken
Etliche Handelsunternehmen beklagen hohe Energiekosten und strengere Umweltregeln
für den Betrieb ihrer Immobilien. meteoviva liefert dafür Antworten:
Die digitalen Lösungen optimieren den Energieverbrauch und die Klimabilanz
von Verkaufsflächen weltweit – und das von allein.
Die fortschreitende Digitalisierung, sich schnell
ändernde Kundenbedürfnisse, neue Pflichten zur
Nachhaltigkeit und der anhaltende Preisdruck –
der Transformationsprozess, in dem sich der
Handel befindet, ist vielschichtig. Um im Wandel
zu bestehen, gilt es, mehr und mehr vernetzt zu
denken. Digitalisierung, Wirtschaftlichkeit und
Nachhaltigkeit greifen besonders gut ineinander,
wenn es um den effizienten und möglichst klimaverträglichen
Betrieb einer Handelsimmobilie
geht. Dabei ist ein Denken über den gesamten
Lebenszyklus eines Objekts hinweg für ein profitables
Geschäft erforderlich.
Energiekosten der Verkaufsflächen in den Griff
bekommen
Eine der wichtigsten Stellschrauben sind dabei
die Betriebskosten. Der Energieverbrauch für
Strom und Wärme eines mittelgroßen Shopping
Centers liegt bei durchschnittlich 150 kWh pro
Quadratmeter.
Laut einer aktuellen EHI-Studie sind die Klimatisierung
und Lüftung im Nonfood-Bereich mit 28
Prozent der zweitgrößte Stromverbraucher nach
der Beleuchtung. Hinzu kommt noch die Wärmeerzeugung.
Das alles belastet nicht nur das Betriebskostenbudget,
sondern verursacht auch
enorme Treibhausgasemissionen.
Wissen ist Macht – Daten erst recht
Doch wie lässt sich der Energieverbrauch dauerhaft
reduzieren, ohne Kompromisse beim Klima
im Shopping Center zu machen? Bekanntlich
hat die Raumluftqualität enorme Auswirkungen
auf die Aufenthaltsqualität und Kundenverweildauer.
In der Praxis funktioniert das sehr gut mit
datengestützten Technologien, die gebäuderelevante
Daten sammeln, intelligent miteinander
verknüpfen und so die Performance von Immobilien
optimieren. Die Technologie von meteoviva
berücksichtigt zum Beispiel Gebäudedaten und
die Anforderungen der Eigentümer bzw. Mieter
an Luftwechsel und Raumklima, um die Anlagentechnik
mithilfe von digitalen Prozessen und
Algorithmen vorausschauend zu steuern. Für
die Optimierung wird ein digitales Simulationsmodell
des Gebäudes erstellt, ein sogenannter
digitaler Zwilling. Ob CO2-Emissionen senken,
Energiekosten minimieren oder extreme Raumklimastabilität
sicherstellen – verschiedene Zielgrößen
lassen sich in der Optimierung berücksichtigen.
Amortisation bereits nach weniger als zwei
Jahren
Ein auf Basis von künstlicher Intelligenz (KI)
und Simulationsmodellen gesteuerter Gebäude-
EXPERTENBEITRÄGE 69
betrieb ist längst kein Hexenwerk mehr. Unsere
digitalen Lösungen sind mit vielen verfügbaren
Gebäudesystemen kompatibel. Zusätzliche
Hardware wird nicht benötigt. Sie kann also direkt
im laufenden Betrieb integriert werden. In
der Praxis lassen sich mit dem System von meteoviva
in Büroimmobilien mit angeschlossenen
Handelsflächen bis zu 40 Prozent der Betriebskosten
für Heizung, Kühlung und Lüftung einsparen.
Auch bei reinen Handelsimmobilien sind
Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich
Standard. Aufgrund der erzielten Einsparungen
rentiert sich die Anschaffung zudem schnell. Im
Berliner Shopping Center „Das Schloss“ lag die
Amortisationszeit der meteoviva Investition bei
nur 1,3 Jahren.
Daten effizient nutzen
Ist das Computermodell einmal erstellt und
eine digitale Verbindung zum Gebäude hergestellt,
lassen sich das Modell und die generierten
Daten über den gesamten Lebenszyklus hinweg
für verschiedene andere Anwendungen nutzen.
Dazu zählen etwa das technische Monitoring und
Energiemanagement. Die in Echtzeit gelieferten
Daten ermöglichen es, Störungen in technischen
Anlagen frühzeitig zu identifizieren und Zählerstände
und Verbrauchsdaten immer im Blick zu
haben. Auch eine optimierte Maßnahmenplanung
oder eine Steuerung des Energiebezugs mit
dynamischen Stromtarifen ist möglich.
KI statt Excel
Bisher ist die Realität bei Handelsimmobilien
indes noch alles andere als smart. Statt Daten
in Echtzeit zu analysieren, werden Energieverbrauchsdaten
von vielen Immobilien weiterhin
überwiegend händisch in Excel-Tabellen gesammelt.
Störungen im Gebäudebetrieb werden nur
manuell erfasst, oft nach mühseliger Suche nach
den Fehlerquellen. All das kostet nicht nur unnötig
personelle Ressourcen. Eine unvollständige,
veraltete oder fehlerhafte Datenlage macht einen
dauerhaft effizienten Betrieb von Handelsimmobilien
sowie ein aussagekräftiges ESG-Reporting
beinahe unmöglich. In 70 Prozent aller gewerblichen
Objekte werden Verbrauchsdaten noch
manuell erfasst. Das kostet unnötig Zeit und personelle
Ressourcen.
Daten mieten und Energiekosten sparen
Vernetzt zu denken, bedarf keiner hohen Investitionskosten.
Waren die Nutzung von KI und eine
modellgestützte Betriebsoptimierung bislang
nur für große Handelsobjekte wie Shopping Center
attraktiv, lassen sich mittlerweile auch kleinere
Gebäude mit Plug-&-Play Lösungen unkompliziert
und schnell energetisch optimieren. Die
smarten Lösungen werden oft zudem als Mietmodell
angeboten. Dadurch können die Eigentümer
ihren Bestand schrittweise an neue digitale
Prozesse anpassen.
Foto: Deka Immobilien.
„Das Schloss“ in Berlin – die digitale Lösung von meteoviva verwandelte das
41.329 m² große Shoppingcenter in ein smarteres und nachhaltigeres Gebäude.
ZUR PERSON
Uwe Großmann ist Geschäftsführer
der meteoviva GmbH in
Aachen. Er verfügt über 30 Jahre
Managementerfahrung in der Gebäudeindustrie,
im Energiemarkt
und in der Servicepartner-Industrie,
zuletzt als Bereichsleiter bei
Siemens Building Technologies.
Seit 2018 ist er stellvertretender
Vorsitzender der Initiative „Energieeffiziente
Gebäude“ des BDI.
70 EXPERTENBEITRÄGE
Philipp Ellrich
Leerstand adé: Mit digitalem
Matching zur erfolgreichen
Standortfindung
Der Einzelhandel steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die durch technologische
Entwicklungen, veränderte Konsumgewohnheiten und globale Krisen
wie die COVID-19-Pandemie verstärkt wurden. Um im aktuellen Marktumfeld
erfolgreich zu sein und wettbewerbsfähig zu bleiben, sind grundlegende Veränderungen
und innovative Strategien erforderlich.
Das Thema Digitalisierung ist hierbei der Schlüssel,
denn es ist nicht nur ein Trend, sondern eine
Notwendigkeit. Der Online-Handel hat in den
letzten Jahren exponentiell zugenommen und
die Verbraucher erwarten eine nahtlose Omnichannel-Erfahrung.
Einzelhändler müssen ihre
Online-Präsenz stärken und digitale Vertriebskanäle
nutzen. Dies umfasst die Optimierung von
E-Commerce-Websites, den Einsatz von Social
Media und die Implementierung von Click-and-
Collect-Optionen. Aber auch für eine effektive
Innenstadtentwicklung und die optimale Standortsuche
ist Digitalisierung unerlässlich. Aus
diesem Grunde haben wir die digitale Matching-
Plattform entwickelt, die mittels Algorithmus
vernetzt, was zusammengehört – leerstehende
Ladenflächen und potenzielle Nachmieter.
Mit der zunehmenden Digitalisierung steigt auch
die Sorge um den Datenschutz. Einzelhändler
müssen sicherstellen, dass sie die Daten ihrer
Kunden verantwortungsvoll und sicher behandeln.
Transparente Datenschutzrichtlinien und
die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben sind unerlässlich,
um das Vertrauender Verbraucher zu
gewinnen. Auch wir legen großen Wert auf den
Datenschutz und garantieren den Usern unserer
datengeschützten Matching-Plattform einen sensiblen
Umgang mit ihren Daten.
Ein weiteres wichtiges Element ist die Personalisierung
der Kundenerfahrung. Verbraucher
suchen zunehmend nach maßgeschneiderten
Einkaufserlebnissen. Einzelhändler sollten Datenanalysennutzen,
um das Kaufverhalten zu
verstehen und personalisierte Angebote zu erstellen.
Dies kann durchgezielte Werbung, maßgeschneiderte
Empfehlungen und personalisierte
Kundenansprache geschehen. Technologien wie
Künstliche Intelligenz (KI) können helfen, diese
Anpassungen in Echtzeit vorzunehmen.
Einer der wichtigsten und notwendigen Veränderungen
ist der Wandel zu einem erlebnisorientierten
Einzelhandel. Der stationäre Einzelhandel
muss sich von einer reinen Verkaufsfläche zu
einem Erlebnisort wandeln. Verbraucher suchen
zunehmend nach einzigartigen Einkaufserlebnissen,
die über das bloße Kaufen hinausgehen.
Events, Workshops und interaktive Produktpräsentationen
können helfen, Kunden in die Geschäfte
zu ziehen und die Markenbindung zu
stärken. Ein ansprechendes Ladenlayout und ein
gutes Ambiente sind auch wichtig, um ein posi-
EXPERTENBEITRÄGE 71
tives Einkaufserlebnis zu schaffen. Innovative
Konzepte sind ebenfalls essenziell für den Einzelhandel.
Wir bieten aus diesem Grund die „Hall
of Inspiration“ als digitales Schaufenster für Nutzungskonzepte
mit dem gewissen Etwas, die inspirieren
und Lust auf mehr machen. Hier finden
Kommunen, Wirtschaftsförderungen und Immobilienbesitzer
aus ganz Deutschland besondere
Konzepte mit Potenzial zur Nachahmung. Konzepte
mit Erfolgsstrategien, von denen unsere
Innenstädte mehr brauchen.
Die Veränderungen im Einzelhandel erfordern
ein Umdenken in vielen Bereichen. Erfolgreiche
Einzelhändler werden diejenigen sein, die bereit
sind, sich anzupassen, neue Technologien zu integrieren
und die Bedürfnisse ihrer Kunden in
den Mittelpunkt zu stellen. Durch die Kombination
von Digitalisierung, Personalisierung und
einem starken Fokus auf Kundenerlebnissen können
Einzelhändler nicht nur überleben, sondern
auch florieren.
Einzelhändler sollten innovative Ansätze entwickeln
und ihre Geschäftsstrategien anpassen.
Unsere Matching-Plattform wäre einer dieser
Ansätze für flächensuchende Einzelhändler und
Gastronomen, denn sie bietet ihnen die Möglichkeit,
ihre Ideen für die Nachnutzung von
Leerständen kostenlos und standortunabhängig
einzustellen und das mit geringem initialem
Aufwand. Für belebte Innenstädte und einen gestärkten
Einzelhandel!
INFOBOX
Stellen Sie sich eine Plattform vor, die vernetzt,
was zusammengehört – wie eine
digitale Partnerbörse für einsame Innenstädte.
Leerstehende oder leerfallende
Ladenflächen treffen auf ihre passenden
Nachmieter – einfach & effizient. It´s
a match! Für diese digitale Lösung gegen
Leerstand, die Matching-Plattform für die
Immobilienwirtschaft, wurden die Leerstandslotsen
im September in der Kategorie
„Konzepte und Services für Mieter
und Nutzer“ mit dem PropTech Germany
Award 2024 ausgezeichnet. Das Unternehmen
steht für nachhaltiges Ansiedlungsmanagement
im Sinne einer lebendigen
Innenstadt. Die Plattform garantiert
eine zielgerichtete Individualakquise,
Branchenvielfalt, einen umfangreichen
Marktüberblick und ein passgenaues
Matching zwischen Ladenflächen und
ihren Nachmietern. So werden Leerstände
nachhaltig gefüllt, der regionale Handel
gestärkt und die Innenstadtentwicklung
zukunftsweisend gefördert.
ZUR PERSON
Philipp Ellrich ist Geschäftsführer
der LLASM Technology GmbH.
Diskussion &
Interviews
76 INTERVIEWS
Prof. Dr. Gerrit Heinemann
Überregulierung hält Retailer
von Kundenfreundlichkeit ab
Er ist bekannt für Klartext, wenn es um die Lage des deutschen Einzelhandels geht. Professor
Gerrit Heinemann (Hochschule Mönchengladbach) zählt zu den bekanntesten Retailexperten
im deutschsprachigen Raum, mit einer über 20-jährigen Handelspraxis, u.a. im Management
von Douglas und Kaufhof. Im Interview äußert er sich zu den vielfältigen Herausforderungen
und Neuentwicklungen und verrät, wie er die weitere Entwicklung des stationären Marktes
sieht.
Hinter dem stationären Handel liegen sehr herausfordernde
Zeiten, aber vor ihm noch immer
genauso. Oder ist das Schlimmste schon
überstanden?
Prof. Gerrit Heinemann: Nein, das ist noch
nicht überstanden. Wenn man das sich wieder
verschlechternde Konsumklima betrachtet, ist
es noch lange nicht vorbei, insbesondere vor
dem Hintergrund der politischen Hängepartie
und der zu erwartenden protektionistischen
Maßnahmen.
Es wird immer davon geredet, dass es darauf
ankomme, sich den Kundenbedürfnissen anzupassen.
Doch die ändern sich schneller als
es einem lieb ist. Worauf kommt es heutzutage
wirklich an, um als Retailer längerfristig Erfolg
zu haben?
Prof. Gerrit Heinemann: Wenn man über Kundenfreundlichkeit
spricht, ist es entscheidend,
dass man auch wirklich versteht, was die Kunden
von heute möchten. Das ist, auf digitaler
Basis, den Einkauf vorbereiten zu können,
vielleicht auch im Self-Check-Out bezahlen zu
können - ohne jemanden ansprechen zu müssen.
Und vor allem ist es, aufgrund der sich
verschlechternden Konsumsituation, wichtig,
preiswert zu sein – das heißt nicht billig um jeden
Preis, aber preiswert. Nach wie vor gilt die
Devise: Das Sortiment ist Herz des Handels. Und
wer ein schlechtes Sortiment vielleicht noch zu
überhöhten Preisen besitzt, hat keine Zukunftschancen.
Bei Neuentwicklungen oder Revitalisierungen
großer Multi-Use-Immobilien kommt es fast
immer zu genehmigungs- oder verwaltungstechnischen
Verzögerungen oder Komplikationen.
Sehen Sie das als Dauerthema der nächsten
Jahre oder wird die neue Regierung für
relativ zeitnahe Verbesserungen sorgen?
Prof. Gerrit Heinemann: Multi-Use hört sich
gut an und scheint auch im Trend zu liegen,
aber Multi-Use bedeutet für die Vermieter nach
wie vor eine deutliche Reduzierung der Mieten,
und das dürfte nicht allen Vermietern schmecken.
Weswegen die sich für das Multi-Use-
Thema nicht allzu sehr öffnen dürften. Und zum
Thema Politik möchte ich gegenfragen, warum
es da Verbesserungen geben sollte. Die Politik
redet seit Jahren davon, aber so gut wie nichts
wird umgesetzt. Im Gegenteil: Die Situation verschlimmert
sich. Zum Beispiel der dramatische
Anstieg der Überbürokratisierung in Deutschland,
vor allem in den letzten zwei Jahren unter
INTERVIEWS 77
der Ampelkoalition. Das dürfte sicherlich für
uns in Deutschland ein fast schon unlösbares
Problem sein.
Vielfach hakt es auch im Verhältnis zwischen
Eigentümern bzw. Investoren und den Betreibern
von Handelsimmobilien, vor allem hinsichtlich
Modernisierungsmaßnahmen, die
ordentlich ins Geld gehen. Dies kann ziemliche
Auswirkungen auf das Stadtbild, speziell in den
Einkaufsstraßen, haben, wenn die Attraktivität
zunehmend schwindet. Müssen die Städte hier
mehr Eigeninitiative ergreifen und können Sie
das überhaupt?
Prof. Gerrit Heinemann: Ja und nein. Wenn ich
mir die Bauruinen der Signa-Gruppe anschaue,
dann ist es in einem laufenden Insolvenzverfahren
nicht möglich, dass Städte eingreifen.
Deswegen kann dieser Dämmerzustand Jahre
dauern. Wenn ich allerdings normal betriebene
Immobilien und Leerstände in Städten betrachte,
dann kommt der Leerstand vielfach
durch eine vorgeschriebene Handelsnutzung zu
stande, die von Städten sofort geändert werden
kann. Schaue ich mir dagegen funktionierende
Innenstädte in den Niederlanden an, dann gibt
es da einen viel stärkeren Durchgriff von Städten
mit Mietvorgaben bis hin zur Enteignung.
Was, wie mir aus dem Bauministerium gesagt
wurde, auch in Deutschland möglich ist, wovor
sich allerdings die Kommunalpolitiker – aus
welchen Gründen auch immer – scheuen.
Der Anforderungskatalog an Retailer und Manager
von Retail-Immobilien hat sich stark
verändert. Digitalisierung, KI-Nutzung, ESG
und Dekarbonisierung bekommen größere
Bedeutung. Das hat auch Konsequenzen, was
die älteren „Hausaufgaben“ betrifft, die dann
gerne vernachlässigt werden. Kundenservice
und Entertainment-Angebote werden zwar als
unverzichtbar genannt, doch längst nicht immer
gut umgesetzt? Was sollte aus Ihrer Sicht
Priorität haben?
Prof. Gerrit Heinemann: Was Sie gerade geschildert
haben, betrifft ja wieder den wirklich
schrecklichen Punkt der Überregulierung, der ja
beim Datenschutz anfängt und bei einer Vielzahl
Prof. Dr. Gerrit Heinemann
von Verboten endet. Vor allem aber - und das
ist der eigentliche Punkt – und das wird auch
in einem kürzlich veröffentlichten Beitrag der
Neuen Zürcher Zeitung dargestellt – bindet die
Überregulierung mittlerweile einen großen Teil
der Arbeitsressourcen – von über 20 Prozent ist
da die Rede und die hält in der Tat Unternehmen
davon ab, Kundenfreundlich zu sein und
die Dinge zu tun, die getan werden müssen.
Auf der anderen Seite gibt es eine regelrechte
Technologie-Explosion, welcher der Handel und
auch die mobilen Betreiber ausgesetzt sind. Da
haben wir es in vielen Fällen mit einer richtigen
digitalen Überforderung zu tun, wo es im Grunde
auch keinen Lösungsansatz gibt.
Insolvenzen und damit verbundener Leerstand
belasten die Attraktivität des stationären Einzelhandels
in den Innenstädten so stark wie
selten. Hinzu kommt, dass viele ältere Inhaber
von Einzelhandelsunternehmen große Schwierigkeiten
haben, die Nachfolge zu regeln. Auch
das kann zum letztlichen Aus des Ladens bzw.
der Ladenkette führen. Welche Prognose geben
Sie für die kommenden drei Jahre ab, wieviel
Prozent der Läden auf der Strecke bzw. noch
übrigbleiben werden?
78 INTERVIEWS
Prof. Gerrit Heinemann: Ich geh mal etwas
weiter als drei Jahre zurück, denn so genau lässt
sich das nicht bestimmen. Der Online-Handel
zieht ja wieder an und wächst deutlich stärker
als der stationäre Handel. Deswegen gehe
ich davon aus, dass sich meine These, dass alle
Non-Food-Warengruppen, die ja auch die Innenstädte
prägen, sich irgendwann bei 50 Prozent
Online-Anteil einpendeln werden. Für die
Innenstädte könnte das – wenn man das hochrechnet
– nochmal ein Umsatzabschluss von der
Fläche von bis zu 30 Prozent bedeuten und auch
zu entsprechenden Leerständen führen.
Gibt es in diesem Zusammenhang sonst noch
etwas, das Ihnen auf dem Herzen liegt?
Prof. Gerrit Heinemann: Der Föderalismus
funktioniert theoretisch gut, wenn diejenigen
Politiker, die Entscheidungen treffen, auch für
die Finanzierung geradestehen. Das sogenannte
Konnexitätsprinzip ist aber ausgehebelt, insbesondere
vor dem Hintergrund der immer noch
ungelösten Flüchtlingspolitik. Was dazu führt,
dass Städte und Gemeinden das Versagen der
EU und der bundespolitischen Ebene auslöffeln
müssen und damit auch nicht das Geld zur Verfügung
haben, welches die Innenstädte benötigen.
Eines ist klar: Wir haben kein Erkenntnis-, sondern
– mangels fehlender finanzieller Ressourcen
–ein Umsetzungsproblem; und das liegt an
mangelnden finanziellen Ressourcen. Geld ist
im Grunde der eigentliche Grund, warum Dinge
nicht umgesetzt werden können, und das liegt
im Aushebeln des Föderalismus durch das Aushebeln
des Konnexitätsprinzips.
Foto: Adobe Stock
Das Sortiment ist das Herz des Handels.
Lassen Sie uns gemeinsam
Parkräume ohne Schranken d
Nachhaltige Bewirtschaftung o
Yield-Management für Mehrfa
(nachts, wochenends, feiertag
Digitale Bezahlmodelle für ska
Auslastungs- und Ertragsoptim
aus 10+ Millionen Ein-/Ausfah
Parken für neue Zeiten
Immer mehr Wohnquartiere, multifunktionale Flächen und neue Retailangebote
verändern die Innenstädte, die Mobilität – und die Anforderungen an Parkräume:
Parken muss heute flexibel für Betreiber und intuitiv für Kunden sein.
Lassen Sie uns gemeinsam das Parken neu denken:
Parkräume ohne Schranken dank KFZ-Kennzeichenerfassung
Nachhaltige Bewirtschaftung ohne Papier und Personal
Yield-Management für Mehrfachnutzung mit individuellen Tarifen
(nachts, wochenends, feiertags, zu Events …)
Digitale Bezahlmodelle für skalierbare Nutzungsmodelle
Auslastungs- und Ertragsoptimierung dank Erfahrungen
aus 10+ Millionen Ein-/Ausfahrten p.a.
Tran
wir I
+49 (0)
w.nuof
Transformieren
wir Ihren Parkraum!
+49 (0) 871 40 43 97-51
w.nuoffer@parken-und-management.de
Parkraumbewirtschaftung ohne Schranken
Parkraumüberwachung ohne Parkscheiben
www.parken-und-management.de
80 INTERVIEWS
Christoph Werner
Entscheidend ist, aus Zitronen
Limonade zu machen
Christoph Werner ist der älteste Sohn von dm-Gründer Götz W. Werner. Seit September 2019
ist er Vorsitzender der Geschäftsführung bei Deutschlands größter Drogeriemarktkette. Er
zählt zu den erfolgreichsten deutschen Unternehmern. Bevor er ins Unternehmen einstieg,
sammelte er 15 Jahre lang wertvolle Erfahrungen in der Markenartikelindustrie sowohl in den
USA als auch in Frankreich. Wie er über neueste Entwicklungen in seinem Unternehmen, aber
auch im gesamten stationären Einzelhandel denkt, erzählt er im Interview.
Herr Werner, Ihr Unternehmen genießt in der
Wahrnehmung der Kundinnen und Kunden einen
ganz besonderen Stellenwert in der deutschen
Einzelhandelslandschaft. Vor allem bei
den jungen Damen. Kenner der Szene behaupten
gar, deren Besuch eines innerstädtischen
Shopping Centers ist gar nicht mehr nötig,
wenn sie zuvor einen dm in einem Fachmarktzentrum
auf der Grünen Wiese aufsuchen
konnten. Der Erlebnisfaktor sei dann schon erfüllt.
Manche sagen auch flapsig, was der Baumarkt
für die Männer, ist dm für die Frauen.
Muss Sie das nicht sehr freuen?
Christoph Werner: Das freut uns in der Tat
sehr! Denn all unser Bemühen wäre vergebens,
wenn wir keine positive Kundenresonanz darauf
erfahren würden.
Bleiben wir noch ein wenig bei der Kundenbeliebtheit.
Stimmt es, dass zum Beispiel japanische
Touristen, sicher vornehmlich weibliche,
auch nach Deutschland reisen, um hier mal
einen Ihrer Märkte zu erleben? Falls ja, wie erklären
Sie sich das?
Christoph Werner: Von Fernflügen, extra um
bei dm einzukaufen, habe ich noch nicht gehört.
Wir beobachten allerdings, dass viele Menschen
aus Asien auch bei dm einkaufen, wenn sie in
Deutschland sind. Wahrscheinlich ist es die gute
Qualität und die günstigen Preise, die überzeugen.
Ihr Produktsortiment hat sich in den letzten
Jahren schon ein bisschen verändert. Zukünftig
sollen auch Medikamente bzw. medizinische
Artikel dazu kommen. Wird dm dann tatsächlich
auch zu einer Apotheke?
Sie sprechen Artikel an, die durch den Gesetzgeber
reguliert sind. Diese Gesetze gelten auch
für dm. Dass dm zu einer Apotheke wird, ist daher
derzeit nicht absehbar. Allerdings werden
wir 2025 in den Versandhandel mit rezeptfreien
Medikamenten einsteigen.
Auf den stationären Einzelhandel ist spätestens
seit Corona sehr viel eingeschlagen. Die Zahl
der Herausforderungen ist enorm gewachsen.
Wie empfinden Sie das? Was sind für Sie die
stärksten Beeinträchtigungen gegenüber der
Zeit vor der Pandemie?
Christoph Werner: Sie haben recht. Entscheidend
ist, aus Zitronen Limonade zu machen.
Das gelingt, indem wir uns verändern. Bei dm
ist uns das ganz gut gelungen, wie die aktuel-
INTERVIEWS 81
len Einkaufsfrequenzen und Durchschnittsbons
zeigen. Mit anderen Worten: wenn die Attraktivität
von bestehenden Standorten leidet, gilt es
mit dem dm-Markt umzuziehen. Wenn Menschen
zunehmend auch Online einkaufen wollen,
gilt es entsprechende Onlineservices anzubieten.
Wenn Kunden bei kleinen Einkäufen
lieber selbst abkassieren wollen, gilt es SB-Kassen
in den Kassenzonen zu installieren.
Foto: dm-drogerie markt GmbH + Co. KG
Auch das Stadtbild ist vielerorts stark verändert.
Wie kann dm dazu beitragen, für mehr Attraktivität
in den Innenstädten zu sorgen und
welche Tipps geben Sie den anderen Händlern?
Christoph Werner: Grundsätzlich gilt, dass wir
an den Orten sein wollen, die von Kunden aufgesucht
werden. Wenn wir vor Ort sind, investieren
wir in das Ladenlokal so, dass wir den
höchstmöglichen Umsatz realisieren können.
Christoph Werner ist seit September 2019 Vorsitzender
der dm-Geschäftsführung.
Foto:dm-drogerie markt GmbH + Co. KG
Täglich kaufen ca. 1,8 Millionen Kunden in den mehr als 1.950 dm-Märkten in Deutschland ein.
82 INTERVIEWS
Mein Ratschlag an andere Händler ist, genau auf
diese beiden Erfolgsfaktoren zu setzen. Denn
dann kann ein erfolgreiches Einzelhandelskonzept
wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit sichern
und die Attraktivität des Standortes zusätzlich
erhöhen.
Auf der anderen Seite gehen viele Einzelhandelsketten
rund um die Nahversorgung
den Weg, ihre Standorte auch außerhalb von
Shopping Centern zum Beispiel mit Wohnimmobilien
zu kombinieren. Ist das auch für Sie
interessant oder liegt im Mix von Assetklassen
(Wohnungen, Büros, Hotels plus Handel) vielleicht
sogar die Zukunft?
Christoph Werner: Es kommt immer auf die
konkrete Situation vor Ort an. Deswegen ist
es ratsam, sich die Verhältnisse und geplanten
Entwicklungen vor Ort genau anzuschauen, bevor
ein Mietvertrag unterschrieben wird.
Welche Rolle spielt bei Ihnen das Thema Nachhaltigkeit
oder neudeutsch ESG?
Christoph Werner: Wir erleben, dass es für unsere
Kundinnen und Kunden eine zunehmende
Relevanz hat. Was für unsere Kunden relevant
ist, das ist auch für uns relevant.
Wie soll die dm-Reise weitergehen? Mit Ihrem
persönlichen Einstieg in die Geschäftsführung
geht starkes Wachstum einher. Wie wollen Sie
expandieren? In der Schweiz zum Beispiel
wäre ja noch reichlich Potenzial …
Christoph Werner: Unsere Erkenntnis ist, dass
wir Größe und Stärke nicht verwechseln und
stets in die richtige Reihenfolge bringen sollten.
Denn aus Größe folgt nicht unbedingt Stärke.
Aber wenn Sie stark sind, können Sie Wachstum
kaum verhindern. Wichtig ist, dass wir uns
permanent erneuern, indem wir unsere Leistung
verbessern. Wenn wir darüber hinaus noch
überschüssige Kräfte haben und es Menschen
im Unternehmen gibt, die Freude an einem Einstieg
in weitere Länder haben und sich engagieren
wollen, dann steht dem auch bei dm nichts
im Wege.
Foto: Ubica Robotics
Digitale Technik, wie hier ein Roboter beim Scannen der Regale, hat bei dm schon lange Einzug gehalten.
Wir machen Marken. ad-mission.com
Corporate- & City-Marketing | Corporate-Design | KI gestützte Kreation | Branding
Mediaplanung | Events | Signage & Wegeleitung | Open-Space-Staging | Hologramm-Welten
Instagram-Spots | 3D-Folierung | Kinderkinos | Pop-Up-Galerien & Ausstellungen
84 INTERVIEWS
Iris Schöberl
Bestandsschutz ist bei
Umnutzungen immer häufiger
ein Schlüsselpunkt
Seit Sommer 2024 ist sie die neue Präsidentin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA):
Iris Schöberl. Sie trat die Nachfolge von Dr. Andreas Mattner an, der 15 Jahre an der Spitze
stand. Seit über 35 Jahren ist die Bayerin in der Branche aktiv, hauptberuflich als Managing
Director Germany bei Columbia Threadneedle Investments in München. 2023 wurde Iris Schöberl
mit dem ULI Leadership Award in der Kategorie „Immobilienwirtschaft“ ausgezeichnet.
Im Interview erzählt sie, was sie von Multi-Use-Immobilien und Flächenumwidmungen hält.
An vielen Standorten in Deutschland werden
gerade große Multi-Use-Immobilien sowie
Quartiere mit unterschiedlichen Nutzungsvarianten
geplant. Seitens der Entwickler und
Realisierer gibt es jedoch recht laute Kritik hinsichtlich
schwieriger Rahmenbedingungen, Da
geht es vielfach um gestiegene Baukosten, aber
auch rechtliche bzw. bürokratische Hürden.
Wie beurteilen Sie als neue ZIA-Präsidentin die
derzeitige Situation?
Iris Schöberl: Das Schlimme ist, dass es diese
Kritik schon länger gibt – weil sich auch schon
viel zu lange nichts tut. Es hilft ja nichts, wenn
große Mixed-Use-Immobilien oder Quartiere mit
vielfältigen Nutzungsvarianten zwar in den Köpfen
der Entwickler tolle Formen annehmen, aber
in der Praxis politische Entscheiderinnen und
Entscheider im Zeichen von Mikromanagement
und einer Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Haltung
weiterarbeiten wie bisher.
Dieses Denken ist in Kommunen übrigens besonders
verbreitet. Wir müssen Bauen und Sanieren
von Wohnungen und Gewerbe beschleunigen
und dringend die Bauvorschriften vereinfachen
– nicht ein bisschen, sondern grundlegend. Die
Anwendung die unzähligen DIN-Normen und
VDI-Richtlinien über die „allgemein anerkannten
Regeln der Technik“ hat sich in den letzten
Jahren nicht bewährt.
Ein anderes großes Thema sind derzeit die Flächenumwidmungen
der ehemaligen großen Warenhäuser
– insbesondere nach der Schließung
zahlreicher Galeria-Filialen. Was erwarten Sie,
wird schwerpunktmäßig passieren? Welche
Umnutzungsvarianten werden sich durchsetzen
und warum?
Iris Schöberl: Wir brauchen hier unbedingt echte
Dynamik. Nur erleben wir hier noch immer
zu oft „Kreativität trifft altes Denken“. Denn der
Umbau dieser Immobilien wird durch lange Umplanungs-
und Genehmigungszeiten plus übermäßige
Regelungsdichte eine sehr teure Sache
– weil der Bestandsschutz mit der Umwandlung
in eine andere Nutzung erlischt und zum Beispiel
viele Immobilien mit Auflagen des Denkmalschutzes
belegt sind.
Die wichtigste Frage ist jetzt also: „Wie lässt sich
mehr möglich machen?“ Beim klassischen Neubau
wie bei Fragen der Umnutzung und Nach-
INTERVIEWS 85
nutzung von Kaufhäusern oder Bürogebäuden ist
dies ein Schlüsselpunkt. An der Kernfrage wird
sich entscheiden, welche Varianten sich durchsetzen.
Der stationäre Einzelhandel und die Gastronomie
haben in der Vergangenheit viele ähnliche
Herausforderungen bewältigen müssen. Schaffen
sie es jetzt, gemeinsam Wege zu finden, wie
sie sich genseitig stärken und so auch die Innenstädte
wieder attraktiver machen können?
Foto:Highstreet Report
Iris Schöberl: Ganz klar: Das ist eine sehr wichtige
Aufgabe, noch besser zusammen zu bringen,
was schon heute gut zusammenpasst. Da geht es
nicht nur um zwei Wirtschaftszweige, sondern
auch um die Attraktivität der Innenstädte als
Orte von Spaß, sozialen Kontakten und Genuss.
Der Einzelhandel ist das Herz der City. Und damit
unfaire Nachteile die Situation nicht unnötig
schwer machen, müssen die Öffnungszeiten weiter
gelockert werden.
Neue ZIA-Präsidentin: Iris Schöberl
Denn sonst ist der stationäre Handel weiter chronisch
benachteiligt gegenüber dem Onlinehandel.
In einigen Regionen Deutschlands tut sich da
schon ein bisschen. Aber ich bin sicher: Da geht
mehr. Viel mehr.
Energetische Themen rückten zuletzt immer
mehr in den Vordergrund. Sie beeinflussen
nicht nur Neuentwicklungen großer Immobilien,
sondern auch den Bestand. Mögliche neue
gesetzliche Regelungen werden derzeit heiß
diskutiert. Wie ist hier Ihre Prognose, was passieren
wird und was erwarten bzw. fordern Sie
diesbezüglich von der Politik?
Iris Schöberl: Die Prognose hängt natürlich stark
davon ab, wie sich in Deutschland künftig politische
Mehrheiten bilden. Es gibt beim Neubau
aktuell eine viel zu starke Konzentration auf die
Gebäudehülle.
Überzogener, realitätsferner Ehrgeiz bringt uns
hier nicht weiter! Fest steht: CO2 zu reduzieren
durch immer mehr Dämmen wird uns nicht weiterbringen.
Das ist nicht nur ökologisch, sondern
auch ökonomisch mehr als zweifelhaft. Hier gilt
nicht „viel hilft viel“, sondern „gezielt hilft viel“.
Beim Klimaschutz in Deutschland und in Europa
insgesamt muss es vorangehen, ganz klar. Deshalb
ist es umso erstaunlicher, dass das Potenzial
nicht ausgeschöpft wird.
Die Taxonomie lenkt bisher Kapitalströme in Gebäude,
die wegen der Bauanforderungen ohnehin
schon besonders energiesparend und emissionsarm
sind. Verbesserungen eines Gebäudes
von Energieklasse G auf C aber helfen dem Klima
bis zu zehnmal so stark wie von B auf A. Mit vergleichsweise
geringem Aufwand lassen sich ineffiziente
Gebäude energetisch deutlich upgraden
– zum Beispiel auf ein C. Hier braucht es Anreize
für privates Kapital, in das Renovieren im Bestand
zu investieren.
In Quartiersentwicklungen liegen ungeheure
Chancen, Stadtteilleben neu zu denken. Was
halten Sie hier für die wichtigsten Elemente und
ist davon auch vieles für die Zentren zu übernehmen?
Iris Schöberl: Das Wichtigste ist ein Nutzungs-
Mix, der sich an der Lage vor Ort, am Standort,
86 INTERVIEWS
orientiert. Die Interessen aller Stakeholder wie
Anwohner, Unternehmen, Behörden, Nachbarn
müssen individuell berücksichtigt werden. Es
gibt also hier nicht die Universalantwort, die für
alle passt. Chancen zur Umsetzung einer „Stadt
der kurzen Wege“ oder „15-Minuten-Stadt“ müssen
genutzt werden.
Die Palette innerhalb des Quartiers mit Wohnen,
Büro, Sport und Freizeit belebt die Erdgeschosszonen
und sorgt für ein breites, bürgernahes Angebot:
Lebensmittel, Apotheken, Ärzte, allgemeine
Gesundheitsversorgung – die Vielfalt erweist
sich als Magnet für alle innerhalb des Quartiers.
Dabei ist völlig klar: Mobilitätskonzepte müssen
immer mitgedacht werden. Resilienten Stadträumen
mit viel Grünflächen, einer gebäudeüber-
greifenden Energieversorgung zur Reduzierung
des CO2-Ausstoßes runden das Ganze ab.
Abschließende Frage: Wie wird ein typischer
Fußgängerzonen-Mix in einer klassischen
deutschen Mittelstadt in zehn Jahren aussehen?
Iris Schöberl: Die heute oft auf Einzelhandel
konzentrierte Nutzung wird deutlich vielfältiger
sein. Es gibt also etwas wie „Handel plus“ – mit
mehr öffentlichen Einrichtungen von Behörden
bis Bücherhallen, Kulturangeboten, Healthcare,
Frei- und Grünflächen, und das alles mit modernen
Mobilitätskonzepten für gute Erreichbarkeit.
Wie gesagt: Der Einzelhandel ist und bleibt das
Herz der City.
Einkaufen, Wohnen, Büro, Freizeit - der Nutzungsmix ist gefragt. Es müssen die Interessen aller Stakeholder individuell
berücksichtigt werden.
88 INTERVIEWS
Joachim Stumpf
Multi-Use ist oft Bedingung für
einen erfolgreichen Betrieb
Joachim Stumpf ist Geschäftsführer der BBE Holding und IPH Handelsimmobilien (München).
Auch gehört er dem Rat der Immobilienweisen des ZIA an. Dort ist er für das Segment
Handelsimmobilien verantwortlich. Mit seinem umfassenden Fachwissen und strategischem
Weitblick entwickelt er zukunftsweisende Strategien für den Handel und die Weiterentwicklung
von Handelsimmobilien in Deutschland. Im Interview gibt er eine Einschätzung, was die
Retail-Zukunft in den Innenstädten betrifft und was er vom Multi-Use-Trend hält.
Die meisten großen Einzelhandelsimmobilien
müssen sich nach zahlreichen Veränderungen
in unserer Gesellschaft neu aufstellen. Das ist
leicht gesagt, aber vielfach nur sehr schwer umgesetzt.
Worin liegen dabei die größten Herausforderungen?
Joachim Stumpf: Die Umnutzung großer Einzelhandelsimmobilien
stellt eine enorme Herausforderung
dar, weil diese ursprünglich für
sehr spezifische Zwecke und Bedürfnisse gebaut
wurden. Besonders deutlich wird dies bei ehemaligen
Warenhäusern. Oft fehlen die baulichen
Voraussetzungen, um sie für neue Nutzungen wie
Wohnen oder Büro umzubauen. Sie sind mehrstöckig,
haben große Flächen, wenige Innenwände,
kaum Wassserleitungen und abgesehen von
Schaufenstern im Erdgeschoss meist keine Fenster.
Mögliche Maßnahmen wie das Einziehen von
Lichthöfen sind sehr teuer und zeitintensiv.
Eine Patentlösung gibt es nicht, da jede Immobilie
individuelle Merkmale mitbringt, die sich
auch je nach Standort unterscheiden können.
Neben baulichen Aspekten spielen auch Fragen
der Wirtschaftlichkeit, des regionalen Marktpotenzials
und der rechtlichen Rahmenbedingungen
eine wichtige Rolle.
Hinzu muss das Know-how aus vielen immobilienwirtschaftlichen
Bereichen gebündelt werden.
Einem Entwickler, der sich ursprünglich auf den
Bau von Einzelhandelsflächen spezialisiert hat,
fehlt häufig die Expertise, um eine Immobilie erfolgreich
in ein Bürogebäude oder eine gemischt
genutzte Immobilie umzuwandeln. Hier kommt
es also auf die richtigen Kooperationen oder Wissenserweiterungen
an.
Nicht zuletzt spielen rechtliche und gesellschaftliche
Faktoren wie Denkmalschutz und ESG-Anforderungen
eine wichtige Rolle. Diese können
die Flexibilität und den Handlungsspielraum bei
der Umnutzung erheblich einschränken und zusätzliche
Planungs- und Umsetzungshürden mit
sich bringen. Je kleiner ein Einzugsgebiet, umso
eingeschränkter sind die Nutzungsalternativen.
Multi-Use ist im Moment ein populäres Schlagwort
und ein Weg, der Erfolg verspricht. Geht es
überhaupt noch ohne?
Joachim Stumpf: Meistens nicht. Zwar gibt es
immer wieder Beispiele, in denen große Einzelhandelsflächen
wieder an einen einzigen, großen
Mieter vergeben werden, aber solche Fälle sind
eher die Ausnahme. In der Regel sind die Eigentümer
gezwungen, ihre Immobilien für mehrere
Nutzungen zu öffnen, um die Rentabilität zu erhöhen
und die Immobilie langfristig attraktiv zu
halten. Mixed-Use ist nicht mehr „nice to have“,
INTERVIEWS 89
sondern oftmals die Bedingung für einen erfolgreichen
Betrieb.
Allerdings wird das Thema Mixed-Use manchmal
etwas übertrieben als Innovation der 2010er
und 2020er-Jahre dargestellt. Tatsächlich gab es
schon in der Vergangenheit zahlreiche Beispiele
für gemischt genutzte Immobilien, insbesondere
in den Innenstädten. Auch in vielen Einkaufszentren
der neueren Generation gab es häufig Wohnungen
oder Büros über den Handelsnutzungen
– das ist also kein völlig neues Konzept. Was sich
jedoch aufgrund der zeitgleich stattfindenden
Ereignisse wie die Schließung vieler Warenhäuser,
SB-Warenhäuser und Consumer Elektronik
Märkten geändert hat, ist die Intensität und der
Umfang, mit dem heute Mixed-Use-Ansätze verfolgt
werden. Dies gilt auch für die dementsprechende
Berichterstattung und Medienpräsenz
des Themas.
Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Holding
und IPH Handelsimmobilien
Foto: BBE/IPH
Sie gehören inzwischen auch zum Rat der Immobilienweisen
des ZIA – Was ist bei diesem
verantwortungsvollen Posten ihr persönliches
Anliegen?
Joachim Stumpf: Mir ist es wichtig, einen differenzierteren
Blick auf die aktuellen Herausforderungen
im Bereich Handelsimmobilien zu
fördern. Mit Differenzierung meine ich Unterschiede
in Branchen, Betriebsformen, Standortlagen,
Ortsgrößen und Immobilienklassen, Ich
habe oft die Wahrnehmung, dass viele Themen
pauschalisiert werden – zum Beispiel, dass die
Reduzierung von Verkaufsflächen automatisch
den „Untergang“ unserer Städte und von großen
Handelsimmobilien bedeutet. Diese Sichtweise
greift aber viel zu kurz.
Tatsächlich gibt es sehr unterschiedliche Ursachen
und Entwicklungen, die die Situation beeinflussen.
In kleineren Städten spielt zum Beispiel
der Mittelstand eine viel größere Rolle und hat
schon lange – nicht erst seit Corona – mit Nachfolge-
und Rentabilitätsproblemen zu kämpfen.
In den Großstädten dagegen ist der Mittelstand
oft schon verschwunden. Die Veränderungen
sind hier anders: weniger Textilgeschäfte, weniger
Warenhäuser, aber auch spannende Möglichkeiten
für alternative Nutzungen von Immobilien.
Mein Ziel ist es, zu einer differenzierten, fachlich
fundierten Betrachtung der unterschiedlichen
Makro- und Mikrostandorte beizutragen. Jede
Stadt hat ihre Besonderheiten, die bei der Entwicklung
von Lösungen berücksichtigt werden
müssen. Nur so können wir zukunftsfähige Konzepte
für Handelsimmobilien und die Stadtentwicklung
insgesamt entwickeln.
Was glauben Sie, wie Innenstädte der Zukunft
geschaffen sein müssen, damit auch der Einzelhandel
in ihnen erblühen kann?
Joachim Stumpf: Sie müssen Orte mit einem Bedeutungsüberschuss
bleiben, die auch für Besucher
von außerhalb attraktiv und einzigartig
sind. Das kann z.B. Wohnen als Nachnutzung
nicht leisten und damit nur ein Teil des Ganzen
sein. Innenstädte brauchen einen Mix unterschiedlicher
Angebote, die eine hohe Besucherfrequenz
erzeugen und die Stadt als lebendigen
Anziehungspunkt stärken. Dazu gehören Sportund
Freizeitmöglichkeiten, kulturelle Angebote
oder auch Gastronomie. Auch publikumsintensive
öffentliche Einrichtungen zahlen darauf ein.
Diese Elemente schaffen eine Dynamik, die für
den Einzelhandel von entscheidender Bedeutung
ist, da sie Menschen in die Stadt bringen und da-
90 INTERVIEWS
Foto: Adobe Stock
Innenstädte müssen einen Mehrwert bieten
mit auch den stationären Handel unterstützen.
Neben der richtigen Nutzungsmischung muss
auch die Aufenthaltsqualität hoch bleiben. Die
Menschen müssen sich gerne und lange in der
Stadt aufhalten wollen, und das gelingt nur, wenn
die Städte funktional sind und gleichzeitig ausreichend
Grünflächen und Wasser bieten. Kurze
Wege, gute Erreichbarkeit, Sauberkeit, Verfügbarkeit
von öffentlichen Toiletten und Sicherheit
sind dabei ebenfalls Kriterien, die Verbraucher
immer wieder in Befragungen wünschen.
einen längeren Zeitraum ein Nutzungsmix entwickelt,
der im engen Dialog mit der Wirtschaft und
der Bevölkerung abgestimmt wurde. Ursprünglich
war an diesem Standort ein klassisches Einkaufszentrum
geplant. Stattdessen entstand ein
Nutzungsmix, der sowohl die städtebauliche Dimension
als auch die Lebensqualität für die Region
deutlich erhöht. Neben Einzelhandelsflächen
wurden ein Ärztehaus und ein Nahversorgungszentrum
integriert – ein vielfältiger Mix, der den
Standort für die gesamte Region aufwertet.
In welchen Städten bzw. welchen Standorten
in unserem Land sehen Sie beispielhafte Umsetzungen
für ein erfolgreiches Zusammenspiel
von Retail und städtischen Nutzungen, die der
Handelsimmobilienbranche Hoffnung für die
Zukunft machen?
Joachim Stumpf: Ein positives Beispiel ist ein
Objekt am Bahnhof Rosenheim. Hier wurde über
Mit diesem Ansatz hat sich die Immobilie am
Bahnhof Rosenheim zu einem prominenten und
lebendigen Standort entwickelt, der weit über
den klassischen Einzelhandel hinausgeht. Er ist
ein gelungenes Beispiel für eine nachhaltige Entwicklung,
bei der Einzelhandel und urbane Nutzungen
sinnvoll miteinander verknüpft werden,
um nicht nur den Handel, sondern die gesamte
Region zu stärken.
92 INTERVIEWS
Eckhard Brockhoff / Bert Pfeffer
Größte deutsche Projektentwicklung
wäre die Umwandlung der
Obergeschosse in den Fußgängerzonen
Der Immobilienmakler Eckhard Brockhoff (Brockhoff GmbH) und der für
den Retail-Bereich verantwortliche Geschäftsleiter Bert Pfeffer besitzen als
Einzelhandelsspezialisten eine Erfahrung von jeweils mehr als 40 Jahren.
Im Interview erzählen die beiden Essener, wie sie die derzeitige Situation im
Handel erleben und was sie sich für ihn für die Zukunft wünschen.
Die Einzelhandelslandschaft in Deutschland hat
sich in den letzten Jahren enorm verändert. Dafür
gibt es eine Reihe von Gründen. Was war für
Sie dafür ausschlaggebend?
Eckhard Brockhoff: Man muss das regional betrachten.
In München ist die Situation völlig anders
als in Duisburg. Das hat vor allem mit der
stark unterschiedlichen Kaufkraft zu tun. Im
Ruhrgebiet haben viele Menschen immer weniger
Geld zur Verfügung. Die orientieren sich
preisgünstig, bevorzugen die sogenannten Billig-
Ketten. In Städten wie Mülheim oder in einzelnen
Stadtteilen der Nachbarstädte lebt aber eine
vergleichsweise hohe Anzahl an wohlhabenden
Bürgerinnen und Bürger.
Nur, dass diese vor Ort auch nicht üppig shoppen
gehen – und darum der lokale Einzelhandel davon
nicht profitieren kann. Auch weil die Angebote
für diese Klientel viel zu gering sind.
Bert Pfeffer: Diese Menschen kaufen qualitativ
hochwertige oder originelle Produkte, die dementsprechend
teuer sind, gern im Urlaub oder
auf Geschäftsreisen, aber selten in der Heimat.
In den südlichen Gefilden ist das Bild eher umgekehrt.
Auch in den kleineren Städten kommt
der stationäre Handel gut zurecht, weil es den
Menschen finanziell einfach deutlich besser geht
und er sich auf deren Bedürfnisse eingestellt hat
– allerdings haben das die Ruhrgebietsstädte mit
den Primarks und anderen günstigen Läden auf
ihre Weise auch.
Wie hat sich das Erscheinungsbild des stationären
deutschen Einzelhandels in Ihrer Wahrnehmung
verändert?
Eckhard Brockhoff: Die Cities sind „overshopped“
– das Ladenangebot ist überdimensioniert
und entspricht nicht mehr der deutlich geringeren
Nachfrage. Vor allem wegen der Corona-Pandemie
und der damit verknüpften Abwanderung
zum ECommerce, auch wenn die schon vorher
begonnen hatte.
Bert Pfeffer: Das hat man dann u. a. versucht
mit Gastronomie zu kompensieren. Durch deutlich
günstigere Mieten können es sich Restaurants,
Bistros etc. inzwischen auch leisten, in
die Fußgängerzonen zu gehen, zum Beispiel die
Systemgastronomie, aber im Ruhrgebiet sind
Fast-Food-Anbieter oder Shisha-Bars an vielen
Standorten immer noch in der Mehrheit.
INTERVIEWS 93
Wie kann man das ändern? Haben Sie Lösungsvorschläge?
Eckhard Brockhoff: Gelöst werden kann es dadurch,
dass man die Obergeschosse der Innenstädte
wohnwirtschaftlich nutzt und die vielfach
dringend erforderlichen Umwandlungsmaßnahmen
durch öffentliche Programme subventioniert.
Man muss überhaupt nicht zwingend so
viele neue Wohnhäuser bauen, sondern „nur“ die
entstandenen Leerstände in hochattraktiven Lagen
dementsprechend beheben.
Auf diese Weise kann die Wohnsituation in unserem
Land sehr viel schneller und effektiver verbessert
werden.
Fakt ist, dass besagte Obergeschosse vielfach
von den Ladenbetreibern in den Erdgeschossen
als reine Lagerflächen genutzt werden. Sie
sind teilweise – wenn nicht so gar überwiegend
– in einem völlig maroden Zustand. Energetisch
meist eine Katastrophe. Dabei gibt es derzeit für
interessierte Eigentümer noch richtig gutes Geld
durch diesbezügliche staatliche Förderungen
(hier sind große Summen noch gar nicht abgerufen
worden), um attraktive Wohnflächen herzustellen.
Fängt der eine damit an, dürften sich
Nachahmer schnell finden und das Ganze könnte
eine Sogwirkung erzeugen.
Eckhard Brockhoff, Gründer der Brockhoff GmbH
Fotos: Brockhoff GmbH
Denkt man es konsequent weiter, würde dieser
Prozess zu einer immensen Belebung der Innenstädte
führen. Vor allem, wenn dann noch weite
Teile der leerstehenden Flächen beispielsweise
für Bildungs-, Gesundheits- oder Kulturangebote
genutzt würden. All das bildet Anlässe für den
doch so wichtigen Innenstadtbesuch, der einfach
dadurch viel attraktiver würde.
Bert Pfeffer, Mitglied der Geschäftsleitung für den
Bereich RETAIL
Was meinen Sie mit „Einzelkämpfern“?
Das würde ja das City-Erscheinungsbild revolutionieren.
Eckhard Brockhoff: Das sehe ich so. Sowohl die
Jüngeren (z.B. über universitäre City-Angebote)
als auch die Älteren (z.B. über Gesundheits- und
Pflegeangebote) würde man auf diese Weise in
die Innenstadt holen. Und dann läuft auch wieder
der Handel, vor allem, wenn es zudem gelingt,
die „Einzelkämpfer“ wieder zu aktivieren, die von
den Filialisten vertrieben worden sind.
Eckhard Brockhoff: Damit meine ich die Fachgeschäfte,
die früher von der Kundschaft so geliebt
wurden. Die dürften sich – nach den starken
Mietsenkungen in der jüngsten Zeit – die Innenstadtlagen
ja auch wieder leisten können. Und
auch die Filialisten würden das begrüßen, weil
Abwechslung einfach immer gut tut.
Auch die netten Cafés, die vielfach weggebrochen
sind, würde man sehr gern wieder in der City begrüßen.
94 INTERVIEWS
Foto:HI HEUTE
Vielfach stehen Flächen in Obergeschossen von Fußgängerzonen (hier die Limbecker Straße in Essen) leer oder werden lediglich
als Lagerflächen genutzt.
Kommen wir zurück zur aktuellen Situation. Da
macht der Trend „Mixed-Use“ die Runde. Was
halten Sie davon? Ist das die Zukunft?
Eckhard Brockhoff: Ich sehe diesen Trend absolut
positiv und auch in unserem Unternehmen
bestätigt. In der Bürovermietung von Innenstädten
stellen wir verstärkt fest, dass Kommunen
und Bildungsträger hier große Teile der angebotenen
Flächen übernehmen. Das sind Quadratmeter,
die zur Innenstadt-Belebung beitragen.
Aber es ist grundsätzlich festzustellen, dass die
Immobilien-Assets immer mehr kombiniert werden.
Verändert hat sich auch der komplette Bereich
der Projektentwicklung. Wie sehen Sie da die
Entwicklung und den Vergleich zur Situation
vor rund zehn und mehr Jahren?
Eckhard Brockhoff: Sie hat enorme Probleme bekommen.
Das hat mehrere Gründe, zum Beispiel
die gestiegenen Baukosten, größere Schwierigkeiten
im Umgang mit den Banken, Mietreduzierungen
und kürzere Vertragslaufzeiten. In den
Innenstadtbereichen ist Projektentwicklung im
Grunde gar nicht mehr rentabel. Aber wenn man
ehrlich ist, benötigt man Neuerschließungen hier
auch gar nicht mehr wirklich. Anders ist es im
Bereich von Flächenumwandlungen: Die größte
deutsche Projektentwicklung wäre die Neugestaltung
der Obergeschosse in den Fußgängerzonen
vieler großer Innenstädte! Und: Man bekäme
auch viel schneller eine Baugenehmigung.
Zudem gäbe es bei einer Gewerbeumwandlung in
Wohnraum obendrein viel Geld vom Staat – getreu
der Devise „je oller desto doller!“ Denn: Die
besonders gammeligen Alt-Flächen bringen die
meisten Fördermittel.
INTERVIEWS 95
Themenwechsel – Was passiert mit den Shopping
Centern?
Eckhard Brockhoff: Sie sind einfach viel zu langweilig,
weil gleichförmig geworden. Die Uniformität
muss dringend aufhören, wenn sie eine Zukunft
haben wollen.
Welche Retailkonzepte sind für Sie die derzeitigen
Gewinner?
Eckhard Brockhoff: Vereinfacht und verkürzt
kann man sagen: ganz billig und ganz teuer. Im
Süden der Republik sind es Läden mit Luxusartikeln,
in den ärmeren Bundesländern die Billigketten.
Was müssen heutzutage Standorte (Lagen) in
Groß- und Mittelstädten erfüllen, um auf hohe
Resonanz bei Retailern zu stoßen und was hat
sich auch hier gegenüber der Vor-Corona-Zeit
gewandelt?
Bert Pfeffer: Die Städte und Kommunen müssen
deutlich flexibler werden. Genehmigungen, zum
Beispiel für Außengastronomie oder komplexe
Umbaumaßnahmen, zu bekommen, kann einen
Anbieter schon mal zur Verzweiflung treiben.
Diesbezügliche Erleichterungen wären wirklich
wünschenswert!
Wo sehen Sie den stationären Einzelhandel im
Jahr 2040?
Bert Pfeffer: Die Non-Food-Discounter sind salonfähig
geworden. Früher waren sie fast nur
in Randlagen der Innenstädte oder auf der grünen
Wiese anzutreffen. Heute haben sie einen
Stammplatz in den Fußgängerzonen. Festzustellen
ist auch, dass manche als reine Onlinehändler
gestartete Anbieter inzwischen das stationäre
Geschäft beherrschen.
Eckhard Brockhoff: Wenn die innerstädtische
Umwandlung der Obergeschosse zu Wohnraum
tatsächlich gelingt, werden wir 2040 sicher wieder
vitale Cities erleben!
Foto: Adobe Stock
Anziehungspunkte wie exklusive Fachgeschäfte oder gemütliche Cafés locken in die Innenstadt.
96 INTERVIEWS
Dirk Völkel
Der stationäre Handel muss den
eigenen Stellenwert begreifen
und seine Chancen ausspielen
VÖLKEL REAL ESTATE zählt seit vielen Jahren zu den bekanntesten und größten deutschen
Shopping Center-Managementgesellschaften. Das von Dirk Völkel in Hamburg gegründete
und dort auch ansässige Unternehmen legt großen Wert auf ein ausbalanciertes Verhältnis
zwischen Eigentümer, Manager und Mieter und hat dabei stets auch die ständig sich ändernden
Kundenbedürfnisse im Blick. Wie der Unternehmensgründer auf die jüngsten Entwicklungen
innerhalb der Branche schaut, verrät er im Interview.
Viele deutsche Shopping Center überdenken
seit längerem ihren Angebotsmix. Was sollte aus
Ihrer Sicht dabei im Vordergrund stehen?
Dirk Völkel: Nichts besonders Neues: Ein zufriedener
Kunde, der zu einem hohen Prozentsatz
bekommt, was er möchte und ab und zu positiv
überrascht wird. Dazu ist die konsequente Ausrichtung
auf chancenreiche Kundensegmente
erforderlich. Marketing im ganzheitlichen und
besten Sinne. Sich die Fragen zu stellen, wer ist
mein Kunde, was möchte er, welche Bedürfnisse
hat er? Kann ich Bedarf daraus generieren und
befriedigen? Welche Kunden kann ich in Abgrenzung
zum Wettbewerber hinzugewinnen? Das ist
unsere klassische Vorgehensweise in unseren
Centern und Consulting-Mandaten. Analyse,
Segmentierung, Clusterung, Zielformulierung,
Strategische Positionierung, Ausrichtung aller
Maßnahmen darauf. In harten Fakten sind das
die Optik des Centers, das Erscheinungsbild,
also die Schale, und darin der Kern mit dem zugeschnittenen
Branchen- und Mietermix gepaart
mit den weichen Faktoren wie das passende Serviceangebot
und Marketing. Der guten Kommunikation
mit den Kunden kommt hierbei eine
Schlüsselrolle zu. Hiermit ist Austausch, Dialog
gemeint, keine penetrante Dauerbeschallung.
Wie schauen Investoren auf die derzeitige Situation?
Worauf kommt es denen an?
Dirk Völkel: Die Frage ist erst einmal, um welchen
Typ Investor es überhaupt geht. So gibt es
opportunistisch orientierte Investoren, die nur
auf die Gelegenheit zum Kauf von Einkaufszentren
warten. Sobald sich eine Gelegenheit
bietet, ein chancenreiches Objekt unter der Berücksichtigung
der hoher Eigenkapitalrenditeerwartungen
zu erwerben, werden sie zuschlagen.
Für längerfristige Bestandshalter geht es
um die Optimierung in allen Bereichen: Stabilität
des Investments, Chancen zur Optimierung
des Mixes nutzen, operative Betriebskosten zugunsten
des Mietertrages, aber auch der beim
Vermieter verbleibenden Kosten (aus Leerstand
oder Deckelung in Ankermietverträgen) senken.
Hierzu werden gerade im Bereich Energiekosten
auch hohe Investitionen getätigt, die eine zügige
Amortisation bzw. bessere Steuerung unter dem
INTERVIEWS 97
Gesichtspunkt „bedarfsgerechte Verbräuche“ ermöglichen.
Finetuning ist angesagt und das ist
gut so.
Besucherinnen und Besucher wünschen sich
nicht nur originelle Läden und regelmäßige
Events, sondern vor allem guten Service. Wie
gelingt es Ihnen als erfahrener Centermanager
diesen kontinuierlich zu verbessern?
Foto: Völkel Real Estate
Dirk Völkel: Zunächst einmal lohnt der Vergleich
zum Ausland. Service fängt ja bei der richtigen
Einstellung an, der Dienstleistungsmentalität.
Diese ist z. B. bei italienischen Verkäuferinnen
und Verkäufern weitestgehend selbstverständlicher
als bei uns. Auch eine Servicekraft in
der Gastronomie ist mit Ausnahme der deutschen
Spitzengastronomie im Vergleich deutlich
freundlicher unterwegs. Kellnerinnen und Kellner
sind mit einem gewissen Stolz bei der Arbeit,
wir sprechen hier nicht von Touristenhochburgen
wie Venedig.
Da ist bei uns in Deutschland noch Potenzial nach
oben. Am Ende des Tages sollen sich die Besucherinnen
und Besucher im Center wohlfühlen.
Eine solche Willkommenskultur ist das, was wir
anstreben. Ich habe mir immer gemeinsame Veranstaltungen
aller in einem Center arbeitenden
Menschen gewünscht, auch Schulungen zu diesem
Thema, ein gemeinsames Auftreten, ein „Wir
sind das Center“. Das ist in den letzten Jahren
leider zu sehr in den Hintergrund getreten. Das
muss sich ändern und in den Vordergrund treten.
Was denken Sie, muss ein Center ansonsten sowohl
für Mieter als auch Konsumenten tun, um
langfristig Erfolg zu haben?
Dirk Völkel: Stetige Anpassungsfähigkeit an neue
Entwicklungen und Bedürfnisse ist die Grundvoraussetzung.
Mit wachem Blick auf Trends zu
schauen, zu erkennen, welche nachhaltig sind,
also länger wirken, und den Einfluss einschätzen.
Center Management muss die Kunden kennen.
Die schon angesprochene Kundenkommunikation,
die heute leichter denn je ist, bietet den Ansatz.
Seismografisch Veränderungen erkennen
und frühzeitig (re-)agieren. Ich wünsche mir eine
enge Zusammenarbeit mit den Mietpartnern,
Dirk Völkel, Geschäftsführender Gesellschafter
von VÖLKEL Real Estate.
dann kann „Center“ in Summe seine Stärken
ausspielen.
Apropos Mieter: Wie sehen Sie die Entwicklung
der Mieten für die kommenden Jahre. Wird sich
gegenüber der jetzigen Situation da noch deutlich
etwas verändern?
Dirk Völkel: Die Mieten können sich derzeit natürlich
nicht gravierend nach oben entwickeln.
Erfolgreich revitalisierte Einkaufszentren im
Portfolio, die jetzt außerordentlich hohe Frequenzzuwächse
verzeichnen, können mit steigender
Mietnachfrage auf die Flächen auch mit
steigenden Mieten rechnen. Wir haben außerdem
im Consulting gerade wieder ein langfristig
bestehendes Objekt in guter Lage untersucht,
das tatsächlich ein Upside Potential hat.
Das ist aber nicht die Masse der Objekte. Die
Nachfrage und Expansionslust ist spürbar gestiegen,
das alte Mietniveau vor der Pandemie
selten zu erreichen. Über Indexierungen wird
das Niveau sukzessiv steigen. Mehr ist im ge-
98 INTERVIEWS
nannten Zeitraum nicht zu erwarten.
Digitalisierung, KI und ESG sind Schlagworte,
ohne die heutzutage kein Centermanagement
mehr möglich ist. Was tun Sie auf diesen Feldern?
Dirk Völkel: Sehr viel. Wie immer wieder kommuniziert,
testen wir regelmäßig Proptechs, die
wir dann beibehalten oder auch wieder verwerfen.
Besonders wertvoll waren und sind jene
Proptechs, die verbrauchsreduzierend im Bereich
Energie wirken. Intelligente Steuerungssysteme,
die messen, kontrollieren und steuern,
bedienen alle drei Schlagworte. Die Gebäudetechnik
muss zentral steuerbar gemacht werden.
Die Maschine ist hier besser als der Mensch. Der
Mensch setzt die Benchmarks. Die Maschine liefert
gleichzeitig viele der Daten, die für die ESG-
Zertifizierung nötig sind. Wir sind Mitglied bei
ECORE und haben uns intensiv bei der Entwicklung
des Fragenkatalogs in Bezug auf Einkaufszentren
eingebracht.
Aber auch in der Analyse der Herkunft der Kunden,
des Kundenverhaltens, der Frequenzverläufe,
der Kundenkommunikation setzen wir auf
digitale Unterstützung über Sensorik und Auswertungssoftware,
Apps und soziale Medien. Wir
haben schon immer viele Innovationen getestet,
wie z. B. den videogestützten Einkauf von zuhause
mit persönlicher Einkaufsberatung und verabredetem
Terminen. Uns interessiert alles, was
uns näher zum Kunden bringt.
Glauben Sie, dass wir bei Shopping Centern
in den kommenden zwei Jahren verstärkt Refurbishments
und Revitalisierungen erleben
werden oder müssen die wirtschaftlichen Unsicherheiten
am Standort Deutschland erst einmal
deutlich kleiner werden?
Dirk Völkel: Ohne Refrubishments gehen sicher
in diversen Objekten die Lichter aus. Es stellt
sich für uns eher die Frage, wer sie durchführt
– der heutige Eigentümer oder der folgende. Ich
bleibe jedoch bei meiner Einschätzung, dass das
nicht immer bedeuten wird, dass Handelsflächen
massiv reduziert werden müssen. Es bleibt
abzuwägen, eine kritische Masse nicht zu unterschreiten,
um genug Angebotsvielfalt zu bieten
und Magnetismus zu erhalten bzw. zu entfalten.
Wir glauben an den Handel. Refurbishments
sollten immer gleich den Fokus der Energieeinsparungen
berücksichtigen. Am Ende des Tages
geht es um die finanziellen Möglichkeiten des
Eigentümers.
Die gesamtwirtschaftliche Situation in Deutschland
und Europa erforderte eine konsequente
Stärkung des europäischen Binnenmarktes. Darauf
kann niemand warten. Hier kann man nur
Hoffen, dass sich politisch in Deutschland und
Europa etwas ändert - schnell.
Was, glauben Sie, benötigt der stationäre Handel
in nächster Zeit am allermeisten, um seine
Zukunft sichern zu können?
Dirk Völkel: Zunächst den eigenen Stellenwert
zu begreifen, seine Stärken auszuspielen. Hausaufgaben
machen. Der Verweis in den Läden
auf die Möglichkeiten, ein Produkt auch Online
shoppen zu können, vernetzt den stationären
mit dem Online-Shop zwar gut, darf jedoch
nicht suggerieren, dass man beim nächsten Mal
besser gleich online kaufen sollte. Die Produkte
müssen im Laden angesehen und probiert werden
können, wie in einem Showroom. Die Ware
muss binnen der Zeit verfügbar sein, die beim
Online-Shopping gewährleistet wird – vernetzte
Logistik. Die Preise online und im Shopp dürfen
nicht abweichen. Das Marketing muss bewusst
beide Kanäle unterstützen.
Der Besuch im Geschäft muss das bieten, was der
Online-Shop nicht kann, trotz ChatBot, nämlich
ein menschlich positives Erlebnis bieten, was in
guter Erinnerung bleibt. Dazu bedarf es starker,
motivierender Führungskräfte vor Ort, die ihrem
Team eine Servicekultur vermitteln, wie in einem
inhabergeführten Unternehmen im besten Sinne.
Gute Produktkenntnis mit hoher Affinität
zum Produkt sind unerlässlich.
Die Kommunikation vor dem Besuch im Geschäft,
während des Besuchs und danach muss
den Unterschied ausmachen. Das gilt auch für
Discounter. Die entscheidende Komponente ist
und bleibt der Mensch selbst. Auf technische
Features möchte ich nicht eingehen, sie sind
schnelllebig.
Immobilien managen
statt nur verwalten!
7,5
500
2.500
Ihr Spezialist für alle gewerblich
genutzten Immobilien:
Property Management
Facility Management
Projekt Management
Centermanagement
Mietersupport
ESG Solutions
Die HEICO Group ist ein Unternehmen für individuelle Dienstleistungen
in Deutschland. Gegründet 1966, beschäftigen wir in den Unternehmensbereichen
Immobilien, Luftfahrt und Personal an 15 Standorten rund 800 Mitarbeiter.
HEICO Property Partners GmbH
Abraham-Lincoln-Straße 20 • 65189 Wiesbaden • info@heico.de
www.heico-realestate.de
100 INTERVIEWS
Christine Hager
Interaktion und Erlebnisse fördern –
Servicequalität optimieren
Der German Council of Shopping Places ist seit über drei Jahrzehnten eine Institution in der
Handelsimmobilienbranche. Gerade die jüngsten Herausforderungen, die erst mit der Zunahme
des Onlinehandels, dann mit der Corona-Pandemie und schließlich mit den allgemeinen
Wirtschaftsproblemen in Deutschland kontinuierlich gewachsen sind, machen eine konstruktive
Verbandsarbeit erforderlich, der sich der GCSP immer wieder mit neuen Ideen und Formaten
stellt. Christine Hager, die vor mehreren Jahren den Vorsitz im Vorstand übernommen hat,
erzählt im Interview, wie sie die Branche derzeit wahrnimmt und ihre Zukunft sieht.
In jüngster Zeit rücken Freizeit- und Entertainment-Angebote
mehr in den Vordergrund, auch
weil Retailangebote weniger geworden sind. Ist
das ein Trend oder bleiben es Ausnahmen?
Christine Hager: Ob dieser Trend langfristig anhält
oder nur eine vorübergehende Reaktion auf
bestimmte Veränderungen ist, hängt von mehreren
Faktoren ab, wie der weiteren Entwicklung
des Online-Handels, der Konsumentenpräferenzen
und dem Bedarf an Freizeitgestaltung in
städtischen Gebieten.
Ich bin überzeugt, dass Freizeit- und Entertainment-Angebote
auch in Zukunft eine bedeutende
Rolle spielen werden, da sie nicht nur den
Einkaufsprozess ergänzen, sondern auch die soziale
Interaktion und Erlebnisse fördern.
Generell wurde das Bedürfnis nach abwechslungsreichen
Freizeitangeboten durch die Covid-19
Pandemie noch verstärkt, denn Freizeitaktivitäten
wurden zu einem zentralen Bestandteil
des Alltags, da soziale Kontakte eingeschränkt
waren und viele Geschäfte vorübergehend geschlossen
hatten. Der klassische stationäre Einzelhandel
hat unbestritten mit rückläufigen Umsätzen
und sinkenden Kundenzahlen zu kämpfen.
Dies wird durch die zunehmende Verlagerung
des Einkaufsverhaltens ins Internet verstärkt. In
der Folge passen sich Einkaufszentren und andere
Retail-Flächen an die neuen Anforderungen
an, indem sie eine Mischung aus Shopping, Entertainment
und Freizeit bieten. Kinos, Freizeitparks,
Indoor-Spielplätze, Sporteinrichtungen
oder Gastronomie sind heute fester Bestandteil
vieler Shopping-Malls.
Ein anderes in Shopping Centern wichtiges
Thema ist der Kundenservice. Dem gegenüber
steht eine oft schwierige Personalsituation. Wie
können sich Center hier gesichert weiterentwickeln?
Christine Hager: Die Kombination aus dem Bedürfnis
nach herausragendem Kundenservice
und der häufig schwierigen Personalsituation in
Shopping Centern und dabei insbesondere bei
den Mietern, stellt eine große Herausforderung
dar. Shopping Center müssen zunehmend innovativ
werden, um den Kundenservice zu verbessern,
ohne sich ausschließlich auf das Personal
INTERVIEWS 101
zu verlassen. Durch den intelligenten Einsatz
von Technologie, flexiblen Arbeitsmodellen und
einer stärkeren Fokussierung auf individuelle
Kundenwünsche können Shopping Center und
die Mieter ihre Servicequalität optimieren und
gleichzeitig mit einer schwierigen Personalsituation
umgehen. Eine Kombination aus diesen
Maßnahmen bietet eine nachhaltige Grundlage
für die Weiterentwicklung von Shopping Centern
in der Zukunft.
Was kann der Council tun, um die Center in diesen
herausfordernden Zeiten bestmöglich zu
unterstützen?
Christine Hager: Wie nahe wir an den Themen
des Handels und der Handelsimmobilienbranche
dran sind, konnte man in der Corona Zeit sehen.
Diese Haltung trägt uns auch in die Zukunft.
Daher werden wir uns weiterhin intensiv als
Plattform zum Austausch der Branche anbieten
und unsere verschiedenen Konferenzformate
entsprechend inhaltlich ausrichten. Wichtig
wird es dabei sein, mehr Best Practice-Beispiele
hervorzuheben, um aus der Theorie in der Rea-
Christine Hager, Vorsitzende des Vorstands des
German Council of Shopping Places
lität anzukommen. Unsere Teilnahmegebühren
sind daher auch bewusst beispiellos günstig und
seit Jahren nicht erhöht worden, um jedem der
Branche einen Zugang zu unserem einzigartigen
Netzwerk zu ermöglichen.
Foto: Adobe Stock Foto: Sonae Sierra
Freizeit- und Entertainment-Angebote rücken wieder mehr in den Vordergrund.
102 INTERVIEWS
Karl Schwitzke/Klaus Schwitzke
Alles wird besser -
Aufbruch zur neuen Qualität
Karl und Klaus Schwitzke zählen zu den bekanntesten Immobilien-Designern
Deutschlands. Seit mehreren Jahrzehnten sind die beiden gebürtigen Pfälzer, die in
Düsseldorf ihren Unternehmenssitz haben, unter anderem für große Shopping Center
und Ladenketten tätig. Im Interview äußern sie sich über die vielen Veränderungen
und daraus resultierenden Herausforderungen im stationären Einzelhandel.
Der Handel hat sich in den letzten Jahren drastisch
verändert. Woran liegt das?
Klaus Schwitzke: Die Vielfältigkeit, die uns früher
in die Städte gezogen hat, ist ein Stück verloren
gegangen. Wenn wir schon in die Stadt gehen,
dann um uns inspirieren zu lassen. Stattdessen
finden wir eine endlose Flut an Belanglosem, die
mehr überfordert und erdrückt als begeistert.
Weshalb stecken wir in einer Konsumkrise?
Karl Schwitzke: Es ist eigentlich keine Konsumkrise,
vielmehr haben sich die Prioritäten verschoben.
Die Leute kaufen anders ein. Neben
dem Zielkauf, der zunehmend online abgewickelt
wird, haben die Menschen keine Lust mehr, in die
Stadt zu gehen, um „immer mehr vom Gleichen“
zu finden. Sie suchen das Besondere. Davon abgesehen
haben sich die Ausgaben auch zwischen
den Branchen verschoben. An erster Stelle steht
das Essen, gefolgt von Reisen, während Fashion
an Relevanz verloren hat.
Wer kauft denn heute noch Mode?
Klaus Schwitzke: Um das klarzustellen, natürlich
gibt es noch die Fashionlovers, aber auch diese
rennen nicht mehr jedem Trend hinterher. Gerade
ein Teil der jüngeren, gut informierten Generation
verweigert sich der Massenware. Der Hype
um Vintage-Läden ist nicht umsonst da. Hier
können die Menschen ihre Individualität ausle-
ben, ihren eigenen Stil bestimmen und sich auf
das Besondere und Nachhaltige besinnen.
Auch die digitale Welt hat den Handel natürlich
verändert. Welche Auswirkungen sind dadurch
erkennbar geworden?
Klaus Schwitzke: Durch TikTok, Instagram etc.
sind Trends sofort weltweit in Echtzeit sichtbar.
Was Menschen an einem Ende der Welt erleben
und gut finden, ist sofort weltweit zugänglich.
Das macht das Geschäft unglaublich schnelllebig
und erfordert eine ständige Aufmerksamkeit und
Flexibilität.
Deshalb scheinen viele Marken die Lösung darin
zu finden, sich breiter aufzustellen, um mehr
Kunden zu erreichen.
Karl Schwitzke: Das ist meines Erachtens ein vollkommen
falscher Weg. Marken, die dem schnellen
Wachstum zuliebe sich immer breiter aufstellen,
verlieren oft ihre Identität. In Form eines klassischen
Lizenzgeschäfts immer neue Produktkategorien
hinzuzufügen – Uhren, Schuhe, Parfums
etc. – erschwert die Markenführung ganz enorm.
Die Folge ist oft ein verwässertes Markenprofil
und letztendlich der Verlust an Relevanz.
Zum Glück gibt es aber einige Spieler, die auch
heute sehr erfolgreich sind. Welche Faktoren
tragen dazu bei?
INTERVIEWS 103
Foto: Judith Wagner
Klaus und Karl Schwitzke
Karl Schwitzke: Händler, die auf Augenhöhe mit
den Kunden agieren – nahbar, authentisch – und
Marken, die eine ausformulierte Markenphilosophie
haben und mit Produkten überraschen und
begeistern, sind nach wie vor erfolgreich. Die
Aufgabe des Handels muss es doch sein, Menschen
glücklich zu machen.
Können Sie das konkretisieren?
Klaus Schwitzke: Auch wenn es wie eine altbekannte
Weisheit klingt, bleibt das Produkt selbst
der entscheidende Faktor. Das Produkt muss
Begehrlichkeit erzeugen – etwas, das die Konsumenten
unbedingt haben wollen und einen
gewissen Status vermittelt. Und dabei reden wir
längst nicht mehr nur von Luxusartikeln.
Was verstehen Sie denn heute unter Status?
Klaus Schwitzke: Status bedeutet: „Ich zeige,
dass ich zu einer Community gehöre und die
Codes dieser Community verstehe.“ Ein Beispiel?
Patagonia. Menschen tragen diese Kleidung nicht
nur wegen der Funktionalität oder Qualität, sondern
weil sie damit ein Statement setzen: „Ich bin
jemand, der Wert auf Nachhaltigkeit und einen
bewussten Lebensstil legt.“ Das ist ein subtiler
Code, der sagt: „Ich verstehe, dass wir behutsamer
mit Ressourcen umgehen müssen und teile
diese Werte.“
Aber wie baut man so eine Community um ein
Produkt oder eine Marke auf?
Karl Schwitzke: Es geht immer um Emotionen
und Identifikation. Social Media spielt dabei
eine entscheidende Rolle. Du musst selbst präsent
sein oder Influencer haben, die wirklich zur
Marke passen. Wenn deine Marke eine Person
wäre, wie würde sie sprechen, handeln, auftreten?
Kunden spüren sofort, ob die Marke echt
ist und ob die Philosophie auch gelebt wird. Aufkommende
Dissonanzen führen zu Vertrauensverlust.
Das Gesamterlebnis steht somit mehr und mehr
im Fokus, richtig?
Klaus Schwitzke: Ja, es geht um ein ganzheitliches
Markenerlebnis, das alle Touchpoints mit
dem Kunden nahtlos verbindet. Online und offline
müssen perfekt harmonieren, da die Erwartungen
der Kunden in beiden Welten gleich hoch
104 INTERVIEWS
sind. Wie die Marke digital erlebt wird, sollte sich
vor Ort genauso stark widerspiegeln – nein, sogar
übertreffen. Sobald Kunden einen Laden betreten,
muss die Marke spürbar werden – sie muss
fesseln und der Community das Gefühl geben,
am richtigen Ort mit Gleichgesinnten zu sein.
Es geht um Austausch, Begeisterung und ein gemeinsames
Erlebnis, das in Erinnerung bleibt.
Was bleibt denn sonst noch „hängen“?
Karl Schwitzke: Vielleicht kennen Sie das Gefühl,
wenn Sie das letzte verfügbare Stück eines
Produkts ergattern. Für echte Fans ist das wie ein
kleiner Adrenalinkick.
Haben Sie ein Beispiel, wo das besonders gut
funktioniert?
Karl Schwitzke: LFDY schafft beispielsweise mit
gezielten Drops eine Situation, in der die Nachfrage
die Verfügbarkeit übersteigt. Die Community
steht Schlange, um eines dieser besonderen
Stücke zu sichern. Das ist nicht nur Shopping,
das ist ein Event. Solche Erlebnisse sind entscheidend
– und funktionieren nicht nur im Premium-Segment,
sondern auch bei kleinen, kreativen
Marken.
In welcher Form kann zudem Begehrlichkeit
entstehen?
Klaus Schwitzke: Vor allem durch Überraschung.
Co-Labs sind dabei besonders spannend. Sie signalisieren
der Community: „Diese Werte teile ich
mit einer anderen starken Marke.“ Wenn solche
Partnerschaften authentisch und stimmig umgesetzt
werden, wie bei z.B. Reebok x Obey, kann
ein Produkt schnell zum Sammlerstück werden.
Solche Kollaborationen erzeugen Hypes, erweitern
die Fangemeinde und schaffen Begehrlichkeit
– vorausgesetzt, der Zusammenschluss passt
zu beiden Marken und ihrer Zielgruppe.
Sie nannten LFDY, mit denen Sie bereits viele
Projekte umgesetzt haben. Gibt es weitere Beispiele?
Karl Schwitzke: OACE ist ein weiteres. Die Marke
wurde 2020 gegründet und kombiniert Funktion
mit Lifestyle. Durch Social Media und Influencer-
Partnerschaften hat OACE eine enorme Reichweite
aufgebaut. Ein Highlight war nun der erste
Pop-up-Store in Köln, den wir gestaltet haben.
Dadurch wird die Marke physisch erfahrbar. Dort
trifft die Community auf Influencer, die als Verkaufs-
und Servicepersonal die Werte der Marke
authentisch verkörpern.
„Onliner“ scheinen am Zug zu sein, richtig?
Karl Schwitzke: Ja, die scheinen mit der Kommunikation
im Netz besser zurecht zu kommen.
Aber auch diese Marken ergänzen ihre Kommunikationsstrategie
sehr erfolgreich mit Läden.
Kapten & Son zählt beispielsweise dazu. Ihr Fokus
liegt auf der Experience, die bislang online
nur eingeschränkt erlebbar war. Der Store wurde
zur emotionalen Entdeckungsreise, mit interaktiven
Features, die die Werte der Marke aktiv
erlebbar machen. Kunden werden animiert, mit
bereitgestellten Dummies wie Laptops, Wasserflaschen
oder Büchern die Taschen realistisch zu
befüllen und anzuprobieren. So wird das Packen
selbst zum Teil der Entscheidung, und die Funktionalität
der Produkte wird direkt spürbar.
Und bei den etablierten Marken? Wer versteht es
noch immer?
Klaus Schwitzke: Ich zähle Manufactum nach
wie vor dazu - zu den Vorreitern des ‚guten Konsums‘.
Das Konzept vereint langlebige Produkte
mit faszinierenden Geschichten rund um die kuratierte
Ware, präsentiert von einem perfekt geschulten
Team, das Kunden begeistert. In einer
Welt des leider oft inhaltslosen Konsums hat dieses
Konzept sowohl online als auch offline eine
klare Berechtigung. Manufactum vermittelt ein
gutes Gefühl, das bleibt.
Die Zielgruppen sind nicht mehr so klar greifbar,
verändern sich. Kennen Sie eine Branche,
die darauf gut reagiert hat?
Klaus Schwitzke: Für mich sind es die Showrooms
der Autohersteller, die sich in den Innenstädten
präsentieren. Das Konzept hat sich hier
völlig verändert: Es geht längst nicht mehr um
klassisches Testen oder Probefahren. Vielmehr
sind diese Showrooms heute wie langlaufende
Pop-ups gestaltet – begehbare Anzeigen, die mit
neuen Produkten Neugier wecken und die Markenbekanntheit
steigern sollen. Ein Gewinn für
die Innenstädte.
Fallen Ihnen noch andere Konzepte ein?
INTERVIEWS 105
Foto: Chez Olivier, Düsseldorf.
Klaus Schwitzke: Alles, was mit Emotionen zu
tun hat, funktioniert. Die Reserve Roasteries,
Starbucks‘ Flagship-Konzept, zelebrieren Kaffeegenuss
– mit allen Sinnen. Der Duft von frisch
gemahlenem Kaffee und Gebäck erfüllt die Luft,
während das Mahlwerk der Rösterei zu hören ist.
„Kaffee wird hier zur Kunstform“ – durch kreatives
Aufbrühen, Reifen und Mischen entstehen
einzigartige Kreationen, die eine unvergessliche
Erfahrung bieten.
Karl Schwitzke: Ich würde auch Restoration
Hardware dazu zählen. Es ist ein Ort, der die
Sinne anspricht, Träume weckt und die Vorstellungskraft
anregt – genau das ist der Schlüssel
zur Kundengewinnung. Es gibt noch viele weitere
Beispiele. Auch Apple hat seine Strategie vollständig
geändert. Es geht nicht mehr um den Verkauf.
Wenn früher Kathedralen gebaut wurden, die das
Auch Feinkostläden können sich zu echten Treffpunkten entwickeln.
Produkt in den Mittelpunkt stellten, setzt Apple
heute auf Community und stellt den Kunden in
den Fokus. Aus meiner Sicht sind es gerade diese
neu interpretierten Super-Stores, die langfristig
erfolgreich sein werden. Die Funktion eines Ladens
hat sich völlig verändert.
Gibt es auch spannende Konzepte außerhalb
der Innenstädte?
Karl Schwitzke: Absolut! Ein Beispiel aus meinem
Viertel ist ein Feinkostladen, der sich zu
einem echten Treffpunkt entwickelt hat. Doch
dieser Laden ist mehr als nur ein Geschäft – er
ist ein Ort mit Seele. Der Betreiber ist nicht einfach
nur ein Verkäufer, sondern Gastgeber, der
Menschen zusammenbringt, fast wie ein guter
Freund. Er kennt seine Kunden beim Namen,
weiß, was sie mögen, und überrascht sie regelmäßig
mit neuen Produkten. In solchen Läden
geht es nicht nur um das besondere Angebot,
sondern um echte Hingabe und eine Community,
die diese Leidenschaft teilt und schätzt. Das ist
für mich wahre Nähe und Authentizität – genau
das, was die Menschen heute suchen.
Ihr Fazit?
Karl Schwitzke: Nachdem unsere Städte in den
letzten 20 Jahren immer uniformer geworden
sind, sehen wir jetzt, wie sich diese Fehlentwicklung
korrigiert. Das mag man als Krise wahrnehmen,
aber tatsächlich ist es ein Wandel zum
Besseren. Handelsflächen werden reduziert, Modemarken,
die an Relevanz verloren haben, werden
besser oder scheiden aus, neue Mitspieler
treten in den Markt ein. Auch die Städte haben
mittlerweile erkannt, dass der Wandel nicht nur
Vermieter und Mieter trifft. Es ist zu erkennen,
wie immer mehr Städte wahrnehmen, dass es
auf die Aufenthaltsqualität ankommt und der
richtige Mix an Angeboten eine Stadt erst wirklich
lebendig und liebenswert macht. Auch die
Verkehrswende spielt eine entscheidende Rolle.
Straßen, die auch erst kürzlich zur Fußgängerzone
wurden (Schadowstr., Ehrenstr.), leben jetzt
richtig auf.
Ich bin zuversichtlich, dass dieser Wandel gelingt,
denn wenn der Stadtbesuch wieder zu einem
emotionalen Erlebnis wird, kann der Handel
auf natürliche Weise aufblühen – Kunden kaufen
mit Herz, nicht nur mit Verstand.
106 INTERVIEWS
Maria Hill
Investitionen in Nachhaltigkeit
sind Investitionen in Wertstabilität
Große Handelsimmobilien wie Shopping Center „fit für die Zukunft“ zu machen, heißt nicht nur,
den Mietermix stetig zu optimieren und das Angebot standortspezifisch weiterzuentwickeln,
sondern auch die Objekte sukzessive klimaneutral zu machen. Nur so tragen sie zu den europäischen
Klimazielen bei und bleiben langfristig attraktiv. Dabei sind Eigentümer, Mieter und
Betreiber gleichermaßen gefordert. Über den Nutzen, die Erfordernisse und Maßnahmen auf
dem Weg zur Klimaneutralität haben wir mit Maria Hill, Director Sustainability & Corporate
Communications beim Immobilienentwickler und Shopping-Center-Betreiber ECE gesprochen.
Warum sollte man als Center-Eigentümer überhaupt
in den nachhaltigen Umbau seiner Immobilie
investieren, anstatt weiter die gewohnte
Rendite einzustreichen?
Maria Hill: Kurz gesagt: Um diese Rendite auch
langfristig zu sichern. Hintergrund ist, dass die
gesetzlichen Anforderungen an die energetischen
Standards auch für Bestandsimmobilien
immer strenger werden und parallel dazu der
Druck auch von der Marktseite kontinuierlich zunimmt.
Die europäische Gebäudeeffizienzrichtlinie
EPBD und das nationale Gebäude-Energie-
Gesetz setzen den Rahmen und die Ziele. Und
diese Vorgaben sind ambitioniert, zeitlich wie inhaltlich.
Gleichzeitig sorgen die neuen Standards
bei Monitoring und Reporting für immer mehr
Transparenz, der energetische Standard der Immobilie
wird also sichtbar. Wenn Eigentümer vor
diesem Hintergrund nicht handeln, droht langfristig
ein Wertverlust bis hin zum Szenario eines
„Stranded Assets“. Investitionen in die Nachhaltigkeit
und die Klimaneutralität sind somit Investitionen
in die Wertstabilität der Objekte.
Shopping Center sind aber große, hochfrequentierte
und hochkomplexe Immobilien. Wie
kann es überhaupt gelingen, diese in Sachen
Klimaneutralität fit zu machen?
Maria Hill: Dass das möglich ist, haben wir im
Rahmen eines Pilotprojekts bereits gezeigt. Dafür
haben wir bei der ECE einen energetischen
Sanierungsfahrplan entwickelt, der auf Basis einer
umfassenden Analyse einen umfangreichen
Maßnahmenplan aufzeigt, wie ein Shopping-
Center klimaneutral gemacht und den regulatorischen
Anforderungen gerecht werden kann.
Wir nennen diesen Fahrplan die „ECE map2zero“.
Dabei sind zwei Dinge entscheidend: Zum einen
sichert frühzeitiges Handeln Vorteile, da es zu
finanzieller Planbarkeit führt und hilft, aktuelle
attraktive Fördermaßnahmen zu sichern. Zum
anderen werden die erforderlichen Maßnahmen
in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht, damit sie
möglichst effizient und ressourcensparend umgesetzt
werden können.
Es sind aber nicht nur die Eigentümer gefordert,
sondern auch in der Zusammenarbeit mit
den Mietern steigen die Anforderungen an die
Nachhaltigkeit. Welche Maßnahmen und Fortschritte
gibt es dort?
INTERVIEWS 107
Maria Hill: Um die Klimaziele zu erreichen, ist
natürlich das gemeinsame Engagement aller Parteien
gefragt, also auch das Commitment und die
Zusammenarbeit mit den Mietern. Auch hier haben
wir in den letzten Jahren bereits große Fortschritte
gemacht: Für die Allgemeinflächen der
von uns betriebenen Shopping Center setzen wir
bereits seit vielen Jahren umfangreiche Maßnahmen
um, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren,
angefangen bei der Nutzung von Ökostrom über
die Umrüstung auf LED-Beleuchtung bis hin zu
effizienter Klimatisierung und Belüftung.
Gemeinsam mit den Mietern gehen wir aber einen
Schritt weiter und haben die seit 2016 freiwillig
eingesetzten Green-Lease-Vereinbarungen
überarbeitet und zum festen Bestandteil
der Mietverträge gemacht. Damit weiten wir die
nachhaltigen Standards auch verpflichtend auf
die Mietbereiche aus. Inzwischen verfügen schon
rund die Hälfte aller aktuellen Mietverträge bei
der ECE über einen Green Lease.
Was beinhalten diese Green-Lease-Vereinbarungen
konkret?
Maria Hill: Neben einem konsequenten Einsatz
von LED-Beleuchtung und der ausschließlichen
Nutzung von Ökostrom beinhaltet der grüne
Mietvertrag auch die Offenlegung der Mieter-
Maria Hill, Director Sustainability & Corporate
Communications beim Immobilienentwickler und
Shopping-Center-Betreiber ECE
Verbrauchsdaten, damit der gesamte CO2-Fußabdruck
der Center gemessen werden kann, also
inklusive der von den Mietern betriebenen Shopflächen.
So können entsprechende Nachhaltigkeitsmaßnahmen
daraus abgeleitet werden, und
das wiederum zahlt auf das langfristige Ziel der
Klimaneutralität und damit die Wertstabilität
und Zukunftsfähigkeit der Immobilien ein.
Visualisierung: ECE Foto: ECE
„ECE map2zero“ ist ein Maßnahmenplan, der aufzeigt, wie Shopping Center klimaneutral gemacht werden können.
108 INTERVIEWS
Stefan Kaiser
Vor-Ort-Beratung und digitaler
Service ist eine Pflicht-Kombi
Stefan Kaiser ist seit über 16 Jahren bei Decathlon Deutschland und steuert seit
Februar 2022 als Director Real Estate & Expansion den Filialausbau in Deutschland
und Österreich. Zuvor war er Expansionsleiter für Süddeutschland und Österreich,
wo er umfassende Erfahrungen in Business Development sowie in der
Verhandlungsführung im Immobilienbereich sammelte. Im Interview erzählt er,
wie das Unternehmen plant, weiter zu wachsen und die gestiegenen Bedürfnisse
der Kundinnen und Kunden berücksichtigen will.
Decathlon hat verkündet, seine Expansion in
den kommenden drei Jahren stark voranzutreiben.
Was ist der Grund dafür und wie sieht Ihre
diesbezügliche Strategie aus?
Stefan Kaiser: Der deutsche Sportmarkt bietet
aufgrund seiner Größe und Vielfalt ein unglaubliches
Potenzial. Unser Ziel ist es, unsere Marktanteile
weiter auszubauen und noch mehr Menschen
für Sport zu begeistern. Durch die neuen
Storekonzepte und zentrumsnahen Standorte
kommen wir näher zu unseren Kundinnen und
Kunden, so dass sie uns in ihren Alltag integrieren
können. Wir möchten hier unsere Produkte
auf kleineren Flächen mit einem ausgewählten
Sortiment anbieten. Genau dort, wo unsere
Kundinnen und Kunden uns gerade brauchen.
Mit dem Netzwerkgedanken sind unsere Filialen
innerhalb der Städte zudem gut verbunden und
unterstützen sich gegenseitig.
Welche Ladengrößen / Formate stehen dabei für
Sie im Vordergrund und warum?
Stefan Kaiser: Wir halten an unserem erfolgreichen
Konzept fest und werden zusätzlich neue
Formate einführen: unsere klassischen Multisport-Stores
auf größeren Flächen mit der gesamten
Produktpalette sowie unsere neuen
Connect-Stores in zentralen Innenstadtlagen.
Auf den kleineren Flächen bieten wir ein spezialisierteres
Produktsortiment, ergänzend setzen
wir auf Formate in Einkaufszentren.
Die Digitalisierung hat auch in Ihrem Unternehmen
längst Einzug gehalten. Wie macht sich
das im Kundengeschäft bemerkbar – wie interaktiv
sind bei Ihnen die Abläufe?
Stefan Kaiser: Wir verstehen uns als Omni-Business.
Wir nutzen digitale Tools in unseren Geschäften
vor allem dafür, Abläufe für unsere
Kundinnen und Kunden so angenehm wie möglich
zu gestalten und das Einkaufserlebnis stetig
zu verbessern. Beispielsweise werden unsere
Self-Checkout-Kassen durch die einfache Handhabung
und die unkomplizierte Erfassung der
Produkte sehr positiv von unseren Kundinnen
und Kunden wahrgenommen. Wir arbeiten mit
diesem System bereits seit 2014 in Deutschland.
Die gewonnene Zeit können unsere Teammates
wiederum für die Beratung der Kundschaft und
ihre persönliche Weiterbildung nutzen.
INTERVIEWS 109
Digitale Preisschilder sorgen dafür, dass Preise
stets aktuell sind und bieten zusätzlich nützliche
Informationen zu den Produkten. Außerdem
enthalten sie QR-Codes, die direkt zu weiteren
Produktdetails führen. In einigen Filialen kommen
darüber hinaus RFID-Roboter zum Einsatz,
die die Inventarisierung effizienter und präziser
gestalten.
Foto: Decathlon
Welche Kriterien bestimmen bei Ihnen vor allem
die Standortauswahl?
Stefan Kaiser: Die Kriterien für die Standortauswahl
variieren je nach Filialformat. Grundsätzlich
legen wir großen Wert auf eine gute Erreichbarkeit
für unsere Kundinnen und Kunden. Während
wir in der Vergangenheit vor allem auf Fachmarktlagen
mit hoher Zugänglichkeit gesetzt haben,
berücksichtigen wir heute zunehmend auch
zentrale Innenstadtlagen, die zu unseren neuen
Connect-Store-Konzepten passen.
Stefan Kaiser ist seit über 16 Jahren bei Decathlon
Deutschland.
Nachhaltigkeit bzw. ESG genießen bei Ihnen
offenbar auch hohe Priorität. Nennen Sie uns
doch bitte mal Beispiele – einerseits, was die
Produktwelt, andererseits, was die Immobilienausstattung
anbelangt?
Stefan Kaiser: Nachhaltigkeit ist ein zentraler
Aspekt unserer Unternehmensstrategie. Eine der
größten Herausforderungen ist es, die planetaren
Grenzen zu respektieren. Wir wollen, dass
Decathlon eine führende Rolle bei der laufenden
ökologischen Transformation spielt und ein inspirierendes
Modell für eine nachhaltige Zukunft
wird. Das zweite Jahr in Folge haben wir unsere
absoluten CO2-Emissionen gesenkt (10 % weniger
als 2022) und gleichzeitig unseren Umsatz gesteigert.
Wir verfolgen konkrete mittel- und langfristige
Ziele in den Scopes 1, 2 und 3, um unseren
Beitrag zum Pariser Klimaabkommen zu leisten.
2013 veröffentlichten wir unsere erste nichtfinanzielle
Erklärung (Non-Financial Reporting
Declaration). Damals lag unser Fokus hauptsächlich
auf der Reduzierung von Treibhausgasemissionen.
Seitdem haben wir unsere Strategie
stetig erweitert und decken nun eine Vielzahl an
relevanten Themen ab – von Kreislaufwirtschaft
über Biodiversität bis hin zu existenzsichernden
Löhnen.
2019 legte Decathlon erstmals wissenschaftsbasierte
Klimaziele (Science Based Targets) fest, die
von der internationalen Science Based Targets
Initiative (SBTi) validiert wurden. Damit wurden
unser Dekarbonisierungspfad und unser Net-Zero-Ziel
erstmals öffentlich verankert, was uns
eine klare Strategie zur Reduzierung unserer
Klimaauswirkungen ermöglichte. Anfang 2024
überarbeiteten wir unsere Ziele, um unsere Dekarbonisierungsbemühungen
zu verstärken: Bis
2030 sollen unsere absoluten Treibhausgasemissionen
entlang der gesamten Wertschöpfungskette
um 42 Prozent sinken (im Vergleich zum
Basisjahr 2021, in den Scopes 1, 2 und 3).
In den letzten zwei Jahren haben wir unsere
Kreislaufstrategie weiterentwickelt, um kreislauforientierte
Geschäftsmodelle zu skalieren.
Dies umfasst Buy Back, Second Use, sowie DIYund
Reparaturservices, die weltweit in unseren
Werkstätten angeboten werden.
Ein bedeutender Meilenstein auf diesem Weg
ist die deutliche Steigerung unseres Umsatzanteils
aus der Kreislaufwirtschaft im Vergleich
zum Gesamtumsatz. Diese Kennzahl messen
wir mittlerweile im gesamten Unternehmen.
110 INTERVIEWS
In Deutschland haben wir in diesem Jahr auch
unsere Werkstatt-Offensive gestartet, mit dem
Ziel, deutschlandweit in den kommenden Jahren
bis zu 10 Werkstätten zu eröffnen, die umfassende
Reparaturservices anbieten und Decathlon
zur führenden Anlaufstelle für Pflege- und
Reparaturdienstleistungen von Sportartikeln in
Deutschland machen.
An unseren Standorten spielen Nachhaltigkeitsfaktoren
ebenfalls eine wichtige Rolle: 94,5 Prozent
unserer Standorte in Deutschland nutzen
erneuerbare Energien. Im Jahr 2024 haben wir an
drei Standorten Wärmepumpen installiert. Darüber
hinaus haben wir in diesem Jahr die Installation
von Photovoltaikanlagen an fünf Standorten
durchgeführt, um den Anteil erneuerbarer Energien
in unserem Betrieb weiter zu erhöhen.
Abschließende Frage: Wie betrachten Sie persönlich
die Weiterentwicklung des stationären
Handels? Wird er sich langfristig gegenüber
dem Onlinegeschäft behaupten können und
wenn ja, warum?
Stefan Kaiser: Ich bin überzeugt, dass sich der
stationäre Handel zunehmend als Teil eines Omnichannel-Ansatzes
etablieren wird, bei dem die
Kundinnen und Kunden die Vorteile von Onlineund
Offline-Shopping nahtlos kombinieren können.
Eine kompetente Beratung vor Ort, gepaart
mit digitalen Services wie Online-Reservierungen
oder Click & Collect, schafft ein Einkaufserlebnis,
das auf die individuellen Bedürfnisse der
Kundschaft abgestimmt ist. Dieses Zusammenspiel
braucht es zwingend. Das wird den stationären
Handel auch in Zukunft wettbewerbsfähig
machen.
Foto: Adobe Stock
Online- und Offline-Shopping müssen im stationären Handel nahtlos kombiniert werden können.
Agentur für Branding,
Marketing & Kommunikation
112 INTERVIEWS
Aniko Korsos
Man muss den Finger am Puls der
Zeit haben und sich auf den
permanenten Wandel einstellen
Jones Lang LaSalle (JLL) hat Aniko Korsos im. Oktober 2023 zur neuen Head of Retail Leasing
in Deutschland ernannt. Die Betriebswirtin führte davor das Frankfurter Einzelhandelsvermietungsteam
und trug auch die Verantwortung für die Märkte in Köln und Düsseldorf. Die
erfahrene Retailexpertin blickt gemeinsam mit ihren Teams fundiert in die Toplagen der zehn
größten Metropolen sowie Großstädte im Umland. Im Interview erzählt sie unter anderem, wie
sie die Entwicklung des stationären Einzelhandels sieht, welchen Konzepten sie die besten
Chancen gibt und was ihr die größten Sorgen bereitet.
Wie sehen Sie für 2025 die Entwicklung des stationären
Einzelhandels?
Aniko Korsos: Der deutsche Einzelhandelsvermietungsmarkt
hat im abgelaufenen Jahr 2024
viel Selbstvertrauen getankt. Über alle Quartale
hinweg stabile und auf das Gesamtjahr gesehen
leicht wachsende Flächenumsätze beweisen ein
robustes Kerngeschäft – auch in einer gesamtwirtschaftlich
herausfordernden Lage. Viele internationale
Marken wagen den Sprung auf den
deutschen Markt oder nehmen ihre Expansion in
Deutschland wieder auf, zum Beispiel das italienische
Kosmetikunternehmen KIKO, der niederländische
Elektronikhändler Coolblue oder das
englische Parfumlabel Creed. Hier werden wir
noch einige mehr sehen.
Das sorgt dafür, dass auch 2025 die Nachfrage
nach attraktiven Ladenlokalen in zentralen Lagen
der Groß- und Mittelstädte sehr hoch bleiben
wird. Hintergrund ist zudem, dass die Handelsumsätze
in Deutschland trotz Inflation und
vieler politischer wie wirtschaftlicher Herausforderungen
als gut und konstant eingestuft werden.
Gerade in Metropolen wie Berlin, München,
Frankfurt und Hamburg sind die Touristen nach
der Pandemie zurückgekehrt und sorgen auch
hier für zusätzlichen Konsum – häufig im hochpreisigen
Segment.
Worauf kommt es heutzutage an, um als Retailer
längerfristig Erfolg zu haben?
Aniko Korsos: Viele Handelskonzepte haben die
vergangenen Jahre genutzt, um ihre Strategie zu
überdenken, Multichannel-Vertriebe aufzubauen
und ihren stationären Handel stärker auf die
Erwartungen der Kunden nach dem Kauferlebnis
und der Aufenthaltsqualität auszurichten. In der
Konsequenz heißt das, dass sie ihre Portfolios
anpassen, indem sie zum Beispiel mehrere kleine
Standorte zu einem zentralen Flagshipstore auf
großer Fläche zusammenfassen, ihre Verkaufs-
INTERVIEWS 113
flächen verkleinern, vergrößern oder sich hinsichtlich
der Mikrolage optimieren.
Foto: JLL
Der stationäre Handel lebt vom Erlebnis, der Atmosphäre
und Beratung. Das haben die meisten
Konzepte verstanden und setzen darauf, die
Marke sinnlich erfahrbar zu machen. Das ergänzt
sich gut mit dem Online-Handel des Konzepts
und führt nicht zu einem Verdrängungskampf,
denn der ein Pfeiler bedient Effizienz und bequemes
einkaufen, der andere sorgt dafür, dass die
Marke mit einem schönen Moment verbunden
wird.
Einer der Hauptstreitpunkte, wenn es um den
langfristigen Erfolg eines Ladens geht, ist die
„Miete“. Sie hat natürlich auch Auswirkungen
auf das Erscheinungsbild in den Fußgängerzonen.
Wohin geht hier die Reise?
Aniko Korsos: In den deutschen Toplagen sind
die Spitzenmieten seit Jahren weitgehend konstant.
Sogar während der Pandemie gab es nur
eine leichte Korrektur nach unten, denn attraktive
Ladenlokale in Toplagen sind gefragt, wobei
die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt.
Das schafft Sicherheit für die Vermieter, die in
ihre Immobilien investieren, um langfristig attraktive
Flächen zu schaffen. Dies wirkt sich
wiederum positiv auf die Atmosphäre in den Innenstädten
aus, was Kaufkraft auf dem Umland
anzieht.
Zugleich sind die Spitzenmieten in Deutschland
im Vergleich mit Städten wie London, Paris, Mailand
und Zürich noch vergleichsweise moderat,
was sie für internationale Konzepte interessant
macht, die ihre Expansion nach Europa ausweiten
wollen. Vor allem Berlin und München sind
attraktive Märkte für den Markteintritt.
Welchen Retail-Konzepten und -Formaten geben
Sie die besten Aussichten auf längerfristigen
Erfolg?
Aniko Korsos: Auch 2025 wird der Textilhandel
wieder das Feld dominieren und vor allem im
großflächigen Bereich anmieten – auch außerhalb
der Metropolen. Das sind auf der einen Seite
große internationale Handelsgruppen wie Indi-
Aniko Korsos, Head of Retail Leasing bei JLL
tex und Bestseller, die mit diversen Marken ihre
Expansion ausweiten. Auf der anderen Seite sind
es aber auch seit Jahrzehnten etablierte Händler
wie C&A, Deichmann oder Warenhäuser wie
Woolworth, die davon profitieren wollen, dass
viele Galeria-Filialen in den Zentren geschlossen
haben.
Wenn Sie gesamt auf Deutschland schauen, um
wen machen Sie sich mit Blick auf den Einzelhandel
die größten Sorgen und um wen am wenigsten?
Aniko Korsos: Um Händler, die den Finger am
Puls der Zeit haben und sich auf den permanenten
Wandel – analog wie online – eingestellt haben
muss man sich sicher keine Gedanken machen.
Das haben die vergangenen Jahre belegt.
Auch jene, die einen klaren Markenkern haben
und Stammkundschaft binden können, haben
gute Karten. Schwierig wird es indes für jene, die
nichts bieten können, was sie vom meist günstigeren
Online-Konkurrenten unterscheidet.
114 DISKUSSION
Experten-Talkrunde
Wie Gastronomie dem
Einzelhandel helfen kann
Wie kann die Gastronomie als integrativer Bestandteil von Einzelhandelsimmobilien
in den vielleicht herausforderndsten Zeiten
überhaupt zur Kundenbindung und -gewinnung beitragen? Dies
stand im Mittelpunkt einer Talkrunde von HI HEUTE, die mit großer
Unterstützung der Düsseldorfer Agentur LOTTMANN Communications
extra für dieses Buch m November 2024 zustande kam.
Moderator Thorsten Müller (Chefredakteur von HI HEUTE) und
Organisatorin Andrea Ungereit (LOTTMANN Communications) begrüßten
dazu folgende Fachleute:
Sonja Rosenheimer: Sie ist Head of Marketing bei der Gustoso Gruppe, verantwortlich
für die Marketing-Strategie in den Ländern Deutschland, Österreich
und Schweiz und den Niederlanden. Dazu gehören Marken, wie Contidiano
oder Ruffs Burger.
Florian Schneider: Er ist Managing Partner bei Pesca, einem innovativen
Fischkonzept aus den Niederlanden, das in 2025 in Hamburg erstmalig
in Deutschland an den Start geht. Seine Anfänge lagen bei Vapiano. Florian
Schneider ist ein großer Visionär, der erfolgreiche Marken mit an den Start
gebracht und auch in den USA ausgerollt hat. Dazu gehören Guglhupf und Du
oder Pudu Pudu.
Jochen Pinsker: Er ist der Mann der Fakten und Zahlen in der Runde. Pinsker
stellt als Industry Advisor Foodservice Europe bei Circana auch die Weichen
für den Aufbau neuer Gastro-Services und -Analysemöglichkeiten in Europa
als auch im Nahen Osten. Zudem unterstützt er Kunden und Partner als
Berater der Branche und berät einige der größten Restaurantbetreiber und
Hersteller in ganz Europa.
Markus Schwitzke: Er ist Designer und zudem erfolgreicher Fachbuchautor.
2010 gründete er die Designagentur Schwitzke Identity Design GmbH und
verantwortete dort alle Tätigkeitsbereiche. Dabei beriet er Marken wie Breuninger,
Hornbach Baumarkt, Oeko-Tex, Tommy Hilfiger und viele weitere. Die
Arbeiten der Agentur wurden mit Auszeichnungen wie dem German Brand
Award, dem immobilienmanager-Award oder dem Europäischen Innovationspreis
prämiert. Ab März 2022 übernahm er die Position des Chief Brand
Officers bei Paper & Tea.
DISKUSSION 115
Foto: Adobe Stock
Thorsten Müller: Meine erste Frage geht an den
Mann der Zahlen und Fakten. Herr Pinsker, wie
hat sich das Verhalten der Konsumentinnen und
Konsumenten – vor allem mit der Erfahrung von
zwei Jahren Corona – entwickelt bzw. geändert?
Jochen Pinsker: Die Gastronomie in Deutschland
steht auf den ersten Blick vielleicht ganz
positiv da. Wenn wir die Ausgaben der Verbraucher
messen im Vergleich zu 2019 und zu dem
in Relation stellen, was sie in den letzten zwölf
Monaten für gastronomische Leistungen ausgegeben
haben, dann wächst dieser Wert. Vier
Prozent plus gegenüber 2019. Das Problem dabei
ist, dass ein großer Anteil an diesem Wachstum
durch Preiserhöhungen, durch Inflation oder anderes
zustande kommt. Wenn wir die tatsächliche
Größe der Nachfrage, also die Gästebesuche für
die Gastronomie, heranziehen, dann stehen wir
Ende 2024 bei minus 13 Prozent. Etwas bedrückend
ist, dass es nach einer relativ langen Zeit
der Erholung mittlerweile wieder ein bisschen
nach unten geht.
Die Frage ist natürlich, in welchen Bereichen
fehlen uns diese Besuche? Das Verhalten der
Konsumentinnen und Konsumenten hat sich dahingehend
tatsächlich radikal geändert, dass sich
die Gäste einfach heute im Vergleich zur Situation
vor Corona in veränderten oder in ganz neuen
Situationen befinden, wenn es um die gastronomische
Nutzung geht. Das betrifft zum Beispiel
sehr stark den Arbeitsbereich der Menschen.
Die Lage heute: mehr Home-Office, weniger geschäftliche
Reisetätigkeit, mehr Digitalisierung,
mehr Zeit, die wir zu Hause verbringen. Das alles
hat den Markt deutlich verändert. Geblieben ist,
dass die Verzehrsituation Arbeitsplatz heute für
die Gastronomie deutlich weniger wichtig ist und
umgekehrt die Verzehrsituation zuhause deutlich
an Wichtigkeit zugenommen hat. Der Gastronomie
kann man zugutehalten, dass sie Wege und
Möglichkeiten gefunden hat, den Gast oder den
Konsumenten, der zu Hause sitzt, auch mit gastronomischen
Leistungen zu versorgen, egal, ob
das über den Lieferdienst oder Pick-up-Möglichkeiten
von Restaurants ist.
Thorsten Müller: Meine nächste Frage geht an
Frau Rosenheimer und Herrn Schneider. Es
hat in den letzten Jahren viele große Heraus-
116 DISKUSSION
forderungen gegeben, sowohl für den Einzelhandel
als auch für die Gastronomie. Aber kann
man jetzt wirklich schon wieder von Normalität
sprechen?
Sonja Rosenheimer: Die Marktsituation hat sich
sicherlich seit der Pandemie ein bisschen stabilisiert,
aber die anhaltenden Herausforderungen,
wie steigende Energiekosten, der Fachkräftemangel
und der damit einhergehende steigende
Mindestlohn oder die hohe Inflationsrate, die belasten
die Gastronomie natürlich weiterhin. Und
wie Jochen Pinsker gesagt hat, das veränderte
Konsumentenverhalten erfordert natürlich auch
gewisse Anpassungen. Das heißt, von einer vollständigen
Beruhigung kann man jetzt noch nicht
sprechen. Aber es gibt sicherlich Chancen für innovative
und vor allen Dingen anpassungsfähige
Gastronomie-Konzepte.
Florian Schneider: Ich glaube auch, dass man es
aus zwei Richtungen betrachten kann. Für den
Konsumenten oder den Gast hat sich eine gewisse
Form der Normalität eingestellt. Vielleicht geht
das eine oder andere Mal weniger essen. Doch ich
denke, subjektiv fällt ihm das gar nicht so sehr
auf. Für uns als Gastronomen ist diese Normalität,
die wieder eingekehrt ist, eher ernüchternd.
Die einzelnen Parameter hat Sonja Rosenberger
schon genannt. Dazu kommen der erhöhte Kostendruck
und die Erwartungshaltung, die gleichbleibend
hoch oder sogar höher ist. Insofern sollte
man immer positiv in die Zukunft schauen und
optimistisch bleiben. Aber die Situation ist nicht
rosig.
Thorsten Müller: Kommen wir nun zu Markus
Schwitzke und dem Thema Design. Da will ich
direkt von dem Fachbegriff „Erlebnisdesign“
sprechen. Wie schaut es damit aus? Welche Elemente
sind heutzutage diesbezüglich nahezu
unverzichtbar?
Markus Schwitzke: Ich möchte zunächst den
Begriff „Erlebnisdesign“ ein bisschen erläutern.
Vielfach wird das als eine Art Gimmick verstanden.
Ich glaube, der Anspruch ist aber ein ganz
anderer. Eine Gastronomiemarke braucht eine
klare Botschaft. Sie muss verständlich sein und
klar machen, wofür sie steht. Aus diesem von
Innen-nach-Außen-Prozess muss sich eigentlich
auch das Design und eine Atmosphäre entwickeln.
Für mich ist wichtig, dass ich am Ende
den menschlichen Faktor berücksichtige. Es
muss vor allem gelingen, eine Atmosphäre zu
schaffen, in der sich das eigene Team wohlfühlt.
Aus dieser Sicherheit heraus kann ich ein toller
Gastgeber sein. Dabei spielen viele Aspekte eine
Rolle. Licht zum Beispiel und seine Anpassung
an den Tagesablauf. Oder der Aspekt Gesundheit.
Natürlich gibt es noch sehr viel mehr relevanter
Punkte – Musik, Geräusche, Düfte etc. Das Thema
Erlebnis und davon abgeleitet Design und Gestaltung
muss meiner Meinung nach ganzheitlich
greifen. Wenn ich von dieser klaren Botschaft das
Design ableite, dann brauche ich natürlich eine
Aufenthaltsqualität. Und ein echtes Erlebnis, das
auf einer klaren Differenzierung fußt. Dies geht
nur mit Liebe zum Detail, echter Neuentwicklung
und nicht dem Kopieren eines anderen Gastrokonzepts.
Ich brauche Eigenständigkeit und
Klarheit: Wenn von außen nicht erkannt wird,
dass ich beispielsweise Pizza anbiete, dann habe
ich eh schon verloren!
Thorsten Müller: Herr Pinsker, im Einzelhandel
generieren Luxusanbieter noch immer enorme
Umsätze und natürlich auch Gewinne. Aber wie
ist denn der Trend in der Spitzengastronomie?
Jochen Pinsker: Die Gastronomie ist aktuell
eigentlich weniger von der Pandemie als mehr
durch aktuelle Themen, wie Inflation, starke
Preiserhöhungen sowie schwaches Konsumklima
belastet. Sowohl Sonja Rosenheimer als auch Florian
Schneider haben schon zuvor gesagt, was an
Druck auf die Gastronomen zukommt. Natürlich
spielt dabei auch die Mehrwertsteuererhöhung
eine Rolle und damit dann das, was der Gast am
Ende des Tages bezahlen muss. Die Spitzengastronomie
ist davon nicht so stark betroffen. Der
Blick in die Zahlen zeigt zwei Gründe: Wenn wir
heute sehen, wer aus dem Markt vor allen Dingen
aus Kostengründen aussteigt, dann sind es vor
allem die niedrigeren Einkommensgruppen. Das
untere Einkommensdrittel leistet sich deutlich
seltener Gastronomie bzw. kann sie sich erst gar
nicht leisten. Für die Spitzengastronomie spielt
diese Gruppe aber kaum eine Rolle, sondern eher
für die Casual Dining-Gastronomie. Das ist der
DISKUSSION 117
Sonja Rosenheimer, Gustoso Gruppe
eine Punkt. Zum anderen sehen wir aktuell einen
Trading Down-Prozess im Markt, das heißt, die
Gäste versuchen nicht ganz so viel Geld in der
Gastronomie auszugeben. Gäste managen ihre
Bons relativ gut selber. Sie verzichten auf einzelne
Produkte oder gehen vielleicht in günstigere
Restaurants. Die Spitzengastronomie ist das
obere ein Prozent und davon nicht betroffen. Ich
glaube, wir sehen hier etwas sehr Ähnliches, wie
das, was wir im Einzelhandel bei den absoluten
Premium-Marken gerade wahrnehmen.
Thorsten Müller: Frau Rosenheimer und Herr
Schneider, was bilden denn aktuell für Gastronomen
die größten Hürden – gerade nach diesen
vielen Herausforderungen der letzten Jahre?
Sonja Rosenheimer, Gustoso Gruppe: Aus meiner
Sicht sind das eigentlich zwei Punkte, die ich
vorhin auch schon angesprochen habe. Das Thema
der gestiegenen Kostenstruktur ist sicherlich
eine enorme Herausforderung für alle Gastronomen.
Dazu braucht es dann einfach passende
Umsatzmieten oder innovative Partnerschaftsmodelle,
auf die wir angewiesen sind. Außerdem
veränderte Konsumgewohnheiten. Das heißt,
es werden flexiblere Angebote benötigt. Zum
Beispiel To-go-Lieferdienste, um auch diesem
Wandel der Konsumenten nachzukommen. Für
mich sind es immer zwei Trends. Zum einen das
Thema To-go und kleinere Mahlzeiten versus das
Thema Erlebnisgastronomie, das gerade jetzt im
Social-Media-Zeitalter auch eine so große Rolle
eingenommen hat, der man nachkommen muss.
Die Gäste, die sich die Gastronomie dann auch
wirklich gönnen, abends und länger sitzen wollen,
die wollen ein Erlebnis haben! Da muss dann
alles stimmen, vom Ambiente über den Service,
118 DISKUSSION
Markus Schwitzke, Designer, Autor und CBO bei Paper & Tea
eben nicht nur darum, irgendwo einen Tisch und
einen Stuhl hinzustellen, sondern der Arbeitsplatz
als solcher muss gut sein für unser Team
und unsere Mitarbeiter. Das ist herausfordernd.
Ganz aktuell kann ich berichten, dass wir gerade
ein Restaurant gebaut haben. Die ständig weiter
steigenden Baukosten machen es mittlerweile
wirklich schwer, ein wirklich schönes Objekt zu
realisieren. Und wenn ich mich umschaue und
sehe beispielsweise einen Retailer, der auch einen
schönen Store hat, aber in der Regel nur einen
Counter sowie ein paar Regale reinstellt und
schöne Lichter aufhängt, dann beneide ich den
schon. Vor allem, wenn ich sehe, was wir noch
alles machen müssen, um genau dieses Gästeerlebnis
auch gewährleisten zu können. Und der
dritte Punkt, den ich anführen möchte, dreht sich
um Bürokratie. Ich habe gerade wieder eine Gastdie
Qualität der Küche und last but not least die
Eignung für einen tollen Post in den Sozialen
Netzwerken.
Florian Schneider: Ich würde ergänzend noch
die Schwierigkeiten hinzufügen, die wir augenblicklich
bei der Personalgewinnung haben. Da
sind 160.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in Deutschland durch Corona in andere Branchen
gewechselt. Die kommen nicht mehr zurück.
Sie haben festgestellt, wie schön es sein
kann, nur von Montag bis Freitag zu arbeiten,
keine Wochenenddienste oder Spätschichten zu
haben. Wir zahlen schon deutlich über Mindestlohn,
um überhaupt die Qualität an Personal zu
bekommen, damit wir das Gästeerlebnis, was wir
liefern wollen, auch tatsächlich liefern können.
Markus Schwitzke hat es bereits gesagt – es geht
DISKUSSION 119
stättenlizenz beantragt. Da muss man heutzutage
wirklich eine stattliche Anzahl von Papieren beschaffen,
um diese zu bekommen. Und wenn ich
vergleiche, wie unkompliziert ich eine Lizenz in
Amerika bekommen habe, dann ist das abenteuerlich.
In den USA geht das online über die
Bühne – einfach den Button drücken und zahlen,
fünf Sekunden später liegt dann meine Lizenz im
Postfach. Und bei uns dauert das Wochen.
Thorsten Müller: Herr Schwitzke, haben Sie
denn ein konkretes Beispiel aus Ihrem Erfahrungsbereich,
wo Gastronomie und Einzelhandel
miteinander verschmelzen?
Markus Schwitzke: Auf alle Fälle gibt es Konzepte,
bei denen sich das gegenseitig sehr befruchtet.
Ich durfte jetzt fast drei Jahre lang als Geschäftsführer
von Paper & Tea eine solche Verschmelzung
voranbringen. Paper & Tea ist definitiv ein
Anbieter, den ich hier nennen möchte, weil es
auf der einen Seite ein Händler ist, der Tee und
Accessoires verkauft, aber gleichzeitig den Tee
nicht nur erlebbar macht. Wir haben Kundinnen,
die gerne für ein Matcha Latte zu uns kommen
und dafür Platz an der Teebar nehmen – das regelmäßig
und auch bereit sind, für diese Qualität
Geld auszugeben. Es ist gleichzeitig ein Eventspace.
Wir haben mit den Tea Time Sessions ein
Konzept eingeführt, bei dem wir von Teeseminaren
bis zu Events mit Künstlerinnen über Musik
und kleine Workshops alles anbieten. Ich finde
aber auch, dass es ganz viele tolle Konzepte gibt,
vor allem im Bereich Fashion. Wenn man jetzt
Henschel, das L&T in Osnabrück oder auch das
KaDeWe nimmt, na da gehen doch Handel und
Gastro wunderbar ineinander über. Sie schaffen
es, dass Menschen regelmäßig – und nicht nur
am Wochenende – kommen.
Thorsten Müller: Herr Pinsker, welchen Trend
und welche Entwicklung in den Verbraucherpräferenzen
beobachten Sie, die den stationären
Handel beeinflussen? Gibt es Besonderheiten,
wenn Gastronomie als Teil des Konzepts integriert
wird?
Jochen Pinsker: Zunächst müssen wir definieren,
welche Art von Einzelhandel gemeint ist. Nehmen
wir den Lebensmitteleinzelhandel, der wurde in
den letzten Jahren immer gastronomischer und
bietet mittlerweile gastronomische Angebote wie
das Sandwich aus der Kühltheke oder auch die
gastronomischen Angebote in der Vorkassenzone.
Hier gilt es, einen Impuls zu setzen, den
LEH aufzusuchen. Wir hatten die Gelegenheit,
mit einzelnen Zahlen aus dem Loyalitätsprogramm
einer österreichischen Supermarktkette
zu arbeiten. Es war spannend zu sehen, dass diejenigen,
die dort Gastronomieprodukte gekauft
haben – also das fertige Sandwich oder einen
fertig geschnippelten Obstsalat – tatsächlich
häufiger gekommen sind. Die gastronomische
Leistung war der Anker, die Zahnpasta oder vielleicht
die Kaugummis oder noch eine Packung
Kekse wurden aber auch noch mitgenommen.
Wenn es dann eher um den klassischen stationären
Einzelhandel zum Beispiel in den Städten
oder auch in Shoppingmalls geht, dann ist die
Gastronomie der Garant für Aufenthaltsqualität.
Wir hatten vorhin das Thema Eventisierung. Da
ist Leben, die Menschen wollen sich wohlfühlen,
egal ob sie einkaufen oder ob sie die Gastronomie
nutzen. Ich glaube, da geht es um das Bedürfnis
der Menschen eine angenehme, unterhaltsame
halbe Stunde, oder einfach zehn Minuten Ruhe
und Auszeit zu nehmen, die man mit einem guten
Cappuccino oder einem Tee verbringt. Ich glaube,
dass sich diese zwei Welten unheimlich gut
ergänzen.
Thorsten Müller: Frau Rosenheimer und Herr
Schneider, im Vergleich Systemgastronomie zur
Gastronomie mit individuellen Konzepten – wer
hat es da derzeit schwerer?
Sonja Rosenheimer: Aus meiner Sicht auf jeden
Fall die Individualgastronomie. Wir in der Systemgastronomie
haben unfassbar viele Synergieeffekte,
auf die wir zurückgreifen können. Wenn jetzt
ein Franchisenehmer bei uns ein Konzept aufmacht,
dann greift er auch auf eine etablierte Marke
zurück und muss sich nicht selber am Markt
mit einem eigenen Konzept beweisen. Das heißt,
da bietet im Moment die Systemgastronomie auch
einfach sehr viel Stabilität und gerade in Krisenzeiten
noch ein bisschen mehr Rückhalt und Sicherheit,
da Individualgastronomen sich nochmal
ganz anders beweisen müssen. Da gibt es sicherlich
auch viele, die das ganz toll machen – gerade
120 DISKUSSION
lokale, kleine Restaurants, die eine Stammkundschaft
aufbauen und da auch über Service und lokale
Angebote ihre Stammkunden halten können.
Aber grundsätzlich glaube ich, dass im Moment
die Systemgastronomie im Vorteil ist.
Florian Schneider: Das sehe ich auch so. Ich
glaube, es gibt sicherlich den einen oder anderen
Individualisten, der da stabil durchkommt.
Weil sein Konzept gut ist, weil die Lage gut ist,
weil sein Produkt gut ist. Aber insgesamt tut sich
ein System natürlich schon viel einfacher mit den
genannten Punkten. Synergieeffekte, die sich für
ihn daraus ergeben, Standardisierungen, auch
die Credibility, die eine Marke gegenüber einem
Vermieter hat, wenn man eine neue Fläche haben
möchte. Das ist für einen, der bewiesen hat, dass
der Proof of Concept funktioniert, deutlich einfacher
und die Hebel, die da angesetzt werden
können, sind auch ein bisschen größer als für
den Individualgastronomen. Insofern glaube ich,
dass die Systemgastronomie weniger leidet. Aber
selbst McDonald's muss jetzt schon in den USA
ein Menü anbieten, das unter fünf Dollar liegt,
weil sonst die Gäste wahrscheinlich eine Alternative
ansteuern.
Thorsten Müller: Herr Schwitzke, inwieweit
hat Digitalisierung Einfluss auf die Gestaltung?
Verändern interaktive Technologien die Architektur
im Bereich Gastronomie und Einzelhandel?
Wie ist Ihre Einschätzung?
Markus Schwitzke: Für mich ist immer die Frage,
was leistet Gastronomie? Im Einzelhandel
oder im Handel generell wurde über Jahre der
Mensch als Kostenfaktor und nicht als Gastgeber
und Umsatztreiber wahrgenommen. Vielmehr
wurde versucht, durch Self-Checkout und weitere
Systeme, den Menschen wegzurationalisieren.
Ich glaube, dass das eine große Gefahr ist, denn
besonders in der Gastronomie gilt, Menschen
wollen Menschen treffen. Das ist auch meine Erfahrung
aus drei Jahren Paper & Tea. Das ist die
große Sehnsucht nach Corona gewesen. Es ist
ein Fehler zu glauben, dass Digitalisierung den
Menschen abschaffen kann. Klar ist auch, dass
Digitalisierung ein Convenience-Faktor ist. Dazu
gehören alle Prozesse, die dazu beitragen, dass
das Erlebnis reibungslos ist und dass die Logis-
tik funktioniert. Da wird in den nächsten Jahren
noch deutlich optimiert werden. Am Ende werden
vielleicht auch Dinge vorbereitet oder ein Gericht
so weit fertiggestellt, dass es nur noch gefinisht
werden muss. Aber es darf weder in der Atmosphäre
noch in der menschlichen Interaktion
dadurch abgeschwächt werden. Was wir auf alle
Fälle jetzt schon erleben, ist, dass so etwas wie
Gestaltung und vor allem Planung durch Künstliche
Intelligenz unterstützt wird. Da brauchst du
dann immer noch die Menschen, die in diesen
Schnittstellen wirklich die richtige Entscheidung
treffen und auch den Übertrag in die Umsetzung
gewährleisten. Aber hoffentlich nicht noch mehr
Bildschirme in der Gastronomie.
Thorsten Müller: Herr Pinsker, wie sehen Sie
die Entwicklung der Gastronomie in deutschen
Innenstädten? Wie wird sich das in den nächsten
drei bis fünf Jahren verändern? Haben Sie
Zahlen dazu? Und wie sehen Sie das im Vergleich
zu anderen Ländern in Europa?
Jochen Pinsker: Die Frage, was wir für die Gastronomie
insgesamt erwarten, ist die eine. Ob wir
von Innenstädten oder anderen Standorten sprechen,
die andere. Wir glauben sehr stark daran,
dass sich die Gastronomie wieder erholen wird.
Durch die Lebensveränderung der Menschen gab
es einen deutlichen Cut, der eine neue Realität
geschaffen hat. Diese neue Realität haben wir
inzwischen erreicht. Die Pandemie selbst spielt
mittlerweile keine Rolle mehr. Dennoch hat das
vermehrte Arbeiten von zu Hause unseren Markt
nachhaltig verändert. Aktuell sehen wir vor allem
den Inflations- und Kostendruck als Problem,
der sowohl Gastronomen als auch die Verbraucher
belastet. Hinzu kommt die Mehrwertsteuerproblematik,
die Gastronomen zwingt, ihre Preise
deutlich zu erhöhen – ein Schritt, den viele
Verbraucher nicht mitgehen können oder wollen.
Wir betrachten dies jedoch als ein temporäres
Problem. Ob sich die Lage in sechs oder zwölf
Monaten verbessert, können wir nicht sagen.
Aber wenn die hohe Preissensibilität abnimmt
und die Konsumstimmung wieder steigt, sind wir
zuversichtlich, dass sich die Gastronomie wieder
positiv entwickeln wird.
Ein Blick in die Historie zeigt, dass in der letzten
Dekade zwischen 2010 und 2019 – also die zehn
DISKUSSION 121
Jochen Pinsker, Circana
Jahre vor Corona – die Gastronomie um drei bis
fünf Prozent gewachsen ist, jedes Jahr. Das sind
knapp 20 Milliarden Euro mehr als zu Beginn
des Jahrzehnts. Dieses Wachstum war vor allem
auf vier Faktoren zurückzuführen: Erstens, mehr
Single-Haushalte, die häufiger außer Haus essen.
Zweitens, mehr Frauen in Vollzeitarbeit – in
Deutschland gibt es hier immer noch Unterschiede
zu Männern. Drittens, die wachsende Mobilität.
Viertens, eine alternde Gesellschaft, die sich
in ihrem Verhalten jedoch immer jünger zeigt.
Die Menschen altern natürlich bezogen auf das
Alter, das in ihrem Pass steht, aber ihr Verhalten
wird immer jünger. Das sind die vier Säulen, die
wir nachvollziehen damals als Wachstumsfaktoren
nachweisen konnten. Wir sind uns noch nicht
sicher, wie es mit der Mobilität aussieht aber die
anderen drei Säulen sind demografische und soziale
Veränderungen, die wir weiterhin beobachten.
Aus diesem Grund schätzen wir die Perspektive
für die Gastronomie grundsätzlich positiv
ein. Die Frage bleibt jedoch, ob sich diese Entwicklung
in den Innenstädten oder anderswo
abspielen wird. Aus meiner Sicht wirken viele
Innenstädte ein Stück weit ausgestorben. Viele
Geschäfte machen dicht, und die Attraktivität
des Umfelds verschwindet. Ich glaube auch, wenn
es eine gute Gastronomie gibt und daneben eine
andere gute Gastronomie, dann kann das durchaus
befruchtend sein. Genauso wie zwei oder drei
122 DISKUSSION
Florian Schneider, Pesca
Schuhgeschäfte oder gute Modegeschäfte nebeneinander
gut laufen könnten. Ich glaube, es muss
eine wirkliche Attraktivität entstehen, damit die
Innenstadt wieder ein Ziel wird. Wie zum Beispiel
in Mailand. Die Innenstadt sollte sich möglicherweise
von ihrem Profil als Shopping-Mall lösen
und sich in eine Living-Area umwanden. Cities
müssen aber definitiv signifikant belebt werden,
und zwar nicht nur durch einzelne Händler, sondern
durch eine Gruppe von Händlern in Zusammenarbeit
mit der Gastronomie und anderen
Angeboten, die die Menschen wieder in die Innenstadt
ziehen.
Thorsten Müller: Gibt es Länder in Europa, von
denen wir lernen können und die bestimmte Sachen
viel besser machen als wir?
Jochen Pinsker: Wenn wir das Zusammenspiel
zwischen Handel und Gastronomie betrachten,
würde ich aktuell Spanien oder Frankreich
als sich sehr entwickelnde Länder hervorheben.
Einfach deshalb, weil dort sowohl die Gastronomie
als auch der Handel äußerst attraktiv sind
und beide Bereiche enger zusammenarbeiten.
Man sieht das auch, wenn man einen Blick auf die
verschiedenen Malls in den Emiraten wirft. Dort
entstehen durch ein geschicktes Arrangement
vieler unterschiedlicher Konzepte eine Art „Innenstadt“.
Wir beobachten das auch in den Zahlen
und es zeigt sich, dass Spanien und Frankreich
hier positive Effekte aufweisen. In Italien
und Deutschland sehen wir solche positiven Entwicklungen
allerdings weniger stark.
Thorsten Müller: Frau Rosenheimer, Herr
Schneider, was halten Sie von den aktuellen Mixed-Used-Entwicklungen?
In großen Immobilienprojekten
sehen wir häufiger eine Mischung
verschiedener Nutzungen: Wohnen trifft auf
Mode, Gastronomie wird oft dazwischen gestaltet
und es gibt wahrscheinlich noch viele weitere
Kombinationen. Ist das die Zukunft oder eher
ein vorübergehender Trend?
DISKUSSION 123
Florian Schneider: Ich bin persönlich ein großer
Fan davon, weil man daran sehr gut sehen kann,
wie Kreativität im Handel – also die Kombination
von Einzelhandel und Gastronomie – sich sehr
gut gegenseitig befruchten können. Denn einer
allein kann nicht der Retter in der Not sein. Solche
Shop-in-Shop-Lösungen, wie wir sie zum Beispiel
vom KaDeWe oder Alsterhaus kennen, sind
vielleicht noch etwas hochpreisig, weil die Segmente
dort entsprechend positioniert sind. Aber
wenn ich mir das in einem niedrigeren Preissegment
vorstelle oder einen Coffeeshop in einem
Sweatshirt-Laden, dann sind das Dinge, die sich
sehr gut gegenseitig befruchten können. Man
muss einfach mit der Zeit gehen und feststellen,
dass der Konsument nach etwas Neuem verlangt.
Wenn es gelingen soll, Innenstädte wieder zu beleben,
dann muss man solche Wege einschlagen.
Es geht darum, sich die Frage zu stellen, was die
Menschen aktuell interessiert und wie man sie
wieder dazu bringt, Zeit dort zu verbringen – und
zwar so viel wie möglich. Dabei müssen einfach
verschiedene Segmente bedient werden.
Sonja Rosenheimer: Ich glaube, es ist sicherlich
nicht die einzige Zukunft, aber eine sehr spannende
Strategie, die man auf jeden Fall nicht
außer Acht lassen sollte. Der Handel steht unter
starkem Druck, und die Gastronomie kann sicherlich
ein Element sein, um die Menschen
wieder in die Stadt zu bringen. Das heißt, man
muss ein Stück weit wegkommen von dem, was
man bisher gemacht hat. Es gibt Orte oder Teile
der Stadt, in denen sich die Gastronomie befindet
und andere, in denen der Handel ist. Man
muss das ein wenig durcheinandermischen und
die Gastronomie vielleicht sogar mit dem Handel
verschmelzen, um eine Aufwertung für die Kunden
zu schaffen und ein Erlebnis zu bieten. Die
Gastronomie lädt die Gäste zum Verweilen ein.
Man macht einen kurzen Zwischenstopp in der
Gastronomie und geht dann weiter in den Handel.
Die Gastronomie ist also ein sehr spannendes
Element, um die Besucherfrequenz zu erhöhen,
die Standorte wieder attraktiver zu machen
und somit auch den Handel zu beflügeln.
Thorsten Müller: Ein Stichwort, das wir bisher
noch nicht erörtert haben, aber das uns alle beschäftigt,
ist Nachhaltigkeit oder, wie man heutzutage
sagt, ESG. Herrn Schwitzke, wie sieht es
damit aus. Was früher eher als Kür galt – also
etwas, für das man sich bedankt hat, wenn jemand
an Nachhaltigkeit gedacht hat – ist heute
zu einer Pflicht geworden. Wie kann man es
heute schaffen, aus einer „Not“ eine Tugend zu
machen, wenn es um das große Thema Nachhaltigkeit
oder eben ESG geht?
Markus Schwitzke: Ich weiß nicht, ob „Not“ das
richtige Wort ist, aber ich möchte zuvor noch
etwas zur Stadt sagen, weil das mein absolutes
Lieblingsthema ist. Ich finde auch die Ableitung
von Herrn Pinsker richtig. Glücklicherweise ändert
sich die Vorstellung von der funktionalen
Stadtaufteilung hin zur „glücklichen Stadt“. Ich
glaube, wir müssen unser Vokabular und den
Anspruch wieder ändern – weg von den Monokulturen
hin zu etwas, das man als Biodiversität
bezeichnen könnte. In dieser Hinsicht bin ich für
jedes Konzept, das außerhalb der üblichen Parameter
etwas Neues wagt. Aber vor allem müssen
die Städte wieder Innovationen hervorbringen
und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Es
gibt schon Beispiele dafür – wir haben es alle in
Paris erlebt, Kopenhagen sollte man hier ebenfalls
nennen, auch in Bezug auf die Gastronomie.
Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, dann ist
das natürlich etwas, das nicht mehr diskutiert
werden muss. Es ist auf der anderen Seite aber
auch keine Differenzierung mehr – es ist, was
jemand als „Hygienefaktor“ bezeichnet hat, also
etwas, das wir als Standard annehmen und dann
auch erwarten, wenn wir uns als Menschen wirklich
dafür interessieren.
Ich glaube, ein anderer Aspekt wird noch viel
wichtiger sein, und das ist das Thema Gesundheit.
Wir verbringen 90 Prozent unserer Zeit in
geschlossenen Räumen und wir wissen, dass wir
bei maximal 20 Prozent der Baustoffe nicht wissen,
was sie langfristig gesundheitlich mit uns
machen. In dieser Hinsicht wird das ein großes
Thema werden. Wir sehen, wie das Thema Naturkosmetik
und die Fragen, was auf die Haut
kommt oder gegessen wird, an Relevanz gewinnen.
Und das Thema, wo man lebt oder seine Zeit
verbringt, wird eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Das betrifft den Einzelhandel genauso
wie Gastronomie-Konzepte. Hier muss viel
124 DISKUSSION
ganzheitlicher gearbeitet werden. Natürlich gibt
es auch einen hohen Druck in Richtung Transparenz,
was wirklich passiert. Ich kann nur jedem
raten, sich intensiv mit dem Thema Gesundheit
zu beschäftigen.
Thorsten Müller: Herr Pinsker, wie sehen Sie
die Synergieeffekte zwischen Gastronomie und
Einzelhandel? Was kann man da noch besser
nutzen? Und was empfehlen Sie aus Ihrer Sicht
im Grunde genommen beiden Seiten?
Jochen Pinsker: Die meisten Punkte wurden bereits
angesprochen. Die Gastronomie bringt Aufenthaltsqualität,
sie bringt Emotionen und kann
damit die Handelsumgebung beleben – und umgekehrt.
Die Handelsumgebung wiederum macht
die Gastronomie zur echten Destination. Was
wichtig ist: Wenn man sich eine Shoppingmall
anschaut, dann war die Gastronomie vor 10 oder
15 Jahren oft irgendwo im hintersten oder obersten
Eck, schwer erreichbar, meistens in Form
eines Food Courts, der nicht besonders attraktiv
war. Inzwischen hat es die Gastronomie aber geschafft,
sich als „Key Location“ und Ankermieter
zu etablieren. Aus der Perspektive der Vermieter
weiß man, dass hier Stimmung und Aufenthaltsqualität
entsteht und Emotionen vermittelt werden.
Wir können das auch in unseren Zahlen nachweisen:
In großen Retail-Destinationen sind es
zunehmend die gastronomischen Angebote, die
entscheiden, wohin man geht. Ich möchte mich
zum Beispiel drei oder vier Stunden irgendwo
aufhalten. Vielleicht brauche ich kein neues Paar
Socken oder T-Shirt und habe auch sonst nichts
auf meinem Einkaufszettel, aber ich möchte eine
angenehme Zeit verbringen. Da ist die Gastronomie
ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Sie wird
immer mehr zum Anker. Und natürlich gehe ich
danach noch durch die Mall, und vielleicht fällt
mir das eine oder andere in den Einkaufsbeutel
oder -wagen. Das funktioniert ähnlich wie bei
IKEA, die sehr erfolgreich ihre Restaurants nutzen,
auch wenn die Menschen möglicherweise
keinen Möbelkauf planen. Sie schlendern einfach
durch und verbringen Zeit. Aus der Perspektive
des Immobilienbetreibers ist das von großer
Bedeutung. Florian Schneider und Sonja Rosen-
heimer können dazu noch viel mehr sagen, insbesondere
zu den baulichen Gegebenheiten und
den Herausforderungen, die die Gastronomie mit
sich bringt. Es ist wichtig, diese Faktoren zu berücksichtigen
und eine entsprechende Mietvereinbarung
zu finden, die wirtschaftlich tragfähig
ist und der Funktion gerecht wird, die die Gastronomie
in einer Shoppingmall oder Handelsimmobilie
erfüllt.
Thorsten Müller: Wenn Sie drei Wünsche frei
hätten, wie sähe das aus?
Sonja Rosenheimer: Für mich wäre die optimale
Welt eine, in der die Gastronomie einen hohen
Stellenwert behält, in der die Gäste Freude daran
haben, in die Gastronomie zu gehen, und die
Gastronomen Hand in Hand arbeiten. Ich glaube,
es gibt genug Platz für viele verschiedene Konzepte,
und da ist sicherlich noch Luft nach oben.
Wir können definitiv noch mehr ins Ausland
schauen, um Konzepte zu entdecken, die es bei
uns noch nicht gibt. Außerdem denke ich, dass
wir Nachhaltigkeit und Digitalisierung weiterhin
berücksichtigen müssen, um die Gastronomie in
Deutschland so zu fördern, dass wir uns vor Gästen
nicht mehr retten können
Florian Schneider: Wenn ich mir etwas wünschen
dürfte oder die ideale Welt für die Gastronomie
skizzieren sollte, dann würde ich zurückkommen
auf das, was Gastronomie tatsächlich ist, nämlich
der Ort, an dem sich Menschen treffen können.
Ein Ort, den sie neben ihrem eigentlichen Zuhause
brauchen. Ich würde mir viel mehr Wertschätzung
für diese Branche wünschen – gesellschaftlich,
aber auch politisch, weil ich finde,
dass der Beitrag, den Gastronomie sozial-ökonomisch
leistet, oft komplett unterschätzt wird
oder zu wenig gesehen wird. Und dafür möchte
ich einen Wunsch äußern, weil es vielleicht auch
in der letzten Stunde negativ klang, dass wir unter
viel Druck stehen und was uns belastet. Aber
gleichzeitig ist es natürlich auch eine unglaublich
tolle und belebende Arbeit, die wir dort leisten
können. Und deshalb machen wir sie ja auch so
gerne, trotz all der Schwierigkeiten, die wir haben.
Mein letzter Wunsch wäre dann im Hinblick
auf die Schwierigkeiten, dass weniger Hürden
und Probleme in unseren Weg gelegt werden,
DISKUSSION 125
HI HEUTE-Chefredakteur Thorsten Müller
besonders was administrative und bürokratische
Dinge betrifft – Arbeitszeitgesetze, die uns
das Leben schwer machen, und eine Mehrwertsteuer,
die einfach ungerecht ist im Vergleich zu
anderen Bereichen, vor allem angesichts dessen,
was wir der Gesellschaft bieten können – als ein
Wohnzimmer der Gesellschaft oder als dritter
Ort, wie man es auch nennen möchte. Wenn diese
Wünsche in Erfüllung gehen würden, gäbe es belebte
Innenstädte. Dann wären die auch sonntags
voll. Und dann wäre die Welt vielleicht ein kleines
Stück besser.
Jochen Pinsker: Genau die, die Florian Schneider
schon genannt hat. Ich würde es sogar noch
etwas drastischer formulieren: Gastronomie ist
eine richtig geile Branche. Sie hat nicht nur den
Auftrag, die Menschen mit Essen zu versorgen.
Denken Sie an die Situation an der Autobahnraststätte
am Abend um 23 Uhr, wenn Sie mit
dem Auto unterwegs sind und einen Kaffee oder
etwas Essbares brauchen. Die Gastronomie ist
die, die dann noch weiterarbeitet. Und genauso
ist es, wenn sich Menschen treffen. Die Gastronomie
hilft, diesen „Third Place“ zu schaffen. Die
Gastro-Branche ist oft für Menschen mit geringerer
Ausbildung oder für Migranten, die nach
Deutschland kommen, der erste Arbeitsplatz.
Auch für junge Menschen ist es oft der erste Job.
Florian Schneider hat es gut ausgedrückt: Die
Wertschätzung für die Gastronomie und die Bedeutung
dieser Branche sollten mehr anerkannt
werden. Ich glaube, über Corona haben wir es ein
Stück weit geschafft, dass die Menschen gesehen
haben, was ihnen fehlt, wenn die Gastronomie
geschlossen ist. Ich glaube aber, die Politik hat
es noch nicht ganz verstanden. Im Entbürokratisierungsgesetz
zum Beispiel ist die Gastronomie
immer noch teilweise außen vor, weil angenommen
wird, dass dort alles schwarz verdient wird.
126 DISKUSSION
Das ist natürlich Quatsch. Die Wertschätzung der
Gastronomie ist sehr wichtig. Auch die politische
Realität muss akzeptiert werden. Florian Schneider
hat das Arbeitszeitgesetz angesprochen. Das
sollte geändert werden, um es praktikabler für
die Gastronomie zu machen. Es sollte in Wochenarbeitszeiten
und weniger in Tagesarbeitszeiten
gedacht werden. Weniger Bürokratie, und es den
Menschen, die etwas in die Hand nehmen wollen,
leichter machen. Das wäre hilfreich.
Offenheit für Innovation. Wir müssen uns trauen,
etwas zu tun, auszuprobieren, uns gegenseitig
zu unterstützen, Allianzen zu bilden, zusammen
am Tisch zu sitzen, ohne dass jeder nur
sein kurzfristiges Ziel durchsetzen will. Nur mit
dieser Gemeinsamkeit kann die Stadt wieder eine
glückliche Stadt werden und Konzepte können
erfolgreich zusammenarbeiten. Dann kann es
auch wieder eine Destination werden. Da bin ich
sehr optimistisch.
Markus Schwitzke: Wertschätzung wurde schon
angesprochen. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft
insgesamt darüber diskutieren, was uns
das Menschliche Miteinander wert ist. Gastronomie
steht für Orte, an denen wir ein sehr sinnliches,
multisensorisches Erlebnis gemeinsam zelebrieren
können. Und das sollte uns etwas wert
sein. Wenn ich mir etwas wünschen kann, dann
ist es, Veränderungen immer als Chance zu sehen.
Ich glaube, uns würde ein Mindset guttun,
das das begreift, natürlich mit dem Faktor, den
wir vorher diskutiert haben. Das erfordert auch
Ich sehe ein Umdenken. Ich sehe es auch in kleineren
Konstellationen, wo in Städten und bei
Händlern, die in den letzten Jahren viel über äußere
Faktoren wie das Wetter oder den Onlinehandel
geschimpft wurde, eine Veränderung und
Initiativen. Ich glaube, Corona hat uns etwas zurückgeworfen,
aber ansonsten gibt es spannende
Konzepte und eine Offenheit, wirklich eigenständige
Wege zu gehen. Wenn wir das in einem
gemeinschaftlichen Miteinander denken und uns
gegenseitig helfen, bei aller Wirtschaftlichkeit,
dann sehe ich die Zukunft sehr positiv.
Foto: Adobe Stock
MEHR KNOW-HOW.
MEHR POWER.
MEHR ERFOLG.
Performance Booster.
Für erfolgreiche
Handelsimmobilien.
Digitalisierung, Urbanisierung, Klimaschutz – Innovationsschub für
Handelsimmobilien. Die MEC hat den passenden Performance Booster.
Ganzheitlicher 360° Ansatz und interdisziplinäre Lösungen –
das sind unsere individuellen Fitness-Strategien für Ihre erfolgreichen
Retail-Immobilien im 21. Jahrhundert.
mec-cm.com
Studien
und
Analysen
130 STUDIEN UND ANALYSEN
Research
Studien rund um die
Zukunft des Handels
Digitale Innovationen nachhaltig integrieren
„Future of Retail” (PwC, 2024)
Die Studie „Future of Retail“ von PwC aus dem
Jahr 2024 analysiert, wie sich der Einzelhandel
bis zum Jahr 2030 entwickeln wird. Basierend
auf der Befragung von mehr als 20.000 Konsumenten
weltweit und der Untersuchung von über
3.600 Unternehmen in Deutschland identifiziert
die Studie vier Haupttrends:
1. Wachsende Diversität und Fragmentierung:
Der Generationswechsel, angetrieben durch den
Eintritt der Generation Z ins Berufsleben, wird
das Einkaufsverhalten stark beeinflussen. Diese
Generation legt großen Wert auf Nachhaltigkeit
und innovative Technologien, was bedeutet, dass
Unternehmen gezwungen sein werden, sich stärker
an diesen Werten zu orientieren.
Gleichzeitig nimmt die Fragmentierung der
Konsumpräferenzen zu. Lebensstile und Ernährungsgewohnheiten
werden diverser, was
zu einem verstärkten Trend zu personalisierten
Produkten und Dienstleistungen führt.
2. Nachhaltigkeit als Mainstream: Durch den
Druck von Regulierungen und der Generation
Z wird Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil
des Handels. Unternehmen, die Nachhaltigkeit
in ihren Geschäftsmodellen vernachlässigen,
riskieren Marktanteile zu verlieren.
Insbesondere im Bereich der Lebensmittel und
Mode erwartet die Studie ein deutliches Wachstum
für Produkte, die als nachhaltig gelten.
3. Technologische Innovationen: Künstliche Intelligenz,
Automatisierung und andere digitale
Technologien gewinnen zunehmend an Bedeutung.
KI wird nicht nur im Backend-Management
eingesetzt, sondern auch zur Verbesserung der
Kundenerfahrung. Robuste, KI-gesteuerte Prozesse
helfen Händlern, personalisierte Empfehlungen
und automatisierte Services anzubieten,
die den Erwartungen moderner Verbraucher gerecht
werden.
4. Preisbewusstsein bleibt dominant: Trotz des
wachsenden Interesses an nachhaltigen Produkten
bleibt das Preisbewusstsein hoch. Verbraucher
neigen immer mehr dazu, neue Marken
auszuprobieren, wenn diese ein besseres Preis-
Leistungs-Verhältnis bieten. Dennoch wird für
Lifestyle-Produkte, wie hochwertige Smartphones
oder Luxusmode, ein hoher Preis weiterhin
als attraktives Merkmal gesehen.
Diese vier Trends zeigen, dass der Einzelhandel
sich auf eine zunehmend diversifizierte und
technologiegetriebene Zukunft einstellt. Die
Herausforderung besteht darin, digitale Innovationen
zu integrieren und gleichzeitig den wachsenden
Anforderungen nach Nachhaltigkeit gerecht
zu werden. Neben diesen Aspekten betont
die Studie auch, dass Flexibilität im Geschäftsmodell
entscheidend sein wird.
STUDIEN UND ANALYSEN 131
Foto Adobe Stock:
In bestimmten Bereichen ist der stationäre Handel weiterhin sehr beliebt. Die Herausforderung besteht vielfach darin, online
und offline miteinander zu verknüpfen.
Online- und Offline nahtlos verknüpfen
„Retail Reality” (Shopgate, 2023)
Die „Retail Reality 2023“-Studie von Shopgate,
die mit über 2.000 Konsumenten und mehr
als 300 Einzelhändlern aus dem DACH-Raum
durchgeführt wurde, beleuchtet die Herausforderungen
und Chancen des Einzelhandels in
Zeiten von Digitalisierungsdruck und wirtschaftlichen
Unsicherheiten.
Die zentrale Frage, die die Studie aufwirft, ist, ob
der Einzelhandel die Bedeutung digitaler Kanäle
wirklich verstanden hat. Ein beunruhigendes Ergebnis
ist, dass 20 % der befragten Einzelhändler
noch immer keinen Online-Shop besitzen. Dies
ist besonders problematisch, da die Bedeutung
von Online-Plattformen als Informations- und
Inspirationsquelle für Konsumenten weiter
wächst. Ein großer Teil der Kunden nutzt den
Online-Shop nicht nur zum Kauf, sondern auch,
um sich über Produkte zu informieren oder Ideen
zu sammeln. Dies gilt besonders in den Branchen
Fashion, Beauty und Home.
Interessant ist, dass trotz der Dominanz des Online-Handels
der stationäre Handel in bestimmten
Bereichen, wie der Mode oder Kosmetik,
weiterhin beliebt ist. Dies ist vor allem der Beratungskompetenz
geschuldet, die Kunden in den
Geschäften erhalten. Dennoch bleibt die Herausforderung
bestehen, die Online- und Offline-Erlebnisse
nahtlos zu verknüpfen. Die Studie zeigt,
dass Omnichannel-Ansätze wie „Click & Collect“
oder „Return in Store“ bisher nur von weniger als
der Hälfte der Händler genutzt werden. Das Potenzial
dieser Maßnahmen wird also noch lange
nicht ausgeschöpft.
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie ist die
Rolle des Marketings. Dominante Unternehmen
wie IKEA oder MediaMarkt fördern aktiv Omnichannel-Services,
indem sie gezielte Werbemaßnahmen
einsetzen, um Kunden auf die verschiedenen
Kanäle aufmerksam zu machen. Dies zeigt,
dass der Erfolg im Einzelhandel zunehmend davon
abhängt, wie gut Unternehmen in der Lage
sind, ihre Marke und Produkte über alle verfügbaren
Kanäle hinweg zu präsentieren.
Zusammengefasst unterstreicht die „Retail Reality
2023“-Studie die Notwendigkeit einer stärkeren
digitalen Reife im Einzelhandel. Händler, die
es schaffen, digitale und stationäre Touchpoints
intelligent zu verknüpfen, werden in Zukunft erfolgreicher
sein. Wer jedoch weiterhin auf traditionelle,
nicht vernetzte Verkaufsmethoden setzt,
riskiert, den Anschluss an die digitale Konsumwelt
zu verlieren.
132 STUDIEN UND ANALYSEN
Shopping Center stellen sich neu auf
Whitepaper „Centermanagement im Fokus“ (EHI /GCSP, 2024)
Shopping Center befinden sich in einem herausfordernden
Wettbewerbsumfeld. Globale
Krisen- und Kriegssituationen treiben Kosten,
verunsichern die Kundschaft und resultieren in
Kaufzurückhaltung bei gleichzeitig geringeren
Mieteinnahmen.
Trotz des schwierigen Fahrwassers versuchen
die Centermanagerinnen und -manager Lösungen
zu erarbeiten, um ihre Center zukunftsfähig
zu gestalten. Mixed-Use ist ein bereits bewährter
Trend, hinzu kommen Maßnahmen wie eine erhöhte
und kostensparende Energieeffizienz oder
attraktive Events. „Natürlich können das sinnvolle
Maßnahmen gegen Leerstand und sinkende
Besucherfrequenzen sein. Eindrucksvoll ist aber,
welche unterschiedlichen Entwicklungslinien
sich bei den Shopping Centern abzeichnen“, erklärt
EHI-Studienautorin und Expertin für Handelsimmobilien
Lena Knopf die Ergebnisse des
Whitepapers „Centermanagement im Fokus“ von
EHI und GCSP.
Mietvolumen zurückgegangen
Bei einer deutlichen Mehrheit von rund zwei
Dritteln der Center ist das Mietvolumen (ohne
Nebenkosten) zwischen 2021 und 2023 zurückgegangen.
Die zwei Hauptgründe dafür sind
Nachvermietungen mit geringerer Miete an Einzelhandel
und Mietnachlässe bei bestehenden
Verträgen. Einzig bei den jüngeren, nach 2010
entstandenen Centern überwog der Anteil mit
gestiegenen Mieteinnahmen den der gesunkenen.
Dabei schnitten die Center mit Retail-Fläche
zwischen 30- und 40.000 Quadratmetern
am schlechtesten ab. Die kleinsten Center mit
zehn- bis 20.000 Quadratmetern Retail-Fläche
performten mit dem geringsten Anteil an
gesunkenen und dem größten an gestiegenen
Mieteinnahmen am besten. Durch vermehrte
Mixed-Use-Konzepte wie Freizeitangebote oder
medizinische Dienstleistungen kommen neue
Mieter in die Shopping Center.
Events sind eine etablierte Maßnahme, um die
Attraktivität eines Shopping Centers zu erhöhen
und die Kundenloyalität zu stärken. Den größten
Erfolg versprechen dabei saisonale Anlässe wie
Weihnachten oder Ostern (93 Prozent), gefolgt
von für Familien passende spielerische Events (73
Prozent). Insgesamt betrachtet veranstalten viele
Center (43 Prozent) weniger Events als vor der
Pandemie oder gleich viele (46 Prozent). Dabei
haben die größeren Center die Nase vorn. Je kleiner
das Center, desto schwieriger ist es offenbar,
viele erfolgreiche Events zu veranstalten. Jedes
zweite kleine Center unter 20.000 Quadratmetern
verringert die Anzahl der Events, aber nur
etwa jedes dritte große Center ab 40.000 Quadratmetern.
Frequenz und Umsatz
Die Besucherfrequenzen – häufig gemessen über
Video-, Licht- oder Lasertechnik – sind in 54
Prozent der Shopping Center im Vergleich zum
Vor-Corona-Niveau 2019 gesunken, aber 30 Prozent
beobachten eine gleichbleibende Frequenz,
und nur 16 Prozent freuen sich über mehr Kundschaft.
Allerdings sieht es bei den Retail-Umsätzen
etwas besser aus. Bei 35 Prozent liegen sie
darüber oder sogar deutlich darüber, und bei 29
Prozent sind sie auf ähnlichem Niveau – wenngleich
dieses Wachstum aktuell mit relativ hohen
Inflationsraten einhergeht, wodurch viele Handelsbranchen
ihren Umsatz zwar nominal, aber
nicht real steigern konnten.
Mehr als die Hälfte der Center (57 Prozent) hat
einen moderaten Leerstand von bis zu fünf Prozent
der Retail-Mietfläche. Ein gutes Drittel (34
Prozent) der Center beobachtet in diesem Jahr
sogar einen geringen Leerstand von bis zu drei
Prozent, das waren in 2019 mit 66 Prozent allerdings
noch nahezu doppelt so viele. Der Anteil
der Center mit Leerständen von mehr als fünf
Prozent hat sich von 19 Prozent im Jahr 2019 auf
44 Prozent im Jahr 2024 mehr als verdoppelt.
STUDIEN & ANALYSEN 133
Foto Adobe Stock:
Shopping Center brauchen starke Besucherfrequenzen. Darum muss der Nutzungsmix regelmäßig hinterfragt werden.
134 STUDIEN & ANALYSEN
Food Halls erobern den Markt
„Food Halls of Europe“ von Chushman & Wakefield
Cushman & Wakefield hat die Ergebnisse einer
Untersuchung zur Entwicklung von Food Halls
in Europa veröffentlicht. Der Report „Food Halls
of Europe“ zeigt eine deutliche Zunahme dieser
gastronomischen Konzepte. In den zurückliegenden
sieben Jahren ist die Anzahl der Food
Halls in Europa um fast 50 Prozent gestiegen, von
90 im Jahr 2017 auf derzeit 133.
Der Begriff Food Hall ist in Europa noch nicht
einheitlich anerkannt, doch das zugrunde liegende
Konzept erfreut sich wachsender Beliebtheit:
vielfältige, frisch zubereitete, authentische Speisen
und Getränke, die in einer gemeinschaftlichen
Umgebung genossen werden. Diese Definition
schließt Freiluftlokale, Verkaufsstellen,
die hauptsächlich nicht zubereitete Lebensmittel
anbieten, sowie traditionelle Food-Courts in
Einkaufszentren aus.
„Eine erfolgreiche Food Hall zeichnet sich durch
ein qualitativ hochwertiges, möglichst lokales
und nachhaltiges Speisenangebot und die Integration
der lokalen Geschichte, Architektur und
Kultur aus. Dies macht eine Food Hall zu einer
Attraktion, die Besucher anzieht und eine zentrale
Rolle im Stadtbild spielt“, erläutert Helge
Zahrnt, Head of Research Insight Germany von
Cushman & Wakefield.
Foto Adobe Stock:
Erfolgreiche Food Halls zeichnen sich durch ein qualitativ hochwertigs Speiseangebot aus.
STUDIEN & ANALYSEN 135
Verbreitung stark beschleunigt
Die Verbreitung von Food Halls hat sich im Zeitrahmen
von 2017 bis heute stark beschleunigt.
Großbritannien und Frankreich führen den europäischen
Markt an, mit 42 beziehungsweise
20 Food Halls. Auch in Deutschland ist ihre Zahl
deutlich angewachsen.
Diese Expansion verdeutlicht das wachsende Interesse
und Potenzial dieses Segments in Europa.
Dieser Erfolg liegt auch darin begründet,
dass sich Food Halls zunehmend zu multifunktionalen
sozialen Räumen entwickeln. Neben
dem zentralen Essensangebot veranstalten sie
beispielsweise Kochkurse, Firmenevents und
andere Happenings. Integrierte Bars unterstützen
die Betreiber wirtschaftlich und fördern die
Schaffung eines lebendigen sozialen Umfelds.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung
neuer Formate, wie beispielsweise Food Halls in
Verkehrsknotenpunkten oder in Wohnvierteln.
Diese neuen Standorte bieten Reisenden und Anwohnern
gleichermaßen eine vielfältige Auswahl
an Speisen und sozialen Aktivitäten. Andreas
Siebert, Head of Retail Investment Germany bei
Cushman & Wakefield, betont: „Food Halls haben
sich zu gesellschaftlichen Zentren entwickelt, die
soziale Interaktionen fördern und somit die Verweildauer
der Besucher erhöhen, was wiederum
positive Auswirkungen auf die Umsätze hat.“
lokal produzierten Lebensmitteln und internationalen
Spezialitäten bietet. Die Markthalle ist
ein zentraler Treffpunkt in Kreuzberg und bekannt
für Veranstaltungen wie den etablierten
Street Food Thursday. Ein relativ neuer Akteur
auf dem Berliner Markt ist Manifesto Market,
eine spannende Mischung aus internationaler
Küche und kulturellen Veranstaltungen. Es ist
der vierte und gleichzeitig größte Food-Hub des
amerikanischen Unternehmers und Architekten
Martin Barry und seiner Partnerin Hollie Lin, die
die Marke 2018 in Prag gegründet haben. Der Manifesto
Market umfasst 4400 Quadratmeter und
befindet sich im Einkaufszentrum The Playce.
Erhebliches Wachstumspotenzial
„Cushman & Wakefield erwartet weiterhin ein
signifikantes Wachstum des Food-Halls-Angebotes
in Europa. Denn in diesem Segment gibt es
noch ein erhebliches Wachstumspotenzial. Insbesondere
neue Formate und innovative Standorte
bieten spannende Möglichkeiten für Investoren
und Betreiber“, prognostiziert Tina Reuter,
Head of Germany von Cushman & Wakefield.
Foto Adobe Stock:/
Erfolg auch in Deutschland
In Deutschland hat sich die Anzahl der Food Halls
seit 2017 von drei auf acht mehr als verdoppelt.
Diese Zunahme spiegelt das steigende Interesse
an gastronomischen Erlebnissen und sozialen
Treffpunkten wider. Deutsche Food Halls zeichnen
sich durch ihre Vielfalt und die Qualität der
angebotenen Speisen aus. Sie tragen zur Belebung
von Stadtvierteln bei, fördern lokale und
kleinere Geschäfte und bieten Raum für gemeinschaftliche
Erlebnisse.
Beispiele für deutsche Food Halls
Ein Beispiel ist die Markthalle Neun in Berlin,
eine der bekanntesten Food Halls in Deutschland,
die eine Vielzahl von Ständen mit frischen,
Die Markthalle Neun ist ein zentraler Treffpunkt in Berlin-Kreuzberg.
136 STUDIEN & ANALYSEN
Retail-Sortimente wandern
in den Onlinehandel ab
Branchenbericht „Innenstadtsortimente“ von IFH und BBE
Ob GALERIA, Esprit oder Görtz: Der innerstädtische
Handel ist in der Krise. Das gilt seit den
pandemiebedingten Schließungen 2020 und 2021
mehr als je zuvor. In welchem Maße die klassischen
Innenstadtsortimente betroffen sind und
welche Folgen das für die Entwicklung der Fachhandelsbranchen
in den stationären Geschäften
sowie online hat, analysieren IFH KÖLN und die
BBE Handelsberatung im neuen Branchenbericht
„Innenstadtsortimente 2024“.
Dabei haben die Handelsexperten die sieben innenstadtrelevanten
Sortimentsbereiche Fashion,
CE/Elektro, Freizeit, Drogeriewaren, Wohnaccessoires,
Uhren/Schmuck sowie Papier-/ Büro-/
Schreibwaren untersucht und kommen unter
anderem zu folgendem Ergebnis: Mit Ausnahme
des Pandemiejahres 2020 konnte das Marktvolumen
der innenstadtrelevanten Sortimente insgesamt
wachsen und lag 2023 bei 214 Milliarden
Euro. Diese Entwicklung hat jedoch nicht für
alle Vertriebswege positive Folgen. Während der
Internethandel (Umsätze Internet Pure Player,
Versender, Hersteller sowie Onlineumsätze des
stationären Handels) zwischen 2019 und 2023 um
rund neun Prozent (CAGR 8,6 Prozent) wachsen
konnte, gingen die Umsätze des rein stationären
Handels um zwei Prozent zurück.
Genau hinschauen
„Viele der Einkäufe, für die Kunden früher in die
Stadt gefahren sind, werden heute online erledigt.
Dass der stationäre Handel durch diese
Kanalverschiebungen zunehmend Probleme bekommt,
ist kein Geheimnis. Wir Handelsforscher
dürfen aber nicht aufhören, darauf aufmerksam
zu machen und genau hinzuschauen. Denn mit
immer mehr innerstädtischen Schließungen verändern
sich unsere Städte und unser Zusammen
leben“, so Lukas Reischmann, Senior Consultant
Strategie bei der BBE Handelsberatung.
Sinkende Frequenzen
Weniger Umsätze, weil weniger Kundschaft? Die
vorpandemischen Passantenfrequenzen sind in
den meisten Innenstädten nicht wieder erreicht
worden. So verzeichnen laut den Frequenzmessungen
von Hystreet auch 2024 die Top-Lagen
noch Einbußen, beispielsweise minus 4,2 Prozent
in der Kölner Schildergasse oder minus 6,8
Prozent in der Münchener Neuhauser Straße im
Vergleich zu 2019. Eine noch drastischere Abwärtstendenz
zeigt sich bei der Anzahl der innenstadtrelevanten
Unternehmungen: Von 130.000
Filialisten und kleinbetrieblichen Einzelhandelsunternehmungen
- exklusive Outlet-Formate -
der analysierten sieben Innenstadtsortimente im
Jahr 2010 sind 2023 noch rund 89.300 verblieben.
Die Schließungen betreffen vor allem die klassische
Innenstadtbranche Fashion: Seit 2010 hat
fast jedes zweite (45 Prozent) Modeunternehmen
im stationären Handel geschlossen.
Teufelskreis aufbrechen
„Wenn der Abwärtstrend in den Innenstädten
umgekehrt werden soll, müssen Handel, Politik
und Wirtschaft eng zusammenarbeiten. Denn
es ist ein Teufelskreis: Weniger Geschäfte locken
weniger Menschen in die Stadt, und weniger
Menschen führen wiederrum zu weniger Umsatz
in den Läden und weiteren Schließungen. Multifunktionale
Innenstädte zeigen heute bereits,
dass sie attraktiv und einladend sind. Wir brauchen
Orte zum Verweilen, zum Face-to-Face-
Austausch“, plädiert Dr. Susanne Eichholz-Klein,
Mitglied der Geschäftsleitung am IFH KÖLN.
STUDIEN & ANALYSEN 137
Foto Adobe Stock:
Um die Attraktivität der Einkaufszonen zu erhalten, wird ein attraktiver Funktionsmix aus Arbeiten, Wohnung, Bildung,
Sport, Fitness und Gasstronomie benötigt.
Lebendige Innenstädte
müssen Funktionsmix bieten
Analyse von Aengevelt Research
Nach Analyse von Aengevelt Research sind die
Zentren als Einzelhandelsstandorte zunehmend
herausgefordert und bei zu träger Reaktion gefährdet,
insbesondere in kleineren und mittelgroßen
Städten sowie in Neben- und Stadtteillagen.
Demgegenüber zeigt Aengevelt anhand
neuester Daten auf, mit welchen Maßnahmen die
Attraktivität der Einkaufszonen erhalten und sogar
gesteigert werden kann. Einen Schlüsselfaktor
stellt dabei der attraktive Funktionsmix aus
Arbeiten, Wohnen, Bildung, Sport und Fitness,
Gastronomie und einem breitgefächerten Angebot
von Einzelhandel und Dienstleistungen dar.
Die Researchabteilung des Immobilienhauses
Aengevelt hat dazu auch das jüngste Datenkonvolut
ausgewertet, das die CIMA Beratung+Management
in Zusammenarbeit mit dem Handelsverband
Deutschland und der Bundesvereinigung
City- und Stadtmarketing mit einer repräsentativen
Befragung von über 5000 Bundesbürgern im
Sommer 2024 erhoben hat.
Zu den interessantesten Ergebnissen der
„Deutschlandstudie Innenstadt“ gehört, welche
Aktivitäten man mit dem Einkaufen in der City
koppelt: 60,8 % der Befragten sagen, dass sie das
Einkaufen mit dem Arbeiten verknüpfen, 60,4 %
- darunter überproportional Ältere – mit einem
Gastronomiebesuch, 55,5 % mit dem Treffen von
Freunden, 51,0 % mit dem Besuch einer Schule
oder Hochschule und 50,2 % mit Sport oder Fitness.
Diese aufschlussreichen Kopplungen unterstreichen
ein weiteres Mal die Relevanz von innerstädtischen
Bildungseinrichtungen, Gastronomie
und Fitnesscentern in den Citys und tragen demnach
für qualifizierten Erhalt und Steigerung der
Passantenfrequenz bei.
138 STUDIEN & ANALYSEN
Megatrends erkennen und nutzen
Retail-Report 2023 (Zukunftsinstitut 2021)
Die Handelsbranche befindet sich in einem tiefgreifenden
Wandel, der durch verschiedene Megatrends
und aktuelle Entwicklungen geprägt ist,
ist in der Studie „Retail-Trends 2023: Die Zukunft
von Handel, Konsum und Einkaufen“ des
Zukunftsinstituts zu lesen. Megatrends die treibenden
Kräfte hinter den Trendentwicklungen im
Einzelhandel und erzeugen epochale Veränderungen,
die auch durch unerwartete Krisen wie die
Corona-Pandemie oder geopolitische Konflikte,
wie den Krieg in der Ukraine, beeinflusst werden.
Konnektivität
Ein zentraler Megatrend ist die Konnektivität,
die den Einzelhandel seit der Entstehung des
E-Commerce maßgeblich prägt. In den letzten
Jahren hat der Handel enorme Fortschritte in der
Vernetzung gemacht, wodurch viele technologische
Möglichkeiten nun erfolgreich in der Praxis
umgesetzt werden. Diese Vernetzung ermöglicht
es Marken, direkt mit Konsumenten zu interagieren
und deren Bedürfnisse besser zu verstehen.
Sicherheit
Ein weiterer bedeutender Trend ist das wachsende
Bedürfnis nach Sicherheit. Während der
Corona-Pandemie lag der Fokus auf der Gesundheit,
doch die aktuelle geopolitische Lage hat das
Foto: Adobe Stock
STUDIEN & ANALYSEN 139
Sicherheitsbedürfnis auf eine neue, existenzielle
Ebene gehoben.
Diese Ängste beeinflussen die gesellschaftliche
Wahrnehmung von Zukunft und verändern die
Werte, die den Handel prägen. In diesem Kontext
wird auch die Globalisierung neu bewertet. Die
Annahme einer ungebremsten Globalisierung
wird hinterfragt, und es zeigt sich eine Tendenz
hin zu einer verantwortungsvolleren, glokalisierten
Wirtschaft, die lokale Bedürfnisse stärker berücksichtigt.
Neo-Ökologie
Der Megatrend Neo-Ökologie ist heute relevanter
denn je. Die Gesellschaft erkennt, dass globale
Krisen, wie die Klimakrise, nur durch gemeinschaftliches
Handeln über Grenzen hinweg gelöst
werden können.
Metaverse
Ein spannendes neues Konzept ist das Metaverse,
das Marken und Handelsunternehmen die Möglichkeit
bietet, Konsumenten in digitalen Räumen
zu erreichen. Hier liegt der Fokus auf realdigitalen
Erfahrungen, die echte Nähe schaffen.
Das Metaverse wird nicht von heute auf morgen
den Handel revolutionieren, bietet jedoch eine
Plattform für Interaktion und Engagement, die
über den klassischen Verkauf hinausgeht.
C2M-Modell
Das C2M-Modell (Consumer-to-Manufacturer)
stellt eine weitere Revolution im Einzelhandel
dar. Es ermöglicht eine direkte Verbindung zwischen
Konsumenten und Herstellern, wodurch
die Vertriebslogik neu gestaltet wird.
Unternehmen sind gefordert, ihre Geschäftsmodelle
an einem neuen Nachhaltigkeitsparadigma
auszurichten, das Werte wie Vertrauen, Solidarität
und ökologische Verantwortung in den Mittelpunkt
stellt. Dies führt zu einem Wandel hin zu
einem progressiven Postwachstumsansatz, der in
Zeiten von Stagnation und Rezession unumgänglich
ist.
Verbraucher können direkt mit der Produktion in
Kontakt treten und ihre Nachfrage initiieren, was
durch Technologien wie Big Data und KI-gestützte
Datenanalyse unterstützt wird. Dieses Modell
könnte die E-Commerce-Landschaft grundlegend
verändern und den Anforderungen der
Konsumenten nach individuelleren Produkten
besser gerecht werden.
Gesundheit
Ein weiterer interessanter Aspekt für den Einzelhandel
ist der Megatrend Gesundheit. Gesundheit
ist als Wert tief im gesellschaftlichen Bewusstsein
verankert und prägt zunehmend Lebensstile und
Konsumentscheidungen. Das Streben nach Gesundheit
schafft zahlreiche Anknüpfungspunkte
für den Handel, der auf die wachsenden Health-
Trends reagieren kann.
Retail-Trend-Map
Die Retail-Trend-Map dient als Orientierungshilfe
in einem dynamischen Handelsumfeld. Sie
visualisiert aktuelle Retail-Trends und hilft, diese
im Kontext der Megatrends zu verstehen. Diese
Trends fungieren als Frühwarnsysteme, die es
Händlern ermöglichen, sich kritisch mit ihrem
eigenen Handeln auseinanderzusetzen und das
Potenzial neuer Produkte und Dienstleistungen
zu bewerten.
Rural Retail Revolution
Ein weiterer Trend ist die Rural Retail Revolution,
die zeigt, dass ländliche Räume zunehmend
an Bedeutung gewinnen. Während der Fokus des
Handels traditionell auf städtischen Zentren lag,
entdecken immer mehr Unternehmen das Potenzial
des ländlichen Raums.
Verpackung
Ein drängendes Thema bleibt die Verpackung.
Angesichts des wachsenden Umweltbewusstseins
und strengerer gesetzlicher Vorgaben wird
ein Umdenken notwendig.
Der Trend zu Zero Waste Packaging und das
Modell Packaging as a Service reagieren auf das
Bedürfnis nach umweltfreundlichen Lösungen.
Verpackungen sollten nicht nur als notwendiges
Übel betrachtet werden, sondern als wertvolle
Investitionen.
140 STUDIEN & ANALYSEN
Einkaufsprozesse personalisieren
„Technologie Trends im Handel” (EHI Retail Institute, 2023)
Das EHI Retail Institute beleuchtet in seiner
„Technologie-Trends“-Studie von 2023 die
wachsende Bedeutung technologischer Innovationen
im Einzelhandel und zeigt auf, wie diese
den Sektor grundlegend verändern. Besonders
im Fokus stehen dabei Automatisierung und
künstliche Intelligenz (KI), die sowohl betriebliche
Prozesse als auch die Kundenerfahrung effizienter
und personalisierter gestalten. Die Studie
identifiziert vier zentrale Trends, die die Zukunft
des Einzelhandels maßgeblich beeinflussen werden:
Self-Checkout und Automatisierung: Eine der
auffälligsten Entwicklungen im Einzelhandel ist
der verstärkte Einsatz von Self-Checkout-Systemen
und automatisierten Kassensystemen.
Immer mehr Händler setzen auf diese Lösungen,
um den Bezahlvorgang zu beschleunigen und
gleichzeitig ihre Personalressourcen zu optimieren.
Der Vorteil für die Kunden besteht in einem
schnelleren, bequemeren Einkaufserlebnis, während
die Unternehmen durch den effizienteren
Einsatz von Personal und die Senkung der Betriebskosten
profitieren. Neben den klassischen
Self-Checkout-Lösungen, bei denen Kunden
selbst scannen und bezahlen, wird auch der Einsatz
von „seamless checkout“-Technologien, die
den gesamten Bezahlvorgang ohne aktives Zutun
des Kunden automatisieren, zunehmend wichtiger.
Solche Technologien, wie sie in kassenlosen
Geschäften eingesetzt werden, eliminieren Warteschlangen
und verbessern die Kundenzufriedenheit
erheblich.
Künstliche Intelligenz im Lager- und Bestandsmanagement:
KI spielt eine zentrale Rolle bei der
Automatisierung von Lagerprozessen und dem
Bestandsmanagement. Händler können mithilfe
KI-basierter Systeme ihre Lagerbestände in
Echtzeit überwachen und optimieren. Durch die
Integration von Sensoren und automatisierten
Prozessen wird eine präzise Bestandskontrol
le ermöglicht, was wiederum die Verfügbarkeit
von Produkten erhöht und gleichzeitig Kosten
senkt. Darüber hinaus gewinnen Technologien
wie „Predictive Analytics“ an Bedeutung, die auf
KI basieren und es den Händlern ermöglichen,
Konsumtrends vorherzusagen. Dadurch können
sie frühzeitig auf Veränderungen in der Nachfrage
reagieren und ihre Bestellungen sowie
Lagerkapazitäten effizienter planen. Diese Technologien
führen zu einer Reduzierung von Überbeständen
und verhindern gleichzeitig Engpässe,
was zu einem insgesamt effizienteren Warenfluss
führt.
Personalisierte Kundenerfahrungen: In der
modernen Handelswelt ist die Personalisierung
der Kundenerfahrung ein entscheidender Faktor.
Digitale Tools und KI ermöglichen es den
Einzelhändlern, personalisierte Angebote und
Empfehlungen direkt an ihre Kunden zu senden.
Dies erhöht nicht nur die Relevanz der Angebote
für den einzelnen Kunden, sondern stärkt auch
die Kundenbindung. Die Individualisierung geht
weit über Rabattaktionen hinaus: Mit der Analyse
von Kaufhistorien und Verhaltensdaten können
Unternehmen maßgeschneiderte Produktempfehlungen
abgeben und so das Einkaufserlebnis
deutlich verbessern. Ein wachsender Trend ist
der Einsatz von Chatbots und virtuellen Assistenten
im Kundenservice. Diese Technologien
ermöglichen es, Anfragen rund um die Uhr zu
bearbeiten und den Kunden personalisierte Unterstützung
zu bieten. Der Vorteil besteht nicht
nur in einer verbesserten Servicequalität, sondern
auch in der Entlastung des Personals.
Cybersecurity und Datenschutz: Mit der zunehmenden
Digitalisierung steigen auch die Herausforderungen
im Bereich der IT-Sicherheit.
Der Schutz sensibler Kundendaten wird immer
wichtiger, da Verstöße nicht nur zu finanziellen
Schäden führen, sondern auch das Vertrauen der
Kunden nachhaltig beschädigen können.
STUDIEN & ANALYSEN 141
Mit Loyality-Programmen Kunden binden
„KI und Kundenloyalität im Handel" (EHI Retail Institute, 2023)
In der Studie „KI und Kundenloyalität im Handel“,
die vom EHI im Auftrag von Epam, einem
Pionier im Software-Engineering, durchgeführt
wurde, wird untersucht, wie Künstliche Intelligenz
(KI) die Kundenbindung im wettbewerbsintensiven
Handelsmarkt stärken kann.
Die Ergebnisse zeigen, dass etwa sechs von zehn
Befragten der Meinung sind, es sei einfacher, Bestandskunden
zu binden als Neukunden zu gewinnen.
Der Anteil der Bestandskunden variiert
stark zwischen den Handelsunternehmen: So geben
50 Prozent der Befragten an, dass ihr Anteil
zwischen 61 und 90 Prozent liegt, während 12,5
Prozent angeben, dass er maximal 30 Prozent beträgt.
Aktuell bieten 65,5 Prozent der befragten Verantwortlichen
bereits ein Loyalty-Programm an,
während weitere 14,5 Prozent dessen Einführung
planen. Um die Nutzerzahlen dieser Programme
zu steigern, erweisen sich laut den Befragten attraktive
Preisgestaltungen, exklusive Angebote
sowie zusätzliche Mehrwerte als die wichtigsten
Hebel. Doch auch über Loyalty-Programme hinaus
gibt es weitere Einflussfaktoren auf die Kundentreue:
Fast alle Teilnehmenden (93,3 Prozent)
ordnen die Sortimentsgestaltung und Produktqualität
als entscheidend ein, gefolgt von direkter
Kundenberatung (86,1 Prozent) und Nachkaufbetreuung
beziehungsweise Beschwerdemanagement
(84,3 Prozent). Auf die Frage nach den
stärksten Förderern der Kundenbindung werden
exzellenter Service und kompetente Beratung
am häufigsten genannt, gefolgt von attraktiven
Preisgestaltungen, maßgeschneiderten Angeboten
sowie exklusiven Vorteilen, die den Kunden
besondere Anreize bieten.
Die Studie zeigt zudem, dass fast alle Befragten
(92,4 Prozent) den Einsatz von KI zur Steigerung
der Kundenloyalität für sinnvoll halten. Bereits
19,8 Prozent nutzen KI zu diesem Zweck, während
mehr als die Hälfte (54,2 Prozent) plant, KI
in Zukunft einzusetzen. Aktuell laufen bei mehr
als einem Drittel der Befragten (34,5 Prozent)
entsprechende Projekte, und 40,1 Prozent haben
solche Vorhaben für die Zukunft eingeplant. Die
„verstärkte Personalisierung des Direktmarketings“
wird dabei am häufigsten (46 Nennungen)
als Möglichkeit genannt, wie KI zur Steigerung
der Kundenloyalität eingesetzt werden kann. Auf
dem zweiten Platz folgt die „effizientere Analyse
und Prognose des Kundenverhaltens“ (42 Nennungen),
gefolgt von der „Automatisierung von
Beratung und Service“ (32 Nennungen).
Knapp 40 Prozent der Befragten glauben, dass
ihr Handelsunternehmen bereits heute in KI-Anwendungen
zur Steigerung der Kundenloyalität
investiert. In zwei Jahren könnte dieser Anteil auf
68,5 Prozent steigen, und in fünf Jahren könnten
es bereits 85,7 Prozent der Handelsunternehmen
sein, die in KI investieren.
Die Online-Befragung, die im August und September
2024 durchgeführt wurde, umfasste
232 Personen aus 179 Handelsunternehmen der
DACH-Region. Fast die Hälfte der Teilnehmenden
(105 Personen) ist in der Geschäftsführung
oder auf Vorstandsebene tätig. Die befragten Unternehmen
erwirtschaften in Deutschland einen
Nettoumsatz von rund 111,6 Milliarden Euro.
Immer mehr Händler setzen bei Bonusprogrammen zur
Kundenbindung auf KI.
Foto: Adobe Stock
142 STUDIEN & ANALYSEN
Mehr Wahlfreiheit beim Bezahlen
Bezahl- und Einkaufsverhalten in Deutschland (Allensbach, 2023)
Ob an der Supermarktkasse, im Lieblingsrestaurant
oder am Kiosk um die Ecke - Verbraucherinnen
und Verbraucher möchten selbst entscheiden,
ob sie mit Karte, Smartphone oder
Bargeld bezahlen. Die Hälfte der in Deutschland
Lebenden würde neben der Akzeptanz von Bargeld
auch eine flächendeckende Verpflichtung
für eine Kartenakzeptanz befürworten. Diese
und weitere Erkenntnisse zum Bezahl- und Einkaufsverhalten
in Deutschland liefert die Umfrage
des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD)
im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme
.
Jeder zweite Bundesbürger (51 Prozent) findet,
dass Kartenzahlungen in anderen Ländern deutlich
verbreiteter sind als hierzulande. Sie sind der
Meinung, dass in Deutschland bei der Auswahl
an Bezahlmöglichkeiten in Handel und Gastronomie
Nachbesserungsbedarf besteht: Die Hälfte
der deutschen Verbraucher (50 Prozent) würde es
befürworten, wenn Geschäfte und Restaurants
- neben der Akzeptanz von Bargeld - dazu verpflichtet
werden, Kartenzahlungen anzubieten.
Besonders ausgeprägt ist diese Haltung bei der
jüngeren Generation der 16- bis 29-Jährigen. Fast
zwei Drittel (62 Prozent) von ihnen sprechen sich
für eine gesetzliche Verpflichtung zur Kartenzahlung
aus. Bei den Älteren ab 60 Jahren liegt
der Wert immerhin bei 45 Prozent.
Angesichts des Wunsches nach Wahlfreiheit verwundert
es nicht, dass „Cash only“ bei vielen
Bürgern für Frust sorgt. Gerade mit dem Wissen,
dass Kartenzahlungen in anderen Ländern deutlich
verbreiteter sind und Menschen den Komfort
des schnellen und sicheren Bezahlens schätzen,
ist jeder Dritte (31 Prozent) genervt, wenn nur
Bargeld akzeptiert wird. In der Gen-Z-Altersgruppe
(16- bis 29-Jährige) gibt sogar jeder Zweite
(50 Prozent) an, über „Cash only“ verärgert zu
sein. 37 Prozent der jungen Generation gehen so
weit, Geschäfte, in denen nur bar bezahlt werden
kann, zu boykottieren. Denn das Bargeld ist
in dieser Generation wortwörtlich zum „Notgroschen“
geworden: 44 Prozent der Befragten geben
an, Bargeld lediglich für den Notfall dabei zu
haben und nur darauf zurückzugreifen, wenn sie
nicht bargeldlos bezahlen können.
Beim Blick auf die Bezahlpräferenzen lässt sich
das Einkaufsverhalten der Gen Z leicht erklären:
44 Prozent der jüngeren Befragten bezahlen an
der Kasse grundsätzlich am liebsten mit dem
Smartphone oder der Smartwatch, dicht gefolgt
von der Karte mit 40 Prozent. Nur noch 25 Prozent
präferieren das Bargeld. Der Komfort des
digitalen Bezahlens überzeugt besonders die
junge Generation: Knapp die Hälfte (49 Prozent)
findet das Bezahlen mit Smartphone praktisch,
da an der Kasse die Eingabe des PINs wegfällt,
und greift daher lieber zur digitalen Wallet, anstatt
zum physischen Geldbeutel. Doch was die
Wahl der Karte im digitalen Geldbeutel betrifft,
so setzt auch die junge Generation auf Bewährtes:
Mehr als die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen
(53 Prozent) geben an, schon einmal mit der digitalen
girocard in ihrem Smartphone oder ihrer
Smartwatch bezahlt zu haben. Weitere 29 Prozent
können sich vorstellen, eine digitale girocard in
Zukunft zu nutzen.
Auch wenn die Offenheit der Verbraucherinnen
und Verbraucher in Deutschland gegenüber
neuen Bezahlmethoden stetig wächst, wollen sie
nicht vollständig auf Vertrautes beim Bezahlen
verzichten. Die Girocard landet nach Einschätzung
aller Befragten in fünf Jahren unangefochten
auf Platz eins - und damit vor dem Bargeld.
„Mobile first“ heißt es hingegen weiterhin bei
der jungen Generation: Bei 70 Prozent der 16-
bis 29-Jährigen wird die Wahl in fünf Jahren auf
die digitale girocard im Smartphone oder in der
Smartwatch fallen. Zwei Drittel sind es bei den
Menschen zwischen 30 und 44 Jahren. Und jede:r
Vierte in der Generation 60+ möchte in naher
Zukunft mit der digital hinterlegten girocard die
Einkäufe begleichen.
Ihr Spezialist für
Einzelhandelsimmobilien!
Property Management
Baumanagement
Asset Management
Centermanagement
Technisches Management
Refurbishment
Vermietungsmanagement
Consulting
Projektentwicklung
www.hbb.de
144 STUDIEN & ANALYSEN
Soziale Aktionen und Umweltfreundlichkeit
Handeln zwischen Krisen und Chancen (OC&C, 2024)
Vor dem Hintergrund einer schwächelnden Gesamtwirtschaft
und einer weitverbreiteten Krisenstimmung
zeigt die Studie der Unternehmensberatung
OC&C detaillierte Einblicke in die
aktuellen Kundenerwartungen und Einkaufsgewohnheiten.
Die wichtigsten Fragen lauten: Welche
Kriterien sind für den Einkauf entscheidend?
Welche Händler erfüllen diese Erwartungen aus
Kundensicht am besten? Und wie entwickelt sich
das Konsumverhalten aktuell?
Insgesamt zeigen sich die Kunden noch recht
pessimistisch bezüglich der Entwicklung ihrer
Realeinkommen, was sich naturgemäß auf ihr
Ausgabeverhalten auswirkt. Die Auswertung
dieser Umfrage zeigt aber auch Konsumenten-
Trends und Marktdynamiken, die trotz komplexem
Marktumfeld von Händlern als Wachstumschance
verstanden werden können: Bei der Wahl
von Produkten spielt das Preis-Leistungs-Verhältnis
zwar nach wie vor eine übergeordnete
Rolle. Durch den wieder höheren Stellenwert
von Produkt – und Servicequalität sowie anderen
Faktoren ergeben sich jedoch auch Trade-Up
Chancen.
Darüber hinaus wird es Kunden – insbesondere
jüngeren Generationen – immer wichtiger, auch
Spaß beim Einkauf zu haben. Dies reflektiert sich
positiv in der Bewertung von Händlern, die ein
interaktives Einkaufserlebnis bieten, aber auch
im erwarteten Ausgabeverhalten: Für Dienstleistungen
und Freizeit wollen die Konsumenten im
kommenden Jahr ihre Ausgaben weiter deutlich
steigern.
Der Einfluss jüngerer Generationen auf das Gesamtkonsumverhalten
wird aufgrund ansteigender
Anteile an Konsumausgaben immer größer.
Sie sind mit dem Leistungsversprechen deutscher
Händler weniger zufrieden. Hier geht es
nicht nur um „Spaß am Einkauf“: Während Produktqualität
und –zuverlässigkeit etwas weniger
wichtig als bei älteren Generationen sind, haben
soziale Interaktion und Umweltfreundlichkeit
einen höheren Stellenwert.
Künstliche Intelligenz genießt mit neuen Entwicklungen
und Anwendungsfällen ungebrochene
Aufmerksamkeit und wird zunehmend von
Kunden im Einkaufsprozess genutzt. Die konsequente
Erschließung der Potenziale durch Händler
in Deutschland bleibt jedoch hinter führenden
Ländern wie den USA und England zurück.
Technologische Kompetenz wird jedoch zunehmend
zum Wettbewerbsfeld für Händler, um das
Beratungs– und Service-Erlebnis zu individualisieren
und so das Leistungsversprechen zu optimieren.
Um in diesem weiterhin herausfordernden
Marktumfeld nicht nur zu bestehen, sondern
erfolgreich zu sein, müssen Händler den Spagat
zwischen Krisenresilienz sowie der Nutzung von
Markttrends und –dynamiken als Wachstumschancen
schaffen und Technologiekompetenz als
neues Wettbewerbsfeld aufbauen.
In der 14. weltweiten Ausgabe des jährlichen
OC& C Einzelhandel-Index wurden weltweit
über 48.000 Kunden befragt, wie sie Einzelhändler
bewerten und welche Faktoren ihre Kaufentscheidungen
beeinflussen.
Foto: Adobe Stock
STUDIEN & ANALYSEN 145
Kaufanreize durch exzellente Services
Wie Händler aus der Krise kommen können
Mit welchen Maßnahmen und Services können
Händler neue Kaufanreize schaffen? Antworten
lieferte eine ECC-CLUB-Studie, die die Branchen
Fashion und Accessoires, Wohnen und Einrichten,
Consumer Electronics sowie Heimwerken
und Garten analysiert.
Auch 2024 sieht sich die Hälfte der Konsumenten
(51 Prozent) durch branchenübergreifende Preissteigerungen
finanziell unter Druck. Die Folge:
Konsumausgaben werden verschoben, der Spaß
am Einkauf geht verloren, und Händler stehen vor
vielfältigen Herausforderungen. Insbesondere
durch ein exzellentes Einkaufserlebnis, gepaart
mit einzigartigen Services über alle Kanäle hinweg,
können Händler jedoch punkten und Kaufhemmnisse
abbauen. Das zeigen die Ergebnisse
der Studie „It’s magic – mit Channel-Magie aus
der Krise!“, für die mehr als 1000 Konsumenten
befragt wurden, die in den vergangenen sechs
Monaten Produkte aus den oben genannten Bereichen
gekauft haben.
Erlebnisfaktor ausbaufähig
Sowohl online als auch im Geschäft geht es längst
um mehr als um den reinen Produktkauf. Konsumenten
erwarten besondere Erlebnisse und sehen
dabei noch Luft nach oben. Das gilt vor allem
für Onlinekäufe: So empfindet beispielsweise bei
Fashion-Onlinekäufen ein Drittel der Befragten
das Shoppen als Erlebnis - auf der Fläche sind
es in selbiger Branche 41 Prozent. Gerade auf der
Fläche gibt‘s für Händler eine Vielzahl an Möglichkeiten,
einen einzigartigen Erlebnisfaktor
zu bieten. Besonders beliebt sind aus Konsumentensicht
Live-Produktvorführungen oder
die Möglichkeit, Produkte live zu testen. Aber
auch gastronomische Angebote sowie Workshops
oder Events sind für Konsumenten attraktive Besuchsanlässe
für Geschäfte.
Services dürfen kosten
Kunden haben unabhängig vom Kanal hohe Ansprüche
und setzen viele Omnichannel-Services
wie Online-Verfügbarkeitsanzeigen, Instore-Return
oder Click & Collect bereits mehrheitlich
voraus. Wer als Händler darüber hinaus punkten
möchte, muss weiterführende Angebote, eine exzellente
Kanalverknüpfung und finanzielle Vorteile
anbieten. Unabhängig von Branche und Warenkorbgröße
bewerten 72 Prozent der Befragten
das Angebot einer Geld-Zurück-Garantie als relevant
für ihre Kaufentscheidung. Aber auch Coupons
oder Rabattcodes sowie Bonusprogramme
können die Kaufbereitschaft steigern. Doch bei
Services geht‘s nicht nur um Sparmöglichkeiten:
Kunden sind auch bereit, für bestimmte Services
einen Aufpreis zu zahlen. So gibt beim stationären
Möbelkauf fast jeder Zweite (47 Prozent) an,
für eine gute Beratung fünf Prozent mehr zahlen
zu würden. Online fällt die Preisbereitschaft insgesamt
etwas geringer aus.
KI und Metaverse
„Neben der Monetarisierung von Services bieten
auch KI-basierte Angebote wie ein intelligenter
Spiegel mit weiterführenden Informationen oder
das Einscannen des Einkaufszettels per App großes
Potenzial für mehr Erlebnis und Service am
Point of Sale. Vor allem die Gen Z und damit die
Kundschaft von morgen zeigt großes Interesse
an KI-basierten Services und virtuellen Welten“,
ordnet Julia Frings, Projektmanagerin am ECC
KÖLN, die Studienergebnisse ein.
Besondere Events und Services kommen bei Kunden gut an.
Symbolbild: Pixabay / StockSnap
146 STUDIEN & ANALYSEN
Wenn der Roboter die Currywurst brät
Trends vom Außer-Haus-Verpflegungsmarkt (AHV, 2024)
Wie isst Deutschland außerhalb der eigenen vier
Wände nach Corona? Homeoffice, monatelange
Schließungen und gestörte Lieferketten haben
die Branche teils deutlich verändert. Der Außer-
Haus-Verpflegungsmarkt (AHV), von Bäckereien
und Tankstellen über Restaurants bis zu Eventcatering,
spielt eine wichtige Rolle als täglicher
Versorger von über elf Millionen von Menschen.
Welchen Herausforderungen der AHV ausgesetzt
ist, wo die Reise hingeht, und wo die Politik noch
besser unterstützen kann, untersuchte eine Studie
im Auftrag der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt
(DZG), die von der Food-Expertin Professor
Dr. Jana Rückert-John ausgearbeitet wurde. Fazit:
Die Schnellgastronomie ist der neue Star am
Food-Himmel, vegane Gerichte sowie Koch- und
Serviceroboter sind auf dem Vormarsch.
Hohe gesellschaftliche Relevanz
Mit einem Gesamtumsatz von 84,5 Milliarden
Euro im Jahr 2023, rund elf Prozent mehr im Vergleich
zum Vorjahr und zwei Prozent mehr im
Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 (Circana),
ist der Außer-Haus-Verpflegungsmarkt eine der
zentralen Wertschöpfungssäulen in Deutschland.
Er hat darüber hinaus auch noch eine hohe gesellschaftliche
Relevanz für den Alltag von Millionen
Menschen, die außer Haus essen. Ob der
morgendliche Coffee to go am Bahnsteig, der
Mittagstisch beim Metzger oder das Candlelight-
Dinner beim Italiener – nahezu alle Deutschen
nutzen mehr oder weniger regelmäßig externe
Essensangebote.
Schnellgastronomie ist Platzhirsch
Die neue DZG-Studie zeigt auf, dass sich bei der
individuellen Außer-Haus-Versorgung seit Corona
vieles verändert hat: Die jährlichen Besucherzahlen
reichen mit 8,79 Milliarden Besuchen noch
nicht wieder an den Wert von 2019 (9,8 Milliarden
Besuche) heran. Dass die Umsätze dennoch gestiegen
sind, erklärt sich dadurch,
dass die Gäste pro Besuch mehr ausgeben. Der
Durchschnitts-Bon lag 2023 bei 10,21 Euro pro
Besuch (im Vergleich zu 9,64 Euro 2019). Hauptgrund
hierfür: gestiegene Preise. Anstelle der Bedien-
und Hotelgastronomie, die 2019 noch den
Markt anführte, erzielte die Schnellgastronomie
im Jahr 2023 mit 32,74 Milliarden Euro den größten
Marktanteil und erreichte dabei eine Umsatzsteigerung
von 16,1 Prozent.
Zu den wesentlichen Gründen zählen der anhaltende
Trend zu Homeoffice und die Nutzung von
Lieferservices, die gestiegene Preissensibilität
der Verbraucher und der Arbeitskräftemangel,
der sich vor allem in der bedienorientierten Gastronomie
negativ bemerkbar macht.
Rolle der Digitalisierung
Digitalisierungsanstrengungen könnten zu besseren
Arbeitsbedingungen beitragen. Während
der Pandemie lag der Fokus vor allem auf Prozessen
wie digitale Tischreservierung und Essensvorbestellung,
Homeoffice-Möglichkeiten
für Mitarbeitende und Lieferservice. Durch den
verstärkten Einsatz von Koch- und Servicerobotern,
Self-Order-Terminals oder auch Künstlicher
Intelligenz für Recruiting-Prozesse können
Gastronomen aber auch dem Arbeitskräftemangel
etwas entgegensetzen.
Wobei die schöne neue KI-Welt nicht ganz einfach
zu realisieren ist – schließlich ist es der Gastgebercharakter,
der die Branche auszeichnet. Und
die neuen Technologien sind kostenintensiv, auch
wenn Roboter keinen Lohn erwarten. So werden
zwar Roboter vorgestellt, die Pasta produzieren
und Essen an den Tisch bringen. Das Wichtigste
ist aber die Akzeptanz der Gäste für die digitalen
Neuerungen. DZG-Vorstandssprecher Dr. Marcel
Klinge: „Die Branche benötigt außerdem mehr finanzielle
Förderung, um die notwendigen Investitionen
in Digitalisierung- und Automatisierung
auch stemmen zu können.“
STUDIEN & ANALYSEN 147
Symbolbild: Pixabay
Außer-Haus-Verpflegung spielt im Leben der Deutschen eine wichtige Rolle.
Nachhaltigkeit als Metathema
Nicht zuletzt betrifft das Thema Nachhaltigkeit
als eine der drängendsten Aufgaben den AHV-
Markt, so die DZG-Untersuchung. Olivier Kölsch,
Studienexperte und Geschäftsführer Bundesvereinigung
der Deutschen Ernährungsindustrie:
„In der Branche ist Nachhaltigkeit eigentlich kein
Thema mehr, sondern ein Metathema. Hier sind
wir immer bestrebt, die Erwartungen zu erfüllen
beziehungsweise bei dem Thema aktiv voranzugehen.“
Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-
Fußabdrucks reichen von der Umstellung auf
Öko-Strom und CO2-Kompensationsprojekten
über ressourcenschonende Verpackungen und
Mehrwegsysteme bis zur Kreislaufwirtschaft und
verkürzten Lieferketten. Darüber hinaus setzen
Gastronomen auf ein Angebot pflanzenbetonter,
regionaler und saisonaler Speisen. Dies wird
nicht nur von den Gästen erwartet, sondern ist
in Zeiten inflationärer Weltmarktpreise auch aus
betrieblicher Sicht unumgänglich.
Schließung gleich kultureller Verlust
„Unsere Untersuchung zeigt, dass die mit der
Corona-Pandemie einhergegangenen Veränderungen
die Segmente des Außer-Haus-Marktes
in unterschiedlicher Weise getroffen haben“, so
Autorin Proessor Dr. Rückert-John. Jeder geschlossene
Betrieb bedeute nicht nur einen Verlust
für Gastronomen und Mitarbeitende. Es
bedeute auch einen kulturellen Verlust und für
die Menschen, die dort ihre Speisen bezogen haben,
persönliche Einschränkungen. Deutschland
brauche Vielfalt in der Außer-Haus-Verpflegung,
und daher sei es wichtig, dass die Branche von
der Politik mit ihrer enormen Alltags- und Sozialrelevanz
besser wahrgenommen werde, ergänzt
DZG-Sprecher Klinge.
148 STUDIEN & ANALYSEN
Neue Produkte und Bequemlichkeit
Jugend-Digitalstudie (Postbank, 2024)
Die Be deu tung von In flu en cern im E-Com mer ce
nimmt wei ter zu: 54 Pro zent der Ju gend li chen haben
im ersten Halbjahr 2024 min des tens ein Produkt
ge kauft, das ih nen von ent spre chen den Botschaf
tern prä sen tiert wur de. Die ser Wert steigt
seit 2020 von da mals 41 Pro zent kon ti nu ier lich an
und lag im Vor jahr noch bei 50 Pro zent. Jetzt hat
die ser Trend die Mehr heit der 16- bis 18-Jäh ri gen
er reicht. Das sind Er geb nis se der re prä sen ta tiven
Ju gend-Di gi tal stu die 2024 der Postbank.
Beeinflussung durch Produktvorschläge
Vor al lem Mäd chen las sen sich, der Stu die zu folge,
beim Ein kau fen durch Pro dukt vor schlä ge auf
Blogs, Ins ta gram und Co. be ein flus sen. 62 Prozent
von ih nen sind in den ver gan ge nen sechs
Mo na ten der Emp feh lung von In flu en cerin nen
und Influencern ge folgt, aber nur 47 Pro zent der
be frag ten Jun gen. Au ßer dem las sen sich die äl teren
Be frag ten eher be ein flus sen als die jün ge ren:
59 Pro zent der 18-Jäh ri gen und 49 Pro zent der
16-Jäh ri gen kau fen Pro duk te, die sie bei ih ren
So ci al-Me dia-Iko nen ge se hen ha ben.
Ausgaben deutlich gestiegen
Ver mut lich auch, weil die Pro dukt prä sen ta tio nen
der In flu en cer Lust auf Kon sum ma chen, sind die
Aus ga ben der 16- bis 18-Jäh ri gen für den On line-
Kon sum im Ver gleich zu 2023 deut lich ge stie gen,
näm lich um 43 Pro zent auf 167 Eu ro pro Mo nat
2024. Im Vor jahr hat ten die jun gen Deut schen
mo nat lich noch 117 Eu ro im Schnitt für Käu fe im
In ter net aus ge ge ben. Jun gen in ves tie ren da bei
mit durch schnitt lich 217 Eu ro deut lich mehr als
Mäd chen mit 116 Eu ro.
„Social Shopping"
Die männ li chen Ju gend li chen ge ben nicht nur
mehr Geld aus, sie nut zen auch häu fi ger ei nen
di rek ten Klick auf Youtube, Ins ta gram und Co.
als die weib li chen Be frag ten: Et wa je der zwei te
Jun ge aber nur rund je des drit te Mäd chen betreibt
„So ci al Shop pin g“ und kauft Pro duk te direkt
über ein so zia les Netz werk. Ins ge samt ha ben
das schon 44 Pro zent al ler be frag ten Ju gend lichen
min des tens ein mal ge tan, wei te re 30 Prozent
kön nen es sich in Zu kunft vor stel len. Da mit
ist auch die ser Trend ein wich ti ger Trei ber für
Um sät ze im On line-Han del. Fast drei Vier tel derje
ni gen mit So ci al-Shop ping-Er fah rung möch ten
es in Zu kunft ge nau so häu fig tun wie bis her oder
so gar öf ter. An rei ze sind Ra batt ak tio nen, be sonders
gut pas sen de oder neu ar ti ge Pro duk te und
die Be quem lich keit, weil sich die Ju gend li chen
oh ne hin in den So zia len Me di en aufhal ten.
Meinungsbildner haben große Bedeutung
„Mei nungs bild ner in den So zia len Me di en ge winnen
zu neh mend das Ver trau en jun ger Men schen“,
sagt Tho mas Brosch, Lei ter Di gi tal ver trieb der
Postbank. „Sie kon kur rie ren mit Freun den, Eltern,
klas si schen Me di en und Leh rern um die
Auf merk sam keit der Ju gend li chen – mit gro ßem
Er folg. Die 16- bis 18-Jäh ri gen in for mie ren sich
im In ter net aber nicht nur über Mo de und Elektro
nik, son dern auch über Bank pro duk te. Deshalb
nut zen wir ver stärkt So zia le Me di en, um zu
er klä ren, wie un se re Ser vices auf dem Smart phone
oder im Ban king-Por tal op ti mal ge nutzt werden
kön nen.“
Dem Trend fol gend hat auch Whats app die Chatfunk
ti on um ei nen Shop ping-But ton er wei tert
und er mög licht so mit So ci al Shop ping. Der Instant-Mes
sa ging-Dienst hält sich zu sam men mit
dem Vi deo dienst YouTube auch 2024 ganz oben
auf der Lis te der meist ge nutz ten Ka nä le – jeweils
73 Pro zent der Be frag ten ga ben an, die se zu
ver wen den, um sich zu in for mie ren oder aus zutau
schen. 2020 ka men bei de Apps je weils auf 86
Pro zent – ein Ein bruch um 13 Pro zent punk te in
vier Jah ren. Ins ta gram (69 Pro zent), Tik Tok (66
Pro zent), Snap chat (57 Pro zent) und Pin te rest (29
Pro zent) konn ten im Ver gleich zum Vor jahr leicht
zu le gen. Vor al lem die gro ßen Ge win ner wer den
auch be son ders häu fig für So ci al Shop ping genutzt.
Alle kochen nur mit Wasser.
Das Ergebnis ist dennoch nicht gleich.
Übergut.
BERATUNG STRATEGIE DESIGN KAMPAGNEN TECHNOLOGIE MARKEN MARKETING
7 SCHRITTE
zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas
CLIMATE
CHANGE
Mutter Erde befindet sich im Wandel des Klimas. Seit vielen
Jahrzehnten stehen wir alle dieser Realität gegenüber und erleben
ihre Auswirkungen hautnah.
In unserer Zeit sind die globale Erwärmung und Luftverschmutzung
zu ernsthaften Bedrohungen für unser Wohlbefinden geworden. Diese
Umweltprobleme verändern die Lebensbedingungen auf unserem
Planeten und es ist unerlässlich, dass wir nicht untätig bleiben. Wir
müssen informiert handeln, gut durchdachte Entscheidungen treffen
und Entwicklungsprojekte vorantreiben, die sich an einem zentralen
Wert orientieren:
“Die Reduzierung der negativen Auswirkungen
der globalen Erwärmung und Luftverschmutzung.”
Bei Vision Seven agieren wir als ein Team von Visionären,
leidenschaftlichen und kompetenten Experten. Wir bündeln unsere
Energien, unser Wissen und unsere Expertise in einer visionären
Entwicklungs-Taskforce, die von dieser Philosophie angetrieben wird.
Wir sind überzeugt, dass fundierte Entscheidungen für die Entwicklung
und erfolgreiche Umsetzung effizienter Projekte von entscheidender
Bedeutung sind.
Aus diesem Grund haben wir einen 7-Schritte-Leitfaden zur effizienten
Verbesserung des städtischen Mikroklimas entwickelt. Dieser Leitfaden
besteht aus folgenden Hauptelementen:
Schritt 1 - Status Quo-Analyse
Die Status Quo-Analyse bildet eine umfassende Untersuchung des
Mikroklimas. In diesem ersten Schritt erstellen wir ein digitales
3D-Modell des untersuchten Gebiets, welches sämtliche relevanten
Parameter für die Lebensqualität berücksichtigt. Diese werden in der
Simulation miteinander verknüpft.
Das erstellte digitale Modell ermöglicht die Simulation des
mikroklimatischen Verhaltens des analysierten Gebiets unter
verschiedenen klimatischen und wetterbedingten Gegebenheiten
sowie während verschiedener Jahreszeiten. Die Anwendung solcher
Simulationen mit dem digitalen Modell erlaubt die Identifizierung von
zwei Haupttypen von Zonen im analysierten Gebiet.
Einerseits existieren kritische Zonen, die anfällig für klimatische
Unannehmlichkeiten, städtische Wärmeinseln (UHI) und gefährdete
Gebiete aus mikroklimatischer Perspektive sind.
Durch die Identifikation dieser kritischen Zonen kann der Kunde
fundierte Entscheidungen darüber treffen, welche Bereiche in das
mikroklimatische Behandlungskonzept einbezogen werden sollen.
Auf der anderen Seite finden sich vorteilhafte Zonen, die optimale
mikroklimatische Bedingungen für verschiedene Aktivitäten bieten,
sei es Spazierengehen (Promenaden), Laufen, Radfahren oder andere
Sportarten, ebenso wie für wirtschaftliche Aktivitäten im Freien, wie
beispielsweise Terrassen und Cafés.
Alle diese physischen und wirtschaftlichen Aktivitäten erlangen eine
höhere Erfolgsrate und werden von der Öffentlichkeit besser geschätzt,
wenn sie an geeigneten Standorten mit den optimalen mikroklimatischen
Bedingungen stattfinden. Die Identifikation vorteilhafter Zonen liefert
wertvolle Informationen für Stadtentwicklungsplaner, um festzulegen,
welche Art von physischen oder wirtschaftlichen Aktivitäten an welchen
Orten in Betracht gezogen werden sollten.
Schritt 2 - Lösungen & Tools
Unser breites Portfolio umfasst Lösungen für unterschiedliche
Umgebungen und Oberflächen. Es reicht von traditioneller Begrünung
und Bepflanzung bis hin zu modernen Biotechnologien zur
Luftaufbereitung und Kühlung. Diese Lösungen werden ferngesteuert
durch den Einsatz von IoT und spezifischen KI-Algorithmen, um wertvolle
Echtzeitdaten für informierte Entscheidungsträger bereitzustellen.
Schritt 3 - Entwurf des Behandlungskonzepts
In der Phase des Behandlungskonzepts kombinieren und integrieren
wir die ausgewählten Einzellösungen und Werkzeuge, um die
effizienteste Gesamtbehandlung zu erzielen. Dabei betrachten wir
die Aspekte aus verschiedenen Perspektiven und suchen nach dem
optimalen Gleichgewicht zwischen der erzielten Wirkung, der Wartung,
dem Einfluss der Belastung auf die Konzeptelemente sowie der Effizienz
und Haltbarkeit.
Zur besseren Veranschaulichung erstellen wir in der Entwurfsphase
visuelle 3D-Modelle für die vorgeschlagenen Elemente und Lösungen
und bereiten visuelle Simulationen vor.
Schritt 4 - Analyse des Behandlungskonzepts
Aus methodischer Sicht ist die Analyse des Behandlungskonzepts eng mit
der Analyse des Status Quo verbunden. Unter Anwendung des gleichen
Ansatzes entwickeln wir ein neues digitales 3D-Mikroklimamodell, das
diesmal auch die Veränderungen beinhaltet, die durch die Umsetzung
des Behandlungskonzepts entstanden sind.
Schritt 5 - Auswertung
Sobald das digitale Modell des Behandlungskonzepts erstellt ist, kann
es das mikroklimatische Verhalten des behandelten Bereichs unter
verschiedenen Klimabedingungen simulieren. Durch die Auswahl
derselben Klimabedingungen wie in der Status-Quo-Analyse ermöglicht
dies einen Vorher-Nachher-Vergleich.
Die Durchführung der gleichen Art von Simulationen mit beiden
digitalen Modellen erlaubt es, die Effizienz des Behandlungskonzepts
zu bewerten und eine Vorstellung von der geschätzten Verbesserung des
Mikroklimas durch dessen Umsetzung zu erhalten.
Schritt 6 - Durchführung
Durch eine zentrale Koordination und effizientes Zeitmanagement
werden die Umsetzungsphasen auf eine minimale, kostengünstige
Dauer optimiert.
Schritt 7 - Überwachung
Die Überwachung des Mikroklimas und der Luftqualität ist besonders
wichtig, vor allem in Gebieten, die durch Schadstoffe oder extreme
Wetterbedingungen gefährdet sind. Unser Überwachungssystem
basiert auf der Implementierung eines Netzes spezieller Sensoren, die
kontinuierlich Daten in eine cloudbasierte Plattform einspeisen, um die
Luftqualität zu überwachen und zu analysieren.
Die Luftqualitätssensoren und die Analyse-Suite ermöglichen eine hohe
Datenauflösung, um eine solide Grundlage für fundierte Entscheidungen
zu schaffen. Potenzielle Probleme können unmittelbar erkannt werden,
sobald sie auftreten, und die Stadtverwaltung kann sofort reagieren,
um die Situation zu lösen oder zu entschärfen.
www.vision-seven.com
VISION SEVEN • GREEN VIVACITY
www.vision-seven.com
1
2
3
We grow fresh air
STATUS QUO-ANALYSE
LÖSUNGEN & TOOLS
4
ENTWURF DES BEHANDLUNGSKONZEPTS
5
ANALYSE DES BEHANDLUNGSKONZEPTS
6
AUSWERTUNG
7
DURCHFÜHRUNG
ÜBERWACHUNG
Kurzstatements
154 KURZSTATEMENTS
Zusammenspiel ist gefragt
Heinrich Deichmann
Schuhunternehmer
Foto: Deichmann
Die Innenstädte sind unter
Druck. Aber die Lage ist nicht
überall gleich. Es gibt Städte,
die entwickeln sich prächtig.
Das hängt teilweise auch mit
der Historie der Orte zusammen.
Es muss in den Innenstädten
ein Zusammenspiel
von Einzelhandel, Gastronomie
und Kultur geben. Mancherorts
hilft es auch, wenn
wieder mehr Wohnbebauung
in den Zentren vorhanden ist.
Die Innenstädte müssen belebt
werden.
Heinrich Deichmann
KURZSTATEMENTS 155
Viele Menschen wollen Kosten sparen
Heiko Großner
Geschäftsführer des Non-Food-Discounters Action
Foto: Action
Inflation und sinkende Kaufkraft
haben die Nachfrage nach
Discount-Modellen erhöht.
Unser Konzept passt zur Kundschaft
und zieht auch neue
Verbraucher an, deren Preisbewusstsein
gestiegen ist. Produkte
des täglichen Bedarfs wie
Reinigungsmittel, Waschmittel,
aber auch Kerzen und Büroartikel
werden in unseren Filialen
sehr gut nachgefragt. Wir bemerken,
dass viele Menschen
ihre üblichen Einkaufsstätten
überdenken, um Kosten einzusparen.
Und davon profitieren
wir.
Heiko Großner
156 KURZSTATEMENTS
Vor Ort Angebote entwickeln
Rocco Bräuniger
Deutschland-Chef Amazon
Foto: amazon
Ich glaube nicht, dass es fair
ist, die Probleme des krisengebeutelten
Innenstadthandels
auf den Onlinehandel
abzuwälzen. Wir unterstützen
doch sogar kleine und mittelständische
Unternehmen, indem
wir auf unserem Marktplatz
eine Plattform für sie
zum Verkauf zur Verfügung
stellen – der Anteil solcher
Fremdverkäufe summiert
sich mittlerweile auf rund 60
Prozent.“
Rocco Bräuninger
KURZSTATEMENTS 157
Der Begriff "Krise" ist nicht wirklich zutreffend
Sebastian Schels
Geschäftsführender Gesellschafter RATISBONA Handelsimmobilien
Foto: Ratisbona
In der Handelsimmobilienwirtschaft
spricht man immer
wieder gern von ‚Krisen‘. Das
ist eigentlich nicht ganz richtig,
denn das würde bedeuten,
dass die Situation nach Beendigung
einer solchen genauso ist.
Besser wäre es von ‚geänderten
Rahmenbedingungen‘ zu reden.
Sebastian Schels
158 KURZSTATEMENTS
Fachmarktcenter können wichtige Lücke füllen
Lucas Wilbers
Head of Asset Management Redevco Deutschland
Foto: Redevco
Lucas Wilbers
Fachmarktcenter galten lange
Zeit als Lieblinge der Investoren,
dank langfristiger Mietverträge
mit solventen Filialisten,
vergleichsweise wenig
Management-Aufwand und
relativ hohen Renditen. Doch
manche Beobachter fanden
das Konzept veraltet, weil es
den Vorstellungen moderner
und urbaner Gesellschaften,
die bewusst auf das eigene
Auto verzichten, zu widersprechen
schien. Aktuell zeigt
sich, dass dem doch nicht so
ist. Im Gegenteil: Gerade jetzt
können Fachmarktcenter mit
ihrem Warenangebot und
Einkaufserlebnis mancherorts
genau die Lücke füllen,
die das geschlossene Kaufhaus
in der Innenstadt hinterlässt.
KURZSTATEMENTS 159
Einige Center benötigen radikale Maßnahmen
Jörg-Michael Zimmermann
Geschäftsführer Multi Germany
Futo: Multi
Shopping Center brauchen auf
der einen Seite grundlegende
Veränderungen, um nachhaltigen
Erfolg zu haben, aber auf
der anderen Seite auch kontinuierlich
gutes Management. Bei
beidem kommt es jedoch auch
auf die Spezifika jedes einzelnen
Standortes an. Insgesamt
sehen wir mehr Mixed-Use als
früher. Einige Standorte benötigen
radikale Maßnahmen, wie
die Umnutzung einer kompletten
Ebene, zum Beispiel durch
ein großes Ärztezentrum, das
zu einem echten Mehrwert für
ein Center werden kann.
Jörg-Michael Zimmermann
160 KURZSTATEMENTS
Die Angebote personalisieren
Holger Blecker
CEO Breuninger
Foto: Breuninger
Ich erwarte, dass die Bereinigung
auf dem Modemarkt
in den kommenden Jahren
weitergeht. Aber es gibt auch
in Krisen Gewinner. Wir setzen
auf eine starke Personalisierung
der Angebote und
darauf, eine emotionale Beziehung
zu den Kunden aufzubauen.
Wir wollen Orte
schaffen, an denen unsere
Kunden gerne Zeit verbringen
wollen und am Ende auch
einkaufen. Zeit ist die neue
Währung!
Holger Blecker
KURZSTATEMENTS 161
Richtiger Platz für den wichtigen Austausch
Ingmar Behrens
Generalsekretär German Council of Shopping Places
Foto: GSCP
Die Verantwortung, das geforderte
Organisationstalent, die
menschennahe Führungsfähigkeit
– gepaart mit viel Kreativität
und Freude am Handel – macht
den Job im Centermanagement
zur Königsdisziplin der Immobilienbranche.
Man ist Zirkusdirektor,
Bürgermeister und
Seelsorger zugleich und muss
dabei die Zahlen auch noch
perfekt im Blick haben. Ohne
ein so professionelles Centermanagement
ist jede Investition
unnötigen Risiken ausgesetzt.
Bei uns im Council finden alle
den richtigen Austausch zu vielen
brisanten Themen und es
macht uns stolz, ein solch einzigartiges
Netzwerk anbieten zu
können.
Ingmar Behrens
162 KURZSTATEMENTS
Vor Ort Angebote entwickeln
Ruppert Bodmeier
CEO und Co-Gründer von Disrooptive
Foto: Disrooptive
Die steil exponentielle Leistungskurve
von Künstlicher
Intelligenz hat zu einem digitalen
Tsunami geführt, der
alle Märkte zunehmend erfassen
wird. Dagegen kommen
wir mit tradierten Geschäftsmodellen
nicht an. Dreht sich
die Marktführerschaft? Mit
Sicherheit. Wir befinden uns
jetzt in der Phase, in der sich
das Wasser gerade zurückzieht.
Wir müssen jetzt ins
Machen kommen. Noch ist alles
möglich.
Ruppert Bodmeier
KURZSTATEMENTS 163
Strategische Gesamtbetrachtung
Björn Rieger
Geschäftsführender Gesellschafter HEICO Property Partners GmbH
Foto: HEICO
Was wir in Zukunft für die Themen
KI und auch ESG brauchen:
eine strategische Gesamtbetrachtung,
viel Erfahrung und
ab und an auch kritische Distanz,
damit die innovativen
Möglichkeiten einen effizienten
und langfristigen Impact auf
unser Geschäft haben …
Björn Rieger
Best Practice
166 BEST PRACTICE
Foto: MyZeil
Kick it like Beckham: Im Frankfurter Shopping Center MyZeil gibt es eine neue Event-Area.
Anstoß im Frankfurter
Shopping Center MyZeil
Premiere in einem deutschen Einkaufszentrum: SOCCERBEAT, die Fußball-Erlebniswelt, eröffnete
im Juni 2024 im von der ECE gemanagten Frankfurter Shopping Center MyZeil. In 13 Activity-Zones
warten verschiedenste Kicker-Herausforderungen auf Besucherinnen und Besucher.
Gäste können sich dem Duell mit dem schnellsten Torhüter
der Welt stellen, ihre eigene Schnelligkeit an der Reaktionswand
oder auf dem Speed-Court zeigen und in eine
digitale Welt eintauchen, ob bei eSports, an der Interactive
Wall oder auf dem Tapping-Board. Battles mit Freunden am
XXL-Tischkicker, beim Poolball und beim Subsoccer sind
weitere Optionen. Und nach Abpfiff entspannen Kunden in
der SOCCERBEAT-Fußball-Lounge und fiebern mit ihrem
Lieblingsverein mit. Umgeben ist die Area von diversen
Sport-Shops und liegt gleich gegenüber des Fanshops von
Eintracht Frankfurt.
Ziel ist Eventification
SOCCERBEAT reiht sich neben dem Gastro-Court Foodtopia,
einem Kino und einem Fitnessstudio in die Marketing-
Schiene Eventification des MyZeil ein. „Das Gesicht der
Malls ändert sich“ ordnet SOCCERBEAT-Geschäftsführer
Volker Dingwerth die Innovation ein.
MyZeil habe nach Corona die Entwicklung zur Event-Location
verstanden. Die Verwirklichung des Millionenprojektes
hat mehr als drei Jahre gedauert.
BEST PRACTICE 167
FLAiR Fürth erfolgreich
mit innovativen Technologien
Für das urbane Erlebniscenter FLAiR Fürth hat die P&P Group als Eigentürmer und Betreiber
eine beeindruckende Halbierung ihrer Energiekosten im Vergleich zum Vorjahr hinbekommen.
Diese erhebliche Senkung wurde durch Investitionen in modernste Energiespar-Technologie
ermöglicht, kombiniert mit nachhaltigen Verhaltensänderungen und der
Anpassung der Stromversorger-Verträge.
Ein zentraler Punkt des Energieeffizienz-Konzepts ist das im
FLAiR installierte Blockheizkraftwerk, das mit überdurchschnittlichen
Leistungsparametern glänzt. Es verbraucht
wesentlich weniger Primärenergie als konventionelle Kraftwerke
und trägt somit zu einer signifikanten Brennstoffeinsparung
bei. Gleichzeitig sinkt der CO2-Ausstoß erheblich.
Mieter helfen mit
Zusätzlich setzt das FLAiR auf drei topmoderne Kältemaschinen
mit Wärmerückgewinnung, die einen beträchtlichen
Beitrag zur Energieeinsparung leisten. Die Mieter im
Center tragen durch ihr nachhaltiges Verhalten ebenfalls
wesentlich zu den Einsparungen bei. Die P&P Group erzielte
zudem durch Überarbeitung bestehender Stromverträge
und Kooperationen mit neuen Zulieferern optimierte Konditionen,
was weitere Kosteneinsparungen ermöglichte.
und dabei beispielsweise kostenintensive Bereiche wie den
Energieverbrauch dauerhaft zu optimieren. Die so eingesparten
Kosten können die Mieter zum Beispiel gezielt in
Aktionen zur Kundenbindung investieren und sich so auf
ihr Kerngeschäft konzentrieren.
Kontinuierliche Fortschritte
Eva-Maria Zurek, CEO der P&P Group, erklärt die Zielsetzung
in diesem Bereich: „Das FLAiR Fürth und seine Partner
arbeiten auch zukünftig daran, die Energieeffizienz weiterhin
zu steigern und in diesem essenziellen Bereich kontinuierliche
Fortschritte zu erzielen. Generell strebt die P&P
Group bei allen Immobilien die stetige Optimierung aller
ESG-Kriterien und damit eine nachhaltige Unternehmensführung
an.“
Für „exzellent“ zertifiziert
Darüber hinaus ist das FLAiR Fürth BREEAM zertifiziert, mit
der Bestnote „exzellent“. Je mehr Exzellenz-Sterne, desto
höher der Fortschritt des Gebäudes auf dem Weg zu nachhaltigeren
Standards. Das international renommierte Gütesiegel
für nachhaltige Gebäude wird in Deutschland vom
TÜV Süd vergeben. Die Kriterien dieses Zertifikats decken
verschiedene Aspekte ab, darunter Energie, Wasser, Abfall
und Transport, um so die Nachhaltigkeitsleistung von Bestandsgebäuden
kontinuierlich zu verbessern.
Foto: Lindner Group
Endverbrauch optimieren
Für die P&P Group, die nicht nur Inhaber und Betreiber des
FLAiR Fürth ist, sondern das Gebäude nach der kompletten
Übernahme im Jahr 2017 auch umbaute und modernisierte,
ist es von hoher Bedeutung, die Mieter zu unterstützen
Das FLAiR Fürth setzt auf Nachhaltigkeit.
168 BEST PRACTICE
Originelles Gastro-Konzept:
Fisch in Theateratmosphäre
Das mehrfach preisgekrönte niederländische Gastrokonzept Pesca Theatre of Fish, bekannt für seine
kreativen Fischspezialitäten und kulinarischen Erlebnisse, feiert mit der Eröffnung des Westfield Hamburg
Überseequartier 2025 Deutschland-Premiere. Pesca gehört zur jungen niederländischen Gastro-
Gruppe Younique Concepts, die mehrere Restaurantkonzepte betreibt.
Als „Theatre of Fish“ inszeniert Pesca frischen Fisch in Theateratmosphäre
mit einer lebendigen Customer Journey.
Bis dato ist das Konzept nur in Amsterdam (seit 2016) und
in Rotterdam (seit 2022) live zu erleben. Mit der Eröffnung
in Hamburg und einem weiteren Opening in Nizza startet
das niederländische Unternehmen seine internationale Expansion.
Als Managing Partner wird Florian Schneider das
internationale Geschäft strategisch vorantreiben. Er bringt
umfassende Erfahrungen im Bereich internationale Expansion
und bei Markteintritten mit.
Standort Hamburg passt perfekt
Kurz vor der Eröffnung sagt Florian Schneider: „Ich freue
mich sehr, unser innovatives Fischrestaurantkonzept nach
Deutschland zu bringen und an der weltweiten Expansion
uneres Unternehmens mitzuwirken. Pesca beeindruckt
durch eine besondere Kombination aus Fine-Dining und
einer einladenden Atmosphäre, die den Gast in den Fokus
rückt und ihn aktiv in das Restauranterlebnis einbindet.
Hamburg ist mit seiner Affinität zu Fisch und seiner dynamischen
und kosmopolitischen Atmosphäre der perfekte
Standort, um den deutschen Markt zu erobern.“
Außenterrasse direkt am Wasser
Das Restaurant verfügt über 420 Quadratmeter Fläche, bietet
130 Sitzplätze und eine große Außenterrasse direkt am
Wasser für 150 Gäste. Pesca bringt nicht nur seine kulinarischen
Fisch-Spezialitäten nach Deutschland, sondern auch
sein Personalmodell: Gewinne werden mit dem Team geteilt,
was ein Novum in der Branche darstellt.
Foto: PESCA
Pesca inszeniert frischen Fisch in Theateratmosphäre.
BEST PRACTICE 169
Foto: HBB
Fürs Frankfurter NordWestZentrum hat die HBB Neuigkeiten zu verkünden.
NordWestZentrum
hat jetzt einen Indoorspielplatz
Zum 55-jährigen Bestehen des Frankfurter NordWestZentrums konnte HBB neue Marken ansiedeln,
das Angebot ausbauen und einen Indoorspielplatz eröffnen.
Die erhöhte Attraktivität des Centers hat auch Ankermieter
Primark dazu veranlasst, seinen Mietvertrag zu verlängern.
Der Modeanbieter bleibt ein integraler Bestandteil des NWZ.
Mit der Neueröffnung des Herrenausstatters AC & Co sowie
des Optikers und Hörakustikers Neusehland wurde bereits
im Juni 2023 der Branchenmix weiter ausgebaut.
Nori Park mit Achterbahnwagen
Zu einem Shoppingerlebnis gehört auch Entertainment.
Das NWZ avancierte zu Hessens größtem Indoorspielplatz.
Auf über 5000 qm eröffnete Nori Park für Kids und Family
eröffnen. Mit Spielgeräten, Spielmöglichkeiten und organisierten
Kindergeburtstagsfeiern bietet der Indoorspielplatz
eine ideale Möglichkeit für Kinder, sich auszutoben und
Spaß zu haben – unabhängig von den Wetterbedingungen.
Ein Highlight ist der Achterbahnwagen Nori.
Dreh- und Angelpunkt
Das NordWestZentrum ist ein mulitfunktionales Einkaufszentrum.
Neben 170 Geschäften, darunter Shops von bekannten
Marken wie Zara, Peek & Cloppenburg, Decathlon,
C&A, H&M, Primark und Media Markt befinden sich heute
rund 250 Wohnungen sowie Büroflächen für Behörden und
private Unternehmen auf dem Areal.
Zudem sind mehr als 20 Arztpraxen, ein Hotel, eines der
größten Spaßbäder der Region mit großer Saunalandschaft,
Fitnesscenter sowie eine Sporthalle und der Sitz des Basketballteams
Fraport Skyliners in das Einkaufszentrum integriert.
Neben Bildungseinrichtungen wie VHS und Stadtbibliothek
setzt das NWZ auf kulturelle Vielfalt. Im NWZ
finden regelmäßig auf der großen Aktionsbühne sowie im
Titus Forum Veranstaltungen und Ausstellungen statt.
170 BEST PRACTICE
Pilotmarkt „REWE voll pflanzlich“
ist gut angelaufen
„Wir sind ein richtiger Supermarkt, nur eben rein pflanzlich“, sagte Betreiber
Dennis Henkelmann, als er gemeinsam mit REWE-Group-Vorstand
Peter Maly Mitte April 2024 den ersten rein pflanzlichen Supermarkt
des Handelsunternehmens in Deutschland eröffnete. Dass das
Konzept des ersten „REWE voll pflanzlich“ in Berlin gut anläuft, bestätigen
die rund 5500 wöchentlichen Einkäufe.
Das meiste Lob gibt es von den Kunden genau für diesen
Punkt – dass sie von Gemüse über Backwaren und gekühlten
Produkten bis zu Süßwaren und Drogerieartikeln ein
volles Sortiment vorfinden. Einen weiteren großen Vorteil
sieht die Kundschaft darin, dass im „REWE voll pflanzlich“
im Vergleich zu herkömmlichen Lebensmittelmärkten die
Suche nach veganen Artikeln und das Prüfen der Zutaten
entfallen.
Ausschließlich vegane Produkte
Im „REWE voll pflanzlich“ an der Warschauer Brücke im
Stadtteil Friedrichshain gibt es auf 212 Quadratmetern mehr
als 2700 vegane Produkte. Zum Vergleich: In den gängigen
REWE-Märkten umfasst das Sortiment bis zu 1400 vegane
Artikel. Kaufmann Dennis Henkelmann nimmt im REWE
voll pflanzlich eine etwas andere Kundschaft wahr als in
seinem benachbarten klassischen REWE-Markt: „In meinem
Stammmarkt laufen pflanzliche Produkte auch sehr
gut. Dort kaufen aber eher Flexitarier ein, die Warenkörbe
sind bunt gemischt. Im Pflanzlich-Markt sind es schon eher
die Veganer, die ganz bewusst nur rein pflanzlich einkaufen
möchten.“ Henkelmann ist gespannt, wie es in den nächsten
Monaten an der Warschauer Brücke weitergeht. „Wir werden
2025 sehen, ob die Kunden ein rein pflanzliches Lebensmittelangebot
auch auf Dauer annehmen“, sagt er.
Schritt. Wir wussten aber, dass wir große Kompetenz beim
veganen Sortiment und viele Erfahrungen aus unseren bundesweit
mehr als 3800 Supermärkten mitbringen. Bisher bestätigen
uns die ersten Zahlen und das Feedback der Kunden,
dass die Idee eines pflanzlichen Vollsortimenters am dafür
geeigneten Standort und auf der passenden Fläche funktionieren
kann.“ Und gibt einen Ausblick: „ Ob wir weitere rein
pflanzliche Supermärkte eröffnen werden, entscheiden wir
zu einem späteren Zeitpunkt. Schon heute profitieren unsere
REWE-Märkte und Kunden bundesweit von den Produkten,
die wir im REWE voll pflanzlich in Berlin als erstes testen
und dann in der Sortimentslistung für alle freischalten.“
Foto: REWE / Christoph Große
Format in der Testphase
Der „REWE voll pflanzlich“ befindet sich weiterhin in der
Testphase. Das betont auch Peter Maly: Er zeigt sich nach
den ersten sechs Monaten zufrieden mit der Entwicklung des
„REWE voll pflanzlich“. „Die Eröffnung eines rein pflanzlichen
Ladens in dem aktuellen Marktumfeld war ein mutiger
Rund 5500 Einkäufe pro Woche verzeichnet der erste „REWE voll
pflanzlich“ in Berlin.
BEST PRACTICE 171
Bau-Revolution: Erster recycelbarer
Supermarkt in Deutschland
Beim Neubau des EDEKA-Marktes in der Neuen Mitte Lamme, für den nun die Baugenehmigung vorliegt, setzt die
EDEKA Minden-Hannover auf eine nachhaltige und innovative Bauweise durch das TRIQBRIQ-Holzbausystem.
Beim Bau des rund 1100 Quadratmeter großen Marktes im Westen von Braunschweig, der planmäßig im Frühjahr
2025 eröffnet werden soll, kommen in erster Linie Materialien und Komponenten zum Einsatz, die wiederverwendet
beziehungsweise recycelt werden können, um eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu gewährleisten. Damit
wird dieser Markt der erste recycelbare Supermarkt in Deutschland.
Für den Bau des EDEKA-Marktes werden Holzbausteine –
die so genannten BRIQs – aufeinander gesteckt und über
Buchenholzdübel miteinander verriegelt. Gleichzeitig wird
dabei vollständig auf künstliche Verbindungsmittel verzichtet
– die Innen- und Außenwände sind daher komplett rückbaufähig,
und Trocknungszeiten müssen beim Bau nicht berücksichtigt
werden. Weitere Vorteile des Systems sind die
damit verbundene kurze Bauzeit sowie die Flexibilität bei
der Gestaltung der Wände. So ist es beispielsweise möglich,
wie bei einem Mauerwerksmassivbau, Öffnungen auch noch
nachträglich in die Wände einzubauen. Im Vergleich zu anderen
Holzbauweisen, zum Beispiel dem Holzrahmenbau,
sind mit dem TRIQBRIQ-Holzbausystem zukünftige vertriebliche
Umbauwünsche deutlich einfacher umzusetzen.
Neben den Wandkonstruktionen ist auch das Dach komplett
in Holzbauweise geplant. Anstatt der üblichen Stahltrapezbleche
im Dachtragwerk werden Mehrschichtholzplatten
verbaut. Ein geändertes statisches System führt zu kleineren
Fundamenten und somit der Einsparung von CO2-intensivem
Beton. Auch die Fassade ist als Holzfassade geplant.
Umweltfreundliche Alternative
„Im Vergleich zur herkömmlichen Massivbau- und Stahlbetonbauweise
ermöglicht uns die Holzbauweise mit diesem
System eine umweltfreundlichere Alternative. So entstehen
bei der Herstellung des Gebäudes circa 50 Prozent weniger
CO2-Emissionen im Vergleich zu konventioneller Bauweise“,
sagt Ben Balon, Projektleiter bei der EDEKA Minden-Hannover.
„Zudem werden – im Gegensatz zu anderen Holzbauweisen
– die BRIQs aus so genanntem Kalamitätsholz hergestellt
– also beispielsweise aus Schwach- und Schadholz
von Bäumen, die ansonsten oft verbrannt werden. Der neue
EDEKA-Markt in Lamme wird somit nicht nur ein Ort für
den täglichen Einkauf, sondern auch ein Vorzeigeprojekt
für nachhaltiges Bauen. Die Verwendung von Holz als Baumaterial
und das innovative Holzbausystem zeigen, dass es
möglich ist, ein modernes Design auf eine nachhaltige Basis
zu stellen.“
Kreislauffähiger Ansatz
„Dieses zukunftsweisende Projekt zeigt eindrücklich das
breite Anwendungsspektrum unseres TRIQBRIQ-Systems.
Ökologisch und ökonomisch macht der Einsatz von TRIQ-
BRIQ im Retailbereich hochgradig Sinn. Das liegt vor allem
an unserem kreislauffähigen und ressourceneffizienten Ansatz.
Gleichzeitig profitieren alle Beteiligten von der schnellen
Aufbauzeit und der flexiblen Nutzung“, sagt TRIQBRIQ-
Vorstand Max Wörner.
Der neue EDEKA-Markt in Braunschweig-Lamme wird mit Holzbausteinen
errichtet.
Foto: TRIQBRIQ AG
172 BEST PRACTICE
Innovative Logistik:
Kauflands automatisiertes
High-Tech-Lager in Geisenfeld
Auf einer Höhe von 30 Metern verteilt, gleiten kleine Shuttle-Fahrzeuge vollautomatisch über
ihre langen Bahnen und lagern Ware ein und aus. In stetig wechselndem Takt packen Roboterarme
bedarfsgerecht Paletten für rund 125 Kauflandfilialen in Süddeutschland. Wie von Geisterhand
gesteuert, schaffen autonome Transporteinheiten, die fahrenden Telefonzellen gleichen,
fertig kommissionierte Paletten zum Warenausgang.
Wie die Logistikwelt von morgen aussieht, ist bereits heute
im bayrischen Geisenfeld zu sehen. Nach über drei Jahren
umfassender Erweiterungen und erfolgreicher Hochlaufphase
funktionieren die Lagerprozesse im Logistikzentrum
seit September letzten Jahres zu einem Großteil vollautomatisiert.
Mit dem neu in Betrieb genommenen Hochregallager
lassen sich Kapazitäten vergrößern, ohne weitere Flächen
zu verbrauchen, die es oftmals gar nicht mehr gibt. Gleichzeitig
erhöht sich die Liefersicherheit.
„Einen Logistikstandort transformiert man nicht von heute
auf morgen. Deswegen haben wir bewusst schon vor Jahren
die Entscheidung getroffen, unseren Standort in Geisenfeld
zum nahezu vollautomatisierten High-Tech-Lager umzugestalten.
Die Technologie und Robotik sind standortindividuell
entwickelt und integriert worden. Wir haben die neuen
Technologien in den vergangenen Jahren sukzessive in den
einzelnen Lagerabschnitten eingeführt. In Geisenfeld steht
damit eines der modernsten Logistikzentren im deutschen
Lebensmitteleinzelhandel“, sagt Konrad Ott, Projektleiter
Automatisierung Geisenfeld.
Im Food-Bereich werden bis zu 185.000 Kolli automatisch
kommissioniert. Bedeutet: Nach der Anlieferung werden die
Paletten automatisch von Regalbediengeräten in das Hochregallager
eingeräumt und dort verwahrt, bis die Ware benötigt
wird. Auch die Depalettierung erfolgt größtenteils automatisch.
Zwölf Roboter-Greifarme stellen anschließend
filialindividuell die Paletten zusammen. Dabei ordnen sie
die Ware so an, dass die Mitarbeiter in der Filiale direkt in
der richtigen Reihenfolge verräumen können. Die autonom
und manuell gepackten Paletten werden vollautomatisch
gepackt und foliert, und dann in der richtigen Reihenfolge
über autonome Transportfahrzeuge in Richtung Warenausgang
transportiert. Die Transportroboter verfügen über
modernste Sensoren, Kameras und Motortechnologien, die
ihnen dabei helfen, die optimale Route zu verfolgen und sicher
um Personen und Objekte herum zu navigieren.
Neben dem Hochregallager verfügt das Logistikzentrum
über eine automatische Kommissionier-Anlage (AKA) für
Obst und Gemüse. Die Anlage schafft pro Tag bis zu 50.000
Kolli und kann unterschiedliche Kombinationen aus verschiedenen
Transportboxen verarbeiten. Alle frisch ange-
Die automatische Kommissionier-Anlage (AKA) für Obst und Gemüse
kann unterschiedliche Kombinationen aus verschiedenen Transportboxen
verarbeiten.
BEST PRACTICE 173
Fotos (3):Kaufland
Mit dem neu in Betrieb genommenen Hochregallager lassen sich Kapazitäten vergrößern, ohne weitere Flächen zu verbrauchen.
lieferten Obst- und Gemüsesorten müssen also nur in die
Anlage gebracht werden.
Anschließend übernimmt die Anlage automatisiert das Abräumen
der Kisten mit Salat oder Bananen von der Palette
und stellt sie über das AKA individuell für die Filialen zusammen.
Den Mitarbeitenden vor Ort erleichtert die Automatisierung
den Arbeitsalltag enorm. Durch den Einsatz der Roboter
und „mobilen Regale“ entfallen beispielsweise lange Laufwege
und anstrengende Arbeiten. Insbesondere für schwere
Waren bieten Roboter eine ideale Unterstützung. Die Kommissionierer
können sich so verstärkt Aufgaben wie der Warenkontrolle
und Verladung sensibler Artikel widmen.
Außerdem gibt es neue, spannende Aufgaben. Denn in Geisenfeld
kommt modernste Technik zum Einsatz, sodass auch
in der Logistik digitale Köpfe gebraucht werden. 90 Prozent
der benötigten Mitarbeiter zur Steuerung, Wartungs- und
Instandhaltungspositionen wurden dabei durch die Weiterbildung
von Kommissionierern besetzt.
Wo noch manuell kommissioniert wird, da geschieht das an modernen,
ergonomischen Arbeitsplätzen mit höhenverstellbarer Arbeitsplattform
und Ergo-Matte.
174 BEST PRACTICE
Nachhaltige Standards setzen:
GFORM’s Weg zu einem
Net-Zero Supermarkt
Als Portfoliomanager des größten Artikel-9-Immobilienfonds in Europa (Greenman OPEN) hat
GFORM eine klare Mission: Immobilien nachhaltig und zukunftssicher zu bewirtschaften. Diese
Expertise setzt der Fondsmanager bereits erfolgreich um und plant derzeit ein ambitioniertes Projekt:
Gemeinsam mit seinen Schwestergesellschaften der Greenman Gruppe und einem der größten
deutschen Lebensmitteleinzelhändler, wird die Entwicklung eines Net-Zero Supermarktes, der
höchste Nachhaltigkeitsstandards erfüllt und neue Maßstäbe in der Branche setzt, geplant.
Als Betreiber und Vermieter von LEH-Immobilien, bei denen
Mietverträge meist sehr lange Laufzeiten von rund 20
Jahren haben, beschäftigt sich GFORM bereits seit Jahren
intensiv mit der Frage, wie Immobilien für die Anforderungen
von morgen gestalte werden können.
Die Grundlage für dieses Vorhaben ist eine enge Zusammenarbeit
mit dem zukünftigen Mieter, um von Anfang
an gemeinsame Nachhaltigkeitsziele zu definieren. Dieser
partnerschaftliche Ansatz ermöglicht es, den Supermarkt
nicht nur als Immobilie, sondern als ganzheitliches System
zu entwickeln, das sowohl die Bedürfnisse der Kunden als
auch die Anforderungen einer klimaneutralen Zukunft erfüllt.
Durch die Integration modernster Technologien und
nachhaltiger Praktiken will GFORM eine Immobilie schaffen,
die autark betrieben werden kann und gleichzeitig
wirtschaftlich ist.
Innovation und Technologie als Treiber
Der Net-Zero Supermarkt kombiniert Innovation und Nachhaltigkeit
in einzigartiger Weise. Durch den GFORM-Partner
NeoCarbon soll ein Direct Air Capture-System auf dem
Dach des Supermarkts installiert werden, um CO2 direkt aus
der Luft zu filtern und aktiv zur Reduktion der Emissionen
beizutragen. Die GFORM-Schwestergesellschaft Greenman
Energy ist für die Installation von Photovoltaikanlagen auf
dem Dach der Immobilie sowie von Solarcarports verantwortlich.
Die erzeugte grüne Energie wird so direkt an den
Mieter verkauft und gewährleistet eine kosteneffiziente und
nachhaltige Energieversorgung. Auf den Parkplätzen sollen
leistungsstarke Hypercharger installiert werden, um Elektromobilität
vor Ort zu fördern und die Wege der Konsumenten,
die zum Einkaufen kommen, nachhaltiger zu gestalten.
Ergänzt wird das Konzept durch gemeinnützige Bildungsinitiativen
wie die Beezdorf-Initiative, geleitet von der
GFORM- Schwestergesellschaft yes&, die Partnerschaften
mit lokalen Schulen und Organisationen fördert und Bildungsprojekte
sowie gemeinnützige Aktivitäten im Einzugsgebiet
des Supermarktes organisiert.
Smarte Technologien und KI im Store sollen zum Einsatz
kommen, um das Einkaufserlebnis zu verbessern – von der
Analyse des Verbraucherverhaltens über personalisierte
Dienstleistungen bis hin zu virtuellen Assistenten, entwickelt
in Zusammenarbeit mit TechMash, Technologie-Entwickler
und GFORM-Schwestergesellschaft.
Darüber hinaus bildet ein effektives Datenmanagement die
Grundlage für eine nachhaltige Immobilienbewirtschaftung.
Im Rahmen eines aktuellen Pilotprojektes hat die
Schwestergesellschaft yes& bereits mehrere Immobilien
mit der Technologie ausgestattet und erhält live-Daten, die
analysiert und zur Optimierung genutzt werden. Installierte
Sensoren sollen präzise Daten zu Energieverbrauch, CO2-
Emissionen und Gebäudebetrieb erfassen, während ein
BEST PRACTICE 175
Foto: GFORM
GFORM will Immobilien nachhaltig und zukunftssicher bewirtschaften. Supermärkte wie dieser sollen Net-Zero Supermärkte werden.
digitaler Zwilling des Objektes eine effiziente und präzise
Steuerung des Gebäudebetriebs ermöglicht, um die Energieperformance
zu optimieren und langfristig Kosten zu
senken.
Um den ökologischen Fußabdruck weiter zu minimieren,
soll für den „Supermarkt der Zukunft“ auf eine umfassende
Strategie für Recyclingstationen und Abfallmanagement
erarbeitet werden. Systeme zur Regenwasserauffangung
sollen die Kreislaufwirtschaft fördern und den Wasserverbrauch
reduzieren. Bereits in der Bauphase soll Nachhaltigkeit
im Fokus stehen: Dabei wird auf Materialien wie Holz,
CO2-speichernden Beton von NeoCarbon und begrünte
Dächer oder Fassaden gesetzt. Die Schwestergesellschaft
White Bird wird eine zentrale Rolle bei der Integration modernster
technischer Gebäudeausstattung spielen. Diese
umfasst hochmoderne Heiz-, Kühl- und Lüftungssysteme,
die den Energieverbrauch signifikant reduzieren, sowie
smarte Gebäudetechnologien, die eine präzise Steuerung
ermöglichen.
Dieses innovative Projekt spiegelt nicht nur das Engagement
für eine nachhaltige Immobilienbewirtschaftung im Einklang
mit der EU-Taxonomie wider, sondern betont auch
die Bedeutung starker Partnerschaften und gemeinsamer
Nachhaltigkeitsziele zwischen Vermietern und Mietern.
Um Elektromobilität vor Ort zu fördern, sollen auf den Parkplätzen
leistungsstarke Hypercharger installiert werden.
Foto Greenman Energy
176 BEST PRACTICE
REWE baut
„schwebenden“ Supermarkt
Ladesäulen, Parkplätze für Lastenräder, Ökostrom: Diese Begriffe verbindet man nicht unbedingt mit einem Lebensmittelmarkt.
Doch REWE setzt am Adlergestell, der längsten Straße Berlins, genau auf diese und weitere
umweltfreundliche Aspekte beim Bau seines energieeffizientesten Supermarktes in Berlin. Die Bauarbeiten in
Schmöckwitz laufen inzwischen auf Hochtouren.
Das sogenannte Green Building wird den Effizienzstandard
für Neubau 40 EE erfüllen, was bedeutet, dass es nur etwa
halb so viel Energie verbraucht wie durch das Gebäudeenergiegesetz
vorgegeben. „Seit 15 Jahren bauen wir nun
schon unsere Green Buildings, das erste bundesweit entstand
2009 in Rudow. Wir entwickeln die Bauform und unsere
nachhaltigen Ansprüche ständig weiter. Das zeigen wir
hier am Adlergestell“, betont Dirk Heimann, Leiter Bauwesen
bei REWE Ost. Das Gelände, auf dem bereits seit Mitte
der Neunzigerjahre ein Supermarkt steht, gehört REWE seit
2012. Das Unternehmen investiert mehr als sieben Millionen
Euro in den neuen Energiespar-Markt.
Eröffnung Ende 2025
Der alte Markt am Adlergestell wurde zuletzt 2015 saniert
und schloss Ende März seine Türen ein letztes Mal. Bis Ende
2025 entsteht auf dem rund 5000 Quadratmeter großen
Grundstück ein zweigeschossiger Bau mit offener Parkgarage
im Erdgeschoss und einem 1800 Quadratmeter großen
Supermarkt mit Bäcker im Obergeschoss. Die Kundschaft
erwartet ein großer Marktplatz mit Obst und Gemüse, eine
Salatbar sowie Bedientheken. Bezahlt wird an vier Kassen
oder einem der fünf Self-Checkout-Terminals.
Kreative Lösungen
Die Kundinnen und Kunden gelangen über Rollsteige und
Aufzüge in den Markt. „Gerade in dicht besiedelten Gegenden
sind wir gefordert, mit kreativen Lösungen das Optimum
aus begrenzten Flächen herauszuholen. Die Menschen
möchten bei uns ihren Lebensmitteleinkauf machen
und kommen größtenteils mit dem Pkw oder dem Fahrrad.
Die nötigen Stellflächen verlegen wir am Adlergestell einfach
unter den Supermarkt, der von Säulen getragen wird“,
erklärt Nawid Ahmadi, Architekt und Planungsmanager bei
REWE – quasi ein „schwebender“ Supermarkt. Neben 75
Pkw-Parkplätzen wird es 58 Stellflächen für Fahrräder und
19 für Lastenräder geben. Elektroautos können während des
Einkaufs an zwei Ladesäulen mit insgesamt vier Ladepunkten
geladen werden.
LEDs und begrüntes Dach
Der Neubau ist ein REWE Green Building, bei dem besonders
umweltverträgliche Baustoffe verwendet werden. Verglaste
Kühlregale, LED-Beleuchtung und ein hoher Holzanteil
prägen die Bauform. Der Supermarkt wird zu 100 Prozent
mit Grünstrom versorgt. Ein Teil der Stromversorgung erfolgt
über eine auf dem Dach installierte Photovoltaikanlage
mit einer Leistung von 100 Kilowatt-Peak. Das Dach wird
auf rund 500 Quadratmetern begrünt. Dank dieses Retentionsdaches
sammelt sich Niederschlag in dafür vorgesehenen
Abläufen. Das Regenwasser fließt langsam ab, hält die
Begrünung feucht und verdunstet teilweise.
REWE realisiert in Berlin einen Energiesparmarkt der neuesten
Generation.
Visualisierung: Keintzel Architekten
BEST PRACTICE 177
Kaufland setzt in Tuttlingen
Zeichen mit recycelten Baustoffen
Die Filial-Neueröffnung von Kaufland in Tuttlingen (Baden-Württemberg) ist nicht nur ein wichtiger Schritt
für die Nahversorgung vor Ort, sondern auch für die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens beim Bauen.
Als ein Team aus über 100 Mitarbeitern die ersten Kunden
in Empfang nimmt, um ihnen auf einer Verkaufsfläche von
circa 3700 Quadratmetern ein umfangreiches Sortiment
an Lebensmitteln und Produkten für den täglichen Bedarf
zu bieten, erfolgt dies in einem ganz besonderen Gebäude.
Denn gleich sieben verschiedene recycelte Materialien, die
aus Abbruchmaterial, Abfall oder nachwachsenden Rohstoffen
produziert worden sind, kamen in eineinhalb Jahren
Bauzeit unter anderem für Wände, Fassadenteile, Dämmung
und Dachabdichtung zum Einsatz, um noch nachhaltiger
zu sein. In diesem Umfang hat es das bisher an keinem der
bundesweit über 770 Kaufland-Standorte gegeben.
Nachhaltige Materialien
Die Abdichtungsplane, die für das Dach zum Einsatz gekommen
ist, besteht beispielsweise zu 60 Prozent aus recycelten
Plastikfolien, die als Verpackungsmaterial in der
Logistik verwendet werden, und hält länger als herkömmliche
Planen. Die Pflastersteine, die auf dem Parkplatz verlegt
worden sind, bestehen zu 40 Prozent aus mineralischen
Abfallstoffen. Im Lager kommen Rammschutzelemente zum
Einsatz, die komplett aus recyceltem Kunststoff bestehen.
auf dem Tuttlinger Filialdach. Die Anlage hat eine Leistungsstärke
von 420 kWp und ist damit eine der größten in Tuttlingen.
Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Anlagengröße
für Privathaushalte beträgt circa zehn kWp. Der Großteil des
erzeugten Stroms wird direkt in der Filiale für die Eigennutzung
verwendet. Der restliche Strom wird ins Netz eingespeist.
So deckt die Photovoltaikanlage circa ein Viertel
des jährlichen Gesamtenergiebedarfs der Filiale ab. Dank
Wärmepumpe und effizienter Nutzung der Abwärme, die
beim Betrieb der Kälteanlage anfällt, kommt das Gebäude
ganzjährig ohne fossile Brennstoffe aus.
Ergänzende Services
Die Filiale in Tuttlingen bietet den Kunden 275 Parkplätze an.
Das Einkaufserlebnis wird durch einen Bäcker, einen Metzger,
einen Sushi-Shop, einen Tabak-Lotto-Zeitschiften-
Shop mit Paketstation sowie einen Frisör ergänzt. Neben
Milch, Müsli und Gemüse können sich die Kunden zudem
„E-Auto laden" auf den Einkaufszettel schreiben. Denn auf
dem Filial-Parkplatz steht auch eine E-Ladestation zur Verfügung.
Graue Energie reduziert
Mit recyceltem Baumaterial wird vor allem graue Energie,
also jene Energie, die für die Produktion von Materialien benötigt
wird, reduziert und damit CO2 eingespart. „Tuttlingen
ist ein ganz besonderer Standort für uns. Hier können
wir prüfen und lernen, wie sich Bauweise und Materialien
in der Praxis bewähren. Auf diese Weise gewinnen wir wichtige
Erkenntnisse und Erfahrungen, die wir für zukünftige
Projekte nutzen können“, sagt Robert Pfizenmayer, Immobilienentwicklung
Kaufland Süd.
Foto: Kaufland
Eigene Stromerzeugung
Eine Photovoltaikanlage bietet auf über 2000 Quadratmetern
zudem viel Fläche für nachhaltige Energiegewinnung
Gleich sieben verschiedene recycelte Materialien kamen bei Kaufland
in Tuttlingen zum Einsatz.
178 BEST PRACTICE
Gebäudereinigung wird zunehmend
hybrid – Zauberwort heißt „Cobotik“
Die WISAG weist mit der „Vision 2030“ ihren Fahrplan für die Zukunft auf. Nachhaltigkeit steht
dabei im Mittelpunkt des gesamten Handelns. Indem innovative Lösungen entwickelt, die eigenen
Dienstleistungen nachhaltig ausgerichtet, Ressourcen effizient eingesetzt und die Treibhausgasemissionen
konsequent reduziert werden, gestaltet die WISAG den Weg in eine ESG-konforme
Zukunft. Auch in der Gebäudereinigung verfolgt sie vielfältige Ansätze, um Ressourcen zu
schonen und die Kunden auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen.
Das Unternehmen ist ständig auf der Suche nach neuen Materialien,
Equipment und digitalen Lösungen, die in diesem
Zusammenhang helfen können. Mit einem smarten Abfallkonzept
wird dabei auch auf innovative Lösungen gesetzt:
Mit Hilfe von Lasersensoren lässt sich zum Beispiel der Füllstand
von Abfallbehältern ermitteln. Ist eine Entleerung erforderlich,
erfolgt eine automatische Benachrichtigung. Die
so eingesparte Zeit können die Reinigungskräfte stattdessen
für serviceorientierte Tätigkeiten am Arbeitsplatz der Gebäudenutzer
verwenden. Gleichzeitig spart das Unternehmen
durch die bedarfsgerechte Leerung Müllsäcke ein.
Zum Leistungsportfolio gehört eine hybride Reinigung, bei
der die Arbeitskräfte mit ihren Säuberungsrobotern zusammenarbeiten
und gemeinsam einen hohen Qualitätslevel
sicherstellen. Hier werden verschiedene Modelle von
Nassreinigungs- und Staubsaugerroboter eingesetzt, mit
denen die Teams sowohl kleine als auch große Flächen reinigen.
In der Regel wird mit Herstellern von Robotern eine
strategische Zusammenarbeit angestrebt, um auch an der
Weiterentwicklung der Roboter mitwirken zu können. Bislang
sind die Roboter vorwiegend bei Logistik- und Produktionsunternehmen,
im Einzelhandel, Büroimmobilien sowie
in Laboren im Einsatz. Das Potenzial ist enorm.
Keine vollautonome Reinigung
Vollkommen autonom läuft die Reinigung mit den Robotern
bei den Kunden allerdings nicht. Es geht immer um eine Zusammenarbeit
von Roboter und Mensch – die sogenannte
„Cobotik“. Beispiel: Einer der Roboter ist bei einem Kunden
im Logistikbereich im Einsatz. Dort reinigt er eine Fläche
von 55.000 Quadratmetern, verteilt auf fünf Hallen. Diese
werden im Laufe der Woche nacheinander gereinigt, wobei
Steigendes Kundeninteresse an nachhaltigen
Dienstleistungen
Bei den Kunden steigt das Interesse an nachhaltig ausgerichteten
Dienstleistungen – und sie legen außerdem großen
Wert auf Innovationen. Gerade ein möglicher Einsatz
von Robotik kommt oft zur Sprache. Das bestätigt die WI-
SAG darin, ihr Angebot an Reinigungsrobotern weiter auszubauen.
Roboter sollen zukünftig die Reinigungskräfte der WISAG bei ihrer
Arbeit unterstützen.
BEST PRACTICE 179
Fotos (3): WISAG
Futuristisch und doch schon realistisch: Die WISAG setzt Robotik schon heute in einzelnen Einzelhandelsimmobilien ein.
der Roboter zu festgelegten Zeiten mit der Reinigung beginnt.
Dabei kann der Roboter jedoch nicht alle Reinigungstätigkeiten
übernehmen. Anspruchsvollere Aufgaben und
schwer zugängliche Stellen, wie Randbereiche, spezielle
Oberflächen, Türen oder auch Geländer, übernehmen weiterhin
die WISAG-Reinigungskräfte. Außerdem ist die Reinigungskraft
für den Roboter verantwortlich und muss diesen
regelmäßig reinigen. Bürsten, Walzen und Wassertank
müssen wie bei einer konventionellen Maschine gesäubert
werden. Auch den persönlichen Austausch im Kundenservice
kann der Roboter nicht ersetzen.
Robotereinsatz bietet eine Reihe von Vorteilen
Dafür bietet er aber insgesamt doch eine Reihe von Vorteilen:
Er übernimmt die Bodenreinigung, stellt dabei eine
gleichbleibend hohe Qualität sicher und reinigt zuverlässig
die ihm zugewiesenen Flächen. Damit reduziert er Ausfälle,
kompensiert Personalmangel und entlastet die Reinigungskräfte.
Ein weiterer Vorteil zahlt in die Nachhaltigkeit ein:
Er arbeitet ressourcenschonend: Roboter verbrauchen zwischen
einem Drittel und einem Sechstel weniger Strom und
Wasser bei der Reinigung im Vergleich zu herkömmlichen
Reinigungsmaschinen.
Praxisergebnisse zeigen auch Herausforderungen
Die ersten Praxisergebnisse haben natürlich die eine oder
andere Herausforderung deutlich gemacht. Joaquin Jimenez
Zabala, Geschäftsführer der WISAG Facility Management
Retail GmbH & Co. KG: „Da ist zum einen das Erwartungsmanagement.
Wenn Reinigungsroboter bei Kunden eingesetzt
werden, gibt es anfangs oftmals die Erwartung, dass
die Roboter die gesamte Reinigung übernehmen können.
Hier muss klar definiert werden, welche Tätigkeiten die
Roboter übernehmen können und welche Aufgaben weiterhin
in der Hand unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
bleiben.“ Darüber hinaus erfordert der Einsatz die entsprechende
digitale Infrastruktur, wie die WLAN- oder Mobilfunkabdeckung
der zu reinigenden Flächen. Zudem haben
180 BEST PRACTICE
Parkhausreinigung der Zukunft
einige Kunden Vorbehalte bezüglich des Umgangs mit den
aufgezeichneten Daten. Die Reinigungsroboter fahren mit
Kameras, Sensoren sowie einem Light Detection and Ranging
(LiDAR) zur Umfeld-Erfassung durch die Gebäude.
Joaquin Jimenez Zabala:
„Da möchten unsere Kunden
natürlich wissen, was
mit den Daten passiert und
wo sie gespeichert werden.
Auch wenn der Datenschutz
nach den europäischen
Richtlinien durch den Hersteller
und uns gewährleistet
ist, und die Roboter
keine personenbezogenen
Daten speichern, müssen
die Kunden ihr Einverständnis
Joaquin Jimenez Zabala
geben.“
Zu guter Letzt erfordert der Einsatz der Roboter auch von
den Beschäftigten der WISAG eine gewisse Technikaffinität
und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Technologie.
Hier arbeitet das Unternehmen mit den internen Robotikexperten
daran, alle Beteiligten im Umgang mit den
Robotern zu schulen. Joaquin Jimenz Zabala: „Wie in allen
Change-Prozessen ist es wichtig, die Beschäftigten von Beginn
an mitzunehmen, damit alle die neue Technologie verstehen
und von ihr profitieren.“
Weitere Entwicklung im Bereich Smart Building
Die WISAG geht davon aus, dass die weitere Entwicklung im
Bereich Smart Building unter anderem zu einer stärkeren
Vernetzung von Reinigungsrobotern und Gebäuden führen
wird. Roboter werden zukünftig auch Informationen wie
Besucherzahlen, Wetterdaten oder Bewegungsströme nutzen
können, um selbstständig eine bedarfsgerechte Reinigung
durchzuführen. Auch der Einsatz von KI wird die Möglichkeiten
von Reinigungsrobotern erweitern.
The best marketing
strategy ever:
Taking care of people.
Die Transformation der Innenstädte eröffnet dem
Handel die Möglichkeit, sich neu zu erfinden und
innovative Marketingstrategien zu entwickeln, die
den Bedürfnissen der modernen Verbraucher gerecht
werden.
Es ist dabei entscheidend, den Fokus auf die Kunden
zu legen und flexibel auf Veränderungen in der
Einzelhandelslandschaft zu reagieren, um langfristigen
Erfolg zu gewährleisten.
Mit personalisierten Angeboten, erlebnisorientiertem
Einkaufen, sozialen Medien und lokaler
Einbindung bilden wir starke Marken. Kunden
wünschen dabei eine nahtlose Einkaufserfahrung
über alle Kanäle hinweg, einschließlich Online-
Shops, Apps und physischer Geschäfte. Die smarte
Integration von Online- und Offline-Einkaufserlebnissen
wird entscheidend, auch für Ihren Erfolg.
Sprechen Sie mit uns, wir freuen uns darauf!
SERIOUS GMBH · FULL SERVICE MARKETING AGENTUR · JUNGFERNSTIEG 38 · 20354 HAMBURG · WWW.SERIOUS.DE
182 BEST PRACTICE
VÖLKEL Real Estate
setzt Maßstäbe in Nachhaltigkeit
In einer Zeit, in der der Klimawandel und der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen immer
bedeutsamer werden, nimmt VÖLKEL eine Vorreiterrolle ein. Als Betreiber von Shopping-
Centern hat das Unternehmen sich zum Ziel gesetzt, nicht nur wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen,
sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zu leisten.
VÖLKEL hat umfassende Maßnahmen ergriffen, um den
ökologischen Fußabdruck der betreuten Immobilien zu minimieren.
Ein zentrales Element der nachhaltigen Entwicklung
von Shopping-Centern ist die Energieeffizienz. Durch
innovative Heiz-, Lüftungs- und Klimaanlagen sowie intelligente
Lichtsteuerungssysteme wird der Energieverbrauch
erheblich reduziert. Diese Maßnahmen tragen nicht nur zur
Reduzierung der Betriebskosten bei, sondern auch zur Verbesserung
der Umweltbilanz der Shopping-Center.
Um die eigenen Fortschritte zu belegen, strebt VÖLKEL an,
relevante Nachhaltigkeitszertifikate für die Shopping-Center
zu erlangen. Diese Zertifizierungen sind nicht nur ein
Zeichen für das Engagement des Unternehmens, sondern
auch ein wichtiges Argument für Mieter und Kunden, die
zunehmend Wert auf die nachhaltige Ausrichtung von Immobilien
legen.
Mit ihrem umfassenden Ansatz zur Nachhaltigkeit und
Energieeffizienz setzt VÖLKEL neue Maßstäbe in der Immobilienbranche.
Das Unternehmen zeigt, dass es möglich
ist, verantwortungsbewusst zu wirtschaften und gleichzeitig
einen positiven Einfluss auf die Umwelt auszuüben.
Nachhaltigkeit in der Praxis
Im Fachmarktzentrum „Kauf Park Göttingen“, das seit 2019
im Full-Service von VÖLKEL gemanagt wird, sind bereits
eine Vielzahl innovativer Maßnahmen umgesetzt worden.
Der „ökologische Fußabdruck“ des 25 Jahre alten Centers
konnte erheblich reduziert und gleichzeitig der wirtschaftliche
Erfolg gesichert werden. Die im Kauf Park umgesetzte
Nachhaltigkeits-Strategie von VÖLKEL umfasst:
• Optimierung der Gebäudeleittechnik: Durch den Einsatz
von R8tech konnten die Verbrauchskosten für Lüftung und
Heizung um 20 Prozent gesenkt werden, was sich direkt positiv
auf die Betriebskosten auswirkt.
• Umstellung auf Ökostrom und -gas: Der gesamte Energiebedarf
des Kauf Parks wird durch 100 Prozent klimaneutralen
Strom aus Wasserkraft und regionales Ökogas
gedeckt.
• Installation von Sonnenschutzfolien: Diese Maßnahme
reduziert die Notwendigkeit einer zentralen Klimaanlage
und senkt den Energieverbrauch signifikant.
• Umrüstung auf LED-Beleuchtung: Die flächendeckende
Umstellung auf LED-Technologie führt zu einer Energieeinsparung
von über 80 Prozent. Auch die Glasbaustein-Fassade
erstrahlt aufgrund der Umrüstung von Leuchtstoffröhren
auf LED wieder in buntem Licht.
• Smart-Metering: Durch das präzise Monitoring des Energieverbrauchs
im 15-Minuten-Takt kann ein effizientes Ressourcenmanagement
gewährleistet werden.
• E-Ladesäulen: In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern
wurden Ladesäulen für Elektrofahrzeuge und E-Bikes installiert,
um den Komfort der Kunden des Einkaufszentrums
und die Nachhaltigkeit des Standorts zu erhöhen.
• Verwendung ökologischer Reinigungsmittel: Um den
ökologischen Fußabdruck weiter zu verringern, kommen im
Kauf Park ausschließlich umweltfreundliche Reinigungsmittel
zum Einsatz.
• Zukunft der Heizung: Die Lebensdauer der bestehenden
Anlagen neigt sich dem Ende zu – doch welches ist das richtige
Heizsystem für die Zukunft? Ein umfassender Projektbericht
soll Klarheit schaffen und die Investitionsentscheidungen
vorbereiten.
BEST PRACTICE 183
Fotos: VÖLKEL
Im Fachmarktzentrum "Kauf Park Göttingen" sind bereits eine Vielzahl innovativer Maßnahmen umgesetzt worden.
„Durch die Vielzahl an umgesetzten Maßnahmen im Kauf
Park konnten wir nicht nur die Betriebskostenstruktur stabil
halten, sondern darüber hinaus auch die Mieterbindung
und Zufriedenheit stärken”, berichtet Lara Aoul, Junior Center
Managerin bei VÖLKEL.
Göttingen setzt das Unternehmen ein Zeichen für die gesamte
Branche und inspiriert andere Akteure, ähnliche
Wege zu beschreiten.
Wärmekonzept passend zur ESG-Strategie
Lara Aoul, Junior Center
Managerin bei VÖLKEL.
Die Erfolge wurden bereits
durch Auszeichnungen wie
eine BREEAM-Zertifizierung
und ein positiv be -
wertetes ESG-Screening bestätigt.
VÖLKEL sieht Nachhaltigkeit
nicht nur als Teil der
Unternehmensstrategie,
sondern als wesentlichen
Beitrag zur Schaffung einer
lebenswerten Zukunft.
Durch die jahrelange, konsequente
Umsetzung der
Maßnahmen im Kauf Park
Anne Schwegler, Real Estate Consultant bei VÖLKEL, erläutert:
„Auch im Stadtzentrum Schenefeld, dem zweitgrößten
Shopping Center im Hamburger Westen, für das VÖLKEL
seit 2011 mit dem Center Management und Leasing mandatiert
ist, treiben wir den Themenschwerpunkt Nachhaltigkeit
stetig voran.“
Im Rahmen der ESG-Strategie ist VÖLKEL aktiv an der
Umsetzung des neuen Wärmekonzepts beteiligt. Das
Shopping Center soll mit einer innovativen Kraft-Wärme-
Kopplungsanlage (iKWK) ausgestattet werden. Die geplante
Anlage umfasst ein Blockheizkraftwerk in Kombination
mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe sowie einem Elektrodenkessel.
Die hybride Anlage bietet eine hohe Flexibilität
und trägt so maßgeblich zur kosteneffizienten und
184 BEST PRACTICE
Anne Schwegler, Real Estate
Consultant bei VÖLKEL
klimaneutralen Wärmeversorgung
des Einkaufszentrums
bei.
Die Zusammenarbeit von
VÖLKEL mit dem regionalen
Wärmeversorger HanseWerk
Natur ermöglicht,
dass die überschüssig erzeugte
Wärme aus dem
Shopping Center direkt
in das örtliche Wärmeverbundnetz
eingespeist werden
kann. HanseWerk Natur
plant bereits bis 2030
eine Umstellung des Wärmenetztes
auf 100 Prozent
erneuerbare Energien.
KI-Einsatz im Center-Marketing
VÖLKEL ist stetig auf der Suche nach neuen, innovativen
Wegen in allen Bereichen. So werden im Kauf Park Göttingen
Erfahrungen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz
im Marketing gesammelt und an die anderen Center Management
Teams von VÖLKEL weitergegeben.
Inhalt der ersten Marketing-Kampagne die vollends durch
Künstliche Intelligenz erzeugt wurde, waren verschiedene
visuelle Motive, die das Shopping-Erlebnis im Center veranschaulichen.
Der kreative Prozess bestand aus vier Schritten:
Schritt 1 - Die Idee: Für die Kampagne wurde eine klare
Vision definiert. Jedes der angestrebten Motive sollte eine
spezifische Facette des Einkaufens im Center hervorheben.
Unter anderem soll der Dachgarten ausgebaut werden.
BEST PRACTICE 185
Fotos: VÖLKEL
Der kreative Prozess besteht aus vier Schritten.
Schritt 2 - Die Texterstellung: Die KI wurde mit präzisen
Anweisungen zu den Themen und den Rahmenbedingungen
gefüttert, z.B. wie viele Zeilen und Worte jeder Text enthalten
sollte. Die KI erstellte daraufhin die ersten Entwürfe der
Texte.
Schritt 3 - Verfeinerung der Texte: Im nächsten Schritt
wurden die von der KI generierten Texte verfeinert. Durch
kontinuierliches Feedback und Verbesserungsvorschläge
wurde der KI erklärt, an welchen Stellen Optimierungsbedarf
besteht.
Schritt 4 – Bildgestaltung: Die Bildgestaltung wurde ähnlich
zur Textgestaltung umgesetzt. Auch hier half die KI dabei,
passende visuelle Motive zu entwickeln.
Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz bleibt VÖLKEL
am Puls der Zeit und nutzt kreative Lösungen, um sich stetig
weiterzuentwickeln.
Fazit
Das nachhaltige und ressourcenschonende Handeln wird
auch in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Durch die
Optimierung der Energieeffizienz der von VÖLKEL gemanagten
Shopping Center, verbessert sich die Umweltbilanz
der Handelsimmobilen und ergänzt damit die ESG-Ziele des
Investors.
Durch die Vielzahl an Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauches
kann die Betriebskostenbelastung verringert
werden und eine verbesserte Kostenstruktur für Eigentümer
und Mieter geschaffen werden. Ein wichtiger Aspekt
zur Erhöhung der Rentabilität aller beteiligten Akteure.
Die von VÖLKEL im Kauf Park Göttingen realisierte Nachhaltigkeitsstrategie,
soll dabei zukünftig auf weitere Shopping
Center übertragen werden und so ganzheitlich den
ökologischen Fußabdruck der gemanagten Immobilien verkleinern.
186 BEST PRACTICE
Bereit für morgen:
ALDI Nord modernisiert Filialnetz
Was erwarten Konsumentinnen und Konsumenten in Zukunft von einem Nahversorger? Neben
wettbewerbsfähigen Preisen und hochwertigen Produkten sind auch andere Faktoren entscheidend:
Vom Standort über eine moderne Ausstattung bis hin zu einem umfassenden Sortiment berücksichtigt
der Discounter ALDI Nord zahlreiche Aspekte bei der Modernisierung und Ausweitung des
Filialnetzes.
Die ALDI Nord Filiale auf der Kurt-Schumacher-Straße in
Gelsenkirchen ist ein gelungenes Beispiel für eine moderne
Stand-Alone-Filiale des Essener Unternehmens. Diese haben
den Vorteil gegenüber innerstädtischen Filialen, dass
sich die Standardbaubeschreibung einfach umsetzen lässt
und Kosten so gering wie möglich gehalten werden können.
Ebenfalls auf dem Grundstück befindet sich ein Drogeriemarkt.
Solche Kombistandorte machen den Einkauf
für Kundinnen und Kunden noch einfacher. Ein weiterer
Pluspunkt ist die zentrale Lage: Einerseits direkt an einem
Wohngebiet gelegen, befindet sich der Standort außerdem
an einem Verkehrsknotenpunkt, sodass auch Pendlerinnen
und Pendler schnell vor oder nach der Arbeit einkaufen
können.
Fit für die Zukunft: ALDI Nord setzt auf nachwachsende
Rohstoffe und eigenen Strom
Das bisherige Marktgebäude aus dem Jahr 2004 war nach
Abriss und anschließendem Neubau Ende 2022 das erste in
der Expansionsregion West, das in Holzbauweise errichtet
wurde. Bis Ende 2024 sind es mehr als 80 Stand-Alone-Fi-
Die ALDI Nord Filiale ist zentral gelegen und sowohl mit dem Auto als auch mit dem Bus und zu Fuß aus dem nahegelegenen Wohngebiet erreichbar.
BEST PRACTICE 187
Fotos: Aldi Nord
Im Eingangsbereich der ALDI Nord Filiale befinden sich Obst und Gemüse, Backwaren sowie die Frischetheke.
lialen im ALDI Nord Vertriebsgebiet, bei denen der Discounter
auf den nachwachsenden Rohstoff setzt. Beim Bau wurde
zudem bewusst auf Wiederverwendbarkeit der Materialien
geachtet, so dass sich diese am Ende des Produktlebenszyklus
leicht in den Recyclingkreislauf zurückführen lassen.
Denn ein verantwortungsvoller und sparsamer Umgang mit
Ressourcen ist für ALDI Nord Teil des Discount-Prinzips –
das schließt auch den Bau der Filialen ein.
Daher wird zusätzlich auf fossile Energieträger wie Öl oder
Gas verzichtet. Das Gebäude verfügt über eine Photovoltaikanlage,
die den benötigten Strom produziert. Überschüsse
speist das Unternehmen in das lokale Stromnetz ein. Eine
Wärmerückgewinnungsanlage mit Betonkernaktivierung
liefert Wärme zum Heizen. Insgesamt produzieren bereits
mehr als 550 ALDI Nord Filialen ihre eigene Energie. Rund
700 Dächer - inklusive Logistikzentren und Büros - sind
aktuell bei ALDI Nord mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet
– und erreichten 2023 insgesamt 107.000 kWp. Für
das Unternehmen ist ein schonender und effizienter Umgang
mit vorhandenen Ressourcen elementarer Bestandteil
des Discountprinzips – und in Zeiten knapper Energie
und steigender Kosten relevanter denn je. Deshalb werden
neben Neubauten und Filialmodernisierungen auch Satteldachfilialen
mit einer Photovoltaikanlage nachgerüstet.
Die Modernisierung der Filialen findet aber nicht nur äußerlich
statt – auch das Filialkonzept im Inneren des Marktes
ist an die vergrößerte Verkaufsfläche angepasst. Somit
erfüllt die moderne Gelsenkirchener Filiale alle Kriterien,
die Kundinnen und Kunden an ALDI Nord schätzen: Sie ist
reduziert auf Einfachheit und das Wesentliche und kommt
ohne unnötige Dekoration aus. Der Fokus liegt auf einer
hellen und freundlichen Einkaufsatmosphäre mit einem
modernen LED-Beleuchtungskonzept; breite Gänge sowie
eine Verkaufsfläche von 1.050 Quadratmetern bietet nach
der Modernisierung mehr Platz für beliebte ALDI Eigenmarken.
188 BEST PRACTICE
Smarter Klimaschutz im Shopping
Center: „Das Schloss“ in Berlin
In Zeiten steigender Energiekosten und ESG-Vorgaben wird Nachhaltigkeit zum Gamechanger
für Handelsimmobilien wie „Das Schloss“ in Berlin. Die intelligente Steuerung von meteoviva
ermöglicht hier hohe Einsparungen und gibt wichtige Impulse für den Klimaschutz.
Unterschiedliche Anforderungen an die Gebäudetechnik in
einem Shopping Center mit 95 verschiedenen Mietern unter
einen Hut zu bekommen und dabei noch Energie einzusparen,
ist eine echte Herausforderung. In der Berliner Shoppingmall
„Das Schloss“ ist das gelungen. Mehr noch: Sowohl
Mieter als auch Vermieter profitieren am Ende von sinkenden
Betriebskosten.
Der optimale Einsatz von Strom und Wärme war lange
Zeit ein Nice-to-have für Handelsimmobilien. Das hat sich
grundlegend geändert: Sowohl Klimaschutz als auch Energieeffizienz
sind zum Must-have geworden, wenn es darum
geht, Investitionsobjekte zukunftsfähig zu machen. Dass
meteoviva wirkungsvoll Handelsimmobilien zu einem nachhaltigen
Smart Building transformieren kann, zeigt das Einkaufszentrum
„Das Schloss“ in Berlin. Die Umsetzung erfolgte
im Rahmen der strategischen Kooperation mit Deka
Immobilien, in deren Gebäudeportfolio sich die 41.329 Quadratmeter
große Shoppingmall befindet.
95 Mieter – ein System
Große Mieter von Handelsimmobilien haben meist klare
Vorgaben zur Kühlung und zum Luftwechsel ihrer angemieteten
Flächen. Das erschwert in der Regel den Einsatz
von Energieeffizienzmaßnahmen im Rahmen der Gebäudetechnik.
meteoviva berücksichtigt die unterschiedlichen
Anforderungen an das Raumklima zusammen mit Gebäudedaten
in einem Computermodell, um per Simulation und
Optimierung den energieeffizientesten Gesamtbetrieb für
jede Gebäudezone vorausschauend zu steuern.
Investition schnell amortisiert
Bereits in den ersten zwölf Monaten konnten mithilfe der
intelligenten Steuerung die Energiekosten für Heizen, Kühlen,
Lüften um 20 Prozent und der CO2-Ausstoß um 17 Prozent
gesenkt werden. Die Investition hat sich bereits nach
kurzer Zeit bezahlt gemacht – die Amortisationszeit lag bei
1,3 Jahren. Auch die Zusammenarbeit mit den Mietern in der
Mall lief sehr gut. „Viele Shop- und Restaurantbetreiber waren
von vornherein mit im Boot und haben die Maßnahmen
zur Reduzierung der Energiekosten aktiv unterstützt“, so
Timo Marquardt, der zuständige Technische Asset Manager
bei Deka Immobilien.
Das Technologieunternehmen meteoviva verbessert mit
seinen digitalen Lösungen die Energieeffizienz, Klimabilanz
und Wirtschaftlichkeit von Handelsimmobilien.
Foto: Deka Immobilien
Das Schloss in Berlin – 20 Prozent weniger Energiekosten dank intelligenter
Steuerung.
WINTERSCHLUSSVERKAUF
2050: FLIP-FLOPS STATT
WINTERSTIEFEL?
Sichern Sie die Zukunft Ihrer Immobilien
mit bis zu 40 % CO 2
-Einsparung.
Mit Smart-Data-Lösungen ermöglicht meteoviva es Ihnen, bis zu
40% CO 2
-Einsparung in Ihren Gebäuden zu realisieren. Entdecken Sie,
wie einfach es sein kann, Ihre Gebäude bis zum Jahr 2050 zukunftsfähig
zu machen. Für weniger CO 2
-Emission, niedrigere Betriebskosten und
mehr Komfort. Handeln Sie jetzt – auch im Sinne unseres Klimas.
www.meteoviva.com
190 BEST PRACTICE
Der persönliche KI-Einkaufshelfer:
Lieblingsshops finden,
Deals entdecken, Fragen klären!
Der neue KI-Shopping-Assistent MallPilot erweitert die
stationären digitalen Wegeleitsysteme um mobile KI-gestützte
Beratung – und das ganz ohne teure Hardware-
Investitionen.
Ohne App zum Ziel: Near-Field-Communication bringt
digitale Services direkt aufs Smartphone
sie durch KI-gestützte Funktionen zu einem echten digitalen
Shopping-Assistenten“, erklärt Sawatzki.
Shopping-Destination auf einem digitalen Centerplan suchen
und den Weg dorthin anzeigen lassen – was bisher
nur über fest installierte Touch-Displays in der Mall möglich
war, macht SawatzkiMühlenbruch nun mobil zugänglich.
Die künstliche Intelligenz ermöglicht dabei eine kontextsensitive
Beratung: Sie verknüpft die Kundenanfragen mit
dem aktuellen Standort, den verfügbaren Angeboten und
sogar den aktuellen Öffnungszeiten, um maßgeschneiderte
Empfehlungen zu geben.
„Wir haben aus unserer langjährigen Erfahrung mit digitalen
Wegeleitsystemen gelernt, dass Kunden sich einen persönlichen
Shopping-Begleiter wünschen, den sie während ihres
gesamten Aufenthalts im Center nutzen können“, erklärt Dieter
Sawatzki, Geschäftsführer von SawatzkiMühlenbruch.
Die Lösung: Strategisch platzierte Plakate oder Aufsteller
mit QR-Codes und NFC-Chips, über die Kunden sich ihren
persönlichen KI-Shopping-Assistenten direkt auf ihr
Smartphone holen können – ganz ohne Monitor und App-
Download.
Bewährte Funktionen werden mobil
Was Kunden bisher an den Center-Stelen schätzten, steht
nun in erweiterter Form auf dem Smartphone zur Verfügung:
Der interaktive Centerplan mit Wegeführung, aktuelle
Shop-Übersichten, Öffnungszeiten sowie sämtliche
Angebots- und Event-Informationen.
„Mit dem MallPilot übertragen wir nicht nur unsere bewährten
Wegeleitsysteme aufs Smartphone - wir erweitern
Der digitale Assistent führt Kunden zielsicher durch das
Center und informiert proaktiv über passende Angebote.
Sucht ein Kunde beispielsweise nach einem Restaurant,
berücksichtigt der MallPilot automatisch die aktuelle Uhrzeit
und die Öffnungszeiten der Restaurants. Bei der Suche
nach bestimmten Produkten werden Rabattaktionen der
relevanten Shops einbezogen und der optimale Weg durch
das Center vorgeschlagen.
Vorteile für Center und Kunden
Für Center-Betreiber bietet die neue Lösung gleich mehrere
Vorteile: Neben der deutlichen Kostenersparnis durch
den Verzicht auf Hardware ermöglicht die schnelle Implementation
eine sofortige Nutzung des Services.
Das integrierte Tracking-System liefert wertvolle Einblicke
in das Kundenverhalten und die Effektivität von Marketingmaßnahmen.
Kunden profitieren von einem persönlichen
Shopping-Assistenten, der sie sicher durch das
Center navigiert und maßgeschneiderte Angebote präsentiert.
BEST PRACTICE 191
Foto:SawatzkiMühlenbruch
Der digitale Assistent führt Kunden zielsicher durch das Center und informiert über passende Angebote.
Zukunftsweisende Technologie
Über SawatzkiMühlenbruch
Die Nutzung als Progressive Web App (PWA) macht den
MallPilot besonders benutzerfreundlich, da keine separate
App-Installation erforderlich ist. „Wir setzen auf moderne
Webtechnologien, die eine reibungslose Integration in
bestehende Center-Systeme ermöglichen und gleichzeitig
maximale Flexibilität für zukünftige Erweiterungen bieten“,
betont Sawatzki. Die Lösung ist dabei nicht auf Shoppingcenter
beschränkt – auch Baumärkte, Gartencenter
und andere Einzelhändler können ihren Kunden den intelligenten
Shopping-Begleiter zur Verfügung stellen.
Seit seiner Gründung ist SawatzkiMühlenbruch (SMG) die
treibende Kraft für die digitale Kommunikation des stationären
Handels. Mit einer klaren Vision und dem Einsatz
modernster Technologien hat SawatzkiMühlenbruch
die Art und Weise, wie Shopping-Center mit ihren Kunden
kommunizieren, revolutioniert. Das Herzstück des Angebots
der Digitalagentur ist das Content Management System
MallCockpit, mit dem das Content-Team von SMG alle
digitalen Inhalte im Sinne der Center auf allen relevanten
Touchpoints effizient und immer aktuell ausspielt.
192 BEST PRACTICE
Von Insellösungen zur
intelligenten Prozessautomatisierung
Eine moderne Gewerbeimmobilie generiert täglich eine Fülle verschiedenster Datenpunkte.
Von kontinuierlichen Energieverbrauchsmessungen über Wartungsprotokolle bis hin zu Mieteranfragen
und Abrechnungsvorgängen – die Menge an geschäftskritischen Informationen
wächst stetig. Doch allzu oft landen diese wertvollen Daten in verschiedenen Systemen – die
Finanzsoftware kennt die Wartungshistorie nicht, das Property Management hat keinen Einblick
in die Nebenkostenentwicklung. Die City Immobilien Verwaltungs GmbH & Co. Betreuungs-KG
(CIV) hat sich dieser Herausforderung gestellt. Der gewählte Ansatz: Die konsequente
Integration aller Prozesse in ein intelligentes, selbstlernendes System.
Wenn Datensilos den Workflow blockieren
Die klassische IT-Landschaft der Immobilienverwaltung
ist meist fragmentiert: Finanzbuchhaltung, kaufmännische
Verwaltung und technisches Property Management arbeiten
mit eigenen Systemen, die bestenfalls über Schnittstellen
kommunizieren. Im Fall der CIV führte diese Struktur zu
erheblichen praktischen Herausforderungen.
Wartungsaufträge mussten mehrfach erfasst werden, erst
im Property Management, dann in der Buchhaltung. Die
Rechnungsprüfung erfolgte in einem dritten System. Selbst
einfache Prozesse wie die Weiterberechnung von Wartungskosten
an Mieter erforderten aufwändige manuelle Abstimmungen
zwischen den Abteilungen. Die fehlende Integration
führte zu Redundanzen, erhöhtem Zeitaufwand und
einem erheblichen Risiko für Übertragungsfehler.
Intelligente Prozessintegration in der Praxis
Die Antwort des Unternehmens auf diese Herausforderungen
ist ein mehrstufiger Transformationsprozess. Im ersten
Schritt wurde ein System gewählt, das Finanzbuchhaltung
und kaufmännische Immobilienverwaltung nahtlos vereint.
Parallel dazu implementierte die CIV ein System für das
technische Property Management – eine Lösung, die den
notwendigen Automatisierungsgrad und die Flexibilität für
zukünftige Anforderungen bietet.
Wie diese Integration in der Praxis funktioniert, lässt sich
am Beispiel eines Wartungsfalls anschaulich demonstrieren.
Angenommen, ein Mieter meldet einen Defekt an der
Heizungsanlage.
Der Prozess beginnt mit der Mangelmeldung des Mieters
über das digitale Ticketsystem. Von dort wird unmittelbar
und automatisch eine Anfrage an die zuständige Wartungsfirma
weitergeleitet. Übersteigt das daraufhin eingereichte
Angebot einen definierten Schwellenwert von bspw. 10.000
Euro, bindet das System automatisch den spezialisierten
Partner zur Angebotsprüfung ein. Diese prüfen auf Basis ihrer
umfangreichen Erfahrung die Marktüblichkeit der Preise
und Konditionen - ein Prozess, der sowohl KI-gestützt als
auch durch menschliche Expertise erfolgt.
Nach erfolgreicher Prüfung gleicht die Software eigenständig
ab, ob das verfügbare Budget die Maßnahme deckt. Bei
positivem Ergebnis wird die Beauftragung digital ausgelöst
und lückenlos dokumentiert. Nach Ausführung der Arbeiten
erfolgt eine automatisierte Rechnungsprüfung, bei der Angebot
und tatsächliche Leistung abgeglichen werden. Das
System verbucht die Kosten entsprechend und bereitet sie
- falls vertraglich vereinbart - für die Nebenkostenabrechnung
vor.
Dieser automatisierte Prozess reduziert nicht nur den manuellen
Aufwand erheblich, sondern minimiert auch Fehlerquellen.
Die einzigen Punkte, an denen noch mensch-
BEST PRACTICE 193
Foto:CIV
Eine Fülle verschiedenster Daten werden täglich in einer modernen Gewerbeimmobilie generiert.
liches Eingreifen erforderlich ist, sind die finale Freigabe
durch das technische Property Management und die Qualitätskontrolle
der ausgeführten Arbeiten. Dies ermöglicht es
den technischen Experten, sich auf ihre Kernkompetenzen
zu konzentrieren: die qualitative Bewertung und das strategische
Management der technischen Infrastruktur.
Smart Property Management der nächsten Generation
Die nächsten Entwicklungsschritte der digitalen Transformation
fokussieren sich besonders auf die Mieter-Kommunikation.
Künftig wird das System automatisch Status-Updates
zu gemeldeten Mängeln versenden - von der
Eingangsbestätigung bis zur Fertigstellungsmeldung. Dabei
strebt die CIV keine vollständige Automatisierung um jeden
Preis an, sondern eine sinnvolle Balance zwischen digitaler
Effizienz und menschlicher Expertise.
Die durch Automatisierung gewonnenen Zeitressourcen
ermöglichen es den Teams, sich auf strategische Aufgaben
und qualitative Kundenbetreuung zu konzentrieren - der
Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Immobilienverwaltung,
die technologisch fortschrittlich und kundenorientiert zugleich
ist.
194 ADVERTORIAL
Verlässlicher Partner
auf Expansionskurs
Mit über 3.250 Filialen in Deutschland ist Lidl flächendeckend in der gesamten Bundesrepublik vertreten
und als einziger Discounter in jedem Landkreis Deutschlands präsent. Damit die Wege auch in Zukunft kurz
bleiben, gilt es, das Filialnetz durch eine gezielte Standortwahl auch künftig weiter zu verdichten. Den damit
verbundenen Herausforderungen stellt sich der Discounter mit den hauseigenen Immobilien-Experten, die
seit 2024 als Lidl Immobilien Dienstleistung GmbH & Co. KG firmiert sind.
Fokus: Verdichtung, Expansion und Modernisierung
Damit jeder Kunde schnell und bequem bei Lidl einkaufen
kann, sollen künftig auch die letzten weißen Flecken auf
der Landkarte geschlossen werden. Daher entwickelt Lidl
in Deutschland sein Filialportfolio kontinuierlich qualitativ
und quantitativ weiter, um den Kunden jederzeit ein modernes,
frisches und nachhaltiges Einkaufserlebnis zu bieten.
zelhändler sowohl bei der Expansion als auch bei nachhaltigen
Modernisierungsmaßnahmen des Bestandes vor wesentliche
Herausforderungen. Ein Großteil der modernen
Anforderungen erfordert vor allem eines: mehr Verkaufsfläche.
Ein Zielkonflikt, der zum einen mit derzeitigen gesetzlichen
Regelungen und zum anderen mit bestehender Flächenverknappung
im städtischen, hochverdichteten Raum
besteht.
„Wir beschäftigen uns fortlaufend
damit, unsere Immobilienprojekte
auf die
neuesten Effizienzsysteme
auszurichten und zentrale
Nachhaltigkeitsthemen stets
im Blick zu behalten. Beispiele
dafür sind die nachhaltige
Holzbauweise, Photovoltaikanlagen
oder E-Ladesäulen“,
beschreibt Vanessa Hegele,
Bereichsleiterin Immobilien-
Dienstleistung bei der Lidl
Vanessa Hegele, Bereichsleiterin Immobilien Dienstleistung
Immobilien-Dienstleistung GmbH & Co. KG, die Vorhaben
des Discounters und ergänzt
weiter: „Wir investieren
gezielt in den Bestand,
modernisieren oder reißen ab und bauen neu, wo immer
nötig. Hinzu kommen Anpassungen an veränderte Kundenbedürfnisse
wie neugestaltete Warenpräsentationen,
eine barrierefreiere Gestaltung oder ergänzende Service-
Angebote, beispielsweise mit Selbstbedienungskassen.“
Aktuelle Rahmenbedingungen stellen den Lebensmittelein-
Synergien nutzen
„Wir sehen bei der Standorterschließung im urbanen Raum
noch großes Potenzial und möchten die zum Teil noch größeren
Lücken in der Nahversorgung schließen“, hält Vanessa
Hegele fest.
Mit dem Expansionsvorhaben in Städten und Metropolen
möchte Lidl zudem einen effektiven Beitrag zur lokalen Entwicklung
leisten und unter anderem Innenstädte wiederbeleben.
Eine flexible Lösung sind hier die Lidl-Metropol-
Lidl stattet seine Filialen zunehmend mit Selbstbedienungskassen aus.
ADVERTORIAL 195
Fotos: Lidl
Lidl-Standard-Filiale in Weiterstadt (Hessen)
filialen, wie in der Bergstraße in Berlin, die eine besonders
platzsparende und ökologisch geplante Bauweise aufweisen.
Eine weitere sinnvolle Lösung können Mixed-Use-Objekte
in Verbindung mit Kindertagesstätten, Wohnungsbau
oder Büros sein. Welche Nutzung für den jeweiligen Standort
und das entsprechende Konzept am besten passt, wird
individuell analysiert und beschlossen.
Lidls Filialen sind das Herzstück des Discounters. Deshalb
setzt er auch auf ein hochqualifiziertes Facility Management
(FM). Nur so kann sichergestellt werden, dass die Standorte
auf dem neuesten Stand sind, um Effizienz, Kundenzufriedenheit
und Betriebsfähigkeit zu maximieren. Rahmenvereinbarungen
mit FM-Dienstleistern ermöglichen es,
kontinuierlich in die Instandhaltung und Modernisierung
zu investieren. Dieser Ansatz reduziert nicht nur langfristig
Kosten, sondern erhöht gleichzeitig auch die Lebensdauer
der Immobilien.
Netzwerk, gepaart mit langjähriger Erfahrung auf dem Immobilienmarkt.
Partnerschaftlich und verlässlich auf allen
Ebenen
Als Teil der Schwarz-Gruppe übernimmt Lidl gezielt ökonomische,
soziale sowie ökologische Verantwortung und ist
in seiner Geschäftstätigkeit nicht auf eine kurzfristige Entwicklung
ausgerichtet. Lidl denkt langfristig wirtschaftlich
und sichert so eine hohe Stabilität für seine Kunden, Partner
und Mitarbeiter. Daher hält der Lebensmitteleinzelhändler
auch in Zukunft an erfolgreichen Partnerschaften und bewährten
Strategien fest.
Lidl als Mieter: langfristig, krisensicher und flexibel
Aufgrund veränderter Bedingungen und Auswahlkriterien
setzt Lidl nicht nur auf Immobilieneigentum, sondern vergrößert
das Portfolio auch als zuverlässiger Mieter. Insbesondere
vor dem Hintergrund hoher Inflationsraten und
des schwierigen Zinsumfeldes der letzten Jahre sind Mietobjekte
hoch interessant und bieten enormes Potenzial – für
Unternehmen und Vertragspartner. Eine langfristig angelegte
Partnerschaft ermöglicht eine wirtschaftlich nachhaltige
Immobilienstrategie durch schnelle Abwicklung, nationale
Rahmenvereinbarungen, Muster-Mietverträge mit
definierten Standards (z.B. Green Lease) sowie ein großes
Lidl-Metropolfiliale in Berlin
196 BEST PRACTICE
An 30 Standorten mehr als 200
Ladepunkte: EnBW mobility+ und Hahn
Gruppe setzen neue Maßstäbe
EnBW mobility+ AG & Co. KG und die Hahn Gruppe haben gemeinsam mehr als
200 Ladepunkte an über 30 Einzelhandelsstandorten errichtet und in Betrieb genommen
– für die Standortpartner komplett kostenfrei.
Die Partnerschaft begann im Dezember 2020 mit dem ersten
Kooperationsvertrag. Das Ziel: eine flächendeckende
und leistungsstarke Schnellladeinfrastruktur an möglichst
vielen Standorten zu schaffen. Für Einzelhändler und Immobilienunternehmen
ist die zukunftssichere Aufstellung
ihrer Standorte insbesondere im Hinblick auf die Erfüllung
von ESG-Kriterien und Ladesäulenpflicht essenziell.
Strategische Standortwahl und Kundenmagnet
Inzwischen wurden an 38 verschiedenen Standorten der
Hahn Gruppe insgesamt 104 Ladesäulen und 207 CCS-Ladepunkte
in Betrieb genommen. Diese Ladestationen verteilen
sich über verschiedene Regionen und sind strategisch
platziert, um eine optimale Abdeckung und Erreichbarkeit
zu gewährleisten. Besonders beeindruckend sind die Ladeparks
in Unterhaching und Fulda, die mit Ladeleistungen
von bis zu 300 kW effizientes Schnellladen ermöglichen. Mit
dieser strategisch platzierten Ladeinfrastruktur werden die
Einzelhandelsstandorte zu attraktiven Anlaufstellen für E-
Mobilisten.
Projekthighlight: Der Schnellladepark in Unterhaching
Der EnBW Ladepark in Unterhaching ist ein hochmoderner
Schnellladestandort im Süden Münchens. Mit insgesamt 20
HPC-Ladepunkten, die eine Ladeleistung von bis zu 300 kW
bieten, können E-Autos je nach Fahrzeugtyp in nur fünf Minuten
eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern laden.
Ein besonderes Merkmal des Ladeparks ist die großflächige
Überdachung, die sowohl die Fahrzeuge als auch die
Schnellladeinfrastruktur vor Regen und anderen Witterungseinflüssen
schützt. Zudem verfügt der Standort über
eine Photovoltaikanlage, die mit fünf Solarmodulen eine
Leistung von bis zu 46 kW erzeugt und somit zur nachhaltigen
Energieversorgung beiträgt. Der Ladepark befindet sich
auf einem der größten Einkaufsareale Deutschlands, das
täglich von rund 40.000 Kundinnen und Kunden besucht
wird. Mit einem großen Supermarkt, Discounter, Bau- und
Elektronikmärkten sowie Sportgeschäften und Schnellrestaurants
sind hier zahlreiche Geschäfte des täglichen Bedarfs
vertreten.
Der Standort ist ein wichtiger Knotenpunkt im Fernverkehrsnetz.
Er liegt direkt zwischen der A995 und der A8 und
wird täglich von etwa 50.000 Fahrzeugen passiert, die auf
der Durchreise im Dreiländereck Deutschland, Österreich
und Tschechien sind. Damit bietet der EnBW-Schnellladepark
in Unterhaching nicht nur eine effiziente Lademöglichkeit
für lokale Kundinnen und Kunden, sondern auch
eine attraktive Anlaufstelle für Reisende.
Technologische Spitzenleistung trifft auf Kundenkomfort
Die installierte Ladeinfrastruktur entspricht dem neuesten
Stand der Technik und zeigt das Engagement der beiden
Unternehmen für eine nachhaltige Zukunft der Mobilität.
Marcel Wiening, Geschäftsführer der Hahn-Gruppe, betont:
„Als Unternehmen engagieren wir uns aktiv für die gesellschaftliche
Entwicklung hin zu einer emissionsfreien Mobilität.“
Intelligente Lastmanagement-Systeme optimieren
die Netzkapazitäten und sichern einen reibungslosen Betrieb
selbst bei hoher Nachfrage. Die installierten Ladestationen
sind leistungsfähig und effizient.
Mehrwert für Kunden und Handel
„Mit der EnBW-Ladeinfrastruktur schaffen wir Mehrwerte
für unsere Kundinnen und Kunden und stärken gleichzeitig
den stationären Handel. Die hohe Akzeptanz der Kundinnen
und Kunden für die E-Ladesäulen der EnBW steigert
BEST PRACTICE 197
Visualisierungen :ENBW AG
Der EnBW-Ladepark in Unterhaching ist ein hochmoderner Schnellladestandort für Elektrofahrzeuge.
die Attraktivität unserer Immobilien und erhöht deren Zukunftsfähigkeit“,
erklärt Marcel Wiening. Diese Aussage verdeutlicht
den doppelten Nutzen von Schnellladesäulen: Zum
einen schaffen sie einen zusätzlichen Anreiz für Kundinnen
und Kunden, diese Standorte für ihren Einkauf zu wählen.
Zum anderen können Einzelhändler von längeren Verweilzeiten
und potenziell höheren Umsätzen profitieren, während
Kundinnen und Kunden ihre Fahrzeuge aufladen.
Die Integration moderner Ladeinfrastruktur wertet Immobilien
auf und macht sie zukunftssicher. Diese Wertsteigerung
ist ein entscheidender Faktor für Immobilienunternehmen
und Einzelhändler, die langfristig und nachhaltig
denken.
Gruppe zeigt, wie die Integration von Schnellladeinfrastruktur
Mehrwert für alle Beteiligten schafft. Einzelhändler
profitieren von erhöhter Kundenfrequenz und -bindung,
Immobilienunternehmen steigern die Attraktivität und den
Wert ihrer Objekte, und Kundinnen und Kunden genießen
den Komfort modernster Ladetechnologie, die sich reibungslos
in ihren Alltag integrieren lässt. Es ist eine nachhaltige
Investition, die nicht nur ökologisch, sondern auch
ökonomisch sinnvoll ist.
Partnerschaft mit Expertise
Die Hahn Gruppe sichert sich durch die Zusammenarbeit
mit EnBW Zugang zu umfassender Expertise im Bereich
Elektromobilität. „Mit EnBW haben wir einen Partner gefunden,
der eine schnelle Umsetzung und den reibungslosen
Betrieb sicherstellt“, betont Marcel Wiening.
Die Kooperation zwischen der EnBW mobility+ und Hahn
Immobilienunternehmen steigern den Wert der Objekte durch den
Komfort modernster Ladetechnologie.
198 BEST PRACTICE / INNOVATIONEN
Innovationen rund um den
Einzelhandel
Ein Einkaufswagen, der fliegen kann
Forscher haben einen neuen Einkaufswagen entwickelt.
Das Besondere: Der Supermarkt-Begleiter
kann fliegen.
Eiernde Rollen, blechernes Quietschen, und wer
nicht aufpasst, stößt sich oder anderen Kunden
schnell ein Schienbein: Einkaufswägen sind bei
größeren Shoppingtouren zwar praktisch, aber
auch nervig. Und bei Treppen ist sowieso Schluss.
Das wollen Forscher aus Südkorea ändern, und
haben daher eine fliegende Version entwickelt,
wie unter anderem „T-online“ und „Golem“ unter
Verweis auf einen Artikel im Fachjournal „IEEE
Robotics and Automation Letters“ berichten.
Herausforderung bereits bewältigt. Gleichzeitig
wird klar: Wirklich schnell geht es mit dem fliegenden
Einkaufswagen nicht voran, zumindest,
wenn kein Herunterfallen der Ladung riskiert
werden will.
Zudem hat der herkömmliche Gitter-Einkaufswagen
auf Rollen einen entscheidenden Vorteil:
Dutzende Kilogramm Ladung sind kein Problem
für ihn. „Palletrone“ wiederum kann nur maximal
drei Kilogramm tragen, eindeutig zu wenig Gewicht
für einen Einkauf, der nicht mehr mit einem
Korb transportiert werden könnte.
Die Forscher arbeiten daher an einer Version,
die belastbarer ist. Es dürfte demnach wohl noch
dauern, bis die Erfindung alltagstauglich wird.
Das Gerät nennt sich „Palletrone“, ein Kofferwort
aus den englischen Begriffen für Palette und
Drohne. An sich ist das Design denkbar einfach:
Ein längliche, rechteckige Ladefläche, die von einem
sogenannten Multicopter in der Luft gehalten
wird. Dabei handelt es sich um eine Drohne
mit mehreren Rotoren.
Der Aufbau gleicht einem Käfig, damit Nutzer
nicht versehentlich in die Rotorblätter greifen.
Dazu gibt es an einer der kurzen Seiten einen
Griff, wie bei einem üblichen Einkaufswagen.
Wie bei seinen simpleren Vorgängern schiebt der
Nutzer „Palletrone“ einfach vor sich her. Sensoren
erkennen, wohin der Nutzer möchte, und gleicht
den Schub der Rotoren den Bewegungen des Nutzers
an. Weil das Gerät schwebt, sind Treppen logischerweise
kein Hindernis mehr.
In einem Video haben die Entwickler eindrucksvoll
demonstriert, wie gut „Palletrone“ eben diese
Fallschirmfliegen-Feeling
in einem Shopping Center
Erlebnis- und Entertainmentangebot sind in vielen
großen deutschen Shopping Centern sehr gefragt,
aber oft nur schwer realisierbar. Das NOVA
Leipzig hat eine neue Attraktion vertraglich perfekt
gemacht, die bundesweit für Aufsehen sorgen
dürfte. Es geht um „Indoor Skydiving“ oder
deutsch ausgedrückt „Fallschirmfliegen“.
Ein Unternehmen aus Bottrop hat sich mit einem
diesbezüglichen Windtunnel bereits einen Namen
gemacht und wird 2025, direkt auf dem NOVA-Außengelände,
eine weitere Filiale eröffnen.
Dafür wird ein komplett neues Gebäude mit außergewöhnlicher
Architektur und viel Glasflächen
am Haupteingang errichtet. Die Bauarbeiten starteten
Ende 2024 und im Herbst 2025 sollen bereits
die ersten Gäste im Windtunnel abheben können.
BEST PRACTICE / INNOVATIONEN 199
Der Indoor Skydive wird einzigartig in Sachsen
und Sachsen-Anhalt sein und ganz sicher ein
großer Besuchermagnet werden. Er besitzt einen
Durchmesser von 4,3 Meter und hat eine Höhe von
17 Metern. Durch einen bis zu 286 km/h schnellen
Luftstrom wird der freie Fall wie bei einem realen
Fallschirmsprung aus mehreren Tausend Metern
Höhe simuliert. In der verglasten Flugkammer
des High Tech-Windkanals können die Gäste das
Gefühl freien Fliegens mit nichts als dem eigenen
Körper erleben.
Damit hat ein deutsches Shopping Center wieder
eine ganz besondere Attraktion geschaffen, die
über das reine Einkaufs- und Gastronomieerlebnis
hinausgeht.
Kunst & Kultur in einer besonderen
Symbiose
Das von der ECE gemanagte Alstertal Einkaufszentrum
in Hamburg wartete Anfang November
2024 mit einer Besonderheit auf: Der verkaufsoffene
Sonntag stand unter dem Motto „Kunst &
Kultur“. Dafür hatte Center Managerin Ludmila
Brendel die bundesweit bekannte Malerin Juliane
Golbs gewinnen können. Den Auftakt bildete
eine öffentliche Vernissage (die größte in ganz
Hamburg), zu der mehr als 200 Gäste erschienen.
In den folgenden Tagen war die Ausstellung
täglich. Der Höhepunkt war, als die Künstlerin
das Publikum mit kreativen Mitmachaktionen
begeisterte.
„Unser Kunstprojekt mit solcher einer bekannten
Künstlerin ermöglichte es den Besucherinnen
und Besuchern, Teil eines großen Gemeinschaftswerks
zu werden und ihre eigene kreative Energie
freizusetzen. Es symbolisiert den Zusammenhalt
und die Verbindung durch Kunst.“
Ein Thema lag Ludmila Brendel und Juliane Golbs
darüber hinaus besonders am Herzen: der gute
Zweck. Spenden sowie 50 Prozent der Erlöse aus
dem Verkauf der ausgestellten Werke gingen an
die NCL-Stiftung, die Kinderdemenz aufmerksam
macht und betroffene Familien unterstützt. Am
verkaufsoffenen Sonntag wurden sogar 100 Prozent
der Erlöse aller vor Ort geschaffenen Werke
der NCL-Stiftung gespendet.
Deutscher Einzelhändler
„teleportiert“ Fachverkäufer
Erstmals im Einzelhandel hat im Herbst 2024 ein
deutsches Unternehmen Fachverkäufer in einer
Live-Übertragung als holografisches Bild „teleportiert“.
Ziel war es, die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter mit der digitalen Technik an verschiedenen
Orten gleichzeitig für Verkaufsberatungen
einzusetzen, die genauso persönlich und
angenehm sind, wie ein echtes Gespräch im Ladengeschäft.
Zeitgleich werden VR-Brillen eingesetzt,
um einzigartige Erlebnisse mit Videos in
360 Grad Panorama und 3D der eigenen Produktauswahl
zu vermitteln.
Verschiedene Möbel aus dem Designkatalog des
Büromöbelversands Cairo, das für diese Innovation
zuständig ist, können so als lebensechte
3D-Modelle in Augmented Reality im Raum erlebt
werden. Auf dem Bildschirm des eigenen Smartphones
können die Größe und Wirkung der Möbelstücke
auch zu Hause überprüft werden.
Getestet wurden die neuen Technologien in einem
ausgegründeten Forschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts
für Integrierte Schaltungen IIS
und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Der Test war Teil des Förderprojekts
„Future Retail Store“, das von der Günther
Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel
finanziert und federführend vom Fraunhofer IIS
umgesetzt wird. Im Future Retail Store können
ausgewählte Einzelhandelsunternehmen wissenschaftlich
gestützt innovative Geschäftsmodelle
und Konzepte in einem konkreten Einzelhandels-
200 BEST PRACTICE / INNOVATIONEN
umfeld ausprobieren und so validieren. Die Cairo
AG ist einer der beiden Einzelhändler, die die
Ausschreibung um den „Future Retail Store“ gewonnen
hat, was es ihr ermöglicht, diese Idee in
die Realität umzusetzen.
„Das einzigartige Förderformat der Rid Stiftung
ermöglicht es uns als mittelständischem Einzelhändler,
eine Weltpremiere umzusetzen, die digitale
und reale Welten verschwimmen lässt“ erläutert
Gero Furchheim, Sprecher des Vorstands.
„Mit dem einzigartigen Erlebnis schaffen wir
einen weiteren Anreiz für lebendige Innenstädte,
die gerade durch die geschickte Kombination von
Digitaltechnik und starken Verkäuferpersönlichkeiten
im individuellen Beratungsgespräch entstehen.
Pässe und Ausweise abholbereit
im Supermarkt
In Deutschland gibt es schon mehrere Beispiele
dafür, dass städtische Ämter auch in Einkaufszentren
Anlaufstellen haben. Sogar ganze Stadtteilzentren
werden mitunter in Shopping Centern
integriert. In Island gibt es nun sogar in
Supermärkten behördliche Nutzungsangebote.
Neu ist indes folgendes: Die Supermarktkette
Hagkaup und das isländische Einwohnermeldeamt
haben sich zu einem sechsmonatigen Experiment
zusammengefunden, um den Bürgern
mehr Möglichkeiten zu geben, ihre Pässe oder
andere Ausweisdokumente abzuholen. Zuvor
konnte man solche Dokumente nur beim Amt
selber abholen.
Das Einwohnermeldeamt hat begrenzte Öffnungszeiten,
einen recht kleinen Parkplatz, und
nur einen Aufzug zu den Büros im dritten Stock.
Mit der neuen Aushändigungsstelle in Skeifan erhält
der Bürger jetzt die Möglichkeit, den großen
Parkplatz vor dem Supermarkt mitzunutzen. Hagkaup
in Skeifan ist überdies 24 Stunden täglich geöffnet
und als ebenerdiges Gebäude schrankenlos
zugänglich.
Die Mitarbeiter des Supermarktes sind für die
neue Aufgabe speziell ausgebildet worden und
müssen sich an die gleichen Sicherheitsregeln
halten wie die Beschäftigten im Einwohnermeldeamt
selbst. Ein Antragsteller hat sieben Tage
Zeit, um seinen neuen Pass abzuholen, danach
wird das Dokument ins Einwohnermeldeamt zurückgeschickt.
Der Hagkaup Supermarkt in Skeifan ist eine Art
Allroundshop, man kann dort nicht nur rund um
die Uhr einkaufen, seit August besteht dort auch
die Möglichkeit, alkoholische Getränke, die man
zuvor im Internet bestellt hat, rund um die Uhr
abzuholen.
Loop5 setzt beim Shopping-Erlebnis
neuen Maßstab
Der Begriff „Shopping-Erlebnis“ erhält in jüngster
Zeit eine neue Bedeutung. Er bezieht sich nicht
mehr so sehr auf das Erlebnis während des Einkaufsvorgangs,
sondern auf Attraktionen darüber
hinaus. Im Loop5 in Weiterstadt (Baden-Württemberg)
wurden im Herbst 2024 ein großes Paket
von Freizeitmöglichkeiten offiziell eröffnet. Das
Center wandelt sich immer mehr vom reinen Einkaufszentrum
zum Indoor-Spielplatz und Spaßtempel
mit aufwendigem Entertainment.
Schon 2023 ist hier das Musical- und Komödientheater
„Stein’s Tivoli“ eingezogen, genauso wie
der Spielpark „Leo’s Abenteuerland“ im Untergeschoss.
Da wurden auch die 20 Meter hohen
Infinity-Loops eröffnet, ein Rutschentunnel in
vier verschiedenen Größen. Mehr als eine Million
Rutschgänge habe man seit Öffnung des Turmes
verzeichnet, so das Centermanagement. Um dort
den Lärmpegel zu reduzieren, versucht das Centermanagement
aktuell, Lösungen mit schalldämmenden
Wandelementen zu finden.
Im Herbst 2024 folgten weitere Attraktionen, die
für Adrenalin sorgen. „Wir drehen hier gerade das
BEST PRACTICE / INNOVATIONEN 201
komplette Loop5 um“, sagt Tobias Hein, Betriebsleiter
der Ivents Entertainment GmbH, verantwortlich
für die Fahrgeschäfte im Loop5. So wurde
der spektakuläre Zip-Coaster „Flying Loop“ in
Betrieb genommen, ein 130 Meter langes Schienensystem,
auf dem die Besucher in luftiger Höhe
unter der Metalldecke des Einkaufszentrums
schweben. Wer das Klettergeschirr anlegt, kommt
in 50 Sekunden von einer Ecke zur anderen.
Skytwister heißt ein Freefall-Tower, der ebenfalls
neu ist und Menschen vom zweiten Stockwerk ins
Untergeschoss befördert. In Teilen fertiggestellt
ist auch der Indoor-Klettergarten Sky-Climber,
der auf drei Etagen Parcours mit verschiedenen
Schwierigkeitsgraden anbietet.
Auch die Verbindung der analogen mit der digitalen
Welt wird im LOOP5 erlebbar: Der „Walk of
Fun“ ist das Tor in die digitale Welt. Hier lassen
sich interessante Instagram- und TikTok-Spots
sowie Augmented- und Virtual Reality-Erlebnisse
entdecken. Darüber hinaus erhält das Center auch
fünf neue (virtuelle) Bewohner. Die sogenannten
„Loopies“ werden als liebenswerte Maskottchen
über eine VR-Anwendung für alle Besucher erlebbar
und erzählen die Story des neuen Loop5 auch
digital weiter.
Foto:Loop5
Spektakuläre Freizeitattraktionen gibt es im Shopping Center Loop5.
IMPRESSUM
FIT FÜR DIE ZUKUNFT?
DES HANDELS NEUE PFLICHTEN
UND CHANCEN
Erstauflage Dezember 2025
Herausgeber
Business News Group GmbH
HANDELSIMMOBILIEN HEUTE
Covermotiv
Janina / Adobe Stock
Abbildungen
Soweit nicht anders angegeben,
liegen alle Rechte bei den jeweiligen
Unternehmen.
ISBN
978-3-00-081485-3
Unternehmenssitz
Alexanderstr. 16
45130 Essen
Tel: +49 201 45 84 23 99
www.hi-heute.de
www.business-news-group.com
info@hi-heute.de
info@business-news-group.com
Geschäftsführung
Thorsten Müller,
Dr. Kersten Rosenau
Redaktionsanschrift
Alexanderstr. 16
45130 Essen
Tel: +49 201 874 55 - 28
redaktion@hi-heute.de
redaktion@business-news-group.com
Besonderer Dank gilt allen Autorinnen
und Autoren, die in den „Expertenbeiträgen“
zu Wort kommen sowie den
Institutionen, Verbänden, Vereinen und
Unternehmen, die uns mit Informationen
und Bildmaterial unterstützt haben.
Das Werk einschließlich aller seiner
Texte ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen
Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist
ohne Zustimmung des Verlages unzulässig
und strafbar. Dies gilt insbesondere
für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen
Systemen.
Redaktionsleitung
Thorsten Müller (v.i.S.d.P.)
Tel: +49 201 45 84 23 99
mueller@hi-heute.de
tm@business-news-group.com
Printed in Germany
Redaktionelle Mitwirkung
Thorsten Müller
(Gesamtkoordination, v.i.S.d.P.),
Bettina Meirose,
9 783000 814853
Alle Interviews
Thorsten Müller
© 2025 Business News Group GmbH
ISBN
9 783000 814853
978-3-00-081485-3