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E_1928_Zeitung_Nr.020

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Ausgab»? Deutsche Schweiz» BERN, Freiiag, 9. März 1928. Nummer 20 Cts. 2t. Jährgang. — N° 20 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag • . '• Monatlich „GalbeXUte" Halbjthrllcn Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag,. tofern nicht postamtlich bestellt Zuschlag für postamtliche Bestellung im . ADMIMSTOATIOty: Breltenrainttrasse 97, Bon? - In- and Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnune 111/414 Telephon Bollwerk 89.84 " ," Telegramm-Adresse: Autorevue; Bern Aufomobilverkehr und Sfrassenkoslen Es verwundert uns nicht, dass die Inkraftsetzung des bernischen Automobildekrets von bahnoffiziöser Seite propagandistisch ausgewertet, zu werden versucht wird. Im «St. Galler Tagblatt», Nummer 108 vom; 3. März finden wir einen .Artikel', mit Ml. gezeichnet, der sich gegen den Autolastwagenverkehr wendet und ihm von einem recht einseitigen Standpunkt aus vorwirft, dass er die durch ihn verursachten Ausgaben an Strassenbau nicht selber tragen wolle, dafür aber der Allgemeinheit und den von ihm konkurrenzierten Unternehmungen vermehrte Ausgaben durch die Beseitigung von Hindernissen zuweise. Das Lastauto besitze" eine Vorzugsstellung als Transportmittel, es verdanke die Ueberlegenheit seiner Konkurrenzstellung in einer « ungebührlichen Belastung Dritter». Der Verfasser des betreffenden Artikels folgert, dass es. seinen Vorsprung verlieren miisste, wenn «ihm auch nur ein Teil der betrieblichen Erschwerungen auferlegt würde, welche der Bahnbetrieb aufweist». Die Bahn habe das Auto nicht zu fürchten, sofern Licht und Schatten gerecht verteilt würden, hieran aber fehle es, und für die Kosten komme der Steuerzahler auf. ' Nicht wahr, eine etwas merkwürdige ^Botschaft, die Herr Ml. seinen 'Lesern plausibel machen möchte. Es sei eingangs nochmals festgestellt, dass die von Ml. zugegebene Ueberlegenhe.it des Lastautos -gegenüber 'der Bahn, in Fällen, die wir im Artikel «Bahntaxen und Antokonkurrenz» in Nummer 19 "der « Automobil-Re,vue » auseinandergelegt 1 haben, in der. schnellern und billigem Transportfähigkeit, in der ökonomischen Anpassungsfähigkeit, im besseren Erfassen der wirtschaftlichen Bedürfnisse begründet liegt. Darüber schreibt TJr. S. Winzeler in seiner beachtenswerten Arbeit « Die verkehrsRoli-' tische Bedeutung der Automobillinien» folgendes : « Eine Bahn ist eben wegen ihrer ökonomischen und technischen Beschaffenheit grundsätzlich ausserstande, den Besonderheiten des Verkehrslxjdiirfnisses, wie sie im ländlichen Nahverkehr bestehen, vollständig zu entsprechen. Den Anforderungen, die in diesem Teilgebiet des Verkehrswesens an ein Verkehrsmittel in erster Linie gestellt werden müssen, kann' nur ein Strassenfahrzeug vollauf gerecht werden. Und tatsächlich bietet uns die heutige Technik im Automobil ein solches. Fahrzeug, dessen technische Leistungsfähigkeit und Vollkommenheit soweit entwickelt ist, dass es ohne weiteres berufen erscheint, auch einem öffentlichen Linienverkehr als Transportmittel zu dienen. Wie wir gesehen' haben,' war aus dem" Suchen nach einem frei beweglichen Kraftfahrzeug allmählich die viel leistungsfähigere Eisenbahn "entstanden; doch diese'könnte in ihrer starren Gebundenheit an die Schiehe dem Verkehrsbedürfnis,"das aus dem freien Erwerbsleben entsprangrund nach möglichst individueller Befriedigung drängte, nie ganz entsprechen. So konnten 1 denn auch alle : Misserfolge mit dem Bau von Kraftwagen nicht verhindern, dass dieses -Problem immer wieder von neuem mit unermüdlichem Eifer angepackt wurde, bis der Erfolg kam.'»"."j Die Beschuldigung, das Lastauto ziehe seinen Vorteil aus der Belastung Dritter, ist mit allem Nachdruck zurückzuweisen und folgendermassen zu präzisieren: Es ist selbstverständlich richtig, dass im Zeitälter der Technik für das -. Strassenwesen Kanton und Gemeinden grössere Summen zu leisten haben als dies noch zu Grossvaters-' und Grossmutterszeiten der Fall war. Wenn jedoch behauptet wird, dass der Steuerzahler dafür aufzukommen habe, so ist denn doch nicht zu vergessen, dass der Autobesitzer quasi auch Steuerzahler, ist und gewöhnlich nicht e.iner der geringsten! So bezahlt ein Lastwagenbesitzer beispielsweise im Kanton Bern für seih Lastauto eine jährliche Grundtaxe, die jedoch, je nach Stärke des Motors und nach Art der Bereifung, bis auf 1000 Fr. hinaufgeschraubt werden kann, und ;auch wird! Für Anhänger werden überdies spezielle Zuschläge erhoben. Merkwürdigerweise scheint der betreffende Artikelschreiber vom Benzinzoll auch nichts zu wissen, trotzdem dieser seit 1921 um das zwanzigfache erhöht wurde und dem Bund die .schöne Summe von jährlich 4 Mill. Franken einbringt, wovon ein Viertel ja bekanntlich und nicht zu früh als Subventionsanteil den Kantonen zur Herstellung modernerer Durchgangsfahrtbahnen und als Kostenanteil für die innerhalb der drei letzteil Jahre bedingten Strassenbauten zufallen soll. Diese Millionen sind nicht auf das Konto des allgemeinen Steuerzahlers, sondern auf dasjenige indirekter Steuern des Automobilbesitzers zu buchen. Licht und Schatten dürften somit nicht allzu ungerecht verteilt sein, zieht man überdies in Betracht, dass ohne staatliche Unterstützung aller Art, d. h. auch auf Kosten der Steuerzahler, eine ganze Reihe von Nebenbahnen ihre Bahnhöfe schon längst hätten schliesseii können und ihre Barrieren permanent offen halten müssten. Mit nicht stichhaltigen Vorwürfen gegenüber dem Automobilverkehr sollte man deshalb je länger je vorsichtiger werden. Das Radjdfir Zeit, in unserem Falle das Autorad, lässt'sich mit schwacher Argumentation nicht zurückdrehen. Mit vagen Anschuldigungen ist es nicht, getan. Zudem vergesse man Ends aller-Enden das eine nie: Unsere Industrie, nnser.Gewerbe, unsere Landwirtschaft stehen in schwerem Existenzkampfe. Ganz sicher ist das Lastautomobil dazu berufen, ihnen'diesen Kampf als billiges und zuverlässiges Transportmittel zu erleichtern und damit an der Hebung des gesamten Wohlstandes fruchtbringend mitzuwirken. So hat auch das Lastautomobil seine Kulturaufgabe. Es wirkt belebefld'eäuf! die Förderung der Produktion und auf eine dem allgemeinen Interesse entsprechende Verteilung der Produkte. K. Es mahnt zum Aufsehen. Das Automobil und die kantonalen Polizeidirektoren. Arn" 21. Februar haben die kantonalen Polizeidirektoren unter Beisein einiger Baudirektoren in Bern über die Regelung des Automobilverkehrs zu Rate gesessen. Die Herren Bundesrat Häberlin und Professor D. Delaquis wohnten der Versammlung ebenfalls bei. Das Fazit? Man studiert «Verkehrspolizeibestimmungen?, man empfiehlt den Kantonsregierungen, das Konkordat in einer langen Reihe von Punkten nach einheitlichen neuen Grundsätzen durchzuführen. Und soweit wäre alles recht. Das «Aber» wächst jedoch zusehends an. Die eidgenössische Automobil- Gesetzgebung ist' wieder in die Schublade der •eidgenössischen JustizdireKtion verschwunden, das Konkordat ist nach' allen Kanten "unpraktisch, seine Revision ist beinahe aussichtslos, die Lösung der Verkehrsinitiative ist noch nicht da — das Automobil jedoch hat keine Zeit, es fährt bahnbrechend voran und leistet unserer Volkswirtschaft dabei die grössten Dienste. Die Bahn humpelt bedenklich hinten nach. Die Aufgabe der Verkehrsbelebung hat das Automobil zum grossen Teil an sich gerissen. Es arbeitet zielsicher, ruhig und billig, es stellt sich in den Dienst des arbeitsamen Mannes, des initiativen Kopfes, es schafft Arbeitsgelegenheit in Hülle und Fülle und hat einer ganz neuen Industrie auch in unserem Lande Eingang verschafft. Der Staat arbeitet mit seiner Maschinerie langsamer. Die gewaltige Organisation vermag der freien Privatinitiative nicht mehr zu folgen. Es heisst, die Staatsinstitutionen seien INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grandzeile ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen ans dem Ausland 60 Cts. ' Grössere Inserate nach Seltentarif. ' lnseratenseblu9S 4 Tage vor Erscheinen der betreffenden Nummer in Gefahr. Der Auomobilismus ruiniere die Bahnen. Der nicht immer erfreuliche Geschäftsgang der Bahnen wird nämlich mit Vorliebe der leidigen Automdbilkonkurrenz in dio Schuhe geschoben. Deshalb der Versuch, mit Hilfe eines polizeilichen Protektionismus die Handels- und. Gewerbefreiheit auch auf verkehrstechnischem Gebiete einzu-^ schränken, der Privatinitiative übefallSchranken aufzuerlegen, das Automobil als' Verkehrsmittel zu erdrosseln. Die Pölizeidirektorenkonferenz wird entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung zum Schrittmacher der Schweizerischen Bundesbahnen. Ein Memorial der Bundesbahnen ist angekündigt, es soll die, Herren Polizeidirektoren wahrscheinlich entscheidend beeinflussen, währenddem eine im Dienste der, Bahn' stehende Publizität die öffenliche Meinung im gleichen. Sinne « aufzuklären » hat.. Wir hoffen immerhin, dass das angekündigte^ Memorial rechtzeitig veröffentlicht werde," damit, auch wir'zur Stellungnahme Gelegenheit bekommen. Und so wächst das «Aber». Es wächst, wenn wir auch für heute vom Dumping- Feldzug der Sesa schweigen wollen, es wächst, wenn wir die Versuche verfolgen, die durch staatliche Verbote und Vorschriften als sogenannte Verkehrspolizeibestiirmumgert das Verkehrsmbnopol der Bahnen aufrecht zu erhalten suchen. Mit Schlagworten lässt sich das Automobil nicht mehr aus der Bahn schleudern. Das' «Nachtfahrverbot», die' «Nachtruhe des Bürgers» sind bereits zu solch Schlagwörtern geworden. Angesichts deren muss wieder einmal betont werden, dass jedenfalls die pneumatikbereiften Lastwagen sozusagen geräuschlos durch das Land fahren und wohl weniger hörbar siiidj als die" durch die Nacht rasselnden Güterzüge. Mit der Strassenausnützung' verhält es sich ungefähr ähnlich. Schon längst ist es nachgewiesen, dass ein modern bereiftes Fahrzeug auch mit sehr hohem Gewicht unverhältnismässig weniger Schaden verursacht als alte Vollgnmmivehikel, die von den Konkordatsvorschriften nicht erfasst werden. Wir finden den systematisch eingeleiteten und geführten Kampf der Bahn gegen diis Auto töricht. Die Oeffentlichkeit hat sich in Verkehrsfragen von wirtschaftlichen Erwägungen zu leiten. Dies ganz besonders in Zeiten, da uns umgebende Staaten mit aller Kraft den Erwerbskampf erschweren, und unsere Volkswirtschaft nach Luft und Licht ringt. Unser Volk muss sich darüber klar werden, wie weit ihm im Existenzkampfe die Bahn, wie weit ihm das Automobil dient. Auf alle Fälle geht es dabei nicht an, dio Oeffentlichkeit durch die Behauptung irreführen zu wollen, der Lastautomobüverkehr komme nur deshalb billiger zu stehen; "weil er nicht für die Kosten der Fahrbahn aufzukommen habe wie die Eisenbahn. Diese Behauptung glauben wir in unserm heutigen Leitartikel bereits widerlegt zu haben, x. , Das weisse Auto. Ein Zeitbild aus dem heutigen Chicago, von Felix VitalL . i. Die Zeiger der grossen Pendeluhr stehen auf Viertel vor 'eins. Draussen heult der Sturm durch die Nacht. Ein wilder Regen peitscht die Scheiben. John Whiteman, der Seniorchef der grössten Reederei Chicagos,, unterschreibt seinen letzten Brief. Kratzend girrt die Feder übers Papier. «Noch sieben Minuten, Herr!» Im Dunkel des Fensters lehnt eine magere Gestalt. Ihre Brillengläser sind unablässig auf das mattgelbe Zifferblatt der Uhr gerichtet. Es ist Harris Moore, Whitemans Privatsekretär. «Die Briefe bringen,Sie um sieben zum Post Office,» sagt John Whiteman langsam und legt die Feder beiseite. «Well, um.zehn Uhr drahten Sie nach Paris. Rue Caulaincourt, Montmartre». - } '' «Ich weiss, Herr,» antwortet der beim Fenster leise. «Sollen dort auch Ihre Freude haben, dass der alte John die Nase nach oben kehrt.» Nervös wirft sich Whiternan in einen Clubsessel. «Noch eine Flasche, Harris. Dann gehen Sie zu Bett. Auf das Kabel kann ich selbst warten.» Zitternd verschwindet der Sekretär. Der Hausherr entzündet sich eine Zigarre. Er blickt nach der Uhr. «Noch drei Minuten,» murmeln seine Lippen. Aufmerksam untersucht er das Schloss des funkelnden Bfownings,. der auf dem türkischen Rauchtisch liegt. Erklimmt die Kugeln heraus, stellt Stück für Stück vor sich hin — richtet sie aus. " «Noch zwei Minuten, Mr. Whiteman!» stottert die Stimme des zurückgekehrten Sekretärs. «Die Flasche?» «Hier...» Die Augen des Hausherrn flackern. Behutsam ergreift er" sie, schlägt ihr am Schreibtisch den Hals ab und füllt sich drei geschliffene Gläser. «Laden Sie ihn wieder,» brummt er und deutet auf den Browning. Dann starrt er in sein Glas. — Esgibtkein Hoffnung mehr — er weiss es. In diesem Augenblick erfüllt sich sein Schicksal. Seit seine Frau gestorben ist, hat er sich seinen Leidenschaften ergeben. Trunk und Spiel! Und der Spieler hat den allgewaltigen Geschäftsmann besiegt. In acht Jahren ist ihm ein Riesenvermögen durch die Finger geronnen. Seine letzten Tausend-Dollars-Papiere warf er in den kalifornischen Curry-Trust. Die Kuxen liefen — die Aussichten waren keine schlechten. Und doch muss die Geschichte ihren Haken gehabt haben. Seit acht Tagen herrscht Baisse an der Börse. Alte Routiniers raufen sich die Haare aus. Morgen wird man die Aktien in ein Erinnerungsalbum kleistern! — Kurzschluss. Es ist nichts mehr zu machen, Whiteman! In wenigen Sekunden kommt der Bericht. — Er weiss es. Pah, warum soll er nicht gehen? John Whiteman hat das Leben genossen. Nur der Gedanke an Mabel, sein einziges Kind, schmerzt ihn. Was wird aus ihm werden? Er fährt zusammen. Noch zehn Sekunden! Alle Muskeln arbeiten in seinem Gesicht. Langsam hebt er das Glas, setzt die Lippen an seine Hand erstarrt — Das Kabel... * Der Sekretär stürzt in den Vorraum — reisst den Hörer ans Ohr, spricht, nein brüllt, schreit... Klirrend fällt Whitemans Glas zu Boden —> zerschellt. Es wird unheimlich still in dem weiten ! Raum. Endlich, wankt Harris an die Türe zurück. «Mr. Whiteman...» «Ich weiss.» «Der Trust...» «Hat nicht anders kommen können —-> Harris.» «Ja — bankrott...!» «Amen!» spricht der Hausherr feierlich und leert sein Glas. «Stellen Sie noch eine kalt, Harris. Und dann gehen Sie zu Bett.»; Der junge, engbrüstige Mann zittert am ganzen Körper. «Tun Sie es nicht, Herr — tun Sie's nicht —» bettelt er mit dürrer Stimme. Seine umränderten Augen weiten sich vor Angst. «Sie sind übermüdet, Harris. Gehen Sie. Vergessen Sie die Briefe nicht.» «Leben Sie wohl — Mr. Whiteman!» «Schlafen Sie sich aus, mein Junge.» — —• Und Whiteman ist allein. — Sonderbar! Es hat ihn immer durchschauert, wenn er sich früher diese Nacht, die seine letzte war, vorgestellt. Beinahe muss er laut herauslachen.' Er greift nach der Flasche und füllt ein frisches Glas. Trinkt bedächtig und blickt auf die Uhr, und wundert sich, wie langsam die