Sommer 2013 - Klaus Bensmann

kbleder

Sommer 2013 - Klaus Bensmann

Von Hirschen,

Indianern und

altem Handwerk

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Sommer 2013


Ein Münsterländer

tauscht Kanada gegen

das Allgäu und lebt hier

mit seinem Wunschberuf.

Klaus Bensmann ist

einer der letzten gelernten

Sämischgerber und

betreibt zusammen mit

seiner Frau Petra in

Bad Hindelang eine

Lederschneiderei

– speziell für Hirschleder.

Großes Bild: In der Ledermanufaktur entstehen

Hosen, Röcke, Hemden, Westen, Jacken und

Mäntel aus heimischen Hirschhäuten

Oben: An der Nähmaschine entstehen

von Hand gefertigte Unikate.

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Das Rattern einer Nähmaschine

dringt durch die Stille. Dem

Geräusch folgend, betrete ich einen entzückenden

kleinen Laden, in dem der

Blick auf gefilzte Handstulpen, Keramikschalen

und Blechhasen fällt. Allgäuer

Kunsthandwerk vom Feinsten, in dem

man sich in stundenlangem Stöbern

verlieren möchte. Doch dies ist nicht

das Ziel meines Besuches. An der Stirnseite

des Raumes fällt Licht durch hohe

Fenster auf lange Holztische. Leder stapelt

sich hier. Leder in allen Naturfarben

auf den Tischen, in den Regalen, an den

Wänden, auf dem Boden. Dazwischen

Geweihe, Bilder, Felle. Der einzigartige

urtypische Lederduft, vermischt mit dem

zimtigen Aroma des Gewürztees aus

einem zierlichen Samowar, zieht durch

den hohen Raum. Klassische alte Nähmaschinen

mit riesigen Garnrollen reihen

sich unter den Fenstern aneinander. An

einer von ihnen sitzt Klaus Bensmann.

Von Kanada ins Allgäu

Konzentriert ist sein Kopf über ein

Stück Leder gebeugt. Es scheinen die Teile

einer kurzen Hose zu sein, über die seine

Finger in geschulter Manier gleiten.

Unter der tannengrünen Baskenmütze

mit der Ledereinfassung empfängt mich

ein wacher, offener Blick hinter den

runden Brillengläsern. Zum Leinenhemd

trägt er eine Lederhose und Hosenträger,

um den Hals einen roten Schal. Weite

Wälder kommen einem da in den Sinn,

Lagerfeuer, Natur pur.

Stände nicht ein Laptop in der Ecke

und klingelte nicht ein Telefon, fühlte

man sich hier der schnelllebigen Welt ein

Stück entronnen. Zwischen Bad Hindelang

und Hinterstein haben Klaus und

Petra Bensmann eine neue Heimat für

ihre besondere Aufgabe gefunden. Seit

1982 sind die beiden Münsterländer im

Allgäu. Hier erlernten Sie auch die spezielle

Hirschleder-Gerbung. »Das Handwerk

liegt in der Familie und in meinem

ureigenen So-sein«, sagt Bensmann.

Als junges Paar gingen die beiden zu-

Das Besonderer an Klaus Bensmanns

Unikaten ist die feine Struktur und

der besondere Duft des Leders.

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nächst nach Kanada, um dort ihr Glück

zu suchen. Sie fanden den Zugang zur

Natur, lebten im Freien und hüteten als

Rancher Viehherden. »In unserem Arbeitsgebiet

lebte ein alter Jäger und Trapper,

der dort seine Fallen aufstellte.« Dieser

beherrschte das sogenannten »Braintanning«,

eine uralte Gerbmethode der

amerikanischen Ureinwohner. Bei dieser

wird die Hirschhaut mit dem Hirn des

Tieres intensiv eingerieben und anschließend

geräuchert. Der 1900 geborene

Trapper war bei Indianern aufgewachsen,

fertigte im Sommer in seiner Lederwerkstatt

Gewänder für die Indianer und lebte

im Winter als Fallensteller und Pelzjäger.

»Er war mein erster Lehrer in Sachen

Hirschleder, ihm verdanke ich den Zugang

zu meinem jetzigen Beruf«, erzählt

Bensmann.

Eine alte Naturgerbung

– die Sämischgerbung

Der Gebrauch von Häuten und Fellen

reicht bis in die Anfänge der Menschheit

zurück, denn tierische Häute erhielten die

Menschen ganz einfach als Nebenprodukt

der Jagd. Deren Möglichkeiten wussten

sie schon früh zu nutzen. Die Anfänge der

Gerberei liegen in der Altsteinzeit, wo die

Häute mit tierischen Fetten und Ölen

haltbar gemacht wurden.

Die Sämischgerbung ist eine alte Naturgerbung,

die heute nur noch selten angewendet

wird. Der Arbeitsaufwand ist sehr

hoch, eine Technisierung praktisch nicht

möglich und die Zahl der Sämischgerber

gering. Die wenigen noch existierenden

Sämischgerber in Deutschland verwenden

als Ausgangsmaterial Wildhäute, in

erster Linie Hirschhäute. Diese werden

nach dem Entfleischen, Enthaaren und

Äschern mit Fischtran mehrmals gewalkt.

Die anschließende Oxidation wandelt die

Eiweißfasern der Haut in Lederfasern um.

Nach dem Auswaschen der überschüssigen

Fette und dem Trocknen erhalten

die Lederhäute durch erneutes Walken

und Stollen ihre Geschmeidigkeit zurück.

Durch das sorgfältige Schleifen der Oberfläche

wird sämisch gegerbtes Leder angenehm

weich und zeichnet sich durch

einen besonders samtigen Flor aus.

Im Sommer, Herbst und Winter sammelt

Klaus Bensmann die Hirschdecken,

im Januar kommen sie zum Sämisch-

Gerber. Nach der Gerbung färbt dieser

Familie Bensmann fertigt auch Rahmentrommeln, die mit Hirschrohhaut bespannt werden.

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das Leder ein, indem er Farbstoffe wie

Blau- und Gelbholzextrakt durch mehrmaliges

Bürsten der Oberfläche aufträgt.

Wenn das gegerbte und eingefärbte Leder

zurückkommt, geht für Klaus und Petra

Bensmann die Arbeit richtig los. Lange

und kurze Hosen, Jacken, Mützen, Gürtel

und Taschen wollen zugeschnitten,

genäht und bestickt werden. Nicht nur

Trachtenkleidung, sondern auch alltagstaugliche

Stücke schneidert Bensmann

nach Maß.

Die Kraft des Hirsches

»Für uns ist die Arbeit mit Hirschleder

ein Stück Kultur, die hier im Allgäu ein

Zuhause hat«, sagt Bensmann. Besonders

wichtig ist ihm einheimische Rohware.

»Dank dem Traditionsbewusstsein im

Allgäu hat es noch eine Bedeutung,

woher etwas kommt.« Der Kontakt zum

Jäger, Metzger und Gerber ist für den

Lederschneider von großer Bedeutung

und gehört zu dieser Einheit dazu.

Heutzutage ist Hirschleder ein Ausnahmeprodukt

mit Ausstrahlung. Ein Blick in

die Zeit unserer Vorfahren zeigt, dass die

Menschheit mit dem Hirsch aus der Zeit

der Jagd besonders verbunden ist. Der

Hirsch lieferte dem Menschen alles, was er

brauchte: Haut, Sehnen, Fleisch und Fell.

Dieses gewaltige Tier hinterlässt auch

heute noch einen starken Eindruck. Es

steht für Kraft, Qualität und löst großen

Respekt aus. Dieses Gefühl überträgt sich

auch auf die Träger von Hirschleder.

Trommeln im Rhythmus der Erde

Petra Bensmann beugt sich über ein

Stück Hirschrohhaut, welches über einen

runden Holzrahmen gespannt ist. Mit

schmalen, ebenfalls aus roher Hirschhaut

geschnittenen Lederbändern, spannt sie

ein kunstvolles Muster, zieht die zwei

mal sieben Bänder durch 28 Löcher.

»Diese Schnürung erfolgt nach keltischem

Vorbild«, erklärt sie. Die Bänder werden

Oben: Petra Bensmann schnürt die Trommel

nach keltischem Prinzip.

Links: Klaus Bensmann schneidert neben

Trachtenkleidung auch alltagstaugliche Stücke

nach Maß.

kunstvoll zu einem Kreuz geflochten.

Die senkrechte Achse symbolisiert die

geistige und die spirituelle Welt, die waagerechte

Achse unser materielles, irdisches

Dasein. Der Kreis, hier die Rundung der

Trommel, verbindet beide Welten miteinander

und steht für das ewige Leben.

Wer das Erlebnis »Trommel bauen« selber

spüren möchte, kann dies bei einem

Workshop von Petra Bensmann tun.

Auch Treffen zum gemeinsamen Trommeln

gibt es in Zukunft im Handwerkshof.

In einer Gruppe Gleichgesinnter

werden Trommelrhythmen eingeübt

und erlebt. Die euphorisierende

Wirkung des schamanischen drei –

sieben – Hertz-Taktes wurde von vielen

Naturvölkern eingesetzt. Stammesschamanen

bezeichnen diesen Trommelrhythmus

auch als den Pulsschlag der

Mutter Erde. Wie Geophysiker herausfanden,

liegt der »Atemrhythmus« der

Erde, ein regelmäßiges Ausdehnen und

wieder Zusammenziehen, genau in

diesem Frequenzbereich.

Kraft der Ahnen

Auch Klaus Bensmann schöpft seine

Kraft aus der Verbindung zu den Ahnen.

»Mein Handwerk lässt sich über 100 000

Jahre zurückverfolgen. Daher kommen

die Kraft und die Unterstützung, dieses

auch durch eine Zeit zu tragen, in der

vieles wegrationalisiert wird. Gutes

Handwerk erschafft eine starke Verbindung

zur Natur des Ursprungsmaterials

und zu dem Tier, von dem es stammt,«

sagt er. Dankbarkeit, Offenheit und

Freude seien hierfür die Grundlagen.

Zum Abschied schenkt mir Klaus Benmann

ein kleines Lederetui aus Hirschleder.

Jetzt weiß ich, dass es so viel mehr

ist als nur ein hübscher, nützlicher

Gegenstand. Es erzählt eine Geschichte.

Eine Geschichte von mächtigen Tieren

aus tiefen Wäldern und Menschen, die in

unserer schnelllebigen Zeit altes Wissen

und tiefverwurzelte Symbolik wieder aufleben

lassen.

»Früher war nicht alles besser, aber

besser verarbeitet.« Getreu diesem Motto

hält Klaus Bensmann das traditionelle

Handwerk am Leben.

Text: Susanne Reitberger /

Fotos: Susanne Reitberger (5); privat (2) f

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