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8 ÖSTERREICH 31. MÄRZ 2016 DIE ZEIT N o 15 DONNERSTALK Internet und Depression Studien sind eine feine Sache. Gäbe es sie nicht, man würde die Welt schier nicht mehr verstehen und stünde mit sperrangelweit geöffnetem Mund vor lauter unlösbaren Rätseln. Da es aber gewissermaßen zu jedem beliebigen Thema Studien gibt, die zu mannigfaltigen Ergebnissen kommen, wird für jede nur denkbare Frage eine passende Erkenntnis geboten. Diese Supermarkt-Wissenschaft ist sozusagen im Sonderangebot erhältlich. Doch wo großes Angebot herrscht, treten rasch Skeptiker auf den Plan, nennen wir sie intellektuelle Konsumentenschützer. Die meinen, mit der Verschiebung des Fokus von der Antwort auf die Frage Foto: Ingo Pertramer seien die Studien der Käuflichkeit ausgesetzt und das Wissen um die Dinge sei somit korrumpiert. Das ist natürlich kompletter Unsinn. Hier gilt es, wie immer, wenn ein generalisierender Blick auf die Welt einfache Antworten aufnötigt, zu differenzieren. So fand man nun in den USA, dem Schlaraffenland des Studienkults, heraus, dass zwischen der Nutzung sozialer Medien und Depressionen ein Zusammenhang besteht. Mit der Einschränkung, dass nicht eindeutig geklärt werden konnte, ob Depressive vornehmlich Facebook benutzen, weil das ein Symptom ihrer Erkrankung ist, oder ob erst der Konsum der Inhalte dieses Selbstdarstellerforums Depressionen hervorruft. Natürlich ist das Studium sozialer Medien an und für sich schon Anlass genug, um selbst Gemütsschwankungen zu bekommen. An sich normale Mitmenschen, die pausenlos ihr Essen fotografieren oder die Welt über ihre Stoffwechselgewohnheiten in Kenntnis setzen, machen für sich genommen bereits etwas traurig. Aber dass hauptsächlich emotional Wankelmütige diese Plattformen benützen, um ihren manisch-depressiven Psychokosmos digital zu duplizieren, scheint fast noch interessanter zu sein. Das würde nämlich auch auf die sozialhygienische Bedeutung einer Facebook-Therapie hinweisen. Offenbar muss man in der Veröffentlichung scheinbarer Sinnlosigkeiten einen codierten Hilferuf erkennen. Möglicherweise ist die Wirklichkeit allerdings noch ein Stückchen rätselhafter. Vielleicht steckt hinter der banalen Mitteilungsdiarrhö, die sich epidemisch ausbreitet, eine neue globale Bewegung: die Revolution der Genügsamen, die mit diesem Sozialverhalten auf den schnöden Überfluss reagieren. Es sind Menschen, denen 140 Twitter-Zeichen genügen, um ihr schlichtes Wesen auszudrücken, Menschen, für die ein Schnappschuss des morgendlichen Hamand-Eggs-Tellers bereits das ganze Glück dieser Erde bedeutet. Sicher gibt’s bald eine Studie, die auch diese umwälzende Erkenntnis belegen wird. AUSSERDEM Kanzler im Glück Alfred Dorfer hofft darauf, dass soziale Medien die Welt verändert haben Die Kunst des Regierens verlangt nach einer Reihe von Fähigkeiten, die nicht jedermann geschenkt sind: kühler Kopf, schlaue Ideen, ein wenig Hausverstand, Kompromissbereitschaft, aufrechte Haltung (gut, nicht unbedingt und immer). Nur wer ausreichend über diese Talente verfüge, heißt es gemeinhin, könne auch im Staatsgefüge Erfolg haben. Vom österreichischen Bundeskanzler kann man jetzt allerdings lernen, dass es auf all diese Faktoren vielleicht gar nicht so sehr ankommt, will man auf Dauer das Ruder in der, meinetwegen, ruhigen Hand halten. Wenn die Politik die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln ist, so kommt es vermutlich viel mehr auf eine Eigenschaft an, nach der schon der Alte Fritz, ein ausgewiesener Kenner der bewaffneten Macht, in der militärischen Sphäre verlangte: »Ich brauche Generäle, die nicht nur tüchtig sind, sondern auch Fortune haben.« Ja, es bedarf einer gehörigen Portion Glück, wenn es von allen Seiten Kritik hagelt und wenn niemand imstande ist zu erkennen, wie kühl der Kopf ist und wie schlau die Ideen. Fortuna muss einen Stammplatz am Kabinettstisch dieses Regierungschefs haben. Wie anders soll man sonst diese wundersame Fügung deuten: Gerade noch züngeln die Lästerzungen besonders giftig, da kommt den Kritikern des Kanzlers, die seit geraumer Zeit ebenso emsig wie erfolglos konspirieren, plötzlich ihre Galionsfigur abhanden. Das kam so: Dieser Wortführer der Kanzler- Widersacher, der freimütige Gemeindechef von Traiskirchen, wo häufig das Flüchtlingslager überquillt, so stellte sich nun heraus, hatte zweierlei Einkommen von seiner Kommune bezogen – einmal als Bürgermeister und einmal als Gemeindeangestellter. Das verstößt zwar gegen keine Bestimmung, aber angesichts der höheren Summe, die da zusammengekommen war, hat der rote Saubermann kräftig an moralischer Flughöhe verloren und muss sich vorläufig mit der bodennahen Sphäre sozialdemokratischen Fußsoldatentums begnügen. Vermutlich ist aber nur einem Politiker so viel Glück hold, der beherzigt, was Michel Foucault in seiner Kulturgeschichte der Regierungskunst preist: »Der abendländische Mensch hat gelernt, was zweifellos kein Grieche je zuzugestehen bereit gewesen wäre, er hat gelernt, sich als Schaf unter Schafen zu betrachten.« JR Mit der Zahl der ankommenden Flüchtlinge stieg das Engagement der Zivilgesellschaft. »Bei der Ehrenamtlichkeit geht es auch um Selbstaufwertung«, sagt ein Psychologe Helfer, die Hilfe brauchen Tausende Freiwillige springen seit vergangenem Sommer in der Flüchtlingsbetreuung ein, wo der Staat versagt. In die Euphorie, gebraucht zu werden, mischen sich nun Zweifel – auch an sich selbst VON BARBARA BACHMANN Im Keller des Flüchtlingsheims in der Siemensstraße in Wien, 21. Bezirk, kniet eine erkältete junge Frau. Bianca Lackner, blauschimmriger Lidschatten und abperlender Nagellack in ebendieser Farbe, sucht in Spenderboxen nach Acrylfarben. In den Osterferien will die 29-jährige Wienerin mit den Kindern basteln, die in den ehemaligen Büroräumen von Siemens leben. Will den Syrern, Afghanen, Irakern die Bedeutung des Festes erklären. Lackner ist mindestens dreimal die Woche da, zum Plaudern, zum Blödeln, um Spenden zu sortieren. Als eine Angestellte des Arbeiter-Samariter-Bunds, der das Heim betreibt, sie bittet, eine Gruppe von Flüchtlingen nach Schönbrunn zu begleiten, sagt sie sofort zu: »Sagt mir nur, wann.« Seit September arbeitet Lackner als Flüchtlingshelferin. Ehrenamtlich. Zeitlich geht es sich aus, weil sie seit zweieinhalb Jahren arbeitslos ist. Nur: »Seit ein paar Monaten fühlt es sich nicht mehr so an.« Bianca Lackner hat, wie viele Freiwillige, in der Flüchtlingskrise eine neue Aufgabe gefunden. Mit den Menschenströmen, die im vergangenen Sommer auch Österreich erreicht haben, entstand eine Welle der Hilfsbereitschaft. Tausende Freiwillige sind aktiv geworden auf den Bahnhöfen, an den Grenzen, in Notquartieren. Menschen, die Transporte erledigen, Deutsch unterrichten, mit dem Innenministerium telefonieren. Die Flüchtlinge zu Arztterminen begleiten oder sie gleich bei sich aufnehmen. Sie haben Vereine aus dem Boden gestampft, Eigeninitiativen gestartet, sind Aufrufen großer Organisationen gefolgt. Frauen wie Männer haben sich mobilisiert, Obdachlose, Blinde, Richter, Studenten. Damit hat die Zivilgesellschaft Aufgaben des Staates übernommen, aus einem Impuls heraus, einem Verantwortungsgefühl. Aber aus der Ausnahmesituation ist längst Alltag geworden und aus der Euphorie des Helfens oft Ernüchterung. Statt die Freiwilligen zu unterstützen, tritt die Politik mit Ideen wie der Umleitung von Spendengeldern in die Staatskassa auf. Es geht aber auch um das, was mit den Einzelnen in diesen Monaten geschehen ist: um Idealismus und Desillusionierung, um Selbstwahrnehmung und Selbstüberschätzung, um das Gebrauchtwerden und um Überforderung. Montag, 18 Uhr in der Sport- und Funhalle Donaustadt. Junge Burschen aus Syrien, dem Irak, Palästina haben sich Fußballtrikots angezogen und laufen neben ein paar gleichaltrigen Österreichern einem Ball hinterher. Ein Foul, der Schiedsrichter pfeift. Er heißt Joe Schramml, ist Psychotherapeut. Der 59-jährige Rapid-Fan ist Initiator von Play together now, einem Verein, Bianca Lackners Rekord sind 80 Wochenstunden, oft arbeitete sie 16 Stunden am Stück der über Fußball Integration ermöglichen will. Dreimal wöchentlich spielen, Kräfte messen, Deutsch üben: »Fußball hat eine therapeutische Wirkung, wenn auch nicht im klassischen Sinn«, sagt er. »Es braucht keine Sprache, die Regeln sind überall dieselben.« Es war im letzten Spätsommer, als Schramml aus dem Urlaub nach Wien zurückkam und mitten in der Flüchtlingskrise landete. Monate zuvor hatte er für eine Jugendgruppe Hallen zum Fußballspielen gemietet, spontan holte er nun Flüchtlinge dazu. »Das positive Feedback, das wir am Anfang bekamen, war überwältigend.« Die Bestätigung von außen pusht jeden Freiwilligen. »Bei der Ehrenamtlichkeit geht es auch um Selbstaufwertung«, sagt Dominique Schnötzinger. Auch er sei nicht gefeit davor gewesen, gesteht der Psychologe. Er war beim Train of Hope, einem spontan organisierten Zusammenschluss von vielen Hunderten von Freiwilligen am Wiener Hauptbahnhof, für die Vermisstensuche zuständig. Und er war stolz, als die Initiative im Dezember den Menschenrechtspreis erhielt: »Eine Rückmeldung und eine Bestätigung zu wollen, das ist urmenschlich.« Allerdings sei Selbstdarstellung oft nicht fern, sagt er. Menschen, die vor Flüchtlingsbooten Selfies machen, die stolz darauf sind, dass sie 24 Stunden nicht mehr geschlafen haben. »Hätte mir jemand vor fünf Jahren gesagt, dass ich je so tief eintauche, ich hätte ihn ausgelacht«, sagt Bianca Lackner. Die Helfergeschichte der früheren Biologiestudentin, die mit der Schwangerschaft das Studium abbrach, in Büros jobbte und derzeit arbeitslos ist, gleicht vielen anderen: Auf Facebook sieht sie den Aufruf, am Wiener Hauptbahnhof zu helfen. Ihre neunjährige Tochter ist gerade in der Schule, spontan fährt sie zum Bahnhof. Schon am nächsten Tag übernimmt Lackner die Teamleitung des Vorratslagers. Rekordwoche: 80 Stunden. Der Regelfall: 16 Stunden am Stück. Einmal ist sie doppelt so lange da, als um halb zwölf Uhr nachts fünf syrische Familien vor ihr stehen und eingekleidet werden müssen, aber niemand außer ihr sich im Lager auskennt. Ihre Tochter ist in dieser Zeit beim Vater oder bei der Großmutter, die beide das Engagement unterstützen. Die Sätze, die Lackner damals am häufigsten sagt, sind: »Hast du ...?« und »Bringst du mir ...?« Es ist wie im Rausch: Sie schleppt Kisten, rennt viele Kilometer, führt in den drei Monaten am Bahnhof kein Privatleben mehr. Nimmt vier Kilo ab. »Gegen Jahresende ist bei vielen eine Übermüdung eingetreten«, sagt Psychologe Schnötzinger. Dazu sei die Stimmung gegenüber Flüchtlingen – auch nach der Kölner Silvesternacht – gekippt. »Und manche sind naiv in die Freiwilligenarbeit gegangen.« Groß sei die Gefahr, zu viel zu machen, weil viel zu tun ist. Heraus kommen Helfer, die am Ende selbst Hilfe brauchen. Die überreizt sind, die man zwingen muss, für ein paar Stunden Pause zu machen. Schnötzinger erinnert sich an den Fall einer jungen Freiwilligen am Bahnhof, »die nicht mehr sozial interagieren konnte und aufhören musste«. Momente der Überforderung: Klar habe es die gegeben, sagt auch Bianca Lackner. »Mehr als einmal.« Aber: »Niemand von uns spricht gerne darüber.« Weil sich für jedes Problem eine Lösung fand, irgendwie. Der Train of Hope, sagt sie, war Hektik, Chaos und eine große Familie, frei von hierarchischen Strukturen. Wie viel Verklärung entsteht in der Ausnahmesituation des Notstandes? Mitte Dezember wurde die Arbeit am Bahnhof eingestellt, weil sich die Flüchtlingsrouten Wie viel Verklärung entsteht im Rausch des Notstandes? geändert haben. Bis dahin hat Bianca Lackner mehr als einmal überlegt aufzuhören. Aber was wäre dann passiert? »Ohne die Freiwilligen wäre die Flüchtlingshilfe zusammengebrochen.« Das Selbstbild der Unabkömmlichkeit erhält aber Gegenwind. Einerseits habe es sie selbstbewusster gemacht, das alles zu schaffen, sagt Lackner. In der Krise der Flüchtlinge hat sie für sich wieder eine berufliche Richtung, eine mit Sinn gefunden. Nun möchte sie daraus eine Arbeit machen, möchte eine Ausbildung an der Akademie der Zivilgesellschaft starten, möchte ihre Erfahrungen der letzten Monate in diesem Bereich weiter nutzen. Aber der Staat kommt dem nicht entgegen. Gerade sitzt ihr das Arbeitsmarktservice im Nacken, schlägt ihr Jobangebote vor, in Callcentern und anderen Branchen. Der Frust über das offizielle Österreich ist groß. Schnell hatten Politiker die Freiwilligen entdeckt. Spitzenkandidaten schauten vor den Wien-Wahlen am Bahnhof vorbei, ließen sich fotografieren, waren wieder weg. Auf eine Aussage des Vizekanzlers Reinhold Mitterlehner im Oktober antwortete Train of Hope auf Facebook: »Wir wurden entgegen der Behauptung von Dr. Mitterlehner nicht von der Politik mobilisiert: wir stellten ein Politikversagen fest und mobilisierten uns daraufhin selbstständig, um die Erstversorgung von Schutzsuchenden zu gewährleisten.« Während sich die Politik das zivilgesellschaftliche Engagement einverleiben will, sagen viele Freiwillige, sie seien auch bei großen Organisationen auf Zurückhaltung, fast Ablehnung gestoßen. Bei der Zusammenarbeit zwischen professionellen Hilfsorganisationen und mitunter übermotivierten Helfern entstehen Reibungen. Für das Gefühl, in Eigeninitiative agieren zu müssen, wo Staat und Organisationen scheinbar versagen, überschreiten manche nicht nur Staatsgrenzen, sondern auch die der Legalität. Die Phase der großen Ausnahmesituation, der Menschenströme vor und in Österreich ist – zumindest vorerst – vorbei. Derzeit spielen sich die Dramen erneut in größerer Entfernung ab, an der griechisch-mazedonischen Grenze, in der Türkei, auf dem ganzen Balkan. Mit den Brennpunkten haben sich auch viele Helfer bewegt. »Einmal angefangen, kann man nicht mehr anders«, sagt Andrea Schwaiger. Die hagere 39-Jährige mit den kurz geschnittenen Haaren ist seit letztem Sommer immer wieder entlang der Balkanroute unterwegs. Nach Traiskirchen war die gebürtige Tirolerin in Budapest, ihr erster Auslandseinsatz, dann in Röszke, Ungarn. Weiter ins Transitlager Opatovac, Kroatien, vollgepackt mit Sachspenden, der Horizont ein Zaun, »zum ersten Mal habe ich Tausende von Flüchtlingen erlebt«. In Rigonce, Dobova und Brežice, Slowenien, versorgte die gelernte Krankenschwester me dizinische Notfälle. Dazwischen »zwei, drei Stunden Schlaf, die einem fast ein schlechtes Gewissen machen«. Auch Schwaiger klagt über die Ohnmacht gegenüber den großen NGOs, die »zu bürokratisch sind, zu langatmig, die man fast anbetteln muss, um helfen zu dürfen«. Also hat sie die Dinge selbst in die Hand genommen. Dazu gehören auch eine Überfahrt, die Schwaiger aus Ungarn nach Österreich organisierte, als im vergangenen September Tausende Flüchtlinge im Nachbarland festsaßen. Sie bezahlte den Fahrer für eine Familie, die sie nie selbst gesehen hat, »aber es war so schön, als ich ein Foto gekriegt habe, wie die Kinder in frisch bezogenen Betten schliefen«. Ein beglückendes Gefühl – und eine rechtliche Grauzone: Schwaiger kommentiert das nicht, sie lächelt nur. Joe Schramml, der Leiter der Wiener Fußballinitiative für Flüchtlinge, erinnert sich zwar gern an Momente wie in der Vorweihnachtszeit, als er zu Hause Pakete mit Gutscheinen und selbst gestrickten Mützen verpackt hat. Aber wie lange sind die Wertschätzung von außen und das gute Gefühl zu helfen Motivation genug? Für ihre Initiativen werden die Freiwilligen einen langen Atem brauchen. Die Energie ist aber auch bei Schramml, mit Vollzeitjob und Familie, begrenzt. »Es nimmt eigentlich schon zu viele Stunden ein«, sagt er, schnappt sich die Schiedsrichterpfeife und geht zurück auf das Spielfeld. Foto links: Matic Zorman/Polaris/Studio X (03.11.2015, Sentilj, Slovenia); Foto rechts: Gordon Welters/laif (23.09.2015, Wien)