The Red Bulletin Februar 2020 (AT)

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ÖSTERREICH

FEBRUAR 2020, € 3,50

ABSEITS DES ALLTÄGLICHEN

ZIEMLICH

BESTE

FREUNDE

PIZZERA & JAUS

Österreichs stärkstes Musiker-Duo

über Ehrlichkeit, falschen Stolz

und die Partnersuche im Internet


Unser Siegerfoto

des Jahres.

Internationaler Transporter des Jahres 2020

und Internationaler Pick-up des Jahres –

Auszeichnungen, auf die wir wirklich stolz sind.

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CO2-Emissionen und den Stromverbrauch neuer Personenkraftwagen entnommen werden, der bei allen Ford Vertragspartnern unentgeltlich erhältlich ist und unter http://www.autoverbrauch.at/

heruntergeladen werden kann.


INTERNATIONAL

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INTERNATIONAL

PICK-UP AWARD 2020

Ford Transit Custom Plug-in Hybrid

Ford Transit Custom EcoBlue Hybrid

Ford Ranger


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E D I T O R I A L

BÜHNENREIFER

ILLUSTRATOR

Für das „Burgtheater‐

Magazin“ zeichnete

Vinz Schwarzbauer

„Bestien“, für unsere

Lesestoff‐Seite wurde

er noch wilder. Seite 78

WILLKOMMEN

HITS UND

HAIFISCHE

Paul Pizzera und Otto Jaus waren jeder für sich

schon gestandene Musik-Kabarettisten. Doch seit

es zwischen den beiden während einer Rauchpause

„gefunkt“ hat, stehen sie gemeinsam auf

der Bühne und sind als Pizzera & Jaus zum erfolgreichsten

Musiker-Duo Österreichs aufgestiegen:

vier Amadeus Awards, ausverkaufte Hallen,

Nummer-1-Hits. Ihr Geheimnis: Sie pflegen eine

„Zusammenfreundschaft“, wie sie es nennen –

eine Beziehung weit über den Beruf hinaus

mit Regeln, Ritualen und Rotwein. Was es

mit Letztgenanntem auf sich hat und wie

du vielleicht selbst den perfekten Partner

findest, verraten sie ab Seite 46.

Madison Stewart sucht die Nähe von

Fischen, vor denen sich die meisten von uns

fürchten: Sie taucht mit Haien. Dabei sind

eigentlich sie es, die vor dem Menschen

Angst haben müssten. Die Australierin ver-

sucht ihnen zu helfen, indem sie ehemalige

Haifischer zu Touristenguides macht.

Die ganze Story: ab Seite 52.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe

von The Red Bulletin!

Die Redaktion

HÜLLENLOSER

FILMSTAR

Wer immer schon

wissen wollte, was

C‐3PO aus „Star Wars“

unter seiner Metall‐

haut trägt: Seite 22

„Ich bin eine

Künstlerin,

die ihre Linien

unter extremen

Bedingungen

zieht.“

Géraldine Fasnacht, 39, Wingsuit‐Fliegerin.

Was sie meint,

verstehst du ab Seite 62.

MUSKULÖSE

MUSIKER

Paul Pizzera und Otto Jaus sind,

man sieht es auf diesem Foto

mit Redakteur Christian Eberle‐

Abasolo, nicht nur Musik‐Größen.

Das Interview: ab Seite 46

MANFRED KLIMEK (COVER), GETTY IMAGES

6 THE RED BULLETIN


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in Anspruch genommen werden. Details auf seat.at/konfigurieren-kaufen/aktuelle-aktionen


INHALT

The Red Bulletin

im Februar 2020

42

COVERSTORY

46 DIE BEZIEHUNGSPROFIS

Freundschaft, Freiheit und

Friedhofsbesuche: Österreichs

aktuell erfolgreichstes Musiker-

Duo Pizzera & Jaus im Talk.

FOTOGRAFIE

26 STERNSTUNDEN

DES SKIFAHRENS

Spektakuläre Aufnahmen von

Pisten bei Sonnenfinsternis,

Sternnebel und Nordlicht.

TAUCHEN

52 FÜR EINE HAILE WELT

Madison Stewart kämpft gegen

die Ausrottung der Haie.

Dafür hat sie deren Jäger

als Unterstützer gewonnen.

INNOVATOR

60 DER BUS DER ZUKUNFT

Ein Italiener hat öffentlichen

Verkehr neu gedacht. Plus:

das Gadget für Musikmacher.

WINGSUIT-FLIEGEN

62 FREIHEIT ALS ANTRIEB

Am Snowboard ist Géraldine

Fasnacht eine Legende, in der

Luft wurde sie zur Pionierin.

KREATIVER KOPF. Joseph Gordon-Levitt

über Filme, Fokus und seine eigene Firma

62

MOUNTAINBIKE

38 DER LANGE KAMPF

ZURÜCK INS LEBEN

Seit seinem Sturz vor vier

Jahren muss Profi-Biker Paul

Basagoitia mit einer Rückenmarksverletzung

leben lernen.

FILM

42 DER KREATIV-STAPLER

Hollywood-Star Joseph

Gordon-Levitt im Interview

über das Zusammenspiel von

Konzentration und Kreativität.

MUSIK

44 DRUM’N’BASSGEIGE

Wie die Drum’n’Bass-Könige

Camo & Krooked ihre digitale

Welt mit klassischen Instrumenten

zusammenführen.

guide

DEIN PROGRAMM

72 REISEN. Von Kairo nach Kapstadt

mit dem Rad: eine Tour voll Sand,

Strapazen & Sehenswürdigkeiten

76 UHREN. Die Armbanduhr, die einem

Bergsteiger das Leben rettete

78 LESESTOFF. Die besten Bücher

für Fans von „Game of Thrones“

80 GAMING. Warum „Mario Kart“

dich unbeschwerter leben lässt

82 EVENTS. Wichtige Termine

für die kommenden Wochen

84 ENTERTAINMENT. Red Bull TV-

Highlights, live & on demand

86 AUTO-SPECIAL. Elektro, Hybrid

oder doch konventioneller Antrieb:

19 angesagte Modelle

GRANDIOSES GEFÜHL. Wie Snowboarderin

Géraldine Fasnacht Freiheit beim Fliegen fand

26

PERRIN JAMES, CARA ROBBINS/CONTOUR BY GETTY IMAGES, BERTRAND DELAPIERRE,REUBEN KRABBE

10 GALLERY

16 ZAHLEN, BITTE!

18 PLAYLIST

20 CLUB DER TOTEN DENKER

22 FUNDSTÜCK

24 LIFE HACKS

94 READ BULL

96 IMPRESSUM

98 CARTOON

STRAHLENDER SCHNEE. Fotograf Reuben

Krabbe rückt Skifahren in ein anderes Licht.

8 THE RED BULLETIN


52

FURCHTLOSE FRAU

Madison Stewart nimmt es

mit Haien auf. Und mit den

Fischern, um sie zu retten.

THE RED BULLETIN 9


MAKATEA,

FRANZÖSISCH-

POLYNESIEN

Sozialer

Aufstieg

Makatea ist winzig: 7,5 Kilometer lang,

7 Kilometer breit und Heimat von rund

60 Menschen. Von 1917 bis 1964 wurde

hier Phosphat abgebaut – was die

Land schaft radikal veränderte. Doch

Kletterer wie die sechsfache französische

Weltmeisterin Charlotte Durif

(Bild) haben das bizarre Atoll als

gerade zu einzigartigen Platz entdeckt

und bescheren dem Pazifik-Inselchen

neues Leben – und Respekt.

chadurif.fr

JEREMY BERNARD

10


ZAKOPANE, POLEN

Vor dem

Sturm

Dehnen, strecken, beugen:

Hier wärmen sich die Teilnehmer

des Red Bull 400 in Zakopane auf.

Gleich werden sie versuchen, eine

89,11 Meter hohe Sprungschanze

mit bis zu 35 Grad Steigung von

unten nach oben zu bezwingen.

Viele Athleten formen mit ihren

Beinen ein V wie Victory –

ja, die schaffen das.

redbull.com/400


DAMIAN KRAMSKI/RED BULL CONTENT POOL

13


LINCOLN, NEBRASKA

Erhöhter

Aufwand

Die Füße im Bild gehören dem Fotografen

James Marcus Haney, 31. Er hat

sich den Platz hoch über der Büh ne

der Pinewood Bowl aus ge sucht, um

ungewöhnliche Bilder vom Auftritt

der britischen Band Mumford & Sons

zu machen. Der Amerikaner begann

seine Karriere, indem er sich mit

gefälschten Armbändern Zugang

zu Musik festivals erschlich. Er ist

stolz darauf, bei Konzerten bis heute

noch nie Eintritt bezahlt zu haben.

jamesmarcushaney.com

JAMES MARCUS HANEY

14


Z A H L E N , B I T T E !

JUBILÄUM

Rasta, Raucher, Rebell

Am 6. Februar wäre Bob Marley 75 geworden. Hier ein Blick auf sein Leben:

Welche Platte machte ihn zum King of Reggae? Wer versuchte, ihn umzubringen?

Und wie viele Insekten lebten in seinen Dreadlocks?

18

11

Kinder hatte Marley offiziell,

von bis zu 46 wird gemunkelt.

0

Jahre alt war Marleys Mutter,

eine Sängerin, bei seiner Geburt

– sein Vater, ein Hauptmann

der britischen Armee, war 60.

Testamente hinterließ

der Rastafari seiner unüber-

schaubaren Großfamilie.

Die Anwälte freuten sich.

7

Jahre alt war Marley, als er

Jahre alt war Marley, als er

beschloss, sein in der

Nachbarschaft gefeiertes Talent

als Handleser aufzugeben,

um Musiker zu werden.

5.

Platz auf der „Forbes“-Liste der

Platz auf der „Forbes“-Liste der

bestverdienenden toten Celebritys:

2019 verdiente seine Familie

mit Streams und Marley-Hi-Fi-

Produkten 20 Millionen Dollar.

2585

Pfund zahlte ein Bieter 2003

bei einer Versteigerung für ein

10,2 Zentimeter langes Dread-

lock-Stück des Reggae-Stars

samt Autogrammkarte.

130.000.000

Dollar ist heute sein

geschätzter Marktwert.

56

72

verschiedene Insekten wurden

nach Marleys Tod angeblich

in seinen Dreadlocks gefunden.

104:14

14

war jener Bibel-Psalm, auf den

sich Bob berief, wenn es um

seinen Cannabis-Konsum ging.

Auch in seinen Sarg wurde

Marihuana gelegt.

28.000.000

Mal wurde seine posthum veröffentlichte Best-of-Compilation „Legend“

verkauft. Es ist damit das meistverkaufte Reggae-Album aller Zeiten.

Hope Road war die Adresse in

Kingston, wo er 1976 ein Schuss-

attentat überlebte. Es heißt, die

CIA sei daran beteiligt gewesen.

1977

wurde Hautkrebs auf einer

seiner großen Zehen entdeckt.

Wegen seiner Rastafari-Religion

lehnte er eine Amputation ab.

Marley starb vier Jahre später.

GETTY IMAGES (5) CLAUDIA MEITERT

16 THE RED BULLETIN


Es macht Spaß, den neuen 100 %

elektrischen Corsa-e anzuschauen...

...aber noch mehr, ihn zu fahren.

DER NEUE OPEL CORSA-e

Opel Corsa-e (BEV) Elektro 136 PS, Verbrauch kombiniert gesamt: 17 kWh/100 km, CO 2 -Emission: 0 g/km


P L A Y L I S T

MATTN

Beats

für die

Powder-

Party

Après-Ski mit Style: Die belgische

DJ präsentiert vier animierende

Songs zum Abfeiern im Schnee.

Die belgische DJ Mattn, mit bürger-

lichem Namen Anouk Matton, jettet

zwischen Tomorrowland, dem weltweit

größten Festival für elektronische

Tanzmusik in Belgien, und Auftritten

auf der ganzen Welt hin und her. Das

britische „DJ Mag“ listet sie aktuell

auf Rang 51 der DJ-Top-100. Anfang

April führt Mattns Weg auch zum

Electric Mountain Festival nach Sölden

in Tirol. „Es ist nicht mein erstes Winterfestival“,

sagt Mattn. Bei Festivals

im Schnee herrsche jedes Mal eine

besondere Stimmung. „Die Menschen

trinken viel, es ist kalt, alle wollen sich

bewegen und sind extrem aufgeregt.

Und wenn du dann den richtigen Song

anspielst, explodiert alles.“ Uns hat

die 27-Jährige vier Beispiele für jene

„richtigen“ Songs verraten.

Mattn live: 2.4., Electric Mountain Festival,

Sölden; electric-mountain-festival.com

Timmy Trumpet,

Mattn & Wolfpack

Carnival, 2019

„Bei diesem Song war ich an der

Produktion beteiligt. Ich finde, er

ist der perfekte Start in eine Party,

weil er das Energielevel hebt. Die

Trompete ist wunderbar eingängig

und sorgt jedes Mal dafür, dass

alle ausflippen. Diese Nummer

unter freiem Himmel zu hören,

vor einer Bergkulisse im Schnee –

das muss das Größte sein. Ich freu

mich schon drauf!“

Dimitri Vegas

& Like Mike u. a.

Instagram, 2019

„Auch bei diesem Song bin ich ein

wenig befangen, Dimitri ist schließlich

mein Ehemann. Aber ich liebe

diese Nummer! Sie eignet sich extrem

gut zum Mitsingen und hat

einen starken Latin-Vibe. Das mag

ich. In letzter Zeit verbinden immer

mehr Produzenten Latin- und EDM-

Sounds. Beide Musikrichtungen

sind zum Tanzen gemacht. Das

passt einfach, das ist großartig.“

Eurythmics

Sweet Dreams (Mattn Remix),

2016

„Diese Nummer ist etwas klischeehaft

und auch schon älter, ich hab

sie 2016 gemacht. Aber sie verschwindet

nie aus meinen Sets

und nutzt sich auch nie ab, weil

die Menschen sie lieben. Die Leute

tanzen einfach immer – immer,

immer! –, wenn ich sie spiele.

Gerade in der Kälte draußen will

niemand still stehen, und das kann

man bei der Musik auch gar nicht.“

Icona Pop

I Love It (Sick Individuals

Remix), 2012

„Das ist der perfekte Après-Ski-

Song: Jeder kennt die Orginalversion

und beginnt sofort zu

schreien, sobald man den Song anspielt:

‚Oh mein Gott, ich liebe die

Nummer!‘ Man sieht die Augen der

Menschen glänzen, wenn sie den

Song erkennen. Auf einem Winterfestival

würde ich nie eine unbekannte

Trance-Nummer spielen –

obwohl ich die auch mag.“

IAN HERMANS JONAS VOGT

18 THE RED BULLETIN


D E R C L U B D E R T O T E N D E N K E R

FRIEDRICH SCHILLER

Macht Gaming mich

zu einem besseren Menschen?

Die größten Denker aller Zeiten beantworten

Fragen unserer Gegenwart, übermittelt

durch den Philosophen Christoph Quarch.

Diesmal: Friedrich Schiller verrät, wie wir

spielend menschlicher werden.

Ach, das Spielen – wie habe ich es doch geliebt!

Als junger Mann spielte ich nächtelang Karten,

und so manchen Einfall zu einem Gedicht

habe ich auf einer Spielkarte notiert. Später dann, als

ich bei Caroline und Charlotte – meiner späteren Frau

und ihrer Schwester – ein und aus ging, da liebten

wir es, zu dritt Blinde Kuh zu spielen. Oh, das hatte

einen leicht frivolen Reiz, den ich nicht leugnen kann

und auch nicht leugnen möchte. Doch zu meiner Zeit,

im späten 18. Jahrhundert, spielten alle. Und die anzüglichen

Spiele schätzten wir am

meisten.

Ist also etwas dagegen einzuwenden,

dass erwachsene Menschen spielen?

Gewiss nicht, kann ich nur sagen,

denn – wenn’s erlaubt ist, dass ich

mich an dieser Stelle selbst zitiere –

der Mensch ist nur da ganz Mensch,

wo er spielt. Womit auch die Antwort

auf die mir gestellte Frage

ausgesprochen wäre. Doch ganz so

leicht will ich es mir nicht machen.

Schon als ich im Jahre 1792 diese

Worte schrieb, haben sie nur wenige

verstanden. Deshalb scheint es mir geboten, in groben

Strichen darzulegen, von welcher Art des Spiels ich

denke, dass es unbedingt zu einem guten Menschenleben

nötig ist.

Denn es gibt viele verschiedene Spiele, darunter

auch solche, von denen ich nicht behaupten möchte,

sie zu spielen bedeute, wahrhaft Mensch zu sein. An

welche Spiele ich dabei denke, steht in einem meiner

Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“:

Der Mensch soll nur mit der Schönheit spielen. Davon

kann ich bei einigen der bei euch gängigen Spiele

nichts entdecken. Vor allem dann nicht, wenn es dar-

um geht, Geld zu gewinnen. Wettspiele zum Beispiel,

oder Glücksspiele am Automaten.

„Schön ist das

Spiel, weil es

für das Alltagsleben

nutzlos ist;

und weil du als

Spieler frei bist,

dich selbst im

Spielen vergisst.“

Vielleicht fragt ihr nun: Was meint der Schiller, wenn

er sagt, nur Schönheit sei ein würdiger Gegenstand

des Spielens? Nun, ich meine nicht etwas, das hübsch

anzusehen wäre. Sondern dasjenige, was den Eindruck

erweckt, ganz in sich zu ruhen. Etwas, was um keines

äußeren Nutzens willen da ist, sondern sich selbst

genügt. Denkt dabei an eine schöne Musik. Sie folgt

keinen äußeren Zwängen und Gesetzen. Sie ist einfach

nur sie selbst. Und ebendeshalb ist sie schön. Und bedenkt:

Wir sagen nicht zufällig, Musik werde gespielt.

Spiele sind also gerade dann sinnvoll, wenn sie für das

Alltagsleben vollkommen nutzlos sind. Bei solchen

Spielen kann man sich selbst vergessen – und sich genau

deshalb frei und wirklich menschlich fühlen.

Bei Glücksspielen ist das anders. Da spielt man nicht

um des Spielens willen, sondern weil man sich das

schnelle Geld erhofft. Ähnlich ist es bei dem, was man

bei euch „Gamification“ nennt. Da wird etwas als Spiel

verpackt, um etwas zu erreichen, was

nichts mit dem Spiel zu tun hat. Dabei

werden Spiele instrumentalisiert, und

das nimmt ihnen die Schönheit.

Manchmal ist das vielleicht gerechtfertigt,

etwa bei Lernspielen für

Kinder, manchmal aber geht es nur

darum, den Spielern still und heimlich

bestimmte Verhaltensweisen anzutrainieren.

Solche Spiele nehmen euch

die Freiheit, statt sie euch zu schenken.

Ich weiß, dass Blinde Kuh heute nicht

mehr so hoch im Kurs steht und jedermann

mit seinem Computer spielt.

Ich will das auch niemandem ausreden, aber ihr solltet

achtgeben, dass diese Spiele euch nicht mehr fesseln

als beleben; dass sie euch nicht süchtig machen, sondern

euch die Chance geben, für eine Weile in eine gänzlich

zweckfreie, fantasievolle Zauberwelt einzutauchen.

FRIEDRICH SCHILLER (1759–1805)

ist den meisten als Dichter und Dramatiker bekannt. Tatsächlich

aber sind seiner Feder eine Reihe bedeutender Schriften zur

Theorie von Kunst und Schönheit zu verdanken. Mit ihnen wurde

er zum Wegbereiter der Romantik, deren Vordenker sich vor allem

von Schillers in den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des

Menschen“ vorgetragenen Gedanken über die Bedeutung des

Spielens inspirieren ließen. Mit seiner These, der Mensch sei nur

da ganz Mensch, wo er spielt, wurde Schiller zudem zu einem

Pionier der Lebenskunst-Philosophie des 20. Jahrhunderts.

CHRISTOPH QUARCH BENE ROHLMANN

20 THE RED BULLETIN


FRIEDRICH SCHILLER (1759–1805)

Dichter, Philosoph, Ur-Gamer: „Der Mensch

ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

THE RED BULLETIN 21


F U N D S T Ü C K

C-3PO

Metal

Guru

Stabpuppe eines humanoiden

Roboters für „Star Wars“, 1999,

Industrial Light & Magic (ILM),

Los Angeles, Kalifornien

In „Episode I: Die dunkle Bedrohung“

baut Anakin Skywalker aus Altmetallteilen

den Roboter C-3PO: ein Fall

für die von Regisseur George Lucas

gegründete Spezialeffektefirma ILM.

Insgesamt ist die Traumfabrik-Fabrik

in 45 Jahren mit 15 Oscars

ausgezeichnet worden.

DAN WINTERS

22 THE RED BULLETIN


TOYOTA HYBRID

TESTIVAL

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L I F E H A C K S

SCIENCE-BASTLER

Tricks für dein Badezimmer

Pfiffige Lösungen für alltägliche Probleme, Volume 17: wie du dein Badezimmer

mit Essig und Rasierschaum im Handumdrehen auf Vordermann bringst –

und beim Duschen voll informiert bleibst.

DUSCHKOPF

Saubere Lösung

Der Duschkopf ist voller Kalk? Kein Problem,

mit diesem Trick reinigt er sich fast von selbst!

iPAD

Morning Show unter der Dusche

Wer beim Haarewaschen nicht auf News

verzichten möchte, braucht Saugnäpfe.

1

Drück den Plastikbeutel

in die Tasse.

Öffne ihn und füll

die Tasse halb voll

mit Essig.

iPad in Plastikbeutel mit

drei Saugnapf-Hängern

an die Wand heften.

2

Zieh den Gummiring

über den Griff,

stülp den Beutel

über den Duschkopf

und befestige ihn

mit dem Gummi.

ZAHNBÜRSTE

Kur mit heißem Wasser

Die Borsten stehen wild vom Bürstenkopf ab? Nach

einem heißen Bad sieht die Zahnbürste wie neu aus.

mind.

70 °C

1 2

ca.

1 Min.

Rühre die Zahnbürste in

heißem Wasser, danach

sieht sie wie neu aus.

3

Lass den Beutel rund

eine Stunde lang hängen

und reinige die Ritzen

danach mit einer alten

Zahnbürste …

30–60 Min.

… während das

Wasser läuft.

Und voilà – die Kalkrückstände

sind

verschwunden!

SPIEGEL

Voller Durchblick

Rasierschaum verhindert, dass der Spiegel

nach dem Duschen beschlägt.

Rasierschaum auftragen,

kurz einwirken lassen, mit

Mikrofasertuch abwischen.

SASCHA BIERL CLEMENS MAKANAKY

24 THE RED BULLETIN


FOTO: GRANT GUNDERSON

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GRÜN WIE DER NORDEN

Ein Skifahrer staubt im Tombstone

Territorial Park, Kanada, einen

steil abfallenden Hang talwärts.

Es ist 2.03 Uhr früh, und das Nordlicht

scheint grün, als Reuben

auf den Auslöser drückt.


LICHTBILDER

Der kanadische Fotograf REUBEN KRABBE, 29,

hat ein Ziel: unsere Wahrnehmung

des Actionsports zu verändern. Sieben Bilder

eröffnen dir völlig neue Perspektiven.

Text WOLFGANG WIESER

Fotos REUBEN KRABBE

27


RÄTSELHAFT

Kontrolliert oder doch schon

ein Sturz? Tag oder Nacht?

Wir erkennen einen Skifahrer

bei einem Sprung über eine Spalte.

Reuben gelang dieser Schuss

in Whistler, Kanada.

28


DIE MITTE DER NACHT

31. Dezember, kurz vor Mitternacht.

Reuben sitzt mit seiner Kamera

in einem Baum und wartet, bis der

Skifahrer mit seiner Stirnlampe die

Nacht erhellt. Als er den Auslöser

drückt, beginnt ein neues Jahr.


MITTAGSFINSTERNIS

Langsam schiebt sich der Mond

vor das leuchtende Orange

der Sonne in Spitzbergen.

Es ist 11.46 Uhr. Reuben zückt

seine Kamera und hält einen

Augenblick fest, in dem sich Sport

und Sonnenfinsternis vereinen.

31


STRAHLWÄRTS

Die Sonne steht tief an diesem

Nachmittag in Whistler, Kanada:

Nicht mehr lange, und die Nacht

bricht herein über diese Szene,

in der ein Skifahrer auf einem

letzten Strahl ins Tal reitet.

32


BLENDENDES WEISS

Strahlender Schnee, gleißende

Sonne: ein Bild, das Reuben lächeln

lässt. „Bei Tag zu fotografieren ist

einfacher. Gleichzeitig liebe ich die

Herausforderung der Nacht. Sie erlaubt

dir, mit dem Licht zu spielen.“

34


WIE IM HIMMEL

Zehn Monate vorbereiten, sechs

Stunden warten, 20 Sekunden

belichten – ein Bild, das die Ewigkeit

spürbar macht. Als einer der

Ski fahrer (per Doppelbelichtung

im Bild) das Foto sieht, sagt er:

„Skifahren wie im Himmel.“

Die Doku „Nebula“ zur Entstehung

dieses spektakulären Fotos findest

du auf: nebula‐film.com

36


Paul Basagoitia

„Bin ich das jetzt

mein ganzes

Leben lang?“

Ein Sturz veränderte das Leben von Profi-Biker

Paul Basagoitia radikal: Er musste lernen, mit einer

Rückenmarksverletzung zurechtzukommen.

Was das heißt, hat er für eine Doku festgehalten.

Text NEAL ROGERS

Fotos DEWEY NICKS

Als Sportler war Paul Basagoitia, 33, es

gewohnt, Grenzen zu verschieben. Nach

seinem Unfall musste er das wieder tun.

Ein Mountainbiker fährt, eine kleine

Staubwolke hinter sich herziehend,

einen schmalen Trail in den Bergen

nahe Reno im Bundesstaat Nevada

entlang. Manchmal springt er elegant

über Bodenwellen. Ein flüchtiger

Beobachter würde meinen: Nichts

Besonderes – ein Freizeitsportler genießt

einen Tag in der Natur.

Und doch ist es ein Wunder: Der

Mann auf dem Bike leidet nämlich

an einer Querschnittslähmung.

Vor seinem folgenschweren Unfall

zeichnete sich Paul Basagoitia, 33,

vor allem durch eines aus: Er konnte

Grenzen verschieben, das anscheinend

Unmögliche möglich machen.

Wie es aussieht, ist es das Einzige in

seinem Leben, was sich seit damals

nicht geändert hat.

Rückblende. 16. Oktober 2015,

letzter Tag beim Red Bull Rampage

in den Canyons bei Virgin, Utah. Der

Wettbewerb ist für Biker das, was die

1000-Meter-Granitwand El Capitan

im Yosemite-Nationalpark für Kletterer

oder die Streif in Kitzbühel für

Skifahrer ist: die ultimative Herausforderung

für Weltklasseathleten,

für alle anderen nicht zu empfehlen.

Paul Basagoitia ist ein großer

Name in der Szene, wenngleich er

nicht mehr ganz vorn mitmischt.

Doch einmal will er hier unbedingt

noch auf das Siegerstockerl der ersten

drei, bevor er den Spitzensport aufgibt.

Er hat die erste Hälfte des Par-

cours bereits bravourös hinter sich

gebracht, eben einen perfekten Salto

rückwärts über einen Canyon hingelegt.

Doch bei der folgenden Steilstufe

passiert es: Er springt eine Spur

zu weit, bleibt mit dem rechten Pedal

an den Zweigen eines Strauchs hängen

und wird über einen drei Meter

hohen Felsvorsprung geschleudert.

Paul landet auf dem Rücken. Sein

erster Gedanke: „Verdammt, ich hätte

gewinnen können!“ Erst dann bemerkt

er, dass er seine Beine nicht

bewegen kann.

Später, im Spital, nach zehnstündiger

OP, die niederschmetternde

Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung.

Das heißt: Der 12. Wirbel

hat bei dem Sturz das Rückenmark

beschädigt, wenn auch nicht ganz abgetrennt.

Im Gegensatz zu einer kompletten

Querschnittslähmung können

dabei zumindest Restfunktionen von

Bewegung und Sinneswahrnehmung

erhalten bleiben. Trotzdem sagen die

Ärzte, dass Paul wohl den Rest seines

Lebens im Rollstuhl verbringen werde.

„Die ersten zwei Wochen mit einer

Rückenmarksverletzung“, erinnert er

sich, „sind buchstäblich die schlimmsten

Wochen deines Lebens.“

Um nicht völlig durchzudrehen,

sucht Paul Basagoitia Halt in einem

Projekt: Er beschließt, den Weg seiner

Reha minutiös mit der Kamera

festzuhalten. Damit hat er erstens

ein Ziel. Und er würde allen Menschen

mit dem gleichen Schicksal

zeigen, dass sie mit ihren Problemen

nicht allein sind.

Ein Jahr nach den ersten Aufnahmen

steigt das Red Bull Media House

in die Produktion der Doku ein. Im

Oktober 2019, fast auf den Tag genau

vier Jahre nach dem Unfall, feiert

der berührende Film „Any One of Us“

Premiere. „Paul führte zwei Parallelexistenzen“,

erzählt Regisseur Fer-

nando Villena. „In der einen lernte er

mühsam, mit seiner Verletzung umzugehen.

Und in der anderen hatte er

ständig eine Filmcrew um sich.“ Die

Einnahmen der Doku, die Paul Basagoitia

inzwischen zu einem leuchtenden

Vorbild der Community gemacht

38 THE RED BULLETIN


„Die ersten zwei

Wochen mit einer

Rückenmarksverletzung

sind

die schlimmsten

deines Lebens.“

Paul Basagoitia lässt in der Doku

„Any One of Us“ tief blicken:

auf die Narben seiner zehnstündigen

OP und in seine Gefühlswelt.

THE RED BULLETIN 39


Paul Basagoitia

Die Doku begleitet Paul im Alltag: vom

Leiden am WC über harte Workouts ...

… bis hin zum (vorläufigen) Höhepunkt:

der erfolgreichen Rückkehr aufs Bike.

hat, kommen vollständig der „Wings

for Life“-Stiftung zugute, deren Ziel

es ist, Querschnittslähmung eines

Tages heilbar zu machen.

Paul Basagoitia sagt, dass es keine

kleine Herausforderung ist, mit dem,

was er seinen „neuen Körper“ nennt,

leben zu lernen. Es ist ein harter Weg

durch ein Tal der Tränen und der

Schmerzen und für jemanden, der

nicht direkt davon betroffen ist, nicht

wirklich im Bereich des Vorstellbaren.

Eine Szene aus dem Film, die

schon beim Zuschauen wehtut:

Paul stellt fest, dass er nicht so ohne

weiteres seine Blase entleeren kann.

Er muss dazu einen 36 Zentimeter

langen Katheter durch die Harnröhre

einführen. „Als ich das zum ersten

Mal tun musste, habe ich nur geschrien“,

erzählt er. „Das hat mich

echt auf dem falschen Fuß erwischt.“

Paul trainiert jeden Tag in der Früh

90 Minuten intensiv, um winzige

Fortschritte zu erzielen. Er hat sich

mittlerweile mit der Tatsache abgefunden,

dass er unterhalb der Knie

wohl nie wieder etwas spüren wird

und seine Gesäßmuskeln nie richtig

funktionieren werden. Es sei denn,

die Rückenmarksforschung schafft

Abhilfe. (Du kannst dazu beitragen –

siehe rechts.) Aber Paul kann immer-

hin wieder seine Oberschenkelmuskulatur

kontrollieren, was ihm den

Weg zurück in den Sattel ebnete

und eine eingeschränkte Form des

Gehens mithilfe eines Stocks zulässt.

Natürlich hat Paul zwischendurch

auch dunkle Momente zu

überstehen. „Da denke ich mir:

Scheiße, bin ich das jetzt wirklich

das ganze Leben lang?“ Doch dann

ruft er sich wieder ins Bewusstsein,

„wie weit ich schon gekommen bin:

Du sitzt wieder auf dem Rad, bist

komplett unabhängig von der Hilfe

anderer. Sei doch froh!“

Im Übrigen habe ihm der Rat

eines Freundes auf dem mühseligen

Weg in sein neues Leben sehr geholfen:

„Er sagte: ‚Du kannst nicht

immer zurückschauen im Leben.

Das Einzige, was dir das bringt, ist

ein wundes Genick.‘ Und das ist ver-

dammt wahr.“

„Any One of Us“ gibt es auf iTunes und

Amazon Prime zu kaufen bzw. zu leihen.

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40 THE RED BULLETIN


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„Kreativität

entsteht durch

Konzentration.

Und umgekehrt.“

Joseph Gordon-Levitt,

Schauspieler und Unternehmer

42 THE RED BULLETIN


Joseph Gordon-Levitt

CARA ROBBINS/CONTOUR BY GETTY IMAGES, LUNA FILMVERLEIH

Kreativ-Stapler

Hollywoodstar Joseph Gordon-Levitt, 38, wechselt

gerne zwischen US-Blockbustern und Independent-

Kino. Zum Ausschöpfen seines vollen kreativen

Potenzials hat er aber einen eigenen Weg gefunden.

Interview RÜDIGER STURM

the red bulletin: Du bist ein

echtes Kind Hollywoods. Deine

Filmkarriere begann, als du gerade

einmal sechs Jahre alt warst.

Trotzdem hast du dir mit der Firma

hitRECord ein zweites berufliches

Standbein geschaffen. Warum?

joseph gordon-levitt: Weil’s mir

wahnsinnig viel Freude macht. Klar,

Schauspielerei ist die Kunstform,

die ich gelernt habe, die ich am

besten beherrsche – aber im Grunde

genommen geht es mir immer um

Kreativität. Mit hitRECord.org, einer

Online-Produktionsfirma, kann ich

mich in den unterschiedlichsten

Bereichen austoben – Videos, Songs,

Storys. Das ist also nicht bloß eine

hobbymäßige Ablenkung, sondern

Vienna goes Hollywood

„7500“ ist der Notfall-Code für eine Flugzeugentführung

und Titel des Thrillers mit Gordon-

Levitt in der Hauptrolle. Das Besondere: Die

Handlung spielt ausschließlich im Cockpit.

„7500“ (bereits im Kino) ist das Langfilmdebüt

des deutschen Regie-Talents Patrick Vollrath,

eines Absolventen der Wiener Filmakademie.

fordert mich kreativ. Deshalb hat es

einen echten Wert für mein Leben.

hitRECord ist eine offene Online-

Plattform, auf der sich Kreative

aus verschiedensten Betätigungsfeldern

treffen.

Ja, es ist eine interaktive Plattform

für Zusammenarbeit. Ich bin absolut

davon überzeugt, dass wirklich spannende

kreative Prozesse vor allem

dann stattfinden, wenn Menschen

mit ganz unterschiedlichen Perspek-

tiven sich gemeinsam auf eine Sache

konzentrieren.

Konzentration schafft Kreativität?

Ich würde eher sagen: Kreativität

schafft Konzentration.

Der kreative Prozess hilft dir,

konzentriert zu bleiben?

Wenn ich auf mich allein gestellt

bin, fällt es mir schwer, den Fokus

zu bewahren. Für mich ist es immer

hilfreich, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten.

Dabei ist es

egal, ob wir im selben Zimmer

sitzen oder quer über den Planeten

verstreut zusammen ein Projekt

stemmen. Wenn ich weiß, dass wir

gemeinsam etwas schaffen und dass

die anderen auf mich zählen, macht

das einen ganz großen Unterschied.

Man könnte auch sagen, Konzentration

und Kreativität – also Fokussierung

und Offenheit – stehen

einander diametral gegenüber …

Das glaube ich nicht. Ich gebe dir ein

Beispiel: In meinem aktuellen Film

„7500“ spiele ich einen Co-Piloten,

der plötzlich mit einer Flugzeugentführung

konfrontiert ist. Regisseur

Patrick Vollrath hat das Ganze

als eine Art Kammerspiel inszeniert,

wobei die Kammer in diesem Fall das

Cockpit ist. Der Raum ist also klein

und konzentriert. Aber gleichzeitig

öffnete Patrick mir einen gewaltigen

Raum für Kreativität. Da gab es Einstellungen,

die 45 Minuten lang dauerten

und bei denen ich mich völlig

natürlich bewegen durfte, anstatt auf

irgendwelche Markierungen achten

zu müssen. Das war fast wie in der

Realität.

Apropos Realität: In der Social-

Media-Welt ist Konzentration bekanntlich

keine sehr ausgeprägte

Tugend. Wie gehst du damit um?

Entspannt. Aus meiner Erfahrung

ist die permanente Ablenkung nicht

mehr so schlimm wie früher. Vor ein

paar Jahren noch hatten Leute kaum

Hemmungen, während einer Unter-

haltung ihr Smartphone zu zücken.

Mittlerweile ist das anders, die Etikette

bildet sich nun langsam heraus

– was verständlich ist. Immerhin sind

wir die erste Generation, die damit

umgehen und dafür Verhaltensregeln

entwickeln muss.

Dennoch: Siehst du die sozialen

Netzwerke eher als Segen oder

als Fluch?

Schwierige Frage. Jede Technologie

hat ihre guten und ihre schlechten

Seiten. Zweifelsohne gibt es in der

Internetkultur verdammt viele Fallstricke.

Sie kann geisttötend sein,

du kannst nach ihr süchtig werden.

Aber sie hilft uns auch, Beziehungen

zueinander aufzubauen und zusammen

ganz neue Dinge zu schaffen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich

verkenne nicht die Probleme, bleibe

aber vorsichtig optimistisch.

THE RED BULLETIN 43


Camo & Krooked

„Wir wussten,

unser Leben

steht nun drei

Monate still.“

Die Perfektionisten Camo & Krooked

vor ihrem ersten Analogkonzert

Drum ’n’ Bassgeige

Camo & Krooked sind die Könige des Drum ’n’ Bass. Jetzt

wagen sie sich an klassische Musik. Diese Welt ist für sie

neu, ihr Weg jedoch derselbe: mitten durch die Mauer.

Text STEFAN NIEDERWIESER

Foto ANDREA BLESÁKOVÁ

Elektronische Musik braucht Bass.

Bevor sie dir in die Beine fährt,

tritt sie dir in den Magen. Wenn’s

in den Eingeweiden nicht mächtig

scheppert, bleibt der Dancefloor leer.

So einfach ist das, so funktioniert

Drum ’n’ Bass. Das österreichische

DJ-Duo Camo & Krooked hat dieses

Bauchgefühl perfektioniert, seit

zwölf Jahren feilen der Salzburger

Reinhard „Camo“ Rietsch, 36, und der

Niederösterreicher Markus „Krooked“

Wagner, 30, an Tunes, die in dem

schnelllebigen Genre eine bemerkenswerte

Konstante bilden: Sie bleiben

international an der Spitze.

Die Magie von Camo & Krooked

liegt in ihrer Akribie: „Für ein Stück

brauchten wir neulich einen Finger-

snap, also haben wir ihn rein synthetisch

nachgebaut. Das hat zwei

Wochen gedauert.“ Kann es jemand

hören? „Nein.“ Verrückt? „Ja, aber

irgendwer muss es machen.“ Wenn

es darum geht, neue Klangräume zu

betreten, nehmen die beiden nie den

Weg durch die Tür, sondern stets den

durch die Mauer. „Du kannst neunmal

gegen die Wand rennen. Beim

zehnten Mal bricht sie durch. Aber

du nimmst alles mit, was du bei den

vorigen neun Mal gelernt hast – hof-

fentlich keine Gehirnerschütterung.“

Bei ihrem neuesten Projekt stehen

Camo & Krooked nicht nur vor einer

Mauer, sondern auch vor einem

Graben. Einem Orchestergraben,

um genau zu sein. Bei Red Bull

Symphonic interpretieren sie ihre

besten Tracks mit einem Orchester –

eine Idee, mit der sie schon länger

schwanger gingen. Als Hebamme für

das opulente Werk fungiert niemand

Geringerer als Christian Kolonovits,

67, Altmeister des Austropop, Komponist

und generell Mensch vieler

Talente. Schon bei den Proben wurde

klar: Klassische Musik und Drum ’n’

Bass klingen nicht nur unterschiedlich,

Arbeitsweise, Energie und Fachbegriffe

sind es ebenfalls.

Camo & Krooked und Christian

Kolonovits mussten erst eine gemeinsame

Sprache finden, die Essenz der

Tunes, Grooves und Klangfarben her-

ausarbeiten. Töne, die am Computer

synthetisch erschaffen wurden, für

ein siebzigköpfiges Orchester über-

setzen. Harte Arbeit, hart am Burnout,

aber erneut hat sich die Akribie

in Magie verwandelt. „Wir wussten,

unser normales Leben steht nun

drei Monate still. Aber dafür ist das

Ergebnis am Ende einzigartig.“

Red Bull Symphonic – Camo & Krooked,

Christian Kolonovits, Max Steiner Orchestra,

1. und 2. Februar 2020, Wiener Konzerthaus;

die Doku über die Zusammenarbeit wird

ab Februar auf Red Bull TV ausgestrahlt.

44 THE RED BULLETIN


JETZT IM AUHOF CENTER

FASHION

& LIFESTYLE

WINTER

SALE


Erfolg mit Emotionen:

die Musik-Kabarettisten

Otto Jaus, 36 (links),

und Paul Pizzera, 31

46


Freunde mit gewissen Vorzügen

PIZZERA & JAUS sind Österreichs aktuell erfolgreichstes Musikerduo. Viel mehr

zählt jedoch, dass Paul Pizzera und Otto Jaus beste Freunde sind. Ein Interview

mit der Qualität eines Beziehungs ratgebers: über viel Rotwein, falschen Stolz

und die Partnersuche im Internet. Text CHRISTIAN EBERLE-ABASOLO Fotos MANFRED KLIMEK


Seit vier Jahren Seite an

Seite: Otto Jaus und Paul

Pizzera machten aus zwei

Egos ein Erfolgsprojekt.


PICTUREDESK.COM

Am Anfang war eine Zigarette.

Bei einer gemeinsamen

Rauchpause während der

Tour der Langen Nacht

des Kabaretts 2015 haben

sich Paul Pizzera und Otto

Jaus, heute 31 und 36, kennengelernt.

Jaus, ausgebildeter Musicalsänger mit

Vergangenheit bei den Wiener Sänger-

knaben, zeigte sich beeindruckt von Pizzeras

Sprachgewalt im steirischen Dialekt.

Der Grazer wiederum war von Jaus’

„Wahnsinnsstimme, seinem unglaublichen

Klavierspiel und seiner Körperlichkeit“

begeistert. Es folgte der Entschluss,

gemeinsame Sache zu machen. Die

„gegenseitige künstlerische Befruchtung“

seither führte zu zwei Nummer-eins-

Alben, ausverkauften Hallen in Öster-

reich und Deutschland, millionenfachen

Klicks ihrer Videos auf YouTube und vier

Amadeus Awards in den Jahren 2017,

2018 und 2019. Dieser Erfolg kommt nicht

von ungefähr. Er ist eine Kombination

aus Sympathie, System und Synergien,

wie die zwei im Interview verraten.

the red bulletin: War euer Auf-

einandertreffen so etwas wie Liebe

auf den ersten Blick?

otto jaus: Eher Liebe auf den ersten

Tschick. Wir sind ja beim Rauchen ins

Plaudern gekommen. Aber ja: Es kommt

nicht oft vor, dass du jemanden kennenlernst,

der dir von Beginn an so sympathisch

ist.

paul pizzera: Also haben Ottl und ich

kurz darauf den Test gemacht.

Den Test?

jaus: Wir sind für zehn Tage auf Urlaub

gefahren, in die Toskana. Da war nichts

außer uns, den Gitarren, einem Schachbrett

… und viel Rotwein. Die ganzen

Tage über gab es keinen Moment, wo

einer Zeit für sich gebraucht hätte, es war

eine stete gegenseitige Befruchtung. Wir

haben Spaß gehabt und so viele Texte

geschrieben, obwohl wir das gar nicht

vorhatten. Wir wollten uns ja eigentlich

nur kennenlernen. Da wussten wir: Es

passt. Und ohne es zu wollen, haben wir

da bereits die Regeln für eine Zusammenarbeit

aufgestellt. Zum Beispiel: Wenn

jemanden etwas stört, redet man sofort

darüber.

pizzera: Nix runterschlucken. Denn das

multipliziert sich mit der Zeit.

jaus: Deshalb haben wir bis jetzt noch

nie richtig gestritten, auch wenn uns das

nicht viele glauben.

Der gemeinsame Urlaub war also eine

Art Teambuilding-Maßnahme.

pizzera: Wir wussten früh um unsere

Möglichkeiten, wenn wir zusammenarbeiten.

Wissen, was wir können und

was wir erreichen wollen. Also wollten

wir uns das nicht mit Streitigkeiten ver-

hauen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander

wie mit unseren Partnerinnen,

leben auf engstem Raum miteinander.

Und das heißt auch, zwischenmenschliche

Spielregeln festzulegen.

jaus: Seitdem fahren wir jedes Jahr

einmal in den Urlaub. Wir nehmen uns

ein paar Tage frei und schauen uns zum

Beispiel eine Stadt an. Damit wir unsere

Beziehung nicht nur als Arbeitsbeziehung

wahrnehmen, denn das ist sie nicht.

Wenn man sich bei der „Langen Nacht

des Kabaretts“ trifft, hat man automatisch

Gemeinsamkeiten, auf denen

man aufbauen kann. Wäre es zwischen

euch genauso gelaufen, wenn ihr euch

in einer Bar kennengelernt hättet?

pizzera: Dort hätten wir nicht gleich

gesehen, was der andere alles kann.

jaus: … aber es wäre aufs selbe hinausgelaufen.

Egal wie wir uns kennengelernt

hätten, es wäre diese Freundschaft daraus

entstanden. Was wir immer sagen:

Der Job verbindet uns. Aber selbst wenn

er nicht da wäre, wäre der Paul einer meiner

besten Haberer. Wir erhalten unsere

Freundschaft nicht des Berufs wegen. Das

ist sehr wichtig, weil du dann zum Gegenüber

immer ehrlich bist.

pizzera: Es ist keine Zweckbeziehung.

Nicht gleich groß, aber immer auf Augenhöhe:

das Grundprinzip von Pizzera & Jaus für ihre

Shows – und ihre Freundschaft

„Es war

Liebe auf

den ersten

Tschick.“

OTTO JAUS

Ihr sprecht auch nicht von einer

Zusammenarbeit, sondern von einer

Zusammenfreundschaft. Was ist der

Unterschied?

jaus: Es kommt darauf an, wie jemand

Arbeit definiert. Ist Arbeit schwierig, arg

und mühsam, ist es Zusammenarbeit.

Wenn es das ist, was du machen willst,

und jemanden an der Seite hast, mit dem

das noch besser wird, dann ist Zusammenarbeit

und Freundschaft dasselbe.

Was ist es genau, was besser wird?

pizzera: Ich habe viel gelernt – über die

Kunstform und mich selbst. Wir waren

beide die kompletten Ego-Säue. Zu zweit

musst du auch einmal zurückstecken und

nachgeben können, damit das gemeinsame

Werkl rennt. Das war Neuland, aber

irrsinnig fruchtbares Neuland.

jaus: Du wächst auf diese Art viel mehr.

Du musst mehr an dir arbeiten. Allein

kannst du sagen: Das bin ich, das mache

ich. Da lasse ich mir nicht dreinreden.

Zu zweit geht das nicht. Du musst Wege

finden, dass es funktioniert.

Das klingt nach Kompromissen. Wie

viel Kompromiss ist Pizzera & Jaus?

jaus: Die Kompromisse, die es bei uns

gibt, bereden wir nicht. Die entstehen

automatisch. Wenn es einen Kompromiss

gibt, fühlt es sich nie wie einer an. Ich

glaube, es ist nicht richtig, arge Kompromisse

einzugehen. Das zahlt sich nicht

aus, funktioniert auf Dauer nicht und

würde mir auf den Arsch gehen. Das

heißt: Wenn du merkst, dass der andere

einen Kompromiss eingeht, den er nicht

eingehen will, sollst du ihn nicht von ihm

verlangen.

pizzera: Ein Kompromiss ist dann gut,

wenn dein Stolz gerade nicht so wichtig

ist wie die Liebe zum anderen. Dein Stolz

darf nicht verletzt werden, aber wenn er

gerade kleiner ist als das Ziel, das Zusammensein,

ist es ein guter Kompromiss.

Sich also immer vor Augen führen,

dass das Ziel es wert ist.

jaus: Genau. Du musst wissen: Ist es

mein Ego? Oder bin ich es selbst? Ist es

das Ego, dann halt die Pappn. Bist du

es selbst und haderst wirklich damit,

dann nicht.

THE RED BULLETIN 49


Ist das Ego der Hauptgrund für das

Scheitern von Beziehungen?

jaus: Das Ego ist oft ein Faktor. Eifer-

sucht und Neid entspringen oft aus dem

Ego. Das Ego ist oft unsicher, es befürchtet,

dass du kleiner wirst, wenn du dem

anderen was gönnst. Aber ich freue mich

über jedes Projekt, das der Pauli alleine

macht. Wenn er sagen würde: Ich will

Pizzera & Jaus nicht mehr, dann wäre das

kein Anlass für mich, mit ihm zu brechen.

Sondern ich würde es verstehen und die

Entscheidung respektieren.

pizzera: In jeder Beziehung musst du

einerseits Wurzeln haben, andererseits

„Flügel geben“ – der Partner muss ja auch

einmal allein fortgehen dürfen. (Lacht.)

jaus: Wer bin ich, dass ich ihm sage, was

er machen darf und was nicht? Das wäre

keine Zusammenarbeit und ganz falsch.

Apropos Ego: Wieso eigentlich Pizzera

& Jaus und nicht Jaus & Pizzera?

jaus: Nach unserem ersten Video zu

„Wir gewinnt“ sind wir vom Grazer

Schlossberg spaziert und haben genau

darüber gesprochen. Pizzera & Jaus

klingt einfach besser. Tatatata-tam.

Der längere Name zuerst. Das ist eigentlich

immer so. Roy und Siegfried?

Das hört sich doch scheiße an! (Lacht.)

Sind Zusammenfreundschaften, wie

ihr es nennt, im Berufsleben generell

anzustreben?

pizzera: Wenn du eine Firma leitest

und mit jedem befreundet bist, ist es

schwierig. Allein wegen des Themas

Kündigungen.

jaus: Du brauchst sehr viel soziale Intelligenz.

Selbst wenn der Chef dein Freund

ist, musst du wissen, er ist trotzdem dein

Chef. Diese Grenzen nicht zu tolerieren

kann ganz böse enden. Dasselbe gilt für

Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz.

„Wir sind

Frontmänner

und Hintergrundtänzer

in einem.“

PAUL PIZZERA

pizzera: Ab dem Moment, wo eine Hier-

archie hinzukommt, wird es schwierig.

Wir sind beide CEOs, beide auf Augenhöhe.

Ab dem Moment, wo jemand unter

dir ist, geht das nicht mehr. Unser Geheimnis

ist die fehlende Hierarchie …

… die es aber in vielen anderen

Künstlerformationen gibt.

jaus: Es funktioniert, wenn jeder in

seiner Position zufrieden ist und nicht

nach mehr, nach etwas anderem strebt.

Dann ist es perfekt.

pizzera: Wir sind eben beide Frontmänner

und Backgroundtänzer in

Personalunion.

Gibt es bei euch eine Trennung von

Beruflichem und Privatem? Themen,

die tabu sind?

pizzera: Wir wissen alles voneinander.

jaus: Was wir gegenüber der Öffentlichkeit

preisgeben, ist was anderes. Aber

zwischen uns gibt es kein Thema, das

man nicht anschneiden, nicht bereden

darf. Oft gibt es in Beziehungen ein heikles

Thema, das man sich nicht anzusprechen

traut. Aber genau das musst du besprechen,

um die Beziehung aufzubauen –

auch wenn es den anderen nervt und

er zunächst nicht darüber reden will.

Wie findet man heraus, wer unter

vielen Anwärtern am besten zu einem

passt? Auf welche Parameter kommt

es an?

pizzera: In erster Linie auf den Humor.

Dann darauf, ob du vom anderen was

lernen kannst.

jaus: Der Mensch muss dich begeistern.

pizzera: … du wirst von ihm aber nicht

verbogen. Er beeindruckt dich, lässt dich

aber leben. Und du spürst Anerkennung,

Respekt und Loyalität. Das sind wichtige

Pfeiler, um sich auf eine Beziehung –

welcher Art auch immer – einzulassen.

Was funktioniert besser, um eine gute

Beziehung zu finden: eine Bar, Tinder

oder eine Partner-Plattform?

pizzera: Das ist lustig: Ich war nie auf

Tinder, aber ich wollte unbedingt einmal

Parship oder so was ausprobieren. Weil

es mich interessiert hat, wer mir vor-

geschlagen wird, wie die Algorithmen

funktionieren.

So habe ich das meiner Frau auch einmal

erklärt. Hat aber nicht geklappt.

pizzera: (Lacht.) Nein, wirklich! Partner-

Plattformen sind ja aufwendig program-

„Wenn dein

Ego spricht,

halt besser

die Pappn!“

OTTO JAUS

miert. Die haben ja einen – zumindest

marginalen – wissenschaftlichen Anspruch.

Wie es zu einem Match kommt, hätte

mich interessiert.

Aber du hast es dann nie gemacht.

pizzera: Nein, aber ich habe das Parship-

Profil meiner Mutter eingerichtet. Immer-

hin.

Und?

pizzera: Sie hat jemanden gefunden und

ist jetzt glücklich.

jaus: Ich glaube, es ist scheißegal, wo

man sich kennenlernst – ob im Internet

oder in einer Bar. Das Wichtigste ist, nicht

zu versuchen, sich neu zu erfinden. Das

funktioniert nicht. Du musst von Anfang an

zeigen, wer du wirklich bist, was du willst

und was du nicht willst. Nicht, dass es nach

einem Jahr das böse Erwachen gibt. Viel

besser ist es, zu sagen: Das bin ich, komm

damit klar. Und zeig mir auch, wenn du

damit nicht klarkommst, dann können

wir uns viel Zeit und Schmerz ersparen.

pizzera: Eine lustige Anekdote dazu.

Mein Großonkel ist 88, seit über zwanzig

Jahren Witwer. Bei seinem wöchentlichen

Jour fixe – Schnapsen jeden Donnerstag

beim Kirchenwirt – hat er neulich gesagt,

er wäre wieder bereit für eine Beziehung.

Mit 88!

jaus: (Lacht.)

pizzera: Warte, die Pointe kommt noch.

Da sagt der Wirt zu ihm: „Na dann, ab

auf den Friedhof mit dir.“ „Wieso auf den

Friedhof?“, fragt er. „Na, du hast keine,

und eine, die du dort triffst, hat auch

keinen.“

jaus: (Lacht lauthals auf.)

pizzera: Ja, der Friedhof ist das analoge

Witwer-Tinder. Aber warte: Er ist wirklich

hingegangen – zu einer Frau, die dort gestanden

ist. Dann hat er so was gesagt wie

„Na, auch keinen mehr?“. Und dann hat

sie ihm ihre Festnetznummer gegeben.

Er hat sich zwei Tage Zeit gelassen, angerufen

und sie dann auf einen Kaffee

eingeladen. Dann hat sie ihn angeschrien:

„Zwei Tage lässt du dir Zeit! Weißt du,

was das in unserem Alter heißt?“ Das

finde ich wunderschön.

Pizzera & Jaus touren mit „Wer nicht

fühlen will, muss hören“ durchs Land.

Infos: paulpizzera.at

50 THE RED BULLETIN


Jaus, der kleine Gefühlige,

und Pizzera, der große

Starke – gespielt ist das

nicht, „nur überzeichnet“.


Mit dem

nötigen Biss

Als MADISON STEWART Teenager war, begannen ihre

Lieblingstiere aus dem Meer zu verschwinden.

Heute bringt sie Haifischer dazu, sie zu schützen.

Text LOU BOYD


Bestell nicht die

Haifischflossensuppe:

Die australische Naturschützerin

Madison

Stewart hat Haifischer

zu Reiseleitern gemacht,

die ihren Kampf gegen

das Aussterben der Tiere

unterstützen.

PERRIN JAMES

53


„Ich sah eine Hai-Art,

mit der ich immer schon

schwimmen wollte,

zum ersten Mal in echt.

Das Tier lag tot auf dem

Markt. Das war hart.“

Jeder hat einen Wohlfühlort.

Für die einen ist es

ein Haus, für andere eine

bestimmte Stadt oder ein

Land. Der Wohlfühlort

der australischen Umweltschützerin

Madison Stewart

liegt unter Wasser – in der Gesellschaft

von Haien. „Keine Ahnung, wann

ich mich in den Ozean verliebt habe“,

sagt Stewart. „Ich genieße einfach die

Freiheit, mit diesen faszinierenden Tieren

zusammen zu schwimmen.“

Stewarts Eltern ermutigten sie von

klein auf, die Natur zu erkunden. „Dass

ich so früh mit dem Tauchen begann,

liegt an meinem Vater. Er nahm mich

von der Schule und ließ mich daheim

unterrichten, damit wir öfter tauchen

gehen konnten.“ Eines Tages – Stewart

war gerade vierzehn – wollten sie bei

einem Tauchgang am Great Barrier Reef

eine große Gruppe Grauer Riffhaie beobachten,

so wie sie es schon oft getan

hatten. Von der Gruppe fehlte jede Spur.

Jahre später sagt Stewart: „Meine

Liebe zu den Haien begann, als sie langsam

aus den Meeren verschwanden.“

Die Haifischerei hat in den letzten

Jahrzehnten massiv zugenommen. Sollte

sich nichts daran ändern, wird sie nach

der Einschätzung von Meeresschützern in

dreißig Jahren zum unwiderruflichen

Verlust vieler Spezies führen. Laut World

Wide Fund for Nature sind derzeit fast

40 Hai­Arten durch Überfischung gefähr­

det, jede vierte davon ist vom Aussterben

bedroht. In den Medien allerdings sind

Haie noch immer nicht gefährdete, sondern

ihrerseits lebensbedrohliche Meeresbewohner.

Dabei werden jährlich bis zu

100 Millionen Haie von Menschenhand

getötet – entweder als Beifang (so bezeichnet

man Fische und andere Meerestiere,

die beim Fang einer bestimmten

Art unbeabsichtigt im Netz landen) oder

indem man ihnen illegal die Flossen abschneidet,

bevor sie zum Sterben zurück

ins Wasser geworfen werden.

Obwohl einige Länder, darunter auch

mehrere US­Staaten, den Besitz oder

Verkauf von Haien verbieten, servieren

Restaurants und Märkte in China und

Vietnam nach wie vor Haifischflossensuppe

und Haifischfleisch. Geht es nach

Stewart, muss sich das ändern. Mit

26 Jahren hat sie schon genug tote Haie

gesehen. „Egal wie grauenhaft die Bilder

sind, irgendwann stumpft man ab. Bei

den ersten paar toten Haien weinte ich,

jetzt ist da nur noch ein Gefühl von Taubheit.

Meistens zumindest. Vor kurzem

sah ich eine Hai­Art, mit der ich immer

schon schwimmen wollte, zum ersten Mal

in echt – das Tier lag tot auf dem Markt.

Das war hart.“

Nach Jahren des Aktivismus –

Stewart wurde von der Australian

Geographic Society als „Young

Conservationist of the Year“ ausgezeichnet

– musste sie einsehen, wie

aussichtslos der Kampf war. Nicht nur sie

selbst, die ganze Welt war des Anblicks

toter Haie müde. Es brauchte neue Wege,

um den Wahnsinn zu stoppen. Ihr vor drei

Jahren gegründetes Unternehmen „Project

Hiu“ („Hiu“ ist das indonesische Wort für

54 THE RED BULLETIN


Ganz in ihrem Element: Bei Tauchgängen an der Seite von beeindruckenden Haien fühlt sich Madison Stewart, 26, besonders wohl.

KARINA HOLDEN

Die Hai-Trägodie liegt Madison Stewart buchstäblich zu Füßen, als sie ein Dorf

auf der indonesischen Insel Lombok besucht, wo massenhaft Tiere getötet werden.

„Haifisch“) bekämpft den Haihandel

an der Wurzel. Mit einer ungewöhnlichen

und ungewöhnlich erfolgreichen

Methode. Denn anstatt die Fischer eines

kleinen Dorfes vor der Küste der indonesischen

Insel Lombok zu verdammen,

ladet Project Hiu sie zur freundschaftlichen

Mitarbeit ein.

„Naturschützer kennen diese Insel

nur zu gut, sie hassen sie. Man stolpert

hier quasi an jeder Ecke über tote Haie“,

erklärt sie. „Irgendwann hatte ich genug

davon, Fotos zu machen und wieder zu

verschwinden. Also beschloss ich, einen

ganz neuen Weg zu gehen.“

Den ersten Schritt machte Stewart, als

sie mit Freunden ins Dorf zurückkehrte

und den Haifischer Odi traf. „Am nächsten

Tag ging er mit uns schnorcheln, und

wir merkten, wie schön die Gegend ist“,

THE RED BULLETIN 55


sagt sie. „Odi erzählte uns vom Fischen:

wie wenig es ihm einbringt, dass er tagelang

von seiner Familie weg ist und mit

einem Fang zurückkommt, der nur fürs

Nötigste reicht. Ich dachte mir: Was wäre,

wenn wir den Fischern eine Alternative

zum Haifischen bieten? – Das war der

Grundgedanke von Project Hiu.“

Eine verrückte Idee, wenn man bedenkt:

Die Haifischerei-Industrie versorgt

indonesische Familien seit Generationen,

viele Menschen auf Lombok sind komplett

auf dieses Einkommen angewiesen.

Wer möchte schon arbeitslos werden, nur

weil ein australisches Mädchen sagt, dass

es nicht okay ist, Haie zu töten? Stewart

wusste, dass das Project Hiu nur funk-

tionieren kann, wenn es eine reizvolle

Alternative zum Töten bietet – etwas,

was den Handel ersetzt, anstatt ihn zu

beenden; etwas, was den Arbeitern

einen Lebensunterhalt bietet.

Stewart dachte an ihre Ankunft auf

Lombok und fand die Antwort im Tourismus.

„Wir möchten nicht nur Fischer,

sondern auch Naturschützer zu einem

Umdenken bewegen“, sagt Stewart. „Wir

zeigen, wie wichtig es ist, den anderen

zu verstehen. Wir zeigen, dass Menschen

Haie nicht aus Hass, sondern aus Mangel

an Alternativen töten.“

Das Projekt richtet sich an Touristengruppen

von maximal zehn

Personen, die, von Einheimischen

geführt, in drei, vier Haifischerbooten

den Lebensraum der Haie

erkunden. „Indem wir Haifischer zu Touri-

Guides machen, verhindern wir, dass diese

Boote zum Fischen rausfahren – und

schützen damit die Haie“, erklärt Stewart.

„Project Hiu ist davon überzeugt, dass nur

die Männer Haie retten können, die dazu

erzogen wurden, sie zu töten.“

Noch sind die Wellen, die Project Hiu

schlägt, klein. Und manchmal fühlt sich

Stewart allein auf weiter Flur. Aber sie

weiß, dass ihre Idee Menschen weltweit

zum Umdenken bewegen kann. „Ich

arbeite mit der Gemeinde zusammen

und möchte mehr Geld (von Lombok-Besuchern;

Anm.) in das Schulsystem investieren“,

erklärt sie. „Der größte Erfolg

der letzten Jahre war für mich, dass so

viele Menschen sich für die Reisen angemeldet

haben und wie sie von den

Einheimischen willkommen geheißen

wurden. Sie sehen die toten Haie und

steigen am nächsten Tag auf ein Boot –

im Wissen, dass sie Haie retten. Jeder Teilnehmer

möchte etwas verändern.“

„Wir machen Haifischer

zu Touri-Guides,

verhindern, dass Boote

zum Fischen raus fahren,

und schützen so Haie.“

56


PERRIN JAMES

Cool bleiben:

Du wirst viel eher

durch einen Blitzschlag

getötet

als von einem Hai

gebissen.


Stewart agiert vor und hinter der Kamera, um auf das Hai-Drama aufmerksam zu machen.

Die Filme „Blue“ und „Sharkwater Extinction“ sind auf DVD und digital erhältlich.

„Der einzige Fehler,

den man machen

kann, ist,

nichts zu tun.”

Von intimen Tauchreisen mit

ihrem Vater rund um das Great

Barrier Reef bis zur Leitung

einer medienwirksamen Aktivistenorganisation

– Stewart hat in den

letzten neun Jahren einen weiten Weg

zurückgelegt und dabei auf vieles verzichtet:

„Ginge es nach mir, hätte ich meine

Unterwasserwelt geheim gehalten“, sagt

sie. „Aber Industrie und Regierungen

haben ein Vakuum zwischen Ozean und

Mensch geschaffen, und sie nutzen diesen

Raum. Sie nehmen sich, was sie wollen.

Ich muss etwas tun.“

Wer das auch so sieht und Meeresbewohner

schützen möchte, muss laut

Stewart nicht an die Küsten dieser Welt

reisen: „Leute schauen manchmal auf

meinen Instagram-Feed und denken sich:

‚Ich muss mit Haien schwimmen, um

sie zu retten‘“, sagt Stewart. „Aber der

Ozean wird von uns allen beeinflusst,

ob in Küstennähe oder nicht.“

„Es gibt Haifischleberöl in Nahrungsergänzungsmitteln,

und man kann Haiknochen

kaufen. Es stecken Haie in

Leckerlis für Haustiere, es gibt Haifischleberöl

in Make-up-Produkten, und

Haifischflossensuppe wird noch immer

in Chinatowns weltweit verkauft. Was

ich damit sagen will: Man kann den

Haihandel bekämpfen, indem man

als Konsument Dinge infrage stellt und

nichts kauft, was sich negativ auf den

Ozean auswirkt.“

Die Mission, den Ozean und seine

Bewohner zu retten, wirkt oft wie

ein endloses und unmögliches

Unterfangen. Können wir das

Blatt noch wenden? „Ehrlich gesagt, ich

weiß es nicht“, sagt Stewart. „Als ich

jünger war, wusste ich, dass ich die Haifischerei

nicht stoppen können würde,

aber ich kämpfte trotzdem weiter – aus

Prinzip. Heute sehe ich, wie Menschen

auf Lombok einen neuen Sinn in ihrem

Leben finden, wie sie mehr Zeit mit ihren

Familien verbringen und wie die Haie

langsam wieder zurückkommen. Der einzige

Fehler, den man machen kann, ist,

nichts zu tun. Denn das würde bedeuten,

schon längst aufgegeben zu haben.“

projecthiu.com

PERRIN JAMES, KARINA HOLDEN

58 THE RED BULLETIN


100% FLÜÜÜGEL.

0% ZUCKER.

• NEUER •

GESCHMACK

Z E R O Z U C K E R


INNOVATOR

START-UPS,

PIONIERE UND

GENIALE

ERFINDUNGEN

Mobilität

Eine ganz

heiße Kiste

Das italienische Start-up „Next

Future Transportation“ hat Öffis

neu gedacht: Herausgekommen

ist dabei ein modulares System

selbstfahrender Kisten.

Am Anfang stand

eine alltägliche ganz

Beob achtung: Tommaso

Gecche lin sah einen öffentlichen

Bus mit zwei Passagieren

durch die Gegend fahren. Das

muss doch effizienter gehen,

dachte der gelernte Physiker

und Designer.

Jetzt arbeitet er als Cheftechniker

seit fast vier Jahren

daran, ein besseres System

zu entwickeln. Das Start-up

„Next Future Transportation“,

beheimatet in Padua westlich

von Venedig, hat sich nichts

Geringeres vorgenommen,

als die Vorzüge eines Taxis

mit jenen des öffentlichen

Verkehrs zu vereinen.

Die Pods können zu Zügen gekoppelt

werden, in denen man sich zwischen

den Waggons frei bewegen kann.

60 THE RED BULLETIN


Agil: Der „Pod“ fährt

auf vier kleinen

Rädern und kann so

am Stand wenden.

Kern der Idee ist ein selbstfahrender,

schräg nach hinten

geneigter Würfel mit Türen an

drei Seiten für sechs Passagiere.

Dieser batteriebetriebene

„Pod“ kann sich während der

Fahrt selbständig mit anderen

Pods zu längeren Zügen verbinden.

Die Fahrgäste navigieren

mithilfe einer App bis

zu ihrem Ziel. Schon heuer

soll die erste Testphase in

Dubai starten – allerdings

noch mit Fahrern aus Fleisch

und Blut am Steuer.

next-future-mobility.com

TOP-TERMINE

2020

MACH DICH

FIT FÜR DIE

ZUKUNFT

31

März

bis 3. April

4GAMECHANGERS

FESTIVAL

Erstmals viertägig,

gewohnt hochkarätig:

Künstler, Politiker, CEOs

und Gründer auf der

Bühne. Motto 2020: „The

power of cooperation“.

Marx Halle, Wien

11

bis 17. Mai

VIENNA UP’ 20

Tagsüber Events zu

Themen wie Smart City

oder AI in vier Start‐up‐

Zentren (u.a. weXelerate,

Talent Garden), abends

Unterhaltungsprogramm.

Verschiedene Orte, Wien

4

und 5. Juni

FIFTEEN SECONDS

FESTIVAL

Die Neugier von 6000 Besuchern

trifft auf den

Wunsch namhafter Speaker

von Google oder Giphy,

ihre neuen Ideen zu teilen.

Stadthalle, Graz

Mehr Inspiration für

Zukunftsmacher gibt es

im aktuellen INNOVATOR.

Infos und Abo unter:

redbulletininnovator.com

NEXT FURURE TRANSPORTATION, ARTIPHON/ORBA

Wenn eine ganze Band in eine Hand passt: Der Orba ist Synthesizer,

MIDI Controller, Looper und mehr.

Musik

Kleines Klangwunder

Artiphon Orba: Wie ein Gerät von der Größe

eines Eishockey-Pucks deine Vorstellung von

einem Musikinstrument auf den Kopf stellt.

Gitarre plus Gitarrenkoffer?

Keyboard

und Ständer? Mischpult

inklusive Laptop?

Wer Musik macht, ist einen

gewissen Platzbedarf für

sein Equipment gewohnt.

Aber das war einmal, denn

das Instrument der Zukunft

passt in eine Hand. So sieht

es zumindest das

US­Unternehmen

Unternehmen

Artiphon, das

mit dem Orba

ein Klangwunder

in

der Größe

eines Eishockey­Pucks

erschaffen

hat. Das Gadget

vereint dabei

die Fähigkeiten

von Synthesizer,

Looper und MIDI­Controller

in sich. Sprich: Es kann

Klänge von Instrumenten

künstlich erzeugen, diese

in Schleife abspielen und

obendrein als Eingabegerät

für dein Musikprogramm

dienen.

Möglich macht dies die

ausgefeilte Technik im Inneren

des Orba: Bewegungsund

Berührungssensoren

nehmen alle Interaktionen,

Drehungen und Neigungen

wahr und verwandeln diese

in Sounds. Der Beat wird

etwa durch simples Antippen

erzeugt, ein Effekt durch

Swipen hinzugefügt,

und Schütteln

macht den

Orba zur Ras­

sel – dank

integrierter

Lautspre­

cher sowie

Kopfhörer­

Anschlüsse für

alle oder nur für

dich. Und natürlich

lässt sich

deine Kreation

mittels App auch speichern,

bearbeiten oder versenden.

Nach einer (äußerst

erfolgreichen) Kickstarter­

Kampagne soll Orba noch

vor dem Sommer auf den

Markt kommen. Preis:

ca. 90 Euro. artiphon.com

Bedienfläche des Orba:

Tasten und Touchpad

THE RED BULLETIN 61


Eins mit den Bergen:

Géraldine Fasnacht bei

ihrem Wingsuit-Flug

von der Aiguille du Midi

auf 3842 Metern

62


Die Vogelfrau

CHRIS SCHMID PHOTOGRAPHY

Auf dem Snowboard ist sie eine Legende, in der Luft

eine Pionierin. Mit einem maßgeschneiderten Wingsuit erkundet

die Westschweizerin GÉRALDINE FASNACHT hochalpine Gebiete.

Risiko und Nervenkitzel sind ihre ständigen Flugbegleiter,

doch ihr Antrieb ist die Freiheit.

Text OLIVIER JOLIAT


D

er Steinadler ist ausgeflogen. Sein

„Schloss“ zu Verbier überlässt der majestätische

Vogel in dieser Sommersaison einer

anderen Königin der Lüfte: Géraldine

Fasnacht. Die Schweizer Flugpionierin

nutzt die „Le Château“ getaufte Felskuppe

gerne als Startplatz für ihren

Morgensprung im Wingsuit. „So bequem,

ohne Seil oder Steigeisen, kommt man

selten zu so schönen Absprungplätzen“,

schwärmt Géraldine. Vor knapp einer

Stunde ist sie vor ihrer Haustür im Dorf

losmarschiert, den Wanderweg entlang,

von dem sie kurz vor ihrem Ziel querfeldein

ausbricht, über ein paar gefallene

Föhren steigt, Stolperzweige aus dem

Weg räumt und das kleine Felsplateau mit

steil abfallender Kante erreicht – direkt

neben dem Ausguck-

Ast, von dem sonst

der mächtigste Raubvogel der Alpen sein

Revier überblickt. Heute ist es ihr Revier.

Das Walliser Alpenpanorama glitzert

in der Morgensonne. Links am Horizont

– Géraldine macht eine Geste, als würde

sie auf eine Sitzecke in ihrem Wohnzimmer

hinweisen – liegt ihr Lieblingsberg,

der Pleureur: „Der ist wohl nach

meinen Freudentränen benannt, die ich

auf den Flügen vom Gipfel schon vergossen

habe.“ Vis-à-vis strahlen der Petit

Combin, die Aiguille d’Argentière, die

Dents du Midi. Géraldine hat zu allen eine

ganz persönliche Geschichte. Denn das

hier ist ihr Spielplatz. Schon als junges

Mädchen besteigt sie die Gipfel und Grate,

um die Steilwände und Couloirs mit dem

Snowboard zu erkunden. Wenig später

erobert sie die Drei- und Viertausender,

um sich im Wingsuit tausende Höhenmeter

ins Tal zu stürzen. Ihre neueste

Leidenschaft ist aber ein Ultraleichtflugzeug,

mit dem sie den Radius ihres

„In der Luft fühle

ich mich privilegiert,

frei wie ein Vogel

und akzeptiert

von den Bergen.“

Spielplatzes maßgeblich erweitert. Die

Vogelfrau geht auf Pirsch. „So kann ich

von der Gebirgspiste in Verbier hinüber

zum Gletscher am Grand Combin fliegen

und unterwegs neue Snowboardrouten

oder Absprungplätze entdecken.“

Aber wie kommt man vom Snowboard

zum Wingsuit? „Mit Leidenschaft“, sagt

Géraldine. „Für mich ist alles wie Fliegen.

Ein Spiel mit dem Licht, den Formen des

Berges und der Landschaft, die ich mit

Snowboard oder Flügeln nachzeichne.“

Weiche Linien, feminine Linien, wie sie

betont. Darum stört sie auch, wenn man

sie als Extremsportlerin betitelt, die der

Natur trotzt, sie gar bezwingt. „Ganz

im Gegenteil: Ich lebe meine Passion in

Harmonie mit der Natur. Ich betrachte

mich vielmehr als Künstlerin, die ihre

Linien zieht – wenngleich auch unter teils

extremen Bedingungen.“

Das Ultraleicht-Flugzeug

erweitert den

Radius von Géraldines

Spielplatz und ermöglicht

ihr bei optimalen

Bedingungen sogar

Gletscherlandungen.

Spuren im Schnee:

In ihrer Freeride-

Karriere errang

Géraldine bei internationalen

Wettbewerben

23 Podiumsplätze,

davon 11 Siege.

Ob Sport oder Kunst: Géraldine Fasnacht

ist jedenfalls eine Meisterin

ihres Metiers. Den ersten Höhepunkt

ihrer Karriere feierte sie

mit 21 Jahren. Gleich bei ihrer ersten

Einladung zum Xtreme Verbier gewann

sie als jüngste Fahrerin diesen weltweit

renommiertesten Freeride-Event. Weitere

Erfolge und Titel folgten. 2001 begann die

heute 39-Jährige mit dem BASE-Jumping,

wenig später flog sie auch im Wingsuit

durch die Luft. „Ich brauchte eine Motivation,

um mich zwischen den Snowboard-

Saisonen in den Bergen fit zu halten.

Und dieser Sport vereint viele alpine Disziplinen

und fordert physische, mentale

sowie technische Höchstleistungen.“

Ihre sonnengebleichten Haare hat

Géraldine mittlerweile unter ihrem pink-

farbenen Helm gebändigt. Nun steckt sie

Sonnenbrille, Mütze und Portemonnaie

in die Innentaschen des alpinen Wingsuits:

„Als ich bei meinem Suit-Schneider

solche Taschen forderte, lachte er und

fragte: ‚Für dein Make-up?‘“ Eher fürs

DAVID CARLIER, RAPHAEL SURMONT, SEBASTIEN BARITUSSIO

64 THE RED BULLETIN


Mit Leidenschaft und

Bedacht: Géraldine

Fasnacht bereitet ihre

Wingsuit-Abenteuer

akribisch vor und lässt

bei Zweifel davon ab.


Wie ein Vogel

durch die Luft

So funktioniert

Wingsuit-Fliegen.

Ein Wingsuit ist ein Ganzkörper anzug,

bei dem zwischen Armen und Beinen

ein luft matrat zenartiger Stoff gespannt

wird. Durch kleine Luft einlässe

bläht sich der Anzug nach einem

Sprung aus einem Flugzeug oder von

einem festen Objekt aus (BASE‐Jump)

auf und wandelt den freien Fall zum

Teil in eine Flugbewegung um.

Bei einer Gleitzahl von 1:3 kommen

drei Meter Horizontalflug auf einen

Meter Sinkflug; je nach Thermik

kann zwischendurch sogar an Höhe

ge wonnen werden.

Die Vorwärtsgeschwindigkeit beträgt

zwischen 160 und 180 km/h, durch

natürliche Bewegungen bestimmt

der Pilot Flugrichtung und Sinkrate.

In Österreich werden vor dem ersten

Wingsuit‐Flug mindestens 200 Fallschirmsprünge

und die Unterweisung

durch einen Profi vorausgesetzt.

PHILIPPE PETIT/PARIS MATCH/CONTOUR BY GETTY IMAGES, TAMARA BERGER

66


„Die Berge und die

Start plätze waren

schon lange vor mir

da und bleiben ewig,

egal ob ich ihnen

einen Namen gebe.“

Den Überblick über die von ihr entdeckten

Startplätze hat Géraldine längst verloren.


Bilderbuch-Sprung:

2014 schaffte Géraldine

Fasnacht als erste Wingsuit-

Pilotin der Welt einen

Flug von der legendären

Matterhorn spitze.


Auf einen Meter Sinkflug

kommen über

drei Meter Horizontalflug.

Géraldines

Fallgeschwindigkeit

beträgt deshalb

weniger als 60 km/h.

BERTRAND DELAPIERRE, GERALDINE FASNACHT

„Ich bin eine Künst lerin,

die ihre Linien

unter extremen

Bedingungen zieht.“

Set-up, denn Géraldine benötigte die Taschen,

um Steigeisen, Stöcke und Seil zu

verstauen.

Sie hatte ein Ziel vor Augen: das alpine

Bergsteigen mit BASE-Jumps im Wingsuit

zu verbinden. Die Vision reifte über Jahre.

Sie suchte in den Alpen nach geeigneten

Gipfeln und packte bei ihren Erkundungstouren

auch einen Laser ein, um das

Gelände akribisch zu vermessen. „Doch

die Berechnungen gingen erst auf, als

2012 eine neue Generation von Wingsuits

einen flacheren Flugwinkel ermöglichte.“

Im selben Jahr sprang Géraldine nach

stundenlanger Kletterei von den Aiguilles

du Dru. „In dem Moment spürte ich nur

Freiheit. Im Augenblick des Sprungs waren

all die Anstrengungen am Berg und in

der Vorbereitung einfach weg, der Kopf

glückstrunken und doch zu 100 Prozent

klar. Der Zustand hat etwas sehr Meditatives,

Entspannendes – selbst wenn alle

Sinne hoch konzentriert sind. In der Luft

fühle ich mich privilegiert, frei wie ein

Vogel und akzeptiert von den Bergen.“

Bereits damals hatte die Pionierin

bei ihren Expeditionen von der

Arktis bis in die Antarktis viele

neue Sprunggebiete eröffnet.

Doch mit ihren alpinen Flügen startete

Géraldine eine komplett neue Wingsuit-

Ära, die eine ganze Generation von Athleten

inspirierte. Den Überblick über die

zahlreichen von ihr entdeckten Start-

plätze rund um den Globus hat sie längst

verloren – wohl auch, weil es ihr nicht

besonders wichtig erscheint. „Die Berge

und Startplätze waren schon lange vor

mir da und bleiben ewig, ob ich ihnen

nun einen Namen gebe oder nicht.“

Verglichen mit ihren hochalpinen Startplätzen,

fällt die heutige „Guten Morgen!“-

Wand nur 800 Meter ab. „Sag niemandem

außerhalb der Schweiz ‚nur‘ 800 Meter“,

lacht Géraldine. „Wenn ich anderswo

von der Auswahl hier vor meiner Haustür

erzähle, kommen den BASE-Jumpern

die Tränen.“ Dann zurrt sie die letzten

Riemen ihres Wingsuits fest, checkt noch

einmal alles durch, spricht einen kurzen

Countdown und springt hinunter ins

„Dreieck der Freundschaft“, wo die Täler

aus Aosta, Chamonix und Verbier zusammentreffen.

Heute zieht sie allerdings

nicht nach rechts – wo sie abends gerne

vor dem Haus ihres Sprungkollegen Yves

landet –, zum Teil, weil die Bedingungen

morgens besser sind, links um den Felsen

zu ziehen, vor allem aber will sie uns auf

dem Flughafen von Bex noch ihre neueste

Flugliebe präsentieren: Romeo.

Noch steht der knallorange Ultraleichtflieger

im Hangar. „Papierkram!“, zeigt

sich Géraldine leicht genervt. Doch sobald

der erledigt ist, will sie mit Romeo

um den Globus fliegen und Freunde

besuchen, deren Natur- und Tierschutzprojekte

sie auf ihrem Lebensweg inspiriert

haben. „Was ich bisher erreicht habe,

gelang nur dank der Hilfe von einem

Team aus Freunden. Nun will ich etwas

zurückgeben und Aufmerksamkeit für

ihre Initiativen und Ideen gewinnen.“

Mehr Infos unter: geraldinefasnacht.com

69


A N Z E I G E

must-haves

1

2

3

4

1 IM NETZ DER DATEN

Ob Kalorien- oder Schrittzahl, Blutoder

Stimmungswerte: Immer mehr

Geräte und entsprechende Apps

messen unser tägliches Verhalten –

unser digitaler Fußabdruck verrät

mehr, als man ahnt. Die junge Wissenschaftlerin

Vivien Suchert zeigt in

ihrem Buch „Das vermessene Ich“

fundiert und unterhaltsam, was die

permanente Vermessung unseres

Körpers und Lebens mit uns macht.

ecowin.at

2 DURCHBLICK IM SCHNEE

Egal ob bei sonnigem oder wolkenverhangenem

Wetter – die Count

360° HD von Atomic ist die richtige

Wahl. Atomic vereint dabei die hauseigene

HD-Scheibentechnologie mit

der Fusion Double Lens-Technologie.

Dadurch liefert die Skibrille kristallklare

Sicht ohne Reflexionen und Brechungen.

Durch den extrem dünnen

Live Fit-Rahmen entsteht zudem ein

besonders weites Sichtfeld.

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3 ENTDECKE DAS XPERIA 5

Erlebe das neueste Smartphone von

Sony, und freue dich auf die revolutionäre

Kamera-, Display- und Audio-

Technologie in einem kompakten und

edlen Design. Mit dem 6,1 Zoll FHD+

HDR OLED Display im 21:9 Kinoformat,

der Triple-Kamera mit innovativem

Augenautofokus und Dolby Atmos ®

Surround-Sound bietet dir das

Xperia 5 ein einzigartiges Entertainment-

und Gaming-Erlebnis.

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4 PILOT CHRONO CA7047-86E

Sportlich trifft stylish – auf zu neuen

Zielen mit dem Eco-Drive Pilot Chronograph.

Angetrieben durch jede Art von

Licht, ist bei diesem Modell kein Batteriewechsel

nötig. Die Uhr lässt keine

Wünsche offen und ist ausgestattet

mit 210 Tagen Gangreserve, Datum,

Stoppuhr, verschraubtem Gehäuseboden,

Sicherheitsschließe, und sie

ist wasserdicht bis 10 bar. Der perfekte

Begleiter für Alltag und Abenteuer.

citizenwatch.eu

70 THE RED BULLETIN


guide

Dein Programm

LESESTOFF

Die besten Bücher

für Fans von

„Game of Thrones“

SEITE 78

GAMING

Studien beweisen:

„Mario Kart“ lässt dich

unbeschwerter leben.

SEITE 80

AUTO-SPECIAL

Elektro, Hybrid oder

doch konventionell:

19 angesagte Modelle

SEITE 86

TDA GLOBAL CYCLING

REISEN

Von Kairo nach Kapstadt

mit dem Rad: eine Tour

voller Sand, Strapazen

und Sehenswürdigkeiten

SEITE 72

THE RED BULLETIN 71


Reisen

TOUR D’AFRIQUE

GRENZERFAHRUNG

AUF ZWEI RÄDERN

11.000 Kilometer auf dem Fahrrad durch ganz Afrika sind

eine Tour mit Schmerzgarantie. Das Gute: Man lernt sich

dabei völlig neu kennen. Jérôme Blais hat es ausprobiert.

Die Tour d’Afrique ist kein Radrennen. Der Kampf gegen Hitze und Staub ist Herausforderung genug.

Mein Kopf ist kurz vorm

Explodieren. Zu viel Sonne,

zu wenig Flüssigkeit. Überall

Staub, Hitze, Schweiß und Er-

schöpfung. Dieser Tag war brutal

– nicht nur für mich: Im Camp

sieht’s aus wie im Lazarett. Ich

blicke in ausgelaugte Gesichter,

der Arzt rennt von einem Zelt ins

andere, die einigermaßen fitten

Fahrer sitzen im Schatten, andere

liegen mit Infusionen im Arm in

der Horizontalen. Dabei sind wir

hier doch „nur“ auf einer Fahrradtour.

Allerdings geht die durch

ganz Afrika, von Kairo bis nach

Tour-Teilnehmer Jérôme ist hauptberuflich Lehrer in Kanada.

72 THE RED BULLETIN


guide

REISE-TIPPS

AFRIKA VON OBEN

BIS UNTEN

Was du wissen musst, bevor du das

Abenteuer deines Lebens startest –

und was es auf dem Weg zu sehen gibt.

Kairo, Ägypten

Afrika

Ein Höhepunkt der Tour: Devil’s Swimming Pool am Rand der Victoriafälle in Sambia

Kapstadt, Südafrika

MWANGI KIRUBI, LAUNDON PEACOCK, TDA GLOBAL CYCLING, ALAMY FLORIAN STURM

Team-Spirit: Bei einer Panne packen die Kollegen sofort mit an.

„Auch wenn es

verdammt hart

war, ans Aufgeben

habe ich keinen

einzigen Gedanken

verschwendet.“

Kapstadt. Durch zehn Länder,

mehrere Klimazonen und über

den Äquator. Und wir sind gerade

einmal im Sudan, haben also erst

ein Fünftel der Strecke hinter uns.

Warum ich mir das antue?

Ich war noch nie in Afrika und

wollte diesen riesigen Kontinent

unbedingt auf dem Fahrrad entdecken.

Diese Tour war die ultimative

Herausforderung. Zwar

hatte ich bereits etliche mehrmonatige

Solo­Radtouren durch

Nordamerika hinter mir, doch auf

diese Challenge kannst du dich

nicht vorbereiten. Das Prozedere

ist eigentlich ganz simpel: Du

kannst die gesamte Strecke radeln

– knapp 11.000 Kilometer in vier

Monaten – oder für kürzere Etappen

hinzustoßen. Ein Lkw transportiert

Ausrüstung, Zelte, Ersatzteile

und Nahrungsmittel, und wir

sitzen pro Tag für 80 bis 200 Kilometer

auf vorgegebenen Routen

im Sattel. Ausgedacht hat sich dies

das Team von TDA Global Cycling.

Es ging im Jänner los, unser

Organismus war auf Winter ein­

OFFIZIELLE DISTANZ

11.025 Kilometer

SEIT

2003. Die Tour‐Premiere

brachte einen Eintrag

ins Guinness‐Buch der

Rekorde für die schnellste

Durchquerung Afrikas

allein mit Muskelkraft.

LÄNDER

Ägypten, Sudan, Äthiopien,

Kenia, Tansania,

Malawi, Sambia, Botswana,

Namibia, Südafrika

DETAILS

REGIONEN

Nilufer, Äthiopisches

Hochland, Malawisee,

Victoriafälle, Kalahari‐

Wüste

KLIMAZONEN

Tropen, Subtropen,

gemäßigte Zone

DAUER

115 Tage (86 auf dem

Rad, 25 Pausentage,

4 Reisetage)

KOSTEN

ca. 16.000 Euro

HIGHLIGHTS DER REISE

Stehen bleiben und staunen:

KAIRO/ÄGYPTEN: DIE STADT DER TOTEN

Etwa eine halbe Million Menschen leben hier

in Familienmausoleen, Gräbern und aufwendig

dekorierten Bestattungsanlagen.

LIVINGSTONE/SAMBIA: DEVIL’S SWIMMING POOL

Natürlicher Pool mit teuflisch gutem Ausblick –

direkt am Rand der Victoriafälle, der größten

Wasserfälle der Welt.

MODJADJISKLOOF/SÜDAFRIKA: BIG BAOBAB

Eine Bar in einem lebenden Baum? Oh ja!

Inklusive Zapfanlage und Weinkeller. Gott sei Dank

ist dieser Affenbrotbaum gigantisch groß und

innen hohl. Prösterchen!

THE RED BULLETIN 73


Reisen

guide

TRANS-AFRIKA-

EXPRESS

Im 19. Jahrhundert träumten britische

Unternehmer von einer Zugverbindung

zwischen Ägypten und Südafrika. Gebaut

wurde sie nie. Dafür gilt die Radtour von Kairo

nach Kapstadt heute unter Abenteuer‐

Radlern als ultimative Herausforderung.

HILFE ZUR SELBSTHILFE

Du hast einen Platten im Hochland von Äthiopien

und kein Werkzeug dabei? Kein Problem.

Ein Schuhband und eine Wiese reichen aus:

Von wegen staubtrocken: Starkregen machte die Straße zu einer Schlammpiste.

1 2

Entferne zuerst

Reifen und Schlauch

von der Felge.

3 4

Fülle an der lädierten Stelle

möglichst viel Gras oder

Blätter in den Reifen, dann

leg den Schlauch wieder ein.

NICHT VERGESSEN!

Binde ein Schuhband,

so fest du kannst, über die

Stelle mit dem Loch. Spare

dabei nicht mit Knoten.

Aufpumpen und

vorsichtig bis zum Kollegen

mit dem Profi‐Werkzeug

weiterfahren.

AUF DIESE AUSRÜSTUNG WÜRDE JÉRÔME

KEINESFALLS VERZICHTEN:

1. FEUCHTTÜCHER:

Bei der Kombination aus Schweiß, Sonnencreme, Mückenspray

und dem Fehlen einer Dusche für mehrere Tagen

werden sie zur Basis für eine gute Katzenwäsche.

2. CAMPINGBETT:

Lass Isomatte oder Luftmatratze daheim – denn die sind

irgendwann durchlöchert oder überflutet, wenn der Sturzregen

kommt.

3. KLEIDERBÜRSTE:

Wer mit wenig Gepäck reist, ist froh, seine Kleidung

ab und zu ordentlich durchbürsten zu können.

gestellt. Stattdessen quälten uns

Temperaturen von 35 Grad „im

Schatten“ – bloß gab es diesen

nicht. Und dann fährst du auch

noch mitten in einem Militärkonvoi.

Als Radfahrer bist du auf

Ägyptens Straßen ein Exot. Deshalb

wurden wir von Trucks und

bewaffneten Soldaten begleitet –

beklemmend und sicher zugleich.

Wir sahen die Sphinx von Gizeh,

radelten den Nil entlang nach

Luxor, Assuan und Abu Simbel.

Weiter ging’s ins äthiopische

Hochland, durch einsame Wüsten

in Kenia und Namibia, Safari­Stationen

in Tansania und Botswana

bis zum Tafelberg in Kapstadt.

Auf dem Fahrrad bist du viel langsamer

unterwegs als sonst, du er­

arbeitest dir diese Orte regelrecht

– und erlebst sie viel intensiver.

Gequält wurden nicht nur wir,

sondern auch die Ausrüstung:

Sand, Staub, Dreck, ewig lange

Schotterpisten. Das macht kein

Fahrrad lange mit. Bis Malawi,

also über 7000 Kilometer, hatte

ich keinen Platten. Doch dann …

bei zwölf platten Reifen hab ich

aufgehört zu zählen.

Die meisten Probleme gab es

in Namibia, wo weniger als zehn

Prozent des Verkehrsnetzes asphaltiert

sind.

Der Teamgeist, der sich auf so

einer Tour entwickelt, ist fantastisch.

Auf dem Fahrrad kämpfst du

zwar für dich allein – gegen die

Hitze, die Schlaglöcher, die Anstiege

und den Gegenwind. Doch

sobald die anderen merken, dass

du Schwierigkeiten hast, vielleicht

sogar die Etappe abbrechen willst,

machen sie dir Mut und lassen

nicht locker, bist du wieder in die

Pedale trittst.

Abends, am Lagerfeuer, wur­

den aus manchen Teamgefährten

echte Freunde, mit denen ich

noch heute in Kontakt bin. Ich

hatte mit Erschöpfung, Hitzschlag,

Durchfall und Motivationslöchern

zu kämpfen. Doch

auch wenn die Tour mir alles abverlangte

– ans Aufhören dachte

ich nicht eine Sekunde. Und ich

würde morgen wieder losfahren.

Auf dieser Tour lernst du dich erst

richtig kennen. Seit dem Ende

dieses Abenteuers gehe ich viel

entspannter und offener durchs

Leben. Ich habe erkannt, wie gut

es mir geht und dass viele unserer

Probleme kein wirkliches Problem

sind. Schon faszinierend, was

so eine Radtour durch Afrika

mit dir machen kann!

Hier kannst du den Trip buchen:

tdaglobalcycling.com

TDV GLOBAL CYCLING SASCHA BIERL

74 THE RED BULLETIN


JAHRESABO

getredbulletin.com

€ 25,90

BEYOND THE ORDINARY

Erhältlich am Kiosk, als E-Paper oder als Beilage bei ausgewählten Österreichischen Tageszeitungen,

mehr infos unter: theredbulletin.com

AARON BLATT / RED BULL CONTENT POOL


Uhren

FAVRE-LEUBA RAIDER BIVOUAC 9000

MECHANISCHES

HÖHENFIEBER

Die Schweizer Traditionsmarke Favre-Leuba

verbindet seit fast 60 Jahren mechanische

Uhrwerke mit erstaunlich praktischen Höhenund

Tiefenmessern.

DAS ORIGINAL

Die 1962 lancierte

Bivouac gilt als die erste

mechanische Armbanduhr

mit Aneroidbarometer.

Die Uhrenindustrie beschränkt

sich ja gerne

darauf, die Uhr als Zeitmessgerät

zu perfektionieren,

verfolgt aber vergleichsweise

selten die „artfremde“ Entwicklung

mechanischer Zusatzfunktionen

wie Schrittzähler,

Thermometer, Kompass

und dergleichen mehr.

Dabei wäre eine Kombination

von relevanter Mechanik und

Storytelling eigentlich gar

nicht so abwegig.

Die ersten Smart Watches

Bei der 1737 von Abraham

Favre in Le Locle gegründeten

und heute als Favre-Leuba

bekannten Uhrenmarke findet

man gleich zwei Beispiele,

die seit fast 60 Jahren zu den

Multifunktionsuhren gezählt

werden können: 1968 stellte

Favre-Leuba mit der Bathy

(bathу´s [altgriechisch] = tief)

die erste Taucheruhr mit integriertem

Tiefenmesser vor, wodurch

zwei der fürs Tauchen

wichtigsten Informationen –

Zeit und Tiefe – am Handgelenk

abgelesen werden

konnten. Sie folgte der 1962

lancierten Bivouac (franz. für

Biwak), der ersten Armbanduhr

mit Aneroidbarometer,

womit die Uhr am Handgelenk

auch zur Höhenmessung ver-

wendet werden konnte.

Die Armbanduhr

als Lebensretter

Im Jahr 1964 war der Italiener

Walter Bonatti (1930 –2011),

einer der erfolgreichsten Bergsteiger

in der Geschichte

des Alpinismus, mit seinem

Bergführer in den Grandes

Jorasses im Mont-Blanc-Massiv

in den Alpen unterwegs.

Als ein Sturm aufkam, verließ

er sich unter anderem auch

auf seine Bivouac und wartete

den Sturm in einem sicheren

Unterstand ab – eine Entscheidung,

die den beiden

womöglich das Leben gerettet

hat: Anhand der Angaben des

Höhenmessers konnte er abschätzen,

dass der angepeilte

Gipfel auf 4184 Metern unter

den schwierigen Wetter-

bedingungen nicht mehr

zu erreichen war.

Walter Bonatti mit seiner Bivouac (li.), die ihm dank ihrem integrierten

Höhenmesser im Jahr 1964 am Mont Blanc (re.) wohl das Leben rettete

Das Comeback

Als eine der ältesten Schweizer

Uhrenmarken kehrte Favre-

Leuba nach kurzer Unter-

brechung im Jahr 2017 unter

neuen Besitzern zurück und

mit ihr auch die modernen

Nachfolger der Bathy und der

Bivouac: Die neu als Raider

Bivouac 9000 bezeichnete Uhr

wurde 2018 offiziell in Basel

vorgestellt und misst nebst der

Zeit auch die Höhe bis 9000

Meter – höher als der Mount

Everest, mit 8848 Metern

höchster Punkt der Erde.

Und genau dort hat sie sich

auch bereits beweisen können:

Als der US-amerikanische

Bergsteiger Adrian Ballinger

im Jahr 2018 den Sagarmatha,

wie der Gipfel auf Nepalesisch

heißt, bestieg, trug er eine

„Auf 8800 Metern.

Meine Bivouac

funktioniert

einwandfrei.“

US-Bergsteiger Adrian Ballingers

Nachricht vom Dach der Welt

ROGER RÜEGGER

76 THE RED BULLETIN


guide

Drehring

Der äußere Drehring dient

in Kombination mit dem

roten Zeiger aus der Mitte

zur präzisen Anzeige der

aktuellen Höhe in 100-Meter-

Schritten. Er ist beidseitig

rastend für manuelle

Anpassungen ausgeführt.

Kleine Sekunde

Das Hilfszifferblatt bei

9 Uhr zeigt die Sekunde an

und dient gleichzeitig

der schnellen Funktionskontrolle,

ob die Uhr läuft.

Zentraler

Höhenmesser

Der rote Zeiger aus der

Mitte zeigt auf der äußeren

Lünette permanent

die aktuelle Höhe an;

er deckt den Bereich von

0 bis 9000 Meter ab, dreht

sich also maximal dreimal

ums ganze Zifferblatt.

DIE NEUAUFLAGE

Favre-Leuba Raider Bivouac 9000

Das Titangehäuse misst 48 Millimeter

und schützt ein Handaufzugswerk

bis 30 Meter Wassertiefe.

Der Preis liegt bei CHF 7500,– (€ 7900,–)

Datumsfenster

Gangreserve-

Anzeige

Das Handaufzugswerk

hat eine maximale Gangreserve

von ungefähr

65 Stunden, die Anzeige bei

12 Uhr veranschaulicht dem

Träger, ob das Werk erneut

aufgezogen werden sollte.

Hilfszifferblatt

Synchron zum zentralen

roten Zeiger übernimmt

das Hilfszifferblatt bei

3 Uhr die Anzeige der Höhe

in Tausenderschritten (von 0

bis 9000 Meter). Das heißt,

die obere Hälfte des kleinen

Zeigers läuft von 0 bis

9000 Meter mit, das Gegenstück

zeigt auf der Skala

den barometrischen Luftdruck

in Hektopascal an.

Das Datumsfenster bei 6 Uhr zeigt den

aktuellen Tag an (von 1 bis 31) und muss

bei Monaten mit weniger als 31 Tagen

manuell angepasst werden.

Recco-Band

Das Recco-Band verfügt über einen

integrierten Sender (einen sogenannten

Reflektor), dank dem Rettungsteams ein

Lawinenopfer rascher lokalisieren können.

Adrian Ballinger nahm eine Raider Bivouac 9000 mit auf

den Gipfel des Mount Everest, den höchsten Punkt der Erde.

Bivouac 9000 – die damit zur

ersten mechanischen Höhenmesser-Armbanduhr

wurde,

die bis auf 8848 Meter die

Höhe korrekt angegeben hat.

Ballingers Nachricht an Favre-

Leuba lautete dann auch

lapidar: „Auf 8800 Metern –

meine Bivouac 9000 hat einwandfrei

funktioniert, bis auf

den Gipfel des Mount Everest

hinauf.“

Höher, größer, leichter

Besitzer einer Bivouac bewegen

sich in Deutschland,

Österreich und der Schweiz

unweigerlich zwischen minus

3,54 Meter (Neuendorf bei

Wilster, Schleswig-Holstein)

und 4634 Metern ü. M. (Dufourspitze),

was dem Höhenmesser

automatisch mehr

Relevanz verleiht: So kann

laufend beobachtet werden,

wie der rote Zeiger aus der

Mitte die aktuelle Höhe

anzeigt (was bei der Bathy

zwangsläufig nur mit einem

Tauchgang und mit kleinerem

Spektrum zu erleben ist).

Dazu kommen Hobbypiloten,

Segel- und Gleitschirmflieger,

die von dieser

bei mechanischen Uhren viel

zu seltenen Zusatzfunktion

als Back-up profitieren können

(derzeit wäre nur die Oris

Big Crown ProPilot Altimeter

als Alternative zu erwähnen).

Kurz gesagt: Mit ihrem 48-Millimeter-Titangehäuse

ist die

Bivouac von Favre-Leuba eine

smarte Option für Mechanik-

Fans, die hoch hinauswollen.

favre-leuba.com

THE RED BULLETIN 77


Lesestoff

FANTASY-BOOM

BLUTIGER

ERBFOLGEKRIEG

Mit seinem Kult-Zyklus „Das Lied von Eis und Feuer“ („Game of Thrones“)

hat US-Autor George R. R. Martin ein völlig neues Kapitel der Fantasy-

Literatur aufgeschlagen. Aber wer setzt dieses als würdiger Thronerbe

fort? Wir sagen: JOE ABERCROMBIE.


Für alle Fans von ‚Game of

Thrones‘!“ Die Cover-Buttons,

mit denen Buchverlage seit

nunmehr über zehn Jahren versuchen,

ihre Fantasy-Neuerscheinungen

im lukrativen Kielwasser von

George R. R. Martins Kult-Zyklus

zu positionieren, haben sich zur

wahren Epidemie entwickelt. In

den meisten Fällen gilt hier aller-

dings die alte Weisheit: Nicht

alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

Um diesen literarischen Erbfolgekrieg

ein wenig zu lichten,

muss man sich zunächst vor

Augen führen, was denn „Das

Lied von Eis und Feuer“ (so

der Titel der zehnteiligen Buchvorlage

zur HBO-Erfolgsserie

„Game of Thrones“) tatsächlich auf

den Fantasy-Thron gehoben hat.

Und dabei zeigt sich, nicht ohne

Ironie: in erster Linie der äußerst

sparsame Einsatz aller klassischen

Versatzstücke der Fantasy-Literatur.

Martin, der selbst einst sehr

elastisch als „der amerikanische

J.R.R. Tolkien“ vermarktet wurde,

lässt weder gleißende Schwertkämpfer

noch androgyne Elfen,

grindige Orks oder knorrige Zwer-

ge und auch keine Zauberer mit

albernen Hüten aufmarschieren.

Stattdessen bringt er eine

fulminant ziselierte Truppe von

Charakteren in Stellung, die –

sofern sie nicht völlig unerwartet

eines scharfkantigen Todes sterben

– mit jeder Seite mehr an Tiefen-

VINZ SCHWARZBAUER JAKOB HÜBNER

78 THE RED BULLETIN


guide

DER ERSTE

ABSATZ

Logan hechtete zwischen den

Bäumen hindurch; seine nackten

Füße rutschten auf dem nassen

Boden, dem Schlamm und den

glitschigen Kiefernnadeln immer

wieder aus. Pfeifend schoss

der Atem aus seinem Mund, und

das Blut dröhnte in seinem Kopf.

Er stolperte und prallte hart auf

der Seite auf, wobei er sich fast

die eigene Axt in die Brust bohrte.

Dann lag er keuchend da und

spähte angestrengt in den

dämmerigen Wald.

schärfe gewinnen und diese rund

5000 Seiten starke Sex-and-

Crime-Orgie locker schultern.

Magisches Material setzt Martin

nur ein, um die Fugen seines

martialischen Intrigantenstadls

zu kitten. Und: Fast alle Figuren

agieren jenseits von Gut und Böse.

Die Moral von der Geschicht’, die

gibt es schlichtweg nicht.

Womit der „Für alle Fans von

‚Game of Thrones‘!“-Kandidatenkreis

bereits deutlich an Radius

verliert. Genre-Durchstarter wie

Scott Lynch, Jay Kristoff oder

Michael J. Sullivan (siehe Tipps)

liefern zwar erstklassigen Genre-

Lesestoff ab – was die opulente

Niedertracht betrifft, befinden sie

sich aber nicht ganz auf Augenhöhe

mit Mr. Martin.

Und hier kommt Joe Aber-

crombie ins Spiel. Der britische

Autor, Jahrgang 1974, hat genau

jenen Mix aus brachialer Action

und intelligenter Personalpolitik

im Programm, der das Zeug dazu

hat, darbende „GoT“-Fans aus

dem kalten Entzug zu reißen. Sein

grandioser „The First Law“-Zyklus

(dt. „Klingen“-Serie) wurde von

Kritikern vom Stand weg in den

Himmel gejauchzt, für das ganz

große nächste Ding reichte es

dann aber trotzdem nicht – was

ein echter Jammer ist.

Im Mittelpunkt der Serie

(„Kriegsklingen“, „Feuerklingen“,

„Königsklingen“), die Abercrombie

mit vier Add-ons („Racheklingen“,

„Heldenklingen“, „Blutklingen“,

„Schattenklingen“) nachfettete,

stehen drei Figuren: ein legendärer

Barbar mit ausgeprägtem Hang

zum Blutrausch, ein undurchsichtiger

Magier, der keinen nennenswerten

Unterschied zwischen

Menschen und Marionetten macht,

und ein verkrüppelter Inquisitor,

in dessen Adern unverdünnter

Zynismus zirkuliert. Um diese

drei faszinierenden Protagonisten

gruppiert Abercrombie – nebenbei

diplomierter Psychologe – mit

einem geradezu beängstigenden

Gespür für Sidekicks weitere

kongeniale Handlungsträger,

die es ihm ermöglichen, seine

kriegerische Abenteuerschwarte

in einem von mehreren Feuern

erhitzten, wunderbar würzigen

Sud schmoren zu lassen.

Aber Achtung: Auch wenn

Abercrombie die Streitaxt mitunter

mit der stilistischen Eleganz

eines Floretts führt, ist das hier

immer noch derbe Ware. Hart,

räudig und sehr brutal.

Mit der lang ersehnten Fortsetzung

„Zauberklingen“, dem

ersten Teil des neuen Zyklus

The Age of Madness“, kehrt Aber-

crombie nun ins „The First Law“-

Universum zurück. Und am Cover

wird – Überraschung! – ein gewisser

George R. R. Martin zitiert:

„Ein Rache-Epos, das mich von

der ersten Seite an gepackt hat.“

Womit sich der literarische Kreis

ganz fantastisch schließt.

JOE ABERCROMBIE:

DIE KLINGEN-SAGA

Bislang sind sieben Bände erschienen,

der achte, „Zauberklingen“ (Deutsch

von Kirsten Borchardt; Heyne Verlag),

ist ab 10. Februar 2020 erhältlich.

GENRE-TIPPS

VORSICHT:

SUCHTGEFAHR!

Erlesene Erfolgsserien: aktuelle Fantasy‐

Zyklen, die Lust auf mehr machen

JAY KRISTOFF:

„NEVERNIGHT“

In seiner Heimat Australien

hat Kristoff so ziemlich

alle Preise abgeräumt,

die das Genre hergibt.

Sein virtuoser „Nevernight“‐

Zyklus rund um die junge

Assassinin Mia Corvere ist

stilistisch brillant, definitiv

nicht jugendfrei und

sehr, sehr böse.

2 Bände; Fischer/Tor

JOHN GWYNNE:

„BLUT UND KNOCHEN“

John Gwynnes neuer Zyklus

schließt nahtlos an seine

preisgekrönte High‐Fantasy‐

Saga „Die Getreuen und

die Gefallenen“ (vier Bände)

an und ist ein gefundenes

Fressen für alle Freunde

reichlich garnierter

Schlachtplatten mit Hang

zur blutigen Rohkost.

1 Band; Blanvalet

MICHAEL J. SULLIVAN:

„THE FIRST EMPIRE“

In der sechsteiligen

„Riyria“‐Serie hat Sullivan

das vermutlich charmanteste

Buddy‐Duo der

Fantasy‐Literatur kreiert.

Sein aktueller „Empire“‐

Zyklus ist etwas epischer

angelegt, punktet aber

ebenso mit höchsten

Sympathiewerten.

3 Bände; Knaur

SCOTT LYNCH:

„GENTLEMAN BASTARDS“

Mit dem genialen Meisterdieb

Locke Lamora hat

Scott Lynch einen Helden

erschaffen, der sich den

Titel „Schlafräuber“ wahrlich

verdient hat. Spannung,

Humor und Action in perfekter

Balance – praller

kann man Unterhaltungsliteratur

kaum gestalten.

3 Bände; Heyne

ANTHONY RYAN:

„DRACONIS MEMORIA“

Fantasy‐Drachensteigen für

Erwachsene: Nach seiner

faszinierend düsteren

„Rabenschatten“‐Trilogie

heizt der Schotte dem

Genre mit einem gewagten

Mix aus blutrünstigem

Abenteuer, stampfendem

Steampunk und subtiler

Politparabel ein.

3 Bände; Klett-Cotta

MARK LAWRENCE:

„DAS BUCH DER AHNEN“

Coming of Age auf die harte

Tour: Mark Lawrence hat

schon mehrfach bewiesen,

dass er sich auf der dunklen

Seite der Macht pudelwohl

fühlt – sehr zum Leidwesen

der kleinen Nona, die

sich hier durch ein subversiv

choreografiertes

Rache‐Epos kämpft.

2 Bände; Fischer/Tor

THE RED BULLETIN 79


Gaming

guide

„Mario Kart“-Figuren:

Was sagt deren Auswahl

über den Spieler aus?

GAME-ANALYSE

MARIO SMART

Wissenschaftlich bewiesen: Das Rennspiel „Mario Kart“

lässt dich besser Auto fahren – und unbeschwerter leben.

Wenn sich Nintendo-Entwickler

Shigeru Miyamoto

ein Spiel ausdenkt,

wendet er „kyokan“ an. Für die

alten Philosophen hieß „kyokan“

so viel wie „sich in den anderen

einfühlen“. Für den Schöpfer

von „Mario“ und „The Legend

of Zelda“ beschreibt es das Ver-

hältnis zwischen Programmierer

und Spieler. „Nur was mir Spaß

macht, kann auch anderen Spaß

machen“, so Miyamoto.

Als er 1992 „Super Mario

Kart“ für das Super Nintendo

Entertainment System erfand,

war „kyokan“ bereits Teil der

Game-DNA. Und des Erfolgsgeheimnisses,

mit dem er das

Genre Kart-Racing völlig neu er-

fand. 27 Jahre und etliche erfolglose

Kopierversuche später (siehe

„Garfield Kart“) zählt „Mario

Kart“ zu den beliebtesten Spielen

überhaupt – auch in der neuesten

Mobilversion „Mario Kart Tour“.

Doch was fasziniert die Gamer so

daran? Hier die Thesen des Spielpsychologen

Jamie Madigan und

seiner Kollegen:

EXPERTEN-

PROFIL

JAMIE

MADIGAN

SPIEL-PSYCHOLOGE

Der Autor von „Getting

Gamers: The Psychology

of Video Games and

Their Impact on the

People Who Play Them“

betreibt auf psychologyofgames.com

auch eine

Podcast-Serie und einen

Blog, in denen er die Beweggründe

von Gamern

und die Hintergründe

von Games beleuchtet.

NIEMAND IST PERFEKT

Was deine „Mario Kart“‐Lieblingsfigur

über dich aussagt, analysierte die Psychologie‐Professorin

Dr. Karen Chenier

in der US‐Wochenzeitung „Willamette

Week“. Laut ihrer These wählen Gamer

Avatare aus, die ihnen charakterlich

ähneln: zum Beispiel den neurotischen

Luigi, den clownhaften Saurier Yoshi oder

den narzisstischen Bowser. Für Miyamoto

ist Mario ein „Held der einfachen Leute“.

Doch Madigan schränkt ein: „Viele wählen

auch einfach nur jene Figur, die ihnen

am besten gefällt oder deren Skills ihnen

am meisten Spaß machen.“

„Ein Held der einfachen Leute“: Kultfigur

Mario auf einem seiner Karts

WIE IM ECHTEN LEBEN

Haben auch die Power‐ups tiefere Bedeutung,

symbolisieren sie womöglich

das Auf und Ab des Lebens? Die roten

Koopa‐Panzer könnten für Heimtücke

stehen, die Bananenschale für Pech,

ein Pilz, der schneller macht, für Energie

und ein unbesiegbar machender Stern

für Selbstvertrauen. Nur der blaue

Panzer scheint nicht ganz dazuzupassen

– der ist nämlich nur für den Führenden

gefährlich. „Das Leben ist manchmal

nicht fair“, sagt Kosuke Yabuki, Game‐

Designer von „Mario Kart 8“. „Wir wollten

den blauen Panzer weglassen, aber ohne

ihn hätte einfach etwas gefehlt.“

OPTIMISMUS-BOOST

Ein gutes Game lässt dir in jeder Situation

eine Chance – und motiviert dich

so permanent zum Weiterspielen. Bei

„Mario Kart“ nennt man das Belohnungssystem

„Gummiband‐Effekt“. Je nach

Rennposition bekommt jeder Spieler

unterschiedliche Power‐ups: Für Nachzügler

gibt es Geschwindigkeits‐Boosts

und für das Mittelfeld Waffen, während

auf den Führenden nur eine popelige

Bananenschale wartet. „Spiele wie ‚Mario

Kart‘ geben dir das Gefühl, die Dinge

im Griff zu haben“, sagt Madigan.

SICHERER AM STEUER

2016 untersuchten Forscher an den Universitäten

von Schanghai und Hongkong

die Auswirkung von „Mario Kart“ und

„RollerCoaster Tycoon“ (bei dem man

Vergnügungsparks bauen muss) auf die

analogen Fähigkeiten der Spieler. Sie

wiesen nach, dass Gamen die „visuomotorischen

Fähigkeiten der Versuchspersonen

verbessert“ – die Auge‐Hand‐

Koordination funktioniert also schneller

und zielgerichteter. Madigan ist vorsichtig

optimistisch: „Dass dich ‚Mario

Kart‘ beim Fahrsimulationstraining

besser macht, ist nun bewiesen.“

SPASS HABEN ENTSPANNT

„Forscher der Uni Queensland stellten

Probanden so lange immer schwerere

Mathematikaufgaben, bis sie keiner

mehr lösen konnte. Wer danach zwei

Runden „Mario Kart“ spielte, wies geringere

Stresslevels und mehr Glückshormone

auf. „Alles, was uns Spaß

macht, kann Stress reduzieren“, sagt

Madigan. „Aber Games sind darin besonders

gut: Sie geben uns das Gefühl,

Dinge unter Kontrolle zu haben. Das

bringt uns tiefere Befriedigung als fast

alles andere, was wir im Alltag erleben.“

NINTENDO TOM GUISE

80 THE RED BULLETIN


Sei dabei! bei der beliebtesten eisshow der Welt

29. Jan. – 09. Feb. 2020

Wiener stadthalle


Events

Berlin ruft!

Klingt nach einem grandiosen Abenteuer: quer

durch Europa – ohne einen Cent in der Tasche!

Die Herausforderung bei „Red Bull Can You Make

17Februar

It?“ (21.– 28. April) besteht darin, ohne Geld, Kreditkarten

und Handy nach Berlin zu kommen. Einziges

Zahlungsmittel: 24 Dosen Red Bull. Wer teilnehmen

will, sollte bis 17. Februar ein möglichst originelles

einminütiges Video hochladen. Die 200 Teams

werden dann via Publikumsvoting ermittelt.

Anmeldung bis 17. Februar; canyoumakeit.redbull.com

31 11

Jänner

Porträt eines

Widerständigen

Terrence Malick gilt dank Kultfilmen

wie „Badlands“ und „The Thin Red

Line“ als einer der bedeutendsten

US-Regisseure der Gegenwart. Sein

neues, beim Festival von Cannes ausgezeichnetes

Drama „Ein verborgenes

Leben“ widmet er einem österreichischen

Helden: dem Bauer Franz Jägerstätter

(gespielt von August Diehl),

der aus Gewissensgründen den Kriegsdienst

bei der Wehrmacht verweigerte.

Votivkino, Wien; filmladen.at

6Februar

Schock-Rocker

Sie waren die Schocker beim

Eurovision Song Contest 2019:

Hatari. Das isländische Trio trat

in Sadomaso-Kostümen auf

und spielte einen Song namens

„Hatrið mun sigra“ („Hass wird

siegen“). Beim ESC reichte es

zwar nur für Platz 10, mit ihrem

wilden Mix aus Techno und

Punk gewann die Kunst-Truppe

aber so viele neue Fans, dass

sie nun erstmals auf große

Europa-Tour geht.

Grelle Forelle, Wien; hatari.is

Februar

So süß klingt

Death Metal

Japanische Schulmädchen

machen Death Metal. Klingt

nach einer Reißbrett-Idee? Ist

es auch: 2010 wurde Babymetal

von einer Agentur gecastet.

Doch mit seinem kühnen Mix

aus harten Gitarren und klebrigen

J-Pop-Melodien zählt das

Trio sogar Kollegen wie Slayer

und Metallica zu seinen Fans.

Gasometer, Wien;

babymetal.com

bis

9

Februar

NEUE BLICKE

AUF DIE WELT

60 atemberaubende Fotos sind

noch bis 9. Februar im Hangar-7

zu sehen: die besten Bilder

der Red Bull Illume Quest 2019,

des weltweit größten Bewerbs

für Adventure- und Action-Fotografie.

Dem Besucher eröffnen

sie neue Blickwinkel auf die Welt

– so wie das Siegerbild von Ben

Thouard (links): Der Franzose

fotografierte den australischen

Surfer Adrian „Ace“ Buchan in

Teahupo’o auf Tahiti aus einer

Unterwasser-Perspektive.

Hangar-7, Salzburg; redbullillume.com

NIKA KRAMER/RED BULL CONTENT POOL, RED BULL ILLUME, PICTUREDESK.COM, BRIAN ZUNIGA

82 THE RED BULLETIN


guide

28

Jänner

Im Hexenkessel

von Schladming

Ende Jänner jagt ein Ski‐Ereignis

das nächste: Unmittelbar nach den

Hahnenkammrennen von Kitzbühel

gehen die Slalom‐Asse beim spek takulären

Nightrace in Schladming

an den Start. Die 582 Meter lange

Strecke (mit bis zu 52 Prozent Gefälle)

gilt als besondere Herausforderung –

und als lautstarker Hexenkessel:

Für den erwähnten Sound sorgen

die bis zu 50.000 Zuseher entlang

der Piste und am Zielhang.

Planai, Schladming; thenightrace.at

30Jänner

Pop im Puppenhaus

Ihre Debüt-Single „Dollhouse“ (eine Million Downloads

in den USA) machte Melanie Martinez 2014

zum Popstar, dank ihrer schrägen Outfits wurde

sie auch zur Stilikone. Nun setzt die 24-jährige

Amerikanerin sogar ein politisches Zeichen: Bei

der Tour zu ihrem neuen Album „K-12“, das in den

US-Charts bis auf Platz 3 kletterte, geht ein Euro

pro Eintrittskarte an Organisationen, die sich für

Gleichberechtigung und Humanität einsetzen.

Gasometer, Wien; melaniemartinezmusic.com

THE RED BULLETIN 83


Entertainment

guide

ZEIT ZUM

ABHEBEN

Red Bull TV bietet dir

in diesem Monat wieder

exklusive Eintrittskarten

in die größten Arenen des

Actionsports – von Estland

bis an die Côte d’Azur.

SO SIEHST DU

RED BULL TV

ÜBERALL

Red Bull TV ist deine globale

digitale Destination für

Entertainment abseits des

Alltäglichen, empfangbar

rund um die Uhr an jedem Ort

der Welt. Geh auf redbull.tv,

hol dir die App oder connecte

dich via Smart-TV.

Alle Infos: redbull.tv

Krönender Abschluss:

die Finals in der Halfpipe

17

und 18. Jänner LIVE

LAAX OPEN

Für eine Woche verwandelt sich die beschauliche Schweizer

Berggemeinde Laax in eine Art Woodstock für Snowboarder.

Open-Air-Konzerte, DJ-Sets, Partys bis zum Morgengrauen

und freies Powdern sorgen für Hochstimmung ohne Ende.

Bei den sportlichen Höhepunkten kannst du mit Red Bull TV

live dabei sein: Am Freitag, dem 17. Jänner, finden die Finalläufe

des Weltcup-Bewerbs im Slopestyle statt, und am Tag

danach wird der Champion in der Halfpipe gekrönt.

8und 9. Februar LIVE

SIMPLE SESSION

BMX-Fahrer und Skateboarder aus aller Welt

(im Bild Jaime Mateu) treffen sich in Tallinn, um

auf dem brandneuen Kurs die Besten ihrer Zunft

zu ermitteln – und dann gebührend zu feiern. Denn

der Contest begeht 2020 sein 20-Jahr-Jubiläum.

24

bis 27. Jänner LIVE

WRC MONTE CARLO

Der Startschuss zur Rallye-WM fällt traditionell in

Monaco. Und so klar der Auftaktort ist, so unklar

sind die Bedingungen: Das unberechenbare Wetter

auf den Alpenstraßen macht die Rallye zum wilden

Ritt für Fahrer und zum Spektakel für Zuseher.

LAAX OPEN/JOSHUA LAEMMERHIRT, TEDDY MORELLEC/RED BULL CONTENT POOL, JAANUS REE/RED BULL CONTENT POOL

84 THE RED BULLETIN


Die Schönheit

der Natur entdecken

Jahresabo

¤ 39

Jetzt Abo bestellen:

bergwelten.com/abo


PORSCHE TAYCAN TURBO S

KRAFTSTROM

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich mit 761 PS und einer

Beschleunigung von 0 auf 100 in 2,8 Sekunden neue

Performance‐Maßstäbe unter Elektroautos setze.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Noch den stärksten

Autos mit konventionellem Antrieb davonfahren – und

keiner kann blöd reden.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Heißt zwar Turbo, hat aber

keinen: Finde ich gut!“

„Porsche Taycan: Er heißt

zwar Turbo, hat aber keinen.“

Taycan: erster

Elektro‐Porsche

seit dem Radnabenauto

aus

dem Jahr 1899


LAND AM STROME

2020 setzt sich bei uns E-Mobilität auf breiter Front durch.

Doch es gibt auch Szenarien, in denen Hybridantrieb

oder konventionelle Verbrenner die klügere Wahl sind.

Und über allem schwebt die Frage: „Was würde Greta sagen?“

Hier sind die spannendsten Autos des neuen Jahres.

Text WERNER JESSNER

elektrisch

konventionell

hybrid

Doppelte Premiere:

erster elektrischer

und erster französischer

Opel

OPEL CORSA-E

ENDLICH RUHE

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich als erster Opel unter dem

Dach von PSA (Peugeot/Citroën/DS) entwickelt wurde,

rein elektrisch fahre und sicheres Matrix‐LED‐Licht habe.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Mit einer Reichweite von

330 Kilometern locker von Wien nach Salzburg fahren – und

dort in einer halben Stunde wieder auf 80 Prozent laden.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „So leise! Darf ich auf den

Rücksitzen schlafen?“

THE RED BULLETIN 87


FORD MUSTANG MACH-E

ELEKTROPFERD

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich mit E‐Antrieb, Aufsperren

per Smartphone und fast 40 Zentimeter großem Info‐

Display der Mustang der Zukunft bin.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Überleg dir was!

Wir kommen 600 Kilometer weit. Nach nur zehnminütigem

Laden haben wir bereits wieder 98 Kilometer Reichweite.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Einen Ford Mustang hatte

ich anders in Erinnerung.“

„Großer Name, neuer Zugang:

Der Mustang wird jetzt

elektrisch geritten.“

Zeichen der Zeit:

Mustang, einst

ein Sportwagen,

wird 2020 zum

Elektro‐SUV.

AUDI E-TRON SPORTBACK

GANZ NORMALE ZUKUNFT

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil das Schrägheck meine üppigen

Proportionen perfekt kaschiert – und ich trotzdem bis zu

1655 Liter Laderaum habe.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Mit 408 PS, gewohnter

Beschleunigung, 200 km/h Spitze und einer Reichweite von

446 Kilometern machen wir alles so wie mit jedem Audi‐SUV.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Was, dieser SUV fährt rein

elektrisch?“

BMW 330E PLUG-IN

CHEFDYNAMIKER

hybrid

WARUM GERADE DU? Weil ein BMW 3er seit Jahrzehnten

eine sichere Bank für Sport, Qualität und Image ist: Mehr

Auto braucht eigentlich niemand.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Dank Plug‐in‐Hybridtechnik

bis 60 Kilometer rein elektrisch fahren – oder die

zusätzliche E‐Power für eine Leistung von 292 PS nutzen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Nur 39 Gramm CO ²

auf

100 Kilometer – damit kann ich leben.“

88 THE RED BULLETIN


SUZUKI VITARA ALLGRIP

KRAXELKOMPETENZ

hybrid

WARUM GERADE DU? Weil ich mit einem ausgeklügelten

Allgrip‐Allradsystem selbst dann noch weiterkomme, wenn

andere Kompakt‐SUVs längst feststecken.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Beim Soft‐Hybridsystem

wirkt der Startergenerator als unterstützender E‐Motor –

so sind wir effizient und spurtstark unterwegs.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Soft‐Hybrid? Soft klingt

jedenfalls vielversprechend!“

ŠKODA SUPERB HYBRID

LANGSTRECKENWUNDER

hybrid

WARUM GERADE DU? Weil ich viel Auto und kluge Details

um überschaubares Geld biete.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Im Stadtgebiet über

50 Kilometer rein elektrisch fahren, auf der Autobahn dank

Kombination aus Benzin‐ und E‐Motor ohne nachzutanken

über 900 Kilometer weit kommen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „360‐Grad‐Rundumkamera?

Das ist sicher sicher in der Stadt!“

„Mächtiges Auto,

mächtige Reichweite:

Mercedes geht das

Elektrothema vom oberen

Ende der Skala an.“

MERCEDES EQC

LEITSTERN

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich der erste elektrische Mercedes

der Geschichte bin – lässt man frühe Prototypen für

das Swatch‐Auto beiseite, aus dem später der Smart wurde.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? In nahezu vollständig

gewohnter Mercedes‐Umgebung bis zu 471 Kilometer weit

fahren, ohne nachzuladen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Mit 408 PS vielleicht ein

wenig stark, aber immerhin bei 180 km/h abgeregelt!“

THE RED BULLETIN 89


TOYOTA CH-R HYBRID

ZUKUNFT HEUTE

hybrid

WARUM GERADE DU? Weil kein Hersteller so viel Erfahrung

mit Hybridtechnologie hat wie meiner. So verspricht er

zehn Jahre Vorsorge auf meine Batterie.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Alles. Ich sehe pfiffig

aus, bin innen praktisch und vernetzt und fahre so knackig,

wie man es von einem SUV‐Coupé erwarten darf.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Wo finde ich bitte die

hinteren Türschnallen?“

LAND ROVER DEFENDER

VERTEIDIGER ALTER WERTE

konventionell

WARUM GERADE DU? Weil ich selbst als brandneues Modell

mit 2‐Liter‐Diesel‐ oder 3‐Liter‐Benzinmotor nichts von

meinen erdumrundenden Qualitäten eingebüßt habe.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Wie immer: die Welt

erobern, Anhänger ziehen, auf den Moment warten, in dem

wir meine weitreichenden Talente brauchen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Langlebige Autos sind

umweltfreundlich.“

NISSAN E-NV EVALIA

ALLE EINSTEIGEN!

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich der einzige elektrische

Siebensitzer am gesamten Automarkt bin.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Die Großfamilie einladen

und in der Stadt bis zu 301 Kilometer weit fahren. Oder

die sperrigen Sportgeräte reinwerfen und über Land bis

zu 200 Kilometer schaffen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Darf ich mitfahren?“

„Keine Eitelkeiten:

Die Abenteuer warten am Ziel,

nicht auf dem Weg dorthin.“

Marktlückenfüller:

Ideal für

Gretas Familie –

oder Sportler

mit Platzbedarf.

90 THE RED BULLETIN


„Retro-Anleihen im Design,

aber fünf Monitore innen: Honda E,

Wanderer zwischen Welten.“

HONDA E

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

elektrisch

WARUM GERADE DU? Wegen meiner einzigartigen Optik!

Außerdem kannst du mich mit einem Pedal fahren: Wenn

du vom „Gas“ gehst, bremse ich.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Wir bleiben, dem winzigen

Wendekreis sei Dank, hauptsächlich in der Stadt. Wenn wir

sie verlassen, planen wir Ladezeiten per App.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „136 PS, 145 km/h Spitze,

200 Kilometer Reichweite: sehr vernünftig!“

Kameras statt

Außenspiegel:

Auch deren Bild

findet sich auf den

Screens innen.

JEEP RENEGADE HYBRID

STRASSEN SIND ÜBERSCHÄTZT

hybrid

WARUM GERADE DU? Weil ich der erste Jeep mit Plug‐in‐

Antrieb bin und rein elektrisch bis zu 130 km/h schnell

fahren kann.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Wie bei einem Jeep üblich

im Gelände weiter kommen als andere: Der Verbrennungsmotor

treibt die Vorder‐, der E‐Motor die Hinterachse an.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Ein 240 PS starker Geländewagen

wäre vor ein paar Jahren noch durstiger gewesen!“

SEAT MII ELECTRIC

CITY LIGHT

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich ein selbsterklärender Stadtwagen

bin und dir in kürzester Zeit nicht mehr auffallen

wird, dass ich elektrisch betrieben werde.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Parkplätze finden und

in nur einer Stunde zu 80 Prozent wieder aufladen, wenn

wir die 260 Kilometer Reichweite einmal erschöpft haben.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Okay, bin dabei!“

THE RED BULLETIN 91


MAZDA MX-30

GROSSE KLAPPE

elektrisch

WARUM GERADE DU? Wegen meiner spektakulär gegenläufigen

Türen. Und weil ich der erste vollelektrische Mazda

bin – mit 200 Kilometern Reichweite.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Geld sparen! Ich bin

vorsteuerabzugsfähig, und wenn du mich als Firmenwagen

nutzt, entfällt der Sachbezug.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Wie komme ich bloß nach

Japan?“

Praktisch, speziell

überzeugend:

das Türkonzept

des Mazda MX‐30

„E-Autos dürfen endlich auch

pfiffig sein und Mut zum Design

zeigen – siehe Mazda MX-30.“

FIAT 500X SPORT

FRÖHLICHER RABAUKE

konventionell

WARUM GERADE DU? Weil sich hinter meiner gedrungenen

SUV‐Optik sportliche Gene, entsprechender Sound und

eine präzise Straßenlage verbergen.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Schöner wohnen:

Alcantara‐Sitze, 7‐Zoll‐Infotainment‐System und Titan‐

Optik im Innenraum machen Langstrecken zum Vergnügen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Mit dem sparsamsten

Motor emittiert er nur 116 Gramm CO ²

pro Kilometer.“

VW ID.3

MAINSTREAM VON MORGEN

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich als erster rein elektrischer

Volkswagen so was wie der Käfer der Neuzeit sein werde –

mit mehr Komfort und Platz als der Golf.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Erst einmal warten.

Die First‐Sonderedition ist in Österreich schon vor dem

Marktstart ausverkauft. Im Sommer geht’s dann los.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Na endlich!“

92 THE RED BULLETIN


RENAULT ZOE

MEIN ERSTES AUTO

elektrisch

WARUM GERADE DU? Weil ich dir 1500 Euro vom Kaufpreis

nachlasse, wenn du deinen Führerschein in den vergangenen

sechs Monaten gemacht hast.

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Was man als junger

Mensch in seinem ersten Auto eben macht: Freunde besuchen,

rumfahren, Musik hören … Überlegen wir uns was!

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Soll ich den Führerschein

machen?“

ALFA GIULIA

STIL KANN MAN KAUFEN

konventionell

WARUM GERADE DU? Weil ich – die einzige Premium‐

Limousine mit Heckantrieb, die nicht aus Deutschland

kommt – im Innenraum wunderschön überarbeitet wurde.

Schau selbst!

WAS MACHEN WIR GEMEINSAM? Elegant verreisen,

sportlich cruisen, die Blicke der anderen genießen.

WAS WÜRDE GRETA SAGEN? „Klingt besser als ich unter

der Dusche.“

WIR PFLANZEN DEN

WALD DER ZUKUNFT

ILLUSTRATION: ANTON HALLMANN / SEPIA

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Read Bull

Hier schreiben Literatinnen und Literaten

jeden Monat über ein Thema, das sie bewegt.

VENEDIG

EIN SPIEGELBILD

DER MENSCHHEIT

Gerhard Roth, 77

Er studierte zunächst Medizin und

arbeitete als Organisationsleiter

am Rechenzentrum Graz, bevor 1972

sein erstes literarisches Werk erschien.

Roth bezeichnet sich selbst

als „einen vom Schreiben im besten

Sinne Besessenen“. Seine Bücher

wurden vielfach ausgezeichnet, unter

anderem mit dem Peter-Rosegger-

Preis, einer Romy und dem Großen

Österreichischen Staatspreis. Roths

aktuelles Buch „Die Hölle ist leer,

die Teufel sind alle hier“ (S. Fischer)

spielt übrigens in Venedig.

„V

Venedig kann sehr kalt sein“

heißt ein Kriminalroman

von Patricia Highsmith,

aber wenn es kalt ist in

der Stadt, ist Venedig am

schönsten. Dann bleiben

die Touristen, die nur einmal da gewesen

sein wollen, aus, und die Reisenden sind

unter sich. Der Tourismus ist bekanntlich

zu einer Seuche geworden und das Selfie

zum Erkennungszeichen aller, denen es

darum geht, möglichst viele Orte aufgesucht

zu haben, ohne sich Gedanken dar­

über zu machen, was diesen Punkt auf

dem Globus so einzigartig macht.

Wenn ich es mir einmal vorgenommen

habe, fahre ich selbst bei Acqua alta

nach Venedig. Schon am Bahnhof stehen

Straßenverkäufer und bieten vorwiegend

gelbe Plastikstiefel – zwei Nylonsäcke mit

festen Kunststoffsohlen – an, die bis zu

den Knien reichen. Man stapft speziell

am Markusplatz und in seiner Umgebung

durch das Wasser oder geht über die auf­

gestellten Holzstege. Bei Dunkelheit und

Acqua alta spielen die Musikkapellen vor

den Caffès Florian und Quadri abwechselnd

weiter. Sie versuchen sogar, sich gegenseitig

zu übertreffen, und man denkt

an den Untergang der „Titanic“.

Die Buchhandlung „Acqua alta“ in der

Calle Lunga Santa Maria Formosa hat

etwas Jahrmarkthaftes mit ihrer Gondel

in der Mitte des Raumes und einer Bücher­

wand und Bücherstiegen an der Ziegelmauer

zum Kanal hinauf. Die meisten

Besucher interessieren sich nicht für die

Publikationen selbst, sondern fotografieren

sich beim Hinaufoder

Hinunter­

steigen der Treppen aus vielen einzelnen

Exemplaren. In den vier oder fünf zusätzlichen

Räumen sieht es aus, als befände

man sich in einem Bücherirrenhaus,

als seien die Werke paranoid geworden

und flüchteten in Regale und sogar in

das alte Rettungsboot, das als Behälter

dient. Beim letzten Mal habe ich eine aufgeschlagene,

reich und bunt illustrierte

italienische Ausgabe von Dantes „Göttlicher

Komödie“ auf einem Tisch liegend

gefunden. Es handelte sich um den ersten

Band, wie ich feststellte, mit dem Inferno.

Inzwischen habe ich ihn mit Lavendelparfum

duftend gemacht und sorgfältig

an der Luft getrocknet.

Besonders wenn es schneit, ist Venedig

zauberhaft. Man spürt, dass

sich die Stadt in einem Ausnahmezustand

befindet. Einmal schneite es

nach meiner Ankunft zwei Tage und zwei

Nächte lang durch. Ein weißer Konfettiregen

fiel aus dem nebeligen Himmel. Die

Stadt machte den Eindruck, als trüge sie

weiße Karnevalsmasken und als wollte sie

sich verstecken.

Nirgendwo ist es dann schöner, als

wenn man von der Rialtobrücke auf die

Palazzi und den Canal Grande schaut.

Die breiten Steingeländer sind mit Buchstaben

oder Zahlen versehen, wie Tätowierungen,

die ihnen von Touristen eingeritzt

wurden. Die Vogelperspektive auf

den Canal Grande und die Gondeln mit

japanischen und chinesischen Touristen,

die ihre Schirme aufspannen und darunter

„hervorgucken“, macht süchtig.

Als die Nacht hereinbrach, schwebten

die Vaporetti, die „Wasserbusse“, langsam

auf dem Canal heran, wie beleuchtete

Christbäume, die sich auf der Oberfläche

spiegeln. Und es schneite.

Wenn ich in der Nähe der Rialtobrücke

wohnte, besuchte ich täglich den Fischmarkt.

Die toten Tiere sehen aus, als wür­

den sie Masken tragen. Man findet die

merkwürdigsten Fischköpfe, schreckenerregend,

herausfordernd, wie im Kampf

gefallen, aber auch einfach, schlicht und

friedlich. Oft liegen sie in Massen auf

einem Haufen, als seien sie keine Einzel­

PICTUREDESK.COM GERHARD ROTH

94 THE RED BULLETIN


Gerhard Roth

wesen, sondern Abfall. Ununterbrochen

wird entschuppt und zerlegt, und ununterbrochen

werden Eingeweide entnommen

und Köpfe abgehackt. Das geschieht

automatisch. Fischverkäufer wie

Kunden sehen die Meerestiere nur noch

als Nahrungsmittel.

Der Mensch ist der größte Parasit

und das größte Raubtier auf Erden.

In den Fleischerläden ringsum

kann man Leberkäse von Pferden kaufen,

Koteletts von Schweinen, Salami von

Eseln, Innereien von Hühnern, Steaks von

Rindern. Auf den Tischen der Gemüsestände

stapeln sich Karotten, Avocados,

Radieschen, Salate … Aber auch Obst und

Blumen werden angeboten.

Gegenüber dem Fischmarkt in der

Nähe der Rialtobrücke befindet sich das

gotische Ca’ d’Oro (Goldenes Haus). Es

hat seinen Namen wegen der ursprünglich

ultramarinen Bemalung und der ver-

goldeten Steinmetzarbeiten an der Fassade

zum Canal Grande hin. Man sollte das

Gebäude bei Sonnenschein besichtigen,

denn die Schattenbilder im Inneren des

Palastes sind beeindruckend.

Die Kunstwerke in den Räumen sprechen

für sich, doch die Formen der Schatten

sind wie neue Buchstaben in einem

Alphabet: Vor allem die Bögen zwischen

den Säulen des Balkons werfen große

und dennoch zarte dunkle Bilder auf

den Boden und auf die Wände der Innenräume.

Vielleicht gibt es so etwas wie ein

Schattengebäude, das über dem Ca’ d’Oro

steht, in dem jeder selbst zum schwerelosen

Schattenwesen wird und durch die

Räume schweben kann.

Venedig ist ein Rätsel, das zu lösen

der Reisende immer wieder versucht,

bis er begreift, dass die Stadt ein Denk-

mal für das Denken der Menschheit ist.

Es erinnert in allen Facetten an die Macht,

die Grausamkeit und die Kriegslust, aber

auch an das Verlangen nach Schönheit

und Frieden. Es zeigt Lügen, Niedertracht

und Hass, lässt aber auch die Suche nach

Liebe, Sexualität und Freundschaft sichtbar

werden, stellt Glaube, Kirche und den

Einfluss der christlichen Religion dar, aber

zugleich auch die Ausweg- und Aussichtslosigkeit

der Armen. Die widersprüchlichsten

Eigenschaften, die in den Köpfen der

Menschheit vorhanden und vereint sind,

kommen hier stumm und wie nebenbei

zum Vorschein, sodass man sie leicht

übersehen kann. Der Dogenpalast ist

ein Beispiel dafür. Auf der Vorderseite,

zur Lagune hin, ist er „Himmel“, auf der

Rückseite, an den Markusdom grenzend,

„Hölle“. Vorn residierte der Doge gottgleich,

hinten arbeitete Tag und Nacht

die herrschende Justiz mit Folterkammer,

Gerichten und Gefängnissen. An den

Wänden in den Gängen des Dogenpalastes

waren und sind Monstergesichter

aus Stein mit aufgerissenen Mäulern zu

sehen – Briefkästen der Obrigkeit, die

anonymen Anzeigen dienten. Auf diese

Weise konnte jeder auch seinen Feinden

Schaden zufügen oder sie sogar ver-

nichten, denn es genügte, dass man

verdächtigt wurde.

Venedig war

das Paradies der

Mächtigen und

die Hölle für ihre

Gegner und Opfer.

Selbstverständlich spielte die Kirche

mit. Jede spöttische Äußerung gegen die

sogenannte Obrigkeit konnte die Straf-

maschinerie in Gang setzen. Die Gefängnisse

waren mit sadistischer Akribie angelegt.

Unter dem mit Blei gedeckten

Dach befanden sich die „Piombi“, die

„Bleikammern“. Je nach Witterung und

Jahreszeiten setzten Hitze und Kälte den

Gefangenen zu, von denen es nur Giacomo

Casanova mit einem Gefährten auf abenteuerliche

Weise gelang, auszubrechen.

In Erdhöhe gab es die „Brunnen“, die

„Pozzi“, in die durch die vergitterten

Fenster das Acqua alta eindrang.

Viele Jahrhunderte war Venedig das

Paradies der Mächtigen und die Hölle für

ihre Gegner und Opfer. Im April 1355 traf

es sogar den herrschenden Dogen, den

damals 81-jährigen Marino Faliero. Man

warf ihm vor, einen Staatsstreich zu planen,

der ihn selbst zum Fürsten erheben

sollte, tatsächlich handelte es sich um

eine Intrige, denn weshalb hätte der Greis

den wahnwitzigen Akt unternehmen sollen,

wo er doch keinen Sohn hatte, der

ihm hätte nachfolgen können. Man ver-

mutet heute eine Eifersuchtsgeschichte

und Intrige eines Kontrahenten wegen

Falieros um einiges jüngerer Frau. Im

Zuge der „Damnatio memoriae“ wurden

später alle Gerichtsakten vernichtet.

Die „Damnatio memoriae“, die „Ver-

dammung des Andenkens“, sollte jede Er-

innerung der Nachwelt an den Hingerichteten

verhindern. Falieros Bildnis wurde

deshalb in der Galerie der Dogenporträts

– die man heute noch in der Sala del Gran

Consiglio sehen kann – mit einem schwar-

zen Vorhang übermalt, nachdem er selbst

(ausnahmsweise) auf der Scala Foscara –

einer Steinstiege im Innenhof des Dogenpalastes

– enthauptet worden war. Die

übrigen elf Angeklagten hängte man vor

dem Dogenpalast auf. Das Todesurteil

wurde der Bevölkerung, wie üblich, im

ersten Stock des Gebäudes zwischen zwei

rötlich gefärbten Säulen verkündet. Erst

dann wurde es, der Tradition gemäß, auf

der Piazzetta, der Verlängerung des Mar-

kusplatzes, zwischen den beiden Säulen

mit dem Markuslöwen und dem heiligen

Theodor mit Krokodil vollzogen. Die Einwohner

von Venedig betreten den Durchgang

wegen der an dieser Stelle häufigen

Enthauptungen, Häutungen und anderen

Formen der Folter bis heute nicht gern.

Vom Dogenpalast bis zur Accademia

oder dem Guggenheim-Museum

für moderne Kunst, von den Palazzi

und den zahllosen Kirchen bis zu Gebäuden

wie dem Bovolo, dem „Schneckenturm“,

oder dem Irrgarten für den argentinischen

Dichter Borges – in Venedig

künden viele Details von der Suche nach

Schönheit. Die leidenschaftliche Suche

nach Schönheit war auch eine Folge der

Flucht vor der strengen Zensur des Geistes,

des Denkens und des Handelns.

Die Venezianer dehnten im Lauf der

Zeit sogar den Karneval nahezu über das

gesamte Jahr aus und durften als Maskierte

sodann sündigen, wie sie es sich

erträumt hatten, weil sie nicht mehr er-

kannt werden konnten. Sie machten die

Wirklichkeit zum Traum.

Erst Napoleon verbot der Bevölkerung

– um Aufständen keinen Vorschub zu leisten

– diese Lebensweise.

THE RED BULLETIN 95


IMPRESSUM

THE RED

BULLETIN

WELTWEIT

Aktuell erscheint

The Red Bulletin

in sechs Ländern. Am

Cover unserer britischen

Ausgabe balanciert Bike-

Ikone Danny MacAskill,

der uns auf eine Runde

ins Fitness-Studio mitnimmt

– ohne dabei

vom Rad abzusteigen,

versteht sich.

Mehr Storys abseits des

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96 THE RED BULLETIN


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98 THE RED BULLETIN


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