Trendsetter Multi-Use 2024
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TRENDSETTER MULTI-USE –
VIELFALT FÜR DIE FLÄCHE
INNOVATIVE NEU- UND WEITERENTWICKLUNGEN
Wie lebendige Stadtquartiere, multifunktionale Center, neuartige Retail
Resorts und umstrukturierte Warenhäuser das Stadtbild verändern
TRENDSETTER MULTI-USE TRENDSETTER MULTI-USE –
VIELFALT FÜR DIE FLÄCHE
VIELFALT FÜR DIE FLÄCHE
INNOVATIVE NEU- UND WEITERENTWICKLUNGEN
INNOVATIVE NEU- UND WEITERENTWICKLUNGEN
Wie lebendige Stadtquartiere, multifunktionale Center, neuartige Retail
Wie
Wie Resorts lebendige
lebendige und umstrukturierte Stadtquartiere,
Stadtquartiere, Warenhäuser multifunktionale
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Resorts
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und
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umstrukturierte
umstrukturierte
Warenhäuser
Warenhäuser
das
das
Stadtbild
Stadtbild
verändern
verändern
Mit dem richtigen Mix in
eine erfolgreiche Zukunft
Shopping Center und Warenhäuser verändern sich
rasant. Freigewordene Flächen bieten neue Nutzungsmöglichkeiten.
Stadtquartiere und Multi-Use-
Objekte, die verschiedene Assetklassen miteinander
kombinieren, prägen immer stärker das moderne
Stadtbild und scheinen für Investoren und Entwickler
eine erfolgversprechende immobilientechnische
und architektonische Herangehensweise für die
Zukunft darzustellen.
Über 100 Gespräche mit Geschäftsführungen
relevanter Unternehmen
HI HEUTE hat dies veranlasst, das vorliegende Branchenbuch
unter dem Titel „Trendsetter Multi-Use –
Vielfalt für die Fläche“ herauszugeben und dazu im
Vorfeld mehr als 100 Gespräche mit den Geschäftsführungen
diesbezüglich relevanter Unternehmen
sowie Verbände und Institutionen geführt, denen
wir an dieser Stelle herzlich für Ihre Unterstützung
danken.
Natürlich wollten wir auch wissen, wie denn konkret
die Umsetzungen großer Projekte aussehen,
wie erfolgversprechend und vor allem nachhaltig
sie sich erweisen und haben diese im Kapitel „Best
Practice“ für Sie gebündelt. Hierbei wurden sowohl
bereits fertiggestellte als auch noch in Realisierung
oder Planung stehende gemischt genutzte Immobilien
von unserer Redaktion berücksichtigt.
Einführung durch den renommierten
Immobilienfachjournalist Christian Hunziker
Entstanden ist eine Kollektion von zumindest aus
unserer Sicht hochinteressanter Fachbeiträge
namhafter Experten sowie eine Auswahl von Studien
renommierter Analysten, die sich mit diesem
Themenkomplex beschäftigen. Die inhaltliche Einführung
hat der in der Immobilienbranche renommierte
Journalist Christian Hunziker (u.a. FAZ, Capital)
vorgenommen, der diese auch schon für unser
Fachbuch „TRANSFORMATION INNENSTADT – der
große Wandel“ erstellte.
Reihe von exklusiven Interviews mit
Branchenpersönlichkeiten
Auch haben wir eine Reihe von exklusiven Interviews
geführt, die durch unsere Fragen bzw. Nachfragen
noch einmal weitere Erkenntnisse rund um
den Multi-Use-Trend zu Tage gefördert haben.
Zudem äußern sich Dienstleister, die sagen, worauf
es bei der Umsetzung und beim Management
ankommt, vor allem, was nicht vergessen werden
sollte.
Auf den rund 200 Seiten des Buches dürften Sie, liebe
Leserinnen und Leser, in jedem Fall eine Vielzahl
von Informationen, Anregungen sowie fachliche
Einschätzungen und Bewertungen vorfinden, die
Ihnen für das sicher nicht unkomplizierte Thema
einen noch tieferen Einblick verschaffen.
Viel Spaß beim Lesen!
Ihre
Thorsten Müller
Dr. Kersten Rosenau
Chefredakteur
Herausgeber
INHALT
05 EDITORIAL
STATUS QUO
10 DIE NEUE LUST
AN DER MISCHUNG
von Christian Hunziker
EXPERTENBEITRÄGE
30 Prof. Dr. Tobias Just:
Eine alte Frage
wird neu beantwortet
52 Alexander Nuyken
Sarah Hoffmann :
Life Science – Chance
für leerstehende Warenhäuser
54 Benjamin Schrödl:
Wann und wo
Warenhaus-Umnutzungen
wirtschaftlich sind
56 Lena Knopf :
Mischnutzungen in
Shopping Centern – ein Überblick
78 Olaf Petersen:
Schlüsselgrundstücke –
Herausforderungen und Chancen
im Zuge der Immobilienkrise
82 Kay Brahmst:
Das gemischt genutzte
Quartier als „Living Place“
84 Torsten Janke:
Mixed-Use für den stationären
Handel – Chancen und
Herausforderungen
32 Markus Diers:
Der Blick über den Tellerrand
lohnt sich
34 Mario Schüttauf:
Zukunftsfähige Nutzungskonzepte
für Obergeschosse in
großen Handelsimmobilien
60 Olaf Ley :
Die Chance verstärkter
Freizeit- und
Entertainmentangebote
für Shopping Center
62 Julia Rahner :
Leerstände als Chance
86 Romina Jenei:
Multi-Use ist ein Schlüssel
zur neuen Dynamik in den
Handelszonen
90 Dr. Wulf Aengevelt:
Innovative Frequenzbringer
für Einzelhandelsquartiere
36 Iris Schöberl:
Mixed-Use-Immobilien –
High Potentials entlang
der High Street
38 Christian Schulz:
Gastronomie und Entertainment
– eine perfekte Ergänzung
für Shopping Center
42 Joaquin Jimenez Zabala:
Facility-Partner können wichtige
Brücken bauen
44 Jens Nussbaum:
Vitalität, Individualität
und Mentalität als Kompass
für nachhaltige Investments
64 Lars Heese:
Gemeinsam Handeln
66 Klaus Schwitzke:
LIVE FAST DIE YOUNG (LFDY)
70 Lea Scholze :
Warenhäuser, Shopping Center
und der stationäre Handel
der Zukunft
72 Markus Kratz:
Neue Branchen entdecken
leerstehende Handelsflächen
74 Benjamin Blocher:
Monokultur adé: Hoffnung für
die Innenstadt – wenn alle an
einem Strang ziehen
92 Jörg-Michael Zimmermann:
Hansa Center Bottrop:
Neues Leben für
ehemaliges Einkaufszentrum
94 Jörg Wege:
Neue Wege für urbane
Räume und Quartiere
96 Mark Ellis :
Nachhaltigkeitskonzept
für Shopping Center
100 Stadt +Handel / RKW
Architektur + / Koschany +
Zimmer Projektentwicklung
(KZP) / Earthwise.Capital:
Transformation von Großimmobilien:
Multiperspektivität als Erfolgsfaktor
und Strategie für zukunftsfähige
Immobilienentwicklungen
INHALT 7
INTERVIEWS
110 Martin Bieberle:
Die Stadt als Ganzes
betrachten
114 Steffen Eric Friedlein:
Eine erfolgreiche Transformation
erfordert hohe Flexibilität,
doch ebenso Wille und Mut
118 Jan Riemann:
Für uns zählt
die langfristige Perspektive
120 Ian Sandford:
Die Gäste schenken uns
ihre Zeit, deshalb müssen
wir sie dafür belohnen!
122 Dr. Rainer Burbulla
André Stromeyer:
Umnutzung von Warenhäusern:
Chancen, Herausforderungen
und rechtliche
Rahmenbedingungen
126 Dr. Christof Glatzel:
Nicht nur in Stadtplanung
denken, sondern die Stadt
vom Handel her begreifen
130 Robert Sprajcar:
Behrens-Ufer Berlin:
Damals Zukunftsstandort,
heute Zukunftsstandort!
134 Michael Garstka:
Im Service-Development
liegt für uns ein wichtiger
Baustein für die Zukunft!
140 STUDIEN RUND
UM DAS THEMA
MULTI USE
156 KURZSTATEMENTS
BEKANNTER
PERSÖNLICHKEITEN
BEST PRACTICE
170 Rhein-Ruhr-Zentrum avanciert
zum ersten deutschen
Shopping Ressort
174 Riesiges neues Quartier
in München-Freiham:
Das ZAM hat (fast) fertig!
176 Mit staatlicher Unterstützung:
Wie energiefressende
Warenhäuser zu ESG-tauglichen
Gebäuden werdenl
178 Iserlohn: Aus altem Karstadt
wird ein begrüntes
urbanes Quartier
180 Hagen: Ex-Warenhaus-Ensemble
erhält Mix aus Historie und
Modernität
182 Bremens neues Balgequartier
verbindet City mit der Weser
184 ALDI SÜD goes Mixed-Use:
Aufwand ist groß,
lohnt sich aber!
186 ALDI Nord im
Königshof Essen:
Mixed-Use haucht Traditionshaus
neues Leben ein
188 Den Handel
zukunftsfähig machen
190 Münster: Lebendiges Quartier
auf einstigem Kasernengelände
192 Berliner Quartier FÜRST
will neuer Mittelpunkt
am Ku‘damm werden
194 Blaupause für
Städte und Kommunen:
Warenhausumwidmung
à la Herne
196 Ex-Einkaufspassage avanciert
zu neuem Dreh- und Angelpunkt
der City
198 Blau.Quartier Ulm:
Vom Einkaufszentrum
zum Stadtquartier
200 Aus ehemaligem Postscheckamt
entsteht nachhaltiges Quartier
202 Düsseldorf: Alte Kämmerei
erhält neues Leben – durch
Handel und Gastronomie
204 Spaces of Tomorrow:
Interaktive Kommunikation
für die Zukunft urbaner Quartiere
und Student Residencies
206 IMPRESSUM
Quartiersmanagement mit
Kompetenz und Leidenschaft
Für das Team von Apleona Real Estate ist Quartiersmanagement mehr als die Bedürfnisse von Mietern, Besuchern und
Eigentümern zu erkennen und zu managen. Wir verstehen darunter die proaktive und ganzheitliche Steuerung von Maßnahmen
und Aktivitäten, die lebendige Community entstehen lassen. Das Ziel ist es, eine echte Identität für das Quartier
nachhaltig zu etablieren und Mehrwert für alle Anspruchsgruppen zu schaffen.
Ob es sich um bestehende, zu entwickelnde Quartiere oder die Umwandlung von Shopping-Centern in gemischt genutzte
Areale handelt: Mit Kompetenz und Leidenschaft ist Apleona Real Estate bereit für Ihre Herausforderung!
Möchten Sie mehr erfahren? Sprechen Sie uns an: Franka.Jung-Larsen@apleona.com
Scannen Sie auch den QR-Code, um unsere Quartiersmanagement Broschüre einzusehen.
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Realising Potential.
10 STATUS QUO
Die neue Lust
an der Mischung
Von Christian Hunziker
Hier Einzelhandel, dort Büros und getrennt
davon Wohnungen: Jahrzehntelang
verfolgten die Stadtplaner den
Ansatz, unterschiedliche Nutzungen
konsequent zu separieren. Doch der
Wind hat sich gedreht: Hoch im Kurs
stehen jetzt gemischt genutzte Immobilien
und Quartiere, die unterschiedliche
Funktionen miteinander kombinieren.
Solche Mixed-Use-Konzepte haben Vorteile
für Eigentümer und Städte, sind
aber auch mit Herausforderungen verbunden.
In der Kaufinger Straße in München wird die
neue Immobilienwelt konkret. Dort steht dem
bisherigen C&A-Haus eine grundlegende Umgestaltung
bevor: Im Auftrag der Eigentümerfamilie
Dr. Hans Inselkammer bereitet die Accumulata
Real Estate Management GmbH eine Repositionierung
des Objekts vor. Wo vorher ausschließlich
Handel ansässig war, soll von 2025 an auf
rund 23.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche
unter dem neuen Namen AIM eine Mischung aus
Einzelhandel, Büros, Gastronomie und Wohnen
entstehen. „Mit dem AIM setzen wir ein Zeichen
für Urban Regeneration – weg von der Monokultur
des Einzelhandels hin zu einer lebendigen,
urbanen, gemischt genutzten Immobilie“, sagt
Accumulata-Geschäftsführer Stefan Stadler und
ergänzt: „Dieser Prozess der Stadterneuerung ist
entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unserer
Innenstädte.“
Das sind große Worte. Doch sie stehen für einen
unübersehbaren Trend: Mixed-Use, Mischnutzung,
Quartiersentwicklung – das sind Begriffe,
die seit einigen Jahren in zahlreichen Studien diskutiert
und in vielen Immobilienprojekten umgesetzt
werden. Kaum eine Groß- oder Mittelstadt
gibt es mittlerweile, die nicht ein entsprechendes
Vorhaben aufweist. Die Neuen Höfe in Herne und
das Blau.Quartier in Ulm, der Hamburger Hof in
Hamburg und das Spandauer Ufer in Berlin, das
Neubauprojekt Midstad Karlsruhe und die Quar-
STATUS QUO 11
Foto: ACCUMULATA | INKA K Kaufingerstraße GmbH & Co KG. Urheber: rendart Architekturvisualisierungen
In der Münchner Innenstadt wird aus dem C&A-Haus AIM: Vorher Einzelhandel, zukünftig auch Büros, Gastronomie
und Wohnungen.
tiersentwicklung ZAM in München – die Liste ließe
sich beliebig fortsetzen. Fast immer wird dabei
die grundsätzliche Bedeutung dieser Projekte
betont. So sagt zum Beispiel Dr. Simon Kempf,
Geschäftsführer der am Ulmer Projekt Blau.
Quartier beteiligten Deutsche Land Development
GmbH (DLE): „Mit der Transformation
vom Einkaufszentrum zum lebendigen Quartier
beschreitet die Stadt Ulm konsequent einen zukunftsgerichteten
Weg in der Stadtentwicklung,
der beispielgebend für andere Kommunen sein
kann.“ Konkret geplant in Ulm ist die Umwandlung
des Einkaufszentrums Blautal-Center in ein
Quartier mit gut tausend Wohnungen, die durch
Einzelhandel, Büros, Gastronomie, Freizeitangebote
und soziale Einrichtungen ergänzt werden.
Nutzungsmischung versus Nutzungstrennung
Dabei hätten Kommunen vor nicht allzu langer
Zeit ein solches Konzept, das unterschiedliche
Nutzungen auf engstem Raum vereint, noch vehement
abgelehnt. Denn das 20. Jahrhundert
war über weite Strecken geprägt vom Ideal der
strikten Nutzungstrennung, wie sie in der vom
berühmten Architekten Le Corbusier initiierten
Charta von Athen im Jahr 1933 festgelegt worden
war: In der Innenstadt sollten demnach Verwaltungseinrichtungen,
Einzelhandel und Kultureinrichtungen
konzentriert sein, während für
Industrie- und Gewerbebetriebe der Gürtel rund
um das Zentrum reserviert war. Wohnungen sollten
in erster Linie an der Peripherie der Stadt
entstehen.
Die Großsiedlungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg
sowohl in der BRD als auch in der DDR an
der Peripherie der Städte hochgezogen wurden
und fast ausschließlich dem Wohnen dienen,
folgten genau diesem stadtplanerischen Ideal,
aber auch reine Bürostädte wie etwa Frankfurt-
Niederrad oder die City Nord in Hamburg.
12 STATUS QUO
Foto: GESOBAU AG / Thomas Bruns
Das Märkische Viertel in Berlin ist eine der Nachkriegssiedlungen, die auf der in der Charta von Athen proklamierten
Nutzungstrennung basieren.
Dass maßgebliche Stadtplaner und Architekten
überhaupt auf die Idee kamen, Wohnen, Arbeiten
und soziale Funktionen fein säuberlich zu
trennen, hängt mit den Erfahrungen der gründerzeitlichen
Städte zusammen, wie sie sich
nach der Reichsgründung 1871 herausbildeten.
Die neuen Viertel der stark wachsenden Städte
waren nämlich damals von einer extremen
Nutzungsmischung geprägt, die mit starken Belastungen
der Menschen einherging. Besonders
gut lässt sich dies am Beispiel von Berlin zeigen:
Im Erdgeschoss des Vorderhauses waren Läden
untergebracht, in der ersten Etage oft eine Praxis
oder eine Kanzlei und darüber Wohnungen.
Häufig schlossen sich gewerblich genutzte Hinterhöfe
an, wo Tischler, Fleischer, ja sogar metallverarbeitende
Betriebe ansässig waren. Das
Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen hatte
zur Folge, dass die Menschen unter Lärm und
Gestank zu leiden hatten. Helle, saubere, durch
keinerlei gewerbliche Emissionen beeinträchtigte
Wohnungen waren das neue Ideal, das in den
Siedlungen der Zwischen- und Nachkriegszeit
seine Verwirklichung fand.
Gesellschaftliche Entwicklungen befördern
Trend zu Mixed-Use-Projekten
Tempi Passati. Als Gegenprogramm zur Charta
von Athen verabschiedeten die EU-Staaten 2007
die Charta von Leipzig, deren Grundidee das Institut
für Corporate Governance in der deutschen
Immobilienwirtschaft (ICG) so zusammenfasst:
„Die Zeit einzeln optimierter Wohn- und
Geschäftsviertel, überdimensionierter Einkaufszentren
und großer Verkehrsflächen ist vorbei.
Stattdessen empfiehlt die Leipzig-Charta, Wohnen,
Arbeiten und Freizeit in den Städten wieder
stärker miteinander zu vermischen. Dadurch
werden die Städte spannender, lebendiger und
sozial stabiler. Außerdem sind Städte mit einer
starken Mischung von Nutzungen ökonomisch
weniger krisenanfällig.“
Doch woher stammt die neue Lust an der Mischung,
wie sie sich in Schlagzeilen wie „Die Zukunft
liegt in der Mischnutzung“ (so eine Pressemitteilung
der Beratungsgesellschaft IPH) oder
„Stadtquartiere: Die Assetklasse der Zukunft“
STATUS QUO 13
(so der Titel einer Studie von Corestate und bulwiengesa)
manifestiert? Ein Grund dafür liegt in
grundsätzlichen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Von „elementaren Megatrends“ spricht Julia
Rahner (geb. Steinmetz), CEO von Apleona Real
Estate Management, und nennt dabei „Urbanität,
Nachhaltigkeit, die 15-Minuten-Stadt und
die dafür notwendige Zusammenführung sich
ergänzender Nutzungen und Funktionen“. Kurze
Wege, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen
Verkehrsmitteln zurückgelegt werden
können, sind das neue Ideal – und dieses steht im
Widerspruch zu dem in der Nachkriegszeit umgesetzten
Zielbild der autogerechten Stadt, in der
breite Verkehrsschneisen die unterschiedlichen
Funktionsbereiche miteinander verbinden.
Ein zweiter Grund dafür, dass Mixed-Use-Ansätze
heute hoch im Kurs stehen, sind die Herausforderungen,
denen sich der stationäre Einzelhandel
gegenübersieht. Es ist kein Zufall, dass
das Potenzial der Mischnutzung besonders dann
diskutiert wird, wenn es um die Nachnutzung
aufgegebener Kaufhäuser und schlecht ausgelasteter
Shoppingcenter geht. Doch auch die Umwandlungen
der Arbeitswelt unterstützen den
Trend zu gemischt genutzten Immobilien. „Der
Büromarkt hat zumindest teilweise Schwierigkeiten“,
erklärt Dr. Markus Trost, Executive Director
Urban Developments bei der Immobilienberatungsgesellschaft
JLL. „Das gilt besonders
für dezentrale Lagen, die früher Backoffice-Charakter
hatten.“
„Eines der am heißesten diskutierten Themen“
All das führt dazu, dass „Quartiere derzeit eines
der am heißesten diskutierten Themen in der
Immobilienwirtschaft sind“, wie JLL-Experte
Markus Trost sagt. Damit nennt er den Begriff,
der im Zusammenhang mit gemischt genutzten
Immobilien oft verwendet wird und in den vergangenen
Jahren regelrecht Hochkonjunktur hatte:
das Quartier. Dessen Bedeutung bestätigt eine
Befragung, die der Facility Manager Apleona und
die Kommunikationsagentur Rückerconsult Anfang
2024 durchführten. Von den 94 teilnehmenden
Unternehmensvertretern erklärten 80 Prozent,
dass ihrer Ansicht nach die Bedeutung von
Quartieren in den kommenden Jahren steigen
wird. „Projekt- und Stadtentwickler“, sagt dazu
Julia Rahner von Apleona Real Estate Management,
„setzen immer häufiger auf Quartiere als
Lösungsansatz und Schnittstelle für elementare
Megatrends.“
Ganz ähnlich sieht es Prof. Dr. Thomas Beyerle,
wenn er festhält: „Mixed-Use als zukunftsgewandte
städtebauliche Blaupause gilt offensichtlich
bei Investoren, Planern und Nachfragern als
Baustein der zukünftigen Immobilienentwicklung
auf der Objektebene.“ Somit, so der Professor
für Immobilienwirtschaft an der Hochschule
Biberach und frühere Chefresearcher der Immobiliengesellschaft
Catella, sei Mischnutzung
die „Grundlage für ein urbanes und lebenswertes
Quartier“.
Doch auch bei modernen Bürogebäuden in zentralen
Lagen zeigt sich der Wunsch nach einem
Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen.
Wichtigster Treiber sind dabei die Bedürfnisse
der Bürobeschäftigten, wie sie sich nicht nur in
Deutschland zeigen. „Mehr denn je“, erklärt Jacob
Rowden, Office Research Manager bei JLL in
den USA, „streben Städte und Projektentwickler
heute danach, symbiotische Ökosysteme aus lebendigen
Immobilien zu schaffen, die Vorteile
für verschiedene Nutzungsarten bieten.“ Das
hilft laut Rowden nicht zuletzt Unternehmen, die
Büroflächen anmieten: Eine lebendige, vielfältige
Umgebung trägt wesentlich dazu bei, die Mitarbeiter
zu motivieren, aus dem Homeoffice ins
Büro zurückzukehren.
Das gilt auch für Hochhäuser, die man als vertikale
Quartiere betrachten kann. Das Land Berlin
macht deshalb in seinem Hochhausleitbild
Projektentwicklern detaillierte Vorgaben, welche
Nutzungen in Hochhäusern erwünscht sind.
Demnach sind monostrukturell genutzte Hochhäuser
prinzipiell zu vermeiden, und die jeweilige
Hauptnutzung (beispielsweise Büro, Hotel
oder Wohnen) darf höchstens 70 Prozent der Geschossfläche
beanspruchen. „Vitale und lebenswerte
Quartiere bedürfen einer ausgewogenen
sozialen und funktionalen Mischung“, begründet
dies die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
„Ein gemischt genutztes Hochhaus kann einen
wesentlichen Beitrag dazu leisten, eine Nachbarschaft
zu beleben und die gewünschte Urbanität
14 STATUS QUO
Visualisierung: ROSA-ALSCHER Group
Das Stadtteilzentrum ZAM bildet den Mittelpunkt eines neuen Stadtteils in München-Freiham.
in Form des Mit- und Nebeneinanders unterschiedlicher
städtischer Funktionen zu bereichern.“
Was ist eigentlich ein Quartier?
Nur: Was ist ein Quartier überhaupt – und ist es
mehr als ein Modebegriff, mit dem sich banale
Neubauten schmücken? Vorab: Eine allgemeine,
für alle verbindliche Definition existiert nicht.
Für die Teilnehmer an der Apleona-Umfrage stehen
vier Eigenschaften eines Quartiers im Vordergrund:
der Nutzungsmix, das Vorhandensein
von Begegnungsräumen und Aufenthaltsbereichen,
ein urbaner Charakter sowie der Community-Gedanke.
Tatsächlich ist die Mischnutzung wohl die zentrale
Eigenschaft. Heutzutage werde der Begriff
Quartier „für in der Regel gemischt genutzte
Projekt- beziehungsweise städtebauliche Entwicklungen
verwendet“, heißt es in der 2021
veröffentlichten Studie „Stadtquartiere: Die Assetklasse
der Zukunft“ von Corestate und bulwiengesa.
Und weiter: „Das Quartier ist von der
Einzelimmobilie abzugrenzen und repräsentiert
verschiedene Einzelobjekte, die als einheitliches
Konzept auftreten und in einem städtebaulichen
Kontext stehen.“
Das Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungen
hob der Immobilienexperte Philipp Feldmann
schon 2009 hervor, als er in seiner Dissertation
(„Die strategische Entwicklung neuer
Stadtquartiere“) schrieb: „Den Kern eines Stadtquartiers
stellt die Nutzungsmischung dar, die
dem Quartier zumindest theoretisch eine gewisse
Eigenständigkeit in der entsprechenden Stadt
ermöglicht und zur Befriedigung verschiedener
Nutzungsbedürfnisse dient.“
Doch was heißt das konkret? Ist das Quartier nun
ein ganzer neuer Stadtteil wie etwa das Europaviertel
in Frankfurt am Main oder die Europacity
in Berlin? Handelt es sich dabei um einen
riesigen Komplex wie das Überseequartier in
der Hamburger Hafencity oder das ZAM in München-Freiham?
Oder ist damit schon ein kleineres
Objekt gemeint, das mehr als eine Nutzung
umfasst? Durchaus mutig ist es deshalb, wenn
die erwähnte Studie von Corestate und bulwiengesa
es wagt, eine genaue Zahl an Quartieren zu
nennen: Demnach zählten die Experten 2021 in
STATUS QUO 15
Deutschland exakt 616 Quartiere, mit deren Bau
2009 oder später begonnen worden war.
Wie sich ehemalige Kaufhäuser transformieren
lassen
Eine ausführlichere Antwort auf die Frage, was
ein Quartier genau ist, mögen Wissenschaftler
geben. Interessanter als die Theorie ist die Praxis
– und dabei lohnt sich in erster Linie ein Blick auf
einen Immobilientypus, der in besonderem Maße
unter den Veränderungen der Konsumgewohnheiten
zu leiden hat: das Kaufhaus. Nicht erst
durch die jüngsten Galeria-Schließungen ist die
Frage aufgekommen, welche neuen Nutzungen
sich für ehemalige Warenhäuser finden lassen. So
schloss zum Beispiel die Landmarken AG schon
2021 ihr Projekt mit dem Namen Neue Höfe Herne
ab, bei dem sie ein ehemaliges Karstadt-Haus im
nordrhein-westfälischen Herne in eine gemischt
genutzte Immobilie mit Einzelhandel, Fitnessstudio
und Büros verwandelte. Sogar schon 2014
öffnete in Gelsenkirchen das ehemalige Kaufhaus
Althoff unter dem neuen Namen Linden-Karree
seine Türen. Es umfasst neben Einzelhandel
hauptsächlich Seniorenwohnungen.
Nicht weiter erstaunlich ist es, dass in der Regel
im Erdgeschoss und teilweise auch im ersten
Obergeschoss sowie im Untergeschoss Einzelhandel
die dominierende Nutzung bleibt. Spannender
ist die Frage, welche Verwendung sich
für die oberen Etagen finden lässt, die als Verkaufsflächen
bei Händlern und Kunden keine
Akzeptanz mehr finden. Dabei gibt es vielfältige
Nachnutzungsmöglichkeiten, wie einige jüngere
Projekte zeigen. So ist zum Beispiel in Leipzig die
innerstädtische Karstadt-Filiale in die gemischt
genutzte Immobilie N30/NEO transformiert worden.
Bei ihr liegt der Schwerpunkt auf Büros;
hinzu kommen Einzelhandel, Gastronomie und
ein Fitnessbereich. Auch beim Kalle Neukölln,
wie ein ehemaliges Kaufhaus in der Karl-Marx-
Straße in Berlin jetzt heißt, setzt der Projektentwickler
MREI auf Nutzungsmischung: Es entstehe,
so die Projektbeschreibung, „ein Social Hub
mit Büroflächen, Dachterrasse, Foodcourt und
Eventspace“.
Foto: MREI
Zum Kalle Neukölln – einem ehemaligen Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße in Berlin – gehört auch ein Food Market.
16 STATUS QUO
„Der richtige Mix macht es!“, betont denn auch
Lars Jähnichen, Geschäftsführer der IPH-Gruppe,
die 2024 das Whitepaper „Nachnutzung von
Warenhäusern“ veröffentlicht hat. Dabei gibt
es viele Möglichkeiten, wie Dr. Johannes B. Berentzen,
Geschäftsführer der zur IPH-Gruppe
gehörenden BBE Handelsberatung, erklärt.
Erfolgversprechend sind nach seinen Worten
Mischnutzungen, „die sich zum Beispiel aus
Handel und Gastronomie im Erdgeschoss, Büro,
Co-Working, Ärztehaus in den Stockwerken darüber
sowie Hotel oder Wohnen in den obersten
Etagen zusammensetzen“.
Dabei gebe es jedoch nicht das eine Patentrezept,
das für alle Standorte passe, gibt Lars Jähnichen
zu bedenken. Erforderlich sei vielmehr
eine genaue Analyse der örtlichen Situation. So
habe sich zum Beispiel im Fall des N30/NEO eine
Hotelnutzung nicht angeboten, da in den letzten
Jahren in der Leipziger Innenstadt mehrere
Hotels eröffnet hätten und deshalb der Bedarf
an Übernachtungsgelegenheiten gedeckt sei.
Grundsätzlich ist laut Jähnichen das Spektrum
möglicher Nutzungen in Großstädten breiter als
in kleineren Gemeinden; so seien in den Metropolen
zum Beispiel Co-Working-Flächen leichter
zu realisieren.
Sinnvoll sei eine Mischung aus Einzelhandel,
Büro, Wohnen, Gastronomie und Hotel oder Seniorenwohnen,
heißt es in einer weiteren Studie
(„Transformation der Innenstädte“), welche die
Beratungsgesellschaft PwC 2024 publiziert hat.
Auch PwC kommt zum Schluss, dass sich ein
Nachnutzungskonzept in Großstädten leichter
verwirklichen lasse als in kleineren Orten, und
begründet dies damit, dass sich ehemalige Warenhäuser
in guten Lagen von Großstädten aufgrund
der höheren Mieten nach einer Umnutzung
leichter profitabel bewirtschaften ließen.
Zahlreiche bauliche Herausforderungen
Aufwendig ist eine Umnutzung jedoch so oder
so. Nötig seien unter anderem Anpassungen der
Grundrisse und des Brandschutzes, heißt es in
der Studie von PwC. Oft müssten auch zusätzliche
Aufzüge und Treppenhäuser eingebaut und
Quelle: BBE Handelsberatung/IPH Gruppe
So sieht der Verbund aus BBE und IPH mögliche Nachnutzungen für ehemalige Kaufhäuser.
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18 STATUS QUO
die gesamte Haustechnik erneuert werden. Eine
große Herausforderung sei es zudem in vielen
Fällen, natürliches Licht ins Gebäudeinnere zu
lenken.
Auf dieses Problem weist auch eine weitere Studie
(„Nachnutzung von Kaufhäusern“) hin, die
Prof. Dr. Harald Simons, Vorstand der Beratungsgesellschaft
empirica, im Auftrag des Zentralen
Immobilien Ausschusses (ZIA) verfasst hat.
Es sei sehr aufwendig, in den großen Kubaturen
von Kaufhäusern Lichthöfe zu schaffen, heißt es
darin. Hinzu komme, dass bei Umbauten der Bestandsschutz
aufgehoben werde. „Derzeit entfällt
der Bestandsschutz bei einer rechtserheblichen
Nutzungsänderung und bei baulichen Änderungen,
die ein unschädliches Maß überschreiten“,
hält Simons fest. Dies führe dazu, „dass insbesondere
durch die Vorschriften bei Brandschutz,
Lärmschutz und Statik hohe Umbaukosten entstehen“.
Iris Schöberl, Präsidentin des Zentralen Immobilien
Ausschusses (ZIA).
Foto: Laurence Chaperon
Foto: empirica ag
Die Baunutzungsverordnung und ihre Folgen
Noch eine weitere Frage stellt sich bei Umnutzungen:
die Frage, ob andere Nutzungen überhaupt
zulässig sind. Laut einer früheren Studie
von PwC aus dem Jahr 2022 („Die Zukunft
deutscher Innenstädte – Vom Warenhaus zur
Mixed-Use-Immobilie“) befinden sich 88 Prozent
der in der Studie untersuchten ehemaligen
Kaufhäuser im Kerngebiet. Dort sind laut Baunutzungsverordnung
unter anderem Büro- und
Verwaltungsgebäude, Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe
sowie sonstige nicht wesentlich
störende Gewerbe zugelassen, Wohnungen jedoch
nur „nach Maßgabe von Festsetzungen des
Bebauungsplans“.
Ein großes Problem seien diese Einschränkungen
jedoch nicht, sagt Benjamin Schrödl, Partner
bei PwC Deutschland: „Ein Mixed-Use-Konzept,
bestehend aus mindestens zwei Nutzungsarten,
lässt sich an allen untersuchten ehemaligen Warenhausstandorten
mit vorliegendem Bebauungsplan
bauplanungsrechtlich umsetzen.“
Prof. Dr. Harald Simons, Vorstand der Beratungsgesellschaft
empirica, sieht für die Umwandlung von
Kaufhausflächen in Wohnungen nur begrenztes Potenzial.
Bei Wohnungen ist dies allerdings nicht unbedingt
der Fall, wie empirica-Experte Harald Simons
in seiner Studie feststellt. „In den Fällen, in
denen ein bestehender Bebauungsplan Wohnen
ausschließt oder nicht explizit als Nutzungsoption
benennt, sollte dieser überarbeitet werden“,
STATUS QUO 19
Foto: CA Immo
Ein Quartier der Superlative: der neue, von CA Immo entwickelte Stadtteil Europacity am Berliner Hauptbahnhof.
fordert er. Die Schaffung von Wohnraum spielt
nach seinen Analysen bei der Nachnutzung von
Warenhäusern bisher nur eine untergeordnete
Rolle: Bei 56 untersuchten ehemaligen Warenhäusern
sind nur in acht Fällen Wohnungen
entstanden. „Die Vorstellung, dass Kaufhäuser
bald im großen Stil zu Wohnungen umgemodelt
werden, ist reizvoll, leider aber oft zu schön, um
wahr zu sein“, sagt dazu ZIA-Präsidentin Iris
Schöberl. Den Beitrag, den die Umnutzung von
Kaufhäusern zur Lösung des Wohnungsproblems
leisten könne, bezeichnet sie als „überschaubar“.
Einzelhandel und Wohnungen – eine sinnvolle
Kombination?
Zumindest theoretisch erleichtert wird die Schaffung
von Wohnraum in vorher von Einzelhandel
dominierten Quartieren durch eine Änderung,
die der Bundestag 2017 beschlossen hat: Seither
gibt es als besondere Gebietskategorie das Urbane
Gebiet. „Urbane Gebiete“, heißt es in Paragraf
6a der Baunutzungsverordnung, „dienen dem
Wohnen sowie der Unterbringung von Gewerbebetrieben
und sozialen, kulturellen und anderen
Einrichtungen, die die Wohnnutzung nicht wesentlich
stören.“ Die Regelung soll dem Umstand
Rechnung tragen, dass rauchende Schlote längst
aus der Innenstadt verschwunden sind und neue
Formen der Industrie – man denke etwa an den
3-D-Druck – die Nachbarn kaum belasten.
Ein Projekt, bei dem dennoch Wohnungen realisiert
werden, findet sich in Mannheim. Dort
verwandelt der ortsansässige Entwickler Diringer
& Scheidel eine ehemalige Kaufhof-Filiale in
ein gemischt genutztes Objekt namens New7 mit
Einzelhandel in den unteren sowie Büro- und
Praxisflächen und Mikroapartments in den oberen
Etagen. Allerdings wird dafür ein Großteil
des Bestandsgebäudes abgerissen und ab dem
zweiten Obergeschoss durch einen Neubau in
Holz-Hybrid-Bauweise ersetzt.
Exotische Nutzungsvorschläge
Keine störenden Auswirkungen zu befürchten
sind von Büros, die noch vor wenigen Jahren hoch
im Kurs standen, wenn es um die Nachnutzung
nicht mehr benötigter Einzelhandelsflächen ging.
In nicht wenigen Einkaufszentren sind ganze Etagen,
die ursprünglich für Läden gedacht waren,
in Büros transformiert worden. Allerdings lassen
sich mittlerweile Büros wegen der Änderungen
der Arbeitswelt und der Wirtschaftsschwäche
20 STATUS QUO
nicht mehr an allen Standorten problemlos vermieten.
Damit rücken weitere Nutzungsarten in
den Vordergrund, darunter auch exotisch anmutende
wie Life Science, also Labore und andere
Forschungseinrichtungen rund um Biotechnologie,
Medizintechnik und Pharmazie.
In der US-Metropole Boston seien bereits ehemalige
Einzelhandelsimmobilien in Life-Science-Flächen
umgewandelt worden, berichtet der
Immobiliendienstleister JLL. Das sei auch für
Deutschland eine Option, findet Alexander Nuyken,
Head of Life Sciences Markets im Raum
EMEA (Europa, Naher Osten, Afrika) bei JLL.
Warenhäuser verfügen nach seinen Worten über
ausreichende Raumtiefen und Deckenhöhen für
Labore. Ein besonderer Vorteil sei zudem, dass
Labore nicht auf Tageslicht angewiesen seien.
Das gilt auch für eine andere Nutzungsart, die gelegentlich
vorgeschlagen wird, nämlich Last-Mile-Logistik.
„Holt Logistik in das alte Kaufhaus!“,
forderte Jan Dietrich Hempel, Geschäftsführer
der Garbe Industrial Real Estate, schon 2020 in
einem Gastbeitrag in der „Immobilien Zeitung“.
Dabei argumentierte er mit den Vorzügen von
Kaufhäusern: „Große Flächen, gute Innenstadtlagen,
vernünftige Traglasten über alle Stockwerke,
nutzbare Schächte für Lastenaufzüge, vorhandene
Brandschutztechnik und ausreichende
Lüftungssysteme – all das spricht für diese Idee.“
Umgesetzt worden ist dieser Ansatz bisher jedoch
kaum.
Neue Frequenzbringer: Kultur und Bildung
Aus Sicht der Einzelhändler, die bei gemischt genutzten
innerstädtischen Immobilien nach allgemeiner
Einschätzung weiterhin eine wichtige
Rolle spielen, haben Logistik- und Life-Science-
Nutzungen allerdings einen erheblichen Nachteil:
Sie sorgen kaum für Frequenz und tragen so
nicht zur Belebung der Innenstadt bei.
Ganz anders sieht dies mit einem anderen Segment
aus, das Sarah Hoffmann, Head of Retail
Investment JLL Germany, anspricht: „Auch Bildungs-
und Tourismuseinrichtungen wie Museen
könnten eine synergetische Ergänzung sein
und das ehemalige Warenhaus zu einer Themenimmobilie
machen.“
In der Tat gelang es beispielsweise in Chemnitz
schon vor gut zwanzig Jahren, im ehemaligen,
bis 2001 von Kaufhof genutzten Kaufhaus Tietz
die Volkshochschule, die Stadtbibliothek und das
Museum für Naturkunde unterzubringen. Mittlerweile
gibt es eine ganze Reihe von geplanten
oder bereits realisierten Vorhaben, bei denen
Kultur- und Bildungsinstitutionen in aufgegebene
Warenhäuser gebracht werden sollen. So plant
die Stadt Aachen in einem Kaufhaus, das einst das
Kaufhof-Konzept „Lust for Life“ beherbergte, ein
Haus der Neugier. Unter dessen Dach sollen unter
anderem die Volkshochschule und die Stadtbibliothek
Platz finden. In Lübeck haben die Architekturbüros
ppp und caspar Pläne für das alte
Karstadt-Haus vorgelegt, die dessen Umwandlung
in ein öffentliches Zentrum für Bildung,
Kultur und Dienstleistungen (inklusive Schulräumlichkeiten)
vorsehen. Und die Stadt Bochum
feierte im September 2024 die Grundsteinlegung
für ein „Haus des Wissens“, das Oberbürgermeister
Thomas Eiskirch als „eines der spannendsten
Projekte in Bochums Innenstadt“ und einen „Ort,
wie es ihn anderswo nicht gibt“, bezeichnet. Angesiedelt
werden sollen die Stadtbibliothek, die
Volkshochschule, der Wissensverbund UniverCity
sowie eine Markthalle.
In Bochum wird allerdings nicht ein ehemaliges
Kaufhaus transformiert, sondern ein altes Telekom-Gebäude,
dessen Fläche im Zuge des Umund
Erweiterungsbaus mehr als verdoppelt wird.
Dass solche neuen Nutzungen nicht nur ein Thema
für aufgegebene Warenhäuser sind, geht aus
einer Aussage von Iris Schöberl hervor, die nicht
nur ZIA-Präsidentin ist, sondern auch Managing
Director Germany beim Asset Manager Columbia
Threadneedle Investments. „Die Highstreet
bleibt als attraktiver Einkaufs- und Begegnungsraum
auch in Zukunft gefragt“, ist Schöberl überzeugt.
„Aber sie wird kürzer werden, mit neuen
Nutzungsformen wie Kultur, Bildung und Wohnen
an den Rändern.“
Die Frage der Wirtschaftlichkeit
Eine Einschränkung gibt es bei solchen Nachnutzungskonzepten
allerdings: Sie tragen nicht dazu
bei, die finanziellen Schwierigkeiten der Gebäudeeigentümer
zu lösen, wie Jens Kreiterling im
STATUS QUO 21
Visualisierung: ppp/caspar./Paul Trakies
In Lübeck soll ein ehemaliges Kaufhaus zu einem öffentlichen Zentrum für Bildung, Kultur und Dienstleistungen werden.
November 2024 bei einer Online-Diskussion des
Fachmagazins „immobilienmanager“ zu bedenken
gab. Kreiterling ist Vorstand des Aachener
Projektentwicklers Landmarken AG, der stark
auf gemischt genutzte Vorhaben setzt. „Bei Kultur-
und Bildungseinrichtungen stellt sich sehr
schnell die Frage nach der Wirtschaftlichkeit“,
bestätigt Markus Trost, Quartiersexperte bei JLL.
Es ist deshalb kein Zufall, dass bei vielen Umnutzungsprojekten
(so auch bei denen in Bochum
und Lübeck), die vorrangig auf eine nicht-kommerzielle
Nutzung setzen, die Kommune als Eigentümerin
der Immobilie fungiert.
Doch auch für private Investoren ergeben sich
Vorteile, wie Markus Trost sagt: „Durch erweiterte
Nutzergruppen können Kultur- und Bildungseinrichtungen
zu einer interessanten Durchmischung
und zusätzlicher Frequenz beitragen und
so das Funktionieren des Quartiers unterstützen.“
Noch einen Schritt weiter geht Ariane Breuer,
Gründerin der Initiative Leerstandslotsen, die
mit digitalen Mitteln Leerstandsmanagement betreibt.
Sie appellierte bei der erwähnten „immobilienmanager“-Veranstaltung
an die Eigentümer,
in bestimmten Fällen niedrigere Mieten zu
akzeptieren. Dies trage dazu bei, einen Standort
attraktiv zu machen und damit langfristig auch
wieder höhere Mieten durchsetzen zu können.
Ebenfalls die Langfristigkeit betont das vom ZIA
herausgegebene Frühjahrsgutachten Immobilienwirtschaft
2024 des Rates der Immobilienweisen:
Auch wenn Mixed-Use-Konzepte in Planung
und Umsetzung anspruchsvoll seien, „sind genau
diese Konzepte oft im Hinblick auf langfristige
positive Impulse für lebendige Innenstädte als
besonders erfolgversprechend anzusehen“, halten
Michael Gerling und Lena Knopf vom EHI Retail
Institute darin fest. Konsequenterweise sieht
Dr. Wulff Aengevelt, geschäftsführender Gesellschafter
von Aengevelt Immobilien, auch die Eigentümer
von City-Immobilien in der Pflicht: Sie
hätten „eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung
und Verpflichtung, ihr vitales wirtschaftliches
Eigeninteresse an hohen Passantenfrequenzen
sowie Handels-, Dienstleistungs- und
Gastronomieumsätzen innovativ umzusetzen“ –
und dafür brauche es einen „bedarfsspiegelnden
Funktionsmix“.
Ein Indiz dafür, dass dieser Appell bei großen
Asset Managern angekommen ist, findet sich in
Berlin. Dort kämpften zuletzt gleich zwei große
Immobilienmarktakteure, nämlich der US-Konzern
Tishman Speyer und die Fondsgesellschaft
Commerz Real, darum, die Zentral- und Landesbibliothek
für eines von zwei prominenten,
22 STATUS QUO
Foto: Commerz Real
Am Berliner Alexanderplatz errichtet Commerz Real einen Büroturm (im Vordergrund). Für die bisherige Galeria-Filiale
(rechts daneben) würde die Fondsgesellschaft gern die Berliner Zentral- und Landesbibliothek als Nutzer gewinnen.
ursprünglich für den Einzelhandel geplanten
Objekten zu gewinnen: Tishman Speyer hat das
Quartier 207 angeboten, das bis Sommer 2024
von den Galeries Lafayette genutzt worden war,
während Commerz Real das Galeria-Gebäude
am Alexanderplatz ins Gespräch gebracht hat,
das umgebaut und durch einen neuen Büroturm
ergänzt wird.
Dass sogar ein Theater ein attraktiver Mieter
sein kann, zeigt – ebenfalls in der Hauptstadt –
das Projekt Fürst (ehemals Kudamm-Karree) am
Kurfürstendamm. In das Quartier wird unter
anderem das Theater am Kurfürstendamm, ein
traditionsreiches Privattheater, zurückkehren.
„Wir sind von einem ungeliebten Mieter, den man
unbedingt loswerden wollte, zu einem Ankermieter
geworden“, sagt jedenfalls Theaterintendant
Martin Woelffer.
Vorteile für Eigentümer und Investoren
Neben grundsätzlichen Aspekten sprechen aber
auch harte wirtschaftliche Überlegungen für
den Mixed-Use-Ansatz. „Ein großer Vorteil von
Mixed-Use-Objekten ist die Risikodiversifikation“,
betont JLL-Experte Markus Trost. „Wenn
eine Nutzungsart schwächelt, kann dies durch
die Stabilität der anderen Nutzungen aufgefangen
werden.“ Seine These untermauert Trost
mit einem Blick auf innerstädtische Wohn- und
Geschäftshäuser, also jene Immobilienart, die
seit jeher Einzelhandel, Büros oder Praxen sowie
Wohnen miteinander verbindet: „Sie weisen
die geringste Rendite von allen Assetklassen auf“,
sagt Trost. „Das zeigt, dass Investoren mit ihnen
das geringste Risiko verbinden.“
Bestätigt wird das durch erste Zwischenergebnisse
einer Studie, welche die IREBS International
Real Estate Business School an der Universität
Regensburg derzeit im Auftrag des
Real-Estate-Managers Midstad durchführt.
Demnach schwanken gemischt genutzte Gebäude
in der Wertentwicklung weniger stark als
Single-Use-Objekte. Die Daten, so die Autoren,
legen nahe, dass „Synergiepotenziale zwischen
STATUS QUO 23
Nutzungen wie Wohnen und Gewerbe wie eine
Versicherung gegen Preisschwankungen wirken
könnten“.
Ähnlich argumentiert das Frühjahrgutachten
des Rates der Immobilienweisen. „Durch die
Multifunktionalität innerhalb der Gebäude und
Quartiere entstehen zwar höhere Planungs- und
Bewirtschaftungskosten, diese werden aber zugunsten
von mehr Risikostreuung in Kauf genommen“,
schreiben Carolin Wandzik und Joel
Prang von der GOS Gesellschaft für Ortsentwicklung
und Stadterneuerung mbH. „Auch das Thema
der Mehrfachcodierung von Räumen und die
gemeinschaftliche Nutzung von Flächen innerhalb
der Gebäude und bezogen auf den Freiraum
sind Ansätze, um die Flächeneffizienz zu steigern
und Kostenvorteile zu erzielen.“
Auf einen weiteren Vorteil weist Sven Lintl hin,
Leiter Asset Management Deutschland bei Union
Investment Real Estate. „Die gemischt genutzte
Innenstadt ist nicht nur attraktiver für ihre vielfältigen
Nutzer, sondern auch widerstandsfähiger,
da die unterschiedlichen Nutzungsarten von
der direkten Nähe zueinander profitieren“, sagt
er.
Höherer Managementaufwand erforderlich
Trotz dieser Vorzüge ist die Begeisterung der
Immobilienwirtschaft für Mixed-Use-Konzepte
nicht unbegrenzt. „Viele institutionelle Investoren
bevorzugen auch heute noch Assets mit sortenreinen
Nutzungen“, sagt Markus Trost mit Blick
auf Pensionskassen, Versicherungen und andere
Großanleger. Er ist deshalb auch skeptisch, wenn
mit Blick auf Quartiere und Mixed-Use-Immobilien
gelegentlich von einer neuen Assetklasse die
Rede ist. „Ganze Quartiere als Investmentobjekt
sind eine Ausnahme“, stellt Trost fest.
Entsprechend bilden Quartiere oder gemischt
genutzte Objekte – mit Ausnahme der bereits
erwähnten Wohn- und Geschäftshäuser – auch
keine eigene Kategorie in den Marktberichten
Visualisierung: FÜRST Berlin
Visualisierung des gemischt genutzten Projekts Fürst in Berlin (ehemals Kudamm-Karree).
24 STATUS QUO
der großen Maklerhäuser. Zuverlässige Zahlen
zu Transaktionsvolumen, Renditen und Durchschnittsmieten
sind deshalb Mangelware. Immerhin
eine Zahl nennt JLL: In der ersten Hälfte
des Jahres 2024 wechselten demnach deutschlandweit
Mixed-Use-Immobilien für 1,29 Milliarden
Euro den Eigentümer, wobei ein signifikanter
Anteil auf die Fünf Höfe in der Münchner
Innenstadt entfiel. „Diversifizierte Mixed-Use-
Immobilien“, stellt JLL-Expertin Sarah Hoffmann
fest, „genießen eine weiterhin hohe Nachfrage.“
Allerdings haben reine Einzelhandels-, Bürooder
Wohnimmobilien den Vorteil, dass sie
deutlich einfacher zu bewirtschaften sind als
gemischt genutzte Objekte, die ganz unterschiedliche
Kompetenzen von Facility und Property
Managern verlangen. Gerade bei neuen
Quartieren sei deshalb die Einsetzung eines
Quartiersmanagements sinnvoll, sagt Trost. Themen
für dieses Management können nach seinen
Worten unter anderem ein Mobilitätskonzept, die
Durchführung von Veranstaltungen und der gemeinsame
Einkauf von Energie sein. Dass Quartiere
besondere Anforderungen an das Property
Management stellen, bejahen auch 92 Prozent der
Teilnehmer an der erwähnten Apleona-Umfrage.
„Unterschiedliche Gebäude, Eigentümer und
Nutzer eines Quartiers müssen zu einem Ganzen
zusammengeführt werden“, erläutert Franka
Jung-Larsen, Head of Retail, Center & Quartiersmanagement
bei Apleona Real Estate Management.
Grundsätzlich sieht JLL-Experte Markus Trost
bei Quartieren vielfältige Möglichkeiten für
Nutzungsmischungen. Arbeiten und Wohnen
ergänzten sich immer gut – „natürlich mit Ausnahme
von störendem Gewerbe“, sagt er. Auch
Einzelhandel und Gastronomie trügen zu einer
Foto: FÜRST Berlin
Martin Woelffer (links), Intendant des Theaters am Kurfürstendamm, im Gespräch mit Gerhard Leonhard Dunstheimer,
COO des Projekts Fürst.
Foto: Anita Gall
Wie aus der Quartiersstudie von DC Developments hervorgeht, sind Grünflächen eine wichtige Voraussetzung für attraktive
Innenstädte.
gleichmäßigen Auslastung bei, und Hotels hätten
dank ihrer 24-Stunden-Nutzung eine integrierende
und belebende Wirkung. Apropos Hotels:
Dass auch ausgefallene Kombinationen möglich
sind, zeigt ein Blick ins Ausland. In China und
Japan betreibt der auch hierzulande präsente
Einzelhändler Muji nämlich drei Hotels, die mit
Ladenflächen kombiniert und deren Zimmer mit
Muji-Produkten ausgestattet sind.
Die Menschen wollen mehr als Shopping
Nicht ganz unwichtig ist auch die Frage, welche
Nutzungen sich die Kunden und Innenstadtbesucher
wünschen. Hinweise auf ihre Vorstellungen
geben Befragungen, die der Hamburger Projektentwickler
DC Developments jährlich durchführen
lässt. Laut der 4. Quartiersstudie aus dem
Jahr 2024 gehören Einkaufsmöglichkeiten zwar
für 54 Prozent der Befragten zu einer attraktiven
Stadt. 46 Prozent betrachten aber auch das
Vorhandensein von Grünflächen als zwingende
Voraussetzung für Attraktivität; für fast ebenso
viele, nämlich 44 Prozent, ist ein gut ausgebauter
öffentlicher Nahverkehr besonders wichtig.
Die jüngste Deutschlandstudie der CIMA Beratung
+ Management GmbH, für die über 5.000
Menschen befragt wurden, macht ebenfalls darauf
aufmerksam, dass neben einem spannenden
Einzelhandelsangebot noch weitere Faktoren
vorhanden sein müssen, um die Innenstädte attraktiv
zu machen.
Zwar gaben gut 70 Prozent der Befragten an, die
Innenstadt zum Einkaufen zu besuchen. Jürgen
Block, Geschäftsführer der Bundesvereinigung
City- und Stadtmarketing Deutschland (bcsd),
weist aber darauf hin, dass das vom Einzelhandel
dominierte innerstädtische Nutzungsgefüge
durch die Entwicklungen der letzten Jahre und
Jahrzehnte in Frage gestellt sei. Auch er unterstreicht
die Chancen, die mit Mixed-Use verbunden
sind: „Neben einer Stärkung des stationären
Einzelhandels und der Gastronomie sollten auch
die Unterstützung des Kleingewerbes und des
Handwerks, die Förderung von Einrichtungen
aus dem Sozialbereich (Kitas etc.) und Bildungseinrichtungen
(Hochschulen, Schulen) sowie die
Förderung der Kultur in den Blick genommen
werden.“
26 STATUS QUO
Quelle: cima.monitor 2024, CIMA Beratung + Management GmbH
Laut der jüngsten CIMA-Deutschlandumfrage ziehen nach wie vor Läden Menschen in die Innenstadt. Wichtig sind aber
u.a. auch öffentliche Einrichtungen und das Kulturangebot.
„Die Menschen wollen vitale Stadtzentren“, erklärt
Alexander von Preen, Präsident des Handelsverbands
Deutschland (HDE). „Sauberkeit,
Sicherheit und die gute Erreichbarkeit mit allen
Verkehrsmitteln – das ist das Fundament.“ Damit
spricht er die Attraktivität des öffentlichen
Raums an – mit gutem Grund: Eine repräsentative
Befragung, welche die Technische Universität
Darmstadt in Zusammenarbeit mit Midstad
(ehemals James Cloppenburg Real Estate) Anfang
2024 durchgeführt hat, hat ergeben, dass sich 55
Prozent der Befragten attraktivere Erholungsund
Freizeitmöglichkeiten in der Innenstadt
wünschen.
„Um die Innenstädte neu zu beleben, braucht
es einen Funktionsmix, der sich an den lokalen
Bedürfnissen der jeweiligen Bevölkerung orientiert“,
folgert daraus Prof. Dr. Andreas Pfnür, Leiter
des Fachgebiets Immobilienwirtschaft und
Baubetriebswirtschaftslehre der TU Darmstadt.
Und er stellt fest, was mittlerweile fast alle Fachleute
so sehen: „Neue Shopping-Erlebnisse allein
reichen den Menschen grundsätzlich nicht mehr
aus.“
ZUR PERSON
Christian Hunziker schreibt seit
über 30 Jahren als freier Journalist
über die vielfältigen Aspekte der
Immobilienwirtschaft. Zu seinen
Auftraggebern zählen die Frankfurter
Allgemeine Zeitung, die WELT
am Sonntag, das Wirtschaftsmagazin
Capital sowie diverse Fachzeitschriften
(u.a. immobilienmanager,
Immobilienwirtschaft, DW Die
Wohnungswirtschaft). Außerdem
moderiert der studierte Historiker
und Germanist immobilienwirtschaftliche
Fachveranstaltungen.
2011 wurde Hunziker von der Wissenschaftlichen
Vereinigung zur
Förderung des Immobilienjournalismus
mit dem Deutschen Preis
für Immobilienjournalismus ausgezeichnet.
dm macht
das Leben schön
dm-drogerie markt GmbH + Co. KG · Am dm-Platz 1 · 76227 Karlsruhe
Mit innovativen Raumkonzepten
schafft dm einladende Einkaufswelten:
Funktional, inspirierend und zum Wohlfühlen.
Ob in Karlsruhe, Wien, Breslau oder Bratislava –
dm soll sich überall wie dm anfühlen.
Expertenbeiträge
Lothar Schubert
30 EXPERTENBEITRÄGE
Prof. Dr. Tobias Just
Multi-Use: Eine alte Frage
wird neu beantwortet
In der Management-Literatur gab es einen jahrzehntelangen Streit, ob es für
Unternehmen nun vorteilhafter sei, sich auf wenige Kernkompetenzen zu konzentrieren,
oder ob man durch Diversifizieren der Geschäftsmodelle resilienter
gegenüber Schocks werden könnte. Die Kapitalmarktforschung zeigte in zahlreichen
Studien, dass Unternehmen, die sich nicht verzetteln und die sich auf ihr
Kerngeschäft konzentrieren, meistens besser abschnitten als Unternehmen, die
in vielen Geschäftsfeldern aktiv waren.
In ähnlicher Weise galt es für Immobilieninvestoren
und Finanzinstitute über lange Zeit als ehernes
Gesetz, dass man lieber in Objekte investierte,
die „sich nicht verzettelten“, die also nur
eine oder zumindest sehr wenige Nutzungen im
Gebäude aufwiesen. Die sinnvolle Streuung des
Portfolios würde dann von Portfoliomanagern in
den Investmenthäusern und Banken durch das
Zusammenführen von vielen fokussierten Objekten
erreicht. Auch hierfür gibt es empirische Indikation,
dass dies lange Zeit zu Recht eine dominante
Strategie war (Nakamura et al., 2017). Der
Streit wurde damit zu den Akten gelegt.
Und doch lohnt genaueres Hinsehen, und dies ist
insbesondere für den stationären Einzelhandel
wichtig. Erstens, empirische Belege gelten zunächst
einmal nur für die Untersuchungszeiträume
und -regionen der konkreten Studien.
Man muss vorsichtig sein mit der Extrapolation
in die Zukunft oder in andere Märkte. Tatsächlich
wurden Unternehmensberatungen während der
Finanzkrise etwas großzügiger mit der Auslegung
der engen Fokusstrategie, da die Finanz- und
Wirtschaftskrise die Konzentrationsrisiken deutlich
machte. Wenn Studienergebnisse auf Daten
zwischen zwei Krisen beruhen, und explizit die
Krisen ausblenden, dann kann es sein, dass daraus
ein systematischer Fehler für Krisenzeiten
folgt, wenn Sicherheitsmargen wichtiger werden,
und damit auch Diversifizierung.
Wird ein ganzes Geschäftsmodell hinterfragt,
wie zum Beispiel Hotelimmobilien während der
Pandemie oder Warenhäuser im Zuge des strukturellen
Wandels, dann können ganze Unternehmen
oder sogar Branchen zahlungsunfähig werden,
und dies lässt sich dann nicht immer durch
etwas Streuung im Investmentportfolio glätten.
Die Kaskade an Schocks in den letzten Jahren hat
dieses Risiko für monostrukturierte Handelsnutzungen
deutlicher gezeigt, auch wenn richtig
bleibt, dass nicht alle Handelsnutzungen von den
Schocks in gleichem Maße belastet wurden.
Zweitens können aus diesen Fokusstrategien
monostrukturierte Stadtquartiere folgen. Diese
Dynamik folgt zum einen der Logik kollektiven
Handelns (Olson, 1965); es kann passieren, dass
aus dem Zusammenspiel individuell rationaler
Entscheidungen kollektive Irrationalität folgt.
Und zum anderen wird das Resultat oft durch
planerische Vorgaben einer arbeitsteiligen Stadt
verstärkt. Wenn ein Vorteil des stationären Handels
beispielsweise die kurzen Fußwege zwischen
unterschiedlichen Läden ist, dann wird dieser
Vorteil nur dann wirklich spürbar, wenn auch
hinreichend viele Haushalte in der Nähe wohnen.
Eine Mischung des Quartiers (oder im Gebäude)
wirkt dann wie eine Versicherung gegen die Risi-
EXPERTENBEITRÄGE 31
Foto: ECE
ken des Internethandels, weil sie die Vorteile der
kurzen Wege ermöglicht. Der reine Fokus wäre
dann für einen einzelnen Investor zwar immer
noch dominant, aber er müsste darauf vertrauen,
dass alle anderen für ihn die Streuung gewährleisten.
Sind aber nun alle Investoren und Banken
gleich „klug“, werden sie alle auf denselben Fokus
setzen. Dies waren jahrelang die höheren Mieten
im Einzelhandel – und dadurch werden die Abwärtsrisiken
verstärkt. Der kollektive Fehler folgte
streng individueller Rationalität.
Insofern ist die aktuelle Herausforderung für den
Handel eine Chance zur Neuausrichtung von Gebäuden
und Städten, dass wieder mehr Mischung
in die Quartiere kommt. Silke Weidner (2021) hat
dies in einem weiterhin aktuellen Artikel anschaulich
illustriert: Wenn eine zahlungsstarke
Nutzung im Erdgeschoss fortfällt, dann kann es
hilfreich sein, eine weniger zahlungsstarke Nutzung
durch Aufstockung zu finanzieren. Offensichtlich
ist hierfür nicht der Wille der Investoren
allein maßgeblich, sondern es braucht in erheblichem
Umfang die Kooperation mit der Kommune
und angrenzenden Nutzungen ( Just und Plößl,
2021). Und wenn dies für ein einzelnes Gebäude
gilt, so gilt es erst recht für ein ganzes Quartier.
Und das Bauen in die Höhe ermöglicht dann zusätzlich,
dass neue Dimensionen verbunden und
vermischt werden.
Mehr Mischung und Aufstockung in Gebäuden
Dies ist nicht der Abgesang auf die Fokusstrategie,
denn sicherlich gilt, dass nicht mehr Mischung
auch mehr Vorteile bedeutet. Mischung
bedeutet natürlich einen Zuwachs an Komplexität,
und nur wenn dieser Zuwachs überkompensiert
wird durch die Vorteile erhöhter Resilienz,
ist Mischung für einzelne Akteure sinnvoll. Hier
gibt es also einen Trade-off. Es gilt, eine optimale
Mischung und nicht eine maximale Mischung
zu finden. Darüber hinaus befinden wir
uns noch in einer Experimentierphase, weil vielerorts
Daten und Analysen fehlen. Die Bestimmung
der optimalen Mischung folgt dann eher
dem Bauchgefühl als wissenschaftlicher Analyse.
Und schließlich bleibt mit dieser Erkenntnis die
Herausforderung bestehen, aus vielen individuellen
Plänen eine kollektive Strategie abzuleiten.
Eine Management-Lösung über ein großes Objekt
oder über viele Objekte ist leichter erreicht
als eine Verhandlungslösung zwischen vielen
einzelnen Akteuren. Hier könnten Kommunen
(oder Verbände, Vereine) eine Plattform bieten,
um solche Verhandlungen zum Erreichen idealer
Mischungen führen zu können. Ein schwerer
Prozess wird es auch dann bleiben.
ZUR PERSON
Neue Dimensionen können durch das Bauen in die Höhe
verbunden und vermischt werden.
Prof. Dr. Tobias Just ist Inhaber
des Lehrstuhls für Immobilienwirtschaft
an der IREBS International
Real Estate Business School
der Universität Regensburg sowie
Wissenschaftlicher Leiter und
Geschäftsführer der IREBS Immobilienakademie.
32 EXPERTENBEITRÄGE
Markus Diers
Der Blick über
den Tellerrand lohnt sich
Digitalisierung, Online-Handel und sich verändernde Kundenwünsche:
Der Veränderungsdruck auf Shopping Center, Waren- und Geschäftshäuser
ist hoch. Eine Erweiterung des Nutzungsmixes kann die Lösung
sein.
Es ist vor allem die Generation Z. Aufgewachsen
in einer digitalisierten Welt, verändert sie den
Einzelhandelsmarkt und die Anforderungen an
die Flächen grundlegend. Die Konsumenten der
Jahrgänge 1997 bis 2012 bevorzugen ein Shopping-Erlebnis,
das Online- und Offline-Kanäle
vereint und legen großen Wert auf Nachhaltigkeit.
Einzelhandel und Marken müssen sich dem anpassen,
wenn sie sich weiter am Markt behaupten
wollen – oder sie verschwinden. Klar ist: Der stationäre
Einzelhandel befindet sich in einem tiefgreifenden
Umbruch, die Transformation der Innenstädte
ist in vollem Gange. Dadurch ergeben
sich ganz neue Chancen der Weiterentwicklung,
die es zu ergreifen gilt.
Die gute Nachricht ist: Die Generation Z will trotz
allem viel lieber in Geschäften shoppen als andere
Generationen. Gen-Z-Konsumenten wollen
die Waren vor dem Kauf anschauen, anfassen,
ausprobieren und gleich mitnehmen. Omnichannel-Einkaufserlebnisse,
verbunden mit einem
Mix-and-Match-Angebot, das hochwertige Marken
und Mainstream-Label kombiniert, sowie ein
umfassendes gastronomisches Angebot sind darum
das Gebot der Stunde. Auch die Kombination
mit anderen Nutzungen ist ein Erfolgsfaktor im
Management von Handelsimmobilien und in der
Gestaltung der Innenstädte.
Mixed-Use verspricht Erfolg
Der Blick über den Tellerrand ist unerlässlich.
So hat beispielsweise eine Studie der Unterneh-
mensberatung PwC aus dem Jahr 2020 ergeben,
dass Mixed-Use das erfolgversprechendste
Nachnutzungskonzept für geschlossene Warenhaus-Filialen
ist.
Die einzelnen Nutzungsarten profitieren von der
direkten Nähe zueinander: Für Arbeitnehmende
ist ein Büro, das gute Einkaufsmöglichkeiten
und attraktive Restaurants für die Mittagspause
bietet, deutlich attraktiver als ein Arbeitsplatz
an einem eher abgelegenen Standort. Hotels sowie
Einzelhandel und Gastronomie profitieren
von Geschäftsreisenden. Eine Nachfolgeanalyse,
die PwC im Oktober 2024 veröffentlichte, ergab
dementsprechend, dass die Umnutzung beziehungsweise
Erweiterung insbesondere in guten
Lagen deutscher Metropolen auch wirtschaftlich
attraktiv ist.
Es lohnt sich, Synergien zu heben – nicht nur bei
einzelnen Immobilien, sondern auch im Kontext
von Innenstädten und Quartieren. Zumal der
Einzelhandelsmarkt mit hoher Dynamik weiter
polarisiert. Es profitieren auf der einen Seite
Nahversorger und auf der anderen Seite Best-in-
Class-Shoppingcenter. Außerhalb dieser beiden
krisenresilienten Teilsegmente wird es hingegen
zu erhöhten Transformationsanstrengungen
kommen müssen, um den Anschluss nicht zu
verlieren. Die schrittweise Anpassung des Nutzungsmixes
und die Integration neuer Nutzungstypen
kann für viele Einzelhandelsimmobilien
eine attraktive Lösung sein.
EXPERTENBEITRÄGE 33
Lebendiger und lebenswerter
Das „Quartier Wandsbek Markt“, eines der derzeit
größten, privat finanzierten Transformationsprojekte
Hamburgs, ist ein Beispiel dafür aus
dem Portfolio von Union Investment. Unter Weiternutzung
der vorhandenen Bausubstanz des
ehemaligen Galeria Karstadt-Gebäudes von 1967
und der behutsamen Sanierung des historischen
Karstadt-Gebäudes von 1922 entwickelt Union
Investment im Zentrum Wandsbeks ein gemischt
genutztes Quartier mit einer Gesamtfläche von
über 45.000 qm. Der bisher ausschließlich für
den Einzelhandel genutzte Standort des neuen
Quartiers wird im Rahmen des Projektes um
gastronomische und kulturelle Angebote sowie
mit über 100 Wohnungen ergänzt und zu einem
lebendigen Mittelpunkt im einwohnerstärksten
Bezirk der Hansestadt aufgewertet. Die Fertigstellung
des neuen Stadtquartiers ist im Jahr 2028
vorgesehen.
und einem neuen Nahversorgungszentrum für
Anwohner und Beschäftigte. Das Projekt startete
im vergangenen Jahr mit der Unterzeichnung eines
langfristigen Mietvertrages mit der EDEKA-
Gruppe. Die Genehmigung des Bauantrags wird
im ersten Quartal 2025 erwartet. Die Fertigstellung
ist abschnittsweise in den Jahren 2026/2027
geplant.
Fest steht: Mixed-Use-Konzepte sind aus der
Stadtentwicklung nicht mehr wegzudenken. Sie
machen Innenstädte, Quartiere und Stadtviertel
lebendiger und lebenswerter. Die Transformation
von Bestandsgebäuden, zu der auch die
Erweiterung des Nutzungsmixes oder sogar die
komplette Umnutzung von Immobilien zählen, ist
eines der Top-Themen der nächsten Dekaden –
nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Nachhaltigkeitsregulierung.
Ein ganz andere Art der Nutzungserweiterung
aus dem Portfolio von Union Investment ist das
Meister Areal in Nürnberg. Für rund 60 Millionen
Euro entsteht aus einem Fachmarktzentrum ein
moderner und nahezu energieautarker City-Logistik-Hub
mit rund 20.500 qm Logistikflächen
Foto: Union Investment
Das Quartier Wandsbek Markt wurde zu einem lebendigen Mittelpunkt im einwohnerstärksten
Bezirk der Hansestadt aufgewertet.
ZUR PERSON
Markus Diers (45) leitet seit März
2024 das Asset Management Retail
bei Union Investment. Zuvor war
er rund drei Jahre als Managing
Director bei der Redos Real Estate
GmbH tätig. Von 2016 bis 2021 leitete
er das Asset Management Retail
bei der HIH Real Estate GmbH.
Davor hat Diers bereits für Union
Investment gearbeitet: Von 2005
bis 2016 war er als Spezialist für
Handelsimmobilien und später als
Gruppenleiter für das Bestandsmanagement
des europäischen
Handelsportfolios zuständig.
34 EXPERTENBEITRÄGE
Mario Schüttauf
Zukunftsfähige
Nutzungskonzepte für
Obergeschosse in großen
Handelsimmobilien
Kaufhäuser sorgen mit ihrer ganz eigenen Erlebniswelt für eine hohe Kundenfrequenz.
Doch das Aufkommen des Online-Handels hat der Anziehungskraft dieses
Innenstadt-Magneten zugesetzt. Mit der Kaufkanalverschiebung weg vom
stationären Handel und hin zum Konsum per Mausklick, bleiben immer mehr
Kunden fern.
Besonders stark davon betroffen sind oft die
Obergeschosse großer zentrumsnaher Handelsimmobilien,
wo die jeweiligen Verkaufsflächen
seit Jahren immer weniger Besucher verzeichnen
und zunehmend Leerstände entstehen. Das wiederum
führt zu einer noch geringeren Kunden-
Frequenz und zu noch mehr leeren Verkaufsflächen.
Die Folge: ein Kaskaden-Effekt, bei dem
ehemals stark frequentierte Kaufhäuser nach
und nach verwaisen, was sich letztlich auch auf
die Attraktivität der Innenstadtlagen überträgt
und zudem andere umliegende Läden in Mitleidenschaft
zieht.
Am Beispiel des Modehandels lassen sich einige
Etappen dieser Entwicklung gut nachzeichnen:
Studien zufolge wird der Umsatz dieser Branche
im Jahr 2030 zu gleichen Teilen auf Online und
stationäre Geschäfte entfallen, während das Verhältnis
aktuell noch bei etwa drei Viertel zu einem
Viertel zugunsten des Vor-Ort-Handels ist.
Handelsexperten erwarten, dass die Flächen für
den Modehandel bis 2030 um rund 50 Prozent
reduziert werden, wobei diese Verkleinerung am
stärksten Kaufhäuser und mehrgeschossige Formate
treffen wird.
Potenziale identifizieren, innovative Geschäftsmodelle
unterstützen, neue Perspektiven schaffen
Um dem Trend hin zu immer mehr Leerstand
speziell auch von Obergeschossen entgegenzuwirken,
müssen das Einkaufen noch stärker als
Erlebnis verstanden und Konzepte entsprechend
umgesetzt werden, vom ersten bis zum letzten
Stockwerk. Der Wettbewerb zu Online-Shops
muss aktiv angenommen werden – mit dem Mehr
an Möglichkeiten, das der stationäre Handel im
Gegensatz zum E-Commerce bietet:
• Multifunktion und Multi-Purpose schaffen
Mehrwert: Viele große Handelsimmobilien besitzen
ein beträchtliches Wandlungspotenzial,
das weg vom klassischen Einkaufszentrum und
hin zu einem Service- und Entertainment-Center
führen kann. Als eine Art Blaupause könnten
hierfür Fachmarktzentren dienen. Dort finden
sich neben einem Discounter/Supermarkt auch
EXPERTENBEITRÄGE 35
ergänzende Dienstleistungen wie Drogerien, Friseursalons
oder auch Brief- und Packstationen.
Überträgt man diese Form der multi-funktionalen
Nutzung auf eine Handelsimmobilie in Innenstadtlage,
lassen sich neue Perspektiven schaffen
und Potenziale heben.
• Feel-Good-Flächen erschaffen: Gerade das
Obergeschoss mit seinen kurzen Wegen zu Dachterrassen
und Dachflächen kann das „Eingangstor“
zu einem exklusiven Gastronomieangebot,
zu Indoor-Spielplätzen und Fitness-Centern mit
Skyline- und anderem attraktiven Ausblick sein.
Vor allem an Business-lastigen Standorten führt
diese neue Aufenthaltsqualität zur Aufwertung
von Obergeschossen. Hinzu kommt, dass bei
modernen Nutzungskonzepte auch die Installation
von Photovoltaik-Modulen auf Dachflächen
integrieren werden kann – ein wichtiger Beitrag
zur Nachhaltigkeit dieser Gebäude. Das gilt auch
für Gärten, die als grüne Erholungs-Oasen auf
Dachterrassen gleichzeitig einen Beitrag zur Verbesserung
des Stadtklimas leisten.
• Healing Architecture und Gesundheitszentren
bilden eine symbiotische Beziehung: Wenn
sich Architektur und Atmosphäre in allen Stockwerken
positiv auf das psychische und physische
Wohlbefinden auswirken und (nicht nur Shopping-bedingte)
Stressfaktoren senken, wird der
Aufenthalt in einem Shopping-Center sowohl
angenehmer wie wahrscheinlich auch länger
ausfallen. Dort angesiedelte Gesundheitszentren
mit (Fach-)Arztpraxen, Therapieräumen und
Sanitätshäusern bilden fast schon eine symbiotische
Beziehung mit der „Healing Architecture“
und verkürzen die Wege für Patienten. Liegt die
Handelsimmobilie zudem noch verkehrsgünstig
und/oder in Innenstadtlage, zieht sie sowohl die
Menschen aus der näheren Umgebung wie auch
Patienten und Besucher aus anderen Städten an.
Das wiederum eröffnet den Gesundheitsdienstleistern
einen viel größeren Patientenstamm.
Zukunftsweisende Neuausrichtungen sind gefragt:
Nutzungsmischung schafft Raum für Innovation
Im „Forum City Mülheim“, einem Einkaufszentrum
in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mülheimer
Hauptbahnhof, setzen wir von Commerz
Real genau dieses spannende Wandlungspotenzial
frei. Denn dort entsteht im ersten Obergeschoss
das „Forum Medikum“. Dieses moderne
und großflächige Gesundheitszentrum wird der
neue Standort für unter anderem (Fach-)Arztpraxen,
Krankenkassen und einem Fitness-Studio.
Im Erd- und Sockelgeschoss befinden sich
weiterhin Handelsflächen. Somit können Besucher
Einkaufen, Shoppen und Gesundheit bequem
miteinander verbinden, fußläufig zur Mülheimer
Innenstadt.
Ein ähnliches Konzept verfolgen wir bei den Regensburg
Arcaden. Auch hier soll das Obergeschoss
eine „Revitalisierung“ seines beachtlichen
Potenzials erfahren. Neben Wohnungen soll dort
nämlich auch ein Gesundheits-Cluster entstehen.
Insgesamt betrachtet, bieten ausbleibende Handelsmieter
die Chance auf eine zukunftsfähige
Neupositionierung. Das gilt für Obergeschosse
im Speziellen ebenso wie für Einkaufszentren
im Allgemeinen. Mit flexible Mietstrukturen und
-konditionen und nicht zuletzt auch mit Investitionen
in modernste technische Standards,
können verlässliche, zukunftsfähige Mieter gewonnen
werden. Ob dies Gesundheitszentren,
Pop-up-Stores oder das stark wachsende Segment
der urbanen City Logistik sind, ist immer
auch standort- und gebäudeabhängig. Entscheidend
ist aber vor allem die Nähe zu Markt und
Mietern und die Entschlossenheit, durch alternative
und flexible Flächennutzungen zukunftsfähige
Nutzungskonzepte zu schaffen.
ZUR PERSON
Mario Schüttauf ist Managing Director
der Commerz Real Investmentgesellschaft
mbH und Manager
des Offenen Immobilien Fonds
hausInvest.
36 EXPERTENBEITRÄGE
Iris Schöberl
Multi-Use-Immobilien –
High Potentials
entlang der Highstreet
Foto: ZIA Laurence Chaperon
Multi-Use-Immobilien werden unter Experten weiter als Investment-Trend wahrgenommen.
Sie sprechen vielfältige Mietergruppen an und gelten nach den disruptiven
Schocks durch Onlinehandel, Covid und dem Rückzug ins Homeoffice
als resilienter und cashflow-stabiler als reine Büro- oder Einzelhandelsflächen.
Besonders entlang der Highstreets haben solche Objekte viel Potenzial.
Immobilien-Investments erscheinen manchen
als stabilere, langfristigere und im Vergleich zu
Aktien oder Private Equity Investments zuweilen
langweiligere Anlagen. Eines ist diese Assetklasse
jedoch sicher nicht: statisch. Zu unterschiedlich
entwickeln sich die einzelnen Segmente, zu verschieden
sind die Treiber von Bedarf und Ertrag,
an denen die Wertentwicklung von Büro-, Einzelhandels-,
Logistik- oder Gesundheitsimmobilien
hängt.
Ein Trend, der in den letzten Jahren zunehmend
an Gewicht gewonnen hat, ist die Mischung der
Nutzungsformen – nicht nur innerhalb eines
Portfolios oder eines Fonds, sondern auch innerhalb
einer Immobilie. Mixed Use war unter
Investoren lange Zeit eher unbeliebt. Das hat
sich mittlerweile gedreht. Mixed-Use-Objekte
haben sich im Verlauf von Lockdowns, Insolvenzen
großer Einzelhändler und einer stark steigenden
Nachfrage nach Wohnraum als flexibler,
resilienter und cashflow-stabiler gezeigt als viele
Single-Use- oder Single-Tenant-Einheiten – und
auch als wertstabiler im Vergleich zu Gebäuden
mit einer dominanten Nutzung, wie eine aktuelle
Auswertung von 1.930 Immobilientransaktionen
in Berlin der letzten zehn Jahre durch die Universität
Regensburg ergab.
Multi-Use: Gefragte Kick-Starter für die
Highstreets
Besonders entlang der deutschen Highstreets
werden Multi-Use-Objekte in den kommenden
Jahren zu einem der spannendsten Investment-
Trends auch für institutionelle Investoren. Denn
ein neuer Mieter-Mix löst nicht nur das Problem
einer nachlassenden Nachfrage nach Einzelhandelsflächen
jenseits von Erdgeschoss und vielleicht
dem ersten Stock. Sie sind auch die richtige
Antwort auf eine der drängendsten Fragen
zur Zukunft der deutschen Highstreets. Denn Innenstädte
müssen sich neu erfinden, von reinen
Einkaufszonen zu attraktiven Begegnungsstätten
werden, die mit vielfältigen Angeboten die Menschen
wieder in die City locken.
Multi-Use steht genau für die Vielfalt an Angeboten,
die sich die Menschen von ihren Innenstädten
wünschen. Die Transformation hin zu
mehr Aufenthaltsqualität zeigt sich zum Beispiel
in dem starken Wachstum des Segments Gastronomie,
das laut unserem aktuellsten Highstreet
Report seit 2020 um knapp 12 Prozent zulegen
konnte. Auch Wohnen gewinnt in den Innenstädten
wieder an Bedeutung, was zu einer zusätzlichen
Belebung der zentralen Lagen beitragen
kann.
EXPERTENBEITRÄGE 37
Revitalisierung geschlossener Kaufhäuser als
Best-Practice-Beispiele
Gute Beispiele für die neue Vielfalt der Nutzungsformen
finden sich in den zahlreichen Konzepten
zur Wiederbelebung ehemaliger Kaufhof-Standorte.
So entwickelt die Stadt Bremen in zentraler
Citylage eine neue Mischnutzung aus Einzelhandel
und Büros, Unterhaltung und Gastronomie,
Wohnungen oder auch universitären Einrichtungen,
während Braunschweig das ehemalige
Karstadt-Haus zu einem Konzerthaus mit städtischer
Musikschule umbauen will.
Auch an früheren Galeria-Standorten wie in Gelsenkirchen,
Herne und Recklinghausen setzen
private Investoren solche Mixed-Use-Objekte
um. Hier wird der Einzelhandel im Erdgeschoss
ergänzt von Büro- und Praxisräumen sowie – je
nach Standort – von Fitnessstudios, Wohnungen
für Senioren, einer Kindertagesstätte und einer
Stadtbibliothek. Dass sich solche Konzepte auch
rechnen, hat kürzlich PwC in einer Studie gezeigt:
Besonders in A- und B-Städten seien solche
Projektentwicklungen dank der erzielbaren
Mieten wirtschaftlich attraktiv.
All diese Entwicklungen sind positiv für die Innenstädte.
Nicht nur, weil Multi-Use-Immobilien
Frequenzbringer für den Einzelhandel sind. Sie
machen die innerstädtischen Lagen insgesamt zu
einem lebendigen Quartier mit kurzen Wegen, in
dem Wohnen, Arbeiten und Einkaufsmöglichkeiten
miteinander verschmelzen und das direkte
Umfeld Naherholung, Bildung, Kultur und Freizeitangebote
bereithält. So bleibt die Highstreet
ein attraktives Umfeld, in das sich auch in Zukunft
zu investieren lohnt.
ZUR PERSON
Iris Schöberl ist Managing Director
Germany bei Columbia
Threadneedle Investments in
München, Spezialistin für Highstreet-
und Wohn-Investments
und als ZIA-Präsidentin eine der
bekanntesten und wichtigsten
Stimmen der deutschen Immobilienwirtschaft.
Foto: Columbia Threadneedle
Das Objekt am Kornmarkt 2–3 in Trier ist seit Langem ein beliebter Anziehungspunkt für Gäste und Kunden und damit
Frequenzbringer für Gastronomie und Handel.
38 EXPERTENBEITRÄGE
Christian Schulz
Gastronomie und
Entertainment – eine
perfekte Ergänzung
für Shopping Center
Shopping Center sind inzwischen längst mehr als reine Einkaufsstätten: Sie sind
Erlebnisorte und Community-Hubs, die kontinuierlich entsprechend der sich ändernden
Kundenanforderungen weiterentwickelt werden. Neben dem wachsenden
Angebot an Non-Retail-Dienstleistungen – von medizinischen Angeboten über
Wellness-Center bis hin zu Stadtbüchereien – stellen insbesondere die Gastronomie
sowie Entertainment- und Freizeitangebote eine passende Ergänzung zum stationären
Einzelhandel dar und tragen gleichzeitig entscheidend zur Aufenthalts- und
Erlebnisqualität in Einkaufszentren und damit auch für die Innenstädte bei.
Zahlen zeigen den Erfolg der Gastronomie
Gastronomie spielt dabei bereits seit Jahren eine
wichtige Rolle sowohl für die Besucherinnen und
Besucher als auch für die Performance der Center
– wie ausgewählte Zahlen zeigen: So hat eine
repräsentative deutschlandweite Online-Befragung
der ECE im März 2024 unter rund 600
Shopping-Center-Besuchenden ergeben, dass 92
Prozent von ihnen das gastronomische Angebote
in Shopping Centern nutzen. Und 75 Prozent
geben an, dass das gastronomische Angebot das
Center positiv von anderen Einkaufsstätten abheben
kann. Das spiegelt sich auch in den Umsätzen
der Center-Gastronomie wider, die trotz
der wieder auf 19 Prozent angehobenen Mehrwertsteuer
für die Sitzgastronomie im ersten
Halbjahr 2024 um rund fünf Prozent im Vergleich
zum Vorjahreszeitraum gestiegen sind (in den
Centern der ECE in Deutschland).
Ein attraktives Gastronomie- und Erlebnisangebot
kann auch ganz konkrete positive Effekte
haben: Das zeigt zum Beispiel die erfolgreiche
Entwicklung der Umsatz- und Frequenzzahlen
der 2019 nach umfangreicher Restrukturierung
eröffneten FOODTOPIA-Etage im Shopping
Center MyZeil in Frankfurt am Main. Neben der
Erhöhung der Aufenthaltsqualität und damit der
Verweildauer war eines der Ziele, einen neuen
Anziehungspunkt im Center zu schaffen und damit
das zuvor wenig frequentierte vierte Obergeschoss
nachhaltig zu beleben – und das ist gelungen:
So hat sich der Umsatz in der Etage 2023 im
Vergleich zu 2015 mehr als verdreifacht und die
Frequenz ist um 80 Prozent gestiegen. Für 2024
wird eine erneute Umsatzsteigerung von rund
25 Prozent erwartet. Doch nicht nur die Zahlen
überzeugen - mit dem Investment konnte ein
neues Alleinstellungsmerkmal in der Frankfurter
Innenstadt kreiert werden.
EXPERTENBEITRÄGE 39
Veränderte Kundenwünsche
als Treiber des Wandels
Gute Gründe dafür, warum das Gastronomieangebot
in Shopping Centern in den letzten Jahren
weiter gewachsen ist – aber nicht nur das: Aufgrund
der sich verändernden Kundenwünsche
hat sich auch das gastronomische Angebot selbst
verändert. Für Gäste stehen heute Qualität und
Ambiente mehr im Fokus als noch vor einigen
Jahren. Fast-Food-Angebote sind zwar nach wie
vor beliebt und haben einen hohen Stellenwert,
jedoch erwarten über Zweidrittel der Shopping-
Center-Besuchenden in Shopping Centern mehr
als Fast-Food-Ketten (Ergebnis einer repräsentativen
deutschlandweiten Online-Befragung der
ECE im März 2024). Dieses Ergebnis spiegelt sich
im verstärkten Trend zu Casual-Dining-Konzepten
in den Centern wider, zu denen zum Beispiel
Konzepte wie L’Osteria, The Ash oder Alex gehören.
Ein wesentlicher Vorteil ist, dass durch die Ansiedelung
erfolgreicher und hochwertiger Sitzplatzgastronomie-Anbieter
die Aufenthaltsqualität
und Verweildauer im Center steigt. Zudem
zahlen immer mehr Konzepte auf das gestiegene
gesellschaftliche Bewusstsein für eine gesündere
Ernährung ein und auch in puncto Nachhaltigkeit
entwickeln sich die Marken weiter, was sich etwa
bei den Zutaten und der Zubereitung der Speisen
oder der Materialauswahl für Take-Away-Geschirr
zeigt.
Erfolgsfaktoren für gastronomische Angebote
Drei Faktoren sind dabei für die Zusammensetzung
und den Erfolg gastronomischer Angebote
in Shopping Centern mit entscheidend:
• Das Center-Umfeld: Viele Büros in unmittelbarer
Nähe können zum Beispiel für ein starkes
Mittagsgeschäft sorgen.
• Die Center-Zielgruppe: Gastronomische Angebote
sollten zur Besucherstruktur des Centers
passen. Je nach Zielgruppe kann auch eine angesagte
Gastro-Marke als Ankermieter fungieren
und für eine starke Frequenz sorgen.
• Der Center-Branchen- und Mietermix: Das
Food- und Beverage-Angebot sollte zum übrigen
Center-Angebot passen. Für Center, die beispielsweise
über Entertainment-Angebote mit
längeren Abend- und auch Sonntagsöffnungszeiten
verfügen, bieten sich beispielsweise Restaurants
mit ähnlichen Öffnungszeiten an, sodass
Gäste zum Beispiel einen Kinobesuch mit einem
Restaurantbesuch unter einem Dach verbinden
können.
Foto: ECE
Nach umfangreicher Restrukturierung eröffnete die FOODTOPIA-Etage in MyZeil in Frankfurt am Main - der Umsatz auf
dieser Etage des Centers hat sich mehr als verdreifacht.
40 EXPERTENBEITRÄGE
Foto: ECE
Entertainment-Angebote wie das Skydiving werden von den Besuchenden als gute Ergänzung gesehen.
Entertainment-Konzepte müssen aber standortindividuell ausgerichtet werden.
Für einen gelungenen kulinarischen Mix in einem
Einkaufszentrum ist es grundsätzlich wichtig,
eine gute Balance zu finden zwischen Anbietern
mit beliebten und gesetzten Speisen sowie
neuen, trendigen Angeboten.
Auch in Zukunft ist davon auszugehen, dass die
Bedeutung der Gastronomie für die Aufenthalts-
und Erlebnisqualität in Shopping Centern
weiter zunehmen wird. Dabei wird sich neben
klassischem Fast Food auch Green Food weiter
durchsetzen ebenso wie Casual-Dining-Konzepte,
wobei das Preis-Leistungs-Verhältnis standortabhängig
stimmen muss. Gleichzeitig ist mit
einem steigenden Anteil an Systemgastronomie,
einem verstärkten Fokus auf hochwertige Sitzplatzgastronomie
und einer weiteren Zunahme
internationaler Gastro-Brands zu rechnen.
Wachsende Zahl von Entertainment-Konzepten
Neben der Gastronomie als Ergänzung zum klassischen
Retail-Angebot spielen zudem auch Konzepte
aus dem Leisure- und Entertainment-Bereich
eine wichtige Rolle bei der Diversifizierung
und Ergänzung des Mietermix um zusätzliche
Anziehungspunkte und Aufenthaltsgründe. Ob
Kino, Bowling, Indoor Skydiving oder Trampolinspringen
– jeder zweite Befragte der deutschlandweiten
repräsentativen, von der ECE durchgeführten
Umfrage hält Entertainment-Angebote
für eine gute Ergänzung im Shopping Center.
Dies zeigt, dass Leisure- & Entertainment-Angebote
– je nach Standort und Positionierung des
Centers – eine gute Ergänzung des bisherigen
Branchenmix darstellen und die Anziehungskraft
des Centers erhöhen können.
Vorteile für alle Zielgruppen
Dabei bringen solche Entertainment-Konzepte
Vorteile für alle Zielgruppen mit: Die Eigentümer
der Shopping Center profitieren davon,
dass so neue Kundenzielgruppen erschlossen
und potenzielle Frequenzsteigerungen realisiert
werden können, da Freizeit- und Entertainment-Angebote
in der Regel von mehr als einer
Person besucht werden – etwa von der ganzen
Familie, Freunden oder anderen Gruppen – und
zum Teil auch Besuchende aus einem größeren
Einzugsgebiet anlocken. Mietverträge mit Entertainment-Konzepten
haben zudem meist lange
Mietvertragslaufzeiten, insbesondere bei gro-
EXPERTENBEITRÄGE 41
ßen Konzepten, was zu Planungssicherheit führt.
Beides zahlt auf das Ziel eines Werterhalts bzw.
einer Wertsteigerung der Immobilie ein. Mieter
und Center-Besuchende profitieren ebenfalls,
und zwar von der gesamten Center-Infrastruktur
mit Retail-, Gastronomie- und anderen Branchen-Angeboten,
die für Kundinnen und Kunden
zusätzliche Besuchsanlässe darstellen, von der in
der Regel sehr guten Lage der Center sowie der
Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und
dem Vorhandensein von ausreichend Parkplätzen.
Standortspezifische Faktoren
Gleichzeitig passen Entertainment-Konzepte
auch nicht in jedes Center bzw. an jeden Standort,
daher muss standortindividuell über ihre
Ansiedlung entschieden werden. Zu den Kriterien
gehören neben der konzeptionellen Ausrichtung,
der Lage und den Zielgruppen des Centers
insbesondere auch baulich Aspekte: So bringen
viele Entertainment-Konzepte besondere Anforderungen
hinsichtlich Flächen, Sicherheit
und Zugänglichkeit mit sich. Die meisten Entertainment-Anbieter
benötigen hohe Decken und
insbesondere für große Entertainmentkonzepte
kommen erst Flächen ab einer Größe von 1.000
Quadratmeter in Frage. Je nach Konzept müssen
auch höhere Sicherheitsmaßnahmen wie etwa in
Form von Fluchtwegen und Notausgängen umgesetzt
werden und viele Angebote erfordern aufgrund
ihrer Abend- und Sonntagsöffnungszeiten
einen Zugang, der auch außerhalb der üblichen
Center-Öffnungszeiten erreichbar ist. Nicht jedes
Center kommt daher für die großen Entertainment-Angebote
in Frage, doch einer der Vorteile
von Shopping Centern ist ihre flexible Hülle.
So können Flächen entsprechend den jeweiligen
Bedürfnissen der Mieter angepasst und optimiert
werden.
Ninja Race Arena, Sport Challenges mit neuester
Technologie, eine Fußball-Arena sowie riesige
Rutschen, die deutschlandweit einmalig sind.
Zusammen mit einem weiteren Indoor-Entertainmentanbieter,
der voraussichtlich Ende des
Jahres eröffnen wird, stellen diese attraktiven
Konzepte eine perfekte Ergänzung zu den bestehenden
Freizeitangeboten des Destination-Centers
dar. Zu diesen zählen das Kinopolis-Multiplex-Kino
sowie ein Windkanal der Firma Indoor
Skydiving, die 2025 auch im Shopping Center
NOVA in einem komplett neuen Gebäude mit
einer Fläche von rund 400 Quadratmetern einen
Windkanal eröffnen wird.
Seit dem Sommer 2024 ist The Playce, der Berliner
Shopping- und Entertainment-Hot-Spot am
Potsdamer Platz, um zwei Attraktionen reicher:
Während die Ausstellung „The Upside Down”
unter anderem mit interaktiven, Instagramwürdigen
Ausstellungsräumen mit auf den Kopf
gestellten Installationen und optischen Täuschungen
für einzigartige Erlebnisse beschert,
erwartet die Besuchenden bei dem allerersten
Standort von Lane 7 außerhalb des Vereinigten
Königreichs Bowling, Shuffleboard, Minigolf,
Darts, Karaoke, Pool und vieles mehr.
Ebenfalls im Sommer 2024 eröffnete im Shopping
Center MyZeil im Herzen Frankfurts mit Soccerbeat
die erste Fußball-Erlebniswelt in einem
deutschen Center. Auf rund 1.000 qm erwarten
die Besuchenden 13 Activity-Zones, in denen sich
Fußballfans Herausforderungen aus den Bereichen
Schnelligkeit, Präzision und Geschicklichkeit
stellen können. Mit Stadionwurst und Bier
können in der Sportsbar zudem auf insgesamt
vier großen Screens die wichtigsten Fußball- und
Sport-Highlights live verfolgt werden.
ZUR PERSON
Beispiele für neue Entertainment-Angebote
Einige Beispiel von neuen Entertainment-Konzepten
in Shopping Centern: Seit Ende September
2024 bereichert das Erlebniskonzept JUMP
House auf mehr als 4.000 Quadratmetern das
Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim – mit 16
verschiedenen Actionbereichen, darunter eine
Christian Schulz ist Head of Department
für Food, Leisure & Entertainment
und Office im Bereich
Leasing Services der ECE Marketplaces
und verfügt über mehr als
20 Jahre Erfahrung in der Retail-
Branche.
42 EXPERTENBEITRÄGE
Joaquin Jimenez Zabala
Facility-Partner können
wichtige Brücke bilden
Ohne Zweifel ist Multi-Use-Development das angesagte Vehikel, um Handelsimmobilien
zukunftsfähig aufzustellen. Beim Neubau – mehr aber noch bei der
Revitalisierung von Objekten – setzen Entwickler längst auf die frequenzbringende
Kombination diverser spannender Nutzungsarten. Die Facility-Branche
kann bereits in der Planungsphase die wichtige Brücke zur nachhaltigen Bewirtschaftung
bilden.
Ein Bestandsobjekt als Multi-Use-Modell umzugestalten,
bedeutet Neuorientierung. Der Betreiber
will etwas von Grund auf verändern und der
Immobilie wieder Leben einhauchen – ein Plan,
der weit über die Umstellung des Mieterbesatzes
hinaus geht. Und dafür sind meist weitgehende
Baumaßnahmen erforderlich. Für ein solches
Großprojekt braucht es unterschiedliche Akteure,
die diverse Aufgaben übernehmen. In der
Planungsphase beschränken Auftraggeber die
Konzeptionierung dieser Neuausrichtung jedoch
oft ausschließlich auf Einsichten von Architekten
und Baufirmen.
Know-how aus der Praxis
An dieser Stelle sollten die Facility-Spezialisten
ins Spiel kommen. Denn gerade FM-Unternehmen
wie die WISAG wissen, welche Kriterien
in der Praxis tatsächlich zählen. Ein komplexes
Thema, weil das Management einer Immobilie
heute höchsten Anforderungen genügen muss -
nicht zuletzt vor dem Hintergrund der diffizilen
EU-Regulierungen in punkto Energieeffizienz.
Wie lassen sich Flächen gestalten, damit Roboter
die Räumlichkeiten effizient reinigen können,
ohne in zu engen Gängen an ihre Grenzen zu
stoßen? Welche Dimensionen sollten Heizungen
und Kühlanlagen aufweisen? Alle Anlagen sollten
leicht zugänglich sein – hier haben wir profunde
Erkenntnisse gewonnen. Und auch die Sensorik
ist ein weites Feld, um eine Multi-Use-Immobilie
gebäude- und nutzungstechnisch perfekt an
sämtliche Erfordernisse anzupassen.
Prozesse im Vorfeld beleuchten
Derartige Parameter kennen Facility-Experten
wie die WISAG aus dem Tagesgeschäft und sind
daher optimale Partner, um Betriebsprozesse
bereits im Vorfeld auszuloten. Wenn ohnehin Investitionen
erforderlich sind, ist es von Vorteil,
die wirtschaftliche Zukunft des Objektes gleich
mitzudenken. Schnellere Arbeitsprozesse anzustoßen,
die weniger Aufwand einfordern, und
reibungslose Prozesse zu gewährleisten, bedeutet
spätestens auf mittel- und langfristige Sicht
erhebliche Ersparnisse bei den Betriebskosten.
Umfängliche Anforderungen
Solch unterschiedliche Formate, wie Stores und
Gastronomie, Kindertagesstätte, Fitnesscenter
oder Arztpraxen, dauerhaft betriebstechnisch
unter einen Hut zu bringen, ist kein Pappenstiel.
ESG-konforme Gestaltung
Mit ESG-Konformität beschäftigt sich die Facility-Branche
seit langem intensiv. Das Thema betrifft
nicht nur die Baumaterialien, sondern die
gesamte Gebäudetechnik. Klimaanlagen wur-
EXPERTENBEITRÄGE 43
den in den vergangenen Jahrzehnten oft viel zu
groß angelegt und arbeiten unwirtschaftlich –
hier lassen sich meist bessere Resultate erzielen.
Monitore und Sensorik passen zum Beispiel
Temperaturen und Luftqualität perfekt an. Große
Flächen erleichtern die Reinigung. Kurzum:
Mannigfaltige Aspekte sind bei der baulichen und
technischen Ausstattung zu bedenken, um bestmögliche
Energieeffizenz zu erreichen.
Bausteine bei der Planung legen
Wird das Fundament für eloquente Bewirtschaftung
gleich bei der Planung gelegt, sind
Leistungen des Facility-Managements im laufenden
Betrieb viel leichter zu erbringen. Mixed-
Use-Gestaltung bietet per se die Gelegenheit
für Transformation. Dies betrifft auch ESG und
Kreislaufwirtschaft. Eine Wertsteigerung der Immobilie
und nachhaltige Prozesse sind die Folge.
Nicht zuletzt spart der Betreiber unterm Strich
bares Geld.
Win-Win-Situation für alle Partner
Persönlich sehe ich in meiner Branche in diesen
Punkten eine Bringschuld. Uns als Berater bei
Mixed-Use-Projekten einzuklinken und Input zu
geben, gerät der gesamten Immobilienbranche
zum Vorteil.
Facility-Dienstleister sollten bei der Planung von
gemischt genutzten Quartieren oder Handelsimmobilienverstärkt
ihr Know-how zur Verfügung
stellen. Oft agieren wir zu langsam. Auf der anderen
Seite rate ich Betreibern und Entwicklern,
schon in der Anfangsphase den profunden Erfahrungsschatz
der Branche anzuzapfen. Auch ihr
seid in der Verantwortung – kommt auf uns zu!
Ein Mixed-Use-Projekt betriebswirtschaftlich
auf festen Boden zu stellen, die Aufenthaltsqualität
zu steigern und Prozesse zu optimieren, nutzt
sowohl den Eigentümern, Mietern, Besuchern als
auch der Umwelt!
ZUR PERSON
Joaquin Jimenez Zabala ist Geschäftsführer
der WISAG Facility
Management Retail GmbH & Co.
KG.
Foto: Adobe Stock
Das Thema ESG betrifft nicht nur Baumaterialien, sondern die gesamte Gebäudetechnik.
44 EXPERTENBEITRÄGE
Jens Nußbaum
Vitalität, Individualität und
Mentalität als Kompass für
nachhaltige Investments
Wie erkennt man Innenstädte mit Zukunft? Wie verwandelt man alte Warenhäuser
in pulsierende Hotspots? Und wie gelingt der perfekte Nutzungsmix, der
Besucher anzieht und Investoren überzeugt? Die Antworten liegen in der DNA
der Innenstädte – entschlüsselt durch die Innenstadt-Indizien.
„Zeitenwenden“ gibt es viele – auch bei urbanen
Landschaften: Innenstädte, lange primär als
Handelsplätze gedacht, entwickeln sich zu multifunktionalen
Begegnungsräumen. Veränderungen
in den Konsumgewohnheiten, der Strukturwandel
im Einzelhandel und die Digitalisierung
wirken wie ein Katalysator. Doch aus Herausforderungen
erwachsen Chancen: Innenstädte
können neu erfunden werden – als pulsierende
Zentren, an denen Leben, Arbeiten, Einkaufen
und Erleben miteinander verschmelzen.
Für Investoren, Stadtentwickler und Immobilieneigentümer
stellt sich eine entscheidende
Frage: Welche Faktoren machen eine Innenstadt
zukunftsfähig? Alte Erfolgsindikatoren wie Kaufkraft
und Passantenfrequenz greifen zu kurz. Es
braucht ein umfassenderes Verständnis – eine
neue Perspektive, die wirtschaftliche, kulturelle
und gesellschaftliche Dimensionen miteinander
verbindet.
Die Lösung: die Entschlüsselung der „Innenstadt-DNA“.
Mit den drei Schlüsselindikatoren
– Vitalität, Individualität und Mentalität – bietet
Stadt + Handel einen wegweisenden Kompass,
um den Wandel aktiv zu gestalten. Dieser Ansatz
ermöglicht es, Innenstädte nicht nur zu analysie-
ren, sondern ihre Zukunft mit innovativen Konzepten
und nachhaltigen Strategien zu sichern.
Die Innenstadt als Ökosystem: Warum
klassische Kennzahlen versagen
Traditionelle Kennzahlen wie Kaufkraft, Zentralität
oder Passantenfrequenz haben ausgedient,
wenn es darum geht, die wahre Zukunftsfähigkeit
einer Innenstadt zu beurteilen. Sie messen
lediglich Symptome, bleiben jedoch blind für die
dynamischen Prozesse und tiefgreifenden Veränderungen,
die moderne Innenstädte heute prägen.
Entscheidende Faktoren wie soziale Interaktionen,
kulturelle Vielfalt und Innovationskraft
werden dabei oft ignoriert – dabei sind es genau
diese Aspekte, die die DNA einer erfolgreichen
Innenstadt ausmachen.
Innenstädte sind keine statischen Gebilde, sondern
lebendige Ökosysteme. Sie vereinen Wohnräume,
Erlebnisorte, wirtschaftliche Plattformen
und soziale Treffpunkte. Ihr Potenzial liegt im
Zusammenspiel von Menschen, Ideen und Orten,
das eine einzigartige Dynamik entfaltet – weit
über das hinaus, was klassische Kennzahlen abbilden
können. Es ist diese Vielschichtigkeit, die
den Weg zu einer zukunftsorientierten Entwicklung
ebnet.
EXPERTENBEITRÄGE 45
Hier kommen die Innenstadt-Indizien von Stadt
+ Handel ins Spiel: Vitalität, Individualität und
Mentalität. Sie sind der Schlüssel, um Multi-Use-
Objekte effektiv zu planen und zukunftssicher
zu gestalten. Durch die Verknüpfung wirtschaftlicher,
kultureller und gesellschaftlicher Dimensionen
bieten sie eine ganzheitliche Perspektive,
die über herkömmliche Ansätze hinausgeht.
Dieser Ansatz macht die verborgenen Potenziale
einer Innenstadt sichtbar und übersetzt sie in
tragfähige Nutzungskonzepte für Immobilien.
Mit den Innenstadt-Indizien wird die DNA eines
Standorts entschlüsselt, um maßgeschneiderte
Lösungen zu entwickeln, die sowohl die Anforderungen
der Zielgruppen als auch die spezifischen
Gegebenheiten berücksichtigen.
Die drei Indizien: Vitalität, Individualität und
Mentalität als Bausteine der Zukunft
Vitalität: Der Puls der Innenstadt
Vitalität ist mehr als nur Dynamik – sie ist die
treibende Kraft, die eine Innenstadt lebendig und
unwiderstehlich macht. Es geht um Vielfalt, Frequenz
und die Fähigkeit, Menschen zu begeistern.
Eine vitale Innenstadt ist ein Erlebnis: Sie
lockt Besucher mit einem Mix aus einzigartigen
Angeboten, schafft Orte, an denen man bleiben
möchte, und gibt immer neue Gründe, wiederzukommen.
Hier verschmelzen Handel, Kultur
und soziale Begegnungen zu einem pulsierenden
Herzschlag, der die Stadt am Leben hält und weiterwachsen
lässt.
Neue Vitalitätskriterien
Multi-Use statt Monostruktur: Eine smarte
Mischung aus Handel, Wohnen, Gastronomie,
Arbeit und Freizeit verwandelt Innenstädte in
pulsierende Drehkreuze urbanen Lebens. Diese
Vielfalt schafft nicht nur Anziehungspunkte, sondern
ermöglicht es auch, verschiedenste Zielgruppen
anzusprechen – vom Berufspendler bis
zur Familie auf Entdeckungstour. Multifunktionale
Nutzung ist der Schlüssel, um Innenstädte
stärker in den Alltag der Menschen zu integrieren
und ihnen eine neue Relevanz zu verleihen.
Temporäre Aktivierungen: Mit Pop-up-Konzepte,
urbanem Gärtnern oder kreativen Zwischennutzungen
kommt frischer Wind in die Innenstadt!
Diese Ansätze machen den Stadtraum
zu einem lebendigen Experimentierfeld voller
Überraschungen und Möglichkeiten. Sie schaffen
nicht nur neue Erlebnisse für Besucher, sondern
liefern auch wertvolle Erkenntnisse für langfristige
Konzepte. Temporäre Aktivierungen beweisen:
Flexibilität ist die neue Stärke.
Dynamische Nutzungen: Ständige Bewegung hält
die Innenstadt lebendig! Mit kreativen Angeboten
wie saisonalen Events, innovativen Freizeitmöglichkeiten
oder spontanen Erlebnisformaten
wird ein Ort geschaffen, der immer wieder überrascht
und begeistert. Regelmäßige Anpassungen
und Neuerungen sorgen dafür, dass Innenstädte
agil auf veränderte Bedürfnisse reagieren können.
So bleibt die Relevanz langfristig gesichert
und die Innenstadt entwickelt sich zu einem Ort,
der immer am Puls der Zeit bleibt.
Innovative Ansätze aus der Praxis
Köln zeigt, wie durch Quartiersprofilierung die
Hohe Straße und Schildergasse von touristischen
Attraktoren profitieren können. Hier entstehen
Experimentierräume, die von Pop-Up-Stores bis
zu Boulderhallen reichen und die Innenstadt beleben.
Bad Nauheim setzt auf eine stringente Verknüpfung
ihrer touristischen Highlights mit der Einkaufsinnenstadt.
Der konsequente Ausbau ihres
„digitalen Innenstadtmanagements“ und temporäre
Aktivierungen durch einen eigenen Pop-Up-
Store stärken die Vitalität der Kurstadt.
Ahaus geht einen innovativen Weg, indem es in
enger Partnerschaft mit einem ansässigen Softwarehaus
seine Innenstadt digitalisiert. Durch
digitale Services kann Ahaus Angebote darstellen,
die es in anderen Städten dieser Größe nicht
mehr gibt, und so seine Anziehungskraft erhöhen.
Strategische Frage: Was hält die Menschen in
der Stadt – und was bringt sie zurück?
Hier liegt der Schlüssel zur Zukunft der Innenstädte:
Sie müssen Erlebnisse schaffen, die begeistern,
und Orte bieten, die Menschen gerne
aufsuchen. Doch es geht um mehr als nur
Funktionalität. Eine attraktive Innenstadt muss
Herzen gewinnen, mit emotionalem Mehrwert
46 EXPERTENBEITRÄGE
Jede Stadt hat ihre eigene Story, und genau diese
wird zum Wettbewerbsvorteil. Die Geschichte
Ihrer Innenstadt ist nicht nur ein Rückblick in
die Vergangenheit, sondern ein kraftvolles Instrument,
um die Zukunft zu gestalten. Mit einer
bewusst entwickelten Erzählung schaffen Sie
Identität, die Menschen emotional anspricht, begeistert
und langfristig bindet. So wird Ihre Stadt
zu einem Ort, der im Gedächtnis bleibt.
Mentalität: Der Treibstoff für Innovation und
Zusammenarbeit
Die Mentalität einer Innenstadt steht für die Fähigkeit,
unterschiedliche Akteure zusammenzubringen
und eine kooperative, zukunftsorientierte
Governance zu etablieren. Flexibilität, Agilität
und der Wille zur Innovation sind hier entscheidend,
um nachhaltige Entwicklungen voranzuüberzeugen
und zugleich Raum für dynamische
Entwicklungen bieten. Nur so wird sie zum unverzichtbaren
Teil des urbanen Lebens.
tät zu werden. Diese kulturellen Highlights verwandeln
die Innenstadt in einen Ort voller Energie
und Faszination.
Individualität: Der Charakter als
Wettbewerbsvorteil
In einer Welt, die immer gleichförmiger erscheint,
wird Individualität zum entscheidenden
Joker im Wettbewerb. Sie gibt jeder Innenstadt
ihren einzigartigen Charakter und hebt sie markant
aus der Masse heraus. Mit einer unverwechselbaren
Identität, die Herzen berührt und Köpfe
begeistert, schafft sie emotionale Verbindungen
zu Bewohnern und Besuchern gleichermaßen.
Gleichzeitig wird die Stadt durch ihren besonderen
Reiz zu einem globalen Magneten und einer
unverkennbaren Destination.
Neue Individualitätskriterien
Architektur und Raum: Historische Bauten treffen
auf moderne Visionen – und genau darin liegt
die Magie! Wenn zeitlose Kulissen mit innovativer
Architektur verschmelzen, entsteht eine Atmosphäre,
die Vergangenheit und Zukunft miteinander
verwebt. Historische Gebäude verleihen
der Innenstadt Authentizität, während moderne
Elemente zeitgemäße Bedürfnisse erfüllen und
den Charakter der Stadt stärken. Das Ergebnis?
Ein Raum, der Menschen begeistert und sie zum
Verweilen einlädt.
Innovative Ansätze aus der Praxis
Münster ist ein Paradebeispiel für eine Innenstadt,
die durch ihr starkes, baukulturelles Erbe
und ihre Aufenthaltsatmosphäre besticht. Die
konsequente Positionierung als Fahrradstadt,
das lebendige studentische Leben und eine starke
Stadtmarketingorganisation tragen zur Attraktivität
der Innenstadt bei.
Bayreuth, bekannt für die Wagnerfestspiele,
zeigt, wie eine pulsierende Akteurs- und Quartierslandschaft
die Innenstadt beleben kann. Vom
verwinkelten Gassenviertel bis zur quirligen Richard-Wagner-Straße,
von der Skater-Szene bis
zum Weltkulturerbe – Bayreuth vereint Tradition
und Moderne auf einzigartige Weise.
Einbeck nutzt sein durch Fachwerk geprägtes
Stadtbild als Grundlage, um sich als Place-tobe
für Oldtimer- und Bockbierfreunde zu positionieren.
Diese gezielte Ausrichtung auf spezifische
Interessen schafft eine unverwechselbare
Identität.
Strategische Frage: Welche Geschichte erzählt
Ihre Innenstadt – und wie wird sie weitererzählt?
Local Heroes: Regionale und lokale Akteure sowie
kreative Start-ups, charmante Familienbetriebe
und traditionsreiche Geschäfte sind
die Herzschläge einer lebendigen Innenstadt.
Sie verleihen Authentizität, bringen Vielfalt und
schaffen Erlebnisse, die unverwechselbar und
einzigartig sind. Mit ihrer Einzigartigkeit machen
sie die Innenstadt zu einem Ort, der nirgendwo
sonst reproduziert werden kann – ein echtes
Unikat im urbanen Wettbewerb.
Kulturelle Trigger: Kunstinstallationen, Festivals
und Szene-Quartiere setzen Akzente, die eine Innenstadt
unverwechselbar machen. Sie sind weit
mehr als bloße Anziehungspunkte: Sie prägen die
kulturelle Identität der Stadt, schaffen inspirierende
Begegnungsräume und laden Menschen
ein, Teil einer lebendigen und kreativen Urbani-
EXPERTENBEITRÄGE 47
Grafik: Stadt und Handel
treiben. Es geht darum, partizipative Prozesse
zu schaffen und interdisziplinäre Teams aufzubauen,
die agil auf Herausforderungen reagieren
und gemeinsam kreative Lösungen entwickeln.
Diese Mentalität macht den Unterschied zwischen
Stillstand und Fortschritt – sie schafft die
Basis für eine Innenstadt, die mit Dynamik und
Zusammenhalt überzeugt.
Neue Mentalitätskriterien
Agile Governance: Die Governance der Zukunft
erfordert Flexibilität und Zusammenarbeit auf
höchstem Niveau. Statt starrer Verwaltungsstrukturen
treten dynamische Task Forces und
interdisziplinäre Teams in den Vordergrund.
Diese agilen Einheiten ermöglichen es, rasch auf
Veränderungen zu reagieren und maßgeschneiderte
Lösungen zu entwickeln. Für Investoren
und Entwickler bedeutet dies, dass Projekte effizienter
und nachhaltiger geplant und umgesetzt
werden können.
Öffentlich-Private Partnerschaften: Eine entscheidende
Rolle spielen öffentlich-private Partnerschaften.
Nur wenn Städte, Investoren und
weitere Stakeholder gemeinsam agieren, entstehen
Synergien, die weit über das hinausgehen,
was einzelne Akteure allein erreichen könnten.
Solche Kooperationen schaffen nicht nur Effizienz
und Vertrauen, sondern ermöglichen auch
eine strategische und nachhaltige Stadtentwicklung.
Innovationsgeist: Ein ausgeprägter Innovationsgeist
ist schließlich unverzichtbar. Mutige, kreative
Ansätze und die Bereitschaft, neue Wege zu
beschreiten, sind essenziell, um die Innenstädte
für die Zukunft zu rüsten. Dabei geht es nicht
nur um technologische Innovationen, sondern
auch um die Fähigkeit, etablierte Muster infrage
zu stellen und neue Perspektiven zu erschließen.
Diese Innovationskraft macht die Innenstadtentwicklung
zu einem zukunftssicheren Erfolgsmodell.
Innovative Ansätze aus der Praxis
Koblenz hat mit dem ersten Business Improvement
District in Rheinland-Pfalz neue Wege im
Governanceaufbau beschritten. Durch eine partizipative
Innenstadtprofilierung wurden klare
48 EXPERTENBEITRÄGE
Pläne für unterschiedlich geprägte Multi-Use-
Quartiere entwickelt.
In Coburg haben die „Stadtmacher“ ein hochmotiviertes,
interdisziplinäres Innenstadtteam gebildet,
das aus der Wohnungsbaugesellschaft, der
Wirtschaftsförderung und dem Citymanagement
besteht. Dieses Team hat diverse Pop-Up-Nutzungen
initiiert und bietet den „Gesichtern der
Innenstadt“ eine Plattform.
Waiblingen zeigt mit dem Event „Waiblingen
leuchtet“, wie neue Allianzen geschmiedet werden
können. Durch Illuminationen und Projektionen
erstrahlt die Altstadt in neuem Glanz, was
die „Macherqualitäten“ der dortigen Innenstadtakteure
unterstreicht. Hier werden mutige Zukunftsszenarien
entworfen und umgesetzt.
Stolberg hat sich nach einer verheerenden Flut
im Jahr 2021 neu erfunden. Durch Mut, Innovationsgeist
und frische Ideen setzt die Innenstadt
auf moderne Angebote und Gastronomie, unterstützt
durch notwendige Profilierungsschritte.
fasst, ob die Innenstadt auch außerhalb von Geschäftszeiten
frequentiert wird. Hierzu können
Mobilitätsdaten oder Verkehrsdaten von Mobilfunkanbietern
genutzt werden, um eine kontinuierliche
Nutzung zu bewerten.
Angebotsvielfalt: Eine Indexbildung, die Handels-,
Gastronomie-, Freizeit- und Wohnangebote
erfasst, bewertet die funktionale Durchmischung.
Event-Engagement: Die Anzahl und Resonanz
von temporären Aktivitäten wie Pop-Up-Events
oder Festivals spiegelt die kulturelle Dynamik
wider.
Individualität: Charakter durch Daten sichtbar
machen
Architektonische Vielfalt: Eine Kartierung und
Analyse historischer sowie moderner Gebäude
bewertet die ästhetische Qualität.
Strategische Frage: Wie gut funktionieren die
„Macher“ der Innenstadt zusammen?
Die zentrale Herausforderung besteht darin, die
Zusammenarbeit der „Stadtmacher“ zu optimieren.
Es gilt, die verschiedenen Akteure zu vernetzen
und ihre Stärken zu bündeln, um gemeinsam
innovative und nachhaltige Lösungen zu entwickeln.
Eine starke Mentalität, geprägt von Kooperation
und Innovationsfähigkeit, ist der Schlüssel
zur erfolgreichen Transformation der Innenstädte.
Lokale Markenpräsenz: Der Anteil und die Entwicklung
von regionalen Händlern, Start-ups
und „Local Heroes“ werden dokumentiert und in
Bezug zu Standardisierten Angeboten gesetzt.
Storytelling-Index: Befragungen von Bewohnern
und Besuchern sowie Social-Media-Analysen
identifizieren, wie stark die Geschichte der Stadt
wahrgenommen und weitererzählt wird.
Mentalität: Kooperationskraft und
Innovationsfähigkeit
Operationalisierbarkeit und Messung der Innenstadt-Indizien:
Von der Theorie zur Praxis
Die Innenstadt-Indizien bieten einen klaren
Kompass für die Bewertung und Entwicklung
zukunftsfähiger Stadtkerne. Doch wie werden
diese Konzepte greifbar und messbar? Durch
eine präzise Kombination quantitativer Daten
und qualitativer Analysen wird aus einer Idee ein
praktisches Werkzeug, das die Potenziale einer
Innenstadt sichtbar macht und Investitionen auf
ein solides Fundament stellt.
Vitalität: Messung der urbanen Energie
24/7-Nutzung: Die Analyse der Aktivität in verschiedenen
Tageszeiten und Wochentagen er-
Netzwerkindikatoren: Die Anzahl und Intensität
öffentlich-privater Partnerschaften sowie interdisziplinärer
Teams werden bewertet.
Flexibilität von Entscheidungsstrukturen: Die
Analyse von Entscheidungsprozessen (z. B. Geschwindigkeit
der Genehmigung von Bauprojekten
oder neuen Konzepten) zeigt, wie agil und
anpassungsfähig die lokale Governance ist.
Innovationsscore: Der Anteil neuer und unkonventioneller
Projekte im Vergleich zu traditionellen
Konzepten dient als Indikator für den Innovationsgeist.
EXPERTENBEITRÄGE 49
Grafik: Stadt und Handel
Handlungsempfehlungen für Projektentwickler
und Investoren
Die erfolgreiche Transformation von Innenstadt-
Immobilien erfordert strategische Weitsicht und
gezielte Maßnahmen. Für Projektentwickler und
Investoren sind folgende Schritte entscheidend,
um die Innenstadt-DNA zu entschlüsseln und in
wertschöpfende Projekte umzusetzen:
Analyse der Innenstadt-DNA mit den drei Indizien:
Der erste Schritt ist eine gründliche Analyse
der spezifischen DNA der Innenstadt, indem die
drei Indizien – Vitalität, Individualität und Mentalität
– untersucht werden. Diese Analyse bietet
wertvolle Einblicke in die Stärken und Schwächen
des Standorts und bildet die Grundlage für
fundierte Investitionsentscheidungen.
Entwicklung tragfähiger Mixed-Use-Nutzungen
auf Basis der Ergebnisse: Auf Basis der Analyse
sollten Mixed-Use-Nutzungen entwickelt werden,
die den spezifischen Anforderungen und
Potenzialen der Innenstadt gerecht werden. Diese
Konzepte sollten Handel, Wohnen, Kultur und
Freizeit integrieren, um eine dynamische und
attraktive städtische Umgebung zu schaffen, die
langfristig Erträge sichert.
Aufbau agiler Governance-Strukturen mit öffentlicher
und privater Beteiligung: Agile Governance-Strukturen
sind entscheidend, um den
Wandel effektiv zu steuern. Der Aufbau solcher
Strukturen sollte die Zusammenarbeit zwischen
öffentlichen und privaten Akteuren fördern, um
Synergien zu nutzen und die Entwicklungsziele
effizient zu erreichen. Investoren profitieren von
klaren Entscheidungswegen und einer stabilen
Partnerschaft mit der Stadt.
Pilotprojekte und temporäre Nutzungen als
„Quick Wins“: Pilotprojekte und temporäre Nutzungen
bieten die Möglichkeit, schnell sichtbare
Erfolge zu erzielen und das Engagement aller Beteiligten
zu stärken. Diese „Quick Wins“ dienen
als Testfelder für innovative Konzepte und helfen,
das Vertrauen in den Transformationsprozess
zu festigen, was wiederum die Attraktivität des
Standorts für weitere Investitionen erhöht.
Verstetigung durch kontinuierliches Monitoring
und Weiterentwicklung: Um die langfristige
Wirkung der Maßnahmen zu sichern, ist ein
kontinuierliches Monitoring unerlässlich. Regelmäßige
Überprüfungen und Anpassungen der
Strategien stellen sicher, dass die Innenstadt-
50 EXPERTENBEITRÄGE
entwicklung auf Kurs bleibt und flexibel auf neue
Herausforderungen reagieren kann. Eine stetige
Weiterentwicklung der Konzepte gewährleistet,
dass die Innenstadt auch in Zukunft ein attraktiver
und rentabler Investitionsstandort bleibt.
Durch die Umsetzung dieser Schritte können
Projektentwickler und Investoren die Transformation
von Innenstädten aktiv gestalten
und nachhaltige, zukunftsfähige Stadtquartiere
schaffen, die sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich
erfolgreich sind.
Fazit: Der Kompass für Investitionen in die
Zukunft
Eine erfolgreiche Immobilie beginnt in einer erfolgreichen
Innenstadt. Die Innenstadt-Indizien
von Stadt + Handel können ein zentraler Schlüssel
sein, um wirtschaftliche Ertragsmodelle auf
eine solide Basis zu stellen und strategische Entscheidungen
mit Weitblick zu treffen. Mit ihrer
gezielten Anwendung können Investoren und
Entwickler nicht nur Risiken minimieren, sondern
auch neue Chancen erschließen. Sie liefern
Antworten auf die entscheidenden Fragen: Wo
lohnt sich ein Invest? Welche Standorte haben
Zukunft? Und welche Nutzungskonzepte sichern
langfristigen Erfolg?
Als innovativer Dienstleister und Vordenker
versteht sich Stadt + Handel als Brückenbauer
zwischen privater Immobilienwirtschaft und
kommunaler Stadtentwicklung. Mit unserem
ganzheitlichen Ansatz verbinden wir wirtschaftliche
Expertise mit tiefem Verständnis für urbane
Dynamik. Wir denken über den Tellerrand hinaus,
um lebenswerte und wirtschaftlich erfolgreiche
Innenstädte zu gestalten.
Die Innenstadt-Indizien sind mehr als ein Werkzeug
– sie sind Ihr strategischer Partner auf dem
Weg zu einer nachhaltigen, profitablen und einzigartigen
Innenstadt. Unsere messbaren Indikatoren
machen Erfolg nicht nur sichtbar, sondern
schaffen die Grundlage für kontinuierliche Optimierung.
Denn eins ist klar: Die Zukunft der Innenstädte
gehört denen, die mutig handeln und
ihre Visionen Realität werden lassen.
Foto: Adobe Stock
Die Innenstadtentwicklung muss auf Kurs bleiben und
auf Herausforderungen flexibel reagieren.
ZUR PERSON
Jens Nußbaum ist seit 2016 bei
Stadt + Handel verantwortlich
für den Geschäftsbereich Stadtentwicklung.
Dort erarbeitet er
mit seinen Kolleginnen und Kollegen
nicht nur Strategien für
Innenstädte, Stadtquartiere und
Innenstadtimmobilien, sondern
versucht dauerhaft tragfähige
Governancestrukturen für eine
erfolgreiche Innenstadt- und
Standortentwicklung aufzubauen.
Denn nur so lassen sich für
ihn lebenswerte, liebenswerte
und lohnenswerte Stadtzentren
entwickeln.
BROCKHOFF RETAIL –
37 JAHRE ERFAHRUNG IN DER
VERMIETUNG UND IM VERKAUF
VON IMMOBILIEN IN
DEUTSCHEN INNENSTÄDTEN.
Unser Team kennt jede Einkaufsstraße in ganz
Deutschland und ist auf die Vermietung
von Ladenlokalen in 1A-Lagen sowie den
Verkauf von Geschäftshäusern und
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Sprechen Sie uns an! Wir finden die optimale Lösung
für Ihre einzelhandelsgenutzte Immobilie!
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52 EXPERTENBEITRÄGE
Alexander Nuyken
Sarah Hoffmann
Life Science –
Chance für
leerstehende
Warenhäuser
Der Einzelhandel befindet sich in einem permanenten Wandel, der nahezu alle Nutzungsarten von
Handelsimmobilien betrifft. Besonders im Fokus stehen die Warenhäuser: Mit der Schließung zahlreicher
Galeria-Standorte in den vergangenen Monaten stehen viele Städte vor der Herausforderung,
neue Nutzungskonzepte für diese zentral gelegenen Immobilien zu finden. Durch die zahlreichen
Sparrunden der vergangenen Jahrzehnte – zunächst bei Hertie, dann bei Karstadt und schließlich
bei Galeria Kaufhof – sind Kommunen und Immobilienwirtschaft bereits häufiger vor diese Herausforderung
gestellt worden. Doch wurde in der Vergangenheit eine Nachfolgeoption kaum beachtet,
die durch die Pandemie nun stärker in den Fokus gerückt ist: Life Science.
Diese Branche umfasst Forschung und Anwendungen
in den Bereichen Biotechnologie, Pharmazie,
Medizintechnik und verwandten Feldern.
Life Science ist eine Wachstumsbranche mit hohem
Innovationspotenzial, die sich mit der Verbesserung
von Gesundheit und Lebensqualität
beschäftigt und damit direkte Auswirkung auf die
Gesellschaft hat.
Warum Warenhäuser für Life Science geeignet
sind
Auf den ersten Blick mag die Verbindung zwischen
Einzelhandel und Life Science nicht offensichtlich
sein. Doch Warenhäuser besitzen viele
Eigenschaften, die sie für Life-Science-Nutzungen
prädestinieren.
Unternehmen aus dieser Branche suchen oft
weitläufige Räume für Labore und Büros, was
Warenhäuser mit ihren großen Flächen bieten
können. Denn während die meisten Nutzungsarten
mit tiefen Räumen ohne Tageslicht hadern,
arbeiten Life-Science-Einheiten meist unter
künstlichem Licht.
Die zentrale Lage ehemaliger Einzelhandelsimmobilien
ist auch für die Life-Science-Branche
von Vorteil, da sie nicht nur gut an den öffentlichen
Nahverkehr angebunden sind, sondern
ebenso ein attraktives und lebendiges Umfeld
bieten, was zusätzlich zur Attraktivität des Arbeitgebers
beiträgt.
Zudem erfüllen Warenhäuser viele technische
Voraussetzungen wie Raumtiefe, Deckenhöhe,
Traglast und vorhandene Infrastruktur wie Lastenaufzüge,
die ideal für Laboreinrichtungen
sind. Die Gebäudestruktur erlaubt zudem eine
flexible Mischnutzung, bei der Einzelhandel in
den unteren Etagen bestehen bleiben kann.
EXPERTENBEITRÄGE 53
Foto: Adobe Stock
Synergien zwischen Einzelhandel und
Life Science
Denn eine Umnutzung muss nicht das generelle
Ende des Einzelhandels an diesen Standorten bedeuten.
Vielmehr ergeben sich neue Möglichkeiten
für synergetische Konzepte. Gesundheitsorientierte
Einzelhandelskonzepte wie Ernährung,
Sport und Freizeit passen hervorragend zum Life-Science-Umfeld.
Filialisten wie die expansive
Sportkette Decathlon, Textilhändler, Nahversorger
und Drogerien sind eine sinnvolle Ergänzung
für Mixed-Use-Immobilien. Zu oft wird in der
Debatte um die Nachnutzung von Warenhäusern
in „entweder oder“ gedacht, dabei bietet „sowohl
als auch“ viele Möglichkeiten.
Ein attraktives gastronomisches Angebot kann
die Standortqualität zudem für alle Nutzer steigern.
Auch Bildungs- und Kultureinrichtungen
wie Museen können das Konzept abrunden und
zu einer „Themenimmobilie“ beitragen. Die Integration
von Life-Science-Flächen kann sogar positive
Impulse für den umliegenden Einzelhandel
setzen, da die Branche in der Regel überdurchschnittlich
gut bezahlte Arbeitsplätze bietet, was
die Kaufkraft in der Umgebung stärkt.
Trotz des Potenzials ist eine Umnutzung aber
kein Selbstläufer, sondern erfordert einige wichtige
Faktoren, um erfolgreich umgesetzt zu werden.
So profitieren Life-Science-Unternehmen
von der Nähe zu Universitäten, Forschungseinrichtungen
und anderen Branchenakteuren,
weshalb das Ökosystem eine entscheidende Rolle
spielt. Zudem kann die Umnutzung langwierige
behördliche Prozesse erfordern, und der Umbau
zu Laborflächen ist mit erheblichen Investitionen
verbunden. Nicht zuletzt muss die Öffentlichkeit
über klare Kommunikation für das neue Nutzungskonzept
gewonnen werden.
Eine Chance für die Zukunft der Innenstädte
Die Umnutzung von Warenhäusern zu Life-
Science-Flächen bietet eine spannende Perspektive
für den Strukturwandel in den Innenstädten.
Sie ermöglicht es, zukunftsträchtige Branchen in
die Zentren zu holen und gleichzeitig neue Impulse
für den Einzelhandel zu setzen. Entscheidend
ist, dass das Konzept offen mit dem Umfeld
korrespondiert. Eine gelungene Integration
von Life-Science-Nutzungen kann Urbanität und
Zukunftsfähigkeit verbinden und so zu einer Belebung
der Innenstädte beitragen. Für Einzelhändler,
Immobilieneigentümer und Stadtplaner
lohnt es sich, diese Option in ihre Überlegungen
einzubeziehen.
Erfolgreiche Beispiele aus den USA belegen bereits,
dass die Umwandlung von Einzelhandelsflächen
in Life-Science-Immobilien funktionieren
kann. Es liegt nun an uns, dieses Potenzial auch
in Deutschland zu erkennen und zu nutzen. Mit
Kreativität, Offenheit für neue Ideen und einer
engen Zusammenarbeit aller Beteiligten können
wir die Herausforderungen des Strukturwandels
im Einzelhandel in Chancen für lebendige und
zukunftsfähige Innenstädte verwandeln.
ZUR PERSON
Alexander Nuyken ist bei JLL Head
of Life Sciences Markets für die
Region EMEA.
Unternehmen aus der Life-Science Branche suchen
weitläufige Räume für Labore und Büros.
Sarah Hoffmann ist Head of Retail
Investment bei JLL Germany
54 EXPERTENBEITRÄGE
Benjamin Schrödl
Wann und wo
Warenhaus-Umnutzungen
wirtschaftlich sind
Warenhäuser, einst zentrale Anziehungspunkte in den deutschen Innenstädten,
haben durch den Aufstieg des Fachhandels, der Shopping Center und des
Online-Handels an Bedeutung verloren. In allen Stadtgrößen haben die Schließungswellen
der letzten Jahre zu einer Vielzahl leerstehender Gebäude geführt,
deren Zukunft ungewiss ist.
Vor diesem Hintergrund rückt erneut die Frage
nach einer sinnvollen Nachnutzung für die enormen
Baukörper in den Fokus. Das große öffentliche
Interesse aufgrund der zentralen Standorte
der Gebäude innerhalb vieler Innenstädte stellt
nur einen Grund für die hohe Relevanz einer
zeitnahen Nachnutzung dar. Insbesondere in
kleineren Städten haben die Warenhäuser den
umliegenden Einzelhandel langfristig beeinflusst
und eine Schließung der Warenhäuser wirkt sich
zwangsläufig negativ auf die Attraktivität der Innenstädte
aus.
Ehemalige Warenhäuser könnten grundsätzlich
auch ohne bauliche Veränderungen weitergenutzt
werden. Aufgrund ihrer Ausrichtung auf einen
einzigen Betreiber und der hohen Betriebskosten
hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
dass die direkte Nachvermietung ohne Umbau
wirtschaftlich wenig attraktiv ist. Daher sind in
den allermeisten Fällen bauliche Veränderungen
notwendig, um die Flächen zu teilen und wirtschaftlich
sinnvoll nutzen zu können. Umnutzungen
in Mixed-Use-Immobilien sind dabei die
erfolgreichste Lösung. Hierbei werden verschiedene
Nutzungen wie beispielsweise Büros, Einzelhandel,
Wohnen, Gastronomie, Hotels, Senio-
ren sowie die öffentliche Nutzung (z.B. Gericht,
Schulen, Bibliotheken, Vereine) in einem Objekt
kombiniert. Neben den wirtschaftlichen Argumenten
für Mixed-Use-Nutzung sind die gesteigerte
Nutzungsattraktivität für Bürgerinnen und
Bürger sowie die höhere Resilienz (durch reduziertes
Mietausfallrisiko) gute Argumente.
Neben der architektonischen und rechtlichen
Machbarkeit ist insbesondere die Wirtschaftlichkeit
einer Umwandlung hoch relevant. Ist das
Projekt wirtschaftlich tragfähig mit zukünftigem
Mietermix? Wie hoch sind erforderliche Investitionskosten?
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
einer A-Stadt fallen deutlich anders aus
als die einer D-Stadt. Wie groß sind daher regionale
Unterschiede im Hinblick auf erzielbare
Mieten?
Mit dem Ziel, diese Fragen zu beantworten, wurden
im Rahmen einer PwC-Studie alle 37 Warenhäuser
der Schließungswelle Juni 2023 und
Januar 2024 anhand der Residualwertmethode
betrachtet. Ziel war hierbei die Ableitung durchschnittlicher
Investitionskosten, welche aufzeigt,
wie viel Kapital für den Erwerb der ehemaligen
Kaufhäuser maximal aufgewendet werden könnte,
sodass das Projekt noch rentabel ist, unter
EXPERTENBEITRÄGE 55
Berücksichtigung der jeweiligen Mietniveaus je
Stadtgröße.
Im Fokus lag zunächst die Ermittlung des potenziellen
Marktwertes anhand marktüblicher Mieten
sowie Vervielfältiger der umgenutzten Immobilie
und erforderlicher Investitionskosten sowie
im weiteren maximal tragbare Erwerbskosten.
Die Flächen wurden modellhaft auf unterschiedliche
Mixed-Use Nutzungsarten aufgeteilt: Einzelhandel
(34,7 %), Büro/Öffentliche Nutzung (22,2
%), Wohnen (17,4 %), Gastronomie (11,8 %) sowie
Hotel (9,7 %) und Senioren (4,2 %).
Die Erkenntnisse der Analyse lassen sich wie folgt
zusammenfassen: Für die Realisierung der verschiedenen
neuen Nutzungen wie Wohnen und
Büro/öffentliche Nutzung sind strukturelle Umbaumaßnahmen
erforderlich, um unter anderem
eine arbeitsrechtlich zulässige natürliche Belichtung
und Belüftung der Räume zu gewährleisten.
Ferner sind Anforderungen an den Brandschutz,
die Barrierefreiheit sowie die Energieeffizienz
zu berücksichtigen. Aufgrund dieser bautechnischen
Komplexität sind für die Umnutzung signifikante
Investitionsvolumina erforderlich. Die
Kosten inkludieren neben den reinen Baukosten
die Kosten zur Finanzierung des Ankaufs sowie
des Umbaus, Transaktionskosten sowie den Entwicklergewinn.
Die Baukosten inklusive Nebenkosten
belaufen sich nach detaillierter Analyse
auf 2.400 bis 3.700 Euro/qm je Bruttogrundfläche
(BGF).
Nach Ermittlung der Residuen der betrachteten
Standorte ergibt sich eine breite Spanne der Ergebnisse
von -1.980 bis 3.530 Euro/qm BGF. Negative
Residuen ergeben sich aus einer höheren
Summe der erforderlichen Baukosten im Vergleich
zu den erzielbaren Einnahmen. Die Berechnungen
zeigen, dass die Umnutzung in den
guten Lagen der deutschen Metropolen bzw.
Oberzentren (zumeist A- und B-Standorte), trotz
der hohen Baukosten, aufgrund der vergleichsweise
hohen erzielbaren Marktmieten überwiegend
wirtschaftlich ist. Das abgeleitete Residuum
befindet sich auf vergleichbarem Niveau
mit bisherigen Warenhaus-Transaktionen und
kann daher als plausibel erachtet werden. In den
wirtschaftlich starken Metropolregionen sind die
Residuen höher als an den anderen Standorten.
Der Kaufpreis von Warenhaus-Immobilien in den
Jahren 2022 bis 2024 bewegt sich in einer Spanne
von 560 bis 1.950 Euro/qm und beträgt im Durchschnitt
1.240 Euro/qm.
Die Analysen haben ebenfalls gezeigt, dass in
den kleineren Städten (C- und D-Standorte) die
wirtschaftliche Ertragskraft (aus Mietansätzen
für Mischnutzung) der umgenutzten Gebäude
nicht ausreicht, um die hohen Baukosten für
die Umnutzung zu erwirtschaften. Somit ist das
angenommene Nutzungskonzept nicht an allen
Standorten wirtschaftlich attraktiv. An einfachen
Standorten ist daher eine detaillierte Betrachtung
durch beispielsweise die Anpassung
des Nutzungsmixes an die lokalen Gegebenheiten
zwingend erforderlich.
In kleineren Städten nehmen die Warenhäuser
auf städtebaulicher und sozialer Ebene eine besonders
große Bedeutung ein. Die Mixed-Use-
Lösung ist auch hier eine bereichernde Nachnutzung,
welche sich allerdings wirtschaftlich
zumeist nicht selbst trägt. Die Konsequenz ist,
dass primär wirtschaftlich orientierte Investoren
an diesen Standorten nicht investieren können.
Hieraus resultiert die Notwendigkeit der finanziellen
Unterstützung der Gemeinden wie etwa
durch den Ankauf der Grundstücke oder durch
Baukostenzuschüsse. Dies ist aber politisch abzuwägen,
da öffentliche Gelder eingesetzt werden
müssen. Die Spanne der Baukosten an den
C- und D-Standorten beträgt, abhängig von der
Größe der Immobilie und den regionalen Baukostenunterschieden,
mindestens 32 bis 125 Mio.
Euro. Die frühzeitige Aufnahme der Diskussion
aller Beteiligten ist essenziell.
ZUR PERSON
Benjamin Schrödl ist Partner
bei PwC Deutschland im Bereich
M&A. Seit 16 Jahren berät er namhafte
deutsche und internationale
Mandanten aus verschiedenen
Branchen im Rahmen von Transaktionen
und Immobilienprojekten.
56 EXPERTENBEITRÄGE
Lena Knopf
Mischnutzungen
in Shopping Centern –
ein Überblick
Mischnutzungen in Shopping-Centern sind kein gänzlich neues Thema. Die ältesten
Belege dafür, wie z.B. das Nordwestzentrum in Frankfurt, reichen in die
1960er Jahre zurück – die Anfangszeit der Shopping Center in Deutschland. Im
Laufe der Jahrzehnte wurden immer mehr Einkaufszentren multifunktional konzipiert.
Dieser Beitrag fasst die Gründe für Mischnutzungen in Shopping Centern
zusammen und beleuchtet den Status Quo sowie die zukünftige Dynamik.
Gründe und Ursachen für die Zunahme von
Mixed-Use
Die Hauptgründe für die Umsetzung von Mischnutzungskonzepten
gegenüber einer reinen Retailnutzung
bestehen in der optimalen Bewirtschaftung
der vorhandenen Flächen und Etagen
sowie einer höheren und stabileren Frequenz bei
Erhöhung der Verweildauer der Kundinnen und
Kunden. Entweder wird die Multifunktionalität
bereits vorab in die Planung und Konzeption des
Shopping-Centers integriert oder im Rahmen
von Revitalisierungen bzw. Repositionierungen
nachträglich umgesetzt. Letzteres ist häufig der
Fall, wenn großflächige Ankermieter wegfallen,
deren Nachvermietung problematisch ist, oder
sich insgesamt Leerstände im Objekt manifestiert
haben.
Gelingt die sinnvolle Mischung, erzeugen die verschiedenen
Nutzungen untereinander Synergieeffekte,
wenn die Kundinnen und Kunden vor Ort
mehrere zu erledigende Angelegenheiten kombinieren
können. Doch welche Angebote passen besonders
gut zusammen? Konsumentenbefragungen
zeigen, dass der tägliche Versorgungseinkauf
gerne mit der Arbeit, aber auch Behörden- bzw.
Bankbesuchen, Arztterminen oder Dienstleistungen
wir Friseur oder Reinigung kombiniert wird.
Handelt es sich um einen entspannten Einkaufsbummel,
wird dieser von den Kunden am liebsten
mit einem Besuch der Gastronomie oder dem
Treffen von Freunden und Familie kombiniert.
Die Vorteile der Shopping Center liegen diesbezüglich
einerseits im professionellen Management,
welches die einzelnen Nutzungen sinnvoll
zusammenstellt, sowie in der sehr guten Erreichbarkeit.
Anderseits bestehen immer häufiger passende
Flächenverfügbarkeiten, da der Leerstand
in Shopping Centern innerhalb der vergangenen
fünf Jahre gestiegen ist. Waren im Jahr 2019 noch
zwei Drittel der Center in der optimalen Position,
über einen Leerstand von nur bis zu drei Prozent
der Retail-Mietfläche zu verfügen, ist es im Jahr
2024 nur noch ein Drittel der Center. Im gleichen
Zeitraum hat sich der Anteil der Center mit Leerständen
von mehr als fünf Prozent der Retail-
Mietfläche verdoppelt und liegt bei 44 Prozent.
Umfang der Mixed-Use-Flächen
in Shopping Centern
Wieviel Mixed-Use-Flächen gibt es in den Shopping-Centern
in Deutschland aktuell? Hier
wird zunächst deutlich, dass der Fokus bei den
Flächenanteilen weiterhin klar auf Retail liegt.
Knapp die Hälfte (46 Prozent) der Shopping-Cen-
EXPERTENBEITRÄGE 57
ter beherbergen Mischnutzungen auf bis zu zehn
Prozent der Mietfläche. Ein Fünftel der Center
hat einen Anteil der Mischnutzungen auf elf bis
20 Prozent der Mietfläche, der Rest liegt darüber
– dies ist individuell sehr abhängig von der Flächenstruktur
und Geschossigkeit der Immobilie.
Fast jedes dritte Center (32 Prozent) befasst sich
aktuell mit einer Komprimierung der Retail-Fläche
zugunsten von mehr Mischnutzungen, hat
diese Maßnahme entweder aktuell in Planung
oder bereits in den vergangenen fünf Jahren
durchgeführt.
Art der Nutzung
Bereits heute sind Büros die häufigste in Shopping-Centern
anzutreffende Mischnutzung, sie
gehören in 61 Prozent der Center zum Nutzungsmix.
Aber auch Nutzungen aus dem Bereich Gesundheitswesen
sind verbreitet und in mehr als
der Hälfte der Center zu finden. Die dritthäufigste
Mischnutzung ist der Bereich Freizeit, Entertainment
und Sport und gehört in 38 Prozent der
Center zum Nutzungsmix. Weniger häufig sind
Wohnungen (20 Prozent der Center) und öffentliche
Einrichtungen (16 Prozent) wie Behörden
oder Bibliotheken, noch seltener Hotels oder
Schulen (acht Prozent).
Besonders viel Gestaltungspotenzial und Synergiechancen
werden dem Bereich Freizeit zugeschrieben.
Gemeinsam mit der Branche Gesundheitswesen
und Arztpraxen ist es aktuell
die Mischnutzung mit der größten Dynamik. Am
häufigsten sind dabei Fitnessstudios – jedes dritte
Center verfügt über ein Fitnessstudio – und
Indoor-Spielplätze (jedes fünfte Center verfügt
über einen Indoor-Spielplatz).
ZUR PERSON
Lena Knopf studierte von 2006
bis 2013 Humangeographie an der
Universität Münster und an der
University of Exeter. Nach einer
Masterarbeit über Shopping Center
in Mittelstädten und einem
Praktikum in der Researchabteilung
der mfi AG setzte sie ihre Forschung
über Handelsimmobilien
ab dem Jahr 2013 als Projektleiterin
im Forschungsbereich Immobilen
& Expansion des EHI Retail
Institutes fort. Sie ist verantwortlich
für verschiedene Forschungsprojekte,
Publikationen und Veranstaltungen
und gibt seit 2023
den EHI Shopping-Center Report
heraus.
60 EXPERTENBEITRÄGE
Olaf Ley
Die Chancen verstärkter
Freizeit- und
Entertainmentangebote
für Shopping Center
In einer Zeit, in der sich das Freizeitverhalten rasant wandelt, stehen Shopping
Center vor der Herausforderung, ihre Attraktivität und Relevanz im Wettbewerb
mit dem Online-Handel und im Grunde auch zu allen weiteren Freizeit-Angeboten
zu sichern. Shopping Destinationen müssen Argumente liefern, eine große
Anzahl von Menschen für sich zu begeistern – und diese Argumente müssen über
das reine Bedarfs-Decken hinausgehen.
Eine vielversprechende Strategie ist die Integration
von Freizeit- und Entertainmentangeboten.
Diese Erweiterung bietet langfristige Chancen
für die Positionierung von Einkaufszentren als
Erlebnisdestinationen. Eurofund verfolgt diesen
Ansatz sehr konsequent mit dem Konzept der
Etablierung von Shopping Ressorts.
Der Wandel im Einkaufsverhalten
Das traditionelle Konzept eines Shopping Centers
als Ort für den ausschließlichen Einkauf hat
sich überholt. Kunden suchen heute nach Mehrwerten
und Erlebnissen, die über den bloßen
Warenkauf hinausgehen. Sowohl moderne Shop-
Konzepte als auch innovative Freizeit- und Entertainment-Angebote
sprechen Emotionen an,
schaffen Erinnerungen und bieten das, was der
digitale Handel nicht leisten kann: physische Erlebnisse
und soziale Interaktionen.
Freizeit und Entertainment als Frequenzbringer
Freizeit- und Entertainmentangebote können die
Besucherfrequenz eines Shopping Centers signifikant
steigern. Ein Beispiel dafür sind Kino- oder
Bowlingcenter, die besonders in den Abendstunden
und am Wochenende zusätzliche Besucher
anziehen. Auch innovative Konzepte wie Escape
Rooms, Virtual-Reality-Erlebnisse oder Indoor-
Spielplätze haben sich als Publikumsmagneten
erwiesen. Solche Angebote locken nicht nur
Stammkunden an, sondern ziehen auch neue
Zielgruppen in das Center, darunter Familien,
junge Erwachsene oder Touristen. Im Rhein
Ruhr-Zentrum, der in Deutschland neuesten
Akquisition von Eurofund, sind diese Elemente
u.a. das bereits seit Jahrzehnten etablierte Cinemaxx-Kino
und wird in Zukunft ein neuartiges
Kids-Entertainment des Mieters Adventica sein.
Ein weiterer Vorteil ist die verlängerte Aufenthaltsdauer
der Besucher. Diese Synergieeffekte
können zu einem signifikanten Umsatzplus für
die im Center angesiedelten Geschäfte führen.
Allerdings ist hier wie bereits oben angemerkt
unbedingt darauf zu achten, dass die Shopping-,
Gastro- und Entertainment-Bereiche nicht isoliert
voneinander betrachtet und designt werden,
sondern eine zusammenhängende Einheit bil-
EXPERTENBEITRÄGE 61
den – hier ist der Bereich des Foodcourts / Kinos
im Rhein-Ruhr-Zentrums ein gutes Beispiel, bei
dem die einzelnen Bereiche nahtlos ineinander
übergehend mit Treppen verbunden sind. Wir
werden in den Übergangsbereichen zusätzliche
Angebote schaffen, die die Kunden vom Food
Court über diese jeweiligen Angebote zum Kino
oder Kids-Entertainment führen.
Differenzierung im Wettbewerb
Shopping-Center, die über ein einzigartiges
Freizeitangebot verfügen, heben sich von der
Konkurrenz ab und schaffen eine starke Markenidentität.
Dies ist besonders in urbanen Gebieten
von Bedeutung, wo die Konkurrenz zwischen
Einkaufszentren groß ist und die Notwendigkeit
zur Differenzierung umso wichtiger. Eurofund
hat das z.B. bereits in den großen Shopping Resorts
UBBO Lissabon und Puerto Venecia Zaragossa
unter Beweis gestellt und schickt sich auch
mit dem Konzept des NEUEN Rhein-Ruhr-Zentrums
Mülheim an, eine solche Benchmark zu
setzen.
Während traditionelle Einzelhandelsumsätze oft
von Weihnachts- oder Sale-Zeiten abhängig sind,
generieren Freizeit- und Entertainmentkonzepte
eine ganzjährige Attraktivität.
Die Rolle der Gastronomie
Restaurants, Cafés und Food-Courts sind nicht
nur Anziehungspunkte, sondern auch integraler
Bestandteil eines ganzheitlichen Erlebnisangebots,
der auch die Verweildauer im Center signifikant
erhöhen kann. Die richtige Auswahl an
Food-Konzepten kann dazu beitragen, Besucher
nicht nur zu halten, sondern auch zum Wiederkommen
zu bewegen.
Wichtig für eine optimale Konzeptausrichtung
ist eine sowohl räumliche als konzeptionelle Integration
der Gastronomieangebote in die Shopping-
aber auch vor allem in die Entertainment-
Angebote – so können die Synergien optimal
abgeschöpft werden.
Herausforderungen und Erfolgsfaktoren
Ein zentraler Punkt ist die Flächenplanung. Freizeitangebote
benötigen oft große Flächen, die in
bestehenden Centern nicht immer leicht zu integrieren
sind. Eine durchdachte Planung ist daher
unabdingbar.
Betreiber von Entertainmentangeboten oder
Gastronomie sollten sorgfältig ausgewählt werden,
um eine hohe Qualität, Attraktivität und
einen langfristigen Betrieb sicherzustellen. Ein
weiteres Augenmerk liegt auf der laufenden Wartung
und dem Management der Angebote, um
eine gleichbleibend hohe Kundenzufriedenheit
zu gewährleisten.
Fazit
Die Integration von Freizeit- und Entertainmentangeboten
bietet für Shopping Center enorme
Chancen. Sie schaffen Erlebnisse, die der Online-
Handel nicht bieten kann, erhöhen die Besucherfrequenz
und Aufenthaltsdauer und helfen dabei,
sich im Wettbewerb zu differenzieren. Durch die
enge Verknüpfung von Shopping, Entertainment
und Gastronomie werden Einkaufszentren zu
lebendigen Begegnungsorten, die weit über den
reinen Konsum hinausgehen.
Foto: Eurofund
ZUR PERSON
Eurofund hat für das Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim ein außergewöhnliches
neues Konzept entwickelt.
Olaf Ley ist Director Business
Development bei der Eurofund
Group. Zuvor war er mehrere Jahre
für Investment / Asset Management
bei Unibail-Rodamco-Westfield
Germany verantwortlich.
62 EXPERTENBEITRÄGE
Julia Rahner
Leerstände als Chance
Zahlreiche Innenstädte leiden unter verwaisten Retail-Flächen. In peripheren Lagen
finden einige Bürogebäude keine Mieter mehr. Leerstände sind für alle Beteiligten
eine Herausforderung. Aber auch eine Chance: Flächen können neuen,
stark nachgefragten Nutzungen zugeführt werden. Zum Vorteil der Nutzer, der
Städte und der Eigentümer.
Die Nutzung von Gebäuden wurde früher gern
monofunktional gedacht und umgesetzt. Die Privatwirtschaft
setzte gern auf die am jeweiligen
Standort erzielbaren höchstmöglichen Mieten.
Städte trennten in ihren Flächennutzungsplänen
gern zwischen Wohnen, Gewerbe und weiteren
Nutzungen. Investoren bevorzugten aus Anlagegesichtspunkten
möglichst sortenreine Portfolios.
Doch die Rahmenbedingungen, aber auch die
Bedürfnisse der Nutzer haben sich verändert.
Noch vor wenigen Jahren waren große Einkaufszentren
und vom Handel dominierte Fußgängerzonen
in der Innenstadt sowie Bürokomplexe am
Stadtrand Sinnbilder für den wirtschaftlichen
Erfolg einer Stadt. Diese Ära ist vorbei. E-Commerce
und die Folgen der pandemiebedingten
Lockdowns haben das Einkaufsverhalten verändert.
Die Trends zu Homeoffice und höherwertigen
und urbaner gelegenen Flächen haben im
Office-Sektor eine ähnliche Wirkung: Flächen in
erheblichem Ausmaß werden für ihre bisherigen
Nutzungen nicht mehr nachgefragt.
Aus dieser Not lässt sich aber eine Tugend machen.
Denn der Bedarf ist nicht verschwunden.
Er hat sich verschoben. Eine sinnvolle Umnutzungsstrategie
muss sich an dem orientieren,
was Menschen suchen und wünschen. Vorwiegend
monofunktional nutzbare Gebäude und
Standorte entsprechen dem oftmals nicht mehr.
Multi Use ist das Stichwort: Gebäude und Grundstücke
werden immer häufiger umgewidmet und
für unterschiedliche, parallel stattfindende Nutzungen
aufbereitet.
Für neue Quartiere sollte dieser Ansatz ohnehin
Grundvoraussetzung sein. Aber auch im Bestand
– und dies ist die weitaus größere Aufgabe
– schafft er höhere Flexibilität und Nutzungseffizienz,
kurzum eine höhere ökonomische Resilienz.
Wirtschaftlichkeit ist eine notwendige, aber
keine für sich genommen ausreichende Bedingung.
Multifunktionalität schafft kulturellen und
sozialen Mehrwert. Ein kluger und standortgerechter
Mix aus Wohnen, Arbeiten, Gastronomie,
Konsum und Bildung bis hin zum Urban Gardening
lässt urbane, für die Menschen attraktive
Lebensräume entstehen.
Auch Eigentümer und Investoren profitieren,
weil all diese Dinge auf das S in ESG einzahlen.
Beispielsweise lassen sich Kaufhäuser so in lebendige
Treffpunkte verwandeln, die unterschiedliche
Zielgruppen ansprechen. Neben vermietbaren
Arbeits-, Retail- und Wohnflächen
entstehen Räume für Veranstaltungen, Märkte,
Kunst und Kultur. Vielfalt und Treffpunkt-Qualität
bilden einen attraktiven Gegenpol zum „einsamen“
Online-Kauf.
Für viele Stadtgesellschaften an erster Stelle steht
derzeit die Erhöhung des Wohnungsangebots.
Bislang fokussieren sich entsprechende Umnutzungsdebatten
im Wesentlichen auf das Einzelgebäude.
Es ist an der Zeit, über den Tellerrand
der eigenen (Eigentums-)Grenzen hinauszublicken.
Vitale Standorte und Quartiere entstehen
durch sich ergänzende Angebote. Aus Einzelhan-
EXPERTENBEITRÄGE 63
delsflächen können smarte Wohnungen für unterschiedliche
Zielgruppen werden – Apartments
für Long Stay, für Senioren und für andere Gruppen.
Umgekehrt können zu Wohnraum transformierte
Büroflächen dem Einzelhandel helfen.
Denn die dort einziehenden Haushalte sorgen
für neue Nachfrage. Je nach Lage sind passende
Lösungen und Nutzungsmischungen in den Innenstädten
andere als an den Stadträndern, in
großen Städten andere als in kleineren.
Die Transformation von Beständen in Richtung
Multi-Use hat leider zahlreiche, teils hohe Hürden
zu überwinden. Dazu gehören gestiegene
Baupreise und das vermutlich dauerhaft höhere
Zinsniveau. Die Privatwirtschaft kann auf sich
gestellt nur dort in Umbaumaßnahmen investieren,
wo erzielbare Mieten dies rechtfertigen. Ist
dies nicht der Fall, muss die Politik entscheiden,
ob sie entsprechende Transformationsprozesse
unterstützen will. Es wäre ein Investment in die
Zukunft, denn nur funktionierende Quartiere
und Nachbarschaften sorgen für ein auskömmliches
Steuervolumen. Helfen würde es schon,
wenn Baubehörden mehr Flexibilität zeigen und
Innovationen nicht mehr durch Gesetze und Vorschriften
behindert werden.
Aber auch die Immobilienwirtschaft muss über
ihren Schatten springen. Denn letztlich sitzen
alle in einem Boot. Es empfiehlt sich, in die gleiche
Richtung zu rudern. Nur dann profitieren alle
Stake- und Shareholder. Wir brauchen Runde Tische,
an denen Politik, Verwaltung, Stadtplaner,
Immobilienwirtschaft und Nutzer gemeinsam
bestmögliche Lösungen herausarbeiten und voranbringen.
Keine Seite wird dabei für sich das
jeweilige Optimum erzielen können, denn jedes
auf die Spitze getriebene Einzelinteresse schadet
allen anderen Beteiligten. Das gilt im übertragenen
Sinne auch für Nachhaltigkeitsanforderungen:
ESG ist wichtig, keine Frage. Aber in der
Umsetzung lässt sich oft gut zwischen Pflicht und
Kür differenzieren. In vielen Fällen ist es sinnvoll,
sich mit der Pflicht zu begnügen, damit die Flächen
für die Nutzer bezahlbar bleiben.
Visualisierung: Apleona
Eine sinnvolle Umnutzungsstrategie muss sich daran orientieren, was
Menschen suchen und sich wünschen.
ZUR PERSON
Julia Rahner, geborene Steinmetz,
ist seit 2019 bei Apleona Real Estate
GmbH beschäftigt und seit Januar
2022 in der Position der CEO.
Mit ihrer umfassenden Erfahrung
im operativen Immobiliengeschäft
seit über 13 Jahren führt sie
das Unternehmen erfolgreich auf
Wachstumskurs.
Die Volljuristin sammelte in ihrer
Karriere umfangreiche Erfahrungen
im Center Management, unter
anderem als stellvertretende Leiterin
des Center Managements bei
der ILG Gruppe.
Diese Expertise prägt ihre Arbeit
und trägt maßgeblich zur Weiterentwicklung
der Apleona Real Estate
GmbH bei.
64 EXPERTENBEITRÄGE
Lars Heese
Gemeinsam handeln
Deutschlands Großstädte sowie Ober- und Mittelzentren durchleben
eine Phase tiefgreifenden strukturellen Wandels. Denn im 30. Jahr des
Bestehens des Internetriesens Amazon und der von ihm und seinen digitalen
Wettbewerbern losgetretenen Veränderung des Einzelhandels
ist mittlerweile allen Verantwortlichen klar, dass lebendige Innenstädte
kein Selbstläufer sind und konzertiertes Handeln erfordern. Hinzu kommen
weitere Herausforderungen, die sich aus dem Klimaschutz und Klimazielen
ergeben, welche sich einzelne Städte im Rahmen von Selbstverpflichtungen
auferlegt haben.
Mittlerweile erleben wir in zahlreichen unserer
Gespräche mit den Verantwortlichen eine Aufbruchstimmung
und Bereitschaft, notwendige
und teils überfällige Entwicklungen voranzutreiben.
Häufig ist dabei das Ziel, das mittlerweile
immer öfter leerstehende Warenhaus in zentraler
Innenstadtlage zu ersetzen durch attraktive, gemischt
aufgestellte Konzepte, wo das Einkaufen
zum Gemeinschaftserlebnis wird und – mit weiteren
Dienstleistungen verbunden – die Attraktivität
der Innenstädte sichert und erhöht sowie
für eine längere Verweildauer sorgt. Immer öfter
nehmen Kommunen dabei die Nachnutzung
der zentral gelegenen Immobilien selbst in die
Hand, um lange Leerstände und das Risiko von
Trading Down-Effekten zu verhindern. Sie übernehmen
die aufgegebenen Handelsimmobilien.
Cottbus, Hanau, Offenbach, Leverkusen, Düsseldorf,
Nürnberg, Neuss und Ingolstadt sind zuletzt
diesen Weg gegangen.
Wie kommt es dazu? Kommunen übernehmen
die Nachnutzung zentral gelegener Handelsimmobilien
vor allem aus zwei Gründen: Sie wollen
durch die Umnutzung leer stehender Warenhäuser
die Revitalisierung ihrer Zentren befördern.
Oft gehen dabei Zwischennutzungen einher mit
der längerfristigen Transformation, die dann
umfassendere Nutzungskonzepte beinhaltet, die
öffentliche oder Bildungseinrichtungen, beispielsweise
Musikschulen und Bibliotheken, mit
Einzelhandel, Gastronomie, Dienstleistungen
und Wohnen verbinden.
Andererseits erkennen sie, dass sie in der aktuellen
Marktsituation in die Bresche springen
müssen, denn die Kaufpreisvorstellungen von Eigentümern
passen oft nicht zusammen mit dem
Business-Case von Entwicklern – angesichts gestiegener
Zinsen, verpflichtender energetischer
Maßnahmen im Zuge der Sanierung und den
enormen baulichen Kosten für umfassende Umnutzungen.
Jahrelanger Stillstand ist dann häufig
unerwünschte Folge dieser Pattsituation. Diese
Entwicklung hat dazu geführt, dass sich Städte
wie Hanau und Ingolstadt mit ihrer Rolle als
„Zwischenerwerber“ anfreunden.
Wenn aber Städte zu Entwicklern werden, sehen
sie sich mit einer Vielzahl von Fragestellungen
konfrontiert, die sorgfältige Marktanalysen voraussetzen,
ebenso wie die Bewertung der baulichen
Möglichkeiten und Anforderungen, die sich
in Zusammenhang mit der energetischen Sanierung
ergeben. Schließlich müssen auch vorhandene
Auflagen bedacht werden. Ebenso un-
EXPERTENBEITRÄGE 65
abdingbar ist die Bürgerbeteiligung bei Stadtbild
prägenden Objekten in zentraler Innenstadtlage.
Wichtig ist, dass die Rolle der Städte bei dieser
Transformation nicht auf Dauer angelegt ist. Beispiele
aus der Praxis zeigen, dass entsprechende
Vorhaben an einen Punkt kommen, an dem die
Prozesskette, welche Immobilienentwickler in
Gang setzen, in den städtischen Strukturen nicht
darstellbar ist. Hier lohnt es sich, dass der Absprung
rechtzeitig vorbereitet wird. Immobilienentwickler
und -betreiber können sich an diesem
Punkt die Hand reichen, den optimalen Zeitpunkt
vorschlagen. Sie verfügen über die relevante Erfahrung
und die über den Einzelfall hinausweisenden
skalierbaren Strukturen, eine auf Dauer
wirtschaftlich tragfähige „Exit-Perspektive“ zu
gestalten, die über Bau und Umbau auch Verkauf,
Asset und Property Management beinhaltet. So
werden aus Sicht der Stadt Immobilien weder zu
einer „unendlichen Geschichte“ noch zum unkalkulierbaren
Risiko.
Was die Vielfalt möglicher Mischnutzungen betrifft,
sind aus Sicht des Handels insbesondere
folgende Aspekte zu bedenken: Jedes Asset muss
für sich mit Blick auf die vorgenannten Faktoren
und Ausgangssituation untersucht werden. Pauschale
Lösungen sind nicht sinnvoll.
wert der Besucher unter einem Dach vereint.
In Absprache mit der Stadt wird im Sinne der
Nachhaltigkeit so viel wie möglich von der alten
Gebäudesubstanz wiederverwertet. So konnten
beispielsweise 450 Tonnen an Stahlträgern wieder
eingebaut werden, die zuvor aus dem ehemaligen
C&A-Gebäude ausgebaut worden waren.
Entsprechend werden auch Betonplatten
aus den alten Decken geschnitten und wieder in
das neue Gebäude eingesetzt, mit dem Ziel, die
CO2-Bilanz des Objekts zu optimieren. All dies –
in Verbindung mit einem nachhaltigen energetischen
Gebäudekonzept und der Vermeidung von
fossilen Brennstoffen – trägt dazu bei, mit dem
Objekt auch den Net-Zero-Carbon-Standard zu
erreichen.
Wer heute verantwortungsvoll plant und entwickelt,
sollte sich schließlich auch mit der Nutzungsflexibilität
von Objekten befassen. Ein Objekt,
das nur auf die spezifischen Bedürfnisse
eines Mieters zugeschnitten ist, kann aus unserer
Sicht nicht mehr nachhaltig sein. Bieten die
Grundrisse und Erschließungsstrukturen jedoch
genug Spielraum für einen Mieterwechsel oder
andere Nutzungsarten, wird sich ein Objekt auch
an einem anspruchsvollen Mietermarkt bewähren
und Menschen auch auf Sicht der nächsten
Jahrzehnte erfolgreich in die Innenstädte locken.
Vor, während und auch nach der Corona-Pandemie
haben wir an zahlreichen Innenstadt-
Standorten in der DACH-Region gezeigt, wie sich
die nachhaltige Transformation ehemals reiner
Handelsflächen wirtschaftlich umzusetzen lässt:
Die Kombination folgender Nutzungsformen hat
sich dabei immer wieder als besonders erfolgreich
erwiesen: Hotelnutzungen mit Short- und
Long-Stay-Konzepten, Schulen, Bildungseinrichtungen,
medizinische Zentren, Büros, Fitnessstudios,
Gastronomie im Zusammenspiel
mit stationärem Einzelhandel wie Lebensmittel
oder Mode.
Das Projekt „Elisen Palais“ an der Mönckebergstraße
in der Hamburger Innenstadt ist ein aktuelles
Beispiel. Dort entsteht derzeit ein einzigartiges
Gebäude, dessen Backsteinfassade sich
harmonisch in das Stadtbild einfügt und das Hotellerie,
Gastronomie und Shopping zum Mehr-
ZUR PERSON
Lars Heese ist Geschäftsführer
DACH der Redevco Services
Deutschland GmbH. Zuvor war
Heese u. a. Geschäftsführer bei der
Hahn Gruppe.
66 EXPERTENBEITRÄGE
Klaus Schwitzke
Der Streetwear-Hype:
LIVE FAST DIE YOUNG (LFDY)
Das deutsche Streetwear-Label Live Fast Die Young (LFDY) ist eine Marke, die authentisch,
unabhängig und selbstbewusst abbildet, was eine ganze Generation fühlt,
die aber nicht vergisst, woher sie kommt. Die 2012 gegründete Brand steht für ikonische
Styles, hochwertige Materialien und urbanen Stil. Aus einem kleinen Düsseldorfer
T-Shirt-Druckservice ist so bis heute die stärkste deutsche Streetwear Brand
geworden. Mit dieser Mission vor Augen entwickelten wir bei Schwitzke & Partner die
ersten Entwürfe für LFDY. Unser gemeinsames Ziel: Die DNA und Authentizität von
LFDY in jedem Store spürbar zu machen.
Ein Storekonzept, das die Metropolen feiert und
die Marken-DNA bewahrt
Von Hamburg bis nach London: LFDY begann
die Expansion in Deutschland und leitete kurz
darauf auch die Internationalisierung der Marke
ein. Jeder Metropolenstandort verkörpert den
Grundsatz, einen eigenständigen Charakter zu
bewahren und dennoch die konsistente Marken-
DNA widerzuspiegeln.
• Köln (2022): Der bestehende Store in Köln
sollte ein neues, monochromes und cleanes Design-Konzept
erhalten. Die schwarze Schaufensterfront
rahmt den Blick in den hell gestalteten
Innenraum und erinnert an einen Polaroid-Abzug.
Mit der monochromen, fast galerieartigen
Inszenierung schufen wir in enger Absprache
mit dem Kunden einen Raum, der die Kollektion
konsequent in den Fokus rückt. Selbst die
rauen, freigelegten Steinwände fügen sich in eine
zurückhaltende Eleganz, die den klaren und authentischen
Look von LFDY perfekt unterstreicht.
• Hamburg (2022): Als sich LFDY in Hamburg
für die Hohen Bleichen – eine renommierte und
exklusive Premium-Lage – entschied, sollte sich
diese Besonderheit auch im Store widerspiegeln:
Edelstahl, grüner Marmor und ikonische Fotoinstallationen
verbinden urbanen Charme mit
der Hamburger Kunstszene. Dieser Store wurde
nicht nur als Verkaufsfläche gestaltet, sondern
als Showroom, Lounge und Private Shopping
Area, der auf zwei Etagen Raum für Interaktion,
Stil und Kultur bietet. Für uns verkörpert er, was
LFDY ausmacht: eine Symbiose aus Streetwear
und Kunst, die die Community stärkt und wachsen
lässt.
• Düsseldorf Re-Opening (2023): Der erste Store
der Marke wurde 2023 komplett überarbeitet: Mit
mattschwarzen Warenträgern und einem modernen,
monochromen Design. Düsseldorf ist und
bleibt dabei der Heimatstandort von LFDY. Dabei
hat sich die Brand als einer der stärksten und authentischsten
deutschen DTC Streetwear Brands
etabliert – und ist sich als unabhängiges Unternehmen
bis heute stets treu geblieben.
• München Re-Opening (2023): Der Münchener
Store verbindet Tradition und Moderne auf eine
Weise, die die Kollektion in einem nahezu monochromen,
zurückhaltenden Rahmen betonen
EXPERTENBEITRÄGE 67
lässt. Die neue Raumgestaltung wurde gezielt
entwickelt, um den Fokus auf die Kollektion zu
lenken und der Community ein exklusives und
authentisches Markenerlebnis zu bieten.
• Berlin (2023): Unser größtes Projekt für LFDY
bisher. Der Berliner Flagship-Store entstand in
den hohen, stuckverzierten Decken eines denkmalgeschützten
Gebäudes. Die kontrastreichen
Materialien aus Edelstahl und Holzboden spiegeln
Berlin selbst wider: eine Stadt, die sich ständig
wandelt, und doch tief in ihren kulturellen
Wurzeln verankert ist. Mit dem Inhouse-Café
wollte LFDY einen Inhouse Community Place
schaffen und so Retail mit einer Coffee-Destination
verbinden – als Treffpunkt für Gespräche,
Kreativität und Inspiration.
Dynamisches exponentielles Wachstum: Die
Internationalisierung der Marke
Im Zuge der Internationalisierung war es wichtig,
den Markenkern von LFDY zu bewahren und
gleichzeitig jeden Standort individuell zu inszenieren.
Demnach waren die Design-Konzepte
eine Verbindung aus Abgrenzung und Zusammengehörigkeit.
• Amsterdam (2021): Der erste internationale
Flagship-Store in der pulsierenden Hartenstraat
markiert die Ästhetik Amsterdams. Mit gebürstetem
Edelstahl und glasperlengestrahlten Oberflächen
haben wir die urbane Streetwear-Kultur
eingefangen und ein Design geschaffen, das die
niederländische Influencer- und Rap-Szene begeistert,
die von Anfang an Teil der Community
war.
• London (2023): Mit der Eröffnung des ersten
Stores außerhalb des europäischen Festlandes in
London, Soho, betritt LFDY Neuland. Der Store
ist eine Hommage an die deutsche Streetwear-
Kultur und besticht durch eine dunkel-urbane
Ästhetik. Schwarze, glasierte Fliesen, warme
Palisanderholzdetails und glänzender Edelstahl
schaffen ein elegantes, cooles Ambiente, das in
Londons kreatives Soho perfekt integriert ist.
Foto: fotografische werkstatt Caroline Ludwig
Der LFDY ist der erste internati0nale Flagship-Store in Amsterdam.
68 EXPERTENBEITRÄGE
Foto: Katharina Jaeger Fotografische Werkstatt
Der LFDY in London ist der erste Store außerhalb des europäischen Festlands und eine Hommage an die deutsche Streetwear-Kultur.
Mehr als eine Marke – Kulturellere Treffpunkte
für die Streetwear-Community
Die Erfolgsgeschichte von LFDY lebt von einer
tiefen Verbundenheit zur Streetwear- und Hip-
Hop-Szene. Gemeinschaftlich sind Orte entstanden,
die mehr als Stores sind: Sie sind Hubs für
die treue Community, Treffpunkte und kulturelle
Anker. Durch Kunst, Events und Aktionen wie die
„LFDY-Coffee-Collection“ im Berliner Store wird
das Markenbild weiter geprägt und die Bindung
zum Kunden gestärkt. Zudem schafft LFDY mit
ihrem Basketball-Court in Düsseldorf einen Ort
für Sport und Gemeinschaft und bietet Kindern
und Jugendlichen in der Stadt aktiv kostenfreie
Sportmöglichkeiten und Aktivitäten – und damit
einen weiteren Treffpunkt für die Community.
einem zunehmend globalisierten Markt etabliert
und dabei bewiesen, dass sich internationale Expansion
und kulturelle Verwurzelung nicht ausschließen
müssen. Für uns als Architekten hinter
diesen Konzepten ist LFDY mehr als nur eine
Trendmarke – wir sind Teil der kreativen Handschrift,
eine Hommage an Street-Culture und
eine außergewöhnliche Erfolgsstory, die unsere
Ideen weltweit lebt und feiert.
Fazit: Konsistenz und Authentizität als
Schlüssel zum Erfolg
Dieser Weg zeigt, dass Konsistenz, Authentizität
und kulturelle Integration der Schlüssel sind.
Jeder Store erzählt eine eigene Geschichte und
reflektiert doch dieselbe Vision. LFDY hat sich in
ZUR PERSON
Klaus Schwitzke ist Gründer und
Geschäftsführender Gesellschafter
der Schwitzke GmbH, Düsseldorf
Wir machen Marken. ad-mission.com
Corporate- & City-Marketing | Corporate-Design | KI gestützte Kreation | Branding
Mediaplanung | Events | Signage & Wegeleitung | Open-Space-Staging | Hologramm-Welten
Instagram-Spots | 3D-Folierung | Kinderkinos | Pop-Up-Galerien & Ausstellungen
70 EXPERTENBEITRÄGE
Lea Scholze
Warenhäuser, Shopping
Center und der stationäre
Handel in der Zukunft
Die Innenstädte Deutschlands befinden sich in einem fundamentalen Strukturwandel. Der
stationäre Handel steht unter Druck. Hohe Mieten und gestiegene Betriebskosten führen
zu Leerständen, verändertes Konsumverhalten und der Onlinehandel stellen traditionelle
Geschäftsmodelle vor neue Herausforderungen. Einzelhandel ist essentiell für eine attraktive,
funktionierende Innenstadt, doch die dominierende Monopolnutzung hat in den
vergangenen Jahrzehnten viele andere frequenzbringende Nutzungen aus den Innenstädten
verdrängt. Mixed-Use-Ansätze, welche diverse Nutzungsarten wie Wohnen, Arbeiten,
Dienstleistungen und Freizeit einbeziehen, bieten eine vielversprechende Perspektive für die
Revitalisierung und Reaktivierung von Innenstädten und somit Lösungsansätze für die Herausforderungen
des stationären Einzelhandels.
Synergien für lebendige Quartiere
Mixed-Use Quartiere stellen eine innovative und
gleichzeitig historische Antwort auf die Herausforderungen
der Stadtentwicklung dar. Historisch
gesehen war die Innenstadt immer ein divers genutzter
Ort – der Marktplatz, produzierendes
Gewerbe, Dienstleistungen und Wohnen waren
wichtige Bestandteile einer Stadt bis ins frühe 19.
Jahrhundert. Mit der Verabschiedung der Charta
von Athen (1933) auf dem CIAM-Kongress 1933 wurde
die klare funktionale Nutzungstrennung in der
Stadtplanung festgelegt, welche nach dem Zweiten
Weltkrieg Stadtentwicklung und die Nutzung
der Innenstadt neu definierte. Heute wird durch
die Charta von Leipzig die gemischt genutzte Stadt
und somit die „Stadt der kurzen Wege“ neu definiert,
um neue Synergieeffekte zu schaffen.
Vorteile der Mixed-Use-Innenstadt:
• Belebung: Multifunktionale Nutzungen ziehen
diverse Zielgruppen an, steigern die Besucherfrequenzen
und wirken Leerstand entgegen
• Verbesserte Aufenthaltsqualität: Integration von
Grünflächen, Gastronomie und kulturellen Angeboten
schaffen attraktive Aufenthaltsorte außerhalb
der regulären Ladenöffnungszeiten.
• Nachhaltigkeit: Die 15-Minuten Stadt mit kurzen
Wegen zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit
reduziert Verkehrsaufkommen und motiviert zur
Nutzung emissionsfreier Verkehrsmittel
Der stationäre Handel: Vom Verkaufsraum zum
Erlebnisort
Der stationäre Einzelhandel muss sich in der heutigen
Konkurrenzsituation neu erfinden. Kunden
suchen nebst Produkten auch nach Erlebnissen
und Mehrwert. Handelsflächen können
zu Erlebnisorten werden, wenn sie zusätzlich zu
der Shoppingexperience auch durch interaktive
Events, Gastronomie oder andere attraktive
EXPERTENBEITRÄGE 71
Nutzungen ergänzt werden. Dabei können auch
regional geprägte Angebote oder Angebote mit
Alleinstellungsmerkmalen zur Aktivierung der Innenstädte
beitragen. Die monotonen repetitiven
Innenstädte müssen neu gedacht werden und ein
ganzheitliches innerstädtisches Konzept ist dabei
gefragt, welches Händler, Immobilieneigentümer
und Verantwortliche der Städte gemeinsam entwickeln
und umsetzen müssen.
Warenhäuser und Shopping Center: Transformation
statt Leerstand
Zusätzlich zur Repositionierung von Einzelhandelsflächen
kann auch ein neuer Nutzungsmix mit
ergänzenden Dienstleistungsangeboten in Einkaufszentren
attraktivitätsfördernd wirken. Arztpraxen,
Bildungseinrichtungen oder Büroflächen
können – wie beispielsweise in Recklinghausen
oder Herne – eine Frequenzsteigerung generieren.
Sowohl auf gestalterischer Ebene als auch in der
Einzelhandelsstruktur können neue ganzheitliche
Konzepte zur Attraktivitätssteigerung beitragen.
In Essen erhielt beispielsweise die Rathaus-Galerie
im Rahmen der Umgestaltung und
Revitalisierung eine ganzheitliche neue Identität.
Nicht nur architektonisch und auf baulicher Ebene
wurde das Gebäude revitalisiert, sondern auch
das graphische Erscheinungsbild wurde im Rahmen
eines Rebrandings modernisiert. Die Identitätsschaffung
mit der Umgebung, den Werten der
Region und Bedürfnissen der Nutzer schafft eine
neue Attraktivität und ein Alleinstellungsmerkmal
in der Region. Auch das ehemalige City-Center in
Fürth wurde durch Überarbeitung des Branchenmix
und Re-Branding zu einem „Urban Erlebnis-
Center“ mit Entertainment-Komponenten wie
Aquarium, Rutschen, Fitness-Parkour und VR-
Angebote revitalisiert.
Die Zukunft liegt in der Vielfalt
Der stationäre Einzelhandel hat weiterhin eine
Zukunft, wenn er sich wieder als Bestandteil einer
lebendigen und multifunktionalen Innenstadt positioniert.
Mixed-Use Lösungen sind der Schlüssel,
um Innenstädte wieder zu aktivieren und die
Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft zu erfüllen.
Erfolgreiche Beispiele aus deutschen Städten zeigen,
dass Transformation möglich ist – mit Innovation,
Kooperation und einem klaren Fokus auf
die Nutzer, denn es sind die Nutzer, welche die
Innenstädte beleben.
Visuaisierung: AIP
ZUR PERSON
Erfolgreiche Revitalisierung einer ehemaligen Warenhaus-Immobilie: Für das Markt-
Quartier in Recklinghausen war AIP für die Generalplanung verantwortlich.
Lea Scholze ist seit 2023 Geschäftsführerin
der AIP Vision GmbH. Als
Architektin und Planerin befasst
sie sich intensiv mit der Revitalisierung
und Transformation leerstehender
Handelsimmobilien im
Rahmen der Stadtreparatur.
72 EXPERTENBEITRÄGE
Markus Kratz
Neue Branchen
entdecken leerstehende
Handelsflächen
Lebens- und Arbeitskonzepte ändern sich rasant, und das hat Einfluss auf
die Gestaltung unserer Innenstädte und auf die dort angebotenen Handelsflächen.
Die Innenstadt als Versorgungszentrum, das ausschließlich
auf Handel und Konsum ausgerichtet ist, hat ausgedient. Leerstehende
Handelsflächen werden von neuen Branchen erobert: In ehemaligen Kaufhäusern
entstehen Wohnungen mit Co-Living-Spaces oder Ärztehäuser.
5-Minuten-Städte, in denen der Alltagsbedarf in
unmittelbarer Nähe abgedeckt wird, entstehen
in abgeschriebenen Passagen, und aus einem
ehemaligen Theater wird beispielsweise ein repräsentatives
Office. Die Möglichkeiten sind
vielfältig, und die sogenannten Stranded Assets
bekommen wieder Wasser unter den Kiel.
Genau genommen sind unsere Innenstädte seit
jeher mehr als nur funktionale Räume: Sie sind
der maßgebliche Kulturraum der Menschen und
müssen daher die aktuelle Lebenswirklichkeit
widerspiegeln. Diese stellt sich in einem durch
Digitalisierung bestimmten Leben zunehmend
multifunktional und mehrdimensional dar. Die
Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit
ist aufgehoben. Eine erfolgreiche Transformation
braucht daher kreative Ansätze, überraschende
„out-of-the-box“-Konzepte mit einem
ansprechenden Mix aus Multi-Use-Angeboten,
die den Alltag erleichtern und unterschiedliche
Lebens- und Arbeitsbereiche umfassen. Neben
einem Office mit wohnlichem Ambiente und attraktivem
innerstädtischem Wohnraum gehören
für Familien auch Kitas, die schnell erreichbar
sind – genauso wie beispielsweise der Einkauf im
Sportgeschäft, der gleich mit einem Sporterlebnis
verbunden ist, dazu.
Erfolgreich sind die, die ihre Zielgruppen kennen
Die Umwidmung von Handelsflächen kann im
Idealfall den gesamten gesellschaftlichen Rahmen
abbilden. Welche Nutzungen brauchen die
Menschen im jeweiligen Stadtgebiet? Sie brauchen
Qualität für die gesamte Familie, müssen
Stammkunden erreichen, nachhaltige Einkaufserlebnisse
für Wieder- und Neuentdecker schaffen
und die junge Generation ansprechen. Nur
wenn es gelingt, die Vielfalt, die sich heute in
einer Online-Welt findet, auf der Fläche abzubilden,
wird der Raum zur belebten Erlebniswelt für
die städtische Gesellschaft. Maßgeblich ist dazu
eine überzeugende Customer Journey – eine
Kundenzentrierung, die ihre Zielgruppen kennt,
spannende Geschichten erzählt und sich konsequent
nutzerorientiert ausrichtet. Der Handel ist
gefordert, die Waren nicht einfach auf die Fläche
zu stellen, sonst verpasst er die Möglichkeit zur
Erneuerung.
Für eine gelungene Customer Journey braucht es
Orientierung und das Gefühl von Unterstützung
in einer immer komplexeren Welt – das macht
den Erfolg der digitalen Welt aus. Der Impuls für
das menschliche Handeln erfolgt über alle Sinne.
Während Online-Erlebnisse hinter Glas stattfin-
EXPERTENBEITRÄGE 73
den, haben die Flächen in unseren Innenstädten
das Potenzial, in einer abgestimmten Gesamtinszenierung
von vielfältigen Angeboten alle Sinne
anzusprechen. Die Vielfalt von unterschiedlichen
Branchen und Angeboten auf der Fläche ist eine
Chance, unsere Innenstädte nachhaltig und zukunftsfähig
zu machen und zu beleben.
Warum die AOK an die Königsallee in Düsseldorf
zieht
Eines der spannendsten Umwidmungsprojekte
von Handelsflächen befindet sich aktuell im
Einkaufszentrum Sevens an der Düsseldorfer
Königsallee. Zwei, bis vor kurzem vom Elektronikhändler
Saturn genutzte Etagen, werden ab
dem kommenden Jahr auf 3.300 Quadratmetern
Fläche das neue AOK-Haus der AOK Rheinland/
Hamburg mit Geschäftsstelle, Regionaldirektion
und einer Zahnklinik beherbergen. Das persönliche
Gesundheitsmanagement steht hierbei klar
im Fokus – und mitten im Leben.
kplus konzept hat für die AOK Rheinland/Hamburg
ein Gesamtkonzept für 70 Standorte entworfen:
konsequent kunden- und beratungsorientiert,
mit optimierten Prozessabläufen und
unter nachhaltigen Gesichtspunkten erstellt.
Neue Konzepte brauchen starkes Design, das
Wandel erleichtert und Werte vermittelt
Handelsflächen wandeln sich zukünftig zu multifunktionalen
Erlebnisräumen mit überzeugendem
Storytelling, einer Architektur, die Besucher
mit unterschiedlichsten Bedürfnissen abholt,
und attraktiv gestalteten Räumen, in denen sie
sich wohl- und wertgeschätzt fühlen und den
Drang verspüren, wieder in die Innenstadt zu
gehen. Stores, Büros und Serviceräume werden
sorgfältig kuratiert, und Erlebnisangebote werden
gezielt vorausgedacht und geplant.
Die nahtlose Interaktion mit dem Besucher verbindet
dabei ebenso die digitale Welt mit dem
Live-Erlebnis Innenstadt. Diese strategische Inszenierung
soll die Innenstadt mit ihren Flächen
als einen dynamischen und unvergleichlichen
Raum positionieren, der über das reine Einkaufen
hinausgeht und ein ganzheitliches Paket aus
Kultur, Servicestellen, Gastronomie und Handel
anbietet – das „Erlebnis“ wird zum Schlüsselelement.
Die Vielfalt von unterschiedlichen
Branchen und Angeboten auf der Fläche ist eine
Chance, unsere Innenstädte nachhaltig und zukunftsfähig
zu beleben.
Visualisierung: kplus
Die AOK Rheinland/Hamburg wird 3.3000 qm des Einkaufszentrums Sevens an der
Düsseldorfer Königsallee nutzen.
ZUR PERSON
Markus Kratz ist Gründer und
Geschäftsführer der Düsseldorfer
kplus konzept GmbH mit einer
Expertise in der Transformationsgestaltung
von Innenstädten. Mit
über 15 Jahren Erfahrung hat die
Agentur bereits bei über 90 Retailprojekten
erfolgreich ihr Knowhow
unter Beweis gestellt. Als
kompetenter, routinierter Partner
verknüpft kplus konzept Kommunikation,
Interior Design und Architektur
von komplexen Immobilienprojekten
zu einem stimmigen
Gesamtkonzept - zugeschnitten
auf die jeweilige Assetklasse und
Branche.
74 EXPERTENBEITRÄGE
Benjamin Blocher
Monokultur adé: Hoffnung
für die Innenstadt – wenn
alle an einem Strang ziehen
Deutsche Innenstädte müssen sich neuen Herausforderungen stellen: Das Kaufhaus-Prinzip
„alles unter einem Dach“ scheint ausgedient zu haben. Dabei bietet
es Chancen, wenn der Strukturwandel des Handels genutzt wird zur Neubelebung
der Fußgängerzonen mit hybriden Konzepten. Ein Beispiel ist das derzeit
im Bau befindliche NEW7 in Mannheim, ein ehemalige Galeria Kaufhof.
Es geht anders, weiß Managerin Adeline Seidel
vom Beratungsunternehmen PD, die Kommunen
etwa bei der Umwandlung einstiger Kaufhäuser
in gemischte Quartiere berät. Sie nennt u.a. Lünen
und Herne, die „bereits eine Transformation
erfolgreich gemeistert haben, oder Hanau, Lübeck
oder Offenbach, die sich derzeit mitten im
Prozess befinden.“
Was die Pioniere verbindet: Sie hätten es geschafft,
dass alle Beteiligten – „von der Wirtschaftsförderung
über die Fachämter bis hin zur Politik – koordiniert
zusammenarbeiten.” Eine Schlüsselrolle
kommt also der kommunalen Verwaltung zu,
wenn es ihr gelingt, verschiedene Interessen und
Akteure – Eigentümer, Bürgern, Politik und Gewerbetreibende
– zusammenzubringen. Ebenso
wichtig wie flexible Nutzungskonzepte und Zusammenarbeit
sind gemeinschaftliche, langfristige
Ziele.
sein wird, definiert die Zukunft des urbanen
Wohnens, Handels und Arbeitens neu. Der Projektentwickler
und Bauherr, die Mannheimer
Unternehmensgruppe Diringer & Scheidel, setzt
damit ökologisch und ästhetisch neue Maßstäbe.
New7 zeigt, wie Städte im 21. Jahrhundert gestaltet
werden können, um den Bedürfnissen ihrer
Foto: Blocher Partners
Auf einem guten Weg ist auch die rund 320.000
Einwohner zählende Stadt Mannheim. In unmittelbarer
Zentrumslage, direkt an den Kapuzinerplanken,
entsteht derzeit eine gemischt-genutzte
Immobilie. Dabei wird die vorhandene Bausubstanz
des ehemaligen Galeria Kaufhof weiterentwickelt.
Das Projekt, das Ende 2025 fertig gestellt Aus diesem Galeria Kaufhof-Gebäunde wird das New7 .
EXPERTENBEITRÄGE 75
Visualisierung: Blocher Partners
Das New7: Herzstück ist eine flexible Raumstruktur, mi der auch langfristig geplant werden kann.
Bewohner gerecht zu werden und gleichzeitig
ökologische Verantwortung zu übernehmen. Es
nutzt die Transformation als Chance und liefert
eine zeitgemäße Antwort auf die Veränderungen
der innerstädtischen Strukturen.
Doch was und vor allem wie können wir als Architekten
hier beitragen?
Der Kern der planerischen Idee besteht darin,
Bestand und Neubau in Einklang zu bringen. Die
Herausforderung war die Kombination unterschiedlicher
Konstruktionsweisen. Zunächst erhalten
wir die Rohbausubstanz der zwei Untergeschosse
und des Erdgeschosses. Daran schließt
sich eine Stahlkonstruktion als Ausgleichsebene
im Deckenbereich des ersten Obergeschosses
an, um anschließend mit Holzbau aufzustocken.
Die Holzhybridbauweise ist in diesem Kontext
der Schlüssel zum Erfolg des Projektes und seine
Komplexität liegt in der Vielfalt der Themen.
Durch die gewichtssparende Konstruktionsweise
können zwei zusätzliche Geschosse realisiert
werden, ohne die Gründung aufwändig zu verstärken.
Der teilweise Erhalt des Bestandsbaus
sichert die Bindung von „grauer Energie“ und die
Verwendung von Holz setzt zugleich ein nachhaltiges
Zeichen. Es kommt aus heimischen Wäldern
und ist ein natürlicher CO2-Speicher. Die
Bauweise reduziert zudem die Emissionsbelastung,
sowohl am Bau als auch für die Anwohner.
New7 ist also ein Gewinn für das Mikroklima und
die Umwelt.
Herzstück des Projekts ist die flexible Raumstruktur,
die es ermöglicht, langfristig auf die
Bedürfnisse der Nutzer einzugehen und zur Belebung
und Attraktivität der Stadt beizutragen.
Einzelhandels- und Gastronomieflächen im Erdgeschoss
laden die Öffentlichkeit ein, während in
den oberen Geschossen Büro- und Praxisflächen,
moderne Wohnungen und Mikroapartments entstehen:
ein lebendiges Umfeld, das soziale Interaktion
fördert.
Die intensive Begrünung von Dach, Fassade und
Innenhof schafft eine grüne Oase mitten in der
Stadt und verbessert das Mikroklima. Zusätzlich
wird das Retentionsdach zur Regenwasserspei-
76 EXPERTENBEITRÄGE
Visualisierung: Blocher Partners
Bestand und Neubau in Einklang zu bringen - das ist der
Kern der planerischen Ideen.
schiede hinweg wird deutlich, dass es einer gemeinschaftlichen
Anstrengung bedarf, um den
Kern der Kommunen zu erhalten, wie viele ihn
bislang kannten, als Ort der Begegnung, des Einkaufs
und der Erholung und des Erlebens. Verschiedene
Stiftungen und die Immobilienwirtschaft
selbst begleiten den Wandel – mit durchaus
unterschiedlichen Intentionen. Während etwa
der Zentrale Immobilien Ausschuss e.V. (ZIA) etwa
„mehr Personal in den Verwaltungen“ und einen
„Regulierungsstopp“ fordert, setzt die Körber-
Stiftung auf „mehr Grünflächen, eine modernere
Innenstadtgestaltung und die Förderung des sozialen
Zusammenhalts vor Ort.“ Es wird aber nur
gehen, wenn Zivilgesellschaft, Handel und Politik
zusammenwirken. Selbst dann kommt Erfolg
nicht über Nacht. „Es braucht mitunter Jahre, bis
sich ein neues Nutzungskonzept voll entfaltet hat,
es nach Rückmeldungen aus der Bürgerschaft
und der heimischen Wirtschaft erweitert und
verbessert wurde“ , sagt Seidel. Einmal gefasste
Entscheidungen sind nicht in Stein gemeißelt,
denn auch unsere Städte wandeln sich ständig.
cherung genutzt, ein weiterer Schritt in Richtung
einer nachhaltigen, umweltfreundlichen Stadtentwicklung.
Die zwei Lichthöfe im Innenbereich
schaffen wertvollen Lebensraum inmitten der
Stadt und bieten grüne Rückzugsmöglichkeiten
für die Bewohner.
New7 ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kaufhäuser
zu Katalysatoren des Wandels werden können,
wenn sie sich öffnen und Angebote für Wohnen,
Arbeiten und Freizeit verbinden. Es beweist, dass
städtische Transformation nicht nur ästhetische,
sondern auch ökologische und soziale Dimensionen
umfassen kann und so das Bild einer zukunftsfähigen
Architektur prägt.
Noch aber sind solche Konzepte rar in unseren
Innenstädten. Die 2020 verabschiedete „Neue
Leipzig-Charta“ der EU blieb relativ unbeachtet.
Dabei sollte das Manifest für die Europäische
Stadt – gerecht, produktiv und grün – eigentlich
Impulse für ihre Zukunft liefern. Kein Wunder,
dass viele Bundesländer und Kommunen eigene
Programme zur Innenstadtbelebung ins Leben
gerufen haben. Über alle Grenzen und Unter-
ZUR PERSON
Benjamin Blocher, Architekt und
Stadtplaner, studierte an der ETH
Zürich, der Nation University of
Singapore sowie der University of
Buenos Aires. Bei blocher partners
widmet er sich insbesondere der
Transformation der Städte, dem
nachhaltigen Planen und damit
der ganzheitlichen Lebenszyklusbetrachtung
von Gebäuden und
neuen Bautechnologien.
Immer mehr Wohnquartiere, multifunktionale Flächen
verändern die Innenstädte, die Mobilität – und die Anf
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Parken für neue Zeiten
Immer mehr Wohnquartiere, multifunktionale Flächen und neue Retailangebote
verändern die Innenstädte, die Mobilität – und die Anforderungen an Parkräume:
Parken muss heute flexibel für Betreiber und intuitiv für Kunden sein.
Lassen Sie uns gemeinsam das Parken neu denken:
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Nachhaltige Bewirtschaftung ohne Papier und Personal
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78 EXPERTENBEITRÄGE
Olaf Petersen
Schlüsselgrundstücke –
Herausforderungen und
Chancen im Zuge
der Immobilienkrise
Nach einem goldenen Jahrzehnt im Gefolge der Finanzkrise haben sich die immobilienwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen seit 2022 drastisch verschlechtert.
Die deutlich gestiegenen Zinsen und Baukosten, sinkenden Immobilienwerte
oder beträchtliche Diskrepanz hinsichtlich der Mieterwartung zwischen
Eigentümern und Mietern belasten sowohl Bestandsobjekte als auch Projektentwicklungen.
Sie befördern Leerstände, Renovierungsstau und Projektstillstand
und stellen damit übergreifend die Kommunen vor große Herausforderungen.
Befinden sich doch unsere Städte in einer umfassenden
Transformation, welche nicht zuletzt
über die Nutzungen in bzw. von Gebäuden und
Liegenschaften abgebildet wird. Bisherige Nutzungen
werden weniger nachgefragt, fallen obsolet
und verschwinden, ohne dass automatisch
passende Folgenutzungen zur Verfügung stehen.
Das Spannungsfeld zwischen dem Planungsrecht
und den Erwartungen der Eigentümer vergrößert
sich.
Eine hervorgehobene Rolle für die gesamte
Stadtentwicklung spielen in diesem Kontext
Schlüsselgrundstücke (siehe Kasten oben rechts).
Die Kommunen werden durch die o.g. Veränderungen
massiv herausgefordert und sehen sich
andererseits in der Rolle als Gestalter und Übersetzer
dieses Wandels. In dieser Gemengelage ist
das gezielte Befassen mit Schlüsselgrundstücken
quasi ohne Alternative.
Aus unseren langjährigen Erfahrungen in allen
Stadtgrößen können wir von der CIMA die nachfolgenden
Empfehlungen für erfolgreiche Entwicklungsansätze
aussprechen.
Schlüsselgrundstücke frühzeitig und nicht
anlassbezogen festlegen
Kommunen sind gut beraten im Zuge ihrer Strategie
zur zukünftigen (Innen-)Stadtentwicklung
Schlüsselgrundstücke zu definieren, die die jeweilige
Umsetzung befördern bzw. konterkarieren
können. Dies verbessert ihre Handlungsspielräume
für eine geordnete und angestrebte
Entwicklung.
Regelmäßiges Befassen mit diesen
Liegenschaften
Das regelmäßige Screening des Projektumfelds,
möglicher Risiken sowie die aktive Ansprache
von Eigentümern, Investoren und relevanter Stakeholder
vermeidet böse Überraschungen bzw.
sichert frühzeitige Einflussnahme. Damit kommen
die Städte auch auf eine professionelle Au-
EXPERTENBEITRÄGE 79
Was sind Schlüsselgrundstücke?
Schlüsselgrundstücke sind strategisch wichtige Flächen
innerhalb einer Kommune mit dem Potenzial, die städtische
Entwicklung maßgeblich zu beeinflussen – im Positiven,
wie im Negativen.
Sie können verschiedene Formen annehmen, z.B. Immobilien,
Plätze, Brachflächen oder wichtige Verkehrsknotenpunkte
und weisen eine wichtige historische,
gesellschaftliche oder kulturelle Bedeutung auf. Typischerweise
sind sie groß, auffallend, stärker frequentiert
und verfügen über eine hohe Bekanntheit in ihrem Einzugsgebiet.
Positiv
Schlüsselgrundstücke
- prägen das Stadtbild und können zur Attraktivität und
Wettbewerbsfähigkeit der Kommune beitragen
- bieten Chancen für neue Impulse und können weitere
Investitionen induzieren
- können dazu beitragen, die soziale Integration und das
Gemeinschaftsleben in der Kommune zu fördern
Negativ
Die Nicht- oder Unter-/Fehlnutzung von Schlüsselgrundsücken
- beeinträchtigt Laufwege und Kopplungseffekte (= Frequenzverlust)
- verschlechtert die Bausubstanz und das Erscheinungsbild
- strahlt mit fortschreitender Dauer negativ auf die umliegenden
Liegenschaften aus
- kann einen dauerhaften Imageschaden auf die Kommune
ausüben
- verstärkt das Risiko einer Abwärtsspirale im betroffenen
Zentrum, Quartier oder Standortbereich
- verringert die Immobilienwerte und erzielbaren Mietpreise
und mindert die Investitionsbereitschaft der Eigentümer.
genhöhe mit Investoren, Projektentwicklern und
Betreibern.
Gezeitenwende in der Immobilienwirtschaft –
Mononutzungen als Risiko
In gewerblich genutzten Schlüsselgrundstücken
und -immobilien sind oft nicht mehr zeitgemäße
Flächengrößen und -strukturen vorherrschend.
Diese Erfolgskonzepte der Vergangenheit (z.B.
Waren- und Geschäftshäuser, Büroimmobilien,
Verwaltungs- und Postgebäude) wurden durch
eine Nutzungsart definiert, für die es in den heutigen
Märkten immer weniger Nachfrager gibt.
Aufgrund des Leerstandsrisikos werden derartige
Objekte immobilienwirtschaftlich zunehmend
als Risiko bewertet - es sei denn man hat einen
realistischen Plan B.
Handel oder Homeoffices veränderten heutigen
und absehbaren Marktverhältnisse angepasst
werden. Sofern die Eigentümer dies realisieren,
werden komplette Neuentwicklungen möglich,
sehr gerne mit verschiedenen sich gegenseitig
verstärkenden Nutzungen, der Mix macht‘s.
Foto: cima
Immobilienbewertungen müssen passen - dann
klappt es auch mit mehr Vielfalt
Die aus dem Jahrzehnt der Immobilienhausse
(2011-2021) stammenden Immobilienbewertungen
sind meistens zu hoch und müssen an die
u.a. wg. höherer Zinsen, Baukosten sowie Online-
Der Kaufhof war Hanaus erstes großes Warenhaus. Für
die Stadt stand fest, dass sie sich aktiv um die Weiternutzung
des Gebäudes kümmern wird.
80 EXPERTENBEITRÄGE
Unsere Innenstädte und Stadtteilzentren kehren
zu ihrem Ursprung als Marktplatz und Raum der
Begegnung zurück. Neudeutsch wird heute nun
von Mixed Use, Third Place oder Quartieren gesprochen.
Da die Flächenressourcen in unseren Städten generell
immer geringer werden, können sodann
auch Potenziale für Nachverdichtungen bzw. Innenentwicklungen
entstehen und perspektivisch
gehoben werden.
Professionalisierungspotenzial in den Obergeschossen
Gerade für Geschäftshäuser mit Einzelhandel
gilt: in der Vergangenheit haben viele Eigentümer
wg. der außerordentlichen Erträge im EG
die Belegung der Obergeschosse vernachlässigt.
Angesichts sinkender Einzelhandelsmieten müssen
sich die Eigentümer verstärkt gesamthaft um
ihre Immobilien und gerade auch Obergeschosse
kümmern.
Für die Entwicklung der Schlüsselgrundstücke
gibt es keine Blaupausen
Vielmehr bedarf es einer ergebnisoffenen Prüfung
aller zeitgemäßen innenstadttypischen
Nutzungen; also neben Einzelhandel auch Gastronomie,
öffentliche Dienstleistungen, Büro,
Coworking, Wohnen, Gesundheit, Sozialeinrichtungen,
Kultur, Hotel u.a. Städte können in diesem
Kontext auf verschiedenste Weisen Einfluss
nehmen: über das Planungsrecht, andere rechtliche
Instrumente (planungsrechtliche Ermessensspielräume,
Vorkaufsrecht, Enteignung), die
Foto: cima
KII in Düsseldorf ist ein Geschäfts- und Bürohausensemble, das symbiotisch 24.000 qm hochwertige Einzelhandels- und
Gastronomieflächen, 6.000 qm Bürofläche sowie Infrastruktureinrichtungen mit 668 Parkplätzen vereint.
EXPERTENBEITRÄGE 81
Foto: cima
Der Kohlmarkt ist ein zentraler Marktplatz in Braunschweig. Er gehört zu den ältesten Siedlungsgebieten innerhalb
der Stadt
Forcierung einer Nachfolgenutzung (Grundlagen
schaffen, wohlwollende Begleitung, Wettbewerbe)
über die Stärkung des Umfelds (via Investitionen
oder Quartiersmanagement) bis hin zur eigenen
Projektentwicklung oder Konzeptvergabe (ggfs.
nach eigenem Erwerb).
Die Partizipation und der moderierte Dialog mit
der Stadtgesellschaft zu der zukünftigen Nutzung
und Entwicklung befördert die Akzeptanz vor-
Ort.
Kommunen und Immobilienwirtschaft sind bei
der Transformation aufeinander angewiesen
Gerade bei Schlüsselgrundstücken sollten Kommunen
sich als Taktgeber verstehen, z.B. in Form
frühzeitiger Beschäftigung mit Rahmen- und
Masterplänen oder gar via kommunalem (Zwischen-)
Erwerb. Aber auch als eine Art Katalysator,
indem Beschleunigung und Fokussierung,
z.B. über wettbewerbliche Verfahren zur Beantwortung
struktureller und funktionaler Fragen,
maßgeblich werden. Die Kommune sollte mit
dem Ziel agieren, eine partizipative und iterative
Erarbeitung der passenden Lösung anzustreben,
die dann Gegenstand der formellen Bauleitplanung
wird. Auf dieser Basis kann seitens der
Immobilienwirtschaft ein professionelles Projekt-
und Prozessmanagement aufsetzen, eine
wesentliche Grundlage für den betriebswirtschaftlichen
Erfolg dieser größeren Projekte.
ZUR PERSON
Olaf Petersen ist seit 2023 Leiter
der cima.immobilien. Zuvor war
er Leiter Research & Consulting
bei COMFORT, Hamburg. Er ist
Gründungsmitglied des Rates der
Immobilienweisen der Immobilien
Zeitung und des ZIA (2003 – 2010)
und Mitglied im German Council
of Shopping Places, dort ist er Mitglied
im Advisory Board.
82 EXPERTENBEITRÄGE
Kay Brahmst
Das gemischt genutzte
Quartier als „Living Place“
In einer Zeit, in der Innenstädte und Handelsflächen mit Leerständen und veränderten
Konsumgewohnheiten kämpfen, setzt die Bruhn Living Places Management
GmbH (BLP) auf ein bewährtes und zugleich zukunftsweisendes Konzept:
lebendige, gemischt genutzte Quartiere.
Die Unternehmensgruppe Hermann Friedrich
Bruhn ist als Projektentwickler, Bestandshalter,
Verwalter und Asset Manager von Wohn- und
Gewerbeimmobilien überwiegend am Standort
Hamburg tätig. Für das Center Management war
innerhalb der Gruppe bis 2023 die Bruhn Center
Management GmbH zuständig. Dann folgte die
Umbenennung in Bruhn Living Places Management
GmbH (BLP). Denn bereits seit 2013 war die
Entwicklung lebendiger Quartiere – anstelle von
isolierten Shopping Centern – in den Mittelpunkt
gerückt.
Von der Fläche zum Lebensraum
und ihre Bedürfnisse auf kurzen Wegen umfassend
erfüllen können.
Wohnen als Schlüsselfaktor
Einer der entscheidenden Faktoren für lebendige
Quartiere ist das Wohnen. Was früher mitunter
als Störfaktor für den Handel galt, wird heute
als unverzichtbarer Bestandteil erkannt. Denn
Quartiere, in denen Menschen dauerhaft leben,
profitieren von einer natürlichen Frequenz und
einer engen Bindung der Bewohner an ihre Umgebung.
Wohnungen, ergänzt durch gastronomi-
Die klare Vision der BLP ist es, Stadtquartiere
und Stadtteillagen zu Orten zu machen, in denen
Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeitgestaltung
harmonisch ineinandergreifen. Kleinere
Center und Passagen mit einer engen Verzahnung
zum umliegenden Stadtgebiet waren stets
Kern des Unternehmensansatzes. Beispiele hierfür
sind das Schmuggelstieg Center in Norderstedt
und das Pöseldorf Center in Hamburg-Rotherbaum.
Schon vor der Corona-Pandemie war
erkennbar, dass es mehr braucht als den Einzelhandel,
um Menschen nachhaltig für einen Ort
zu begeistern. Deshalb fokussiert sich die BLP
heute auf die Entwicklung von Quartieren, die als
„Living Places“ wahrgenommen werden – Orte,
an denen Menschen gern leben, sich wohlfühlen
Wohnen und Gewerbe in guter Nachbarschaft: Visualisierung
des Luisenquartiers in Hamburg-Hamm
Quelle: Unternehmensgruppe Hermann Friedrich Bruhn
EXPERTENBEITRÄGE 83
sche Angebote, individuelle Geschäfte und grüne
Aufenthaltsbereiche, schaffen Orte, die pulsieren
und Anwohner wie Besucher gleichermaßen anziehen.
Potenzial besteht dadurch auch abseits
der A-Lagen. Die Marktplatz Galerie in Hamburg-Bramfeld
beispielsweise hat entgegen dem
allgemeinen Trend seit Jahren kaum Leerstand.
Angebote wie ein Zuhör- und ein Gesundheitskiosk
wirken zentralitätsfördernd und schaffen
Bindungen sowie eine zusätzliche Motivation,
das Objekt aufzusuchen.
Vom Konzept zur Realität
Foto: Unternehmensgruppe Hermann Friedrich Bruhn
Die Ansiedlung der richtigen Akteure ist auch
außerhalb von Centern und Passagen ein Anliegen
der BLP: vom kleinen Handwerksbetrieb bis
zum charmanten Café und dem Supermarkt für
den täglichen Bedarf. Dabei achtet sie immer auf
die Besonderheiten der Lage und den Bedarf der
Menschen vor Ort. Realisiert wird dieser Ansatz
momentan zum Beispiel im Luisenquartier in
Hamburg-Hamm. Hier war die Unternehmensgruppe
Hermann Friedrich Bruhn schon lange
im Besitz von rund 100 Mietwohnungen gewesen.
Außerdem hatte sie auf ihren Grundstücken
einen Supermarkt, eine große Hausarztpraxis
und eine Kita angesiedelt, um die wohnortnahe
Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner
zu gewährleisten. Mit dem Beginn der Quartiersentwicklung
wurden weitere Ladenflächen für
die Ansiedlung eines Drogeriemarktes und eines
Bäckerei-Cafés aktiviert.
Mit dem Zukauf von weiteren angrenzenden
Grundstücken wurde vor wenigen Jahren der
Weg frei für eine umfangreiche Weiterentwicklung
und Schaffung des Luisenquartiers: Ende
2024 konnte die Unternehmensgruppe Hermann
Friedrich Bruhn hier 208 neue Mietwohnungen
an die neuen Bewohnerinnen und Bewohner
übergeben. Hinzu kommen rund 8.000 Quadratmeter
Gewerbefläche für ein Hotel und einige
kleine Handwerksflächen sowie eine weitere
Kita, die 2025 eröffnet werden sollen. Auf diese
Weise entsteht ein voll funktionsfähiges Quartier
für mehr als 300 Haushalte im eigenen Bestand
und mehrere hundert weitere Wohnungen in
umliegenden Gebäuden – nur drei U-Bahn-Stationen
entfernt von der Hamburger Innenstadt.
Anlaufstelle und Treffpunkt in Hamburg-Bramfeld: die
Marktplatz Galerie
Mehrwert für alle Beteiligten
Die Bruhn Living Places Management GmbH
blickt mit ihrem Ansatz der „Living Places“ auf
eine lange Tradition zurück, die stets von Innovation
und Anpassungsfähigkeit geprägt war. Heute
wie damals lautet die Devise: Die Aufenthaltsqualität
entscheidet über den Erfolg von Quartieren.
Ihr Management ist mehr als die Verwaltung
von Flächen – es ist die Kunst, Lebensräume zu
schaffen.
ZUR PERSON
Kay Brahmst ist Geschäftsführer
in der Unternehmensgruppe
Hermann Friedrich Bruhn, Geschäftsführer
der Bruhn Living
Places Management GmbH und
Vorstandsvorsitzender des BFW
Landesverbands Nord.
84 EXPERTENBEITRÄGE
Torsten Janke
Multi-Use für den
stationären Handel –
Chancen und
Herausforderungen
Multi-Use ist für den Immobiliensektor längst viel mehr als nur ein Trend. Die
gemischte Nutzung von Objekten soll eine lebendige und nachhaltige Stadtentwicklung
fördern: Sie kann Ballungsräume oder urbane Verkehrsknotenpunkte
wiederbeleben, die in der Vergangenheit wichtige Infrastruktur verloren haben.
Die Vorteile für die Menschen: Eine „Stadt der kurzen Wege“, in der die relevante
Infrastruktur in jedem Quartier einfach zu erreichen ist. Für Akteure aus dem
Handel, wie etwa ALDI Nord, birgt diese Entwicklung neue Herausforderungen –
sie stellt aber auch eine Chance dar. Nicht nur, um neue Standorte zu erschließen,
sondern auch, um aktiv an der Gestaltung moderner urbaner Räume teilzuhaben.
Als Grundversorger hat ALDI Nord vor allem ein
Ziel: Menschen zu erreichen, wo sie leben und
arbeiten, und ihnen dort eine einfache Einkaufsmöglichkeit
zu bieten. Gerade in urbanen Räumen
hat das Thema Mixed-Use in den vergangenen
Jahren stärker an Bedeutung gewonnen. Denn
in Zeiten, in denen vom Sterben der Innenstädte
die Rede ist, entstehen auch neue Möglichkeiten
zur „Wiederbelebung“. Bestes Beispiel ist die
ALDI Nord Filiale im traditionsreichen Essener
„Königshof“: Der ehemalige Kaufhof wurde nach
seiner Schließung revitalisiert und beherbergt
heute neben weiteren Einzelhändlern auch eine
ALDI Nord Filiale.
Das Besondere: ALDI Nord setzt nicht auf kleinere
City-Filialen mit Convenience- und Frische-
Fokus, sondern bietet an allen Standorten rund
1.860 Artikel aus 18 Warengruppen an. So müssen
sich Kundinnen und Kunden auch in innerstädtischen
Filialen nicht mit einem limitierten Angebot
zufriedengeben, sondern finden bei ALDI Nord
überall das Sortiment, das sie aus den Stand-Alone-Märkten
kennen – getreu dem Credo „Gutes
für alle“.
Multi-Use hat verschiedene Vorteile: Flächen, die
aufgrund ihrer Größe oder Aufteilung normalerweise
schwer vermittelbar wären, lassen sich
so unter verschiedenen Nutzern aufteilen. Das
ist nicht nur für Unternehmen eine Möglichkeit,
Standorte in zentralen Premiumlagen zu eröffnen.
Denn so lässt sich dem weiterhin hohen Leerstand
bei Einzelhandelsflächen etwas entgegensetzen.
Zusätzlich werden Quartiere wiederbelebt, deren
Infrastruktur in der Vergangenheit gelitten hat.
Die Branche und die weitere Nutzung der betreffenden
Immobilien sind dabei zweitrangig: Für
einen Discounter wie ALDI Nord kommen außer
Wohnraum oder Kindergärten auch Büro- und
Hotelflächen oder Arztpraxen infrage. Wichtig
EXPERTENBEITRÄGE 85
ist, dass sich die Immobilie in die Nachbarschaft
einfügt, auf die individuellen Anforderungen des
Standorts eingeht und einen städtebaulichen
Mehrwert bietet. Denn einerseits führt die umliegende
Infrastruktur dem Handel potenzielle
Kunden zu; andererseits hat der Handel eine Sogwirkung,
die Menschen anzieht. Durch diese Synergieeffekte
lassen sich Standorte beleben, die
vormals möglicherweise von Leerstand betroffen
waren.
Was zunächst nach einer einfachen und logischen
Lösung klingt, bringt für die Projektentwicklung
jedoch auch Herausforderungen mit sich. Jede
Umsetzung eines gemischt genutzten Objekts
muss individuell betrachtet werden – und ebenso
individuell sind die jeweiligen Herausforderungen.
Eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht.
Nicht jeder potenziell gemischt nutzbare Standort
von ALDI Nord ist beispielsweise für Wohnraum
geeignet: Lärmemissionen oder frühe Anlieferungen
sind zu berücksichtigen. Hierfür testet
ALDI Nord unter anderem eine Flotte von geräuscharmen
Elektro-LKW in hochverdichteten
Ballungsräumen, um mögliche positive Effekte auf
Genehmigungsverfahren zu evaluieren – zum Beispiel
an der Berliner Dietzgenstraße.
Das führt zu einem weiteren Faktor, der bei gemischt
genutzten Objekten zu berücksichtigen
ist: die höhere Komplexität der Genehmigungsverfahren
und Abstimmungen. Diese ist häufig
der Grund dafür, dass der gesamte Prozess länger
dauert als beispielsweise bei einer Stand-Alone-Filiale.
Für die Zukunft wäre es ein wichtiger
Schritt, wenn das Genehmigungsverfahren bei
derartigen Projekten vereinfacht und die bürokratische
Komplexität reduziert werden könnte.
Denn von einem beschleunigten Genehmigungs-
und Bauprozess profitiert nicht nur der Bauherr:
Kundinnen und Kunden haben schneller Zugang
zu einer modernen ALDI Filiale und essenzieller
Infrastruktur oder Wohnraum.
ZUR PERSON
Torsten Janke ist Geschäftsführer
Immobilien & Expansion bei
ALDI Nord in Deutschland
Foto: Aldi Nord
ALDI Nord Filiale in Wuppertal mit Kita
86 EXPERTENBEITRÄGE
Romina Jenei
Multi-Use ist ein Schlüssel
zur neuen Dynamik in den
Handelszonen
In einer Welt voller Reizüberflutung, ständig neuer Informationen, unzähliger
Angebote und anhaltender Krisen fällt es den meisten von uns schwer, den Überblick
zu behalten. Der Handel hat es deshalb nicht leicht, die Menschen aus der
wohlvertrauten Welt von Smartphone und Couch zu locken und in den stationären
Einzelhandel zu bringen. Doch wie schafft man es, gerade jetzt ein Erlebnis
zu bieten, das nicht nur zum Einkaufen einlädt, sondern die Menschen wirklich
anspricht und emotional bindet?
Die Antwort liegt in Trendwörtern, die sich in vielen
Bereichen immer stärker zeigen: Vielfalt und
Diversität. Es braucht mehr als nur das gewohnte
Sortiment, um Kunden zu begeistern – es braucht
ein dynamisches und abwechslungsreiches Umfeld,
das Neugier weckt und den Konsumenten das
Gefühl vermittelt, Teil von etwas Besonderem zu
sein. Wer es versteht, anders zu sein, sticht aus der
Masse heraus und zieht die Blicke auf sich.
Dabei beobachten wir in vielen Branchen einen
spannenden Wandel: Neue Konzepte abseits der
klassischen Textilketten und bekannter Marken
gewinnen zunehmend an Raum. Immer mehr
Multi-Use-Flächen entstehen, die für ganz unterschiedliche
Nutzungen geöffnet werden. Diese
Flächen bieten eine Vielzahl von Funktionen und
richten sich an diverse Zielgruppen. Was bedeutet
das für den stationären Handel?
Die Chancen von Multi-Use-Flächen
Für viele Einzelhändler und Immobilienbesitzer
bedeutet diese Dynamik natürlich auch Herausforderungen.
Häufige Mieterwechsel, auseinan-
derklaffende Erwartungen der Miethöhe und die
Ver-änderung des klassischen Branchenmixes
sorgen für Unsicherheit. Der Blick auf eine Vielzahl
leer-stehender Geschäfte in allen Arten von
Handelszonen und Erdgeschoßen verstärkt diese
Sorgen.
Doch gleichzeitig eröffnen diese Veränderungen
unglaubliche Chancen! Denn gerade Multi-Use ist
ein Schlüssel zur neuen Dynamik in den Handelszonen.
Flächen, die vorher monolithisch einem
einzigen Konzept dienten, werden zu bunten, lebendigen
Zonen, die unterschiedliche Bedürfnisse
abdecken – und das auf vielen Ebenen.
Laut einer Zusammenstellung von RegioData Research
GmbH, die über 250 Nutzungen umfasst,
die Erdgeschoße und Handelszonen abseits des
filialisierten Handels bespielen können, sind es
vor allem Dienstleistungen, die eine zentrale Rolle
spielen. Vom Ambulatorium über Beratungsstellen
für Familien, Ernährung oder Bestattung bis
hin zu medizinischen Infrastrukturen verschiedenster
Art – die Bandbreite ist riesig. Und auch
EXPERTENBEITRÄGE 87
Freizeit- und Wellnessangebote wie Beauty Studios
oder Co-Making/Working Spaces finden zunehmend
verstärkt ihren Platz in den Erdgeschossen
unserer Städte.
Der Handel bleibt ein wichtiger Bestandteil dieser
neuen Flächen, dominiert aber nicht mehr
wie bisher die Einkaufszonen. Besonders nichtfilialisierte,
oft spezialisierte Handelsnutzungen
haben das Potenzial, für frischen Wind zu sorgen.
Second-Hand-Shops, verpackungsfreie Läden,
Kunstsupermärkte, Co-Selling, Concept Stores
oder auch autonome Self-Service-Shops – all das
sind innovative Konzepte, die mittlerweile oft besser
die Zielgruppen ansprechen.
Fazit: Die bunte Zukunft der Flächen
Zusammengefasst lässt sich sagen: Nutzungsvielfalt,
Mehrfachnutzung und Umnutzung bringen
eine völlig neue Dynamik in den stationären Handel,
liefern frischen Wind durch mehr Interaktion
und Kreativität. Das Gesicht der Einkaufsstraßen
wird bunter, lebendiger und interessanter. Die
traditionellen Einkaufsflächen, die von großen
Ketten dominiert wurden, machen Platz für kreative,
individuelle Konzepte. Doch eines ist klar: Die
Dienstleistungen
.
.
.
.
.
. ..
_ .. -·········
Spezi a I i sie rte r
Handel
. . . . .
. . . . . .
.....
Gastronomie
. . . . ••••·· .... ••••··
Sonstiges
Produktion
Kultur
Sport
Freizeit
88 EXPERTENBEITRÄGE
Flächen werden kleiner, und die finanziellen Mittel
für die Mieten sind in vielen Fällen eingeschränkt.
Menschen durch Emotionen abholen – Warum
Einfachheit und positive Erlebnisse zählen
Inmitten der unendlichen To-do-Listen und Freizeitoptionen,
der ständigen Herausforderung, den
richtigen Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben
zu finden, ist es vor allem eines, was der
Konsument von heute sucht: unkomplizierte Erlebnisse,
die ihn emotional berühren, ohne ihn zu
überfordern.
„Brauchen wir wirklich noch mehr Erlebnisse?
Die Antwort lautet: Ja, aber bitte positive Erlebnisse!“
Events, Shows, DJs, Virtual Reality – all das sind
spannende Konzepte, die den Puls höherschlagen
lassen können. Aber die Realität ist: Die meisten
Konsumenten wollen einfach nur eine gute Zeit
haben. Das bedeutet nicht, dass der Einzelhandel
ständig ein großes Spektakel bieten muss.
Oft sind es gerade die kleinen, aber feinen Dinge,
die den Unterschied ausmachen: Kein Warten in
der Schlange, ein bequemer Parkplatz (für PKW,
Fahrrad, Roller, etc.) direkt vor der Tür, keine Verwirrung
beim Finden der Ein- und Ausgänge, und
vor allem – echte Beratung von echten Experten.
Den Wandel im Konsumverhalten verdeutlicht
eine aktuelle Auswertung der Konsumausgabenentwicklung
von RegioData Research: Das Thema
„Fun“ – also positive, spaßige Erlebnisse – gewinnt
immer mehr an Bedeutung anteilig an den gesamten
Konsumausgaben, während klassische, einst
dominieren-de Handelsprodukte zunehmend in
der Prioritätenliste abrutschen. Dieser Trend betrifft
nicht nur einzelne Zielgruppen, sondern erstreckt
sich über alle Altersklassen und sozioökonomischen
Schichten.
Emotionen und Erlebnissen versorgt.
Die Rolle von Digitalisierung und Automatisierung
– Einfachheit und Emotion im Einklang
Digitalisierung, Automatisierung und Personalisierung
spielen eine immer größere Rolle – sowohl
im Flächenmix als auch in der Gestaltung
von Shops. Aber auch hier geht es weniger um den
futuristischen Einsatz von Technik, sondern darum,
wie sie den Einkauf einfacher und emotionaler
macht. Die Einfachheit steht im Vordergrund.
Niemand will lange an der Kasse stehen oder sich
durch unübersichtliche Regale wühlen. Das Bedürfnis
nach schnellen, unkomplizierten Erlebnissen
ist enorm.
Die Menschen suchen nach Effizienz und einem
positiven Gefühl der Kontrolle
Ein spannendes Beispiel für diesen Trend sind
Self-Service-Shops. Auch wenn diese in den Erdgeschossen
von Einkaufsstraßen nicht immer die
schicksten Eindrücke hinterlassen, erfüllen sie ein
wichtiges Bedürfnis: Sie bieten eine schnelle, unkomplizierte
Versorgung rund um die Uhr. Egal,
ob es um Snacks, Hygieneartikel oder einfach nur
den schnellen Kauf von Basics geht – die Technologie
macht es möglich, dass Konsumenten jederzeit
Zugang zu den Dingen haben, die sie brauchen,
ohne sich mit langen Öffnungszeiten oder
Menschenmengen auseinandersetzen zu müssen.
Doch auf der anderen Seite gibt es den Wunsch
nach Personalisierung. Die Idee, Produkte und
Dienstleistungen auf den Konsumenten zuzuschneiden,
ist nicht neu, wird aber immer relevanter.
Die Konsumenten möchten sich von der
Masse abheben und suchen nach Produkten, die
auf ihre persönlichen Bedürfnisse und Wünsche
abgestimmt sind. Das betrifft nicht nur Mode,
sondern auch Beautyprodukte, Lebensmittel und
Accessoires.
Der Anteil für Freizeit, Entertainment, Gastronomie
und Selbstoptimierung steigt überproportional,
während der Anteil für materielle Güter stagniert
und teilweise sogar sinkt. In Österreich sind
die „Fun-Ausgaben“ in den letzten 10 Jahren um
ganze 80 Prozent gestiegen. Dabei geht es längst
nicht mehr nur um „Dinge“, sondern um ein ganzheitliches
Erlebnis, das den Konsumenten mit
Bereits bekannte Beispiele wie die Personalisierung
von Schuh- oder Textildesigns, aber auch die
Möglichkeit, Gravuren oder Monogramme hinzuzufügen,
sprechen genau dieses Bedürfnis an.
Anbieter wie M&M’s oder Lindt gehen sogar noch
einen Schritt weiter und lassen Nachrichten und
Fotos auf Süßigkeiten drucken – eine kleine Geste,
die eine große emotionale Wirkung haben kann.
EXPERTENBEITRÄGE 89
Der Konsument möchte nicht mehr nur ein Produkt
kaufen – er möchte etwas Einzigartiges. Und
diese Individualität gibt ihm das Gefühl, etwas Besonderes
zu erleben.
Automatisierung und Personalisierung bieten also
zwei scheinbar gegensätzliche, aber sich perfekt
ergänzende Erlebnisse: auf der einen Seite die
schnelle, unkomplizierte Lösung durch Automaten
und digitale Angebote, auf der anderen Seite
das maßgeschneiderte, individuelle Erlebnis, das
den Konsumenten das Gefühl gibt, einzigartig zu
sein. Diese Faktoren bereichern das Einkaufserlebnis
und werden – in Zukunft im Einzelhandel
– zunehmend Hand in Hand gehen.
Einkaufsassistenten oder personalisierte Produkte,
die den Konsumenten das Gefühl geben, etwas
Einzigartiges zu erleben. Besonders im Handel
zeichnet sich der Trend zu flexiblen, dynamischen
Multi-Use-Flächen ab, die Vielfalt und Abwechslung
bieten. Diese Flächen vereinen nahtlos
Handel, Dienstleistungen und Freizeit-angebote
und sprechen gezielt verschiedene Zielgruppen
an. Letztlich geht es darum, den Konsumenten
auf unkomplizierte und emotional ansprechende
Weise ein gutes Gefühl zu vermitteln.
Fazit: Einfachheit und Emotion – das sind die Erfolgsfaktoren
der Zukunft
Digitalisierung und Automatisierung können
das Bedürfnis nach unkomplizierten, positiven,
emotional ansprechenden Erlebnissen auf unterschiedliche
Weise erfüllen, sei es durch effiziente
ZUR PERSON
Romina Jenei ist CEO bei der RegioPlan
Consulting GmbH, Wien
Foto: Adobe Stock
Self-Service-Shops bieten eine schnelle, unkomplizierte Versorgung rund um die Uhr.
90 EXPERTENBEITRÄGE
Dr. Wulf Aengevelt
Innovative Frequenzbringer
für Einzelhandelsquartiere
Aengevelt Research empfiehlt Städten, nach Schließung von Kaufhäusern unter
Einschaltung externer Experten neuartige Ankernutzungen zu ermöglichen, um
Besucherfrequenzen zu erhalten und, wo möglich, noch zu steigern. Dazu gibt
es konkrete Optionen, um zukunftsfähige Besuchermagnete zu schaffen, die im
Folgenden dargestellt werden.
Planer von Shopping Centern platzieren in der
Regel mindestens zwei „Ankermieter“ an entgegengesetzten
Enden des Gebäudes oder Ensembles,
damit die Besucher zwischen ihnen hin- und
herflanieren und dabei auch dazwischenliegende
kleinere Geschäfte registrieren und aufsuchen.
Natürlich gewachsene City-Quartiere und
Highstreets haben bisher ihre Besucherfrequenzen
ebenfalls durch verschiedene Ankernutzungen
wie Warenhäuser oder große Modekaufhäuser
gewonnen. Wenn Kauf- und Warenhäuser,
teilweise auch Modehäuser, schließen, entfallen
schlagartig solche Besuchermagneten, so dass
sich Passantenfrequenzen reduzieren. Im Extremfall
können so ganze Straßenabschnitte veröden,
die bisher zum Anker führten.
Lösungsansätze zur Erhaltung von Passantenströmen
Um Passantenfrequenzen aufrecht zu halten,
empfiehlt Aengevelt Research, neue Ankernutzungen,
die zahlreiche Besucher anziehen, an
strategischen Punkten der City zu platzieren und
die Erschließung so zu gestalten, dass Passantenströme
durch Einzelhandels- und Gastronomiestandorte
geleitet oder an sie herangeführt
werden. Um solche Anker zu schaffen, empfehlen
sich folgende Lösungsmöglichkeiten:
• Damit aufgegebene Kauf- oder Warenhäuser
ihre Ankerfunktion beibehalten, sollte das Nach-
nutzungskonzept weniger auf frequenzarme
Büro- oder Wohnnutzung setzen, sondern eher
auf eine Mischung aus Einzelhandel, Gastronomie,
Fitness und Entertainment.
• Als neue Ankernutzungen kommen zunehmend
auch der großflächige Lebensmitteleinzelhandel
sowie Drogeriemärkte infrage. Der Trend zum
innerstädtischen Wohnen sowie zu breiteren
Sortimentspaletten mit qualitativ hochwertigen
Lifestyle-Produkten macht die Cities wieder für
Lebensmittel und Drogerieartikel interessanter.
• Die Besucherfrequenz kann auch durch Mehrfachnutzungen
gesteigert und besser über den
Tagesverlauf verteilt werden, beispielsweise
durch die Kombination von Lebensmitteln und
Gastronomie.
• Für Frequenzen kann auch ein zentrales Parkhaus
oder ein ÖPNV-Knotenpunkt sorgen. Durch
sorgfältige Platzierung der Verkehrseinrichtungen
und ihrer Zugänge können Passantenströme
in gewünschte Richtungen gelenkt werden.
• Als Ankernutzungen können auch Cluster von
kleineren Geschäften fungieren, die in Summe
höhere Besucherzahlen anziehen. Gastronomiecluster
sollten nach Möglichkeit mit Einzelhandelsclustern
verwoben werden, um Synergien zu
generieren.
• Entertainment-, Freizeit- und Fitnessnutzungen
stellen ebenfalls zukunftsfähige Besuchermagnete
dar, ebenso wie medizinische und
EXPERTENBEITRÄGE 91
gesundheitsbezogene Nutzungen, die hohe Besucherfrequenzen
erzeugen, von denen der Einzelhandel
profitieren kann, der an den Wegen zu
Parkplätzen und ÖPNV-Haltestellen angesiedelt
ist.
• Gesundheitsorientierte Nutzungen – vom Ärztehaus
über Sanitätsgeschäfte bis hin zu Physiotherapiepraxen
– können ebenfalls beachtliche
Frequenzen an den Zuwegen erzeugen.
• Eine innovative Ankernutzung stellen Markthallen
mit Gastronomieanteil und ganztägigen
Öffnungszeiten dar, die im Trend „farm to table“
liegen und über den ganzen Tag verteilt eine
wichtige Magnetfunktion ausüben können.
Ankermieter mit günstigen Mieten binden
Im Interesse eines City-Quartiers liegt es, Ankermieter,
die Frequenzen erzeugen, durch
(temporär) günstige Mieten zu binden, wie auch
eine Studie BBE Handelsberatung empfiehlt.
Die Mindereinnahmen können dann wegen der
höheren Frequenz durch Mehreinnahmen auf
anderen Flächen (über)kompensiert werden. In
einem Shopping-Center oder einer umgenutzten
Kaufhausimmobilie kann eine solche Querfinanzierung
leichter realisiert werden; in einem gewachsenen
Quartier mit atomistischer Eigentümerstruktur
ist das schwieriger. Deshalb werden
zunehmend Organisationsformen diskutiert, die
solche Ausgleichsmechanismen realisieren können,
wie die in Nordamerika sehr erfolgreichen
Business Improvement Districts (in Deutschland:
Immobilien- und Standortgemeinschaften). Alternativ
kann aber auch die öffentliche Hand helfen,
Ankernutzungen zu finanzieren. Dazu kann
auch das Instrument des Verfügungsfonds der
Städtebauförderung eingesetzt werden.
ZUR PERSON
Dr. Wulff Aengevelt ist seit 1969
Geschäftsführender Gesellschafter
des 1910 gegründeten, in der
vierten Generation inhabergeführten
Maklerhauses Aengevelt
Immobilien & Co. KG, das mit rd.
100 Experten zu den größten und
erfahrensten Immobiliendienstleistern
Deutschlands gehört.
Foto: Aengevelt
Aengevelt Research empfiehlt, neue Ankernutzungen, die zahlreiche Besucher anziehen, an strategischen Punkten in der City
zu platzieren.
92 EXPERTENBEITRÄGE
Jörg-Michael Zimmermann
Hansa Center Bottrop:
Neues Leben für
ehemaliges Einkaufszentrum
Das ehemalige Hansa Center in Bottrop ist ein Gebäude mit bewegter Geschichte.
Gelegen im Zentrum von Bottrop, wurde es ursprünglich in den 1970er Jahren als
Einkaufszentrum gebaut. Der einst sehr erfolgreiche Standort steht inzwischen seit etwa
15 Jahren leer. Verschiedene Versuche der Wiederbelebung sind gescheitert.
Im Jahr 2024 haben der Immobilienspezialist Multi Germany und das Architekturbüro
TTDesign ein passgenaues, vermietbares und wirtschaftlich tragbares Revitalisierungskonzept
entwickelt.
Entstehung und erste Jahre
Die Planungen für das Hansa Center begannen in
einer Zeit, in der viele Städte in Deutschland versuchten,
ihre Innenstädte durch moderne Einkaufszentren
attraktiver zu gestalten. Dies war Teil
eines allgemeinen Trends, der sich in den Boomjahren
nach dem Zweiten Weltkrieg abzeichnete.
Mit seiner Eröffnung im Jahr 1981 bot das Center
Platz für zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte und
Dienstleistungen. Für die Bottroper war es lange
Zeit ein beliebter Treffpunkt, an dem Einkaufen
und Freizeit miteinander verbunden werden
konnten. Darüber hinaus trug das Center dazu bei,
die Innenstadt als Handelsstandort zu stärken und
viele Besucher auch aus dem Umland anzuziehen.
Ziel war es, einen Gegenpol zu den großen Einkaufsmetropolen
wie Essen zu bilden, damit mehr
Geld der Kundinnen und Kunden in Bottrop selbst
bleibt.
Niedergang und Leerstand
Wie viele andere Einkaufszentren in Mittelstädten
musste das Hansa Center jedoch bereits ab Ende
der 1980er Jahre einen allmählichen Rückgang der
Besucherzahlen und einen Bedeutungsverlust hin-
nehmen. Neben dem allgemeinen Strukturwandel
war hierfür insbesondere die Entwicklung von
größeren und dominanten Shopping Centern innerhalb
des Einzugsgebietes verantwortlich, allen
voran dem Westfield Centro in Oberhausen. In der
weiteren Folge schlossen immer mehr Geschäfte,
der Leerstand wuchs. Im Laufe der Jahre gab es
immer wieder Versuche und neue Pläne, das Hansa
Center zu revitalisieren. Keine der bisherigen
Ideen konnte jedoch umgesetzt werden. Zuletzt
wurde mit Blick auf die Bevölkerungsstruktur die
Verwirklichung eines orientalisch ausgerichteten
Konzepts angestrebt, wobei dieser Versuch u.a. an
mangelnder Nachfrage von potentiellen Mietern
gescheitert ist.
Neuer Aufschlag
Im September 2024 wurde Multi mit der Erstellung
einer Studie für die Umnutzung des aktuell
leerstehenden Gebäudes beauftragt. Ziel war es,
ein schlüssiges, umsetzbares und nachhaltiges
Vermietungskonzept zu erarbeiten. Multi verfügt
über umfangreiche Erfahrungen auf dem Gebiet
der Revitalisierung von Standorten. Mit dem kreativen
Inhouse Architekturbüro TT-Design verfügt
EXPERTENBEITRÄGE 93
die Firma zudem über hervorragende Expertise
für die Gestaltung, Funktionalität und das Design
solcher Standorte.
Leitgedanken
Nach einer grundlegenden Analyse kristallisierte
sich heraus, dass zwei Ansätze ausgeschlossen
werden können:
• Eine Nutzung als klassischer, reiner Einzelhandelsstandort
ist nicht möglich.
• Eine Vermietung des bestehenden Gebäudes „as
is“ ist nicht möglich.
In die Zukunft gerichtet wurden fünf
Leitgedanken formuliert:
• Der Standort muss im Zusammenhang mit allen
umliegenden Gegebenheiten „gedacht“ werden:
ehemaliges Karstadt Haus, bestehender ÖPNV
Hub, bestehende Fußgängerzone etc.
• Das zukünftige Konzept muss einen Mix aus verschiedenen
Nutzungsarten beinhalten. Dabei sind
Grundrisse so anzulegen, dass sie eine maximale
Flexibilität in der Vermietbarkeit gewährleisten.
Es muss sogar möglich sein, Nutzungsarten zu
wechseln, z.B. Wohnungen statt Hotel.
• Das vormals introvertierte Gebäude mit Hinterhofcharakter
muss sich zur Umgebung öffnen.
Tageslicht in allen Teilen ist ein entscheidender
Faktor – bisher wurde das Gebäude lediglich über
ein kreisrundes Glasdach über der Mittelrotunde
natürlich beleuchtet.
• Kosten und Erträge müssen in einem Verhältnis
stehen, das es dem Investor ermöglicht, einen
Mehrwert zu erzielen.
Konzept
Entwickelt wurde ein Konzept mit den Nutzungsbausteinen
Hotel, Serviced Apartments, Senior
Living, Healthcare, Wohnen und Büro. Das Gebäude
wurde planerisch so weit wie möglich geöffnet
und für die Etablierung neuer Laufwege vorbereitet.
Dabei ist eine umfangreiche Begrünung des
gesamten Areals vorgesehen.
Darüber hinaus ist eine weitgehende Öffnung des
bestehenden Gebäudekörpers vorgesehen, so dass
ein großzügiger innenliegender Patio entsteht und
die verschieden Nutzungsarten entsprechend belichtet
werden können. Alle Flächen werden so angelegt,
dass die jeweiligen Tiefen auch alternative
Nutzungen ermöglichen.
Berücksichtigung findet die parallel vorgesehene
Umnutzung des sich in direkter Nachbarschaft befindlichen
ehemaligen Karstadt-Gebäudes. Diese
wird nicht als Konkurrenz, sondern als zusätzlicher
wichtiger Baustein zur Attraktivierung der
Innenstadt wahrgenommen. Gespräche über sich
ergänzende Nutzungen wurden geführt, um eine
wechselseitige Konkurrenz zu vermeiden.
Fazit
Auch vermeintlich schwierige Standorte können
einer sinnvollen und nachhaltigen neuen Nutzung
zugeführt werden. Hierfür ist es notwendig, sich
intensiv mit allen spezifischen Standortparametern
zu beschäftigen und eine Abstimmung mit
allen Stakeholdern herbeizuführen.
Visuaisierung: Multi
Das zukünftige Hansa Center muss einen Mix verschiedener Nutzungsarten
beinhalten.
ZUR PERSON
Jörg-Michael Zimmermann ist
Geschäftsführer der Multi Germany
GmbH. Er hat mehr als 25 Jahre
internationale Erfahrung und war
zuvor Leiter des Asset Managements
bei Union Investment. Zuvor
war er unter anderem als Executive
Director bei der Commerz Real
und in verschiedenen Positionen
bei der ECE in Deutschland tätig.
94 EXPERTENBEITRÄGE
Jörg Wege
Neue Wege für urbane
Räume und Quartiere
Der stationäre Handel befindet sich in einem epochalen Wandel, und mit ihm
ändern sich auch die Anforderungen an innerstädtische Handelsimmobilien und
Quartiere. Während der Onlinehandel wächst, müssen Handelsimmobilien verstärkt
neue, vielseitige Nutzungen integrieren, die über den reinen Konsum hinausgehen
und den Standort attraktiv und lebendig machen. Urbane Räume,
insbesondere in Innenstädten, benötigen heute ein zukunftsweisendes Konzept,
das auf Vielfalt, Flexibilität und einen engen Bezug zur jeweiligen Stadtgesellschaft
setzt.
In vielen Innenstädten wächst die Erkenntnis,
dass eine starke Abhängigkeit vom Einzelhandel
nicht mehr zeitgemäß ist. Die Umstrukturierung
oder Umwidmung großer Flächen in zentralen,
aber auch in dezentralen Lagen eröffnet die
Möglichkeit, das Leben in den Städten auf neue
Weise zu gestalten. In enger Abstimmung mit der
Stadtplanung kann der stationäre Handel hier zu
einem zentralen Baustein der Quartiersentwicklung
werden. Flächen, die traditionell allein dem
Handel dienten, bieten Raum für neue Konzepte,
die Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Versorgung
kombinieren und so wieder eine stabile Frequenz
in die Zentren bringen.
In der Praxis heißt das: Die klassische Handelsfläche
wird bestenfalls zum Knotenpunkt für
städtisches Leben und dient als multifunktionale
Begegnungsstätte, die neben Einkaufsmöglichkeiten
auch Raum für Arbeit, Freizeit und soziales
Miteinander schafft. Dieser Wandel wird
zum Motor für Innenstädte, die einen starken
Frequenzrückgang verzeichnen und unter einem
Mangel an Aufenthaltsqualität leiden. Innovative
Konzepte tragen dazu bei, urbane Räume zu revitalisieren
und sie wieder zu Orten der Begegnung
und Identität zu machen.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt in der Umgestaltung
von Handelsimmobilien ist der nachhaltig
flächensparende Umgang mit Arealen durch
die Nachverdichtung bestehender Handelsstandorte,
insbesondere solcher mit großen Parkplätzen
und eingeschossiger Bebauung. Solche
Standorte bieten eine optimale Grundlage für
die Schaffung urbaner Quartiere. Durch die Entwicklung
von Stadtquartieren auf bisher primär
als Stellplatzfläche genutztem Terrain entstehen
Mischstrukturen, an meist sehr gut erschlossenen
Standorten, die Wohnraum, Arbeitsplätze
und Nahversorgungsangebote kombinieren.
Nachverdichtung reduziert den Flächenverbrauch.
Durch die Integration von Wohn- und
Arbeitsmöglichkeiten sowie zusätzlichen Grünund
Freiflächen entstehen lebendige Quartiere,
die nicht nur den Konsum, sondern auch die Aufenthalts-
und Lebensqualität steigern. Für Betreiber
und Stadtplaner bietet die Nachverdichtung
eine Möglichkeit, den Handel nachhaltig in
städtische Strukturen zu integrieren.
Die Umwidmung zu Multi-Use-Flächen wird besonders
in Quartieren immer relevanter, wo eine
Kombination aus Handel, Wohnen und Dienstleistung
in direkter Nachbarschaft entsteht. Statt
EXPERTENBEITRÄGE 95
monofunktionaler Zonen entstehen so lebendige,
durchmischte Viertel, die von einem dynamischen
Wechsel verschiedener Nutzergruppen
profitieren. Multi-Use-Konzepte schaffen nicht
nur die baulichen Voraussetzungen für eine flexible
Nutzung, sondern fördern eine gemeinschaftliche
Quartiersstruktur, in der das soziale
Miteinander und die Versorgungsvielfalt im Mittelpunkt
stehen.
Durchmischte Nutzungen stabilisieren außerdem
das städtische Leben, da unterschiedliche
Zielgruppen zu verschiedenen Zeiten für eine
beständige Grundfrequenz sorgen. So kann eine
Fläche tagsüber Büros beherbergen, während
abends Gastronomie und Freizeitangebote in den
Vordergrund treten. Durch diesen dynamischen
Wechsel werden Quartiere belebt und erhalten
eine höhere Attraktivität, die nicht nur Bewohner,
sondern auch Besucher anspricht.
Neben funktionaler Vielfalt ist auch die ökologische
Nachhaltigkeit eine entscheidende Säule
moderner Flächenentwicklung. In Zeiten des
Klimawandels wird die energieeffiziente Nutzung
und der nachhaltige Bau von Handelsimmobilien
und Multi-Use-Flächen immer wichtiger. Ressourcenorientierte
Bauweisen, wie die Nutzung
lokaler Materialien und die Einbeziehung grüner
Infrastruktur, tragen zur Attraktivität eines
Standorts bei und sind zunehmend eine Voraussetzung
für dessen langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Dach- und Fassadenbegrünung und nachhaltige
Mobilitätskonzepte schaffen neue Anreize und
tragen zur erhöhten Aufenthaltsqualität bei. Flexible
Flächenaufteilungen und modular gestaltete
Nutzungseinheiten erleichtern die Umnutzung
im Lebenszyklus der Immobilie und erleichtern
die Anpassung an zukünftige Bedarfe. Die Kombination
aus nachhaltiger Bauweise und multifunktionaler
Nutzung erhöht ihre Attraktivität für
eine diverse Nutzerschaft und sichert so den Wert
der Immobilie nachhaltig.
Die Transformation hin zu multifunktionalen,
dynamischen Quartieren erfordert nicht nur
bauliche Flexibilität und ökologische Nachhaltigkeit,
sondern auch eine technologische Basis,
die es erlaubt, Flächen effizient zu verwalten und
anpassungsfähig zu gestalten. Hier spielt die Digitalisierung
eine entscheidende Rolle: Smarte
Technologien und digitale Infrastruktur sind für
die moderne Umwidmung großer Flächen in Innenstädten
und Quartieren unerlässlich, da sie es
ermöglichen, Ressourcen zu optimieren, den Flächenbetrieb
agiler zu gestalten und das Erlebnis
vor Ort aktiv zu verbessern.
Digitale Tools und Smart-City-Konzepte eröffnen
somit neue Möglichkeiten für die Gestaltung und
Verwaltung von Handelsimmobilien. App-basierte
Zugangslösungen, IoT-Sensoren oder smarte
Energieverwaltungssysteme können nicht nur
Betriebsprozesse effizienter gestalten, sondern
auch das Nutzererlebnis steigern. Die Erhebung
und Analyse von Echtzeitdaten erlaubt es Immobilienmanagern,
flexibel auf Veränderungen zu
reagieren und die Immobilie kontinuierlich an
die Bedürfnisse der Nutzer anzupassen.
Der Wandel hin zu multifunktionalen Flächen ist
in vielen Innenstädten und Quartieren bereits
spürbar und erfordert ein strategisches Umdenken.
Handelsimmobilien werden zu multifunktionalen
Begegnungsorten, an denen Konsum,
Freizeit, Wohnen und Arbeiten miteinander verschmelzen.
Die Zukunft der Handelsimmobilien
liegt in einer durchdachten Verbindung aus Flexibilität,
Nachhaltigkeit und Digitalisierung, die
nicht nur wirtschaftlich tragfähig, sondern auch
gesellschaftlich sinnvoll ist. Nur durch eine enge
Abstimmung mit der Stadtplanung und die Berücksichtigung
lokaler Bedürfnisse können sich
Handelsimmobilien langfristig erfolgreich in urbane
Strukturen einfügen.
Mit diesen Ansätzen bieten sich Chancen für Immobilienmanager,
Investoren und Kommunen,
die Zukunft des Handels aktiv zu gestalten. Die
Multi-Use-Entwicklung ist ein Schlüssel zu lebendigen,
vielseitigen und nachhaltigen Innenstädten
und Quartieren – und damit zur Zukunft
der Handelsimmobilien.
ZUR PERSON
Jörg Wege ist Stadtplaner und
Head of Strategic Development,
MEC
96 EXPERTENBEITRÄGE
Mark Ellis
Nachhaltigkeitskonzept
für Shopping Center
Im letzten Jahr gab es in Deutschland mehr als 500 Shopping Center mit einer
Gesamtfläche von über 16 Mio. Quadratmetern. Davon verzeichnet inzwischen
fast ein Viertel einen Leerstand von bis zu zehn Prozent. Doch damit
nicht genug. Der Anteil der Center, in denen mehr als zehn Prozent der Flächen
vakant sind, liegt inzwischen bei fast 20 Prozent. Tendenz steigend.
Die Probleme sind vielschichtig und betreffen
keineswegs nur die Center der ersten Stunde.
Keine andere Assetklasse steht vor der Herausforderung,
sich in immer kürzeren Abständen
an veränderte Nutzer- und Konsumentenanforderungen
anpassen zu müssen. Das betrifft ausnahmslos
alle Center-Generationen. Erschwerend
kommen jetzt noch die regulatorischen
Vorgaben durch die EU-Klimagesetzgebung hinzu.
Die Einhaltung der „ESG-Kriterien“ werden zum
neuen Maßstab. Das bedeutet: Objekte, die den
Nachhaltigkeitsanforderungen nicht genügen,
werden über kurz oder lang abgestraft. Vom Kapitalmarkt,
Investoren, Mietern und Konsumenten.
Muss es so weit kommen?
Shopping Center sind komplexe Handels- und
Betreiberimmobilien. Die Komplexität ergibt
sich nicht nur aus baulichen und technischen
Besonderheiten, sondern darüber hinaus aus der
Vielzahl von Stakeholdern. Sie scheinen – zumindest
auf den ersten Blick – unterschiedliche
Prioritäten zu setzen. Mieter verschiedenster Art
und Größe, für die die Attraktivität der Immobilie,
die Funktionsfähigkeit und der Branchenmix
von Bedeutung sind, treffen auf Eigentümer,
für die das Objekt meistens in erster Linie ein
Investment ist. Ihre Handlungsmaxime: Kosten
zu minimieren und die Rendite zu maximieren.
Dazwischen agieren Asset- und Centermanager.
Die einen treffen Entscheidungen auf Basis von
Zahlen und Excel-Sheets. Zu den Hauptaufgaben
der anderen gehört es, zwischen den Welten zu
verhandeln bzw. zu vermitteln.
Diese Gemengelage scheint mit Zielkonflikten
verbunden zu sein. Doch der Eindruck täuscht.
Eigentümer von Shopping Center haben ein ureigenes
Interesse daran, dass sich das eingesetzte
Kapital verzinst. Zudem wollen Kreditlinien verhandelt,
Mieteinnahmen idealerweise gesteigert
und die Transaktionsfähigkeit des Objektes sichergestellt
sein.
Die Wettbewerbsfähigkeit des Objekts ist dafür
die entscheidende Grundvoraussetzung. Shopping-Center,
in denen sich ein Wartungs-, Instandhaltungs-
oder sogar ein Reparaturstau
aufgebaut hat, laufen Gefahr, Leerstände und in
der Folge sinkende Mieteinnahmen zu provozieren.
Werden Investitionsentscheidungen aufgeschoben
oder gar unterlassen, sind negative Effekte
auf die Performance vorprogrammiert. Was
ist also zu tun?
Die wichtigsten Stellschrauben
Maßnahmen, die auf die ESG-Konformität des
Shopping Centers einzahlen, verbessern nicht
EXPERTENBEITRÄGE 97
nur die Klimabilanz, sondern zahlen auch auf die
Vermarktungsfähigkeit und damit die Ertragskraft
der Immobilie ein.
Unsere Erfahrungen bestätigen regelmäßig,
dass sich ein energetischer Investitions- und
Maßnahmenplan selbst für solche Eigentümer
amortisieren kann, die sich maximale Entscheidungsfreiheit
vorbehalten wollen, zu welchen
Zeitpunkt, sie sich wieder von ihrem Investment
trennen. Sprich: Investoren müssen keinen langfristigen
Anlagehorizont verfolgen, um von den
umgesetzten Maßnahmen profitieren zu können.
Ganz im Gegenteil, wie sich am konkreten Beispiel
eines Shopping Centers verdeutlichen lässt.
In Abstimmung mit dem Eigentümer wurde ein
strategisches Maßnahmenkonzept ausgearbeitet,
um die Energieeffizienz und Klimabilanz zu
optimieren und eine Zertifizierung des Gebäudes
nach BREEAM zu erreichen. Die Amortisation
der Investition wurde zunächst in zwei Varianten
(drei bzw. fünf Jahre) gerechnet.
Erste effizienzsteigernde Maßnahmen ließen sich
zügig realisieren und zeigten auch umgehend
Wirkung. So konnte allein durch das Umrüsten
der Beleuchtung auf LED sowie der Anpassung
der Leuchtzeiten von Außenwerbeanlagen monatlich
Einsparungen von 50.000,- Euro (brutto)
erzielt werden. Gleichzeitig werden dadurch
nunmehr jährlich über 15 Tonnen CO2 weniger
emittiert. Die Maßnahme optimiert also sowohl
die Kosten als auch die Klimabilanz des Objekts.
in Verbindung mit einer Gebäudeleittechnik, die
nur bei Bedarf Kälte erzeugt, die Anpassung des
Kälteschemas im gesamten Gebäude sowie der
Einbau einer Wärmepumpe konnten die Stromund
Wasserkosten jährlich um 500.000 Euro
(brutto) reduziert werden. Des weiteren erfolgte
der Einbau effizienter Brenner und eine Anpassung
der Heizintervalle über eine intelligente
Steuerung.
Die erzielten monetären Effekte sprechen für
sich: In der Summe konnte durch die Umsetzung
des energetischen Maßnahmenkonzepts
ein jährliches Einsparvolumen von insgesamt
1,28 Mio. Euro generiert werden. Zwar kommt die
signifikante Reduzierung der Betriebskosten zunächst
nur den Mietern zugute.
Doch auch für die Vermietung vakanter Einzelhandelsflächen
sind niedrige Betriebskosten
durchaus ein gewichtiges Argument. Es einen
Aspekt, der noch viel zu oft unerwähnt bleibt: Investiert
ein Eigentümer gezielt in sein Objekt ist
das für finanzierende Banken ein wichtiger Indikator
dafür, dass die Ertragskraft der Immobilie
sichergestellt wird. Für das Verhandeln von Kreditlinien
mag das nicht unwesentlich sein.
Im Fokus: ESG
Im vorliegenden Fall entschied sich der Eigentümer
des Shopping Centers das energetische
Handlungskonzept durch ein ESG-spezifisches
Maßnahmenkonzept zu komplettieren. Das erklärte
Ziel: die Zertifizierung nach BREEAM.
Als größte Stellschraube sollte sich allerdings die
Kältetechnik erweisen. Sie ist nahezu in jedem
Objekt ein wirksamer Hebel, Kosten zu senken
und die Effizienz zu steigern. Denn die Analyse
der Daten und Kennzahlen sowie eine umfangreiche
Prüfung des gesamten Funktionsgefüges
ließen erkennen, dass die Anlage über Jahre nicht
nur unzureichend gepflegt bzw. gewartet worden
ist, sondern vor allem die zugrundeliegende Planung
von vornherein fehlerhaft war.
Das führte zu enorm hohen Betriebskosten, die
bei allen Mietern entsprechend zu Buche schlugen
und die Höhe der Betriebskosten gefühlt zur
zweiten Miete werden ließen. Kein Einzelfall.
Durch den Einbau einer intelligenten Kälteanlage
Dazu wurde unter anderem ein Datenportal zum
Management von Abfall-, Wasser-, Strom-, Heizund
Kühlwerten implementiert, Smart Metering
eingeführt, die Bepflanzung der Grünflächen mit
Blick auf den Erhalt der Biodiversität angepasst
und Insektenhotels eingerichtet.
Ferner wird sichergestellt, dass die GEFMA-,
DIN- und VDS-Richtlinien im Betrieb eingehalten
werden und ausschließlich nachhaltige
Reinigungsmittel sowie für technische Anlagen
entsprechende chemische Produkte zum Einsatz
kommen. Die Durchführung von Mieterbefragungen
lieferten ergänzende Hinweise, wie
die Zufriedenheit der Nutzer und ihrer Kunden
weiter verbessert werden können. Im Zuge der
98 EXPERTENBEITRÄGE
Foto: Adobe Stock
Objektanalyse wurden zudem ungenutzte Potentiale
identifiziert. Mit Blick auf die angestrebte
Mobilitätswende werden Lademöglichkeiten für
Elektrofahrzeuge für Shopping Center zukünftig
eine größere Rolle spielen.
Erfolgsfaktoren: Worauf es ankommt
Das Praxisbeispiel verdeutlich, dass Kompetenz
und ein tiefes technisches Verständnis für ein
nachhaltig erfolgreiches Property Management
unabdingbar sind. Unbestritten ist aber auch,
dass die Bereitschaft aller beteiligten Akteure
notwendig ist, Zahlen und objektspezifische
Gegebenheiten zu hinterfragen. Der regelmäßige
Austausch im Jours fixe schafft wechselseitig
Verständnis und hilft, die Dinge gemeinsam in
die richtige Richtung zu bewegen, um den wirtschaftlichen
Erfolg der Immobilie sicherzustellen.
ZUR PERSON
Bereits während seines Studiums
der internationalen Weinwirtschaft,
faszinierte Mark Ellis die
Frage, wie sich Wasserverbrauch
effizienter gestalten lässt, um
nachhaltiger zu wirtschaften. Diese
Auseinandersetzung mit Ressourceneffizienz
legte den Grundstein
für seine Begeisterung, mit
innovativen Ideen einen positiven
Beitrag zur Nachhaltigkeit und
Energieeffizienz zu leisten. Nach
langjähriger Tätigkeit im Bereich
Klimaschutz und Energieeffizienz
ist er nun ESG Data & Salesmanager
bei HEICO.
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100 EXPERTENBEITRÄGE
Stadt+Handel / RKW Architektur + / Koschany +Zimmer
Projektentwicklung (KZP) / Earthwise Capital
Transformation von Großimmobilien:
Multiperspektivität als Erfolgsfaktor
und Strategie für zukunftsfähige
Immobilienentwicklungen
Unsere Zentren und ihre Immobilien stehen mitten im Strukturwandel – mit erheblichen
Auswirkungen auf all jene, die diese Räume nutzen oder entwickeln.
Besonders Großimmobilien, die primär mit ausgedehnten Einzelhandelsflächen
ausgestattet sind, stehen vor akuten Herausforderungen: Was passiert mit Gebäuden,
deren ursprüngliche Nutzung nicht mehr gefragt ist? Wie lassen sich
diese Orte in vitale, zukunftsfähige und nutzerorientierte Räume verwandeln?
Für Kommunen, Eigentümer und Projektentwickler
stellen sich hier zentrale Fragen: Wie
können leerstehende oder monofunktional genutzte
Baukörper so entwickelt werden, dass sie
den vielfältigen Bedürfnissen von Nutzern, Nachbarschaften
und Städten gerecht werden? Wie
schaffen wir Räume, die nicht nur flexibel, sondern
auch attraktiv, nachhaltig und wirtschaftlich
funktionsfähig sind?
Die Antwort auf diese Herausforderungen liegt
in einem multiperspektivischen Ansatz, der
die Probleme und Potenziale vor Ort ganzheitlich
erfasst: Multiperspektivität in der Immobilienentwicklung
ist ein strategischer Ansatz, um
nachhaltige und bedarfsgerechte Lösungen zu
schaffen, die alle relevanten Dimensionen angemessen
berücksichtigen. Unser Ansatz setzt
genau hier an: Wir denken nicht nur in Nutzungspotenzialen,
sondern verankern sie fest
im städtebaulichen Kontext, übersetzen sie in
architektonische Qualität und sichern sie durch
wirtschaftliche Tragfähigkeit. Als Kompetenzteam
bündeln Stadt + Handel, RKW Architektur
+, Koschany + Zimmer Projektentwicklung (KZP)
und Earthwise.Capital die entscheidenden Kompetenzen
und Erfahrungen.
Innenstadtentwicklungs- und Marktexpertise
durch Stadt + Handel, Kompetenz als Service-
Projektentwickler durch KZP, geballtes Know-
How im gesamten architektonischen Bereich
sämtlicher Leistungsphasen durch RKW Architektur
+ sowie fundiertes Wissen hinsichtlich
Finanzierung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit
durch Earthwise.Capital. Unser Kompetenzteam
hilft kommunalen wie privaten Auftraggebenden
dabei, innovative und nachhaltige Ansätze für
bedarfsgerechte Lösungen zu entwickeln und zu
realisieren. Von der Klein- bis zur Großstadt, von
der Passage bis zum Center.
EXPERTENBEITRÄGE 101
Stadt + Handel: Der Kontext im Fokus - Städtebauliche
und funktionale Zusammenhänge als
Erfolgsdeterminanten
Die Transformation von Großimmobilien in multifunktionale
und frequentierte Zukunftsorte erfordert
ein tiefes Verständnis der Innenstadt als
System. Was prägt eine Innenstadt? Was ist ihr
Alleinstellungsmerkmal? Welchen Wert hat sie
für die Stadtgesellschaft? Und wie interagieren
ihre einzelnen Bausteine miteinander? Nur wenn
wir die Wechselwirkungen zwischen Immobilien,
Quartieren und dem großen Ganzen – der Innenstadt
– verstehen, können wir nachhaltige und
zukunftsfähige Lösungen entwickeln.
Der Baustein Großimmobilie und die
Innenstadt-DNA müssen verschmelzen
Eine Immobilie ist nur nachhaltig erfolgreich,
wenn sie sich nahtlos und bereichernd in das
Stadtgefüge integriert und ihr Geschäftsmodell
auf das Geschäftsmodell des Zentrums abgestimmt
ist.
Wie gelingt das? Als Stadtentwicklungsbüro folgt
Stadt + Handel dem Motto „Neue Wege. Klare Pläne.“
und wählt einen integrierten Ansatz. Startschuss:
Wir beginnen jede Analyse mit dem „Großen“
– der gesamten Innenstadt. Wie funktioniert
dieser Raum? Was fehlt ihm und welche Potenziale
verstecken sich hier? Welche Funktionen und
Qualitäten sind notwendig, um ihn zukunftsfähig
zu machen? Erst wenn wir diese zentralen Fragen
beantwortet haben, konzentrieren wir uns
auf die einzelne Immobilie. Wir betrachten sie als
kleinsten Baustein eines größeren Ganzen. Denn:
Stadtentwicklung hört nicht an den vier Wänden
einer Immobilie auf – und Immobilienentwicklung
auch nicht. Es geht darum, Immobilien als
integrierten Bestandteil eines komplexen städtischen
Systems zu betrachten.
Über den Tellerrand hinaus - solitäre Einzelstudien
sind nicht mehr zeitgemäß
Stadt + Handel, als Stadtentwicklungsbüro und
Innenstadtspezialist, zeichnet sich durch ein
Grafik: Stadt + Handel
Betrachtung der Immobilie (hier die Arcade Bielefeld) in ihrem räumlichen Zusammenhang
102 EXPERTENBEITRÄGE
tiefgehendes Verständnis für die Funktionsweise
von Zentren aus. Mit den drei Schlüsselindikatoren
– Vitalität, Individualität und Mentalität –
bietet Stadt + Handel einen klaren Kompass, um
den Wandel aktiv zu gestalten und die Bedürfnisse
der Innenstadt auf die Immobilie zu übertragen.
Anstatt sich auf eine Einzelstudie für die Immobilie
zu beschränken, entwickeln wir zunächst
ein Geschäftsmodell für die gesamte Innenstadt.
Dieses ganzheitliche Vorgehen ermöglicht kohärente
Lösungen, bei denen alle relevanten Akteurinnen
und Akteure von Anfang an einbezogen
werden. Die enge Zusammenarbeit von Eigentümern,
Investoren, Kommunen und Nutzern ist
essenziell, um Lösungen zu schaffen, die sowohl
den Anforderungen der Immobilienwirtschaft als
auch den Bedürfnissen der Kommunen gerecht
werden.
Unser Ziel ist es, die Immobilien nicht nur an aktuelle
Anforderungen anzupassen, sondern sie
langfristig in das städtische Gefüge zu integrieren.
So trägt Stadt + Handel maßgeblich dazu bei
Großimmobilien von reinen Baukörpern zu DNA-
Bausteinen umzufunktionieren, die die Identität,
Vitalität und Zukunftsfähigkeit von Innenstädten
formen.
Zahlen, Daten, Fakten: Keine
Nutzungskonzeption ohne fundierte Kenntnis
der Marktpotenziale
Nachdem die Bedarfe der Innenstadt ermittelt
und potenziell passende Nutzungsmöglichkeiten
für ihre Großimmobilie identifiziert wurden,
stellt sich die zentrale Frage: Welche dieser Nutzungen
haben das größte Potenzial? Eine fundierte
Marktpotenzialanalyse gibt die Antwort.
Ohne Marktdaten ist eine realistische Einschätzung
und somit eine erfolgreiche Entwicklung
nicht möglich.
Vom Standort zum Erfolgsmodell
„Lage. Lage. Lage.“ – der Standort bleibt der entscheidende
Faktor. Aber was bedeutet das konkret?
Die Zugänglichkeit, etwa die Anbindung an
den öffentlichen Nahverkehr und Parkmöglichkeiten,
spielt eine zentrale Rolle. Auch die Fußgängerfrequenz
ist entscheidend, um Chancen
für Einzelhandel, Gastronomie oder alternative
Nutzungen zu erkennen. Darüber hinaus sind
die Nachbarschaft und vorhandene Synergien zu
analysieren.
Ein oft unterschätzter, aber gleichermaßen wichtiger
Faktor ist das Planungsrecht. Selbst wenn
der Standort ideal erscheint, nützt die beste Lage
wenig, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen
eine gewinnbringende Nutzung verhindern.
Deswegen überprüfen wir, ob geplante Umnutzungen
oder bauliche Veränderungen mit dem
bestehenden Baurecht vereinbar sind, besonders
wenn spezielle Nutzungen wie Gastronomie,
Einzelhandel oder Wohnen in Kerngebieten eine
Rolle spielen sollen.
Zukunftssicher planen: Der strategische
Kompass für Ihre Immobilie
Auch eine Wettbewerbsanalyse ist unerlässlich:
Welche Anbieterinnen und Anbieter sind bereits
aktiv und welche Marktnischen sind noch unbesetzt?
Eine Leerimmobilie wird nur dann zu
einer lohnenswerten Investition, wenn sie sich
von der Konkurrenz abhebt und die Bedürfnisse
der Zielgruppe erfüllt und damit als Puzzleteil
den größtmöglichen Mehrwert für die Umgebung
generiert.
Wie lässt sich all dies in Zahlen fassen? Kennzahlen
wie Mieten, Kaufpreise und Bodenrichtwerte
sind entscheidend, um die Höhe der Investitionen
und die erwarteten Renditen abzuschätzen.
Berechnungen zu Umsatzpotenzialen und Wirtschaftlichkeit,
etwa durch eine Discounted-
Cashflow-Analyse, helfen dabei, die langfristige
Rentabilität zu beurteilen.
Doch es reicht nicht, nur die gegenwärtige
Marktsituation zu betrachten – auch zukünftige
Entwicklungen beziehen wir mit ein. Makroökonomische
Trends, demografische Veränderungen
und Konsumverhalten sind für die Prognose
künftiger Marktveränderungen elementar. Wie
entwickelt sich der Markt in den kommenden
Jahren? Welche Trends werden die Nachfrage
beeinflussen? Immobilienmärkte und Konsumgewohnheiten
ändern sich kontinuierlich. Was
heute als ideales Nutzungskonzept erscheint,
kann morgen schon überholt sein. Die Fähigkeit
frühzeitig Trends wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung
oder neue Einzelhandelsformate zu erken-
EXPERTENBEITRÄGE 103
nen, verschafft einen klaren Vorteil und sichert
den langfristigen Erfolg des Projekts.
Die richtige Marktpotenzialanalyse dient als
Kompass und hilft, den richtigen Weg zu finden
– von der Standortbewertung über die finanzielle
Planung bis hin zur Wahl der zukunftsfähigen
Nutzung. Das ist ein komplexer Prozess, der tiefgehende
Expertise erfordert. Marktanalysen und
die Entwicklung konsistenter Zielvorstellungen,
die mehr als die Einzelimmobilie umfassen, stehen
nicht solitär. Sie sind Teil eines gemeinsamen
Aushandlungsprozesses. Sie sind vorgelagerter
Bestandteil von dem, was wir als Leistungsphase
0 bezeichnen.
Koschany + Zimmer Projektentwicklung KZP:
Die Leistungsphase 0 - Das Fundament tragfähiger
Immobilienentwicklungen
Die frühe Konzeptphase (LP0) ist entscheidend,
um die Weichen für den Projekterfolg zu stellen.
Hier überprüfen wir die Vision auf konkrete
Machbarkeiten, analysieren Risiken und erstellen
erste Kostenmodelle.
Die Leitplanken setzen
Entscheidend für eine erfolgreiche Projektentwicklung
ist für die Koschany + Zimmer Projektentwicklung
KZP die LP0. Es ist die Phase, in
der der größte Einfluss auf den Prozess und den
Projekterfolg genommen wird. Die LP0 wird den
klassischen HOAI-Phasen vorgelagert. Im ersten
Schritt definieren wir die relevanten Projektparameter.
Sie bilden die Leitplanken, in denen
sich das Projekt bewegt. Zum einen sind das vom
Auftraggebenden vorgegebene Parameter wie
Gestaltungsanspruch, Investmentsumme, Nutzungsmöglichkeiten
oder Renditeziele.
Zudem sind es die Gegebenheiten, welche aus der
Immobilie und dem Umfeld vorgegeben werden
und zu bearbeiten sind. Und nicht zuletzt müssen
die vielfältigen externen Parameter, die für
das Projekt relevant sind, identifiziert werden.
Rechtliche und politische Aspekte zählen ebenso
dazu wie städtische Ziele.
Die Priorisierung dieser Parameter variiert nicht
nur von Projekt zu Projekt, sie verändert sich
auch in den verschiedenen Phasen eines Projekts.
Den Entscheidungstrichter befüllen
Nachdem wir die Parameter, die für das Projekt
relevant sind, geprüft, priorisiert und „Red
Flags“ ausgeschlossen haben, erarbeiten wir
eine einfache, grobe Machbarkeitsstudie. In
dieser Machbarkeitsstudie werden erste Bruttogeschossflächen
und Mietflächen ermittelt
sowie verschiedene Nutzungs- und Flächenverteilungsvarianten
durchgespielt. Gerade in dieser
Konzeptphase bedarf es – insbesondere bei
Bestandsimmobilien und Umnutzungen – sehr
erfahrener und kreativer Entwicklerinnen und
Entwickler sowie Planerinnen und Planer. Sie
braucht es, um die baulichen Herausforderungen
frühzeitig zu erkennen und Potenziale aufzuzeigen.
Des Weiteren sollen sie wirtschaftlich, architektonisch
sinnvolle und genehmigungsfähige
Lösungsansätze erkennen. Es geht darum, einen
ersten Überblick in einem groben Planungsmaßstab
zu erlagen, eine Baukostenprognose zu wagen,
Herausforderungen aufzuzeigen oder bis
hierhin unerkannte „No-Gos“ zu identifizieren.
Parallel zu dem beschriebenen Ablauf führen wir
von KZP, den Entwicklern, in der LP0 erste Gespräche
mit den zentralen Entscheiderinnen und
Entscheidern aus Politik, Verwaltung, Banken,
um folgende Fragen zu klären: Unterstützen sie
das Projekt? Gibt es Widerstände? Wie können
diese überwunden werden?
Die relevanten Themen ausbalancieren
Auf Grundlage der erarbeiteten Machbarkeitsstudie
und den geführten Gesprächen erstellen
wir bei der KZP eine erste Kosten- und Erlösbetrachtung/Renditeermittlung
als „One-Pager“.
In einem iterativen ausbalancierenden Prozess
gilt es, ein optimales und realistisches Verhältnis
zwischen Kosten-Erlösen-Rendite zu suchen.
Dieses Ausbalancieren findet gemeinsam mit
unseren Auftraggebenden statt. So erhalten sie
bereits in dieser frühen Projektphase eine erste
Einschätzung für eine wirtschaftliche Projektrealisierung.
Auf dieser Basis können die Auftraggebenden
eine fundierte Entscheidung treffen,
ob und wenn ja, wie das Projekt weitergeht.
Die LP0 ist somit ein unerlässlicher Baustein für
eine erfolgreiche Projektentwicklung, insbesondere
bei Umnutzung und Revitalisierung von innerstädtischen
Handelsimmobilien.
104 EXPERTENBEITRÄGE
RKW Architektur +: Die Kunst der Übersetzung:
Wie aus Vorstellungen, Szenarien und Konzeptionen
passgenaue, nachhaltige und bereichernde
Architektur entsteht
Sobald die strategischen Ziele abgestimmt sind
und Nutzungsszenarien daraus abgeleitet wurden,
sind Architektur und Freiraumplanung gefragt.
In einem ersten Schritt gleichen wir ab, inwiefern
die definierten Ziele abbildbar sind. Dies betrifft
Quantitäten, aber auch Qualitäten: Wie verknüpft
sich die angestrebte Nutzung mit dem öffentlichen
Raum, wo ist vorne, wo hinten? Oder auch
ganz einfach: Passt aufs Grundstück, was benötigt
wird?
In der Regel finden diese Überlegungen nicht
auf dem leeren Blatt Papier statt: Unsere Innenstädte
sind längst gebaut, und die Frage der Umnutzbarkeit
vorhandener Strukturen rückt in den
Vordergrund. Die Faktoren Zeit, Kosten, aber vor
allem Nachhaltigkeit bestimmen hier das Handeln.
Hinzu kommen oftmals besondere Faktoren:
Vorhandene Teilnutzungen müssen erhalten
werden oder bauordnungsrechtliche Fragestellungen
lassen einen Ersatzbau nicht zu.
Praxisbeispiele
Als Beispiele aus der RKW Architektur + Praxis
sind hier insbesondere herauszuheben: Das
„Crown“ in Düsseldorf, bei dem es gelungen ist,
nur den Sockelbereich eines ganzen Baublocks
einer vollständig neuen Nutzung zuzuführen.
Oder auch das Donauquartier in Passau, das von
einem leerstehenden innerstädtischen Einkaufszentrum
zu einer gemischt genutzten Immobilie
mit Quartierscharakter umgeformt wurde.
Im Zuge der planerischen Umsetzung nehmen
die Themen der Nachhaltigkeit zunehmend eine
dominierende Rolle ein. Was genau unter Nachhaltigkeit
zu verstehen ist, liegt in der jeweiligen
Aufgabe. Neben dem sehr grundsätzlichen
Ziel, ressourcenschonend zu bauen, steht die
Robustheit, Langlebigkeit und Flexibilität neuer
und vorhandener Bauten im Fokus: Ist eine vorhandene
Struktur geeignet für die gewünschten
neuen Ziele? So bieten sich beispielsweise Einzelhandelsimmobilien
nur in Ausnahmefällen für
den Wohnungsbau an.
Ist diese Frage beantwortet, ist planerisch darauf
zu achten, dass mögliche zukünftige Entwick-
lungen untersucht und berücksichtigt werden.
Im Bereich des Bürohausbaus betrifft dies unter
anderem zukunftsfähige Geschosshöhen für moderne
Technologien. In der Vergangenheit sind
diese Überlegungen oftmals der wirtschaftlichen
Optimierung zum Opfer gefallen. Viele Bürobauten
der 80er und 90er Jahre fallen in diese Kategorie
und sind akut von Leerstand bedroht.
Die Akzeptanz neuer Nutzungen und Strukturen
wird allerdings nicht zuletzt durch die Wahl
der Architektursprache bestimmt. Die oftmals
monotonen Einzelhandelsbauten der letzten
Jahrzehnte sind auf ein höheres gestalterisches
Niveau zu bringen, um auch auf diese Weise die
Attraktivität unserer Innenstädte zu steigern.
Unserer Meinung nach wurde dies in den zuvor
angeführten Praxisbeispielen klar und überzeugend
umgesetzt.
Im letzten Schritt bestimmt die Materialität die
Nachhaltigkeit des Gebäudes. Schadstofffreiheit
gilt heutzutage als Standard. Wichtig ist
aber vor allem die Langlebigkeit der Einbauten
oder auch die sortenreine Trennbarkeit im Fall
eines zukünftigen Rück- oder Umbaus. Nicht
zu unterschätzen ist der fachkundige Umgang
mit nachhaltigen Baustoffen: Konstruktiv witterungsgeschützte
Holzbauten oder auch der Verzicht
auf großflächige Verglasungen bedeuten ein
Umdenken in der Architektursprache. Innovative
Anforderungen bleiben nicht unsichtbar und
sollten es auch nicht. Die Nachweisbarkeit nachhaltigen
Handelns ist ein nachvollziehbares Ziel.
Daher kann RKW Architektur + bei passgenauen
Zertifizierungen vollumfänglich unterstützen.
Earthwise.Capital: Lebenswert, liebenswert,
aber auch lohnenswert? Möglichkeiten und Modelle
zur Finanzierung und wirtschaftlich tragfähigen
Entwicklung von Handelsgroßimmobilien
Aber aus der Vision wird nur dann eine Transformation,
wenn auch die wirtschaftlichen Rahmenparameter
für den oder die Investorinnen
und Investoren stimmen und die Finanzierung
des Projektes tragfähig darstellbar ist.
Komplexe Eigentümerstrukturen und hohe
Buchwerte
Die städtebaulich markanten Großimmobilien
in zentraler Lage waren und sind interessante
EXPERTENBEITRÄGE 105
Fotos (2): RKW Architektur +
Das Crown, Düsseldorf (links) und das Donauquartier in Passau (rechts)
Investmentprodukte für Projektentwickler und
Investoren. Eine Vielzahl dieser Immobilien liegt
nach dem Aus der Warenhauskonzerne in der
Hand von Investoren, die oftmals bereits ambitionierte
Entwicklungsszenarien für die Zeit
nach dem Auszug der Hauptmieter geschmiedet
hatten, die sich nun in einer neuen Zins- und
Marktlage aber kaum mehr umsetzten lassen –
der folgende Leerstand und die negativen Trading
Down Effekte im Umfeld sind das Horrorszenario
für alle Kommunen.
Der Schlüssel zum gemeinsamen Erfolg liegt in
der Moderation der verschiedenen Interessen –
sind die Eigentümerinnen und Eigentümer bereit
und in der Lage weiter zu investieren oder
suchen sie den Exit? Nicht selten ist es schon eine
Herausforderung für die Kommunen, die richtigen
Ansprechpartner zu finden, die als Asset
Manager die Interessen der komplexen Eigentümer-
und Finanzierungsstrukturen bündeln und
vertreten. Egal ob ein neuer Projektentwickler
oder die Kommune selbst auf den Plan tritt, meist
ist mit dem Transformations- auch ein Transaktionsprozess
– sprich der Verkauf der Immobilie
- verbunden.
Aufbauend auf der Machbarkeitsstudie in LP0 ist
als wesentliche Determinante der Kaufpreis oder
der (abgeschriebene) Buchwert zu finden, der eine
Finanzierung und somit Realisierung des Projektes
ermöglicht. Natürlich lässt sich niemand
gerne bei seinen individuellen Annahmen zu den
Eingangsparametern dieser Residualwertermittlung
in die Karten schauen, umso wichtiger ist es,
eine neutrale und marktkonforme Einschätzung
zu erlangen. Diese Wirtschaftlichkeitsberechnung
und die Abbildung verschiedener Szenarien
bildet die Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe
mit dem Verständnis für die wirtschaftlichen
Zwänge aller Parteien und möglichen Lösungsansätzen.
Genau hier setzen wir als Earthwise.
Capital mit der immobilienwirtschaftlichen Expertise
und dem Beratungsansatz an, um Brücken
zwischen den Beteiligten zu schaffen.
Fördermittel und Finanzierungsstrukturen
Eine wesentliche Komponente, ohne die (fast)
kein Projekt aktuell wirtschaftlich darstellbar ist,
sind Fördermittel für die energetische Sanierung
und Umnutzung von Bestandsobjekten in Wohnen.
Die Vielzahl von Förderprogrammen, vor
allem aber die ständige Veränderung der Richtlinien
und Verfügbarkeiten, erschweren es jedoch
diese Mittel als Baustein einer Finanzierung
frühzeitig zu sichern. Eine klare Definition der
106 EXPERTENBEITRÄGE
Nachhaltigkeitsziele, Energie-Effizienz-Klassen
sowie entsprechende Vorplanung sind somit
notwendig, um die Fördermittelanfragen stellen
zu können und als Finanzierungskomponente zu
sichern.
Darüber hinaus ist oftmals das hohe Investitionsvolumen
der Projekte eine große Herausforderung,
die insbesondere in Klein- und Mittelstädten
potenzielle (Co-)Investoren und Financiers
zurückschrecken lässt. Eine städtebauliche Körnung,
idealerweise mit einer Aufteilung in real
geteilte Bauteile kann hier also helfen, verschiedene
Exitoptionen zu ermöglichen und die Finanzierung
breiter aufzustellen. Eine Vielzahl
von Gesprächen mit lokalen und überregionalen
Banken sowie potenziellen Projektpartnerinnen
und -partnern sind oftmals notwendig, um die
ideale Finanzierungsstruktur für ein solch komplexes
Vorhaben auf die Beine zu stellen. Diesen
Prozess begleitet das Kompetenzteam aus einer
Hand.
Fazit – Multiperspektivität als Schlüssel zu
nachhaltigen Mehrwerten. Für Großimmobilien
und ihre Innenstädte.
Die Transformation von Großimmobilien gelingt
nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Städtebauliche und funktionale Konsistenz, zukunftsfähige
Nutzungskonzepte, identitätsstiftende
Architektur und wirtschaftliche Tragfähigkeit
sind dabei gleichermaßen wichtig und
entscheidend. Durch das vorgestellte Kompetenzteam
von Expertinnen und Experten aus
den Bereichen Stadtentwicklung, Architektur,
Projektentwicklung und Investment werden zukunftsfähige
Konzepte ermöglicht, die sowohl
den Bedürfnissen ihres Standortes als auch den
Anforderungen der Immobilien gerecht werden.
Die Synergien, die durch unsere interdisziplinäre
Zusammenarbeit entstehen, schaffen nicht
nur Mehrwerte auf Immobilienebene, sondern
stärken die Attraktivität und Resilienz von Innenstädten
und Quartieren als vitale Lebensräume.
Kommune als Initiator und Möglichmacher
Wenn das Nutzungskonzept steht, eine Machbarkeitsstudie,
die Leitplanken und Rahmenbedingungen
definiert und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung
die Risiken und Chancen abbildet,
fehlen nur noch wenige Faktoren für eine erfolgreiche
Umsetzung.
Proaktives Handeln einer Kommune ist oftmals
ein Schlüsselfaktor für einen erfolgreichen
Transformationsprozess. Schafft sie die dargestellte
Vorarbeit und gibt einen klaren Fahrplan
für die notwendigen planungs- und baurechtlichen
Prozesse, haben Projektentwickler und Investoren
die notwendigen Voraussetzungen für
ihr Engagement in das Transformationsprojekt.
Nicht selten sind es mittlerweile die Kommunen
selbst, die einen Schritt weiter gehen und direkt
oder über städtische Tochtergesellschaften als
Käuferin und Käufer für leerstehende Warenhäuser
oder darbende Einkaufszentren in Erscheinung
treten (wollen). Auch öffentliche Nutzungen
wie Bibliotheken, Schulen oder Behörden
als Mieter:in können einen entscheidenden Beitrag
leisten Projekte zu ermöglichen. Das Kompetenzteam
kann auch Verwaltung und Politik in
der Interaktion mit privaten Akteuren begleiten,
um die notwendige Transparenz in diesen Prozessen
zu schaffen.
Worauf es ankommt:
• All-In-One-Lösung: Eine ganzheitliche Herangehensweise,
die alle relevanten Disziplinen vereint.
• Verständnis für die Welten der privaten Immobilienentwicklung
und der kommunalen Planung:
Brücken bauen zwischen wirtschaftlichen
Interessen und städtebaulichen Anforderungen.
• Dialog- und Prozessgestaltungskompetenz:
Effektive Einbindung aller Beteiligten von der
Konzeptentwicklung bis zur Umsetzung.
• Städtebauliche Kompetenz: Nicht nur Immobilienbewertung,
sondern fundierter städtebaulicher
Sachverstand.
• Passgenaue Architektur: Erfahrung und renommierte
Expertise aus diversen Revitalisierungs-
und Umstrukturierungsvorhaben.
• Innenstadtkompetenz: Orientierung an den
drei Schlüsselindikatoren – Vitalität, Individualität
und Mentalität.
Unser Kompetenzteam bietet kommunalen wie
privatwirtschaftlichen Projektpartnern den Vorteil,
während des gesamten Entwicklungs- und
Umsetzungsprozesses begleitet zu werden. So
entstehen nachhaltige Lösungen, die nicht nur
auf die drängenden Fragen der Gegenwart antworten,
sondern auch die Grundlage für resiliente
und zukunftsfähige Innenstädte schaffen.
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Interviews
110 INTERVIEWS
Martin Bieberle
Die Stadt stets als
Ganzes betrachten
Martin Bieberle ist der Name, wenn es in der hessischen Stadt Hanau um
Stadtmarketing und Stadtentwicklung geht. Seit über 20 Jahren setzt er sich
als Geschäftsführer der Hanau Marketing GmbH dafür ein, dass seine Stadt,
trotz wachsender Herausforderungen, die richtigen Entscheidungen trifft,
wenn es um eine erfolgreiche Zukunftsgestaltung geht. Mehrfach hat Hanau
bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil hier viele Dinge anders als in anderen
Städten gemacht werden. Im Interview erzählt er, worauf es dabei ankommt.
Herr Bieberle, wenn einer es wissen müsste,
dann doch sie: Was ist ausschlaggebend für eine
gute Stadtentwicklung?
Martin Bieberle: Da haben Sie aber mal eine große
Frage gelassen ausgesprochen! Ich will mir gar
nicht anmaßen, darauf eine Antwort zu geben,
aber ich möchte sagen, was in Hanau ausschlaggebend
war bzw. ist. Unser großer Stadtumbau,
der zwischen 2008 und 2015 erfolgte, konnte vor
allen Dingen deshalb so gut gelingen, weil wir
stets die Stadt als Ganzes betrachtet haben.
Das würde ich als ersten und wichtigsten von
sechs Gründen sehen. Auf Platz zwei steht die
Augenhöhe mit unseren Partnern aus der freien
Wirtschaft, auf drei, dass die Stadt wie ein Marktakteur
aufgetreten ist. Viertens war es wichtig,
dass wir einen aufrichtigen Diskurs mit den politischen
Systemen geführt haben und fünftens,
dass wir auch mit den Akteuren in unserer Stadt,
wie Händler, Gastronomen oder Immobilieneigentümern
einen guten Austausch und Umgang
hatten. Schließlich sechstens, dass innerhalb
unserer Stadtverwaltung die eingebundenen Abteilungen
gemeinsam und nicht gegeneinander
gearbeitet haben.
Hanau ist dafür bekannt, dass es sein Schicksal
nicht Anderen überlässt, sondern selbst in
die Hand nimmt. So hat es, als der Kaufhof zur
Disposition stand nicht lange gezögert und ihn
erworben. Nun wird er zu einem „Stadthof“ umgestaltet.
Wie kam es dazu?
Martin Bieberle: In der Tat haben wir uns mit
diesem Gebäude bereits zu einem sehr frühen
Zeitpunkt beschäftigt. Noch vor der Schließung
des Warenhauses haben wir darüber gesprochen,
OB Claus Kaminsky (Mitte), Geschäftsführer der Bauprojekt Hanau GmbH und
Stadtentwickler Martin Bieberle (rechts) und satis&fy-Geschäftsführer Nico
Ubenauf (links)
Foto: Stadt Hanau / Moritz Göbel
INTERVIEWS 111
was danach mit ihm geschehen soll. Und dann
einfach Nägel mit Köpfen gemacht, denn es war
für uns keine Option, es leer stehen zu lassen,
vor allem nicht in solch einer hervorragenden
innerstädtischen Lage. Auch sprach die bauliche
Beschaffenheit dafür. Heutzutage nennt man so
etwas „maximal transformationsfähig“. Nein, wir
begriffen es sofort als Chance, ein neues kleines
Zentrum errichten zu können.
Foto: privat
Was passiert nun genau damit?
Martin Bieberle: Wir sind ja schon ziemlich weit
im Prozess der Neugestaltung. Das Gebäude verfügt
ja über mehrere Ebenen, die wir uns nacheinander
vornehmen. Insgesamt soll hier ein Mix
aus Handel, Gastronomie und Service entstehen.
Mit Anspruch und einem Qualitätsversprechen –
auch auf „ein Stück Spektakel“.
Im ersten Schritt ging es primär um das Erdgeschoss
und um Nutzungen für den Einzelhandel,
die wir als Zwischennutzungen – allerdings nicht
für Pop-Ups, sondern mit sieben bis zehnjährigen
Laufzeiten – betrachten. Schon im Sommer
2024 fanden wir dafür den ersten großen Mieter.
Nachdem durch das Hanau-aufLADEN-Programm
vor zwei Jahren mit der Eröffnung des
Spielwarenhändlers Glück´s Spielzeugkiste die
Spielwarentradition in Hessens kleinster Großstadt
gerettet werden konnte, dürfte dieser Bereich
durch die Toynamics Europe GmbH nun
deutlich gestärkt werden. Das Unternehmen gehört
zur Hape Unternehmungsgruppe und versammelt
unter seinem Dach insgesamt 36 Unternehmen
in 14 Ländern. Der weltweit größte
Holzspielzeugproduzent, dessen Produktionen
und Manufakturen auch in Deutschland sitzen,
wurde bereits mehrfach für seine Qualitäts- und
Design-Standards ausgezeichnet.
Darüber hinaus steht fest, dass international
bekannte Wanderausstellungen das erste Obergeschoss
großflächig nutzen und so das kulturelle
Angebot in Hanau bereichern dürften. Mit
viel Einsatz soll auch das ehrgeizige Ziel verfolgt
werden, das Untergeschoss mit Fokus auf innovativen
Erlebnishandel im März 2025 zu eröffnen.
Und mit der Brüder Grimm Berufsakademie Hanau
(BGBA) wird eine Zwischennutzung des drit-
Martin Bieberle, Geschäftsführer der Hanau Marketing
GmbH und BAUprojekt Hanau GmbH
ten Obergeschosses erfolgen. Mittelfristig will
die BGBA eines der Obergeschosse, eventuell gemeinsam
mit der Kathinka-Platzhoff-Stiftung, zu
einer Bildungsetage umfunktionieren.
Und wie sieht es mit den Außenbereichen aus?
Martin Bieberle: Auch sie wird weiter vorangetrieben,
um den Stadthof weiter in das Stadtbild
zu integrieren und ihn mit dem umliegenden
Quartier interagieren zu lassen. Gleiches gilt für
die Planungen rund um den ehemaligen Andienungshof
des ehemaligen Kaufhofs sowie die
durch die Karbener Spezialisten für Live-Kommunikation
und Markenerlebnisse von satis&fy
konzipierte Anmutung des Innenraumes im Erdgeschoss.
Wie sieht die diesbezügliche Zusammenarbeit
mit den Einzelhändlern aus?
Martin Bieberle: Es ist uns extrem wichtig, den
bestehenden Handel in Hanau – und vor allem
die Händler im unmittelbaren Umfeld des Stadthofes
– immer transparent abzuholen, mitzudenken
und vor allem mitzunehmen. Vorrangig
geht es darum, erweiterte Angebote zu schaffen
112 INTERVIEWS
und somit das Interesse an bestimmten Produktgruppen
insgesamt zu steigern. Wir reden nicht
nur mit unseren Händlern, wir hören vor allem
auch gut zu.
Welches Zwischenfazit ziehen Sie?
Martin Bieberle: Die enorme Wirkung des neuen
Stadthofes, aber auch die gesamte Stadtentwicklung
Hanaus, sorgen dafür, dass wir trotz
bundesweit gesamtwirtschaftlich schwierigen
Zeiten mit sehr spannenden Unternehmen und
Menschen in Kontakt kommen. Das Feedback der
Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner
zu unseren Plänen mit dem Stadthof sind durchweg
positiv. Wir agieren und reagieren, passen an
und entwickeln weiter, wo immer es sinnvoll und
nötig ist. Für die Entwicklung des 16.000 Qua-
dratmeter großen Gebäudes mitten in der Stadt
gibt es keine Blaupause, keine Anleitung, aber im
Zusammenspiel mit allen Akteuren viele erfolgversprechende
Ideen.
Wenn der Stadthof fertig ist, wie sehen dann Ihre
nächsten Pläne für Hanau aus?
Martin Bieberle: Sehr stark dürfte es dann um
Fragen rund um das Thema Mobilität gehen. Unser
Ziel ist es, den steigenden Individualverkehr
mit einer attraktiven Innenstadt in Einklang zu
bringen. Auch arbeiten wir an weiteren „Dritten
Orten“ in einzelnen Stadtteilen und grundsätzlich
daran, die Besucherfrequenzen in unserer
Stadt zu erhöhen. Natürlich werden auch interessante
Immobilien – alte wie neue – von uns mit
Interesse verfolgt werden. Kurz gesagt: Langweilig
wird es auf keinen Fall!
Visualisierung: a2b.graphics
Die Vision vom Stadthof Hanau nimmt immer konkretere Formen an.
Agentur für Branding,
Marketing & Kommunikation
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114 INTERVIEWS
Steffen Eric Friedlein
Eine erfolgreiche Transformation
erfordert hohe Flexibilität, doch
ebenso Wille und Mut
Einzelhandel, Innenstädte und Handelsimmobilien wie Shopping Center befinden sich in einem
anhaltenden und verstärkten Wandlungs- und Veränderungsprozess – je nach Konzept,
Format, Standort und Immobilienart mit unterschiedlichen Auswirkungen. Für Händler, Betreiber,
Eigentümer und Vermieter ist dieser Wandlungsprozess Herausforderung und Chance
gleichermaßen. Wichtig ist es, flexibel zu sein und den Wandel zu gestalten, sagt Steffen Eric
Friedlein, Managing Director Leasing Services bei ECE Marketplaces, im Interview.
Herr Friedlein, die Hiobsbotschaften aus dem
Handel und den Innenstädten scheinen nicht
abzureißen. Wir hören und lesen von Insolvenzen
bekannter Handelskonzepte, Leerständen
und der vermeintlich drohenden Verödung der
Innenstädte. Auf der anderen Seite strömen die
Menschen wieder in die Innenstädte, neue Geschäfte
eröffnen, Händler expandieren. Aus
Ihrer Sicht als Handelsexperte: Ist das Glas nun
halb voll oder halb leer?
Steffen Eric Friedlein: Wenn wir aktuell die Tageszeitungen
aufschlagen, Nachrichten oder
Social Media-Kanäle anschauen, werden wir in
der Tat förmlich überschwemmt von negativen
Branchen-News. Es ist auch absolut richtig, dass
es große Herausforderungen gibt, aber bei dieser
starken Betonung des Negativen wird vollkommen
übersehen, an wie vielen Stellen es richtig
gut läuft. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen,
Projekten und Konzepten, die nicht nur sehr innovativ,
sondern vor allem sehr erfolgreich sind.
Mitunter sind sie sogar erfolgreicher als vor der
Corona-Pandemie. Daher gilt es umso mehr,
diese ins auch Schaufenster zu stellen – als Mutmacher
und Inspiration, gerade in schwierigen
Zeiten. Und es gibt sehr viele dieser Erfolgsgeschichten.
Was macht diese Erfolgsgeschichten aus?
Steffen Eric Friedlein: Eine grundlegende Bedingung
für Erfolg im Handel lautet: Kein Stillstand.
Konzepte müssen sich im Einklang mit den sich
verändernden Kundenbedürfnissen stetig weiterentwickeln
und immer wieder neu erfinden.
Heruntergebrochen auf die aktuellen Entwicklungen
im Handel bedeutet das, dass die Händler
beispielsweise einen konsequenten Omnichannel-Ansatz
umsetzen, sprich die nahtlose und erfolgreiche
Verzahnung von Online- und Offlinekanälen,
um dem Kunden stationär wie online das
beste Einkaufserlebnis bieten zu können.
Gilt diese Erfolgsformel des stetigen Wandels
auch für Handelsimmobilien?
Steffen Eric Friedlein: Ja, auch für Shopping
Center ist es entscheidend, sich und damit den
Mietermix stetig weiterzuentwickeln. Neue Marken
haben den Markt erobert. Gerade im Bereich
Gastronomie und Leisure haben sich ganz
neue Zweige entwickelt, die sich natürlich im
Mietermix wiederfinden müssen. Aber auch die
Objekte selbst müssen stetig an die veränderten
Kunden- und Mieterbedürfnisse sowie neue Flächenanforderungen
angepasst werden. So gilt es
zum Beispiel Großflächen aufzutrennen, sie neu
INTERVIEWS 115
zuzuschneiden oder an anderer Stelle auch einmal
mehrere kleinere Flächen zusammenzulegen.
Das beste Beispiel hierfür sind Warenhäuser.
Dies war über Jahrzehnte ein gängiges Format
auf bis zu 15.000 Quadratmeter Fläche. Dafür gibt
es heute in kaum einem Center mehr Nachfrage.
Foto: ECE
Um erfolgreich zu sein, gilt es also, flexibel und
wandlungsfähig zu bleiben?
Steffen Eric Friedlein: Ja, Flexibilität sowie Wille
und Mut zu einer echten Transformation sind
entscheidende Faktoren. Die Veränderungen
und teilweise grundlegende Neuausrichtung
von Standorten muss stattfinden, um relevant
zu bleiben. Dabei gilt es neugierig und offen für
neue Branchen und Mietpartner zu sein, die die
Shopping-Center-Welt früher nicht als erstes auf
dem Schirm hatte.
Steffen Eric Friedlein, Managing Director Leasing
Services bei ECE Marketplaces.
Können Sie Beispiele für diese Veränderungsprozesse
nennen?
Steffen Eric Friedlein: Da fällt mir etwa die Wellnessbranche
ein, die ein wichtiger Bestandteil in
manchen Centern geworden ist. Hier hat sich das
Angebot stark diversifiziert. Die Branche hat zudem
große Schnittstellen mit dem medizinischen
Bereich und erfreut sich einer großen Nachfrage.
Ein weiteres Beispiel ist die Gastronomie. Diese
war noch von wenigen Jahren viel einfacher
strukturiert und variierte zwischen den Centern
kaum. Heute bestimmt das Umfeld des Centers
das F&B-Angebot und die Angebote sind sowohl
im Fast Food- als auch im Casual Dining-Bereich
individueller geworden.
Muss die Branche da manchmal auch einfach
mutiger sein?
Steffen Eric Friedlein: Der immer schnellere
Wandel in Gesellschaft und Handel fordert alle
Beteiligten heraus. Es gibt – und das ist toll zu
sehen – viele innovative Konzepte und Betreiber.
Umso wichtiger ist die Möglichkeit, Neues ohne
großes Risiko auszutesten. Mieter und Vermieter
investieren beide beim Start eines neuen Konzepts.
Es ist jedoch keine Schande, wenn etwas
nicht funktioniert und man feststellt, dass ein
Konzept ab einem gewissen Punkt den Kunden
nicht mehr begeistern kann. In Punkto Fehlerkultur
hat die Branche viel dazugelernt.
Was bedeuten diese ständigen Veränderungen
für Sie als Vermieter?
Steffen Eric Friedlein: Wir müssen die Trends
antizipieren, aber nicht jeder Trend wird sich
auch langfristig durchsetzen und somit wird
auch nicht jedes Konzept ein langfristiger Mietpartner.
Es gilt also, verstärkt Test-Möglichkeiten
zu schaffen. Wir machen zum Beispiel sehr
gute Erfahrungen mit Pop-Up-Flächen, die wir
kurzzeitig vermieten können. So gewinnen alle:
Die Kunden erleben ständig etwas Neues, der potenzielle
Mieter kann sich ausprobieren und der
Vermieter minimiert sein Risiko. Im Idealfall ist
der Pop-Up-Store ein Erfolg und wir gehen einen
langfristigen Mietvertrag ein.
Bleiben wir beim positiven Blick auf die Dinge:
Welche Entwicklung der vergangenen Jahre hat
Sie überrascht?
Steffen Eric Friedlein: Etwas überrascht hat
mich, wie gut und schnell sich gerade in Deutschland
Entertainment-Konzepte entwickeln. Der
deutsche Kunde hat noch vor zehn Jahren Shopping
und Freizeitaktivitäten kaum verbunden.
Hier gab es eine große Veränderung. Wir haben
in einigen Standorten unterschiedlichste Konzepte
implementiert, sehen eine hervorragende
Entwicklung und ein nahtloses Einfügen in den
jeweiligen Mietermix. Ebenfalls beachtlich finde
ich die Entwicklung der Gastronomie speziell
im leicht gehobenen Segment. Hier gibt es
116 INTERVIEWS
einen klaren Trend zu einer hohen Qualität, der
im deutlichen Gegensatz zum früheren Versorgungscharakter
von F&B in Shopping Centern
steht. All dies zahlt auf die generellen Trends hin
zu einer gemütlicheren Atmosphäre, zu mehr sozialer
Interaktion und zur Entdeckung des Shopping
Centers als Community-Hub ein.
Anders als vielfach vermutet, gibt es nach wie
vor eine ganze Reihe von erfolgreichen Handelskonzepten,
die teils kräftig expandieren.
Welche sind das und warum?
Steffen Eric Friedlein: Wir sind in unseren Centern
nach wie vor stark im Fashion-Sektor vertreten.
Auch wenn wir den Anteil an Fashion
im Mietermix insgesamt reduziert haben, ist es
der dominierende Teil. Da sind insbesondere
die vertikalen Konzepte sehr innovativ unterwegs,
wie zum Beispiel die Inditex-Gruppe, die
mit ihren verschiedenen Konzepten wie Zara,
Bershka oder Stradivarius flexibel auf die entsprechenden
Marktanforderungen reagiert. Sie
sind bekannt dafür, Trends sehr schnell in der
Produktion umzusetzen. Das System hinter Anbietern
wie Inditex ist hochprofessionell und
wird vom Kunden entsprechend gewürdigt. Somit
sind wir mit diesem Partner auch expandierend
unterwegs. Ebenfalls zu diesem Kreis gehört
die Bestseller-Gruppe aus Dänemark, die
global sehr erfolgreich unterwegs und mit ihren
unterschiedlichen Konzepten ein geschätzter
Partner von uns ist. Aber auch klassische, rein
stationäre Retailer wie beispielsweise New Yorker
sind sehr erfolgreich. Das Unternehmen hat
eine beeindruckende Umsatzentwicklung in den
vergangenen Jahren gehabt, expandiert und fragt
ebenfalls größere Flächen nach.
Belegen diese Konzepte nur größere oder tatsächlich
auch mehr Flächen?
Steffen Eric Friedlein: Beides. Für die genannten
Beispiele gilt: Es werden mehr Standorte belegt
und die bestehenden Standorte werden tendenziell
größer. Daher ist es unsere Aufgabe, in den
Centern auch entsprechend flexibel die jeweiligen
Flächengrößen zur Verfügung zu stellen.
Visualisierung: ECE
Gastronomie spielt bereits seit Jahren eine wichtige Rolle sowohl für die Besucherinnen und Besucher als auch für die Performance
der Center – das Main-Taunus-Zentrum wird daher mit dem „Food Garden“ weiterentwickelt.
INTERVIEWS 117
Neue Geschäfte eröffnen verstärkt auch im Discountbereich,
was teils für Kritik sorgt. Stimmt
das – und ist diese Kritik gerechtfertigt?
Steffen Eric Friedlein: Discount hat deutlich an
Bedeutung gewonnen. Hier sind wir mit Partnern
expansiv unterwegs, die noch vor wenigen Jahren
ausschließlich Fachmarktlagen nachgefragt
haben. Beispiele hierfür sind Pepco, Action oder
Woolworth. Gerade letztere haben schwere Zeiten
hinter sich, sind aber wieder fest am Markt
etabliert. Die Meinung zu Discount ist in der
Branche in der Tat gespalten, wir müssen hier
aber schlichtweg erkennen, dass sich das Kundenbedürfnis
verändert hat. Der Konsument ist
vielschichtig unterwegs und hat keine Berührungsängste
mit den einzelnen Konzepten. Wenn
wir also relevant beim Kunden bleiben wollen,
müssen und wollen wir ihm die komplette Angebots-Bandbreite
liefern.
Die veränderten Kundenwünsche und der kontinuierliche
Wandel im Handel sorgen verstärkt
für den Bedarf an umfangreichen Modernisierungen
von Handelsimmobilien wie Shopping
Centern. Worauf muss dabei geachtet werden?
Steffen Eric Friedlein: Das Wichtigste ist der individuelle,
standortspezifische Ansatz. Tödlich ist
eine Einheitsidee, die man in der Hoffnung auf
Synergieeffekte über das gesamte Portfolio ausrollt.
Ein gelungenes Refurbishment ist immer
auf Kunden, Einzugsgebiet und die Bedürfnisse
der Retailer abgestimmt. Fällt beispielsweise
eine Warenhausfläche weg, dürfen daraus nicht
einfach nur irgendwelche Flächen entstehen, die
dann in die Vermietung gehen, es müssen Flächen
entstehen, die für die neuen Mieter und ihre
Konzepte optimal zugeschnitten sind.
Gerade um die ehemaligen Warenhaus-Standorte
hat man sich zuletzt viele Sorgen gemacht.
Steffen Eric Friedlein: Ja, das war in der Tat immer
wieder Gegenstand der Debatte. Natürlich
ist das an einigen Standorten und für manche
Innenstädte eine echte Herausforderung, eine
Nachnutzung dieser oftmals großen und gleichzeitig
nicht auf einem modernen Stand befindlichen
Immobilien zu finden. Uns ist das in
unseren Centern bisher aber sehr gut gelungen,
eine passende Nachvermietung zu realisieren. Im
Main-Taunus-Zentrum entsteht anstelle eines
ehemaligen Warenhaus-Gebäudes ein spannender
Food Garden als neuer Anziehungspunkt. Im
Linden-Center haben wir die Warenhaus-Immobilie
in mehrere Flächen aufgeteilt und erfolgreich
neu vermietet. Und im Limbecker Platz
Essen ist es zügig gelungen, P&C Düsseldorf als
ersten neuen Mieter zu verpflichten.
Last but not least: Wenn wir über die Zukunft
sprechen, ist Nachhaltigkeit ein wesentlicher
Aspekt. Wie blicken Sie auf das Thema?
Steffen Eric Friedlein: Das Thema Nachhaltigkeit
ist sicher kein kurzlebiger Trend. Wir stellen fest,
dass sich sowohl Betreiber als auch Entwickler
und Bestandshalter von Immobilien sehr stark
mit diesem Thema beschäftigen – und das auch
müssen. Auch die Kundinnen und Kunden nehmen
dieses Thema sehr ernst. Darüber hinaus ist
es generell wichtig, sich immer wieder selbst zu
hinterfragen und die deutlich gestiegenen Anforderungen
der Zielgruppen, die man erreichen
möchte, zu kennen und zu erfüllen. Ein konkretes
Beispiel: Wir haben eben über Refurbishments
gesprochen. ESG und deren Umsetzung
ist ein ganz wesentlicher Bestandteil von Refurbishment-Projekten
– seien es Solaranlagen auf
dem Dach oder E-Charger-Stationen. Gelungen
ist eine Modernisierung, wenn sie auf die ESG-
Ziele einzahlt, das Gebäude tatsächlich aufwertet
und den Kunden einen Mehrwert bietet.
Um die ehemaligen Warenhaus-Standorte hat man sich
zuletzt Sorgen gemacht. Im „Limbecker Platz” in Essen
übernahm P&C Düsseldorf die Karstadt-Nachfolge.
Foto: ECE
118 INTERVIEWS
Jan Riemann
Für uns zählt
die langfristige Perspektive
ALDI SÜD setzt weiter auf die Optimierung des Filialnetzes. Was hier für das Unternehmen
besonders wichtig ist und wie die Realisierung quantitativ und qualitativ aussieht, verrät Jan
Riemann, der für die Immobilienentwicklung im Hause verantwortlich ist, im Interview.
Welche Mischformen von Immobiliennutzungen
sind für einen Discounter wie Sie am interessantesten?
Es mag banal klingen, aber bei der Entwicklung
unserer Filialstandorte ist die Lage entscheidend.
Wir möchten möglichst nah an unseren Kundinnen
und Kunden sein. Dabei geht es um kurze
Wege und gleichzeitig um die Nähe zu Alltagsroutinen.
Können die Menschen vor Ort ihren
Einkauf bei uns mit anderen Besorgungen und
Erledigungen verbinden, ist das praktisch und
für sie eine große Erleichterung. Mixed-Use-Objekte,
die Nahversorgung mit den passenden Zusatznutzungen
kombinieren, steigern vor allem
im urbanen Raum die Standortattraktivität.
Wie diese Mischformen konkret aussehen, hängt
vom jeweiligen Standort ab. Entscheidend ist die
Relevanz des Angebots. Nur was einen tatsächlichen
Bedarf bedient, bedeutet am Ende einen
Mehrwert für lokale Infrastruktur. Wo also Wohnungen,
Unterkünfte für Studierende oder Räume
für eine Kita fehlen, versuchen wir, diese Anforderungen
in unsere Planungen zu integrieren.
Dasselbe gilt für Büros, Gastronomie, Parkraum
oder auch Serviceangebote wie Mobilitäts- und
Paketstationen.
Wir sehen uns als Ratgeber und Ideenentwickler.
Gemeinsam mit unseren Partnern wollen
wir Immobilien entwickeln, die den städtebaulichen
Anforderungen entsprechen und für alle
Nutzer einen Mehrwert schaffen. Ob als Investor,
Eigentümer, Mieter oder Vermieter – das ist nicht
entscheidend. Für uns zählt die langfristige Perspektive,
und dafür steht die flexible Entwicklung
mit dem richtigen Nutzermix im Mittelpunkt.
Worin liegen bautechnisch für Sie die größten
Herausforderungen bei der Realisierung, einerseits
beim Bau der Discounter, andererseits
beim Bau der anderen Nutzungstypen, wie Wohnungen
etc.?
Die Herausforderung beim Bauen besteht immer
darin, die drei Faktoren Qualität, Kosten und Zeit
in bestmögliche Balance zu bringen. Bei dem Bau
unserer klassischen Filialen ist die Komplexität
deutlich geringer, und wir haben hier einen
großen Erfahrungsschatz. Darum erleben wir
bei diesen Bauprojekten kaum größere Überraschungen.
Mixed-Use-Objekte sind viel komplexer.
Allein die statischen und brandschutztechnischen
Anforderungen erfordern einen deutlich
höheren Aufwand. Für diese Fälle haben wir interne
Teams mit sehr versierten Expertinnen
und Experten zusammengestellt. Sie arbeiten
eng mit unseren erfahrenen Partnern zusammen
und stellen gemeinsam sicher, dass wir auch im
Mixed-Use Bereich erfolgreich Projekte entwickeln
und umsetzten.
Wie läuft die Kooperation mit den Behörden?
Sind die Genehmigungsprozesse für Ihre Vorhaben
nicht manchmal ein kleiner Alptraum?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten.
Grundsätzlich gilt nur: Zeit ist Geld, und alles,
INTERVIEWS 119
was die Genehmigung von Bauprojekten erschwert
oder verzögert, macht sie teurer. Wenn
dann noch Rahmenbedingungen wie hohe Bauund
Energiekosten hinzukommen, kann das zum
frühzeitigen Ende von Bauvorhaben führen.
Eine gute Zusammenarbeit mit Städten und
Kommunen ist deshalb das A und O unserer Projektentwicklung.
Die Kunst besteht darin, unser
Anliegen – also der Neubau oder die Modernisierung
einer Filiale – mit den Anliegen des jeweiligen
Partners zu verknüpfen, so dass daraus ein
Mehrwert für alle Beteiligten entsteht. Das funktioniert
mit Mixed-Use-Konzepten sehr gut: Ihr
braucht Wohnraum und Räume für eine Kita? Wir
brauchen mehr Verkaufsfläche. Lasst uns beides
gemeinsam schaffen.
Unsere Erfahrung zeigt: Der Schlüssel zum Erfolg
ist das gegenseitige Verständnis für die Belange
und Spielräume aller Beteiligten – baurechtlich,
politisch, wirtschaftlich.
Jan Riemann, Group Director Real Estate bei ALDI
SÜD
Foto: ALDI SÜD
Wie hoch ist inzwischen der Anteil Ihrer Projekte
in Quartieren oder Mixed-Use-Immobilien?
Wird dieser in der Zukunft eher weiter steigen?
Wir haben solche Projekte in der Vergangenheit
immer wieder punktuell umgesetzt. Seit der Umstrukturierung
unseres Geschäftsbereichs und
der Bildung spezialisierter Teams vor etwa drei
Jahren betreiben wir solche Projektentwicklungen
systematisch. Ihr Anteil steigt damit stetig, in
Relation zu unseren bundesweit rund 2000 Filialen
bewegen wir uns jedoch im niedrigen einstelligen
Prozentbereich. Zu den Mixed-Use-Projekten,
die wir als Eigentümer selbst entwickeln,
kommen weitere, bei denen wir uns als künftiger
Mieter oder Standortpartner beteiligen.
Wir glauben an die Innenstadt als attraktiven
Handelsstandort und werden dort auch in Zukunft
auf die Entwicklung lebensmittelgeankerter
Immobilien setzen. Der Umfang und die Frequenz
neuer Projektentwicklungen hängen von
der Entwicklung der Rahmenbedingungen und
der Bereitschaft unserer Partner ab.
Was planen Sie diesbezüglich konkret für das
Jahr 2025?
2025 möchten wir eine Reihe laufender Projektentwicklungen
abschließen. In Landau in der
Pfalz bauen wir eine Filiale mit knapp 200 Wohnplätzen
für Studierende in den Etagen darüber.
Das ist dann bereits das zweite Projekt, das wir
mit der Stadt und dem Studierendenwerk Vorderpfalz
erfolgreich abschließen. Weitere Studierendenwohnungen
werden in Tübingen bezugsfertig.
In Nürnberg schließen wir den Bau einer
Filiale mit über 50 Wohnungen und zweigeschossiger
Tiefgarage ab.
Anfang des Jahres beginnen wir mit der Revitalisierung
eines ehemaligen Bürogebäudes in
Frankfurt-Sachsenhausen. Im Erdgeschoss entsteht
eine ALDI SÜD Filiale, darüber 8000 Quadratmeter
neuer Wohnraum. Weitere Projekte sind
in Planung oder bereits fortgeschritten, aber derzeit
noch Gegenstand kommunaler Verhandlungen.
Dabei geht es wieder um neuen Wohnraum,
und wir beschäftigen uns nun intensiver mit den
Möglichkeiten der Holzbauweise.
Gibt es etwas, das Sie noch nie gebaut haben,
aber unbedingt verwirklichen möchten?
Wo was los ist, wo die Leute kommen und gehen
– da wollen wir hin. Von daher sind auch Transit-Orte
wie Flughäfen oder Bahnhöfe sehr interessant.
Vor wenigen Tagen haben wir den Mietvertrag
für eine Filiale im neugestalteten Teil
des Frankfurter Hauptbahnhofs unterschrieben.
Wenn wir dort 2026 eröffnen, ist das tatsächlich
eine Premiere – und wer weiß, vielleicht werden
weitere folgen.
120 INTERVIEWS
Ian Sandford
Gäste schenken
uns ihre Zeit, deshalb müssen
wir sie dafür belohnen!
Das Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim, eines der traditionsreichsten und größten Einkaufszentren
in Nordrhein-Westfalen hat 2023 mit EUROFUND einen neuen Eigentümer bekommen.
Das Unternehmen hat große Pläne, wie es mit der in die Jahre gekommenen Shopping-Destination
weitergehen soll. Dies erzählt Ian Sandford, der EUROFUND gegründet hat und seitdem
in mehreren europäischen Ländern sogenannte „Shopping Resorts“ erfolgreich etabliert
hat, im Interview.
Herr Sandford, Ihr Unternehmen Eurofund
hat im Jahr 2023 das in die Jahre gekommene
Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim gekauft und
ist damit in den deutschen Centermarkt eingestiegen.
Was waren Ihre Absichten?
Ian Sandford: Das Zentrum selbst ist in die Jahre
gekommen. Aber die Infrastruktur des RRZ ist
hervorragend, das findet man sonst nirgendwo.
Dass es direkt an der meistbefahrenen Autobahn
Deutschlands liegt, ist einzigartig. Es hat eine
eigene Straßenbahn- und Bushaltestelle. Es hat
eine eigene Autobahnanschlussstelle. Die Infrastruktur
ist nicht veraltet. Sie ist sehr, sehr gut.
Und mittendrin haben wir ein Einkaufszentrum,
in das lange Zeit zu wenig investiert wurde. Jeder
im Einzugsgebiet kennt das Zentrum. Es ist so tief
in der Bevölkerung verwurzelt und das seit Generationen.
Das Rhein Ruhr Zentrum ist die Grande
Dame der deutschen Einkaufszentren, braucht
aber ein Facelifting. Deshalb werden wir Zeit,
Mühe und Geld in das RRZ investieren. Unser
Plan ist es, das Zentrum wieder groß zu machen.
In anderen Ländern setzen Sie stark auf Freizeit-
und Unterhaltungsangebote an Ihren Center-Standorten,
die in Deutschland bisher die
Ausnahme sind. Was ist der Grund dafür?
Ian Sandford: Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung,
warum es die Ausnahme ist. Unsere Denkweise
unterscheidet uns von unseren Mitbewerbern,
denn wir kommen aus der Entwicklung. Im
Einzelhandel denken wir über zwei Dinge nach:
wie wir die Leute dazu bringen, uns zu besuchen,
und wie wir sie halten können.
Es geht nicht allein darum, eine Reihe von Geschäften
zu bieten. Auf Ihrem Mobiltelefon haben
Sie eine größere Auswahl an Geschäften, die
größte Auswahl an Geschäften überhaupt, und
Sie können alles online kaufen. Was die Menschen
motiviert, in unsere Zentren zu kommen, ist die
Freizeitgestaltung. Um ins Kino zu gehen, um mit
ihren Kindern etwas zu unternehmen. Das ist es,
was die Menschen motiviert, heute aufzustehen,
etwas zu unternehmen oder etwas anderes zu essen
und zu trinken zu bekommen.
Es ist wichtig, die Menschen zu motivieren, uns
zu besuchen, und das kann die Freizeit sein. Es
könnte auch ein Krankenhaus sein, wie wir es bei
UBBO in Lissabon implementiert haben und das
Besucher zu uns bringt. Es könnte Coworking
sein oder zukünftig auch Edutainment oder Bildung.
All das werden Anreize sein, ein Resort zu
INTERVIEWS 121
besuchen. Die Geschäfte und Freizeitaktivitäten
sind ein Lockmittel für die Gäste zu kommen und
die Gastronomie bewegt sie zum Bleiben.
Sie nennen Ihre großen und vielfältigen Zentren
„Shopping Resorts“. Das klingt nach einem neuen
Genre. Wie definieren Sie es?
Ian Sandford: Wenn man in den Urlaub fährt,
setzt man sich hin und sagt: Ich werde zwei Wochen
in diesem Resort verbringen. Ich werde
ihnen meine Zeit schenken, richtig? Und genau
so sehen wir unsere Einkaufszentren. Die Gäste
schenken uns ihre Zeit, und wir müssen sie dafür
belohnen, dass sie uns ihre Zeit schenken und
sich auf uns einlassen. Und deshalb denke ich,
dass wir dem Gastgewerbe sehr ähnlich sind und
warum wir den Begriff Resort verwenden; wir
wollen ein „Urlaubsort“ für unsere Gäste sein.
Foto: EUROFUND
Nur wenige Kilometer vom Rhein-Ruhr-Zentrum
entfernt liegt das Westfield Centro Oberhausen,
eines der erfolgreichsten deutschen
Einkaufszentren, das auch viele Freizeitmöglichkeiten
bietet. Ist das ein Problem?
Ian Sandford: Keineswegs. Im Einzugsgebiet des
RRZ leben 12 Millionen Menschen und da gibt es
einen großen Bedarf an Freizeitangeboten. Nicht
alle diese Menschen passen in ein Kino oder in
ein Vergnügungszentrum oder in einen Legopark.
Deshalb bringen wir neue Freizeitkonzepte
wie Adventica ins Spiel, um andere und zusätzliche
Orte zu schaffen. Und die Menschen wollen
keine weiten Strecken für ihre Freizeitgestaltung
zurücklegen. Sie fahren nicht eine Stunde
oder gar 30 Minuten ins Kino, wenn sie vor Ort
ein tolles Kino haben können. Wir führen derzeit
erfolgreiche Gespräche mit neuen innovativen
Freizeitangeboten, die wir in den nächsten Jahren
im RRZ realisieren werden.
Was ist Ihre Vision für das RRZ? Wie könnte es
auf der Grundlage Ihrer verschiedenen Optimierungspläne
in fünf Jahren aussehen?
Ian Sandford: Es wird ein außergewöhnlicher
Ort werden, wo die Menschen hingehen und Zeit
verbringen wollen. Es wird ein breites Angebot
an Einzelhandelsgeschäften und Freizeitaktivitäten
haben. Das Angebot an Speisen und Getränken
wird ebenfalls stark erweitert. Die Idee ist,
die täglichen Einkäufe, das Essen und die Unter-
Ian Sandford ist CEO der internationalen EURO-
FUND-Gruppe
haltung abzudecken. Die gute Anbindung und die
großzügigen Parkflächen sind einzigartig. Auf
diese Weise können wir die Leute schnell in das
Center hinein- und wieder herausbringen. Die
Gäste sollen diese Bequemlichkeit spüren. Sie
sollen ihre Großeinkäufe im Supermarkt erledigen
können, aber noch vieles mehr. Alleine, zu
Zweit, mit Freunden oder mit der ganzen Familie.
Ist es für Sie denkbar, weitere Shopping Resorts
hier in Deutschland zu schaffen oder bestehende
große Center in solche umzuwandeln?
Ian Sandford: Auf jeden Fall. Und wir bei Eurofund
schauen gerade aktiv nach weiteren Investitionen,
weil wir glauben, dass es in Deutschland
große Chancen für uns gibt. Wir sind überzeugt,
dass unsere Transformationsfähigkeit hierzulande
sehr gefragt ist und dass wir diese auf eine
Reihe von Zentren anwenden und ein starkes Geschäft
aufbauen können.
122 INTERVIEWS
Dr. Rainer Burbulla/André Stromeyer
Umnutzung von Warenhäusern:
Chancen, Herausforderungen
und rechtliche Rahmenbedingungen
Dr. Rainer Burbulla (Langguth & Burbulla Rechtsanwälte) und André Stromeyer (Geschäftsführer
HBB Centermanagement) haben sich für unser Buch verabredet und ein Gespräch
über die Umnutzung von Warenhäusern und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen
geführt.
Dr. Rainer Burbulla: Die Umnutzung von Warenhäusern
ist aktuell ein besonders spannendes
Thema, vor allem im Hinblick auf die zunehmenden
Leerstände im Einzelhandel und
die Herausforderungen der Stadtentwicklung.
Als Jurist interessieren mich vor allem die
rechtlichen Aspekte dieser Thematik. Du, als
Projektentwickler, hast sicherlich viele praktische
Erfahrungen mit der Umsetzung solcher
Projekte. Wie geht ihr bei der Umnutzung von
Warenhäusern vor?
deutung erlangt. Umnutzungen spielen hier eine
wichtige Rolle.
Dr. Rainer Burbulla: An dieser Stelle kommen
auch die ersten rechtlichen Fragen ins Spiel. Ein
ehemaliges Warenhaus lässt sich nicht einfach
in eine Mixed-Use-Immobilie, also ein Gebäude
mit verschiedenen Nutzungen wie Wohnen, Einzelhandel
oder Gastronomie, umwandeln. Es
sind daher entsprechende öffentlich-rechtliche
Genehmigungen erforderlich.
André Stromeyer: Dass in vielen Innenstädten
immer mehr Leerstände zu verzeichnen sind,
ist nicht neu. Hohe Umsätze im Online-Handel,
mehrere Krisen und steigende Kosten für die
Händler sorgen besonders in Klein- und Mittelstädten
für Leerstände. Insolvenzen wie die
von Galeria-Karstadt-Kaufhof verschärfen diese
Situation weiter. Besonders das Wegbrechen
des „Ankers“ Warenhaus ist für viele Klein- und
Mittelstädte ein großes Problem, da dadurch die
Frequenz im Umfeld sinkt und ein sogenannter
Trading-Down-Effekt auftreten kann. Die Frage
ist also, wie diese Situation in den Griff zu bekommen
ist. Die sogenannte Mixed-Use-Immobilie
hat in diesem Zusammenhang eine neue Be-
André Stromeyer: Die Umnutzung von Warenhäusern
ist tatsächlich ein facettenreiches Thema.
Es bringt sowohl große Chancen als auch
erhebliche Herausforderungen mit sich. Der
erste Schritt bei der Umnutzung ist meist eine
Bestandsaufnahme des Gebäudes. Warenhäuser
sind oft große, multifunktionale Bauten, die ursprünglich
für den Einzelhandel konzipiert wurden.
Heute müssen wir uns überlegen, wie diese
Flächen für andere Nutzungen – wie Wohnen,
Büros, Freizeit oder Kultur – nutzbar gemacht
werden können.
Viele dieser Gebäude befinden sich in städtebaulich
wertvollen Lagen. Das bedeutet, dass wir von
Anfang an die rechtlichen Rahmenbedingungen
INTERVIEWS 123
berücksichtigen müssen. Häufig müssen wir den
Bebauungsplan ändern oder die Umnutzung genehmigen
lassen.
Dr. Rainer Burbulla: Das klingt nach einer komplexen
Aufgabe. Welche rechtlichen Herausforderungen
siehst du als besonders gravierend
bei der Umnutzung von Warenhäusern?
Foto: LanguthBurbulla
André Stromeyer: Die größten Herausforderungen
liegen häufig im Bereich des Baurechts und
des Denkmalschutzes. Warenhäuser wurden in
den 1960er bis 1980er Jahren gebaut, eine Zeit,
in der noch andere baurechtliche Anforderungen
galten. Heute müssen wir diese Gebäude an
moderne Standards anpassen – etwa in Bezug auf
Energieeffizienz, Brandschutz oder Barrierefreiheit.
Wenn das Gebäude unter Denkmalschutz
steht, müssen wir zusätzlich die entsprechenden
Auflagen einhalten. Die Frage, welche Teile des
Gebäudes erhalten bleiben müssen und welche
verändert oder neu gebaut werden können, erfordert
eine sehr genaue Planung. Warenhäuser
sind häufig als reine Einzelhandelsflächen definiert.
Eine Umnutzung zu Wohnungen, Büros
oder Freizeitangeboten erfordert oftmals eine
Änderung des Bebauungsplans oder zumindest
eine Nutzungsänderung, die von der Stadt genehmigt
werden muss. Diese Genehmigungen
können langwierig und bürokratisch sein, was
den gesamten Projektzeitraum erheblich verlängern
kann.
Dr. Rainer Burbulla (Partner Langguth & Burbulla
Rechtsanwälte PartG mbB)
Foto: HBB
Dr. Rainer Burbulla: Das ist ein sehr guter
Punkt. Wie geht ihr als Projektentwickler konkret
mit diesen rechtlichen und praktischen
Fragestellungen um? Welche Schritte sind notwendig,
um sicherzustellen, dass alle Anforderungen
erfüllt werden?
André Stromeyer: Zunächst einmal ist eine enge
Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden
und Gutachtern entscheidend. Wir arbeiten mit
Architekten und Stadtplanern zusammen, um
einen Entwurf zu entwickeln, der den aktuellen
rechtlichen und städtebaulichen Anforderungen
entspricht. Was die Genehmigungen betrifft, ist
der Dialog mit den zuständigen Ämtern von zentraler
Bedeutung. Bei großen Bestandsgebäuden,
die eine Umnutzung erfahren, müssen wir
André Stromeyer (Geschäftsführer HBB Centermanagement
GmbH & Co. KG)
oft mehrere Ebenen der Verwaltung ansprechen
– vom Bauamt über das Denkmalamt bis zu den
Umweltbehörden. Für uns als Projektentwickler
bedeutet das, dass wir von Anfang an sehr detaillierte
Pläne vorlegen müssen, die alle relevanten
rechtlichen und baulichen Anforderungen abdecken.
Dr. Rainer Burbulla: Die enge Zusammenarbeit
mit den Behörden und eine detaillierte Planung
sind also unerlässlich, um rechtliche Unsicherheiten
zu vermeiden. Ein weiterer wichtiger
124 INTERVIEWS
Aspekt ist sicherlich die Finanzierung solcher
Projekte. Welche Rolle spielen dabei die rechtlichen
Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten?
len hier eine wichtige Rolle. In Deutschland gibt
es zum Beispiel steuerliche Anreize für die Sanierung
denkmalgeschützter Gebäude oder für die
Umsetzung besonders nachhaltiger Bauprojekte.
André Stromeyer: Die Finanzierung ist in der Tat
ein zentraler Punkt. Umnutzungsprojekte sind
oft mit hohen Kosten verbunden, insbesondere
wenn es um die Sanierung von Bestandsgebäuden
geht. Eine gute Finanzierung hängt nicht nur
von den Investoren ab, sondern auch von den
rechtlichen Möglichkeiten. Steuerliche Förderungen
und öffentliche Förderprogramme spie-
Diese Förderungen müssen jedoch sorgfältig
geprüft werden, da sie an bestimmte Auflagen
gebunden sind, etwa im Bereich des Denkmalschutzes
oder der Energieeffizienz. Ein weiteres
Thema ist die Finanzierung von Umbauten, die
aufgrund der Umnutzung erforderlich werden.
Wenn neue Nutzungen wie Wohnungen oder Büros
integriert werden, müssen wir sicherstellen,
Foto: Adobe Stock
Neue Lösungen müssen gefunden werden.
INTERVIEWS 125
dass alle baurechtlichen Vorschriften erfüllt sind,
was zusätzliche Kosten verursacht. Auch hier
können Förderprogramme zur energetischen Sanierung
oder zur Schaffung von Barrierefreiheit
eine wichtige Rolle spielen.
Dr. Rainer Burbulla: Die steuerlichen und öffentlichen
Fördermöglichkeiten bieten in der
Tat interessante Chancen. Aber wie sieht es
mit den rechtlichen Herausforderungen aus,
die durch die veränderten Nutzungen auftreten
können? Gibt es häufig Konflikte, zum Beispiel
bei der Integration von Wohnen in ehemaligen
Handelsflächen?
André Stromeyer: Ja, die Integration von Wohnen
in ehemaligen Handelsflächen ist oft eine
Herausforderung. Besonders bei größeren Warenhäusern
ist die Umnutzung von Einzelhandelsflächen
in Wohnraum häufig mit erheblichen
baulichen und rechtlichen Fragen verbunden.
Beispielsweise müssen wir sicherstellen, dass der
Brandschutz für die neuen Wohneinheiten den
aktuellen Anforderungen entspricht – und das ist
bei älteren Gebäuden nicht immer einfach.
Dr. Rainer Burbulla: Die Nachbarschaftsbelange
und die Umnutzung von Flächen in Wohnraum
sind also oft heikle Themen. Aber auch
wenn die rechtlichen Hürden groß sind, bieten
die Umnutzungsprojekte von Warenhäusern
sicherlich viele Chancen für die Stadtentwicklung.
Wie siehst du die langfristige Perspektive
solcher Projekte für die Städte?
André Stromeyer: Die Umnutzung von Warenhäusern
bietet auf jeden Fall eine große Chance,
städtische Räume neu zu denken und zu beleben.
In vielen Innenstädten sind leerstehende Warenhäuser
ein Problem, das dringend gelöst werden
muss. Durch die Umnutzung können wir nicht
nur den Leerstand verringern, sondern auch zur
Belebung der Innenstadt beitragen – sei es durch
Wohnraum, kulturelle Einrichtungen oder neue
Gewerbeflächen.
Solche Projekte tragen zu einer nachhaltigen
Stadtentwicklung bei, indem sie den vorhandenen
Bestand nutzen und gleichzeitig moderne
Anforderungen berücksichtigen. Für uns als Projektentwickler
ist es daher besonders wichtig,
diese Chancen mit den rechtlichen Vorgaben in
Einklang zu bringen.
Dr. Rainer Burbulla: Besonders in Fällen, in denen
Städte leerstehende Warenhäuser selbst erworben
haben, um diese neu zu bewirtschaften,
stellt sich die Frage, welche Nutzungs- bzw. Vermietungskonzepte
umgesetzt werden sollen. Es
ist vermehrt zu beobachten, dass Städte auf das
Know-how von Projektentwicklern zurückgreifen.
Aus rechtlicher Sicht sind in diesen Fällen
Kooperationsverträge zwischen dem Projektentwickler
und der Stadt entscheidend, um die
Schnittstellen zu regeln.
André Stromeyer: Genau, auch wir schließen
solche Kooperationsvereinbarungen, in denen
die Leistungen des Projektentwicklers oder Beraters
genau definiert werden. Dies beginnt mit
der Erstellung von Nutzungs- und Vermietungskonzepten.
Dabei starten wir oft mit Befragungen
von potenziellen Mietinteressenten. Parallel dazu
werden weitere Nutzungsmöglichkeiten aufgezeigt
und schließlich die notwendigen Umbaumaßnahmen
geplant.
Dr. Rainer Burbulla: All dies muss natürlich mit
den rechtlichen Rahmenbedingungen kombiniert
werden. Die rechtliche Betreuung ist entscheidend,
nicht nur bei der Ausgestaltung der
Kooperationsvereinbarungen, sondern auch bei
der Gestaltung von Architektenwettbewerben,
Architektenverträgen und Bauverträgen sowie
der Begleitung von Genehmigungsverfahren. Es
handelt sich also um das klassische Projektentwicklungsgeschäft,
jedoch unter Berücksichtigung
neuer Anforderungen und aktueller Entwicklungen.
André Stromeyer: Ja, genau. Es bleibt Projektentwicklung,
die Chancen und Risiken birgt.
Aber aus unserer Sicht überwiegen die Chancen
und der stationäre Handel wird auch weiterhin
eine zentrale Rolle spielen. Aber es bedarf neuer
Konzepte, um den Leerstand innerstädtischer
Verkaufsflächen zu reduzieren. Unsere Erfahrungen
zeigen, dass der Wille bei den Akteuren
vorhanden ist. Jetzt gilt es, diesen Willen umzusetzen
und auch mutige Wege zu beschreiten.
126 INTERVIEWS
Dr. Christof Glatzel
Nicht nur in Stadtplanung
denken, sondern die Stadt
vom Handel her begreifen!
Wenn Politik, Verwaltung und Immobilienwirtschaft gemeinsam ein glaubwürdiges Ziel und eine Umsetzungsstrategie
entwickeln, können für eine Stadt Chancen entstehen. In diesem Wissen hat Monheim
im Rheinland im Jahr 2019 die Arbeitsgemeinschaft der Boening Glatzel Klug Real Estate GmbH
und Heine Architekten mit der Umgestaltung der wesentlichsten Innenstadtimmobilien beauftragt. Im
Interview erzählt Dr. Christopf Glatzel, was sich inzwischen alles getan hat und natürlich auch, wie es
weitergehen wird.
Die Monheimer Stadt-Revitalisierung, an der
ihr Unternehmen maßgeblichen Anteil hat,
ist bereits massiv vorangeschritten, aber noch
nicht vollendet. Was ist zuletzt passiert und was
steht noch an?
Dr. Christof Glatzel: Die beiden ersten Bauabschnitte
sind vollvermietet eröffnet - jetzt soll
der dritte folgen. Dazu entscheidet der Stadtrat
noch im Dezember dieses Jahres. Es handelt
sich um vier Geschäftshäuser gegenüber dem
Busbahnhof mit ca. 6.000 qm Handel im EG und
Büros und Wohnungen in den Obergeschossen.
Fertigstellung geplant Ende 2027. 50 Prozent der
Handelsfläche sind schon vergeben an Unterhaltungselektroniker
Expert und Jysk. Mit diesem
letzten Baustein ist die Innenstadt komplett.
Wie kaum eine andere Stadt in Deutschland hat
Monheim durch den Erwerb zweier innerstädtischer
Einkaufscenter selbst das Heft in die Hand
genommen und ihr Einzelhandels-Schicksal
nicht in fremde Hände gelegt. Ist das Beispiel
Monheim darum überhaupt nachahmungsfähig?
Dr. Christof Glatzel: Um eine Innenstadt so umzugestalten,
wie wir es in Monheim tun, muss
vieles zusammenkommen. Die Grundstücke
und Gebäude müssen verfügbar sein und die
Stadt muss das Geld haben, um die Gebäude und
Grundstücke zu erwerben. Bürgermeister und
Stadtrat brauchen Mut, Geschlossenheit und unternehmerischen
Geist. Und zu guter Letzt: Die
Stadt muss sich Profis für die Umsetzung holen,
die nicht nur in Stadtplanung denken, sondern
die Stadt vom Handel her begreifen, denn ohne
Handel keine funktionierende Innenstadt.
Wie muss Projektentwicklung heutzutage aussehen,
wenn sie Erfolg haben bzw. rentabel sein
will?
Dr. Christof Glatzel: Ein Stadtumbau wie in Monheim
kann ein Privatinvestor nicht umsetzen, da
muss die Stadt ran, richtig investieren und die
fehlende Rentabilität über Stadtentwicklungszuschüsse
kompensieren.
Welche Multi-Use-Kombinationen würden Sie
persönlich präferieren?
Christof Glatzel: In der Innenstadt brauchen wir
Handel und Gastronomie im Erdgeschoss, denn
keine Nutzung mobilisiert die Menschen so wie
der Handel. Einige wenige Groß-Konzepte ste-
INTERVIEWS 127
cken heute noch ins erste Obergeschoss durch.
Darüber geht im Handel nahezu nichts mehr. Somit
bleiben Wohnen, Büros, städtische Nutzungen
und Freizeiteinrichtungen. Ich habe also nur
eine gesetzte Präferenz für eine innerstädtische
Entwicklung: Handel und Gastro im Erdgeschoss.
Und in den Obergeschossen muss fallweise entschieden
werden was geht.
Foto: Boening Glatzel Klug GmbH
Häufig klagen Projektentwickler über den Bürokratie-Wahnsinn?
Meinen Sie, den kann man
hierzulande überhaupt stoppen?
Dr. Christof Glatzel: Kaum, jedes Gesetz, neue
Technische DIN-Vorschrift, Förderverordnung ja
sogar Gestaltungssatzungen verursachen Bürokratie.
Alle gut gemeinten „Hilfen“, Klimaschutz- oder
Sicherheitsmaßnahmen, verursachen ein Monstrum
an kaum noch zu verstehenden Annahmen
und Berechnungen. Nehmen Sie als Beispiel die
Dr. Christof Glatzel
Visualisierung: Heine Architekten
So wird die neue Monheimer Innenstadt (Blick vom Monheimer Tor) aussehen.
128 INTERVIEWS
kfW-Förderung mit EH 40 und Lebenszyklusanalyse,
dem sogenannten LCA Nachweis auf QNG
Basis, DGNB oder ähnliches, Für individuelles
Bauen in Innenstädten außerhalb der Top 7 nicht
bezahlbar!
Ob Gesellschaft, Politik und die Gutachterwelt
den Mut zu einem unausweichlichen Wandel haben,
bezweifeln wir.
In Shopping Centern versucht man – mitunter
verzweifelt – neue Wege zur Kundenfrequenzsteigerung
zu gehen. Erlebnis und Entertainment
sollen helfen. Funktioniert das denn wirklich?
Dr. Christof Glatzel: Ich bin skeptisch. Ein krankes
Objekt wird durch Erlebnis und Entertainment
nicht wieder gesund. Es ist immer wieder
dasselbe: Wenn der Handel die Kunden nicht
dazu bewegt, das Shoppingcenter oder die Stadt
zu besuchen, werden es Erlebnis und Entertainment
auch nicht schaffen.
Welche Arten von Läden und anderseits auch
von Mieten (Mietmodellen) werden benötigt, um
Center wieder attraktiv zu machen?
Dr. Christof Glatzel: Der Mix macht’s; ohne Nahversorgung
geht wenig.
Aber mindestens genauso wichtig ist, dass wir es
den Kunden so einfach wie möglich machen und
dazu gehört auch der Individualverkehr, also das
Auto.
Boenig Glatzel Klug sind „Plattformbauer“. Wir
müssen die optimale Grundlage dafür schaffen,
dass der Händler die höchstmöglichen Umsätze
generieren kann. Das ist der erste Gedanke, und
der leitet uns durch das Projekt.
Welchen Handelsimmobilientypen geben Sie
die besten Zukunftschancen - sagen wir mal für
die nächsten zehn Jahre?
Dr. Christof Glatzel: Vor vielen Jahren habe ich
die Fachmarktzentren auf der grünen Wiese abgeschrieben:
kein Erlebnis, keine Welcome Attitude,
austauschbare Händler; also keine Chance
gegen das Internet. Falsch. Parkplätze direkt
vorm Laden, gebührenfrei und leicht anzufahren,
das Rezept klappt nach wie vor.
Was in zehn Jahren funktioniert, weiß ich nicht.
Aber was jetzt läuft, das begreife ich - und daran
halte ich mich.
Visualisierung: Heine Architekten
So wird die Monheiner Innenstadt mit Blick vom Berliner Ring ausschauen.
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130 INTERVIEWS
Robert Sprajcar
Behrens-Ufer Berlin:
Damals Zukunftsstandort,
heute Zukunftsstandort!
Das Behrens-Ufer in der Bundeshauptstadt Berlin war lange
Zeit ein schlummerndes Stück Industriegeschichte an der
Spree. Jetzt soll aus dem Areal ein lebendiges Quartier in
Form eines prosperierenden Wirtschafts- und Innovationsstandorts
entstehen.
Die DIE Deutsche Immobilien Entwicklungs AG
(DIEAG) plant auf dem zehn Hektar großen Gelände
am Behrens-Ufer das BE-U, ein innovatives
Modellquartier für Gewerbe, das im Berliner
Boom-Korridor Südost im Dreieck von Flughafen
BER, Tesla und Berlin Mitte liegt. Etwa 12.000
Menschen sollen dort künftig arbeiten, primär in
den Bereichen Life-Science, Labor und Leichtindustrie.
Innovative Flächen für Einzelhandel,
Event und Gastronomie sind ebenfalls Teil der
Planung.
Ende Oktober 2023 feierte die DIEAG, Grundstückseigentümerin
und Bauherrin, im Beisein
des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Kai
Wegner, und 300 geladenen Gästen den symbolischen
Spatenstich und Projektauftakt am BE-U.
Im Interview mit Robert Sprajcar, CEO der DIE-
AG, erfahren wir Details zur Vision und Entwicklung
des Berliner Leuchtturm-Projektes.
Herr Sprajcar, Sie verantworten am Behrens-
Ufer im Berliner Südosten ein Milliardenprojekt
mit verschiedenartigsten Realisierungen. Wie
ist die Idee dazu entstanden, und was ist die Vision
dahinter?
Robert Sprajcar: Die Geschichte des Standorts
hat uns inspiriert. Mit dem weltweit ersten Drehstromkraftwerk
sind 1895 die Grundlagen nicht
nur für die Elektrifizierung Berlins, sondern auch
für die Ansiedlung innovativer Produktionsbetriebe
gelegt worden. Schon vor über 100 Jahren eilte
der gesamte Industriegürtel Oberschöneweide im
Südosten Berlins der Entwicklung voraus. Damals
Zukunftsstandort, heute Zukunftsstandort. Die
fortschrittlichen Gedanken zur Verschmelzung
von Funktionalität und Ästhetik, von Produktivität
und Sozialem, wie sie der Werkbund Anfang des
20. Jahrhunderts vertritt, spiegeln sich bis heute in
der einzigartigen Industriearchitektur von Peter
Behrens des Standorts wider. Wir knüpfen daran
an und denken die Quartiersgestaltung von den
Nutzenden, also vom Menschen her. Daraus ergeben
sich zwangsläufig nutzungs- und sozial-relevante
Entwicklungsrichtungen, die gewährleisten,
dass das Behrens-Ufer als urbanes Technologiequartier
zukunftssicher entwickelt, um- und
ausgebaut wird. Unsere Vision ist es daher auch,
nichts weniger als eines der weltweit nachhaltigsten
Gewerbestadtquartiere zu errichten, in dem
der Mensch im Mittelpunkt steht.
INTERVIEWS 131
Wie groß ist derzeit Ihr Team, und aus welchen
Arbeitsbereichen rekrutiert es sich?
Robert Sprajcar: Unser Kernteam innerhalb der
DIEAG besteht aus rund 20 Personen, die allesamt
aus unterschiedlichsten Fachrichtungen
stammen, darunter Bauingenieurwesen, Architektur,
Stadtentwicklung, Kommunikation, Politik,
Energie, Vertical Farming, Kunst und Kultur sowie
sozialwissenschaftliche Forschung. Die fachliche
Diversität benötigen wir auch, um die Umsetzung
unserer Vision garantieren zu können. Ferner haben
wir natürlich versierte Partner in Planung,
Bau, Projektentwicklung sowie kompetente Ansprechpartner
in den Ämtern und in der Zivilgesellschaft,
ohne deren konstruktiven Beitrag ein
solches Projekt nicht funktionieren würde.
Robert Sprajcar, CEO der DIEAG
Foto: DIEAG
Was ist aus Ihrer Sicht an diesem Projekt das
Außergewöhnliche?
Robert Sprajcar: Die Ganzheitlichkeit des Projektentwicklungsansatzes
und unsere Vision sind
das Außergewöhnliche. Die Vision basiert auf der
modellhaften Verbindung verschiedenster Elemente
aus Städtebau, Wirtschaft, Wissenschaft,
Kunst und Kultur inklusive eines Community-
Building zur partizipativen Weiterentwicklung
des Quartiers, was natürlich bereits jetzt in der
frühen Umsetzungsphase in die Projektentwicklung
hineinwirkt. Schlussendlich ermöglicht uns
zudem der schiere Maßstab des Projekts als komplette
Quartiersentwicklung die synergetische
Verflechtung einzelner technischer Systeme zu
Copyright: bloomimages / Kleihues + Kleihues
Copyright: THIRD
Der erste Preis für Gebäudeteil A 3.1., das inklusive des
Sockels über rund 33.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche
umfasst, erhielt die Kleihues & Kleihues Gesellschaft
von Architekten.
Der erste Preis für Gebäudeteil A 1.3., das sich in exponierter
Lage an der Spree befinden wird wurde an MAT-
TER Schmidt Fach Architekten und Stadtplaner sowie
KUULA Landschaftsarchitekten verliehen.
132 INTERVIEWS
gesamtheitlichen Kreisläufen, z.B. in der nachhaltigen
Energieversorgung, dem Kreislaufmanagement
sowie der Quartierslogistik.
Wie sieht es mit der Umsetzung der angedachten
Retail- und Gastronomieflächen aus?
Robert Sprajcar: Wir planen insgesamt 20.000
qm für Event-, Retail- und Gastronomienutzungen.
Für den Einzelhandel sind maximal 3.000
qm Fläche vorgesehen, vor allem mit nachhaltigen
Nahversorgern und Dienstleistern. Konkrete
Nutzungsansätze sind vorhanden und entsprechende
Mieter bereits in der Ausbauplanung. Da
sich das Verbraucherverhalten durch die Corona-Pandemie
und Digitalisierung gewandelt hat,
sind flexible Büro- und multifunktionale Einzelhandelskonzepte
vorgesehen.
Für die modellhafte Vernetzung der BE-U-spezifischen
Anforderungen mit innovativen Anätzen
aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Verwaltung
und Zivilgesellschaft haben wir ferner sogenannte
„innovation LABs“ als dezidierte Arbeitskreise
unter Beteiligung von verschiedenen Experten
und Expertinnen gegründet. Diese LABs bearbeiten
dabei die vier quartiersbezogenen Schlüsselthemen,
nämlich „urban development“, „new
energy“, „food“ und „arts & culture“.
Das urban development LAB konzentriert sich
auf die drängenden, zukunftsorientierten Themen
und Trends der Stadtentwicklung, wie z.B.
städtische Transformation, nachhaltige Mobilität,
Lebensqualität im urbanen Raum sowie zivil-
gesellschaftliche Teilhabe am Projekt. Das LAB
entwickelt dafür konkrete Best Practices und innovative
Lösungen direkt bei uns im Quartier.
Beim new energy LAB sind Experten u.a. vom Europäischen
Parlament, dem Berliner Senat und
von den Unternehmen beteiligt, die für die Umsetzung
des nachhaltigen Energiekonzeptes und
insbesondere der innerstädtischen Tiefen- Geothermie
gewonnen werden konnten. Für das food
LAB arbeiten erfolgreiche Berliner Gastronomen
sowie Entwickler aus dem Bereich des Vertical
Farming gemeinsam an einem völlig neuen, einzigartigen
Gastronomie- und Versorgungskonzept.
Last but not least gibt es noch das arts & culture
LAB. Kunst und Kultur sind aus unserer Sicht
Schlüsselelemente für die Entwicklung eines lebendigen
und vielfältigen Standorts, und die Veranstaltungen
und Konzerte des LABs am BE-U
werden schon jetzt begeistert von einem vielfältigen
Publikum angenommen.
Heutzutage spielt bei solchen Bauvorhaben der
Aspekt Nachhaltigkeit/ESG eine zentrale Rolle.
Wie werden Sie diesem am Behrens-Ufer gerecht?
Robert Sprajcar: Unser Anspruch ist es, eines der
nachhaltigsten Quartiere der Welt zu schaffen. Die
ESG-Prinzipien haben wir unserem Projektentwicklungsansatz
von Anfang an zugrunde gelegt,
gehen jedoch weit über die gängigen Standards
hinaus. Die üblichen Nachhaltigkeits-Zertifizierungen
sind dadurch lediglich ein Mitnahmeef-
Copyright: HENN
Der erste Preis für das an der östlichen Spitze des Areals in Ufernähe befindliche dritte Gebäude mit der Nummerierung
A 3.3. wurde an das Architekturbüro HENN und Landschaftsarchitekten Aplantis verliehen. Dieses Konzept überzeugte
dadurch, dass er aus zwei langgestreckten Baukörpern statt aus einem einzigen Block besteht, mit einem Zwischenraum
als Mitte.
INTERVIEWS 133
Visualisierung: DIEAG / Vestico
Die Visualisierung des Behrens-Ufer aus der Vogelperspektive
fekt. Wir kombinieren nachhaltigkeitsorientierte
bauphysikalische und energietechnische Ansätze
mit Fragen der Nutzung sowohl im produktiven
als auch im sozialen Sinne und schaffen so unter
Ausnutzung der natürlichen Gegebenheiten vor
Ort (Süd-Ausrichtung des Geländes, Wasserlage,
quartiersbezogene Skalen- und Synergieeffekten
usw.) ein Stadtquartier, was sich vollständig
selbst mit Strom, Wärme und Kälte aus erneuerbaren
Energiequellen versorgt und höchste
Aufenthaltsqualität im gänzlich öffentlichen
Außenbereich bietet. Wir bauen im Bestand und
schaffen ein Modellquartier der „smarten Stadt
von Morgen“ mit urbaner Nutzungsmischung
- allerdings ohne Wohnen - und kurzen Wegen,
einer quartiersweit integrierten Kreislaufwirtschaft,
Regenwassermanagement und vielem
mehr.
Wann planen Sie die Fertigstellung? Was sind
auf dem Weg dorthin Ihre schwierigsten Aufgaben,
die größten Herausforderungen?
Robert Sprajcar: Coronabedingt werden wir
voraussichtlich Anfang 2029 fertig werden. Die
größten Herausforderungen bis hierher waren
das städtebauliche Konzept, welches wir gemeinsam
mit dem Bezirksamt Treptow-Köpenick entwickelt
haben, sowie das Denkmalschutzkonzept,
erarbeitet mit dem Berliner Landesdenkmalamt
sowie der Unteren Denkmalbehörde. Insbesondere
die Integration der Neubauvorhaben in das
denkmalgeschützte Bestandsumfeld war anspruchsvoll,
komplex und nicht trivial.
Auch die umfassende Neuplanung der Verkehrsanbindung
und Infrastruktur ist von zentraler
Bedeutung: Wir planen Fährverbindungen auf
der Spree, um so schneller zum Berliner S-Bahn-
Netz auf der anderen Flussseite zu gelangen.
Auch die Möglichkeit zum Bau einer Brücke über
die Spree in Zusammenarbeit mit der Stadt Berlin
wird derzeit geprüft.
Das Behrens-Ufer ist ein Großprojekt mit einer
entsprechend hohen Komplexität und einer
Vielzahl von Abhängigkeiten, die planerisch
durchdacht werden wollen, um den Bau auf den
Weg zu bringen. Ist die Baulogistik an sich schon
herausfordernd genug, laufen bereits die ersten
Mieterausbauten. Wir sind jedoch durch fachübergreifende
Teams zu allen Planungsfragen,
die von Anfang an mit eingebunden sind, gut
aufgestellt und kommen planmäßig voran. Wir
arbeiten daran, das BE-U zu einem lebendigen
Beispiel für die erfolgreiche Transformation eines
Bestands-Quartiers zu entwickeln, für eine
Gesellschaft, die nach echten Werten und einer
nachhaltigen Zukunft strebt.
134 INTERVIEWS
Michael Garstka
Im Service-Development
liegt für uns ein wichtiger
Baustein für die Zukunft!
Der Oldenburger Projektentwickler LIST Develop (LIST Gruppe) hat sein Angebot vor einigen
Jahren erweitert und tritt zusätzlich als Service Developer auf. Geschäftsführer Michael
Garstka: „Wir glauben, somit eine noch bessere Marktabdeckung zu erreichen und unserer
Klientel genau die Immobilien anzubieten, die sie benötigt – unabhängig davon, ob es sich um
Wohnnutzung, gewerbliche Nutzung oder gemischt-genutzte Immobilien handelt.“ Im Interview
für dieses Buch verrät er noch vieles mehr.
Welche Wahrnehmung hatten Sie von 2024? Wie
sind Sie in das Jahr gestartet und wie hat es sich
danach für Ihr Unternehmen entwickelt?
Michael Garstka: Angefangen hat es mit vielen
Unbekannten. Das Jahr war geprägt von der
Hoffnung, endlich wieder die so wichtigen Leitplanken
für unsere Branche zu finden. Zu viele
Rahmenbedingungen haben sich in den letzten
Jahren zu schnell geändert – und das macht einfach
sehr vielen Unternehmen derzeit zu schaffen.
Ich rechne aber damit, dass wir sie spätestens
im Laufe von 2025 gefunden haben dürften
und wir dann endlich wieder zu unserem gewohnten
Geschäft übergehen können.
Was heißt das ganz konkret hinsichtlich Ihrer
aktuellen Projekte und Ziele?
Michael Garstka: Wir haben eine Reihe von Projekten
in Angriff genommen, aber einige stecken
auch – als Konsequenz der derzeit allgemein angespannten
Wirtschaftssituation – in einer Überplanungsphase,
von der wir noch nicht genau
sagen können, wie lange diese anhalten wird. Natürlich
versuchen wir alle umzusetzen, aber dann
unter neuen Parametern.
Können Sie sowohl für das Festhalten als auch
für das Überplanen jeweils ein Beispiel nennen?
Michael Garstka: Ein Projekt, von dem wir –
trotz aller Herausforderungen – sehr überzeugt
sind und die Realisierung mit Hochdruck vorantreiben,
ist das gemischte Quartier in hervorragender
Lage der Osnabrücker Innenstadt. Hier
werden wir bis Ende 2025 ein Budget-Hotel (172
Zimmer), kombiniert mit rund 100 Serviced-
Apartments, dazu Gastronomie und natürlich
auch Einzelhandel, zur erfolgreichen Eröffnung
führen. Als LIST Gruppe sind wir hier nicht nur
für die Entwicklung und Planung, sondern auch
für den Bau verantwortlich. Deshalb ist für uns
auch eine Taxonomie- und ESG-konforme Realisierung
auf höchstem Qualitätsniveau obligatorisch
und im Grunde bereits verinnerlicht.
Wir verzichten inzwischen vollständig auf fossile
Brennstoffe, setzen vermehrt auf entweder Fernwärme,
Wärmepumpen oder Photovoltaik.
Sehr erfreulich ist hier auch, dass sich alle Mieter
deutlich sowohl zum Standort als auch zu unserem
gesamten Vorhaben bekennen.
Schwieriger stellt sich die Situation bei unserem
geplanten Stadtteilzentrum in Wolfsburg dar. Wir
haben hier zwar bereits alle Mieter zusammen
INTERVIEWS 135
und auch der B-Plan liegt vor, aber die Nutzung
der Obergeschosse ist gegenüber unserer ursprünglichen
Planung vor der Corona-Pandemie
so nicht mehr aufrecht zu erhalten. Wir werden
nun andere Nutzungen in unsere Überplanung
mit einbeziehen, und wenn wir uns auf einen erfolgversprechenden
Weg verständigt haben, dann
auch die Realisierung wieder aufnehmen.
Foto: LIST
Auf welche Assetklassen werden Sie dann setzen?
Michael Garstka: Primär muss immer die Wirtschaftlichkeit
sichergestellt sein. Daher muss in
diesen unsicheren Zeiten noch mehr als früher
genauestens geprüft und kalkuliert werden. Die
jüngsten Baukosten- und Zinsentwicklungen
haben alle Beteiligten nachdenklich und zurückhaltend
gemacht. Demzufolge muss vor der Entscheidung
für eine bestimmte Assetklasse, eine
detaillierte Risikoabwägung vorgenommen werden.
Dank unserer jahrzehntelangen Erfahrung
und detaillierter Marktkenntnis sind wir in einer
guten Position, für jeden Standort die individuell
passende Lösung in den passenden Assetklassen
zu finden. Hier kommen uns auch die Synergien
zwischen den Gesellschaften der LIST Gruppe
zugute, sodass wir die bestmögliche Projektentwicklung
realisieren können. Und im Bereich
des Service Developments auch gemeinsam mit
Michael Garstka, Geschäftsführer LIST Develop
Foto: LIST
unseren Auftraggebern die ideale Lösung finden.
Grundsätzlich sehen wir auch in Zukunft die Entwicklung
von Multi-Use-Immobilien als einen
sinnvollen Weg.
Wie sehen Sie überhaupt die Situation bei den
Lebensmittlern – sind sie weiterhin der Fels in
der Brandung, was die Projektrealisierung angeht?
Quelle: LIST
LIST-Großprojekt in Rostock
136 INTERVIEWS
Michael Garstka: Klar ist, dass wir weiter auf
sie setzen – egal, ob es sich um klassische Verbrauchermärkte,
Discounter oder City-Konzepte
handelt. Ähnliches gilt auch für den Drogeriebereich.
Bei Multi-Use-Projekten, die für uns und
viele andere Projektentwickler mittlerweile eher
die Regel sind, sind sie in der Tat ein wichtiger
Anker, der auch für die Frequentierung eine
wichtige Rolle spielt. Aber wir haben auch festgestellt,
dass die Händler, was die Flächengrößen
angeht, sehr viel flexibler geworden sind.
Was hat sich sonst noch verändert?
Michael Garstka: Die Banken und Endinvestoren
haben sich inzwischen auf den Assetklassen-Mix
eingestellt. Das war ja lange Zeit schwierig, als es
nur sortenreine Projekte gab. Dennoch sind ihre
Anforderungen an Entwickler aber auch nicht
niedriger geworden.
Immer mehr kommt es bei der Realisierung nicht
nur auf Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit, sondern
auch auf Fantasie und Fingerspitzengefühl,
was die Standortauswahl und den Mieter-Mix
angeht. Und: Nicht zu unterschätzen ist das Zusammenspiel
mit den Eigentümern.
Was heißt das nun für die Zukunft?
Michael Garstka: Zu viele spekulative Projekte,
bei denen man noch keinen zukünftigen
Eigentümer sicher hat, können in diesen herausfordernden
Zeit ein Unternehmen in ernste
Schwierigkeiten bringen. Da muss man dann
schnellstmöglich gegensteuern, bevor es zu spät
ist. Man muss sich ganz genau überlegen, was
man will und dann auch irgendwann den Zeitpunkt
finden, sich zum Projekt mit Herz und
Hand zu bekennen.
Was tut Ihr Unternehmen, um sich für die kommenden
Jahre so stabil wie möglich zu positionieren?
Michael Garstka: Wir haben schon vor über zwei
Jahren unsere Transformation gestartet, in dem
wir als Firmen-Gruppe entschieden haben, wieder
stärker als ein Unternehmen zu agieren. Das
heißt verschiedenste Leistungen, wie Planen,
Bauen und Steuern, aus einer Hand anzubieten –
und das auch als General-Dienstleister für Dritte
zu einem Fix-Preis.
Firmen mögen es, wenn Sie es im Arbeitsprozess
mit möglichst nur einem Ansprechpartner zu tun
haben. Wir sind uns sicher, Service-Development
wird zu einem wichtigen Baustein unserer Zukunft!
Quelle: LIST
Multi-Use-Projekt von LIST in Emden
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Die Transformation der Innenstädte eröffnet dem
Handel die Möglichkeit, sich neu zu erfinden und
innovative Marketingstrategien zu entwickeln, die
den Bedürfnissen der modernen Verbraucher gerecht
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STUDIEN
140 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Research
Studien rund um das
Thema Multi-Use
Zusammenarbeit ist gefragt
„New Places and New Spaces for E-commerce Distribution” (NAIOP)
Die Studie von NAIOP untersucht, wie Einzelhandelsflächen
in E-Commerce-Distributionszentren
umgewandelt werden können, um Leerstand
in Einkaufszentren zu reduzieren und den
wachsenden Anforderungen des Online-Handels
gerecht zu werden. Aufgrund der zunehmenden
Nachfrage nach schneller Lieferung, insbesondere
in urbanen Gebieten, wird die Umwandlung
von Einzelhandelsflächen in „letzte Meile“-Lagerstätten
zu einer strategischen Notwendigkeit.
Ein zentrales Argument der Studie ist, dass traditionelle
Einzelhandelsimmobilien, die sich in
stark frequentierten städtischen Gebieten befinden,
für Logistikzwecke besonders gut geeignet
sind. Dies liegt daran, dass sie bereits eine hervorragende
Anbindung an Verkehrsinfrastruktur
haben und sich in der Nähe großer Konsumentengruppen
befinden. Die Studie beschreibt
auch, wie Einzelhändler und Logistikunternehmen
durch Zusammenarbeit diesen Trend nutzen
können, um Kunden eine schnellere Lieferung
und ein besseres Einkaufserlebnis zu bieten.
Der Bericht hebt weiter hervor, dass die Umwandlung
von Einzelhandelsflächen in Distributionszentren
eine nachhaltige Entwicklung
ermöglicht. Durch die Wiederverwendung bestehender
Flächen kann der Ressourcenverbrauch
reduziert und die Notwendigkeit für neue
Bauprojekte minimiert werden. Dies trägt zur
Schaffung eines flexibleren, widerstandsfähigeren
Einzelhandelsmarktes bei, der sowohl den
stationären Handel als auch den E-Commerce
unterstützt.
Foto: Adobe Stock
Wenn ein Geschäft schließt, sollte aiuf dieser Fläche ein anderes öffnen - Strategien dazu silnd in der Studie New Places
and New Spaes nachzulesen.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 141
Foto: Adobe Stock
Leerstehende Bürogebäude eignen sich für zahlreiche Nutzungsforumen.
Vertikale Nachbarschaft als Lösungsansatz
„Transforming Vacant Offices into Mixed-Use Hubs” (ArchDaily)
Die ArchDaily-Studie befasst sich mit der Transformation
von leerstehenden Bürogebäuden in
gemischt genutzte Zentren. Ein bedeutender Anstoß
hierfür ist die vermehrte Nutzung von Homeoffice-Modellen,
die während der Pandemie
an Popularität gewonnen hat. Besonders betroffen
sind städtische Bürotürme, deren Flächen
nicht mehr effizient genutzt werden und somit
wirtschaftlich an Attraktivität verlieren.
Die Studie identifiziert die „vertikale Nachbarschaft“
als Lösungsansatz, bei dem verschiedene
Nutzungen wie Wohnungen, Büros, Restaurants
und Freizeitangebote innerhalb eines Gebäudekomplexes
integriert werden. Diese Entwicklung
wird als Antwort auf den städtischen Flächenmangel
und die Notwendigkeit betrachtet, die
Attraktivität von Stadtzentren zu erhalten. Indem
Bürotürme in multifunktionale Zentren umgewandelt
werden, können diese Gebäude wieder
wirtschaftlich genutzt und gleichzeitig städtische
Räume lebendiger und attraktiver gestaltet werden.
Ein weiteres wichtiges Thema der Studie ist die
technische Herausforderung solcher Umnutzungen.
Oftmals müssen Gebäude umfassend
renoviert und neu geplant werden, um Wohnoder
Freizeitbereiche in bisher rein gewerblich
genutzte Flächen zu integrieren. Die Studie beschreibt,
wie Architekten und Stadtplaner neue
Konzepte wie modulare Raumplanung und flexible
Infrastrukturen nutzen, um diese Umwandlungen
effizienter zu gestalten.
142 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Es besteht Handlungsbedarf
Studie der Deutschen Hypo – NORD/LB Real Estate Finance
Shopping Center sind nicht nur von konjunkturellen
Herausforderungen, sondern auch stark
von strukturellen Veränderungen betroffen. Die
neue Studie der Deutschen Hypo – NORD/LB
Real Estate Finance untersucht, wie zukunftsfähig
der deutsche Shopping-Center-Markt ist und
zeigt Erfolgsfaktoren sowie Lösungsansätze auf.
Ergänzend wird die Entwicklung des Shopping-
Center-Marktes in verschiedenen Ländern Europas
betrachtet.
durch Repositionierung oder Umnutzung im Fokus.
„Eine erfolgsversprechende Strategie zur Stärkung
der Besucherfrequenzen in den Centern
und zur Verhinderung von Leerstand liegt in der
Anpassung an die Bedürfnisse der modernen Gesellschaft
nach Erlebnissen, Digitalisierung und
Nachhaltigkeit“, erläutert Ingo Martin, Leiter Real
Estate Finance Origination.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Ära
der Shopping Center zwar längst noch nicht vorbei
ist, jedoch großer Handlungsbedarf besteht.
Das Kundenverhalten hat sich in den vergangenen
Jahren massiv gewandelt.
Das Thema „Shopping“ steht nicht mehr allein im
Vordergrund, vielmehr werden Shopping-Center
immer häufiger gezielt zur Freizeitbeschäftigung
aufgesucht. Die ursprüngliche Funktion
von Shopping-Centern für den reinen Konsum
hat sich zu einem Konzept des „Mixed-Use“ verändert,
welche eine flexible Nutzung der Immobilien
beinhaltet.
„Gut positionierte, moderne Objekte werden
auch zukünftig ihre Mieter und Kunden finden.
Dies wiederum ermöglicht es den Einzelhändlern
stabile Umsätze zu generieren, während aus
Investorensicht auskömmliche Mieten erzielt
werden können,“ ergänzt Martin.
Center mit Modernisierungsbedarf wecken das
Interesse von Investoren mit einem Value-addoder
opportunistisch orientierten Anlageprofil.
So ergeben sich nach Jahren der Investorenzurückhaltung
für den Transaktionsmarkt für
Shopping-Center perspektivisch wieder Potenziale.
Besonders Shopping-Center, die über eine hohe
Leerstandsquote verfügen oder sich durch einen
wenig resilienten Branchenmix auszeichnen,
weisen einen erheblichen Investitionsbedarf auf.
Dies betrifft insbesondere Center mit klassischen,
vom Non-Food-Einzelhandel geprägten
Nutzungskonzepten.
Um zukunftsfähig zu sein, müssen sich Shopping
Center vom Konsumtempel hin zum Lifestyle-
Hub entwickeln. Vor dem Hintergrund eines
scheinbar weitgehend gesättigten Marktes steht
die Optimierung bestehender Shopping-Center
Eine wichtige Rolle bei der Zukunftsfähigkeit von
Shopping Centern spielen auch ESG-Faktoren,
wie z.B. die Reduktion von CO2-Emissionen im
Betrieb, die Steigerung der Energieeffizienz oder
die Unterstützung und Förderung lokaler Gemeinschaften
und Einzelhändler.
Dabei stellt die Berücksichtigung der regulatorischen
Vorgaben im Rahmen von ESG eine essenzielle
Herausforderung dar, wobei nachhaltiges
Handeln den Centern auch nachweisbar konkrete
ökonomische Vorteile bietet.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 143
Positive Synergieeffekte mit Potenzial
Report Mixed Use Immobilen von CBRE und Kintyre
Mixed-Use-Immobilien und urbane Quartiere
gewinnen zunehmend an Bedeutung und werden
immer mehr zu einer eigenen Assetklasse. Das
ist das Ergebnis eines gemeinsamen Reports des
globalen Immobiliendienstleisters CBRE und des
Investment-, Asset- und Developmentmanagers
Kintyre. Darin wurde untersucht, wie sich Stadtquartiere
als Marktprodukt entwickelt haben und
wie in diese investiert werden kann. Der gesamte
Report ist hier zu finden.
Aufbauend auf einer jüngst von CBRE veröffentlichten
Studie zu städtischen Quartieren (Link)
wurde im nun vorliegenden Report eine tiefergehende
Analyse von Objekten durchgeführt, die
wesentliche Merkmale eines Quartiers aufweisen,
da sich gezeigt hat, dass der Begriff Quartier
häufig aus Marketinggründen verwendet
wird, um die besondere Qualität eines Assets zu
unterstreichen und weniger der fundamentalen
Beschreibung einer eigenständige Assetklasse
dient. So wurde für diese Untersuchung eine
Größe der Objekte von mindestens 10.000 Quadratmetern
und ein Nutzungsmix, der mindestens
drei unterschiedliche Flächenarten umfasst, vorausgesetzt.
Da diese Objekte nur einen Teil der
vielfältigen möglichen Quartiersausprägungen
repräsentieren, werden diese als Mixed-Use-Objekte
bezeichnet.
„Trotz des schwierigeren Marktumfelds infolge
der Zinswende gehen wir fest davon aus, dass urbane
Quartiere und auch Mixed-Use-Immobilien
weiter an Bedeutung gewinnen werden, da sie für
Investoren zahlreiche Vorteile bieten. Durch die
Kombination verschiedener Nutzungsarten wie
Wohnen, Arbeiten, Handel und Gastronomie entstehen
zum einen positive Synergieeffekte, die zu
großen Wertsteigerungspotenzialen führen. Zum
anderen wird das individuelle Risiko spezifischer
Mietergruppen und Sektoren minimiert.“
Besonders institutionelle Investoren treten als
Käufer von Mixed-Use-Immobilien in Erscheinung.
Mit 29,1 Prozent machten 2021 offene Immobilienfonds
und Spezialfonds den größten
Anteil aus. Knapp dahinter folgen Asset- und
Fondsmanager (26,4 Prozent) sowie Versicherungen
und Pensionsfonds (26,2 Prozent).
Die Renditen von Mixed-Use-Immobilien liegen
überwiegend unter denen von monofunktionalen
Gebäuden und sind in den vergangenen Jahren
– analog zu monofunktionalen Immobilien – gesunken.
Unterschiede bei der Bruttorendite bei
Mixed-Use-Immobilien bestehen in Abhängigkeit
von der dominierenden Nutzungsart, bezogen
auf den relativen Flächenanteil innerhalb
des Objektes. „Die Renditen von Mixed-Use-
Immobilien entwickeln sich parallel zu denen
von monofunktionalen Immobilien. Deswegen
steigen die Renditen aktuell auch – bedingt vor
allem durch die stattfindende Zinswende. Trotz
der größeren Anforderungen an Investoren, die
vor allem durch den größeren Managementaufwand
entstehen, ist die Rendite angesichts der
eingepreisten zusätzlichen Sicherheit geringer“,
sagt Schwarze.
Der Report sieht nicht nur für Investoren große
Potenziale, sondern auch für Projektentwickler.
So benötigen beispielsweise mindestens 25 Prozent
der Einkaufszentren in Deutschland eine
Repositionierung oder Revitalisierung. Zudem
ist auch das Potenzial für neue Projekte groß.
Mit der Integration von sozialem Wohnraum lässt
sich dabei staatliche Unterstützung gewinnen
und außerdem die ESG-Komponente im Immobilienportfolio
stärken.
144 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Multi-Use-Objekte als Mikrostädte
„Managing the Mixed-Use ‘Micro-City’” (JLL)
Diese Studie von JLL befasst sich mit den Herausforderungen
und Chancen von Multi-Use-Entwicklungen,
die als „Mikrostädte“ fungieren. Ein
zentrales Konzept der Studie ist die Verbindung
von Wohnen, Arbeiten und Freizeit in einem einzigen
Gebäudekomplex, was sowohl für Konsumenten
als auch für Investoren attraktiv ist. Multi-Use-Entwicklungen
bieten vielfältige Vorteile,
da sie durch die Kombination unterschiedlicher
Einkommensquellen stabiler und resistenter
gegenüber wirtschaftlichen Schwankungen sind.
Die gemischte Nutzung bietet nicht nur Vorteile
für die Verbraucher, sondern erweist sich auch
als vorteilhaft für Entwickler und Investoren.
Annehmlichkeiten und verlangen einen 31 Prozent
höheren Mietaufschlag.
JLL betont, dass solche Projekte auch einen positiven
Einfluss auf die Umgebung haben können,
indem sie ungenutzte Flächen reaktivieren und
zu einem höheren Nutzungsgrad führen. Ein Beispiel
hierfür ist das Plaza Coral Gables in Florida,
das verschiedene Asset-Klassen wie Luxuswohnungen,
Büros, Einzelhandelsflächen und ein
Hotel in einem Komplex vereint. Solche Projekte
fördern nicht nur die lokale Wirtschaft, sondern
schaffen auch neue urbane Gemeinschaften, die
auf kurzen Wegen viele Lebensbedürfnisse abdecken.
In einem herausfordernden Mietmarkt können
solche Immobilien stabile Einkommensströme
generieren, da sie verschiedene Anlageklassen
kombinieren. Laut einer JLL-Studie aus 2022 erzielen
Büroimmobilien in gemischt genutzten
Umgebungen einen Mietaufschlag von 24 Prozent
und eine um 10,2 Prozent höhere Belegungsrate
als der Durchschnitt. Mehrfamilienhäuser profitieren
von der unmittelbaren Verfügbarkeit von
Ein weiteres Schlüsselelement dieser Studie ist
die Bedeutung der Technologie. Laut JLL spielt
die digitale Infrastruktur, insbesondere Wi-Fi
und mobile Konnektivität, eine entscheidende
Rolle in der erfolgreichen Umsetzung von Mixed-
Use-Projekten. Moderne Mixed-Use-Entwicklungen
nutzen oft Smart-Technologien, um den
Komfort der Bewohner und die Effizienz der Immobilie
zu maximieren.
Foto: Adobe Stock
Mixed-Use-Immobilien können wie eine Mikrostadt fungieren.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 145
Zunehmende Bedeutung in der Stadtplanung
IREBS und Midstad untersuchen Erfolg von Mixed-Use-Immobilien
In Zusammenarbeit mit der IREBS – International
Real Estate Business School an der Universität
Regensburg – hat der Full-Service-Real-Estate-Manager
Midstad den wirtschaftlichen Erfolg
von Mixed-Use-Immobilien aus der Perspektive
von Immobilieninvestoren untersucht.
Als Alternative zu monofunktionalen Innenstadt-
Immobilien, wie etwa großen Warenhäusern,
gelten Mixed-Use-Immobilien zunehmend als
probates Mittel zur notwendigen Transformation
der Innenstädte. Diese Immobilienkonzepte
zielen darauf ab, durch ihre vielseitige Nutzung
und das „Angebot der kurzen Wege“ Innenstädte
sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich
erfolgreich umzugestalten.
„Unser Ziel ist es, die Entwicklung und Umsetzung
von Mixed-Use-Konzepten sowohl im Interesse
der Investoren als auch der Nutzer zu
optimieren“, erklärt Dr. Kevin Meyer, Geschäftsführer
der Midstad Advisory GmbH. „Durch die
Analyse von Transaktionsdaten und städtischen
Dynamiken können wir die wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Immobilientypen
genau erfassen.“
In der ersten Studie wurde ein Fragmentierungsindex
für Mixed-Use-Immobilien entwickelt, um
den Grad der Nutzungsmischung präzise zu erfassen.
Dazu konnten folgende Zwischenergebnisse
erzielt werden:
Eine Analyse der Datenlage von 2015 bis 2024
zeigt eine Zunahme des Anteils gemischt genutzter
Gebäude am Markt. Besonders in den Segmenten
Wohn- und Geschäftshäuser sowie bei
Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebäuden ist
der Anteil gemischt genutzter Objekte gestiegen.
Es zeigt sich, dass es für Gebäude mit mehreren
Nutzungsarten keine Preisabschläge gibt.
Gleichzeitig wurde festgestellt, dass gemischt genutzte
Gebäude in der Wertentwicklung weniger
schwanken als Objekte, die durch eine Einzelnutzung
bestimmt werden.
Hohe Fragmentierung in zentralen Lagen: In
Bezirken wie Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf
wurde eine überdurchschnittlich hohe
Fragmentierung festgestellt, was auf eine enge
Mischung von Nutzungsarten hinweist.
Die Daten zeigen:
- Einen Anstieg der Anzahl gemischt genutzter
Gebäude am Transaktionsmarkt
- Eine differenzierte Betrachtung der Nutzungsarten
und deren Einfluss auf das Preisniveau,
wobei Synergiepotenziale zwischen Nutzungen
wie Wohnen und Gewerbe wie eine Versicherung
gegen Preisschwankungen wirken könnten
- Eine Zunahme gewerblicher Hauptnutzungen,
insbesondere bei größeren Transaktionen,
was wiederum die zunehmende Bedeutung von
Mixed-Use-Objekten in der Stadtplanung unterstreicht.
Im zweiten Teil der Studie wurden die Erkenntnisse
aus der Analyse der Transaktionsdaten auf
das Quartier übertragen. Ziel war es, die städtischen
Dynamiken und die Rolle von Mixed-Use-
Immobilien bei der Transformation der Innenstädte
zu untersuchen.
Die Ergebnisse dürften einen wichtigen Beitrag
zur Gestaltung der Zukunft von Innenstädten
leisten und eine nachhaltige Stadtentwicklung
fördern. Sie sind nicht nur für die Immobilienbranche,
sondern auch für städtische Planer und
politische Entscheidungsträger von großer Bedeutung.
„Mixed-Use-Gebäude können für Städte,
Investoren und Nutzer viele Vorteile entfalten.
Daher ist es wichtig, die Wirkungsmechanismen
besser zu verstehen. Bisher fehlen hierfür grundlegende
Daten. Diese Lücke gilt es zu schließen“,
erläutert Prof. Tobias Just (FRICS), wissenschaftlicher
Leiter der IREBS Immobilienakademie.
146 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Foto: Adobe Stock
In Großstädten leerstehende Büroräume in Wohnflächen umzuwandeln ist auch ein Thema der Nachhaltigkeit.
Bürogebäude bieten großes Potential
„Office to Residential Conversions” (Gensler)
Die Studie von Gensler untersucht die Möglichkeiten
und Herausforderungen bei der Umwandlung
leerstehender Bürogebäude in Wohnflächen.
Angesichts des Überangebots an Büroflächen in
vielen Großstädten stellt Gensler fest, dass nicht
alle Gebäude für eine solche Umnutzung geeignet
sind. Technische Einschränkungen wie Deckenhöhen
und fehlende Belichtungsmöglichkeiten
stellen oftmals eine große Hürde dar.
Dennoch betont die Studie, dass Bürogebäude
in gut angebundenen Lagen großes Potenzial
für eine Umnutzung in Wohnraum haben. Dies
gilt insbesondere für Stadtgebiete, in denen die
Nachfrage nach Wohnraum hoch ist und zusätzliche
Kapazitäten dringend benötigt werden.
Gensler empfiehlt eine sorgfältige Planung und
Umgestaltung der Grundrisse, um solche Projekte
erfolgreich umzusetzen.
Ein Schlüsselthema ist auch die Frage der Nachhaltigkeit.
Gensler argumentiert, dass die Umwandlung
bestehender Gebäude wesentlich
umweltschonender ist als Neubauten und daher
einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung des
ökologischen Fußabdrucks von Städten leisten
kann.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 147
Schlüssel zur nachhaltigen Stadtentwicklung
Quartiersentwicklungsstudie (Cushman & Wakefield und GERCH)
Eine aktuelle Studie des Immobilienberatungsunternehmens
Cushman & Wakefield in Zusammenarbeit
mit dem Projektentwickler GERCH
beleuchtet Erfolgsfaktoren moderner Quartiersprojekte,
die Zusammenarbeit mit Stakeholdern
und die städtebaulichen Perspektiven dieses
Segments. Quartiersentwicklungen sind längst
zentraler Bestandteil der nachhaltigen Stadtentwicklung.
Sie bieten Lösungen für die wachsende
Nachfrage in Ballungsgebieten und die Umnutzung
von Konversionsflächen.
Quartiere schaffen durch ihre vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten
– Wohnen, Arbeiten, Handel
und Freizeit – und soziale Interaktionsräume
zukunftsorientierte Stadtteile. Zwei wesentliche
Treiber für die verstärkte Entwicklung solcher
Areale sind der Siedlungsdruck in den Metropolregionen
sowie das vermehrte Angebot an
Konversionsgrundstücken, also Flächen, die aus
ehemaligen Industrienutzungen umgewandelt
werden.
Erfolgsfaktoren und langfristige Investitionsperspektiven
Laut der Studie sind klare Zielsetzungen, Risikodiversifizierung
und die Einhaltung von ESG-Kriterien
entscheidend für den Erfolg von Quartieren.
Obwohl Investoren heute angesichts gestiegener
Zinsen verstärkt auf Risikomanagement achten,
bleibt das Interesse an Quartieren stabil. Für institutionelle
Investoren, die Wert auf ESG-Konformität
legen, sind Quartiere besonders attraktiv, da
sie ökologische und soziale Aspekte vereinen und
langfristige Renditechancen bieten.
letzten fünf Jahren mit rund 2 Milliarden Euro
eine stabile Entwicklung und machte zwischen
3 und 6 Prozent des gesamten Marktes aus. Der
Vermietungsumsatz für Büroflächen in Quartieren
hat sich von 2013 bis 2022 signifikant erhöht
und über ein Drittel entfällt auf Berlin.
Praxisbeispiel: INquartier in Ingolstadt
Ein Vorzeigebeispiel für Quartiersentwicklung
ist das von GERCH entwickelte INquartier in Ingolstadt.
Das ehemals industriell genutzte Areal
wird zu einem zukunftsorientierten Quartier mit
über 250.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche
umgestaltet. ESG-Konformität spielt hier eine
entscheidende Rolle – der Fokus liegt auf einer
nachhaltigen Gestaltung und einer Mischung aus
Wohn-, Gewerbe- und Freizeiteinrichtungen.
Rund 70 Prozent der Fläche werden frei finanzierten
Wohnraum bieten, während 30 Prozent
auf geförderten Wohnungsbau entfallen.
Zukunftsperspektiven
„Das Potenzial der Quartiere ist noch längst
nicht ausgeschöpft,“ betont Helge Zahrnt, Head
of Research bei Cushman & Wakefield. Die Megatrends
Urbanisierung, ESG-Anforderungen
und die zunehmende Nachfrage nach sozial gemischten
Stadtteilen machen Quartiere für die
Immobilienbranche weiterhin attraktiv. Michael
Henn von GERCH unterstreicht: „Quartiersentwicklungen
bleiben eine Antwort auf den städtischen
Flächenmangel und werden auch zukünftig
große Bedeutung für die Immobilienbranche
haben.“
Marktentwicklung und Transaktionsvolumen
Das Transaktionsvolumen in Quartiersentwicklungen
der deutschen Top-7-Märkte zeigte in den
Quartiersentwicklungen erweisen sich somit als
Schlüsselprojekte der Stadtplanung und bieten
den Kommunen wie auch der Immobilienbranche
vielfältige Chancen.
148 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Digitale Innovationen nachhaltig integrieren
„Stadtquartiere. Die Assetklasse der Zukunft“ (bulwiengesa und Corestate)
In der Studie „Stadtquartiere – Die Assetklasse
der Zukunft“, die in Zusammenarbeit zwischen
dem Immobilien-Investmentmanager Corestate
und dem Analyseunternehmen bulwiengesa entstanden
ist, wird der deutsche Markt für Stadtquartiere
umfassend untersucht. Die Analyse
erfasst und kategorisiert alle modernen Stadtquartiere
mit Baubeginn zwischen 2009 und
2020, einschließlich der in Bau oder Planung befindlichen
Projekte. Insgesamt wurden 616 Stadtquartiere
identifiziert, die eine Marktgröße von
etwa 200 Milliarden Euro repräsentieren.
Die Studie führt eine systematische Gruppierung
in verschiedene Typen von Stadtquartieren
ein: klassische Stadtquartiere, Mega-Quartiere,
Kleinquartiere, kommerzielle und Wohnquartiere.
Diese Differenzierung ermöglicht es,
signifikante Unterschiede in der Verteilung der
Quartierstypen auf Makro-Ebene aufzuzeigen.
Mega-Quartiere und vertikale Quartiere sind
vor allem in den A-Märkten zu finden, während
Klein- und Wohnquartiere gleichmäßiger über
die deutschen Städte verteilt sind.
Die Studie definiert Stadtquartiere als innerstädtische
oder innenstadtnahen Räume mit hoher
baulicher Dichte, die durch eine Mischung aus
Wohnen, Büro und Gewerbe geprägt sind. Diese
Quartiere bieten eine positive Selbstidentität
und fußläufig erreichbare Nahversorgungsinfrastruktur.
Wohnen wird als zentrale Nutzungsart hervorgehoben,
ergänzt durch neue Wohnkonzepte wie
Micro- und Co-Living, die zusätzlichen Mehrwert
schaffen. Die Nutzungsmischung umfasst
auch soziale Infrastruktur, Verkehrsinfrastruktur,
kulturelle Einrichtungen sowie Freizeit- und
Erholungsangebote.
Die Studie betont die Bedeutung der sozialen
Struktur innerhalb eines Quartiers und wie diese
die Lebensqualität beeinflusst. Die Ansiedlung
von Handel und Gastronomie ist eng mit der Lage
des Quartiers verbunden und trägt zur Erreichung
des städtebaulichen Leitbildes der „Stadt
der kurzen Wege“ bei. Stadtquartiere werden als
ESG-gerechte Konzepte betrachtet, da sie häufig
auf Revitalisierungen und Nachverdichtungen
basieren. Die Nutzungsmischung hat sich
in Zeiten von COVID-19 als erfolgreiches Modell
erwiesen, da sie Versorgung, Soziales und Arbeit
auf engem Raum vereint.
Die Entwicklung von Stadtquartieren wird durch
politische und städtebauliche Leitbilder sowie
durch die Anforderungen der Nutzer und das
Anlageprofil von Investoren begünstigt. Megatrends,
die die Gesellschaft prägen, beeinflussen
ebenfalls die Planung und den Bau von Städten.
Stadtquartiere bieten Investoren die Möglichkeit
zur Risikostreuung durch Diversifikation der
Nutzungen, was sie attraktiver macht als monofunktionale
Objekte.
Die Studie thematisiert den demografischen
Wandel in Deutschland und die Notwendigkeit,
den Bedürfnissen älterer Bevölkerungen bei der
Quartiersentwicklung Rechnung zu tragen, beispielsweise
durch barrierefreie Wohnkonzepte.
Die Studie unterscheidet zwischen verschiedenen
Größenkategorien von Stadtquartieren, wobei
klassische Stadtquartiere zwischen 20.000
m² und 400.000 m² Bruttogeschossfläche liegen.
Mega-Quartiere sind größer als 400.000 m²,
während Kleinquartiere bis 20.000 m² umfassen.
Vertikale Quartiere stellen in Deutschland eine
Ausnahme dar, da sie planerisch oft schwer umsetzbar
sind. Dennoch zeigt die Nachfrage nach
gemischt genutzten Türmen, dass sich die Projektpipeline
in diesem Bereich erhöht.
Insgesamt bietet die Studie von Corestate und
bulwiengesa Einblicke in die Entwicklung und
Bedeutung von Stadtquartieren als zukunftsträchtige
Assetklasse im deutschen Immobilienmarkt.
Die Ergebnisse unterstreichen die
Notwendigkeit einer integrierten Planung, die
sowohl soziale als auch wirtschaftliche Aspekte
berücksichtigt, um lebenswerte und nachhaltige
urbane Räume zu schaffen.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 149
Foto: Adobe Stock
Den Bewohnern sollten öffentliche und gemeinschaftliche Räume offen stehen.
Gemeinschaftliche Räume sind gefragt
„The Complexity of Urban Waterfront Redevelopment” (NYU)
Obwohl die Studie von NYU aus dem Jahr 2012
stammt, bietet sie wertvolle Erkenntnisse für
die Umwandlung von Einzelhandelsflächen, insbesondere
in ehemaligen Industrie- oder Hafengebieten.
Die Studie analysiert, wie ehemals
monofunktionale Flächen, die ursprünglich für
industrielle Zwecke genutzt wurden, in moderne
Mixed-Use-Komplexe umgewandelt werden
können, die Wohnen, Arbeiten und Freizeit auf
attraktive Weise verbinden. Besonders hervorzuheben
ist die Bedeutung von öffentlichem Raum
in solchen Projekten. NYU betont, dass gemischt
genutzte Flächen erfolgreich sind, wenn sie den
Bewohnern und Nutzern nicht nur private, sondern
auch öffentliche und gemeinschaftliche
Räume bieten. In Wasserlagen werden oft Parks,
Promenaden und Freizeitflächen integriert, die
den gesamten Wert und die Attraktivität des Gebiets
steigern. Die Studie hebt auch die technischen
und rechtlichen Herausforderungen
solcher Umnutzungen hervor, da häufig alte Infrastruktur
erneuert wird.
150 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Wann sich eine Umnutzung lohnt
„Transformation der Innenstädte” (PwC)
Die neue PwC-Studie „Transformation der Innenstädte“
analysiert die Wirtschaftlichkeit ehemaliger
Warenhäuser in Deutschland, wenn diese
in Mixed-Use-Objekte umgebaut werden sollen.
Ein wichtiges Ergebnis: Entscheidend für die
spätere Rentabilität sowie den Werterhalt der
Immobilie ist die Größe der Stadt: In guten Lagen
von A- und B-Städten lassen sich ehemalige
Warenhäuser nach der Umnutzung profitabel bewirtschaften.
Das liegt vor allem an den erzielbaren
Mieten. Diese sind weitaus höher als in kleineren
Städten (C- und D-Städte).
Ausgewertet wurden die Daten von 37 Kaufhäusern,
die zwischen Juni 2023 und Januar 2024 geschlossen
wurden. Die meisten befinden sich im
Westen und Süden Deutschlands. Zur Abschätzung
der Wirtschaftlichkeit von baulichen Maßnahmen
zur Umnutzung setzt die Studie das sogenannte
Residualwertverfahren ein. Dabei wird
der Wert der Immobilie nach ihrem Umbau mit
den dazu erforderlichen Umbaukosten abgeglichen.
Daraus lässt sich ableiten, ob die Investitionen
in eine Umnutzung sinnvoll sind.
In die Berechnung flossen verschiedene Standortdaten
ein wie beispielsweise die Einwohnerzahl,
der Bodenrichtwert sowie die durchschnittlichen
Umbaukosten, die in das ehemalige Warenhaus
fließen müssen, um das Gebäude marktfähig
zu machen. Diese liegen in Ballungsräumen im
Schnitt bei 3.000 Euro pro Quadratmeter; in kleineren
Städten bei 2.000 Euro pro Quadratmeter.
Die nötigen baulichen Eingriffe betreffen zumeist
die Tragwerkstruktur. Darüber hinaus sind unter
anderem Anpassungen der Grundrisse und des
Brandschutzes nötig. Oft müssen zusätzliche
Aufzüge und Treppenhäuser eingebaut und die
gesamte Haustechnik erneuert werden. Je nach
Gebäudetyp und Baujahr ist es eine große Herausforderung,
natürliches Licht ins Gebäudeinnere
zu lenken.
Manche Objekte stehen zudem unter Denkmalschutz,
was einen Umbau zusätzlich verkompliziert.
Die mittlerweile große Erfahrung bei der Umnutzung
von Kaufhäusern zeigt, dass eine anschließende
Mischung aus Einzelhandel, Büro,
Wohnen, Gastronomie, Hotel beziehungsweise
Seniorenwohnen sinnvoll sind. So lässt sich am
ehesten ein lebendiges und vielfältiges innerstädtisches
Quartier mit einer positiven Ausstrahlung
in die Nachbarschaft schaffen.
Zentral für die Wirtschaftlichkeit und Werthaltigkeit
einer Umnutzung sind die erzielbaren Mieten:
Wird nach der baulichen Veränderung ein
Teil der Flächen von einem Gastronomiebetrieb
genutzt, liegt in A-Städten die durchschnittliche
Miete bei 34 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche.
In einer C-Stadt beläuft sie sich im Schnitt auf
lediglich 22 Euro pro Quadratmeter. Bei Wohnungen
liegt sie in A-Städten bei 26 Euro und in
C-Städten bei 16 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.
Auch bei anderen Nutzungsarten wie
Büro, Einzelhandel und Seniorenwohnen liegt
die Differenz der erzielbaren Mieten im Vergleich
von A- zu C-Städten in einer ähnlichen Größenordnung.
In D-Städten liegen erwartbaren Mieten
nochmals niedriger.
In vielen Mittelstädten zeigt sich hingegen ein
Dilemma: Einerseits spielen (ehemalige) Warenhäuser
oft eine wichtige Rolle in den Einkaufsstraßen.
Sie prägen das Stadtbild und sind Ankerpunkte
für Einzelhandel und Gastronomie.
Andererseits rechnen sich an diesen Standorten
kaum aufwändige Umbauten zu mischgenutzten
Objekten.
Häufig bündeln die Gebäude zudem einen großen
Teil der gesamten innerstädtischen Verkaufsfläche.
Werden sie aufgegeben, sinkt auch
die Kundenfrequenz in den angrenzenden Läden,
Restaurants und Cafés. Das kann eine Negativspirale
in Gang setzen.
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 151
Einkaufsmöglichkeiten sind gefragt
„On the way to create green cities“ (DC Developments)
Eine Studie von DC Developments zeigt, dass
rund 60 Prozent der Befragten mit ihrer Wohnsituation
zufrieden sind. Gleichzeitig sind 15 Prozent
bereit, mehr Geld für einen effizienteren
Grundriss auszugeben. Das Thema Sharing von
Wohnflächen gewinnt zunehmend an Bedeutung:
40 Prozent der Teilnehmer wünschen sich die
Möglichkeit, eine Dachterrasse zu ihrer Wohnung
hinzuzufügen, was den Wunsch nach mehr Grün
und privaten Rückzugsorten in städtischen Gebieten
widerspiegelt.
Bei der Wohnungssuche legen 60 Prozent der Befragten
Wert auf die Warmmiete, während nur
17 Prozent die Kaltmiete priorisieren. Einkaufsmöglichkeiten
sind für 54 Prozent der Befragten
entscheidend für eine attraktive Stadt, gefolgt
von Grünanlagen und einem gut ausgebauten öffentlichen
Nahverkehr. Die Bedeutung der Gastronomie
hingegen nimmt ab. Diese und weitere
Aspekte untersucht die Quartierstudie 2024,
die in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut
Civey durchgeführt wurde und
10.000 Menschen in Deutschland befragte.
Die Studie zeigt, dass 58,9 Prozent der Befragten
mit ihrer Wohnsituation zufrieden sind, jedoch
der Wunsch nach einem effizienteren Grundriss
bei gleicher Fläche mit 14,5 Prozent besonders
ausgeprägt ist, insbesondere bei der Altersgruppe
der 30- bis 39-Jährigen. Frankfurt (20,8 Prozent),
Hamburg (18,2 Prozent) und Düsseldorf
(17,9 Prozent) führen hier das Ranking an. Familien
mit Kindern, die mehr Wohnfläche benötigen,
sind ebenfalls bereit, dafür mehr zu zahlen
– 6,7 Prozent zeigen diese Bereitschaft, wobei in
Ostdeutschland 4,1 Prozent und im Westen 7,4
Prozent angeben, mehr für zusätzlichen Raum
auszugeben.
Lothar Schubert, Geschäftsführer von DC Developments,
betont, dass die Zufriedenheit der
Befragten auch eine Reaktion auf die Wohnungsnot
in den Städten ist. Viele Menschen scheuen
sich, umzuziehen, da sie die steigenden Kosten
fürchten. „Auch wenn der überwiegende Teil zufrieden
ist, dürfen wir uns darauf nicht ausruhen.
Die Menschen wissen, dass es bei einem Umzug
schlichtweg teurer wird. Deswegen können und
wollen sich viele nicht mehr wohnlich verändern“,
erklärt Schubert.
Bei der Frage nach den Bedingungen für eine attraktive
Stadt sind sich die Befragten unabhängig
von ihrer Kaufkraft einig: 54,3 Prozent wünschen
sich Einkaufsmöglichkeiten. Der Wunsch danach
ist bei älteren Menschen ausgeprägter (61,3 Prozent)
als bei den 18- bis 29-Jährigen (46,7 Prozent),
die vermehrt auf Onlineshopping setzen.
Schubert hebt hervor, dass der stationäre Handel
trotz der Zunahme des Onlineshoppings ein unverzichtbarer
Kanal bleibt.
„In einer Zeit, in der die Menschen aufgrund
vieler aktueller Krisen erschöpft sind, müssen
die Quartiere einen attraktiven Mix aus Angeboten
bieten, der die Identifikation mit Stadtteilen
stärkt“, so Schubert.
Wichtig sind den Menschen kurze Wege zu Geschäften
und Einrichtungen. Dies wird durch die
zweite Quartierstudie aus dem Jahr 2021 untermauert.
Für 45,8 Prozent der Befragten sind
Grünflächen ein Muss, wobei der Wunsch bei
den 18- bis 29-Jährigen mit 36,8 Prozent geringer
ausgeprägt ist. Bei der Altersgruppe ab 40 Jahren
zeigt sich eine deutlich stärkere Ausprägung.
Dicht gefolgt auf Platz drei ist ein gut ausgebauter
öffentlicher Nahverkehr, der für 44,2 Prozent der
Befragten wichtig ist.
Die Studienergebnisse zeigen, dass Quartiere in
bestimmten Bereichen wie gut funktionierende
Dörfer gestaltet werden sollten, um den wachsenden
Wunsch nach Nachbarschaft zu erfüllen.
152 AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN
Durch Umnutzung Wohnraum schaffen
Empirica-Studie im Auftrag des ZIA
Angesichts der Zuspitzung des Wohnungsmangels
in Deutschland hat die Immobilienwirtschaft
die Chancen einer möglichen Umwandlung von
Kaufhäusern in Wohnraum wissenschaftlich
untersuchen lassen. Der ZIA hat bei empirica
ein Gutachten in Auftrag gegeben. Schlüsselfrage
der Studie unter Leitung von Prof. Dr. Harald
Simons: „Welchen Beitrag könnte die Umnutzung
von Warenhäusern zu Wohnraum leisten?“ Tenor:
Es gibt Fälle, in denen Wohnen als Nachnutzung
realisiert wurde, die Anzahl der Wohnungen, die
so geschaffen werden können, ist aber äußerst
begrenzt. Insgesamt sollte die Schubwirkung
nicht überbewertet werden.
„Die Vorstellung, dass Kaufhäuser, über deren
Nachnutzung sich Entscheider vielerorts den
Kopf zerbrechen, bald im großen Stil zu Wohnungen
umgemodelt werden, ist reizvoll, leider aber
oft zu schön, um wahr zu sein“, kommentiert ZIA-
Vizepräsidentin Iris Schöberl die Studie. „Angesichts
der riesigen Zahl von 720.000 Wohnungen,
die bis 2025 fehlen, ist der mögliche Beitrag einer
Umnutzung von Kaufhäusern überschaubar.“
Hier große Mengen Geldes zu investieren, um
Wohnungsmangel zu mildern, verspricht aus
Sicht des ZIA zahlenmäßig nur einen geringen
Effekt, wäre also deutlich ineffizienter als Wohnungsneubau.
Allenfalls andere Gründe, wie der
Erhalt stadtbildprägender Fassaden oder das
Bewahren der in den Gebäuden gebundenen
„grauen Energie“, könnten für den Erhalt und die
Nachnutzung der Kaufhäuser sprechen.
Eine wirtschaftliche Nachnutzung aber wird oft
durch hohe Planungshürden unnötig gehemmt.
„Die könnten durch bessere Abstimmungsprozesse
verringert werden“, erklärt ZIA-Vizepräsidentin
Iris Schöberl. Es gehe bei der künftigen
Nutzung von Warenhäusern schließlich auch „um
die wichtige Frage einer dynamischen Innenstadtpolitik“.
Simons und Thomas Abraham halten angesichts
ihrer Fallbeispiele fest, „dass die meisten Kommunen
offen gegenüber einer Wohnnutzung in
den ehemaligen Kaufhäusern sind“. Nur: „Aufgrund
der Lage zumeist im Kerngebiet wird es
jedoch nicht möglich sein, ein ehemaliges Kaufhaus
vollständig zu einer Wohnimmobilie umzunutzen.“
Analyse-Ergebnisse der empirica-Studie:
- Die Wohnnutzung spielt bisher bei der Nachnutzung
von Warenhäusern nur eine sehr kleine
Rolle, weil dies extrem aufwendig und teuer ist.
Kostentreiber sind beispielsweise in großen Gebäuden
ausreichend Tageslicht und Belüftung.
- Verteuert wird der Umbau dieser Immobilien
durch lange Umplanungs- und Genehmigungszeiten
plus eine übermäßige Regelungsdichte, da
der Bestandsschutz mit der Umwandlung in eine
andere Nutzung erlischt und zum Beispiel viele
Immobilien mit Auflagen des Denkmalschutzes
belegt sind.
- Bisher wurden viele dieser Immobilien nicht
nur einer neuen Nutzung zugeführt, sondern
sind heute so genannte Mixed-Use Immobilien.
In einigen Fällen wurden auch Wohnungen realisiert.
- Umbau ist vor allem dann möglich, wenn Städte
gemeinsam mit der Immobilienwirtschaft solche
Projekte partnerschaftlich vorantreiben.
Nach empirica-Recherchen wurden seit Ende der
1990er Jahre in Deutschland 131 Warenhäuser der
Ketten Karstadt, Hertie, Kaufhof, Horten, Galeria
geschlossen. 87 Prozent (114) sind eigenständige
Gebäude, 13 Prozent Teil von Einkaufszentren.
Die meisten „nachgenutzten“ Kaufhäuser lie-
AUSWAHL BEDEUTENDER STUDIEN UND ANALYSEN 153
Foto: Adobe Stock
Wenn solche Kaufhausimmobilien leer stehen, müssen sich die Kommunen kümmern.
gen auf Grundstücken, die planungsrechtlich als
Kerngebiet festgelegt sind. Eine gute, attraktive
„Lauflage“ ist eminent wichtig für die Innenstädte,
betonen Prof. Simons und Thomas Abraham.
Die Empfehlung: „Hier sollten Kommunen auch
offen sein gegenüber der Anforderung an Frequenznutzungen
im Erdgeschoss und diese nicht
ausschließlich an Einzelhandel koppeln.“ Vorstellbar
seien etwa kulturelle, gastronomische
oder Nutzungen zu Bildungszwecken. „Hier sind
auch in der Zusammenarbeit von Kommunen
und Eigentümern und Projektentwicklern gute
Ideen zu entwickeln“, heißt es in der Studie.
Der Experten-Rat von empirica: Die Kommunen
sollten das Ziel, zukünftig Wohnen in leerfallenden
Kaufhausimmobilien zuzulassen, aktiv vorantreiben
– und auch in den Planverfahren deutlich
machen. Hintergrund: Bis 2025 fehlen laut
ZIA 720.000, bis 2027 sogar 830.000 Wohnungen.
Kurzstatements
Nachstehend finden Sie Aussagen von Persönlichkeiten aus den Bereichen
Bundespolitik, Städtebau und Handelsimmobilienwirtschaft.
156 KURZSTATEMENTS
Die Multi-Use-Immobilie ist die Königsdisziplin
der Standortentwicklung
Stefan Genth
Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland
Foto: Hoffotografen
Stefan Genth
Der derzeitige Transformationsprozess
im Handel hat weitreichende
Auswirkungen auf
die Handelsimmobilie. Der seit
Jahre diagnostizierte Flächenüberhang
wird in der Fläche
sichtbar, so dass die Lagegunst
und Güte des Verkaufsraumes
an Stellenwert gewinnen. Zudem
haben die Mietpreisanpassungen
Auswirkungen auf die
Rentabilität der Handelsimmobilien.
Die politische Rahmengebung
sowie die besonderen
Anforderungen von neuen Non-
Retail-Mietern erschweren zudem
die Projektentwicklung.
Dabei ist und bleibt der Handel
der beste Mieter. Daher freuen
wir uns auf neue Mitpartnerschaften
in einem spannenden
Umfeld mit neuen Nachbarn in
Multi-Use-Immobilien.
KURZSTATEMENTS 157
Aus Warenhäusern können neue Zentren werden
Iris Schöberl
Präsidentin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA)
Foto: CT Real Estate Partners)
Wenn ich wir vor Wohnen, zehn Jahren Büro, den Einzelhandel
Mixed-Use und auf Gastronomie einer Bran-
Begrifchenveranstaltung
zusammenbringen,
den können Mund
genommen aus klassischen hätte, wäre Warenhäusern
der neue Bühne Zentren gejagt für worden. Ein-
ich wohl
von
Doch kaufen Mischnutzung und soziale ist das Begegnung
der werden. Stunde: Handel, Wohnen,
Thema
Büro, Fitness, Dienstleistungen –
alles unter einem Dach, mit möglichst
viel Kopplungseffekten.
Iris Schöberl
158 KURZSTATEMENTS
Multi-Use sorgt für positive Synergieeffekte
Prof. Dr. Alexander von Erdély
Vorstandssprecher der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, davor CEO von CBRE in Deutschland
Foto: BImA
Trotz des schwierigeren
Marktumfelds werden urbane
Quartiere und auch Multi-Use-Immobilien
weiter an
Bedeutung gewinnen werden,
da sie für Investoren zahlreiche
Vorteile bieten. Durch die
Kombination verschiedener
Nutzungsarten wie Wohnen,
Arbeiten, Handel und Gastronomie
entstehen positive Synergieeffekte,
die zu großen
Wertsteigerungspotenzialen
führen, und das individuelle
Risiko spezifischer Mietergruppen
und Sektoren wird
minimiert.
Prof. Dr. Alexander von Erdély
KURZSTATEMENTS 159
Mischnutzung ist das Thema der Stunde
Dr. Johannes Berentzen
Geschäftsführender Gesellschafter BBE Handelsberatung
Foto:BBE
Wenn ich vor zehn Jahren den Begriff
Mixed-Use auf einer Branchenveranstaltung
in den Mund
genommen hätte, wäre ich wohl
von der Bühne gejagt worden.
Doch Mischnutzung ist das Thema
der Stunde: Handel, Wohnen,
Büro, Fitness, Dienstleistungen –
alles unter einem Dach, mit möglichst
viel Kopplungseffekten.
Dr. Johannes Berentzen
160 KURZSTATEMENTS
Die Herausforderungen gemeinsam angehen
Dr. Markus Wiedenmann
Geschäftsführer Art-Invest (Köln) und Chairman Urban Land Institute (ULI)
Foto: Art-Invest
Die Immobilienbranche trägt
eine große Verantwortung
für unsere Städte und unser
Zusammenleben, Nie war es
wichtiger, die Herausforderungen
unserer Zeit gemeinsam
anzugehen: Nur wenn
Kräfte gebündelt, Erfahrungen
ausgetauscht und der
Dialog zwischen privater Immobilienwirtschaft
und öffentlicher
Hand forciert wird,
können wir unsere Städte
nachhaltig und resilient gestalten.
Dr. Markus Wiedenmann
KURZSTATEMENTS 161
Offen für Zwischennutzungen
Michael Maas
Architekturbüro, Maas & Partner
Foto: Maas & Partner
Alle Städte, die sich nach Schließung
eines großen Warenhauses
offen für Zwischennutzungen zeigen,
werden Gewinner sein. Jene,
die erst einmal bauplanungsrechtliche
Restriktionen verhängen,
um in Ruhe nachzudenken,
werden verlieren. Letztere laufen
sogar Gefahr, dass sich der Leerstand
um ein Warenhaus wie ein
Flächenbrand in der Innenstadt
ausbreiten wird.
Michael Maas
162 KURZSTATEMENTS
Quartiere und der sozio-kulturelle Faktor
Julia Rahner
Managing Director Apleona Real Estate GmbH
Foto: Apleona
Julia Rahner
In der Vielfalt liegt Stärke. Doch
obwohl sich dieser Grundsatz
leicht sagen lässt, wurde er bei
der Planung alter und neuer
Quartiere oft vernachlässigt.
Der stationäre Einzelhandel
kann besonders profitieren,
wenn das Umfeld möglichst
viele Menschen anspricht und
anzieht. Arbeiten, Wohnen,
Kultur, Bildung und Handel bereichern
sich gegenseitig und
schaffen lebendige, vielseitige
Stadträume. Was in gewachsenen
Strukturen organisch
funktioniert, sollte in neuen
Quartieren und neu gestalteten
Bestandsgebieten gezielt und
ganzheitlich geplant werden.
Denn neben baulichen und
wirtschaftlichen Aspekten sind
es vor allem die sozialen, kulturellen
und damit auch emotional
geprägten Qualitäten, die
den Erfolg eines Quartiers ausmachen.
KURZSTATEMENTS 163
Ein lebendiges vielfältiges Quartier schaffen
Benjamin Schrödl
Partner im Bereich M&A bei PwC Germany
Foto: PwC Germany
Die mittlerweile große Erfahrung
bei der Umnutzung von
Kaufhäusern zeigt, dass eine
anschließende Mischung aus
Einzelhandel, Büro, Wohnen,
Gastronomie, Hotel beziehungsweise
Seniorenwohnen
sinnvoll sind. So lässt sich am
ehesten ein lebendiges und
vielfältiges innerstädtisches
Quartier mit einer positiven
Ausstrahlung in die Nachbarschaft
schaffen.
Benjamin Schrödl
164 KURZSTATEMENTS
Überschaubarkeit, Geborgenheit, soziale Beziehungen
Iris Mann
Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Soziales der Stadt Ulm
Foto: Stadt Ulm// Stephanie Duong
Wenn Städte als Zentren des
gesellschaftlichen Zusammenhalts
funktionieren sollen,
brauchen sie Quartiere,
die das menschliche Bedürfnis
nach Überschaubarkeit,
Geborgenheit und sozialen
Beziehungen befriedigen.
Das ist eine zentrale Voraussetzung
für die Resilienz und
Zukunftsfähigkeit unserer
Gesellschaft.
Iris Mann
KURZSTATEMENTS 165
Wie ein gut funktionierendes Dorf
Lothar Schubert
Geschäftsführer DC Development
Foto:DC Development
Schon unsere Studie aus dem Jahr
2021 hat gezeigt, wie wichtig den
Menschen ein Gemeinschaftsgefühl,
ein funktionierendes Netzwerk
ist. Sicherlich ist das auch
ein Symptom der Post-Corona
Zeit, das auch bleiben wird. Wir
haben gelernt, wie wichtig Gemeinschaft
für unser Sicherheitsgefühl
sein kann.
Genauso wächst mit zunehmender
Versingelung der Wunsch
nach mehr Nachbarschaft. Mit
modernen Wohnungsbaukonzepten
und der Schaffung von
geeigneter Infrastruktur können
wir diese Entwicklung unterstützen.
Hier zeigt sich auch unsere
These, dass ein Quartier in bestimmten
Bereichen wie ein gut
funktionierendes Dorf aufgestellt
sein muss.
Lothar Schubert
166 KURZSTATEMENTS
Der Grundstein für gesellschaftliche Teilhabe
Jürgen Odszuck
Erster Bürgermeister der Stadt Heidelberg
Foto:Stadt Heidelberg
Die Quartiere sind der Schlüssel
für eine gelingende Stadtentwicklung.
Durch die Gestaltung
der Quartiere wird der Grundstein
für Nachbarschaft, Integration
und gesellschaftliche
Teilhabe gelegt. Gemeinsam mit
den Menschen vor Ort können
wir die Quartiere in die Zukunft
entwickeln und die Herausforderungen
besser meistern.
Jürgen Odszuck
Best Practice
170 BEST PRACTICE
Rhein-Ruhr Zentrum avanciert zum
ersten deutschen Shopping Resort
Eines der bedeutendsten und zugleich ältesten Shopping Center in NRW, das
Rhein-Ruhr Zentrum in Mülheim, wandelt sich zu einer Shopping- und Freizeit
Destination, präziser gesagt zu einem sogenannten „Shopping Resort“, dem
ersten seiner Art in ganz Deutschland.
Eurofund und Signal Capital investieren rund 180 Millionen
Möglich wurde die Neukonzeptionierung durch einen Eigentümerwechsel.
Die Immobilieninvestment- und Entwicklungsgesellschaft
Eurofund Group und das Londoner
Private-Equity-Unternehmen Signal Capital Partners haben
im Juli 2023 den Kaufvertrag für das 200.000 Quadratmeter
große Areal unterzeichnet und werden insgesamt 180 Millionen
Euro in das RRZ investieren.
Das Rhein-Ruhr Zentrum liegt in einem der größten Ballungsräume
Deutschlands, der Rhein-Ruhr-Region, mit
knapp 12 Millionen Einwohnern hat es damit ein beachtliches
Einzugsgebiet. Zudem ist das Zentrum wie kaum ein
anderes in das Gemeinwesen integriert und stellt einen
emotionalen Bezugspunkt für die Bevölkerung dar.
Shopping Resort-Konzept erstmals in Spanien umgesetzt
Das Konzept „Shopping Resort“, das Eurofund verfolgt,
wurde erstmals 2012 im Puerto Venecia Zaragoza (Spanien)
umgesetzt. Als zweites Center folgte das UBBO in Lissabon
(Portugal). Mit dem Erwerb des RRZ an der Stadtgren-
Foto: Adventica credit PR
Der Freizeitanbieter Adventica wird im Rhein-Ruhr Zentrum erstmals in Deutschland zu erleben sein.
BEST PRACTICE 171
Foto: EUROFUND
Ein völlg neues Raumgefühl dominiert die zukünftige Innenarchitektur des RRZ.
ze Mülheim/Essen tritt das Unternehmen erstmals in den
deutschen Markt ein. Die Vision: Gäste sollen im Center
nicht nur einkaufen, sondern auch alltägliche Erledigungen
machen und viel Freizeit verbringen. „Unsere Umbauarbeiten
haben das Ziel, dass die Menschen jeden Tag einen
Grund haben werden, das Center zu besuchen“, erklärt Olaf
Ley, Director Business Development Eurofund Group.
Um das greifbarer zu machen, nennt er als Beispiel die häufige
Frühstücksfrage am Küchentisch einer Familie zum Start
ins Wochenende, die da lautet „Was machen wir heute?“ Im
Idealfall, so der Manager, fahren aus unserem Blickwinkel
alle gemeinsam zum Center, um dort den Tag zu gestalten.
Neues Raumgefühl nach südeuropäischem Vorbild
Natürlich ist klar, dass das im Ausland bereits bewährte Modell
„Shopping Resort“ erst einmal an deutsche Gegebenheiten
angepasst werden muss. Einige zentrale Elemente
aus Portugal und Spanien sollen übertragen werden. Zum
Beispiel die Innenarchitektur mit auffällig hohen Decken
oder Doppelfassaden bei den Ladeneingängen, auf denen
sich die Mieter mit ihren Marken eindrucksvoll präsentieren
können. Für das Mülheimer Center gilt: In den meisten Bereichen
werden die Decken entfernt und dafür Holzpaneele
angebracht. Das erklärte Ziel: Ein ganz anderes Raumgefühl
– luftig und großzügig. Zum neuen großen Mittelpunkt soll
die jetzige Food Lounge avancieren, wo sich auch das Kino
befindet.
Umbau wird in drei Phasen erfolgen
Der Umbau des Rhein-Ruhr Zentrums ist in drei Phasen
unterteilt. Als erstes steht die Neugestaltung der Einkaufspassage
und des Gastronomiebereichs auf dem Programm.
Die sanitären Anlagen sollen modernisiert und optimiert
werden. Erste Abbrucharbeiten sind zum Jahresstart 2025
am westlichen Eingang des Centers geplant, wo dann der
172 BEST PRACTICE
Foto: PRMcFIT
Eindrucksvoller architektonischer Auftritt: Die Fitnesskette McFIT hat den Mietvertrag um elf Jahre verlängert.
grundlegende Umbau beginnt. Die Fitnesskette McFit expandiert
und modernisiert hier seine Flächen – sie hat erst
im August 2024 ihren Mietvertrag im RRZ um elf Jahre verlängert.
Ähnliches gilt für den Ankermieter CinemaxX, der
seinen Leasingvertrag bereits im September 2023 um sogar
weitere 15 Jahre fortschreiben ließ. Die Zufahrten zu den
Parkbereichen und die Parkbereiche selbst sollen modernisiert
werden, ein Supermarkt und ein weiterer Discounter
hinzu kommen. Zudem hat das RRZ bereits einen neuen
Ankermieter an Bord geholt: den Freizeitanbieter Adventica.
Die Eröffnung seines ersten deutschen Standortes ist
für das zweite Quartal 2025 geplant. Für das Center bildet
Adventica mit seinen 3000 Quadratmetern angemieteter
Fläche eine ideale Ergänzung des Unterhaltungs- und Freizeitangebotes,
das neuer Schwerpunkt des Rhein-Ruhr
Zentrums werden soll.
Adventica harmoniert perfekt mit dem nicht nur bei Mülheimer
Familien beliebten Euro Eddy. Mit Trampoline,
Elektroautos und Kletterparcours wird hier eine jüngere
Zielgruppe. angesprochen .
In der zweiten Phase werden die großzügigen Flächen auf
dem Dach des Einkaufszentrums, die heutigen Parkdecks,
in den Mittelpunkt gestellt. In einem dritten und letzten
Bauabschnitt will Eurofund schließlich auch das Umfeld des
Centers optimieren. Mit der Umsetzung dieser Elemente
möchten die Macher, das gut geführte RRZ, auf das nächste
Level heben und das erste integrierte Shopping Resort in
Deutschland schaffen.
174 BEST PRACTICE
Riesiges neues Quartier
in München-Freiham:
Das ZAM hat (fast) fertig!
Das Stadtquartier ZAM in München-Freiham ist Teil einer der aktuell größten Projektentwicklungen
Europas. Inzwischen sind mehrere Bauteile bereits fertiggestellt, annähernd alle Gewerbe, Handelsund
Gastroflächen in Betrieb. Unter den Ankermietern befinden sich die in ihren Segmenten marktführenden
Unternehmen Deichmann, Smyths Toys Superstores, TK Maxx und Woolworth.
Am Anfang stand eine Vision von Dr. Alexander Rosa-Alscher:
„Ein zukunftsweisendes, unverwechselbares Stadtteilzentrum
mit hohem architektonischen und ökologischen
Anspruch soll den urbanen Raum mit vielfältigen
Lebens- und Erlebniswerten für alle Anwohner und Besucher
aufwerten“. Daraufhin folgte für das gesamte Projektentwicklungsteam
der ROSA-ALSCHER Group ein besonders
intensiver und arbeitsreicher Zeitraum: Vielfältigste,
innovative Ideen wurde identifiziert, erörtert, evaluiert und
letztlich zu einem synergetischen Gesamtkonzept vereinigt.
Die Ausarbeitung eines detaillierten Planungsentwurfs erfolgte
in enger Zusammenarbeit mit den Architekten von
STÖRMER MURPHY AND PARTNERS, der infolge vollumfänglicher
Erfüllung der Anforderungen der Landeshauptstadt
München umgehend genehmigt wurde. Letztlich hat
das Konzept durch die Kooperation mit dem Projektpartner
Visualisierungen: moka-studio
In den Erdgeschossen erwartet die Besucherinnen und Besucher ein breitgestreutes Einkaufsangebot.
BEST PRACTICE 175
Visualisierungen: moka-studio
In den oberen Etagen gibt es modern gestaltete Flächen für Wohnungen und Büros.
VONOVIA und den Einsatz des Bauunternehmens KÖSTER
sowie der ARGE Gustav Epple/Salvia Gebäudetechnik Gestalt
angenommen.
Rund um den Mahatma-Gandhi-Platz, dem künftigen Stadtteilzentrum,
entwickelt Isaria, eine Tochtergesellschaft der
QUARTERBACK Immobilien AG, mehr als 300 Mietwohnungen,
inklusive eines rund 60 Meter hohen Wohnturms
sowie ca. 5.400 qm Büro- und Praxisflächen und ca. 6.000
qm Einzelhandels- und Gastronomieflächen. Isaria setzt
dabei die Realisierung des Baus für die Vonovia SE als späteren
Bestandshalter um.
Das ZAM mit dem Mahatma-Gandhi-Platz als Mittelpunkt
bildet das wirtschaftliche und soziale Herzstück der wegweisenden
Quartiersentwicklung in Freiham. Es umfasst
mehrere Gebäude mit vielfältigen Nutzungsflächen, die Arbeiten
und Wohnen, Einzelhandel und Gastronomie miteinander
verbinden. Neben hochwertigen Büros entstehen hier
mehr als 470 Wohnungen, 300 davon realisiert durch Isaria.
Außergewöhnlich: Ein 60 Meter hoher Wohnturm, der flankiert
von vier gemischtgenutzten Gebäuden, dem Viertel
sein eigenes Landmark gibt. Der Quartiersplatz selbst wird
auf drei Seiten von Arkadengängen gesäumt, die mit ihrem
Mix aus Restaurants und Ladengeschäften für ein urbanes,
lebendiges Miteinander im Viertel sorgen.
Nachhaltig, langlebig und smart
Das Thema ESG spielte bei den Planungen des neuen Stadtteilzentrums
eine große Rolle: Der Bau wird unter anderem
von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen
(DGNB) mit dem Standard Gold zertifiziert. So sparen digitale
Lösungen ebenso Ressourcen ein, wie regenerativer
Strom über Photovoltaik auf allen horizontalen Dachflächen
und das Heizen mit kostengünstiger und umweltfreundlicher
Fernwärme aus der benachbarten Geothermie-Anlage.
176 BEST PRACTICE
Mit staatlicher Unterstützung: Wie
energiefressende Warenhäuser zu
ESG-tauglichen Gebäuden werden
Wie gehen wir nachhaltig mit den leerstehenden Warenhäusern in der
Bundesrepublik um? Mit dieser Fragestellung hat sich das Architekturbüro
MAAS & PARTNER intensiv auseinandergesetzt und mehr als 42
Galeria Karstadt Kaufhof Immobilien auf Ihre Nachnutzung untersucht.
Und das stets mit einem ganzheitlichen Ansatz aus Städtebau, Architektur,
Nutzungsmix und Finanzierbarkeit in Verbindung mit staatlichen
Subventionen.
Im Dialog mit den Städten sind hierbei die unterschiedlichsten
Immobilienkonfigurationen entstanden. Eine Gemeinsamkeit
ist, dass in den Untergeschossen dieser Immobilien
oftmals das Thema Nahversorgung einen Platz findet
und in den Erdgeschossen der Einzelhandel weiterhin eine
zentrale Rolle spielt, um die Innenstädte weiter zu beleben.
In den Obergeschossen liegt der Fokus auf städtische oder
wohnwirtschaftliche Nutzungen.
Visualisierung: Maas & Partner mit bloomimages
Galeria-Nachnutzungsidee für den Standort Krefeld.
BEST PRACTICE 177
Visualisierung: Maas & Partner mit bloomimages
Mögliche Nachnutzung der einstigen Galeria-Filiale in Reutlingen
Ein wichtiger Aspekt bei der Transformation von Warenhäusern
in Mixed-Use-Immobilien ist die Co2-Bilanz. Aus
sehr ineffizienten Monostrukturen werden ESG-konforme
Gebäudestrukturen und die Co2-Einsparung ist aufgrund
der Einsparung von grauer Energie immens.
Noch wichtiger ist vielleicht das: eine mögliche KfW-Förderung!
Und die haben Maas & Partner dabei sofort im
Blick. „Durch einfach tauschbare Vorhangfassaden, oft in
den Städten liegende Fernwärmeversorgung, große Dachflächen
für Photovoltaik und ausreichende Raumhöhen, um
Technik zu verteilen, erreichen wir bei den meisten Standorten
mindestens einen KfW-40-EE-Standard und erhalten
so günstige Darlehen und hohe Tilgungszuschüsse“, sagt
Maas.
Für eine neu geschaffene Wohnung könne es bis zu 150.000
Euro Förderung geben, bei Gewerbe seien bis zu 2.000
Euro/qm drin. „Aus den einstigen Energiefressern können
so vorzeigbare zertifizierbare und ESG-taugliche neue Gebäude
geschaffen werden“.
Maas zufolge geht sein Büro beim Thema der Warenhaus-
Umwidmung sogar noch weiter, als es Architekten normalerweise
tun. „Wir beantragen nicht nur Fördermittel,
sondern erstellen komplette Cashflows. Damit kann ein Interessent
direkt Erstgespräche bei den finanzierenden Banken
führen.“
Um eine Negativspirale zu verhindern, sollten Städte, die
aktuell das Problem eines großen leerstehenden Gebäudes
haben, erst einmal offen für Zwischennutzungen sein. Michael
Maas: „Alle Städte, die das tun, werden Gewinner sein.
Und jene, die erst einmal bauplanungsrechtliche Restriktionen
verhängen, um in Ruhe nachzudenken, werden verlieren.“.
Letztere laufen sogar Gefahr, „dass sich der Leerstand
um ein Warenhaus wie ein Flächenbrand in der Innenstadt
ausbreitet“.
178 BEST PRACTICE
Iserlohn: Aus altem Karstadt wird ein
begrüntes urbanes Quartier
Der Schillerplatz in Iserlohn stand lange Zeit im Fokus städtebaulicher Gespräche. Mit dem Kauf des
ehemaligen Karstadt Grundstücks durch die Schillerplatz GmbH der Stadt Iserlohn 2014, bot sich 2019
die Möglichkeit im Rahmen einer europaweiten öffentlichen Ausschreibung, neue Nutzungsansätze sowohl
mit als auch ohne die zu der Zeit noch aktive Warenhausnutzung des Karstadt Gebäudes zu entwickeln.
Die AIP-Unternehmensgruppe wurde im Anschluss mit der Umgestaltung des Schillerplatz-
Areals als Generalplaner beauftragt.
Bauliche Grundvoraussetzungen
Nach der Schließung des Karstadt-Gebäudes in Iserlohn
im Oktober 2020 wurde weiter deutlich, dass der Baugrund
des Areals aufgrund geologischer Gegebenheiten und des
Altbergbaus äußerst komplex war. Im Rahmen von Erkundungsbohrungen
wurde die Beschaffenheit des Baugrunds
eingehend analysiert. Diese schwierigen geologischen Bedingungen
erfordern umfassende Maßnahmen zur Baugrundertüchtigung,
welche wiederum den Rückbau des
ehemaligen Karstadt-Gebäudes als grundlegende Voraussetzung
nötig machten.
Mit dem Abriss der Schillerplatz-Brücke 2019 und dem Karstadt-Gebäudes
in 2022 bot sich somit die Gelegenheit, das
Herz der Iserlohner Innenstadt auf einer Fläche von rund
11.700 m2 neu zu gestalten. Ziel ist es, ein innerstädtisches
Quartier zu schaffen, das sowohl funktional als auch architektonisch
zukunftsorientierten Ansprüchen gerecht wird
und die Attraktivität der Innenstadt nachhaltig steigert.
Integriertes Handlungskonzept: Ein neuer Nutzungsmix
als Aktivierungstool
Die Neuentwicklung des Schillerplatz-Areals steht für eine
nachhaltige und moderne Quartiersentwicklung mit dem
Ziel, die Attraktivität der Innenstadt zu stärken. Der zentrale
Innenstadtbereich soll in Zukunft durch eine hohe
Aufenthalts- und Verweilqualität und einen vielfältigen
Nutzungsmix aus Arbeiten, Wohnen, Einkaufen und öffentlichen
Einrichtungen wie einer Stadt-Mediathek, einem
multifunktionalem Bürgersaal und Bürgerbüro zur Schaffung
einer bewohnerfreundlichen Innenstadt beitragen. Die
Lageplan des Schillerplatz-Areals
Aufgabenstellung: ein nachhaltiges und modernes Quartier
BEST PRACTICE 179
Visualisierungen (3) : AIP Planungs GmbH
Der neue Schillerplatz bietet durch Grünflächen und Orte zum Verweilen eine attraktive Aufenthaltsqualität
komplexe Höhendifferenz zwischen Theodor-Heuss Ring
und dem etwa ein Geschoss höher gelegenen Schillerplatz
wird über großzügige Freitreppen überbrückt. Handelsflächen
am Theodor-Heuss Ring beleben den Wartebereich
der neuen Bushaltezonen, während eine unter dem Quartier
gelegene Tiefgarage in das überarbeitete Verkehrskonzept
integriert wird.
Am Schillerplatz werden aktivierende Nutzungen, wie Nahversorgung,
Gastronomien und das Bürgerbüro eine lebendige
Atmosphäre schaffen. Neben dem Schillerplatz wird der
neue Schmiedeplatz mit Gastronomie, Hotelflächen, Praxen
und Büroflächen entwickelt. Die Stadt-Mediathek im ersten
Obergeschoss dient als konsumfreier „Dritter Ort“ für die
Innenstadt.
Darüber hinaus entstehen in den oberen Geschossen Wohnraum,
Veranstaltungsräume und ein Bürgersaal. Essentiell
ist bei der Entwicklung dieser Mixed-Use Quartiersentwicklungen
die langfristige Möglichkeit der Realteilung unterschiedlicher
Gebäudestrukturen und somit der Möglichkeit
zur Veräußerung kleinerer Gebäudekomplexe an potenzielle
Investoren oder Bestandshalter. Eine wesentliche Rolle
spielt auch die Gestaltung der Freiräume und das Thema
innerstädtischer Begrünung, um die klimatischen Herausforderungen
der Zukunft zu adressieren. Grüninseln, Wasserspiele,
schattenspendende Bäume sowie Fassaden- und
Dachbegrünungen leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung
der Aufenthaltsqualität und des Stadtklimas.
Projektinformationen:
• Bauherr: Schillerplatz GmbH – Stadt Iserlohn
• Generalplanung: AIP Planungs GmbH
• Freiraumplanung: LAND Germany GmbH
• BGF: 34.300 m²
• Grundstück: 11.700 m²
• Nutzungen: Nahversorgung, Einzelhandel, Gastronomie,
Stadt-Mediathek, Bürgerbüro, Bürgersaal & Verwaltungsräume,
Wohnen, Hotel, Büros & Praxen
• Zeitraum: 2019 fortlaufend
180 BEST PRACTICE
Hagen: Ex-Warenhaus-Ensemble
erhält Mix aus Historie und Modernität
Der Galeria Kaufhof in Hagen wurde im Zuge der letzten Galeria-Schließungswelle im Juni 2023 geschlossen.
Doch bereits 2019 bestand die Zielsetzung, die Flächennutzung von Galeria am Standort zu optimieren,
um andere Flächen neuen Nutzungen zuordnen zu können. Die AIP Planungs GmbH entwickelte ab 2019
zunächst eine Planung, welche eine Flächenverkleinerung des Warenhauses und somit Potenziale für neue
Nutzungen in Teilbereichen des Gebäudes schaffen sollte. Dabei wurde bereits zu einem frühen Zeitpunkt
die Möglichkeit der Realteilung des Gebäudekomplexes als Zielsetzung formuliert.
Bauliche Maßnahmen
Das Gebäudeensemble besteht aus zwei Gebäudeteilen: dem
Hauptgebäude an der Elberfelder Straße und dem ehemaligen
Verwaltungsgebäude mit Parkhaus im rückwärtigen Bereich
an der Hochstraße. Während das Verwaltungsgebäude
mit dem Parkhaus aufgrund unzureichender Geschosshöhen
vollständig rückgebaut wird und neue Wohnräume für
Seniorinnen und Senioren im Rahmen des Servicewohnens
geschaffen werden, bleibt das Hauptgebäude weitgehend
erhalten und wird auf moderne Nutzungsanforderungen
zugeschnitten. Die Baugenehmigung für den Rückbau des
Nebengebäudes wurde bereits im Frühjahr 2022 erteilt und
die Rückbauarbeiten konnten im Winter 2024 beginnen. Parallel
wurde der vorbereitende Abbruch des Hauptgebäudes
genehmigt, wodurch dieses aktuell auf den Rohbau zurückgeführt
wird. Ein zentraler Ansatz bei der Revitalisierung
des Hauptgebäudes ist es, die bestehende Struktur weitestgehend
zu erhalten. Treppenhäuser, Aufzugschächte und
der statische Rohbau bleiben erhalten, eine Gebäudeachse
wird entfernt, um mehr Tageslicht in die oberen Geschosse
zu bringen und somit alternative Nutzungen zu ermöglichen.
Hinter der neueren Aluminiumverkleidung befand sich die
historische Fassadenstruktur des Hauptgebäudes. Diese
dient als Grundlage für die neue Gestaltung, die moderne
Architektur mit den historischen Stilelementen des Gebäudes
verbindet. Ziel ist es, die Resilienz des Standorts
durch den Nutzungsmix zu stärken, um die Attraktivität und
Visualisierung: Neuer Nutzungsmix im ehemaligen Kauhof Hagen
Lageplan
BEST PRACTICE 181
Foto:WESTFALENPOST
Visualisierungen (3) : AIP Planungs GmbH
Historische Fassade des Galeria Kaufhofs 1954
Erscheinungsbild des Galeria Hagen mit Warenhaus-typischer
vorgehängter Aluminiumfassade
Zukunftsfähigkeit des Areals zu sichern. Durch eine wirtschaftlich
vertretbare Beibehaltung des Bestands können
Fördermittel zur Bestandssanierung in Anspruch genommen
werden und können die Anforderungen der ESG-Kriterien
positiv erfüllt werden.
Ein neuer Nutzungsmix im Kaufhof
Das Hauptgebäude soll durch eine neue innovative Mischnutzung
einen Mehrwert zu Belebung der Hagener Innenstadt
beitragen. Im Erdgeschoss werden bekannte Filialisten
angesiedelt, um den Einzelhandelsstandort an der
Elberfelderstraße zu stärken. Die Obergeschosse bieten Flächen
für Büros und die medizinische Versorgung mit den
obersten zwei Geschossen in modularer Holzbauweise für
rund 60 Wohnungen als Boarding House. Dieser Nutzungsmix
schafft Synergien, welche sowohl für die direkte innerstädtische
Umgebung, also auch auf Gebäudeebene einen
deutlichen Mehrwert schaffen werden.
Fazit
Sowohl das Projekt Schillerplatzareal in Iserlohn, als auch
die Revitalisierung des ehemaligen Kaufhofs in Hagen zeigen
beispielhaft, wie Innenstädte durch innovative Architektur
und städtebauliche Konzepte sowohl im Rahmen einer
Quartiersentwicklung als auch auf Gebäudeebene einen
Beitrag zur Stadtreparatur und den heutigen Herausforderungen
vieler Innenstädte leisten können. Die Kombination
aus funktionalem Nutzungsmix und nachhaltiger Planung
macht sie zu Best-Practice-Beispielen für die Stadtentwicklung.
Beide Projekte demonstrieren auf ihre Weise, wie
architektonische Visionen in erfolgreiche, urbane Transformationen
umgesetzt werden können.
Projektinformationen:
• Bauherr: Lenz & Saas Immobilienanlagen GmbH
• Architekt: AIP Planungs GmbH
• BGF: Elberfelderstraße (Bestand): 13.000 m²
• Hochstraße (Neubau): 12.400 qm
• Baujahr Bestand: 1952 / 1967
• Nutzungen: Einzelhandel, Büro, Praxen, Boarding House,
Servicewohnen
• Zeitraum: 2019 fortlaufend
An der Hochstraße entstehen im Neubau Servicewohnungen für
Seniorinnen und Senioren
182 BEST PRACTICE
Bremens neues Balgequartier
verbindet City mit der Weser
Bremens City befindet sich im Umbruch. Inmitten der Innenstadt und unweit der historischen Altstadt
realisiert die Joh. Jacobs & Co. KG aus Hamburg ein Pionierprojekt der Stadtentwicklung:
das Balgequartier. Die Fertigstellung soll 2025 erfolgen.
Das neue Quartier entsteht rund um das Stammhaus der
Firma Jacobs Kaffee. Insgesamt 19.000 Quadratmeter Mietfläche
werden dort für kulturelle Einrichtungen, Ausstellungen
und Veranstaltungen sowie Einzelhandels-, Gastronomie-,
Büro- und Bildungskonzepte entwickelt. Das
Investitionsvolumen beträgt 100 Millionen Euro.
Das Quartier, benannt nach der Balge, einem 1838 zugeschütteten
Nebenarm der Weser, führt ein Ensemble für
Bremens Stadtgeschichte wichtiger historischer und identitätsstiftender
Gebäude zusammen, die viele Jahre nicht
öffentlich zugänglich waren. Es soll künftig die Kerninnenstadt
und den Marktplatz wieder mehr mit der Weser verbinden,
die mitten durch das Zentrum der Hansestadt fließt.
Jacobs-Stammhaus involviert
Die Stadt Bremen und die Joh. Jacobs & Co. Gruppe haben
einen städtebaulichen Rahmenvertrag geschlossen, um das
Areal zu einem Quartier von europäischem Format zu entwickeln,
das mit seiner Vielfalt regionaler Anziehungspunkt
wird und zum Verweilen und Genießen einlädt. Der Vertrag
umfasst die ganzheitliche Entwicklung des Quartiers
Visualisierung: Joh. Jacobs & Co. KG
Das Kontorhaus am Markt.
BEST PRACTICE 183
Visualisierung: Joh. Jacobs & Co. KG
Johann Jacobs Haus mit Blick auf den Dom.
und regelt beispielsweise Gestaltungsgrundsätze des öffentlichen
Raums. Damit nimmt der Eigentümer die Stadtentwicklung
für das Quartier selbst in die Hand. Die erste
realisierte Quartiersimmobilie, das Johann Jacobs Haus,
das Stammhaus der Firma Jacobs Kaffee, bildet das Tor zum
Quartier von der 1-A-Lage Obernstraße. Der neu geschaffene
Jacobshof dahinter bildet eine neue Verbindung zur angrenzenden
Stadtwaage mit ihrer Fassade von 1587. Unmittelbar
daneben entsteht das Neue Essighaus, in das Teile der
historischen Fassade von 1618 integriert werden. Gegenüber
schließt sich an der Langenstraße das Kontorhaus am Markt
von 1911 an.
Geschichte trifft auf Moderne
Historisch spielte das Quartier immer eine wichtige Rolle,
war es doch zentraler Zugang zum Marktplatz und mit der
Stadtwaage wichtiger Dreh- und Angelpunkt für den Handel.
Auf diese Historie setzt die Joh. Jacobs & Co. Gruppe und
zeigt, wie Geschichte bewahrt und moderne Architektur integriert
werden kann. Auch darin liegt eine Besonderheit,
denn nur selten ist es möglich, historische Gebäude mit den
Bedürfnissen einer modernen zukunftsorientierten Innenstadt
zu verbinden. Mit einem Mixed-Use-Konzept sollen
beispielsweise Angebote aus den Bereichen Kultur, Gastronomie,
Einzelhandel, Arbeiten, gewerbliches Wohnen und
Bildung den Charakter eines lebendigen, innerstädtischen
Quartiers prägen. Das Kontorhaus am Markt soll beispielsweise
das künftige Stadtmusikantenhaus und Literaturforum
beherbergen und damit zentraler Anziehungspunkt für
Bremens wichtigste Marke sein. Außerdem hat das Hospitality-Unternehmen
limehome mehr als 80 Serviced Apartments
auf einer Gesamtfläche von etwa 3400 Quadratmetern
im zweiten und dritten Obergeschoss vermietet. Damit
können dort zukünftig bis zu 150 Personen übernachten
Gegenpol zu uniformen Einkaufsstraßen
Ziel des Investors ist, mit dem Fokus auf Regionalität, Vielfalt,
Nachhaltigkeit und Qualität einen einzigartigen Lebens-
und Arbeitsort zu schaffen. Der Charakter des Balgequartiers
soll ein bewusster Gegenpol zu uniformen
Einkaufsstraßen der Innenstädte sein und auf der zum Teil
500 Jahre alten Geschichte aufbauen.
184 BEST PRACTICE
ALDI SÜD goes Mixed-Use:
Aufwand ist groß, lohnt sich aber!
Kennen Sie noch die alten ALDI SÜD-Filialen? Einfache, funktionale Bauten mit großem Parkplatz.
Entstanden sind die „Schuhkartons“, wie sie liebevoll genannt werden, vor allem in den 1980er- und
90er-Jahren. Mit dem Auto hinfahren, Kofferraum vollmachen, Wocheneinkauf erledigt – das war damals
Zeitgeist und entsprach den Mobilitätsgewohnheiten. Heute leben immer mehr Menschen in Städten,
wo Flächen knapp sind. Kommunen möchten diese ressourcenschonend und effizienter nutzen: für
neue Wohnungen zum Beispiel oder andere Zusatznutzungen, die vor Ort die Lebensqualität steigern
und den Alltag erleichtern. Parkplätze zählen nicht mehr dazu.
Jan Riemann, Geschäftsführer für den Immobilien-Bereich
des Unternehmens: „Wir glauben an die Innenstadt. Für
uns ist sie der Ort, an dem wir die Nähe zu unseren Kunden
suchen. Sie sollen uns auf kurzen Wegen erreichen können
− zu Fuß, per Rad oder mit Öffentlichen Verkehrsmitteln“,
sagt . Nähe bedeutet für uns ebenso: Kompatibilität mit den
Ansprüchen, Routinen und Alltagsgewohnheiten der Menschen
vor Ort. Je besser sich der Nutzungsmix eines Standorts
in sein lokales Umfeld integriert, desto attraktiver ist
er. Deshalb setzen wir auf maßgeschneiderte Mixed-Use-
Immobilien. Der Aufwand ist groß, lohnt sich aber. Unsere
abgeschlossenen und laufenden Bauprojekten zeigen, dass
sie auch unter herausfordernden Rahmenbedingungen gelingen.“
Projektentwicklungen in der City bringen eigene Herausforderungen
mit sich. In einem verdichteten Umfeld einen
Standort mit Gastronomie, Wohnungen, Einzelhandel und
einer Kita auf dem Dach zu planen, ist deutlich komplexer
und erfordert andere Kompetenzen als der Bau einer alleinstehenden
Filiale im Grünen. ALDI SÜD hat sich mit der
Neuausrichtung des Geschäftsbereichs Real Estate auf diese
Aufgaben vorbereitet.
Dabei hat das Unternehmen auf Effizienz gesetzt, einem
festen Bestandteil der ALDI-DNA. In einem ersten Schritt
wurden zunächst die unterschiedlichen Kompetenzen gebündelt
und danach eigene, regional vernetzte Projektentwicklungsteams
aufgebaut. Sie sind Ideenentwickler
und realisieren gemeinsam mit den Partnern Immobilien,
die städtebaulichen Anforderungen entsprechen und für
alle Beteiligten einen Mehrwert schaffen – für Investoren,
Eigentümer, Mieter oder Vermieter sowie für Städte und
Kommunen.
In Nürnberg baut Aldi Süd eine Filiale mit zweigeschossiger Tiefgarage
und 56 Wohnungen in den Geschossen darüber.
Um Resilienz geht es aber auch. Hohe Bau- und Energiekosten
sowie knappe Kapazitäten bei Baudienstleistern gehen
nicht spurlos an einem großen Unternehmen vorüber.
Jedoch konnte ALDI SÜD durch die Eigenfinanzierung der
Bauprojekte und die organisatorische Weiterentwicklung
eine weitreichende Widerstandsfähigkeit gegenüber volatilen
Rahmenbedingungen entwickeln. Interne Expertenteams
immunisieren das Unternehmen gegenüber externen
Kostensteigerungen, bewährte Kooperationen und regionale
Branchennetzwerke geben Stärke.
Eine bessere Kostenkontrolle ist über eine sorgfältige Vergabe
von Bauleistungen und -komponenten zu gewährleisten.
Jan Riemann: „Damit wir möglichst viele Unternehmen
ansprechen und einen transparenten Vergabeprozess gewährleisten
können, nutzen wir eine digitalisierte Vergabe-
Visualisierung: ALDI SÜD
BEST PRACTICE 185
plattform. Dadurch erhalten wir bessere Angebote und optimieren
das Vergabeergebnis.“
Bei der Realisierung von Mixed-Use-Immobilien setzt
ALDI SÜD zudem auf Mengenvorteile. Multifunktionale Projektentwicklungen
bieten mehr Chancen, Synergieeffekte
zu nutzen und Kosten zu minimieren. Massenerhöhungen
und optimale Grundstückausnutzungen senken die Projektkosten,
gemeinsame Anfragen verbessern die Vergabepreise.
Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen der
vergangenen Jahre konnte das Unternehmen seinen Baukostenindex
jährlich um etwa fünf Prozent unterbieten.
Der langfristige Erfolg der Projektentwicklungen hängt
von dem Mehrwert ab, den sie für die lokale Infrastruktur
schaffen. Jan Riemann: „Damit unsere Standorte integraler
Bestandteil und Impulsgeber des Alltagslebens vor Ort werden,
legen wir großen Wert auf einen engen, transparenten
und vertrauensvollen Austausch mit Städten und Kommunen.
Das schafft gegenseitiges Verständnis für die Belange
und Spielräume aller Beteiligten – im Hinblick auf baurechtliche,
politische und wirtschaftliche Fragen. Auf dieser
Basis lässt sich früh klären, welche Nutzungen erforderlich
und wirtschaftlich machbar sind.“ Nebenbei spart ein eingespielter
Austausch Zeit bei der Planung und Baurechtsschaffung.
Zusatznutzungen lassen sich auch installieren. So hat das
Unternehmen mit dem stetigen Ausbau der E-Ladestationen
bereits vielerorts lokale Infrastruktur gestärkt. Über
550 Filialen hat ALDI SÜD mit insgesamt 1200 Ladepunkten
In Zusammenarbiet mit dem Studierendenwerk Vorderpfalz hat ALDI
SÜD über einer Filiale drei Obergeschosse mit 32 Apartements und
insgesamt 65 Wohnplätze gebaut. Ein weiteres Projekt (siehe Kasten)
ist dort bereits im Bau.
ausgerüstet, Tendenz steigend. Die Stationen werden zu
100 Prozent mit Grünstrom versorgt, der an vielen Standorten
in den Sonnenstunden direkt von der PV-Anlage auf
dem Filialdach kommt. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt
„Feierabend-Parken“. Die Kooperation mit der Stadt Düsseldorf
ermöglicht der Nachbarschaft die Nutzung von Filialparkplätzen
außerhalb der Öffnungszeiten. Notwendig ist
nur eine App, die aus einem Standort einen alltagskompatiblen
Mobilitätsort macht – und aus einem „Schuhkarton“
eine kleine Schatztruhe.
Foto: ALDI SÜD
BEST OF MIXED-USE-IMMOBILIEN VON ALDI SÜD
• Tübingen: Bereits 2016 baute ALDI SÜD in Tübingen neben
einer Filiale eine Mixed-Use-Immobilie mit 40 Appartements
für Student:innen. Am selben Standort entstehen
aktuell über einer dem Neubau der Filiale rund 30 weitere
Wohnungen mit Dachterrassen.
• Sindelfingen, Wesseling: ALDI SÜD baute an seinen
Standorten über der eigenen Filiale bzw. über einem Drogeriemarkt
jeweils rund ein Dutzend Wohnungen.
• Landau in der Pfalz: In Zusammenarbeit mit dem Studierendenwerk
Vorderpfalz hat ALDI SÜD Pfalz über
einer Filiale drei Obergeschosse mit 32 Appartements
und insgesamt 65 Wohnplätzen gebaut. An einem weiteren
Standort entsteht derzeit über einer neuen Filiale
ein Wohnheim mit 126 Appartements und insgesamt 200
Wohnplätzen.
• Waldbronn: Im April 2024 stellte ALDI SÜD einen Standort
mit zusätzlichen Handelsflächen, einer Tiefgarage und
115 Wohnungen fertig.
• Pforzheim: Im Sommer 2024 stellte ALDI SÜD eine Filiale
fertig, über der ein Parkdeck, eine Kita mit Dachterrasse
sowie zwei Etagen mit Flächen für Betreutes Senioren-
Wohnen entstand sind.
• Nürnberg: An der Äußeren Sulzbacher Straße baut ALDI
SÜD aktuell eine Filiale mit zweigeschossiger Tiefgarage
und 56 Wohnungen in den Geschossen darüber.
• Mannheim: Das nächste Bauprojekt, das Nahversorgung
und studentisches Wohnen kombiniert, ist bereits
in Planung. Am Campus der Dualen Hochschule Baden-
Württemberg, baut ALDI SÜD eine Mixed-Use-Immobilie
mit über 150 Wohneinheiten für Studierende.
• Zusätzlicher Wohnraum entsteht außerdem durch Immobilienprojekte,
an denen ALDI SÜD als Mieter oder
Teileigentümer beteiligt ist.
186 BEST PRACTICE
ALDI Nord im Königshof Essen:
Mixed-Use haucht
Traditionshaus neues Leben ein
Der Essener Königshof war ein Luxushotel und ein Kaufhaus, wurde 1945 bombardiert und zweimal
abgerissen: Das Gebäude erlebte eine bewegte Geschichte. Trotzdem hält sich das ikonische
Objekt im Herzen von Essen seit mehr als 100 Jahren. Seit der Schließung der bislang dort ansässigen
Galeria-Filiale im Jahr 2020 wurde der Königshof kernsaniert und modernisiert; nun
ist im Rahmen eines Mixed-Use-Konzepts ALDI Nord in das Traditionshaus eingezogen. Damit
hilft der Essener Discounter dabei, innerstädtische Quartiere wiederzubeleben.
Discounter – die meisten Menschen assoziieren damit
Stand-Alone-Gebäude an Verkehrsknotenpunkten mit
zahlreichen Parkmöglichkeiten. Märkte in zentralen Innenstadtlagen
bieten häufig nur ein kuratiertes Angebot für
Laufkundschaft. Das ändert sich jedoch. Durch die Expansion
in Ballungsräume erweitert und verdichtet ALDI Nord
sein Filialnetz. Das Ziel: Die Menschen flächendeckend mit
dem zu versorgen, was sie für den täglichen Bedarf benötigen
– genau dort, wo sie leben und arbeiten.
Die 2024 eröffnete Filiale im Essener Königshof ist ein Beispiel
für die Expansionsstrategie des Discounters. Kundinnen
und Kunden können an sieben Tagen in der Woche in
einem voll ausgestatteten Markt im Herzen der Essener Innenstadt
sowohl einen Snack für die Mittagspause kaufen als
auch ihren Wocheneinkauf erledigen – alles bequem unter
einem Dach. Der Fokus liegt dabei vor allem auf einer hellen
und freundlichen Atmosphäre sowie einem einfachen und
schnellen Einkauf.
rund 40 Produkte und ist mit einem rückgelagerten Backraum
versehen. Darüber hinaus kooperiert ALDI Nord in der
Filiale im Königshof mit der regionalen Handwerksbäckerei
Sondermann, die das rund dreißigteilige ALDI Backsortiment
um weitere zehn lokale Spezialitäten erweitert. Zugleich
können Menschen ihren regulären Wocheneinkauf
dort erledigen, da die Filiale über das gesamte Sortiment
verfügt. Ziel ist es, sowohl an städtischen Standorten wie
im Königshof als auch in Stand-Alone-Märkten das gleiche
Modernes Filialkonzept von ALDI Nord funktioniert auch
in Mixed-Use
Das aktuelle Filialkonzept von ALDI Nord funktioniert in
zentralen Lagen ebenso wie auf der grünen Wiese. Auf 950
Quadratmetern Verkaufsfläche erwartet Kundinnen und
Kunden eine Auswahl an rund 120 frischen Obst- und Gemüseartikeln
sowie verzehrfertige Produkte aus dem Convenience-Regal.
Die vergrößerte Backwarenauslage bietet
Moderne Nachnutzung: Die ALDI Nord Filiale befindet sich neben anderen
Geschäften im Königshof in der Essener Innenstadt.
BEST PRACTICE 187
Fotos: ALDI Nord
Die ALDI Nord Filiale im Untergeschoss des Königshofs
vollumfassende Warenangebot zu schaffen. Ein direkter Anschluss
an den Essener Hauptbahnhof sowie Öffnungszeiten
von Montag bis Sonntag bieten Anwohnerinnen und Anwohnern,
Berufstätigen sowie Pendlerinnen und Pendlern
einen echten Mehrwert.
Königshof: Essener Tradition trifft Essener Moderne
Der Standort blickt auf eine lange und bewegte Geschichte
zurück: Ende des 19. Jahrhunderts als Hotel im Stadtzentrum
erbaut, überstand der Königshof den ersten Weltkrieg
und wechselte als solches mehrfach den Besitzer. Die Besonderheit:
Schon von Beginn an erfüllte das Gebäude mehrere
Zwecke und verfügte neben dem Hotelbetrieb über eine
Ladenstraße und zwischenzeitlich auch über ein Kino. Nach
einem Abriss und Neubau entstand das erste Kaufhaus im
Königshof, eine Nutzung, die sich unter verschiedenen Namen
und Besitzern bis 2020 in Form einer Galeria-Filiale
gehalten hat.
Mit dem Mixed-Use-Ansatz können nun Unternehmen Flächen
in den Innenstädten umwidmen, die andernfalls zu
groß oder aus anderen Gründen nicht infrage gekommen
wären. Das bedeutet nicht nur, dass Immobilien vor Leerstand
oder Abriss bewahrt werden; die Umwidmung spart
auch Geld und Ressourcen gegenüber einem Neubau.
Auf diese Weise lassen sich traditionsreiche Gebäude mit
eigener Geschichte bewahren – für ALDI Nord als Essener
Unternehmen eine Herzensangelegenheit. Im Königshof
sind so neben einer hochmodernen ALDI Nord Filiale unter
anderem Büroflächen, eine Arztpraxis sowie ein Fitnessstudio
entstanden. Weitere Angebote wie eine Markthalle
sollen folgen. Mit der Expansion des Filialnetzes an Mixed-
Use-Standorte hat sich ALDI Nord das Ziel gesetzt, bei der
Wiederbelebung von Ballungsräumen zu unterstützen, die
in der Vergangenheit wichtige Infrastruktur verloren haben.
Welche Nachbarn in die Immobilien einziehen, ist für den
Discounter nicht entscheidend: Mixed-Use lebt von einer
Angebotsvielfalt, bei der sich Synergieeffekte nutzen lassen.
Damit lassen sich Locations neu beleben und alle Beteiligten
profitieren.
188 ADVERTORIAL
Den Handel
zukunftsfähig machen
Immobilien sind nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein zentraler Baustein, um den Handel
von morgen aktiv zu gestalten und langfristig zu sichern. Die Lidl Immobilien Dienstleistung
GmbH & Co. KG arbeitet deshalb täglich an Lösungen für Filial- und Logistikkonzepte, die im
Einklang mit den lokalen Anforderungen und Bedürfnissen stehen. Über 3.250 Filialen und
über 30 Logistik-Standorte gewährleisten deutschlandweit schon heute eine moderne und
umweltgerechte Nahversorgung.
Innenstädte im Wandel
Wohnraum- und Grundstücksflächen werden
in dicht besiedelten Gebieten immer knapper.
Wie soll der Handel der Zukunft also aussehen,
um ihn bestmöglich ins Umfeld zu integrieren?
Welche Rolle spielt der Handel zur Belebung der
Innenstädte? Als Nahversorger haben Innenstadtlagen
für Lidl eine große Bedeutung. Dabei
müssen sich Handelskonzepte immer stärker
in den städtebaulichen Kontext einfügen oder
mehrere Möglichkeiten zur Nutzung bieten. So
sieht sich Lidl im Rahmen weiterer Expansion
auch in der Pflicht, die Innenstädte von morgen
mitzugestalten. Sie sollen lebendig, lebenswert
und vielfältig nutzbar sein. Als starker Wirtschaftsfaktor
kann der Handel in Zusammenarbeit
mit der Stadtplanung einen wesentlichen
Beitrag leisten und die Aufgaben einer veränderten
Lebenswelt angehen. Dazu gehören
Klimaschutzmaßnahmen wie der Einsatz umweltschonender
Technik, eine nachhaltige Filialbauweise
und neue Mobilitätskonzepte. Auch
die Flächeneffizienz bei der Nachverdichtung
ist ein zentraler Faktor, der in der Zukunft noch
wichtiger wird.
„Der Umbau unserer Innenstädte erfordert
Konsequenz und Geschwindigkeit.
Als Lebensmitteleinzelhändler
setzen wir auf Kundennähe sowie
nachhaltige, großzügige und kundenfreundliche
Filialen. Mithilfe unserer
flexiblen Konzepte sind wir in der Lage,
diese in den städtebaulichen Kontext
oder eine bestehende Gebäudestruktur
zu integrieren – vom Bahnhof bis zum
historischen Altbau“, erklärt Jan Brenn,
Mitglied der Geschäftsleitung, Lidl
Dienstleistung GmbH & Co. KG und Geschäftsführer,
Lidl Immobilien Dienstleistung
GmbH & Co. KG
Einfach passend und bedarfsorientiert
Je nach Standort sind individuelle Anforderungen
gefragt. Mit flexiblen Filialkonzepten bietet
Lidl maßgeschneiderte Lösungen und ein besonderes
Einkaufserlebnis, um Standorte zu
beleben: egal ob freistehende Standardfiliale
mit angegliedertem Parkplatz, kompakte Innenstadtfiliale,
zweigeschossige Metropolfiliale
oder Filiale in großem Fachmarktzentrum. Die
moderne und flächensparende Metropolfiliale
hat Lidl in Deutschland bereits fünfmal in urbanen
Gebieten errichtet. So vereint beispielsweise
die Lidl-Metropolfiliale in Sindelfingen
die Vorteile einer freistehenden Filiale mit einer
platzsparenden und nachhaltigen Bauweise. Die
Kunden erwartet eine großzügige, ebenerdige
und tageslichtdurchflutete Parkfläche im Erdgeschoss
sowie eine moderne, helle Verkaufsfläche
im ersten Stockwerk. Außerdem befinden
sich 36 Wohneinheiten im zweiten und dritten
Stock des Filialgebäudes, denn die Filiale in
Sindelfingen ist die erste Lidl-Metropolfiliale
in Kombination mit einer Wohnbebauung. Ein
weiteres nennenswertes Beispiel für innovatives
und nachhaltiges Bauen ist die mit DGNB-
Platin ausgezeichnete Filiale in Holzbauweise in
Wangen im Allgäu. Gepaart mit einer modernen
Haustechnik spart sie Energie und ermöglicht
ADVERTORIAL 189
Foto: Lidl
Die Lidl-Metropolfiliale in Sindelfingen steht mit ihrem flächensparenden und nachhaltigen Ansatz exemplarisch für zukunftsweisende
Filialkonzepte.
eine dauerhafte Speicherung von etwa 705 Tonnen
CO2 über den gesamten Lebenszyklus der
Filiale hinweg.
Über Lidl Immobilien Dienstleistung
GmbH & Co. KG
Seit über fünf Jahrzehnten steht Lidl in Deutschland
auch für ein stetig wachsendes Immobiliengeschäft.
Durch die Neugründung der Lidl
Immobilien Dienstleistung GmbH & Co. KG mit
rund 1.000 Mitarbeitern wurde der Weg für ein
weiteres nachhaltiges Wachstum geebnet. Ein
wichtiger Schritt, um den vielfältigen Anforderungen
in einer sich kontinuierlich verändernden
Welt gerecht zu werden. Bei den Entwicklungen
der Immobilienprojekte legt Lidl
vor allem Wert darauf, mit maßgeschneiderten,
sozial- und umweltverträglichen Immobilienlösungen
ein starker und verlässlicher Partner der
Kommunen und der Region zu sein:
Die Lidl Immobilien Dienstleistung GmbH &
Co. KG entwickelt ihr Filialportfolio kontinuierlich
qualitativ und quantitativ weiter. Dank der
flexiblen Konzepte kann der Ausbau des Filialund
Logistiknetzes in Einklang mit den örtlichen
Gegebenheiten sichergestellt werden. Vom
ländlichen Raum bis in die Ballungszentren stehen
Immobilien von Lidl für eine Entwicklung,
die nicht nur der Bevölkerung, sondern auch
dem lokalen Umfeld und einer sicheren Lebensmittelversorgung
dient.
„Es ist uns wichtig, die Lebensqualität
in den Städten und Gemeinden, in
denen wir präsent sind, für alle Seiten
positiv zu beeinflussen. Dafür treten
wir in einen offenen Dialog mit allen
relevanten Stakeholdern und stellen
uns proaktiv internen und externen
Herausforderungen. Wir möchten für
alle Beteiligten die bestmöglichen Immobilien-
und Logistikkonzepte umsetzen
und den Handel auf diese Weise
zukunftsfähig machen“, erläutert Jenny
Stemmler, Geschäftsführerin Lidl Immobilien
Dienstleistung GmbH & Co.
KG.
Entdecken Sie mehr über die Vision und
Projekte auf lidl-immobilien.de.
190 BEST PRACTICE
Münster: Lebendiges Quartier
auf einstigem Kasernengelände
Die Landmarken AG hat ein ehemaliges Kasernengrundstück im York-Quartier Münster erworben. Verkäuferin der
rund 9.400 Quadratmeter großen Fläche ist die städtische Entwicklungsgesellschaft KonvOY. Hier soll ein lebendiges
Mixed-Use-Ensemble mit Handel, Wohnen und Gewerbe. Die Fertigstellung ist für Ende 2027 bis Mitte 2028
geplant.
Das geplante Gebäudeensemble wird mehrere wichtige
Aufgaben für den Stadtteil Gremmendorf vereinen:
In den Obergeschossen entstehen größere und kleinere
Wohneinheiten. In den Erdgeschossen sind ein Vollversorger-Supermarkt,
ein Lebensmittel-Discounter und ein
Drogeriemarkt sowie Gastronomie vorgesehen. Abgerundet
wird das Konzept mit weiteren Gewerbeflächen, einer
wohnungsnahen Seniorengemeinschaftsfläche und einer
privaten Großtagespflege für Kinder. Insgesamt entstehen
rund 8.500 Quadratmeter Wohnen und 8.000 Quadratmeter
Gewerbe, davon 7.100 Quadratmeter Handelsflächen.
Hinzu kommt eine Tiefgarage mit rund 200 Pkw-Stellplätzen.
Ein Großteil der über 300 geplanten Fahrradstellplätze
wird ebenfalls unterirdisch entstehen. Rolltreppen und
Aufzüge verbinden das Parken nicht nur mit den Ladenflächen,
sondern auch mit dem späteren Yorkshire-Platz und
dem Boulevard des York-Quartiers. E-Ladestationen sowie
Sharing-Angebote für Lastenräder gehören zum Mobilitätskonzept.
Die Wohnungen in dem mit Fernwärme und
Strom aus Photovoltaik versorgten Ensemble werden nach
BEG-40-Standard geplant. Münsters Oberbürgermeister
Markus Lewe freut sich über den erzielten Abschluss: „Es
Visualisierung: Landmarken AG
So soll das zukünftige Quartier in Münster einmal aussehen.
BEST PRACTICE 191
ist ein wichtiges Projekt nicht nur für das York-Quartier,
sondern auch für die Stadtteile Gremmendorf und Angelmodde.
Nun besteht die Chance, das Einzelhandelsangebot
im Stadtteilzentrum zukunftsfähig auszubauen.“ Jens Kreiterling,
Vorstand der Landmarken AG, sagt: „Wohnraum für
alle Generationen, Gastronomie und Einkaufsangebote für
die ganze Umgebung – das ist gesellschaftlicher Mehrwert,
den wir hier auf dem ehemaligen Kasernengelände schaffen.
Ein wichtiger Quartiersbaustein, den wir gemeinsam
mit der KonvOY in einer offenen und guten Zusammenarbeit
auf den Weg bringen konnten.“
Die verschiedenen Nutzungsbausteine würden einen Beitrag
zum Quartier der kurzen Wege leisten, sagt Thomas
Binsfeld, Prokurist und Partner bei Landmarken: „Mit seinen
integrativen Wohn- und Einkaufsangeboten wird dieses
Projekt über das Quartier hinaus eine soziale Wirkung
entfalten.“
Stephan Aumann, Geschäftsführer der KonvOY GmbH, ergänzt:
„Die Kundinnen und Kunden und die Bewohnerschaft
werden überwiegend das Fahrrad nutzen, aber
Einzelhandel mit Parken nur in einer Tiefgarage ist das Besondere
des innovativen Projektes. Die Umsetzung dieses
wichtigen Bausteins wird nun weitere Investitionen und
Nachfragen im York-Quartier anstoßen.“
Städtebaulich und architektonisch nehmen die beiden Gebäude
eine Brückenfunktion ein. Der begrünte Boulevard
des York-Quartiers findet zwischen den beiden Neubauten
mit einer öffentlich begehbaren „Grünen Fuge“ eine Verlängerung
bis zum Yorkshire-Platz. Der Platz selbst wird als
Teil des Stadtteilzentrums durch KonvOY gebaut und ebenfalls
mit der Fertigstellung der Gebäude abgeschlossen sein.
Gestalterisch wird das Neubauprojekt der Landmarken mit
großen Fensterflächen und Klinkerfassaden Bezug auf das
Stadtteilzentrum nehmen. Der Dachgarten auf den Erdgeschossdächern
bietet als grüne Freifläche für die jungen
und älteren Bewohnerinnen und Bewohner sowie für die
Kinder der Großtagespflege besondere Aufenthaltsqualität.
Das Projekt ist Teil der Entwicklung des York-Quartiers
auf dem ehemaligen britischen Kasernengelände zu einem
neuen Stadtteil mit 1.800 Wohneinheiten, Nahversorgung,
gewerblichen Flächen, Gastronomie, Grundschule, Kitas
und Bürgerhaus sowie Naherholungsmöglichkeiten. In den
kommenden Monaten wird der Bauantrag für das Projekt
erstellt und eingereicht, sodass für Anfang 2026 mit dem
Beginn der Bauarbeiten gerechnet werden kann.
192 BEST PRACTICE
Berliner Quartier FÜRST will neuer
Mittelpunkt am Ku‘damm werden
Das FÜRST, platziert in bester Lage des Berliner Kurfürstendamms, soll
nach vollendeter Revitalisierung der neue urbane Mittelpunkt für Berlins
City-West werden. Es ist ein nachhaltig konzipiertes Quartiersprojekt und
verbindet die Nutzungen Büro, Handel, Gastronomie, Hospitality, Fitness,
Kultur und Entertainment für Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste aus
dem In- und Ausland.
Rund 50 Prozent der Baumaßnahmen sind bereits abgeschlossen.
Seit Juli 2024 sind die Bauarbeiten wieder mit
voller Kraft aufgenommen worden, sodass ab Ende 2025 /
Anfang 2026 die Eröffnungen von weiteren Nutzungen und
Quartiersbausteinen erfolgen sollen.
Rückkehr der Komödie am Kurfürstendamm
Ein Highlight wird dabei sicher die Rückkehr der legendären
Komödie am Kurfürstendamm an ihren ursprünglichen
Standort werden. Das Theater verfügt über ca. 670 Plätze
und hat eine Bruttogrundfläche von rund 5.200 qm.
Foto: FÜRST Berlin
Die Bauarbeiten am FÜRST am Kurfürstendamm gehen wieder zügig voran. COO Gerhard Leonhard Dunstheimer hat im Beisein von Florian
Hauer, Staatssekretär des Landes Berlin, Christoph Brzezinski, Bezirksstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, und Martin Woelffer, Intendant
Komödie am Kurfürstendamm, bei einem offiziellen Termin im September 2024 die Baumaßnahmen vorgestellt.
BEST PRACTICE 193
Visualisierung: FÜRST Berlin
So soll das Quartier FÜRST nach Fertigstellung aussehen.
Mit seiner historischen Bedeutung und modernen Ausstattung
dürfte es sich perfekt in das Quartierskonzept einfügen
und die Attraktivität der City West weiter steigern.
Leuchtturmprojekt mit Strahlkraft
Florian Hauer, Staatssekretär des Landes Berlin: „Der Berliner
Kurfürstendamm hat Strahlkraft auf ganz Europa. Mit
dem FÜRST wird die Attraktivität nicht nur der City West,
sondern Berlins gestärkt.Deswegen hat Berlin die Fortsetzung
der Arbeiten tatkräftig unterstützt.“
Erster Baustein bereits im Betrieb
Das Quartier FÜRST ist mit dem ersten Baustein an der Uhlandstraße
bereits in Betrieb. Dieser voll vermietete Quartiersbaustein
wird, wie das gesamte Quartier, gemischt
genutzt. Mieter stammen aus den Bereichen Gastronomie,
Handel und Büro, darunter Rewe, RTL, CELLS Group und
Mindspace. „Nun realisieren wir die verbleibenden Quartiersbausteine,
um das Quartier mit weiteren bestehenden
und neuen Nutzungen noch vielfältiger zu machen und dem
Ort eine einzigartige Strahlkraft zu verleihen“, sagt FÜRST-
COO Gerhard Dunstheimer.
Christoph Brzezinski: „Das FÜRST ist ein Leuchtturmprojekt.
Es wird städtebaulich und architektonisch das Gesicht
des Kurfürstendamms und Charlottenburgs prägen. Und
das inmitten von Arbeiten, Flanieren und Kultur.“
Projekt auf sicheren Beinen
Eigentümerin des FÜRST ist die Project Lietzenburger Straße
PropCo S.à r.l (PLSP). Die Quartiersentwicklung ist bis
zur Fertigstellung zu 100 Prozent durchfinanziert.
194 BEST PRACTICE
Blaupause für Städte und Kommunen:
Warenhaus-Umwidmung à la Herne
Als 2009 in der Ruhrgebietsstadt Herne das Warenhaus Hertie
schloss, drohten der Innenstadt Ödnis und städtebaulicher Zerfall.
Denn das Kaufhaus, das zeitweise auch als Karstadt firmierte, galt
als wichtiger und stadtbildprägender Frequenzbringer für die City.
Nun lag das denkmalgeschützte Gebäude brach. Was sollte aus dieser
Schlüsselimmobilie für die Innenstadt werden? Über zehn Jahre
dauerte die Transformation des ehemaligen Warenhauses in den
modernen, multifunktional genutzten Gebäudekomplex „Neue Höfe
Herne“.
Foto: privat
Für die Stadtentwicklung ist es inzwischen eine Erfolgsstory.
Und auch anderen Kommunen, die von den jüngsten
Schließungen von Standorten der Kaufhauskette Galeria
Karstadt Kaufhof betroffen sind oder nach der Signa-Insolvenz
um die örtlichen Filialen bangen, können sie nicht nur
Hoffnung machen, sondern auch als Blaupause für eine Revitalisierungsstrategie
dienen.
Den gordischen Knoten für den Umbau und die Umnutzung
des Gebäudes habe die Stadt 2014 durchschlagen, sagt
Stadtkämmerer Hans-Werner Klee. Damals kaufte die Stadt
das alte Hertie-Gebäude über eine kommunale Stadtentwicklungsgesellschaft.
Die Kaufsumme lag schätzungsweise zwischen 500.000 und
700.000 Euro. Auf diese Weise erschloss sich die Stadt hinsichtlich
der Gebäude- und damit auch der Innenstadtentwicklung
einen zusätzlichen Handlungsspielraum über planungsrechtliche
Vorgaben hinaus.
Klee spricht von „Zwischenerwerb“. Die Idee sei es gewesen,
das Gebäude in einem strukturierten Prozess wieder zurück
in den Markt zu gegeben. Der Verkaufspreis lag etwa doppelt
so hoch wie der Kaufpreis. „Doch aus Sicht der Stadt war
nicht der Verkaufspreis entscheidend, sondern vor allem
das Nutzungskonzept“, erklärt Klee. Dies sei ein wichtiger
Erfolgsfaktor für die gelungene Revitalisierung gewesen.
Nach einem Investorenwettbewerb kaufte der Projektentwickler
Landmarken 2016 das Gebäude. 2018 war Baubeginn.
2021 wurde das Haus mit den stolz auf dem Dach
prangenden Lettern „Neue Höfe“ eröffnet.
Hernes langjähriger Stadtkämmerer Hans-Werner Klee
In das imposante Gebäude mit seiner markanten Architektur
ist ein multifunktionales Nutzungskonzept eingezogen.
Es bietet Raum für Einzelhandel, Gastronomie, Büroflächen,
Freizeiteinrichtungen wie ein Fitnesscenter und Dienstleistungsbetriebe.
Klee spricht von rund 500 Arbeitsplätzen, die
BEST PRACTICE 195
Foto: Stadt Herne (Thomas Schmidt)
Neue Höfe Herne
hier entstanden sind. Stadtstrategisch wichtig sei es nicht
nur gewesen, auf diese Weise eine städtebauliche Abwärtsspirale
zu vermeiden, sondern auch einen vorbildgebenden
Impuls, ein „Ankerinvestment“, für die weitere
Innenstadtentwicklung zu setzen.
Klee weist auf vergleichbare Umnutzungen und Bauten
hin, die die Herner Innenstadt prägen. Da sind etwa das
City Center und der Europagarten, ebenfalls große Gebäudekomplexe,
die saniert und im Sinne einer multifunktionalen
Nutzung konzeptionell neu ausgerichtet wurden.
Im City Center, einem aus den 1950er Jahren stammenden
Einkaufszentrum, finden sich heute Einheiten für Einzelhandel,
Dienstleistungen, Büros und Wohnen. Der Gebäudekomplex
Europagarten verbindet dort, wo früher das
Modehaus Adler residierte, in einem Neubau nun unter
anderem eine inklusive Kita, einen Lebensmittelmarkt sowie
Praxis- und Büroräume miteinander.
Die einzelnen privatwirtschaftlichen Projekte stehen aber
nicht allein. Sie sind eingebettet in eine städtebauliche
Strategie für die City, die die Stadt unter dem Motto „Herne-Mitte
baut um“ vor etwa zehn Jahren angelegt hat. „In
der Innenstadt tut sich was“, sagt Klee und fügt aus Sicht
der Kommunalverwaltung hinzu: „Wir wollen die Stadt gestalten
und nicht verwalten.“
196 BEST PRACTICE
Visualisierung: Art Invest
In der Wiesbadener Innenstadt soll mit deen Mauritius Höfen ein Quartier mi6 hoher Aufenthaltsqualität entstehen.
Ex-Einkaufspassage avanciert zu
neuem Dreh- und Angelpunkt der City
Mitten in der Wiesbadener Innenstadt entwickelt Art-Invest Real Estate die Mauritius Höfe, ein Quartier,
das neues Leben in die City einhauchen und Mietern, Nutzern und Besuchern gleichermaßen eine
hohe Aufenthaltsqualität bieten soll. Als Ort der Begegnung hat das rund 7.055 qm große Areal das
Potential, der neue Dreh- und Angelpunkt Wiesbadens zu werden und ist damit auch aus städtebaulicher
Sicht von zentraler Bedeutung.
Auf insgesamt 23.800 qm Bruttogeschossfläche zeigt sich
der Nachfolger der ehemaligen City Passage mit einem modernen
Nutzungsmix, der ganz selbstverständlich Arbeiten,
Wohnen, Freizeit und Einkaufen miteinander verbindet.
„Das rund 7.200 m2 große Areal ist für die Weiterentwicklung
der Wiesbadener Innenstadt ein prägendes Schlüsselgrundstück.
Mit dem erfolgreichen Abschluss des Bieterverfahrens
und dem Verkauf an Art-Invest ist ein wichtiger
Meilenstein erreicht, um die Attraktivität und Belebung
des Standortes nachhaltig sichern zu können“, äußerte sich
Gert-Uwe Mende, Oberbürgermeister und Vorsitzender des
WVV-Aufsichtsrates.
In den oberen Geschossen sind Flächen für weitere gewerbliche
Nutzungen vorgesehen, die für zusätzliche Frequenz
sorgen – wie zum Beispiel ein Hotel und Büroflächen. Darüber
hinaus sind auch Wohnungen geplant, sodass der Standort
zukünftig von einem vielseitigen Nutzungsmix geprägt
wird.
198 BEST PRACTICE
Blau.Quartier Ulm: Vom
Einkaufszentrum zum Stadtquartier
Transformation der Innenstädte ist beileibe kein neues Thema. Stadtentwicklung ist eine permanente
Herausforderung für die kommunalen Verantwortlichen und die Immobilienbranche.
Allerdings sind die Anforderungen in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich gestiegen.
Es gilt nicht mehr nur, den sich verändernden Bedürfnissen der Menschen, der Wirtschaft und
der Kommunen vor Ort zu folgen. Vielmehr setzen die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz
übergeordnete Punkte ins Pflichtenheft.
Wie echte Transformation trotzdem funktionieren kann,
zeigt auf beeindruckende Weise ein Projekt, das derzeit in
Ulm zu Realisierung ansteht: Aus einem Einkaufszentrum
wird ein neues, gemischt genutztes Quartier.
Mitte der 90er Jahre eröffnet, ist das Blautalcenter eines der
größten Einkaufszentren im süddeutschen Raum. Bei einer
Gesamtfläche von rund 44.000 qm sind etwa 37.000 qm als
Verkaufsfläche ausgewiesen. Das Grundstück, auf dem das
Gebäude steht, umfasst mehr als sechs Hektar. Das Einkaufszentrum
galt seinerzeit mit mehr als 100 Geschäften
als Einkaufsparadies und erfreute sich einer hohen Kundenfrequenz.
Aber im Laufe der Jahre ließ die Attraktivität nach,
Mieter zogen aus, Leerflächen waren die Folge. In den Jahren
2012 bis 2015 wurde das Blautalcenter nochmals aufwendig
umgebaut und saniert, aber auch das verhinderte den
schrittweisen Anstieg des Leerstands nicht. Am Ende waren
rund 40 Prozent der Verkaufsfläche betroffen. Schließlich
trennte sich der vormalige Eigentümer von dem Objekt. Nun
kümmert sich im Auftrag des Grundstückseigentümers ein
Joint-Venture aus Periskop Development GmbH (vormals
DLE) und HLG Real Estate um die Konversion des Shopping
Centers. Periskop Development ist Assetmanager und auf
zukunftsorientierte Quartiersentwicklung fokussiert.
Die Größe des Grundstücks von mehr als 60.000 qm, die
riesige Tiefgarage und die ausgezeichnete Anbindung an
den ÖPNV gaben Raum für ungewöhnliche Ideen. Das Konzept
„Blau.Quartier“ entstand.
In einem Zeitraum von rund zehn Jahren soll nun ein neues
Stadtquartier entstehen. Ein bunter Mix aus Wohnungen,
Sozial- und Freizeitangeboten sowie Büros ist vorgesehen.
Ein kleiner Teil des heutigen Einkaufszentrums wird den
Einzelhandel zur Nahversorgung beherbergen. Vor allem
aber die zukünftige Wohnnutzung ist in Zeiten des Mangels
eine wesentliche Komponente. Etwa 1.000 Einheiten unterschiedlicher
Größe sollen zukünftig rund 2.000 Menschen
Alle Fotos: ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS
So wie auf diesen beiden Fotos soll das zukünftige „Blau.Quartier“ nach Fertigstellung aussehen.
BEST PRACTICE 199
Die Größe des Grundstücks (ca. 60.000 qm), die riesige Tiefgarage und die ausgezeichnete Anbindung an den ÖPNV
gaben Raum für ungewöhnliche Ideen.
ein Zuhause geben; für die boomende Stadt Ulm, Standort
einer Universität und großer Technologieunternehmen,
eine willkommene Aussicht. Die unmittelbare Nähe zum Ulmer
Stadtregal, ein auf einem ehemaligen Werksgelände von
Magirus-Deutz entstandenes gemischt genutztes Ensemble,
sorgt für die harmonische Einbettung des Blau.Quartiers ins
Stadtbild.
Ein besonderes Augenmerk wird bei der Transformation
auf das Thema Nachhaltigkeit gelegt, sowohl bei der Projektrealisierung
selbst als auch beim späteren Betrieb. So
soll bei der Umgestaltung des Areals möglichst viel von der
Bestandsbebauung wiederverwendet werden. Das betrifft
nicht nur den teilweisen Erhalt von Unter- und Erdgeschoss,
sondern auch die Nutzung bereits vorhandenen Materials
zur Erstellung neuer Gebäude und Einrichtungen. Bis zu
20 Prozent der Baumasse soll im Rahmen der Konversion
zurückgeführt werden und die CO2-Emissionen spürbar
senken. Auch die Ausgestaltung der Freiflächen rund um die
geplanten Wohneinheiten zielt auf die Themen Umweltverträglichkeit
und Klimaschutz. So werden aktuell versiegelte
Flächen im Rahmen der Umgestaltung entsiegelt und aktive
Maßnahmen zur Speicherung und Nutzung von Regenwasser
vorgesehen. Ziel ist ein selbsttragendes System, das
ohne die Entnahme von Grundwasser die Bewässerung des
neuen Quartiers sicherstellt. Hinzu kommt der großflächige
Einsatz von Photovoltaik und Dachbegrünungen. Auch den
sozialen Komponenten einer attraktiven Wohnumgebung
wird mit dem Konzept Rechnung getragen. Mit einem ausgewogenen
Mix quartiersbezogener Dienstleistungen – wie
etwa Angeboten aus den Bereichen Gastronomie, Gesundheitsvorsorge
und Bedarfe des täglichen Lebens – sollen
auch eine Kindertagesstätte und ein Mobility Hub mit umfangreicher
Infrastruktur für E-Mobilität für gute Lebensqualität
und eine lebendige Atmosphäre sorgen. Zudem soll
das Gesamtquartier auch davon profitieren, dass durch die
Nutzung der enormen Tiefgaragenflächen große Teile des
Individualverkehrs zukünftig unterirdisch fließen werden.
200 BEST PRACTICE
Aus ehemaligem Postscheckamt
entsteht nachhaltiges Quartier
Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg entstand innerhalb von rund drei Jahren das urbane
Quartier „Die Macherei Berlin-Kreuzberg“. Art-Invest Real Estate errichtete auf der ca. 20.000 qm
großen Grundstücksfläche am Halleschen Ufer im Kreuzberger Norden neben öffentlichen Quartiersplätzen
drei Gebäude mit unterschiedlichen Architektursprachen
Rund 66.000 qm Bruttogeschossfläche wurden für Büros,
Geschäfte und Einzelhandel, Restaurants, Co-Working sowie
ein Fitnessstudio bereitgestellt. Für die Architektur
zeichnen die drei international renommierten Architekturbüros
Sauerbruch Hutton, Eike Becker Architekten und Robert
neun Architekten verantwortlich.
Herzstück des Ensembles ist der sogenannte Design-Tower
M50, der mit rund 30.500 qm als ökologische Revitalisierung
des stadtbekannten ehemaligen Postscheckamtes angelegt
ist. Bei der Umsetzung wurde auf höchstmögliche Klimaverträglichkeit
geachtet. So wurde M40 – das Holz-Carré –
als Holzhybrid mit rund 27.800 qm errichtet und M60 – das
Zero-CO2-Haus – wird dank Photovoltaik-Technik einen
klimaneutralen Betrieb auf ca. 8.200 qm ermöglichen. Im
Inneren sind verschiedene und flexible Büroformen möglich,
insbesondere auch moderne New-Work-Büroflächen
mit großzügigen Meeting- und Kollaborations-Flächen, um
den künftigen Anforderungen der Arbeitswelt gerecht zu
werden.
Zwischenzeitlich haben die Gebäude M40, M50 und M60
das Vorzertifikat WELL Platin des International Well Building
Institutes erhalten. Der WELL Building-Standard ist
ein Bewertungssystem, das sich ausschließlich auf das Ziel
konzentriert, mit der Gestaltung von Gebäuden und Innenräumen
positiven Einfluss auf den Komfort, die Gesundheit
und das Wohlbefinden der Nutzer zu nehmen. Zudem strebt
Art-Invest Real Estate die WELL Community-Zertifizierung
für „Die Macherei Berlin-Kreuzberg“ an, womit es das erste
Quartier in Deutschland wäre, das diese Zertifizierung erhält.
Das achtgeschossige Büro- und Geschäftshaus M40 bezeichnet Art
Incest als der „natürliche“ Star des Quartiers.
M40 hat zahlreiche Außenterrassen, eine bepflanzte Dachfläche sowie
einen offenen Innenhof.
BEST PRACTICE 201
Alle Visualisierungen: Art-Invest
Die Macherei Berlin-Kreuzberg am Halleschen Ufer in Berlin mit einer Gesamtfläche von 66.500 qm Gewerbe und 8.100 qm Wohnen will
Stadtzukunft in zentralster Lage möglich machen.
Das M50 bietet spektakuläre Ausblicke und hat außergewöhnliche
Konzepte im EG
Das M60 ist Deutschlands erstes Net-Zero-Bürohaus dieser Größe
dank modernster Photovoltaik-Technik.
202 BEST PRACTICE
Düsseldorf: Alte Kämmerei erhält
neues Leben – durch
Handel und Gastronomie
Es hat alles länger gedauert, aber jetzt ist es auf gutem Weg: Die Kämmerei neben
dem Düsseldorfer Rathaus wird derzeit von Art-Invest kernsaniert und behutsam
modernisiert.
Der vierflügelige, rund 10.000 qm umfassende Ziegelsteinbau
mit Werksteinelementen wurde in den Fünfzigerjahren
errichtet und diente jahrzehntelang als Standort der Düsseldorfer
Stadtkasse. Die Fertigstellung dürfte bis Herbst
2025 erfolgen.
Retail- und Gastroflächen verfügen. Über einen neu geplanten
Eingang im Arkadengang wird zukünftig ebenfalls
die Eventfläche erreicht, die das Gebäude wiederbelebt. Das
entstehende Restaurant erstreckt sich über zwei Ebenen
zum Marktplatz.
Zunächst wurde der marode Kelleranbau der Kämmerei zum
Rheinort zurückgebaut sowie das Dach entkernt und schadstoffsaniert.
Das Gebäude schließt den Marktplatz südlich
ab und wird auf der zum Flanieren einladenden Passage an
der Marktstraße über Arkadengänge mit dahinterliegenden
An seiner prominentesten Gebäudeseite gegenüber des Rathauses
erhält das Objekt ein frisches Gesicht und öffnet sich
zum Platz. Sechs Fenster, die zu drei großzügigen Öffnungen
zusammengefasst werden, verleihen der Fassade einen
einladenden Charakter.
Visuialsierung: Art-Invest
Perspektive Kämmerei Marktplatz
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204 BEST PRACTICE
Spaces of Tomorrow: Interaktive
Kommunikation für die Zukunft urbaner
Quartiere und Student Residencies
Die Stadt der Zukunft ist vor allem durch den intelligenten Mix aus Leben, Arbeiten, Einkaufen
und Freizeitgestaltung gekennzeichnet. Diese Vision, bei der urbane Räume als dynamische
Lebensorte für Communities neu gedacht werden, verfolgt Dieter Sawatzki, Gründer
und Geschäftsführer von SawatzkiMühlenbruch, bereits seit vielen Jahren. Mixed-Use-
Quartiere schaffen räumliche Nähe und bilden ein Netzwerk aus vielfältigen Akteuren. „Der
Schlüssel zum Erfolg dieser Quartiere liegt in einer aktiven, offenen und zielgerichteten
Kommunikation, die den Austausch zwischen Bewohnerinnen und Bewohner, Gewerbetreibenden,
Kunden, Eigentümern und Dienstleistern fördert“, betont Dieter Sawatzki, dessen
Team mit innovativen Kommunikationstechnologien und -konzepten intensiv auf den zukunftsweisenden
Trend Mixed-Use-Quartiere setzt.
Kommunikation ist der Herzschlag eines jeden Quartiers
Mixed-Use-Quartiere bieten zahlreiche Vorteile: Sie reduzieren
Wege, beleben städtische Räume und fördern soziale
Vielfalt. Doch diese Vorteile bleiben ungenutzt, wenn die
Akteure isoliert bleiben.
Das Team von SawatzkiMühlenbruch wendet in der Quartierskommunikation
das zielgerichtet an, was sie in mehr
als einer Dekade Retailkommunikation gelernt haben: Erst
der Dialog schafft Verbindungen, Ideen und gemeinsames
Wachstum. Die Expertinnen und Experten entwickeln digitale
Kommunikationsräume in Form von interaktiven Apps,
Web- und Social-Media-Auftritten der Quartiere und initiieren
darüber die Vernetzung und den Austausch der unterschiedlichsten
Player. Durch die aktive Gestaltung und
Bespielung dieser Kommunikationsräume entstehen lebendige
Gemeinschaften.
Mit Freunden teilen, was Freude macht
Die Social-Media-Unit der Digitalagentur bespielt die entwickelten
CommunityApps, implementiert interaktive
Features auf den Webauftritten, akquiriert Content und
managet täglich die spannende Kommunikation auf den
Facebook-, Instagram-, und TikTok-Profilen. Sie bündelt
allgemeine und spezielle Informationen – von Öffnungszeiten
lokaler Geschäfte bis zu anstehenden Events.
Die integrierten Feedbackfunktionen ermöglichen Bewohnenden
und Kunden, ihre Ideen und Anliegen direkt mit den
Betreibenden zu teilen, lokale Händlerinnen und Händler,
Kulturinitiativen oder Start-ups können durch den Austausch
untereinander gemeinsame Projekte entwickeln.
Großer Vorteil für Quartiersplaner und -betreiber: Sie erhalten
wertvolles Feedback, um die Quartiere kontinuierlich
an die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer anzupassen.
Home Sweet Home – Projektstart für Student Residencies
in den USA
Stellen Sie sich vor, es gibt eine Wohnheim-Party und niemand
findet hin … Mit dem Ziel, die soziale Kommunikation
für Studierende in den USA auszubauen und vor allem die
Orientierung auf dem Campus zu vereinfachen, hat SawatzkiMühlenbruch
eine Screen-Anwendung entwickelt, die Hot
BEST PRACTICE 205
Foto: SawatzkiMühlenbruch
Durch die aktive Gestaltung und Bespielung von Kommunikationsräumen entstehen lebendige Gemeinschaften: In den Lobbies von mehr als 500
Wohneinheiten hängen Monitore, die von SawatzkiMühlenbruch im Splitscreen-Verfahren bespielt werden.
News aus der Uni oder dem Wohnheim und eine einfache
Wegeführung miteinander vereint.
In den Lounges oder Lobbys von über 500 Wohnheimen
hängen große Monitore, die von der Digitalagentur im Splitscreen-Verfahren
bespielt werden.
Zwei Drittel des Screens werden mit lokalen Highlights bzw.
auf das Wohnheim oder die Uni bezogenen Inhalten bespielt,
ein Drittel steht für Werbetreibende zur Verfügung.
Via Scannen des integrierten QR-Codes oder RFID-Chips
können Studierende alle Informationen auf ihre Smartphones
holen und sich mobil den Weg anzeigen lassen.
Das Ziel: Gemeinschaft statt Anonymität
Mixed-Use-Quartiere, Smart-Living-Gebäude und vor allem
Wohnheime sollen keine gesichtslosen Immobilien sein
– sie sind Orte des Zusammenkommens, des Austauschs
und der gemeinsamen Gestaltung. Durch eine klare Fokussierung
auf Kommunikation wird aus bloßer Nähe echte
Vernetzung.
Es geht darum, Räume zu teilen und vor allem Ideen, Erlebnisse
und eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. Das Ergebnis
ist mehr als eine funktionierende Infrastruktur – es
ist eine lebendige Community, die den städtischen Wandel
aktiv mitgestaltet.
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