20171113an-a28

mercury54
  • No tags were found...

AN · Seite 8 ABCDE Nummer 262 SPEZIAL

Montag, 13. November 2017

Lange Leitung

statt Turbo-Netz

Die Debatte über das schnelle Internet erhitzt die

Gemüter. Warum stockt der Glasfaser-Ausbau?

Und warum steht der Kreis Heinsberg so gut da?

Von Hermann-Josef Delonge

Aachen. Grenzenlos surfen, Videos

und TV in höchster Auflösung anschauen,

Musik in perfekter Qualität

hören: Nur mit einem Internet,

das große Datenmengen in hoher

Geschwindigkeit transportiert, lassen

sich solche Wünsche erfüllen.

Doch das ist nicht alles. Eine

schnelle Internet-Infrastruktur ist

Grundpfeiler für die Wettbewerbsfähigkeit

Deutschlands. Da geht es

nicht um den ruckelfrei gestreamten

Film, sondern um ganz andere,

nämlich riesige Datenmengen.

Wie also ist es um den Ausbau von

schnellen Breitband-Netzen bestellt?

Wo liegen die Probleme?

Und warum gibt es auch in unserer

Region große Unterschiede?

Wo steht Deutschland beim Breitband-Ausbau?

Eine Vorreiterrolle nehmen wir

nicht gerade ein. Mitte 2017 war es

76,9 Prozent aller Haushalte möglich,

Übertragungsgeschwindigkeiten

von mindestens 50 Megabit

pro Sekunde (Mbit/s) im Download

zu nutzen. Ob sie es tun, ist

eine andere Frage. Vor allem in

ländlichen Gegenden gibt es weiße

Flecken. Hier können nur 40,5 Prozent

auf derart schnelle Leitungen

zurückgreifen. Dieses Gefälle zeigt

sich auch in der Region, wie unsere

Grafik zeigt. Eine Ausnahme ist der

Kreis Heinsberg, der beim Ausbau

der Privathaushalte mit Glasfaseranschlüssen

exzellent dasteht –

besser als die Stadt Aachen. Dazu

und zu anderen regionalen Besonderheiten

später mehr.

Was macht die Politik?

Die bisherige Bundesregierung

hatte 2014 in der Digitalen Agenda

das Ziel festgelegt, dass bis Ende

2018 alle Haushalte über eine Leitungsstärke

von 50 Mbit/s verfügen

sollen. Seit 2015 fördert sie

den Ausbau. Das Programm ist mit

vier Milliarden Euro ausgestattet.

Auch vom Land gibt es Mittel. Finanzschwache

Kommunen können

so auf eine Förderung von annähernd

100 Prozent kommen.

Reicht das aus?

Das 50-Mbit/s-Ziel war kaum gesteckt,

da galt es schon als überholt.

Denn der Bedarf wächst stetig.

Nach einer Studie im Auftrag

des Deutschen Industrie- und Handelskammertags

(DIHK) werden

2025 mehr als drei Viertel aller Privathaushalte

Bandbreiten von 500

Mbit/s und mehr im Download benötigen

– von den Unternehmen

Wer braucht eigentlich

schnelles Internet?

Wer „ganz normal“ surfen und

vielleicht Filme streamen will, für

den reichen im Download 6 Mbit/s.

Wer aber schon Filme in höherer

Auflösung, also in 4K-/Ultra-HD-

Qualität, anschauen will, sollte

über 16 Mbit/s verfügen. Aber diese

privaten Anwendungen sind nur die

eine Seite. Unternehmen haben

ganz andere Anforderungen, und

auch die Themen der Zukunft (das

Internet der Dinge und der vernetzte

Haushalt, wo alles mit allem

kommuniziert und Gegenstände

des Alltags zu smarten Geräten

werden, die Industrie 4.0, das autonome

Fahren, die Telemedizin, um

nur einige Stichworte zu nennen)

ganz andere Bandbreiten.

ganz zu schweigen. Auch die Kanzlerin

ist nun der Meinung, dass

man „im Gigabit-Bereich denken“

müsse. Also hat der damals zuständige

Minister Alexander Dobrindt

das Ziel formuliert, Deutschland

solle bis 2025 ein entsprechendes

Netz bekommen – über Mobilfunk

oder stationäre Anschlüsse. 80 Milliarden

Euro wären dafür notwendig;

woher die kommen sollen, ist

nicht klar.

Was passiert aktuell?

Der Ausbau von Glasfaserleitungen

ist teuer – und kostet Zeit. Um

wenigstens das von der Bundesregierung

formulierte Ziel bis Ende

2018 zu erreichen, verfolgt der

Branchenprimus Telekom deshalb

die Strategie, die Kupferleitungen

auf der „letzten Meile“ vom Verteiler

bis ins Haus (FTTC-Verfahren)

per Vectoring aufzupeppen – mit

dem Ziel, „möglichst schnell in

eine große Fläche zu kommen“.

Breitbandatlas der Region

Städteregion Aachen

Aachen

Würselen

3,5

Alsdorf

0,6

37,8

Baesweiler

16,2

Herzogenrath

15,9

Eschweiler


Stolberg


Roetgen


8,5

Simmerath


19,8

Monschau


≥50Mbits/s

Anschlussqualität*

21,4

15,2

92,1

96,6

99,5

97,5

99,7

97,8

95,7

92,0

Dagegen ist doch nichts zu sagen.

Stimmt. Aber das Vectoring-Verfahren

ist eine Übergangstechnik,

die den Datenmengen der Zukunft

nicht gewachsen sein wird. Die

Bundesregierung müsse deshalb

ein klares Konzept für den Ausbau

von Gigabit-Netzen und damit flächendeckend

von Leitungen aus

Glasfaser formulieren, lautet die

Forderung. Notwendig wäre das,

wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts

für System- und Innovationsforschung

im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung

zeigt. Demnach

können in Deutschland lediglich

rund sieben Prozent der Haushalte

von Glasfaserverbindungen profitieren,

die bis zum Haus (FTTB-Verfahren)

oder sogar bis in die Wohnung

(FTTH-Verfahren) gelegt

sind. Im ländlichen Bereich beträgt

die Abdeckung gerade einmal

1,4 Prozent. Zum Vergleich: In Estland

sind es 73 Prozent, in Schweden

56, in der Schweiz 27 Prozent

Glasfaser bis ins Haus**

Kreis Heinsberg

Wassenberg

25,0

40,1

Heinsberg

51,0

Waldfeucht

Selfkant

Gangelt

50,4

Geilenkirchen

Hückelhoven

Wegberg

24,6

Erkelenz

39,7

28,4

43,7

72,7

Übach-Palenberg

7,7

Grafik: ZVA, Quelle: BMVI/ TÜV Rheinland, Stand: August 2017

Verfügbarkeit in %

der Privathaushalte

84,8

91,4

90,7

89,9

94,0

93,9

90,1

90,0

91,2

87,4

84,4

97,7

NRW

7,1

Selfkant

Waldfeucht

Kreis Düren

0,1

Düren

0,1

Jülich

0,2

Langerwehe


Kreuzau


Gangelt

Übach-Palenberg

der Haushalte. Im OECD-Vergleich

belegt Deutschland Platz 28 – von

32. Mit FTTB/FTTH sind Downloadgeschwindigkeiten

von bis zu

einem Gigabit pro Sekunde realistisch.

Wo ist das Problem?

Diese Netzwerke amortisieren

sich unter Umständen, also vor allem

in ländlichen Gebieten, erst

nach rund 25 Jahren, was nicht

unbedingt ins Geschäftsmodell

der börsennotierten Telekom

passt. Doch auch die Mitbewerber

müssen auf Wirtschaftlichkeit

achten. NetAachen zum Beispiel

setzt auch auf FTTC-Anschlüsse –

mit der Option, die Kupfer- später

gegen Glasfaserleitungen auszutauschen.

Das Unternehmen hat

FTTB/FTTH-Anschlüsse bislang

vor allem in der Aachener Innenstadt

verlegt. Das rechnet sich dort

früher als in Gebieten mit geringerer

Bevölkerungsdichte.

Wassenberg

Heinsberg

Geilenkirchen

Herzogenrath Alsdorf

52,0

Hürtgenwald


Nideggen


40,6

Heimbach


13,9

32,7

Würselen

Aachen

83,3

79,8

75,1

97,0

95,5

Wegberg

Kreuzau

Hürtgenwald

Nideggen

Erkelenz

Hückelhoven

Linnich

Stolberg

Roetgen

Simmerath

Monschau

Linnich


Inden


Titz

Niederzier

Düren

Baes-

Jülich

weiler

Aldenhoven

Alsdorf Inden

Eschweiler

Langerwehe

Niederzier


Titz


Aldenhoven


Merzenich

1,0

Nörvenich


Vettweiß


16,5

Heimbach

58,6

66,2

Merzenich

Nörvenich

Vettweiß

83,6

80,8

84,5

88,1

93,0

*über alle Technologie, ** (FTTB/FTTH)

Reden die Telekom-Konkurrenten

also nur, oder handeln sie auch?

Sie handeln durchaus. 80 Prozent

der verfügbaren Glasfaserleitungen

bis ins Haus oder in die

Wohnung sind von den Telekom-

Wettbewerbern aufgebaut worden.

Inzwischen gibt es auch zahlreiche

regionale Anbieter, die schnelle

Glasfaserleitungen anbieten.

Wie funktioniert das?

Das zeigt ein Blick in die Region.

Kommunen, Stadtwerke und regionale

Versorger kooperieren da

mit regionalen Unternehmen und

Providern wie NetAachen, Relaix

Networks (Aachen) oder Soco Network

Solutions (Düren). FTTB/

FTTH-Anschlüsse werden dabei

vor allem dann realisiert, wenn

Neubau- und Gewerbegebiete erschlossen

oder Versorgungsleitungen

sowieso offengelegt werden.

Denn die Tiefbauarbeiten schlagen

ins Kontor – und sorgen oft für

Ärger bei Anwohnern. Ansonsten

behilft man sich mit FTTC-Anschlüssen.

Das wird sich bald auch

im Kreis Düren, der ein bisschen

hinterherhinkt, bemerkbar machen.

Der Kreis hat Förderbescheide

von Bund und Land in der

Tasche. Geplant ist nun, das Geld

verstärkt in den Anschluss der

Schulen mit Glasfaser zu stecken.

DSL, VDSL und das

Vectoring-Verfahren

Der Internetanschluss geschieht

über die Telefonleitung, das TV-Kabel,

Mobilfunk oder Satellit. Heute

surft die Mehrheit der Deutschen

noch über einen DSL-Anschluss,

also die Telefonleitung. Der Zugang

wird hier über herkömmliche Kupferkabel

realisiert, und das mit

einer Datenübertragung im Download

von bis zu 16 Mbit/s, also bis

zu 250 mal schneller als ISDN.

Die Weiterentwicklung VDSL, bei

dem die Übertragung bis zu den

Verteilerkästen am Straßenrand

über Glasfaser, das Verbindungsstück

bis zum Haus der Verbraucher

(die „letzte Meile“) über Kupferkabel

abgewickelt wird, ermöglicht

bis zu 50 Mbit/s, bei Verstärkung

über das Vectoring-Verfahren

von 100 Mbit/s bis 250 Mbit/s. Dabei

werden Störungen oder Überblendungen,

die entstehen können,

wenn über diese Leitungen verschiedene

Signale geleitet werden,

minimiert.

Apropos Blick in die Region: Warum

sticht der Kreis Heinsberg beim

Glasfaser so heraus?

Das liegt vor allem an der Deutschen

Glasfaser mit Sitz in Borken.

Das Unternehmen mit niederländischen

Wurzeln, das heute mehrheitlich

einer US-Beteiligungsgesellschaft

gehört, hatte Mitte 2016

angekündigt, 1,5 Milliarden Euro

in den Glasfaserausbau in Deutschland

investieren zu wollen – mit

dem erklärten Ziel, Marktführer zu

werden. In Westfalen und am Niederrhein

bis in den Kreis Heinsberg

hinein hat es – mit Unterstützung

der Kommunen – viele Projekte

realisiert. Allerdings verlief das

nicht immer reibungslos; es gab

Probleme mit Dumpinglöhnen bei

den beauftragten Tiefbauunternehmen

und Beschwerden über

schlampige Arbeit. Die Deutsche

Glasfaser hat Besserung gelobt und

setzt ihre offensive Marketingstrategie

unbeirrt fort. Im Fokus stehen

dabei ländliche Gebiete, die

chronisch unterversorgt sind; aktuell

sollen große Teile von Simmerath

und Roetgen ausgebaut werden.

Voraussetzung ist immer, dass

mindestens 40 Prozent der Haushalte

in dem betreffenden Gebiet

einen Vertrag mit der Deutschen

Glasfaser abschließen. Die sind

teurer als ein DSL/VDSL-Anschluss;

das gilt allerdings für alle

Anbieter. Für viele Privathaushalte

ist das mit Sicherheit ein Grund,

sich nicht für einen Glasfaseranschluss

zu entscheiden – auch, weil

sie die damit möglichen Bandbreiten

(noch) nicht benötigen.

Was macht der Branchenprimus?

Auch die Telekom verzeichnet

eine stärkere Nachfrage und reagiert.

Ein Beispiel aus der Region:

In Bereichen von Stolberg will der

Konzern Glasfaser bis in die Häuser

legen, sollte das Projekt gefördert

werden. Der Schwerpunkt liegt

aber noch auf Vectoring. „Wir reden

hier über 100 beziehungsweise

250 Mbit/s. Sagen Sie mir einen

Dienst, der derzeit mehr Bandbreite

benötigt“, sagte zuletzt noch

Konzernchef Tim Höttges.

Wie geht es weiter?

Fakt ist: Da das Vectoring-Verfahren

Bandbreiten ermöglicht,

die den aktuellen Förderrichtlinien

entsprechen, genießt der Ausbau

mit Glasfaser keine Priorität.

Das stößt mehr und mehr auf

scharfe Kritik: Die Bertelsmann-

Stiftung bemängelt „unambitionierte

Ziele“. Der Bundesverband

IT-Mittelstand fordert Investitionen

in zweistelliger Milliardenhöhe

– gegenfinanziert auch durch

den Verkauf von Bundesbeteiligungen

an der Post oder der Telekom,

wie der Verbandspräsident

und Aachener IT-Unternehmer

Oliver Grün vorschlägt. Und die

NRW-Landesregierung hat sich im

Koalitionsvertrag eindeutig auf

den Glasfaserausbau festgelegt.

Nur noch dafür soll es Fördermittel

geben. Langsam bewegt sich was.

Der Breitbandatlas im Internet:

? www.bmvi.de/DE/Themen/

Digitales/Breitbandausbau/

Breitbandatlas-Karte/start.html

Internet über Kabelnetz,

Mobilfunk und Satellit

Nach DSL ist das ursprünglich für

Fernsehen konzipierte Kabelnetz

das wichtigste Medium für den Zugang

zum Internet; auch Telefonie

kann darüber abgewickelt werden.

Die großen Anbieter – Vodafone

(früher Kabel Deutschland) und

Unitymedia, aber auch Pÿur – teilen

sich das Bundesgebiet auf und

konkurrieren mit regionalen Anbietern.

Bis zu 200 Mbit/s sind erreichbar,

vereinzelt bis zu 400 Mbit/s.

Zu einem großen Sprung setzen

die Anbieter im Mobilfunk an. Der

neue Standard 5G verspricht eine

bis 100 mal höhere Datenrate als

heutige LTE-Netze, also bis zu zehn

Gigabit pro Sekunde, sowie eine

rund 1000-fach höhere Kapazität.

LTE ist für rund 93 Prozent der

Haushalte verfügbar. Gerade ländliche

Gebiete profitieren davon.

Internet via Satellit ist in

Deutschland hingegen kaum verbreitet.

More magazines by this user