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1 year ago

Teil 7/12: Eurythmie

Anthroposophische Perspektiven - In dieser Aufsatzreihe stellen Autoren beispielhaft Perspektiven der Anthroposophie auf das Lebensgebiet ihrer Berufspraxis vor.

»Das Maß, in dem ich

»Das Maß, in dem ich mich bewege, und die Art, in der ich mich bewege, bestimmen, was ich von mir und der Welt draußen weiß: Das Wissen um unseren Körper beruht in hohem Maße auf unseren Handlungen.« Deane Juhan, 1997 Der Heilkünstler stellt seine Fähigkeiten und Techniken altruistisch für den kranken Menschen zur Verfügung. Er gibt sich ganz dem für die Heilung nötigen Ablauf hin. Im sozialkünstlerischen Prozess begegnen sich freie Individuen mit ihren Fähigkeiten, die auf ganz unterschiedlichen Gebieten liegen können, und entfalten in einem gemeinsamen Gestaltungsvorgang kreativ neue innere und äußere Kompetenzen im gemeinsamen Prozes. Was dabei sichtbar oder dokumentierbar entsteht, ist nicht im Vordergrund. Es kann sich um einen reinen »Übweg« handeln, den Menschen miteinander gehen, es können aber durchaus auch bühnenwirksame Gestaltungen dabei herauskommen. Das Ziel ist die Verwandlung der persönlichen und sozialen Wirklichkeit. EURYTHMIE IST KUNST … Eurythmie ist auf der Bühne so lebendig wie die Künstler, die sie ausüben. Die starke Einbindung in die anthroposophische Gesellschaft, eine inhaltliche Überfrachtung mit Idealen und Ideen, die Kraft kostende Aufbauarbeit neuer Eurythmieausbildungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie ein Schutzbedürfnis, die Substanz der Eurythmie zu bewahren, hat die Entwicklung einer spielerischen, mutigen Eurythmieszene lange Jahre eher erschwert. Beobachtet man die zeitgenössische Tanz- und Bewegungslandschaft genauer, so ist die Suche nach individuellem und gleichzeitig menschlich-verbindendem Ausdruck, das Umgehen mit Energien, Kräften und Naturzusammenhängen, die innige und evolutive Verbindung zu Sprache und Geist mittlerweile ein normales Phänomen. Eurythmisten sind in guter Gesellschaft. Im kulturellen Zusammenhang haben sich Tänzer weitestgehend emanzipiert und zu sehr differenzierten, oft in keiner Weise vergleichbaren Ausdrucksformen gefunden. Ein Austausch mit der Tanzszene, die in sich vielgliedrig, disparat und mehrschichtig ist, kann auf verschiedenen Ebenen sinnvoll sein und als Einladung empfunden werden, die Eurythmie überhaupt wirklich als Kunst zu betrachten. Das heißt nichts Fertiges zu finden, sondern als Eurythmist frei zu gestalten, im Spiel ohne Angst und ohne doppelten Boden, im Dialog mit dem Publikum fantasievoll künstlerisches Potenzial zu entfalten. Die neue Eurythmistengeneration scheint gerne darauf zuzugehen. Ein Einbinden, Vernetzen und Austauschen mit anderen Bewegungskünstlern wird zu mehr Transparenz, Kollegialität und gesunder Konkurrenz führen. Tanzwissenschaft, -geschichte, -ästhetik sind im allgemeinen Wissenschaftsbetrieb recht neu, und wir sollten Eurythmiewissenschaft, -geschichte und -ästhetik direkt als Teil davon begreifen. Ganz nebenbei kann so das vieldimensionale Menschenbild der Eurythmie ein Teil der Gesellschaft werden. Ihre Besonderheit, jede Bewegung unter qualitativen Aspekten zu empfinden und zu gestalten, ihre intensive Nähe zu den Wirkfaktoren von Sprache und Musik sowie ihre spirituelle Tiefgründigkeit vermögen grundlegenden Bedürfnissen der Moderne zu entsprechen. DAS »LIEBLINGS-HASSFACH« IN DER WALDORFSCHULE? Meine eigene Schulbiografie spielte sich in einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium in Bayern ab – was ich später als Dilemma von Eurythmielehrerinnen an Waldorfschulen erlebte, war damals an meiner alten Schule das Dilemma der Musik-, Kunst- und Religionslehrerinnen. Künstlerische und ethische Fächer wirken nur aus sich selbst, aus der fachlichen Faszination und aus der authentischen Person ihrer Schöpfer, der Kunstoder Musiklehrer, aus ihrer persönlichen und fachlichen Aus der Zusammenarbeit von Rudolf Steiner mit den frühen Eurythmistinnen entstanden Eurythmieformen zu Sprüchen, Gedichten und Musik. Diese Formen beschreiben die Grundlage einer Raumgebärde. Im September 1922 zeichnete Rudolf Steiner eine Eurythmieform zum Regentropfen-Prélude von Frédéric Chopin (Prélude, Des-Dur, Op. 28, Nr. 15). 6

ZUR SOZIALEURYTHMIE Gespräch zwischen Ephraim Krause und Andrea Heidekorn: Beschreibst Du bitte Dein Bild von Sozialeurythmie? Es geht darum, Menschen Freiräume im eurythmischkünstlerischen Handeln zur Verfügung zu stellen, um sich selber zu gestalten, zu wachsen. Eurythmie entfaltet sich im Dazwischen – zwischen Menschen, Mensch und Natur, Mensch und Sprache und so weiter – da erlebe ich etwas wie einen frei verantwortlich zu gestaltenden plastischen dynamischen Wärmeprozess. Was ist Deine aktuellste Erfahrung mit Eurythmie in sozialen Arbeitsfeldern? Ich bin zum Beispiel momentan in der Studienbegleitung tätig. Grundlagen der Eurythmie mit Betriebswirtschaftsstudenten zu entwickeln, ist aufregend und immer wieder neu. Wie erweitern sich die Selbstwahrnehmung, das Prozessbewusstein und auch die Möglichkeiten sozialer Gestaltung durch eine Bewegungskunst wie die Eurythmie? Auf solche Fragen bekomme ich da in jeder Stunde neue Antworten! Firmen engagieren mich, um mit Mitarbeitern künstlerisch zu arbeiten. In Unternehmen oder in Projekten tätig zu sein, öffnet weite Räume für Hilfe und Unterstützung in Personalcoaching, Teamund Organisationsentwicklung, Bewusstseins- und Achtsamkeitstraining. Außerdem begleite ich gerade eine Masterstudentin bei ihren ersten Schritten, eurythmische Angebote an Offenen Ganztagsschulen durchzuführen. Die Eurythmie wird dort ganz selbstverständlich Seite an Seite mit Tanz unterrichten, voll akzeptiert und eingebunden. Das begeistert mich. Dafür arbeite ich gerne mit unseren Studenten. Jetzt gerade arbeite ich mit Amateuren und Eurythmisten an einem Bühnenprojekt in Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn – es heißt »Wieder geboren« und setzt Renaissance und Moderne durch die Themen Individualisierung und Verantwortung über Dichtung, Musik und Choreografie in Beziehung. Kannst du noch andere Arbeitsfelder für Sozialeurythmie nennen? Eurythmie mit Senioren ist zum Beispiel ein sehr ausbaufähiges Gebiet und tief sinnvoll. Ein Bereich, der in den nächsten Jahren immer dringlicher werden wird. In künstlerischer Bewegung lässt sich leicht an Erinnerungen, an innere Schätze anknüpfen, man bleibt wacher, verbundener mit dem eigenen Körper und dem Leben. Aber auch da, wo jemand »herausfällt« aus dem gängigen Biografiemuster – wegen Erschöpfung, in der Rehabilitation, oder krasser wegen Straftaten im Gefängnis und so weiter –, überall kommt es darauf an, neu die Mitte zu finden, die eigene Quelle für Kraft und innere Wertschöpfung und gemeinsame Auswege zu entwickeln und zu gestalten. Wie wird man Sozialeurythmist? Man muss Eurythmist sein, seine Mittel gut kennen und beweglich sein. Wir nennen das Studium in unserem Masterstudiengang in Anlehnung an Annemarie Ehrlich, eine große Pionierin der Sozialeurythmie, »Umbildung«. Wir helfen bei der Umbildung eurythmischer Fähigkeiten, um sie in persönlichen und sozialen Prozessen transparent und zielsicher nutzen zu können. Natürlich ist ein weiterer Schwerpunkt die Reflexion des eigenen und des kollegialen Tuns, der eigene Schulungsweg. Und dann die Hilfe zur Existenzgründung und Gestaltung der eigenen Berufsbiografie – was sind meine Stärken, wie mache ich sie sichtbar, bis in die Prospektgestaltung, wie finde ich Arbeitsstellen, wie baue ich sie aus? Das Masterstudium zur Sozialeurythmie ist deshalb berufsbegleitend – man arbeitet, entwickelt sein Arbeitsfeld und wird dabei kompetent begleitet. Wie findet man seine Arbeitsplätze im Sozialen? Sozialeurythmist zu sein ist etwas für Abenteurer und Unternehmerpersönlichkeiten. In der Regel schafft man sich sein eigenes Berufsfeld. Oft hat man es mit neuen Menschengruppen zu tun, mit Aufgaben, die man noch nicht zu lösen hatte. Es bleibt spannend, jeden Tag neu, und das Ergreifen einer Aufgabe hängt immer eng mit der eigenen Person zusammen. Trotzdem oder gerade um dieses »Einzelkämpfertum« in einen Zusammenhang zu stellen, bauen wir jetzt ein Netzwerk auf und haben einen gemeinsamen Flyer herausgegeben. Sozialeurythmie sehe ich auch als Teil der wachsenden Community Dance Bewegung. Ein spannender und sehr befriedigender Beruf! Kompetenz. Nirgendwo entlädt sich das komplette Potenzial der Schüler, Lehrer als Menschen in ihrer Fähigkeit, Mensch zu sein und zu bleiben, auf die Probe zu stellen, stärker und hemmungsloser als in diesen Fächern. Alle anderen Fächer, wie Mathematik und Werken, spiegeln scheinbar viel direkter und benotbarer die eigenen fachlichen Fähigkeiten und Fortschritte der Schülerinnen wider und lassen oft ihre persönlichen Fähigkeiten ganz außen vor – Anpassung, gutes Funktionieren genügt häufig. Das ist weder in Kunst noch in Religion oder Ethik der Fall. In diesen Fächern stellt sich die Frage an die Persönlichkeit und Fachkompetenz der Lehrerin. Es stellt sich also auch eine Frage an ihre Ausbildung. Souveräne, freie, kreative und kraftvolle Eurythmielehrer bieten schon immer einen begeisternden Unterricht. Gerade die Eurythmie fügt dem Reigen der Bewegungsfächer ein starkes Angebot hinzu. Für die Pädagogik wird immer deutlicher: »… das Maß, in dem ich mich bewege, und die Art, in der ich mich bewege, bestimmen, was ich von mir und der Welt draußen weiß: Das Wissen um unseren Körper beruht in hohem Maße auf unseren Handlungen« (Deane Juhan, „Körperarbeit«, 1997, Seite 396). Bewegungserfahrungen in unterschiedlichsten Formen sind wichtig für eine differenzierte selbstbewusste menschliche Entwicklung. Gibt uns der Sport die Möglichkeit, Kraft, Ausdauer, akrobatische Feinheit und Si- EURYTHMIE 7

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