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E_1936_Zeitung_Nr.054

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12 Automobil-Rerue —

12 Automobil-Rerue — N° 54 Die Zentralschweiz. Bilder und Anmerkungen aus den Kantonen der Urschweiz. Herausgegeben von der Schweizerischen Verkehrszentrale, Zürich, und dem Verkehrswerbedienst Zentralschweiz, Luzern. Deutsch, französisch, englisch. Die Reihe der reich illustrierten, typegraphisch und textlich gleich sauber und wirkungsvoll gestalteten neuen Schweizer Werbebroschüren ist um eine eigenartige, eigenwillige und fesselnde Publikation bereichert worden. Dem Kern des Schweizerlandes, der Gegend um den Vierwaldstättersee, dem Bergland vom Brünig bis zum Gotthard und zum Klausenpas« ist dieses erste, einer einzelnen Region geltende Heft gewidmet. In originellen Gegenüberstellungen von Einst und Heute erwächst aus Illustrationen und Text ein lebenssprühendes, prächtiges Bild der Innerschweiz. Statt den Stil des Autors, Leopold H«s«, zu charakterisieren, setzen wir eine Probe seiner Sprache und Darstellungsweise hin: Die Landgebiete um den Vierwaldstätter-See, mit der Stadt Luzern als regionalem Hauptort, bilden jenes Stück Schweizerland, welches nicht nur von den Eidgenossen als Wiege der Heimat angesprochen, sondern das zugleich auch als lieblichstes landschaftliches Schaustück der Schweiz allgemein anerkannt wird. Es ist daher sinnvoll, wenn von diesem Landesteil auch heute noch als von der Urschweiz gesprochen wird, denn hier ist alles ursprünglich, es ist bis auf die heutigen Tage das Urland schweizerischer Eigenart und erdgebundener Sitten geblieben. Hier sind die ersten Hügelschwellen, die von den Fruchtwiesen des schweizerischen Mittellandes gegen die Zentralalpen ansteigen. Hier beginnen die alten Passwege und kühnen Schienenstränge über den Brünig nach dem Berner Oberland und dem St. Gotthard nach dem Tessin und Italien. Hier stemmen aber auch die ersten ewigen Eisberge ihre Häupter in das Himmelsblau, und hier strahlen die kalten, weissen Gletscherbäche aus der jähen Felsenmauer. Die Zentralschweiz ist das erste eindrückliche Alpenpräludium für den Reisenden, der die Schweiz von Norden her angeht. Von diesem Gebiet- der schweizerischen Landesmitte ist aber auch der erste grosse Impuls der Welt- Touristik ausgegangen, und in diesem gepriesenen Alpengelände, der Heimat Teils und Winkelrieds, fanden Gästevölker aus allen Teilen der Erde immer wieder eine freie stärkende und beglückende Geborgenheit. « Ich kann kecklich sagen, dass wann keine hl. Bibel were, weiche uns dieser Sach halber einen göttlichen Bericht erteilte, wir aus blosser Natur-Betrachtung unseres Landes und dessen was darin ist ganz gewiss könnten schliesen, dass dasselbe einstens von dem Meere, das doch so weit von uns ist und so tief unter uns liegt, seye überschwemmt worden. » So lehrt uns der grosse Schweizer Naturforscher J. J. Scheuchzer im ausgehenden 17. Jahrhundert in seiner « Beschreibung der Naturgeschichten des Schweizerlandes » * im Kapitel « Von denen im Schweizerland befindlichen Ueberbleibseln der Sündflut ». Auf dem Pilatus hat er versteinerte Muscheln und Meertiere gefunden, aber auch die Fächerpalmen unserer Hotelgärten waren nicht die ersten dieses Landes, wie uns die steinernen Zeugen beweisen. In den Bergen der Innerschweiz ist noch manche Urkunde vom Werden und der Entwicklung unseres Planeten aufzufinden und zu entziffern. Merkwürdige Berge sind in dieser Landesmitte der Schweiz. Die alpig-friedsame Rigi, fraulich-sanft und unermessen gütig mit ihrer Blickspende auf die schweizerische Hochalpenwelt. Ihr gegenüber der männlich stolze Pilatus, würdig, bewusst, erhaben, und unbeugsam „Haben Sie auch Kragenknöpfchen?" „Bedaure, wir sind spezialisiert auf Schuhbindtl." (Ric et Rac) Lob der Urschweiz 3SLS Von Leopold Hess wie ein Gesetz. Aber das sind nur die beiden alten Grenadiere an der jahrtausendalten Stadtpforte von Luzern. Da sind noch hundert andere Fels- und Gletscherzinnen, bedeutend und gewaltig an Geschlecht und Bau. Noch immer ist er da, nach der Meinung unserer Väter der höchste Berg der Welt, der edle St. Gotthard, an dem die Quellen der vier grössten Ströme Europas herniederhasten, um sich dann in alle Meere der Erde zu verlieren. Da ist der mächtige Gletscher-Patriarch, der Titlis. Da ist die scharfe Pyramide des Stanserhorns und dort der meist schneebeflorte Keil des Bristenstockes. Da sind die scharf gemeisselten Heldenzeugen der Mythen, die stolzen Urner und Nid waldner Berge. Die grünen Voralpen, die waldigen Höhenzüge rings im Kreise der Zentralschweiz sind in ihren harmonischen Uebergängen, in ihrer eigenwilligen und oft unvermittelten Höhenflucht und ihren blumenreichen Wolkentribünen unvergleichlich. Zentralschweizerische Alpenwelt will nicht geschildert, nicht beschrieben sein, sie will gesehen und geliebt, immer wieder aufs neue erforscht, erobert und erlebt werden. Wir haben noch Bergwasser, die nicht in Röhren abgefangen sind, die wilden, übermütigen Gischtbäche, die von Flühen und Granitstollen hervorbrechen, aus ihren selbstgegrabenen Kanälen und Schluchten. Im Frühjahr, wenn der Föhn die letzte Skispur verwischt, dann kommen sie zuweilen mit viel Gepäck zu Tal, die wilden Wasser, und Wehr und Zaun vermögen sie oft nicht mehr zu meistern. Der sprühende Wasserdunst kühlt den glühenden Fels und tränkt das durstige Moos. Es liegt ein Stück urschweizerischer Befreiungstradition im Auftreten und stürmischen Gehaben dieser wilden, jauchzenden Gesellen. Die Flotte der Schweiz ist nicht gepanzert. Ihr ist die schönste Aufgabe der Welt bestimmt worden, immer wieder eine glückliche Menschenfracht über silbern glänzende Fluten in ein Wunderland zu tragen. Der Vierwäldstättersee hat eine stolze und säuberliche Lustund Luxusmarine. Von der Bordküche her streicht zuweilen ein würziger Bratenwind über Deck, und im Schiffsbauch irgendwo unter der kühlen Wasserlinie ist der Vorratsraum für den einfachen Kinder- und Volksdurst und den internationalen Weinkarten - Kundigen. Aber das grosse Geschenk dieser stolzen Dampfer liegt nicht in den Bunkern, es ist die unvergessliche Schau in diese Welt von Berg und Flut, von Wald und Wiesen, von Wolken und Blumenauen. Hier trinken Wimpern und Seelen Erinnerungen für ein Leben. Lichtbilder, unvergänglich in das geistige Archiv kopiert. - Das ist eine Fahrt auf dem Vierwaldstättersee. Irgendwo steht geschrieben, dass auf diesem See immer gesungen wird. Wie auf den Rheindampfern, beim Loreley-Felsen, so steigt auch hier das Lied unvermittelt von Herzen auf die Lippen und die romantischen Traumbilder einer bald tausendjährigen Heimatgeschichte beleben die Uferberge. Wenn beim Schillerstein die Steuerschaufel herumgeworfen wird, sieht man— das heilige Land der Schweiz. Dieses dichterische Hohelied auf die Urschweiz und ihre Schönheiten ist ein Teilabdruck der von der Schweizerischen Verkehrszentrale in Zürich vor kurzem herausgegebenen, prachtvoll bebilderten Broschüre «Die Zentralschweiz ». Der Abdruck geschieht mit Ermächtigung 'der Schweiz. Verkehrszentrale. Ein wenig Naturkunde Dar wmadtrbaom. Ein eigenartiges gartentechnisches Experiment ist einem kalifornischen Obstzüchter gelungen. Er setzte einem Pflaumenbaum nicht weniger als 16 verschiedene Stecklinge anderer Obstsorten auf und erzielte so nach mehrjährigem Bemühen einen wahren Wunderbaum: Pfirsiche, Birnen, Pflaumen und Mandeln hängen, allerdings von dem märchenhaften Klima des Obst- und Blumenlandes Kalifornien begünstigt, an einem einzigen Baum in Eintracht nebeneinander und präsentieren sich als lebende Obstschüssel. Der Hbnalaya wachst. Professor Dyhrenfurth, der Geologe der letzten Himalaya-Expedition, hat festgestellt, dass das Himalaya-Massiv als einziges Gebirge der Welt immer höher wird. Es wichst alljährlich — um zehn Zentimeter. Emil Hügli: DIE LINDENBLÜTE Weisst du wie das duftet In schwerer Juninacht, Wenn jede Lindenblüte Sich sachte aufgemacht? Das Mondlicht drüber träufelt, Voll Silber wird der Baum. Nun fallen alle Sterne In meinen Lindentraum. Der Juli Es ist kein blosser Zufäll, dass der Juli den Vornamen eines der gewaltigsten Feldherren führt, die je über die Erde geschritten; denn auch er ist ein mächtiger Mann, ein wahrer Eroberer und Herr des Feldes. Seine Lieblingswerkzeuge sind nicht umsonst Sichel und Sense, die ja auch der mit den kriegerischen Feldherren so eng verbündete Schnitter Tod stets bei sich führt. Auch der Juli hat immer etwas zu sicheln, zu schneiden, zu ernten imd einzuheimsen. Wenn er in aller Herrgottsfrühe mit der geschulterten Sense auszieht, die in den Strahlen der ersten Morgensonne blitzt wie Wetterleuchten, dann schreitet er stolzen Ganges die Aecker entlang, und die Freude an der Erntearbeit steht ihm auf der Stirn geschrieben. Triumphierend wirft er den Blick über die im Winde leise wogenden Getreidefelder und murmelt vor Siegesfreude vor sich hin: «Alles mein! Alles mein!» Am Blumengarten vorbeikommend, langt er über den Zaun und bricht sich die schönsten Rosen und Nelken ab, die er keck an seine Brust heftet. Beim ersten Kirschbaum am Wegesrand macht er einen kurzen Halt, greift in die Aeste und steckt sich die kugelrunden Früchte büschelweise in den Mund. Nicht weniger lieb sind ihm Erdbeeren und Himbeeren, Johannis- und Stachelbeeren, und allenthalben fasst er mit begierigen Händen zu, um die Güte und Reife der Früchte zu erproben. Mit ihnen löscht er sich den Durst, den ihm das Mähen und Ernten verursacht; dehn die Sommersonne sorgt reichlich dafür, dass er im Schweisse seines Angesichts die Feldfrüchte gewinnen muss. Es wäre aber falsch, wenn man ihn nur als einen habsüchtigen, einzig auf das Einheimsen erpichten Mann einschätzen würde. Auch er schwelgt nicht ausschliesslich in der köstlichen Gegenwart, im Erbe der Vergangenheit, sondern er trifft auch Vorsorge für die Zukunft, vor allem für das Erntefest eines alten weinseligen Gottes, das er freilich selber niemals mitgemacht hat. So hat er denn nicht allein auf Feldern und Aeckern, sondern auch in den Rebbergen zu tun. Dort bindet er die Weinstöcke auf, bespritzt sie, damit das Ungeziefer Dino Larese. nicht überhand nehmen kann, wie er auch sonst einen eifrigen Kampf gegen alle Schädlinge und Früchteverderber zu führen hat. Dieser Kampf macht ihm oft viel Beschwerden, und manchmal, wenn er sich mit solchem Kleinkram herumschlagen muss, möchte er am liebsten mit einem Donnerwetter dreinfahren. Um dies zu tun, wartet er auf die erstbeste Gelegenheit, die sich nach besonders warmen Tagen bietet, wo das Wasser aus Seen und Flüssen in Dunst aufsteigt, der Himmel mächtige Wolkenschlösser aufbaut. Dann sammelt er alle Wärme des Tages zu drückender Schwüle zusammen, bis sich das Gewölk bleigrau färbt, der helle Blitz aus ihnen zuckt und der Donner durch das Firmament rollt, als würde das Erzgebälk des Himmels zusammenstürzen. Nie so sehr, als wenn seine Gewitter so erdröhnen, fühlt der Juli seine königliche, cäsarische Macht, und wenn ihn dann der Rausch dieses Machtgefühls ganz erfasst, kann es vorkommen, dass er unzählige Hagelgeschosse niedersausen lässt, als gälte es, einen wirklichen Krieg zu führen. Dabei ergeht es ihm aber oft wie einem reichen Erben, der die Güter seiner Väter mutwillig vertut oder wie einem Fürsten, der in seinem Machtrausch einen Krieg entzündet und alsdann die verheerenden Kräfte desselben in seinem eigenen Reiche toben sieht. Aber nur hin und wieder überkommt den Juli solch ein Cäsarenwahn, nach dessen Austoben er sich siegesstolz den siebenfarbigen Regenbogenmantel um die Schultern wirft. Um sich so recht bewusst zu werden, dass ihm die ganze Sommerwelt gehört, badet er sich an heissen Tagen auch in kühlen Seen oder er erklimmt, wohl bewehrt' mit Steigeisen und Eispickel, ein Ewigschneehorn, um von dessen Gipfel triumphierend über das Land zu schauen. Auch eine solche Gipfeleroberung spendet ja das Gefühl sieghafter Kraft. Und so verdient er wirklich den Namen eines Eroberers; denn vom Wasser und der Erde bis hinauf zu den Schneegipfeln und den aufflammenden Wetterwolken muss alles seinem Gebieterwillen dienen. 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N" 54 — Automobil-Revue 13 Es ist fast ein halbes Jahrhundert verstrichen. Die Verhältnisse und die Gewohnheiten haben eine gründliche Veränderung erfahren, denn alles fliesst und nur der Wechsel ist ewig. Wenn man heute beispielsweise eine Reise nach Basel oder Zürich unternehmen will, so ist man vor die Frage gestellt: Eisenbahn, Auto oder Flugzeug? Vor fünfzig Jahren war diese Erwägung ausgeschlossen. Undenkbar war dies auch in der Kreisstadt S. des Gouvernements Minsk in Weissrussland, von welcher im folgenden die Rede sein soll. Diese Kreisstadt war eine von neun im ganzen Gouvernement, und eine russische Kreisstadt, eigentlich eine Provinz der Provinz, vor fünfzig Jahren ist als eine Welt für sich zu betrachten. Dies liegt im ganzen Charakter der Stadt, insbesondere in deren Verkehrswesen, dessen Organisation und Einrichtung. Auch in der kleinen Provinz müssen die Leute reisen. Freilich wird hier nach den Gesetzen der provinziellen Einrichtung gereist. Man reist von einer Stadt nach der andern des gleichen Gouvernements, selten geht man noch weiter. Noch seltener ist die fernere Reise, und wenn sie vorkommt, so bildet sie das Tagesgespräch der ganzen Stadt. Die fernere Reise ist nun etwa unter folgenden Voraussetzungen möglich: Entweder als Schwerverbrecher nach dem Zuchthaus oder als politischer Verbrecher nach Sibirien, oder wenn ein sehr reicher Mann ernstlich krank wird und sich nach dem Ausland begibt, um Heilung zu suchen. Normalerweise ist die weite Reise für einen Einwohner in unserer Stadt ziemlich ausgeschlossen. Ein normaler Mensch in der Provinz macht keine Reisen nach der Ferne. Auch der Verkehr zwischen unserer Kreisstadt ond den benachbarten Städten war kein besonders regsamer. Das Bedürfnisniveau der Bevölkerung war niedrig, und die Folge war die, dass der Warenbezug von auswärts nicht gross sein konnte. Unsere Staat selbst hatte keine Fabriken, und infolgedessen hatte sie auch keinen Export. Deutlicher gesprochen: der Personen- und Güterverkehr war massig. Unsere Stadt ist, wie man sieht, eine ganz unmoderne Stadt. Handwerker aller Art, Kaufleute, Beamte, Geistliche, Lehrer, Hausbesitzer, Kleingewerbetreibende verschiedener Art — damit ist die Schichtung der ganzen Stadt fast erschöpfend beschrieben. Es fehlen nur, will sagen bei der Vertretung aller Schichten, Diebe, Arbeitsscheue und Bettler. Da aber dies© Kategorien von Menschen in der Regel Fussgänger sind, so kommen sie für den Reiseverkehr nicht in Betracht. Der ganze Reiseverkehr wird durch das Fuhrwerk besorgt. Es entsteht eine ganze Bevölkerungsschicht in der Stadt, die Fuhrleute, ein Typ von Menschen, der in der Volkswirtschaft unserer Stadt eine bedeutende Rolle* spielte. Um diesen Beruf ausüben zu können, braucht es, nach unseren heutigen Begriffen, nicht viel: eine gewisse Lehre, was Umgang mit Pferden anbelangt, Kenntnisse der Verkehrslinie, die zwischen unserer und der benachbarten Stadt liegt. Der Fuhrmann, der jede Woche sein Fuhrwerk in Betrieb setzt, muss dafür sorgen, genügend Klienten zu haben, das heisst Reisepersonen zu finden. Seine Kundschaft kennt er ja und die Kundschaft kennt ihn. Aber trotz diesem gegenseitigem Sichkennen ist derFuhrmann gezwungen, auf dieSuche nach der Kundschaft zu gehen. Und nachdem die acht Plätze im Wagen besetzt sind, wobei schon hier der Unterschied der «Klassen» zum Ausdruck kommt, nämlich der bessere und der schlechte bzw. der teuere und der billige Platz, beginnt die Arbeit von vorne, die Personen zu sammeln! In unserer Stadt war der Begriff der Zeit eine vollständig unbekannte Grosse. Zwar hatte es in den «besseren» Häusern Uhren gegeben und manche haben sogar Taschenuhren besessen, dessenungeachtet war der Zeitbegriff fremd. In einer Stadt, in der man nicht weiss, was mit der Zeit anzufangen sei, die noch frei ist von der scharfen Konkurrenz auf dem Gebiete des Kampfes ums Dasein, ist der Zeitbegriff ein Buch mit sieben Siegeln. Und aus diesem Grunde beginnt für den Fuhrmann die Schwierigkeit der Arbeit erst im Moment, wo es gilt, alle Reisepersonen zu sammeln, um die Fahrt antreten zu können. Sie alle haben die Reise vereinbart mit Bezug auf einen bestimmten Zeitpunkt der Abreise, wooei sie alle sehr unpünktlich sind, Reisepersonen und Fuhrmann zugleich. Es darf uns kein Wunder nehmen, dass die Abreise von der Stadt nie pünktlich vor sich gegangen ist. Einige unter den Reisenden haben natürlich geschimpft, andere sich ein wenig geärgert, aber es ist immer beim alten geblieben. All das gehörte eigentlich zu diesem System des Reisens, es muss «ein wenig» gesprochen werden, im Gegensatz zu der «ver-.. ie man im alten reiste fluchten» Eisenbahn, bei der sich alles lautlos abwickelt, also nicht interessant, langweilig ist. Mit Gottes Hilfe und mit der mühsamen Arbeit des Fuhrmanns und nach allen Unzulänglichkeiten und Strapazen ist der ganze Wagen voll besetzt und beginnt sich zu bewegen,, und auf einmal macht der Fuhrmann Halt. Unser Fuhrmann hatte noch eine kleine Nebenbeschäftigung, er hatte noch die Postsachen zu verstauen. In unserem Staat war eine staatliche Post da und demzufolge war die Besorgung von Briefen bei Umgehung der staatlichen Post verboten. Aber wer kümmerte sich um das Verbot? Und so funktionierten die Fuhrleute als Nebenpost in der Stadt. Und die Gründe rechtfertigten es. Einmal verkehrte die Post doch nicht täglich, und was sollte der Kaufmann machen? Warten vielleicht? Sodann kostete das Porto eines Briefes ganze 7 Kopeken, und der Fuhrmann besorgte es billiger. Drittens war es eine Art Reklame für den Fuhrmann, um sich bei der Kundschaft beliebt zu machen. Und so ist es begreiflich, dass in der letzten Minute die Abfahrt des Fuhrmanns nochmals verzögert wurde, um die Besorgung von Briefen, die man hingebracht hafte, entgegenzunehmen. Und nun wurde auch das besorgt und mit der Abfahrt wird jetzt wirklich Ernst •gemacht.. Und die Einrichtung, speziell die «Sitzplätze», war eigenartig. Gepostert war der Wagen nicht, und um die Sitze weich zu machen, dafür war das Heu da, das Surrogat von Polster 1 , billig und natürlich. Die Qualität dieses eigentümlichen Polsters war nie Gegenstand des Streites geworden,* dafür aber die Quantität der Reiseplätze. Es war immer fraglich, ob der Fuhrmann die Zahl der Plätze im Wagen genau bestimmt oder ob er sie willkürlich vermehrt hatte, so dass die Reisenden wie die Heringe im Fass zusammengepfercht waren. Gewiss gab es verschiedene Fuhrleute, korrekte und unkorrekte, und wenn auch die Korrektheit fehlte, so wurde sie durch Zungenfertigkeit ersetzt. Nachdem sich alles beruhigt hatte und der Wagen reibungslos seine Bewegung fortsetzen konnte, kamen andere «Ereignisse» zum Vorschein. Bei einigen schliefen die Beine ein; es ist ja kein Wunder oei dieser Sitzweise, andere wussten überhaupt nicht, wo ihre Füsse seien. Es entsteht wieder eine Unruhe. Wo ist mein Bein? Mein Fuss, mein Fuss! Eine sehr kluge Frau soll bei diesem Tumult erklärt haben, dass, wenn der Fuss in einem blauen Strumpf eingekleidet wäre, so könne sie schwören, dass er der ihrige seil Nachdem sich die Reisegesellschaft wieder beruhigt hatte, jeder hatte seine Beine und Füsse wieder «gefunden», verwandelte sich die Szene von neuem. Was für eine schöne, herrliche Welt ist die Welt Gottes! Herrlicher war sie noch in der Provinz des alten Russlands. Und siehe da! Die ganze Reisegesellschaft verwandelte sich in eine lebende Tageszeitung, freilich ohne Leitartikel und sonstige publizistische Zutaten, dafür aber sehr informationsreich, ohne dabei Telegraph und Telephon dienstlich in Anspruch genommen zu haben. Man berichtete über ganz verschiedene Dinge: Ueber die kritische Lage eines Kaufmanns, über die glänzenden Erfolge eines andern Kaufmanns, über die Schlechtigkeit dieser oder jener Kinder, über ein altes Fräulein, das noch immer der Ehe harrt und keinen Mann findet, über die heiklen Beziehungen einiger Männer und Frauen. Man flüsterte sich gegenseitig Geheimnisse ins Ohr unter dem Ausschiuss der Oeffentlichkeit. Wieder wurden einige Mitteilungen nur angedeutet und nicht ausgeführt. Dies bezog sich speziell auf besondere Tagesereignisse. Ueblicherweise kommt jeden Sommer ein Regiment, das zu den Manövern geht, 'durch die Stadt. Dieser Soldatenaufenthalt hinterlässt seine Spuren in der Provinz. Auch die hohe Politik stand hier auf der Tagesordnung bei der Reisegesellschaft. Der ganze Beamtenstab der Stadt wurde kritisch betrachtet im Zusammenhange mit dem ganzen Staatswesen. Ueber die Langsamkeit im Gerichtswesen wurden spezielle Witze erzählt. Ein junger Mann wusste zum Beispiel folgende Anekdote: Eine Amme habe willkürlich ihren Säugling verlassen, wurde verklagt und das Gericht, nachdem der Prozess 22 Jahre gedauert hatte, verurteilte die Amme zur Rückkehr zum Säugling mit der Pflicht, die Ernährung fortzusetzen! Man philosophierte über Russland und dessen Zukunft, und ein Reisender hatte besonders die Grosse des Landes betont und optimistisch überschwengliche Konsequenzen daraus gezogen, wobei wieder ein anderer gerade das Gegenteil behauptete. Man sprach auch von dem, was in den hohen «Sphären», am Zarenhof, passiere. Und schliesslich kam die Reisegesellschaft auf ein ganz besonderes Thema zu sprechen. In der illustrierten Beilage— zu - einer-^grpssen».-russischen Zeitung war die Abbildung eines Automobils abgedruckt. Es war einer de,r ersten Wagen, der in Paris aufgetaucht war, und darüber entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Einer erklärte, die Abbildung sei Schwindel; er habe es zwar nicht gesehen, aber die grosse Stadt, jn dem Fajle Paris, habe grosse Lügner. Er versteifte sich zu der Behauptung, was er nicht selbst gesehen habe, an dessen Existenz könne er nicht glauben. In der modernen Zeit werde überhaupt geschwindelt. Er musste aber von seinem Nachbar die Bemerkung einsacken, es sei'dumm, zu behaupten, was man nicht gesehen habe, das existiere auch nicht. «Du hast ja Petersburg nicht gesehen und trotzdem existiert es doch!» Wieder ein anderer war ganz begeistert für die neue Erfindung und erklärte dabei, in spezieller Begeisterung fürs Ausland, die, das heisst diejenigen Vom Ausland, würden demnächst dank ihrer Erfindungskunst in die Wolken fliegen! •Wieder ein anderer äusserte sich dahin, er sei mit dem einfachen Pferdewagen .zufrieden, solange er gesund und arbeitsfähig sei. Die Neuerungen im allgemeinen haben die Menschen nicht glücklich gemacht; und die Hast im Leben am allerwenigsten. Die Neuerungssucht ist die Krankheit unserer Zeit. Auch unsere Vorfahren sind keine Toren gewesen und die neue Generation leidet an Grössenwahn. Sie wilh immer mehr haben als sie faktisch besitzt. Es trat ein Wendung im Gespräch ein, da der Wagen halten musste. Es galt nämlich, in eine Schankwirtschaft einzukehren, zu pausieren, da die Pferde Ruhe und Futter nötig hatten. Es vollzieht sich hier wieder eine Verwandlung der Szene, von. der man sich bei den modernen Verhältnissen gar keinen Begriff machen kann. Das Pausieren auf der Reise war etwas ganz Schönes und Originelles im alten Russland. Hier entrollte sich wieder eine neue Welt, die nur im Zusammenhange mit diesem typischen Reiseverkehr erfasst und begriffen werden kann. Die Reise mit dem Pferdewagen ohne Pferdewechsel (denn nur bei den Postwagen wurden die Pferde an jeder Station gewechselt, und zwar war das Pferd ununterbrochen nur zirka zwei Stunden beschäftigt) bringt es mit sich, dass Ruhepausen abgehalten werden müssen. Diese Ruhepause, die auch zum Essen benutzt wird, bezieht sich auf den Menschen und das Tier zugleich. Und diese Wirtschaften sind insofern berechtigt, solange der Reiseverkehr mit Pferden ausgeführt wird. Bemerkenswert ist 'dabei, dass in verschiedenen Ländern der Welt zur Zeit der Entwicklung des Eisenbahnwesens die Eisenbahn aus dem Grunde bekämpft wurde, weil sie für diese Wirtschaften eine gefährliche Konkurrenz bedeutete. Zu der Zeit des Reiseverkehrs mit, Pferden, wie er hier dargestellt wurde, hatte es bereits Post-. wagen gegeben. Da die Reise mit diesen Wagen teuer war, war sie auch für den grossen Verkehr unzulänglich. Nur reiche oder wohlhabende Leute konnten davon Gebrauch machen, und der Massenreiseverkehr wurde von den Fuhrleuten ausgeführt, die einen ganzen Stand bildeten. Nun kommt die Diligence, ein Riesenwagen, der von vier Pferden gezogen wird, wobei die Pferde je zwei Stunden frisch gewechselt wurden. Das bedeutete für uns eine ungeheure Verbesserung des Verkehrs. Der Betriebsinhaber der Diligence hatte die Konzession von der Regierung erhalten, freilich ohne Ausschiuss des Reiseverkehrs durch die Fuhrleute. Aber die Konkurrenz war doch für die letzteren zu gefährlich. Man bedenke folgende Umstände: Mit den Fuhrleuten war die Reise nach einer andern Stadt nur einmal in der Woche möglich, denn die Hinreise dauerte zwei bis drei Tage, desgleichen die Rückreise. Durch die Diligence wurde die Reise jeden Tag ermöglicht, denn die Beförderung wickelte sich unvergleichlich schneller ab: Die Zeit der Abfahrt wurde pünktlich eingehalten, pünktlich wie bei der Eisenbahn. Ruhepausen im alten Sinne hatte es überhaupt nicht mehr gegeben, jede Zeitvergeudung wurde vermieden und alle zwei Stunden wurden die Pferde gewechselt. Der Wagen hatte drei Klassen und das Geschäft wurde korrekt geführt. Freilich war eine Reihe von Neuerungen eingeführt worden, die für den Provinzler etwas überraschend waren, dafür hatten sie ihm auch, imponjert. Schon die Einführung der Fahrkarte war für den Provinzler ganz neu. Und der Kondukteur und die Fahrkartenkontrolle! Und dabei wurde beim Abgang und der Ankunft des Wagens signalisiert. Es war also stadtbekannt, wann der Wagen geht und wann er kommt. In der ersten Zeit der Einführung des neuen Verkehrsmittels waren die Strossen voll von Menschen, die gekommen waren, das neue Wunderkind zu schauen. Mehrere Gruppen von Menschen pflegten den Wagen zu begleiten. Das war derjenige Teil der Stadt, den die Neuerung amüsiert hat. Es gab aber noch einen Teil in der Stadt, der der Diligence den förmlichen Krieg erklärt hatte. Das war die Gesellschaft der Fuhrleute, die wiederholt gewaltsamerweise den Abgang des Wagens um jeden Preis verhindern wollten. In der ersten Zeit wurde er streng von der Polizei überwacht, und es war auch trotzdem nicht gefahrlos, mit der Diligence zu reisen. Auf der anaern Seite bürgerte sich die neue Reisemethode langsam ein. Mit der Diligence entsteht in unserer Stadt etwas Neues, es beginnt eine neue Entwicklung in der Mentalität kräftig einzuschlagen, nämlich der Begriff der Zeit, die Pünktlichkeit, wird wach. Und der-neue Begriff «Zeit ist Geld» beginnt sich auch in tiefster russischer Provinz zu formen. F. Ossipoff* Geräumige «Frigidaire»; Original-Modelle, von Fr. 590.- an. Bevor Sie irgendeinen Kühlschrank kaufen, mieten Sie probeweise einen echten «Frigidaire»- von Fr. 28.- an per Monat. Zürich: Sihlgrundbau, Manessestrasse 4; E. Sequin-Dormann, Bahnhofstrasse 69a; Schweiz. Bauzentrale — Aarau: A. Staeheli — Altstättens Rheintalische Strassenbahnen AG. — Basel: A. Staeheli, Güterstrasse 125 — Bern: Hans Christen — Chur: G, Glauser — Chur und Davos: Killias & Hemmi — Einsiedeln: Ferd. Birchfer — Frauenfeld: F. Habersaat — Glarus: Geschw. Tschappu — Kreuzungen: R. Peyer — Luzern: Frey & Cie. -^ Rapperswil: Hans Fäh — Richterswil: G. Steiner — Romanshorn: Schäffeler & Co: — Hüti: E. Wälder — St. Gallen: E. Grossenbacher & Co. — Uster: J. Schmidli Wädenswil: W. Metzger — Weinfelden: J. Güntert—Wetzikon: F. Reichlin — Wil: Wick-Vollmar — Winterthur: Hasler & Co. — .Zag; R, Wiesendanges.