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NK_NeubrandenburgerZeitungStargard_09.04.2018 Seite 24(1)

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Heimat Seite 24 Montag, 9. April 2018 FOTO: NABU/ZDENEK TUNKA Ein Vogel mit echten Starqualitäten Momentan trägt er ein schillerndes Prachtkleid. Um Weibchen zu beeindrucken, imitiert er nicht nur andere Vogelstimmen, sondern auch Handyklingeltöne oder Alarmsignale. Die meisten Gartenbesitzer haben den Star trotzdem nicht so gern zu Besuch. Von Susann Moll NEUBRANDENBURG. Wenn die Kirschen im Sommer saftig rot am Baum hängen, bedient sich der Mensch gewiefter Tricks, um Stare von den Früchten fernzuhalten. In großen Schwarm-Formationen sind die Tiere dann meist unterwegs. Wer nicht gerade versucht, seine Ernte zu retten, ist beeindruckt von diesem Naturschauspiel. Der Star sei ein außergewöhnlicher Vogel, sagt auch Michael Hemauer. Er studiert Naturschutz und Landnutzungsplanung an der Hochschule Neubrandenburg und arbeitet in der Ornithologischen Fachgruppe in der Stadt mit. Er weiß, auch wenn Stare im Sommer und Herbst regelmäßig in großen Schwärmen am Himmel zu sehen sind, hat sich ihr Bestand doch deutlich verringert. Auf der aktuellen Roten Liste ist das Tier sogar als „gefährdet“ eingestuft. In Deutschland leben heute schätzungsweise 2,8 bis 4,5 Millionen Brutpaare – zwei Millionen weniger als noch vor 20 Jahren, informiert der Naturschutzbund (Nabu) Deutschland. Die Organisation hat den Star aus diesem Grund gemeinsam mit dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern zum Vogel des Jahres 2018 gekürt. In Mecklenburg-Vorpommern wurden 2009 zwischen 340 000 und 460 000 Brutpaare gezählt. Im Neubrandenburger Kulturpark fanden Ornithologen damals 53 Staren-Paare in natürlichen Höhlen und sechs in Nistkästen. Bei der letzten Erhebung der Neubrandenburger Fachgruppe im Jahre 2014 hatte sich der Bestand mehr als halbiert. Vogelexperte Michael Hemauer FOTO: SUSANN MOLL Weniger Bruthöhlen, weniger Nahrung Das ist ein erschreckender Befund für einen Allerweltsvogel, der sich bisher gut an den Menschen und seine geschaffenen Lebensräume anpassen konnte, der sowohl in der Stadt als auch auf dem Land zu Hause ist. Durch unsere heutige Wirtschafts- und Lebensweise lassen wir dem Star sowie anderen Vögeln jedoch zu wenig Platz und auch Nahrung, lautet das Fazit einer Expertentagung in Hamburg zum Vogel des Jahres 2018. Besonders im Frühjahr, wenn er seine Jungen aufzieht, brauche der Star proteinreiche Nahrung, erklärt Michael Hemauer. Er sucht sie am liebsten auf beweideten Wiesen, wo der Mist der Weidetiere reichlich Insekten und Würmer anlockt. Dadurch, dass viele Rinder und Ziegen ausschließlich in Ställen gehalten werden, findet der Vogel immer weniger dieser „reich gedeckten Tische“. Und auch sonst wird es für ihn zunehmend schwieriger sich und seine Jungen zu ernähren, da die Zahl der Insekten insgesamt stark zurückgegangen ist – vermutlich durch den Einsatz von Insektiziden in der konventionellen Landwirtschaft. Hinzukommt, dass der Star immer weniger Bruthöhlen in alten Bäumen findet. „Sie werden in Wäldern geschlagen, weichen städtischen Bauvorhaben oder Verkehrssicherungsmaßnahmen“, heißt es vom Nabu. Zum Ausgleich wurden in Neubrandenburg Nistkästen angebracht. Um aktuelle Zahlen über den Bestand im Kulturpark zu bekommen, wird Michael Hemauer in den kommenden Tagen erneut die Staren- Paare zählen. Zurzeit brüten die Weibchen in Höhlen und Nistkästen. Nach etwa zwölf Tagen schlüpfen die Jungen und werden dann noch drei Wochen lang von den Eltern im Nest gefüttert, bis sie flügge werden. „Stare haben keine Reviere“, erklärt Michael Hemauer. „Sie brüten in der Nähe von Artverwandten.“ Je nachdem, ob die erste Brut erfolgreich war, wechseln Stare durchaus noch mal das Weibchen und paaren sich ein zweites Mal. Die Vögel tragen derzeit ihr sogenanntes Prachtkleid – schwarzes Gefieder, das je nach Lichteinfall metallisch grün, blau oder violett glänzt. Bei den Weibchen wird es auf der Oberseite noch von kleinen hellen Punkten verziert. Beide Geschlechter haben zur Brutzeit einen auffällig gelben Schnabel, was sie bei flüchtigem Hinsehen mit einer Amsel verwechselbar macht. Talent zur Imitation ein Zeichen für Intelligenz Der Gesang, mit dem das Männchen versucht eine Partnerin anzulocken, ist zu Anfang nicht gerade melodisch. Der Starenmann gibt laut Nabu eine Reihe pfeifender, zischender, gepresster und schnalzender Geräusche von sich. Er wirke dabei fast wie ein Bauchredner, denn sein Schnabel bewegt sich nicht. In seinem Gesang lässt er sich dann von anderen Vogelstimmen sowie Umgebungsgeräuschen inspirieren und imitiert diese. Wer also auf der Straße eine Polizeisirene hört und sich vergeblich nach einem Streifenwagen umschaut, ist womöglich auf den tierischen Imitationskünstler hereingefallen. Für Michael Hemauer ist dieses Talent ein Beweis für die Intelligenz des Jahresvogels. Schlau ist auch seine Taktik, um Greifvögel abzuwehren. Sperber, Falke oder Rotmilan haben Stare nämlich zum Fressen gern. Um sich zu schützen, bilden sie ihre Schwarm-Formationen. „Je mehr Stare zusammenkommen, umso verwirrter ist der Jäger“, sagt Michael Hemauer. Der Fressfeind könne sich dann nicht mehr auf einen Vogel konzentrieren und sei quasi „blind vor lauter Staren“. Die synchronen, wellenförmigen Bewegungen des Schwarms wirken fast wie ein eigener gigantischer Organismus. Aber wie organisieren die Stare ihre auffälligen Choreografien? „Man hat herausgefunden, dass sich ein Star auf sieben andere in seiner Umgebung konzentriert und versucht während des Flugs immer die gleiche Position zu ihnen einzuhalten“, berichtet der Student. Im Spätsommer, bevor die Stare in den Süden ziehen, kommen manchmal Tausende von Vögeln zusammen. Michael Hemauer informiert am 19. April bei einem Vortragsabend über den Vogel des Jahres 2018. Die Fachgruppe Ornithologie lädt um 19 Uhr in die Hochschule Neubrandenburg ein. Das Gefieder der Stare ist schön anzusehen, ihr Gesang anfangs eher gewöhnungsbedürftig. FOTO: NABU/MARC SCHARPING Unsere Reihe zur „Natur des Jahres“ Die von diversen Naturschutzorganisationen gekürten Tiere und Pflanzen für 2018 stehen fest. Mit ihnen soll auf ihre besondere Gefährdung ihrer Lebensräume hingewiesen werden. Doch was hat das alles mit uns zu tun? In einer Reihe von Beiträgen forschen wir nach. 1. Die Heilpflanze: Ingwer 2. Der Fisch: Dreistachliger Stichling 3. Der Vogel: Star 4. Der Lurch: Grasfrosch 5. Die Orchidee: Torfmoos-Knabenkraut 6. Der Schmetterling: Großer Fuchs 7. Die Staude: Taglilie 8. Der Pilz: Wiesen-Champignon 9. Das Gemüse: Steckrübe 10. Der Baum: Esskastanie 11. Die Spinne: Spaltenkreuzspinne 12. Das Waldtier: Wildkatze