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Beacurs und Gramoflanz (722,1 - 724,30)

Zur Wahrnehmung der Liebe und der Geliebten in

Wolframs Parzival

I

Zur Geschichte von Gramoflanz und Itonje, die für die späteren

Bücher (XII – XIV) von Wolframs Parzival von zentraler

Bedeutung ist, hat Helmut Brackert 1989 bemerkt, daß „deren

differente Behandlung durch Wolfram bisher weder zum

Problem gemacht noch erklärt worden ist“. 1 Das trifft im speziellen

Sinne wohl immer noch zu, auch wenn man andererseits

gern konstatiert, daß für das Verständnis der Joflanze-Handlung in

den letzten Jahren, nach langjähriger relativer Vernachlässigung,

wichtige Fortschritte erzielt worden sind. Grundlegend war die

Einsicht, die vor allem wohl in den Aufsätzen von Wolfgang

Mohr (1979) 2 und Horst Brunner (1983) 3 Ausdruck fand, daß die

Neugestaltung der Rolle von König Artus als überlegener

Diplomat und Friedenstifter als bedeutende und originelle

Leistung des nun nicht mehr an die Vorlage des Conte du Graal

gebundenen Wolfram zu buchen sei. Kennzeichnend für die

Arbeiten der letzten Jahre ist die gemeinsame Beschäftigung mit

1 Helmut Helmut Brackert, Brackert, „ der lac „ der an riterschefte lac an riterschefte tôt. Parzival tôt. Parzival und das Leid und der das

Leid Frauen“, der Frauen“, in: „Ist in: zwîvel „Ist zwîvel herzen herzen nâchgebûr“. nâchgebûr“. Günther Günther Schweikle Schweikle zum. zum. 60.

Geburtstag, 60. Geburtstag, hg. v. hg. Rüdiger v. Rüdiger Krüger, Krüger, Jürgen Kühnel, Jürgen Kühnel, Joachim Joachim Kunolt, Stuttgart Kunolt,

1989, Stuttgart S. 143-163; 1989, S. 143-163; hier: S. 155. hier: S. 155.

2 Wolfgang Mohr, „König Artus und dieTafelrunde. Politische Hintergründe

in Chrétiens Perceval und Wolframs Parzival“ in: Wolfgang Mohr, Wolfram

von Eschenbach. Aufsätze, Göppingen 1979 (Göppinger Arbeiten zur

Germanistik 275), S.170-222; hier S. 217-222.

3 Horst Brunner, ‚Artus der wise höfsche man’. Zur immanenten Historizität

der Ritterwelt im Parzival Wolframs von Eschenbach“ in: Germanistik in

Erlangen. Hundert Jahre nach der Gründung des Deutschen Seminars, hg. v.

D. Peschel, Erlangen 1983, S. 61-73.


170 Timothy McFarland

weiter entwickelten Modellen des adligen Zusammenlebens, wie

z. B. mit der „höfischen Interaktion“ in den gesellschaftlichen

Umgangsformen. 4 Es wird gezeigt, wie die Figuren sich, das

heißt auch ihre eigenen Körper, im Rahmen des aufwendig entfalteten

höfischen Zeremoniells in Szene setzen, 5 und wie sie

sich auf der Bühne des großen politischen Theaters nach den vor

allem von Gerd Althoff ausgearbeiteten Spielregeln der hochmittelalterlichen

Politik verhalten. 6 Daß man beim Versuch,

diese Arbeiten zu charakterisieren, dazu neigt, vor allem Bilder

aus dem Bereich des Theaters zu verwenden, ist kein Zufall. 7 Es

hängt in erster Linie mit der dargestellten Handlung zusammen,

die sich in diesem Abschnitt des Romans zum größten Teil in der

großen höfischen Öffentlichkeit entfaltet. Es geht um die sorgfältigen

Vorbereitungen für den Zweikampf vor großem Publikum;

um die aus der zweimaligen Verschiebung desselben Zweikampfes

resultierenden Friedensverhandlungen; um das Versöhnungsfest;

und dann weiter am nächsten Tag um die Veranstaltung der

Tafelrunde, die Aufnahme von Feirefiz und schließlich um die

Ankunft und Botschaft von Cundrie la surziere. Nur die

Begegnung und Kampf von Parzival und Feirefiz finden abseits

vom Hoflager von Joflanze statt.

4 Harald Haferland, Höfische Interaktion. Interpretationen zur höfischen

Epik und Didaktik um 1200, München 1989 (Forschungen zur Geschichte der

älteren deutschen Literatur 10).

5 Elke Brüggen, „Inszenierte Körperlichkeit. Formen höfischer Interaktion

am Beispiel der Joflanze-Handlung in Wolframs Parzival“, in: ‚Aufführung’

und ‚Schrift’ in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. v. Jan-Dirk Müller,

Stuttgart u. Weimar 1996, S. 205-221

6 Monika Unzeitig-Herzog, „Artus mediator. Zur Konfliktlösung in

Wolframs Parzival Buch XIV“, in: Frühmittelalterliche Studien, 32 (1998), S.

196-217.

7 Zu den Begriffen der Theatralität und der Szenographie vgl. den Beitrag

von Ingrid Kasten, „Wahrnehmung als Kategorie der Kultur-und Literaturwissenschaft”

(in diesem Band).


Beacurs und Gramoflanz 171

Für diese Welt mit ihren farbig agierenden Bühnenfiguren

stellen sich die Fragen nach dem Verhältnis von Außen- und

Innenwelt, nach der Gestaltung von Wahrnehmung und

Erkenntnis, etwas anders akzentuiert als in den Episoden der

Parzival-Handlung, die im Zentrum der Studie Joachim Bumkes

zu diesem Thema stehen. 8 In diesem Beitrag soll eine Episode

aus dieser höfisch-zeremoniell gefärbten Joflanze-Handlung besprochen

werden, die uns auch erlaubt, einen signifikanten

Wahrnehmungsvorgang im Kopfe einer der vielen wichtigen

Nebenfiguren im Parzival etwas genauer zu betrachten. Weiter

bietet die Figur von Gramoflanz ein geeignetes Beispiel für die

Behauptung, daß es bei anderen Figuren der Handlung außer den

Hauptprotagonisten Parzival, Gawan und Gahmuret sich auch

lohnt, Fragen der Wahrnehmung, der Identitätskonstitution und

des Weiterwirkens von Erlebnismaterial nachzugehen. 9 Im folgenden

soll zuerst die Episode der Begegnung von Gramoflanz

und Beacurs kommentierend kontextualisiert werden; 10 im

Zentrum steht die Gedankenrede von König Gramoflanz (722,

14-28), als ihm von Bene erklärt wird, daß der schöne junge

8 Joachim Bumke, Die Blutstropfen im Schnee. Über Wahrnehmung und

Erkenntnis im ‚Parzival’ Wolframs von Eschenbach, Tübingen 2001 (Hermaea

N.F.94). Der kurze „skizzierende Ausblick“, den Bumke der Gawan-Handlung

widmet (S. 157-164) soll ausdrücklich zu weiteren Analysen anregen, die dem

eigenen Charakter der Gawan-Bücher Rechnung tragen. Er behandelt in erster

Linie die Gawan-Figur selbst und das Verhältnis zwischen Parzival- und

Gawanbüchern.

9 Vgl. hierzu den Beitrag von Walter Haug in diesem Band und die Aufsätze

von Klaus Ridder, „Parzivals schmerzliche Erinnerung“ in: LiLi, 29 (1999), S.

21-41, und von Edith Feistner, „Bewußtlosigkeit und Bewußtsein: Zur

Identitätskonstitution des Helden bei Chrétien und Hartmann“ in: Archiv, 236

(1999), S. 241-264.

10 Text zitiert nach: Wolfram von Eschenbach. Parzival. hg. v. Karl

Lachmann, revidiert u. kommmentiert v. Eberhard Nellmann. Übertragen v.

Dieter Kühn. 2 Bände, Frankfurt 1994 (Bibliothek des Mittelalters, 8/1–2).


172 Timothy McFarland

Ritter, der ihm zur Begrüßung entgegen reitet, mit Namen

Beacurs heißt, und daß er der Bruder der von Gramoflanz geliebten

und umworbenen, aber bis jetzt noch nie gesehenen,

Itonje ist. In einem zweiten Hauptteil wird versucht, eine

Deutung der Figur von Gramoflanz zu skizzieren, die dieser

Episode den ihr m. E. gebührenden Platz einräumt. Im Schlußteil

soll kurz überlegt werden, warum Gawans jüngerer Bruder bei

Wolfram Beacurs heißt.

II

Gramoflanz kommt ins Lager seiner Feinde auf Einladung von

König Artus, der den Brief gelesen hat, den Gramoflanz Itonje

durch Bene überreichen ließ. Der Brief hat König Artus von der

Aufrichtigkeit der Liebe von Gramoflanz und Itonje überzeugt, obwohl

die beiden sich noch nie gesehen haben. 11 Gramoflanz ist also

gleichzeitig Feind und Freund: als Gegner von Gawan und Feind

der Artussippe bekannt, aber auch Liebhaber von Gawans

Schwester Itonje. Auf diese für ihn charakteristische Doppelrolle

gehen wir unten weiter ein. Artus verlangt, daß er ‚mit wênec liuten

komn’ soll (720,11) und er will ihn nicht selber begrüßen; andererseits

verspricht er ihm sicheres Geleit und einen seinem königlichen

Status entsprechenden würdigen Empfang: ‚ich lâze in werde liute

sehn’ (720,20). Artus’ Schwestersohn Beacurs soll Gramoflanz auf

halbem Wege entgegenkommen und ins Lager begleiten.

Die zwei Gruppen begegnen sich in der feuchten

Flußuferlandschaft, die in den späten Gawan-Büchern immer

wieder als Schauplatz der Handlung fungiert. 12 Gramoflanz

11 Zur politisch-diplomatischen Situation, vgl. Unzeitig-Herzog (Anm. 6),

hier: S. 207-214. Zum höfischen Zeremoniell und zu den Verhaltensformen,

vgl. Brüggen (Anm. 5), hier: S. 216-217.

12 In der westlichen Erzählliteratur seit der Spätantike sind Ufer, Strand,

Sumpf und andere Grenzbereiche und Übergangszonen zwischen Land und


Beacurs und Gramoflanz 173

kommt nicht als bewaffneter Krieger, wie am frühen Morgen

desselben Tages (703,10-17), sondern eher als Jäger, der von seinen

Falknern begleitet wird: dâ reit der künec peizen her, / und

mêre durch der minne ger. (721, 27-28). Daß die Falkenjagd in

feuchten und sumpfigen Landschaften gefährlich für Jäger und

Beizvögel sein kann, weiß man vom Unfall des Königs

Vergulaht vor Schampfanzun (400,19-401,4) und aus dem großen

Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. 13 Aber Gramoflanz erleidet

keinen solchen Unfall; die Jagdszenerie hat ihren Anteil an der

großen Inszenierung des höfischen Lebens und am poetischen

Reiz dieser Episode. Sie stellt den Rahmen für die freudige

Begrüßung, die jetzt erfolgt.

Die zwölf Ritter, die zur Gruppe von Gramoflanz gehören

sind wohl alle adlig – ein zweiter König (Brandelidelin) und

mindestens ein Graf (Bernout) sind dabei – aber der Erzähler

lenkt unsere Aufmerksamkeit durch seine Frage: welch der rîter

kleider möhten sîn? (721,15) darauf, daß sie in erster Linie durch

ihre Kleidung glänzen, vor allem durch einen mit Gold durchwirkten

Seidenstoff: pfellel, der vil liehten schîn / gab von des

goldes swaere (721,16-17). Für Gramoflanz selbst wird der goldene

Glanz seines Rocks noch einmal betont, als er an das

Festzelt heranreitet (723,26-30).

Ganz anders die Gruppe, die ihn empfängt: Sie besteht aus

Beacurs und mehr als fünfzig Pagen, die alle junge Herzöge,

Grafen oder Königssöhne sind. Aber in deutlichem Gegensatz

zur heranreitenden Gruppe ist ihre Ausstrahlung nicht eine Sache

der festlichen Bekleidung, sondern durch Adel und Jugend,

Wasser von Bedeutung für Erlebnisse, die das Leben neu bestimmen und begründen;

vgl. dazu Margaret Anne Doody, The True Story of the Novel, New

Brunswick, New Jersey 1996, ch. 14, „Marshes, Shores and Muddy Margins“,

S. 319-336.

13 Rüdiger Schnell, „Vogeljagd und Liebe im 8. Buch von Wolframs

Parzival“ PBB, 96 (1974),S. 246 -269.


174 Timothy McFarland

durch Abkunft und art, bedingt – also durch die persönliche

Schönheit: Mit Bêâkurs komen sint / mêr danne fünfzec clâriu kint,

/ die von art gâben liehten schîn, / herzogen unde graevelîn: / dâ reit

ouch etslîch küneges suon. (722,1-4). Sie werden aber alle überstrahlt

von Beacurs selbst, der mit den Adjektiven lieht (dreimal:

721,21; 722,9; 722,30) und clâr (zweimal: 722,12; 722,29) bezeichnet

wird. Der charismatische Körper von Beacurs, von seinem

jugendlichen Gefolge umgeben, bildet also den Mittelpunkt und die

Hauptquelle von Licht und Glanz in dieser festlichen Szene.

In diesem höfisch-festlichen Rahmen erfolgt nun die

Wahrnehmung von Beacurs durch Gramoflanz:

Bêâkurs pflac varwe lieht:

der künec sich vrâgens sûmte nieht,

Bêne im sagete maere,

wer der clâre rîter waere,

‚ez ist Bêâkurs Lôtes kint.’

dô dâhter ‚herze, nuo vint

si diu dem gelîche,

der hie rît sô minneclîche.

si ist für wâr sîn swester,

diu geworht in Sinzester

mit ir spärwaer sande mir den huot.

op si mir mêr genâde tuot,

al irdischiu rîcheit,

op d’erde waer noch alsô breit,

dâ für naem ich si einen.

si solz mit triwen meinen.

ûf ir genâde kum ich hie:

si hât mich sô getroestet ie,

ich getrûwe ir wol daz si mir tuot

dâ von sich hoehert baz mîn muot.’

in nam ir clâren bruoder hant

in die sîn: diu was ouch lieht erkant. (722, 9-30)


Beacurs und Gramoflanz 175

Der außergewöhnliche Wahrnehmungsakt erfolgt in zwei

Etappen. Erstens sorgt die erzählte Inszenierung dafür, daß der

Leser oder Hörer von Parzival die sinnliche, d.h. visuelle

Wahrnehmung des schönen jungen Mannes mitvollziehen kann.

Aber für Gramoflanz muß noch die von Bene beigesteuerte verbale

Mitteilung von den verwandtschaftlichen Verhältnissen dazukommen,

nämlich daß es sich um Lôtes kint handelt.

Zusammen erwirken das visuell Erschaute und das verstandesmäßig

Begriffene eine sofortige, mächtige Reaktion, die in der

Form eines an das eigene Herz erteilten Befehls ausgedrückt

wird. Der überwältigende Wunsch, Itonje zu sehen, paart sich

mit der festen Überzeugung, daß die bisher nie erblickte Geliebte

ihrem schönen Bruder ähnlich, sogar identisch aussehen muß. 14

Das Motiv der Geschwisteridentität hat hier etwas irrational

Märchenhaftes. 15 Als es Gramoflanz bei seiner ersten Begegnung

mit Gawan zuerst klar wird, daß er Lôtes kint vor sich hat,

denkt er nur an seinen unverkornen haz (609,28) und an den bevorstehenden

Zweikampf, und überhaupt nicht an eine solche

Ähnlichkeit wie in diesem Falle, obwohl Gawan auch nicht häßlich

ist und genau so sehr der Bruder von Itonje ist wie Beacurs

14 Nicht teilen kann ich die Ansicht von Unzeitig-Herzog (Anm. 6), S. 211,

daß Gramoflanz hier nur „sich erhofft“ die gleiche Schönheit bei Itonje zu finden.

15 Das Motiv der Geschwisterähnlichkeit, das Wolfram hier einsetzt, ist mit

dem antiken Lustspielmotiv der Verwechslung von identischen Zwillingen verwandt,

das auch bei Shakespeare vorkommt. Interessanter in unserem

Zusammenhang als die Plautusadaptation The Comedy of Errors ist die

Behandlung des Motivs in Twelfth Night. Hier verwechselt die verliebte Gräfin

Olivia die identischen Zwillinge Viola und Sebastian miteinander, und kann die

als Pagen verkleidete Viola, in die sie sich verliebt hat, von dem totgeglaubten

und nun wiederauftauchenden Sebastian nicht unterscheiden. Erst nachdem

Olivia sich mit Sebastian vermählt hat, wird sie über die eigene Verwirrung und

deren Ursache, die Geschwisterähnlichkeit, aufgeklärt.


176 Timothy McFarland

(609,21-30). Ebenso undenkbar wäre es, daß er ein wenig später

im Zelt von Artus (723,11-16) unter den hundert schönen Frauen

die andere junge Schwester Cundrie ausgesucht und geküßt

hätte, obwohl sie genau so sehr die Schwester von Beacurs ist

wie Itonje selbst.

Beacurs, der hie r î t so m i n n e c l î c h e (722,16;

Sperrung von mir), vereinigt in seiner eigenen Gestalt die

Ritterlichkeit von Gawan mit der Schönheit von Itonje; er stellt

also eine Art Symbiose von Bruder und Schwester dar. Wie

Harald Haferland beobachtet hat, läßt Beacurs „durch seine

bloße Präsenz die Mitte zwischen Liebe und Kampf, die für

Gramoflanz mit den Namen Itonjes und Gawans assoziert sind,

anklingen. Und weil die Einladung in friedlicher Absicht ergangen

ist, denkt Gramoflanz dann auch eher an die Liebe Itonjes,

deren Kennenlernen die Einladung gilt. [...] Der ausgewählte

Abgesandte ist allemal feinsinnig ins Protokoll eingepaßt.“ 16

Daß Gramoflanz an Itonje und nicht an Gawan denkt, liegt demnach

in der Erzählsituation wie in der Schönheit von Beacurs begründet.

Der unter diesen Umständen stattfindende Wahrnehmungsakt

bewirkt bei Gramoflanz eine folgenschwere Änderung

seines Lebens, auf die wir noch zurückkommen werden.

Der nächste Satz in seiner Gedankenrede macht klar, mit

welchen bildhaften Vorstellungen Gramoflanz bis zu diesem

Zeitpunkt Itonje assoziert hat. Dazu dienten nämlich die beiden

schönen Liebesgeschenke, die kleinoete (607,2), die er von

Itonje früher empfangen hat: einen Sperber und einen Hut aus

Sinzester. Diese Gaben sind dem Leser von Parzival von der ersten

Begegnung von Gramoflanz und Gawan her schon vertraut.

Dort erschien der hochmütige König Gramoflanz (604,12) in rei-

16 Haferland (Anm. 4), S. 319, Anm. 65.


Beacurs und Gramoflanz 177

cher Bekleidung; offenbar als eitler Mann dargestellt, 17 mit

Sperber, Hut und überlangem Mantel (605,2-14). Aus der späteren

Rede erfahren wir, daß außer dem Sperber auch noch der Hut

zum Geschenk gehört; vom Mantel hören wir nichts mehr.

In dem zwischen Gramoflanz und Itonje bestehenden

Verhältnis der Fernliebe, wo die beiden sich von Angesicht zu

Angesicht nie gesehen haben, spielen die ausgetauschten

Geschenke als Metonymien der geliebten Person eine wichtige

Rolle. Für diese Funktion als Ersatzgegenstände der sinnlichen

Wahrnehmung sind der mit Pfauenfedern geschmückte Hut und

der lebende Beizvogel besonders geeignet, weil sie nicht nur von

hohem visuellen Reiz sind sondern auch den anderen sinnlichen

Wahrnehmungsorganen viel bieten, vor allem durch das Betasten

beider Geschenke, im Falle des Sperbers wohl auch durch das

Hören und Riechen des beweglichen Vogels. 18 Fetischhaft verehrte

Gegenstände können in anderen Erzählsituationen auf

wirklich gekannte und geliebte Menschen zurückverweisen, wie

z.B. das blutgetränkte Hemd von Gahmuret und den Speer, der

ihm den Tod gab (111,14 -112,4); Herzeloyde will das Hemd anziehen,

aber ihre Fürsten nehmen es ihr aus der Hand und bestatten

beide Gegenstände im Münster, sô man tôten tuot (112,2).

Sehr im Gegensatz dazu leisten die Gaben von Itonje bei

Gramoflanz Ersatzdienst, aber seine Reaktion beim Anblick von

Beacurs zeigt, mit welcher Faszination sie seine geistige

Vorstellung von Itonje bisher besetzt haben. Der Augenblick der

Begegnung mit Beacurs bringt sie ihm sofort wieder ins

Bewußtsein, aber nur um sie durch die mächtigere Vorstellung

des Bruders zu ergänzen, wenn nicht gar zu überlagern.

17 Vgl. Nellmann (Anm.10), Stellenkommentar zu 605,12f., S. 731.

18 Es erübrigt sich hier, auf die Geschenke selbst näher einzugehen. Im

Rahmen einer ausführlicheren Interpretation der Gramoflanzhandlung wäre auf

die Gestaltung der Geber- und Nehmerrollen und auf die vielen motivlichen

Verknüpfungen zu verweisen, die sich hier im Hinblick auf Beizvögel,

Kleidungsstücke und den Ortsnamen Sinzester ergeben.


178 Timothy McFarland

Im weiteren Verlauf seiner Rede denkt Gramoflanz an vergangene

und zukünftige Gnade und Trost, die er sich von der

Schwester erhofft. Dann erlaubt er dem Bruder, seine Hand zu

ergreifen: in nam ir clâren bruoder hant / in die sîn: diu was

ouch lieht erkant (722,29-30). Es ist die kulminierende öffentliche

Geste der Episode. Seine Annahme, daß die Geschwister ähnlich

aussehen, bestätigt sich, als er ein wenig später in das Zelt von

König Artus tritt, und sofort in der Lage ist, auf Aufforderung

von König Artus Itonje zu erkennen und mit einem Kuß zu begrüßen:

im sagte, wer sîn friundin was,

ein brief den er ze velde las:

ich mein daz er ir bruoder sach,

diu im vor al der werlde jach

ir werden minne tougen.

Gramoflanzes ougen

si erkanten, diu im minne truoc (724,19-25)

Beacurs ist also auch der ‚Brief’, den Artus geschickt hat, gewissermaßen

als Gegenleistung für den Brief, den Gramoflanz

an Itonje geschickt hatte, und der König Artus veranlaßt hat, die

Einladung an Gramoflanz gehen zu lassen. Dadurch wird der

Leser darauf aufmerksam gemacht, daß Beacurs in dieser Szene

gewissermaßen eine Doppelrolle spielt. Einerseits kommt er als

Stellvertreter der Familie von König Lot, der Gramoflanz ein

neues visuelles Bild seiner Schwester übermitteln soll. Wir sind

aber auch aufgefordert, diesen Brief im Sinne der höfischen

Kultur als ‚Metonymie des Briefschreibers’ aufzufassen. 19

19 Allgemein zum Thema: Horst Wenzel, „Boten und Briefe. Zum Verhältnis

körperlicher und nicht-körperlicher Nachrichtenträger“ in: Gespräche – Boten

– Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter, hg. v. Horst


Beacurs und Gramoflanz 179

Briefschreiber ist hier König Artus; streng genommen kommt

Beacurs nicht als Bote, weil er selber die Botschaft und der

Botschafter ist, der als Stellvertreter von seinem Mutterbruder

Artus den gleichrängigen König von Rosche Sabbins standesgemäß

empfangen und begleiten soll. Alles, was Gramoflanz mitgeteilt

worden ist, hat seinen vorgesehenen Platz im

Versöhnungsplan des großen Friedensstifters. Nach diesem

Versuch, den Inhalt des Briefes Beacurs ein wenig zu entschlüsseln,

soll jetzt die Wirkung des Briefes auf den Empfänger etwas

näher untersucht werden.

III

Das erste Gespräch zwischen Gawan und Gramoflanz nach dem

herausfordernden Kranzraub ist für die Erfassung der Handlung

und Erzählstruktur der späteren Gawan-Handlung (Bücher X-

XIV) von großer Bedeutung, indem es als Bindeglied oder

Scharnier dient, und zwar zwischen der nun fast abgeschlossener

Geschichte von Schastel Marveile und Gawans Werbung um

Orgeluse einerseits und der folgenden Joflanze-Handlung andererseits,

die nach der Ankunft von König Artus und unter seiner

Ägide stattfindet. Es mag damit zusammenhängen, daß König

Gramoflanz weniger als eigenständig handelnde Person gesehen

wird denn als ein Element in der außerordentlich verwickelten

Erzählsituation, um deren Auflösung es in diesen Büchern geht.

Vielleicht lohnt sich der Versuch, diese vielleicht am meisten

vernachlässigte Gestalt des ganzen Romans wieder als Figur mit

eigener Geschichte und eigener Identität zu sehen.

Dazu bietet sich als geigneter Ansatz die in der Parzival-

Forschung seit langem geübte Methode, die Figuren im Roman

Wenzel, Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143), S. 86-105. Zum

Brief als Metonymie des Schreibers vgl. Haferland (Anm. 3), S. 228-230, hier:

S. 229.


180 Timothy McFarland

miteinander zu vergleichen und, v.a. im Falle der Nebenfiguren,

typologisch in Gruppen zu ordnen. So ist es durchaus möglich,

Gramoflanz gleich drei solchen bereits bestehenden Kategorien

zuzuordnen, die alle weitgehend negativ bewertet werden.

Erstens durch seinen festen Vorsatz, nur mit zwei Gegnern oder

mehr zugleich zu kämpfen (604,12-18), gehört er als dritter neben

Lischoys Gwelljus und dem Turkoyten Florant zu der

Gruppe der verstiegenen, absurden Ritter in der Umgebung von

Orgeluse, zu den „Pedanten der ritterlichen Prinzipien“ wie sie

Wolfgang Mohr nannte. 20 Zweitens wird uns von der Erzählstruktur

der Gawanhandlung schon nahegelegt, Gramoflanz neben

Melianz von Liz und Vergulaht zu den unzulänglichen oder problematischen

Königen zu stellen, mit denen Gawan in jedem Teil

seiner Geschichte zu tun hat, und schließlich, und wohl am gravierendsten,

reiht er sich durch die Tötung von Cidegast neben

Orilus und Lähelin, Meljakanz und Urjans, unter die hochmütigen

und gewalttätigen Ritter ein, eine Kategorie die als immer

wiederkehrendes Motiv im Verlauf des ganzen Romans eine

wichtige Rolle spielt, und deren Vertreter als Feinde des

Artushofs wie auch der Gralgemeinschaft agieren und einen großen

Teil der Verantwortung tragen für das Leid der Frauen (aber

nicht nur der Frauen), das leitmotivisch das ganze Werk durchzieht.

Gramoflanz befindet sich also in schlechter Gesellschaft.

Dabei kann man leicht übersehen, daß Gramoflanz nicht nur

anderen Menschen Leid zufügt, sondern daß er selber ein

Mensch ist, dem Leid zugefügt worden ist. Von Gawan nach seinem

Namen gefragt, identifiziert er sich in erster Linie dynastisch

als Sohn eines ermordeten Vaters:

‚irn sult ez niht für laster doln,’

sprach der künec, ‚mîn name ist unverholn.

20 Wol f gang Mohr, „Parzival und Gawan“, in: Euphorion, 52 (1958), S. 1-22;

hier S. 13-14.


Beacurs und Gramoflanz 181

mîn vater der hiez Irôt:

den ersluoc der künec Lôt.

ich pinz der künec Gramoflanz[...]’ (608, 9-13)

Die Bedeutung von diesem ungesühnten Mord und der daraus

resultierenden Verpflichtung zur Blutrache für das Königshaus

von Rosche Sabbins soll nicht unterschätzt werden. Obwohl

Gawan sich gegen die Verleumdung seines toten Vaters zur Wehr

setzt, ist er offensichtlich nicht imstande, die Unschuld seines

Vaters zu beweisen; und ist bereit, die Konsequenzen auf sich zu

nehmen:

hêrre, ich heize Gâwân.

swaz iu mîn vater hât getân,

daz rechet an mir: er ist tôt.

ich sol für sîn lasters nôt,

hân ich werdeclîchez lebn,

ûf kampf für in ze gîsel gebn. (609,21-26)

Weder von Gawan, noch von König Artus noch vom Erzähler

wird jemals eindeutig behauptet, daß die Beschuldigung falsch

ist - anders als im Parallelfall des Gawan von Kingrimursel irrtümlich

zur Last gelegten Mordes am Vater von Vergulaht (503,

16-20).

Ein weiterer versteckter Hinweis ist vielleicht in der

Darstellung der versammelten Adelsgesellschaft beim Turnier

von Kanvoleis im zweiten Buch von Parzival zu finden. Die

Reichweite und Bedeutung der hier vermittelten Information

über die Mutter von Artus und den zauberkundigen Kleriker

wird vom Leser von Parzival erst sehr viel später voll erfaßt, und

einem in diesem Sinne zurückblickenden Leser der Gawan-

Handlung fällt es auch auf, daß der Vater von Gramoflanz in

Kanvoleis fehlt. Das gestattet nicht ohne weiteres die

Schlußfolgerung, daß er zu diesem Zeitpunkt schon tot sei, aber


182 Timothy McFarland

sein Fehlen gewinnt an Bedeutung angesichts des Befundes, daß

die anderen für Gramoflanz wichtigen Vertreter der älteren

Generation alle anwesend sind. Unter den Teilnehmern befindet

sich erstens Irots Schwager Brandelidelin von Punturtoys (zuerst

67,17-18), dem als Mutterbruder von Gramoflanz (726,10ff.) die

Verpflichtung oblag, an die Stelle des toten Vaters zu treten, und

deswegen für seine Rolle bei den Friedensverhandlungen in

Joflanze gut geeignet ist. Anwesend sind ferner Irots

Territorialnachbar Cidegast von Logroys (67,15), der später von

Irots Sohn Gramoflanz getötet wird, aber in Kanvoleis mit

Brandelidelin verbündet auftritt, und schließlich auch der von

Gramoflanz beschuldigte Mörder König Lot (66,9-14). Erst

durch ihre Anwesenheit wird die leere Stelle bemerkbar, die für

Gramoflanz später immer noch von Bedeutung sein wird.

Zur Zeit der Joflanze-Handlung ist er „genau im rechten

Alter“: 21 dem wâren sîner zîte jâr / weder ze kurz noch ze lanc.

Jung ist er nicht mehr; die Tötung von Cidegast muß um etwa

acht oder zehn Jahre zurückliegen, denn Anfortas wurde schon

im Dienste der rachsüchtigen Orgeluse verwundet. Bestimmend

und identitätskonstituierend für ihn sind die zwei Mordtaten von

großem Gewicht, die am Anfang seiner erzählten Lebensgeschichte

stehen: der ungerächte heimtückische Tod des Vaters,

der für ihn eine ungerächte Beleidigung darstellt, und der in keinem

erkennbaren Zusammenhang damit stehender Tod von

Cidegast, der die fortdauernde Blutfehde mit Orgeluse und also

auch mit Gawan begründet.

Zu Gramoflanz ist grundsätzlich festzustellen, daß ein

Prinzip der gegensätzlichen oder widerspruchsvollen Doppelung

bei ihm vorherrscht. Daß er immer nur mit zwei Gegnern gleichzeitig

kämpfen möchte, sollte vielleicht einen Hinweis in diese

Richtung geben. Seine gewalttätige minne zu Orgeluse, die den

21 Kühn (Anm. 10), 2, 45.


Beacurs und Gramoflanz 183

Totschlag des Rivalen Cidegast und die ein Jahr dauernde

Gefangenschaft der Geliebten unbedenklich als Mittel einsetzt,

bildet den extremen Gegensatz zur anscheinend hingebungsvollen

Fernliebe, die auf alle Gewalt verzichtet und am Anfang sogar

ohne jede sinnliche Wahrnehmung auskommt. (In dieser

Hinsicht hat Wolfram der Quelle gegenüber den Kontrast noch

gesteigert, denn bei Chrétien im Perceval haben sich

Guiromelant und Clarissant immerhin schon gesehen, wenn

auch nur aus der Ferne und über den Fluß hinweg.) 22 Der

Kontrast der zwei Liebesarten von Gramoflanz läßt sich weiter

auf die politische Dimension übertragen, denn bei jedem herrschenden

König hat die durch Minne und Ehestreben bestimmtes

Handeln ihre machtpolitischen Konsequenzen. Das deutet

einerseits auf eine kriegerische Politik der lokalen Gebietserweiterung

und des Machtzuwachses, denn die erzwungene Ehe

von Orgeluse und Gramoflanz hätte zur Annexion des

Herzogtums Logroys geführt, und andererseits auf eine friedlich-diplomatische

Politik der Eheallianzen, die schließlich zur

Einbindung des Königshauses von Rosche Sabbins in den weitverzweigten

Verwandtschaftsverband der Artussippe und zur

Aufnahme in die Tafelrunde führen sollte. In den aufeinanderfolgenden

Phasen seiner Ehepolitik scheint die zweite

Alternative an die Stelle der ersten getreten zu sein. Aber in der

erzählten Gegenwart des Romans wird uns der doppelte widerspruchsvolle

Gramoflanz in seinen ersten zwei Auftritten anschaulich

vor Augen geführt: erstens als verträumter Liebhaber,

der in kostbarer Kleidung mit den Geschenken seiner Geliebten

allein im Freien reitet (605,1-21), und zweitens, ganz anders, als

der mit prunkvoller Waffenrüstung und großem Gefolge strot-

22 Chrétien de Troyes, Le Roman de Perceval ou le Conte du Graal.

Altfranzösisch / Deutsch, übersetzt u. hg. v. Felicitas Oleg-Krafft, Stuttgart

1991 (RUB 8649), vv. 9015-9026, S. 502-503.


184 Timothy McFarland

zender Kraftprotz, der sich in seinem Heerlager auf den

Zweikampf mit Gawan vorbereitet (683,11-23; 687,1-688,3).

Erst unter dem Aspekt dieser doppelten Persona von

Gramoflanz wird das wichtige auslösende Moment der Joflanze-

Handlung verständlich, nämlich der befremdliche und eigentlich

unbegreifliche Umstand, daß er der Familie von König Lot mit

zwei unvereinbaren Forderungen entgegentritt. Einerseits liebt

er Itonje, die Tochter von König Lot, die er nie gesehen hat, und

bittet Gawan in seiner Eigenschaft als neuer Schloßherr auf

Schastel marveil um Hilfe und Beistand (606,21-607,6); andererseits

hält er den gleichen König Lot für den Mörder seines

Vaters und er will diesen Mord an Gawan, dem Sohn von Lot, rächen

(608,9-30). Nicht nur dem heutigen Leser sondern auch

Gawan (609,1-20) und Bene (694,9-18) ist es sofort klar, daß es

mit der triuwe unvereinbar ist, eine Familie mit der Absicht der

Blutrache zu verfolgen und gleichzeitig mit dieser Familie eine

Eheallianz mit den Mitteln der Fernliebe anzustreben. 23 Aber

nach dem bisher Gesagten soll es deutlich sein, daß sowohl die

sanktionierte Gewalttätigkeit der Blutrache wie auch die

Fernliebe, mit der er um Itonje wirbt, im Rahmen dieser doppelten

Persona von Gramoflanz zu sehen sind. Seine widerspruchsvolle

Haltung gegenüber dem Geschwisterpaar Gawan-Itonje ist

nicht nur ein wichtiges Problem der Erzählung sondern gehört

auch im grundsätzlichen Sinne zum Wesen dieser Figur.

23 Daß Gramoflanz und Itonje „sich lieben, ohne zu wissen, daß ihre Ehe eine

Sippenfehde außer Kraft setzen wird“, wie die Situation von Elisabeth Schmid,

(Familiengeschichten und Heilsmythologie. Die Verwandtschaftsstrukturen in

den französischen und deutschen Gralromanen des 12. und 13. Jahrhunderts,

Tübingen 1986, S. 194) formuliert wird, stimmt für Itonje, aber scheint mir für

Gramoflanz nach seinen Aussagen im Gespräch mit Gawan ausgeschlossen zu

sein. Er weiß genau um die Verwandtschaftsverhältnisse, und gerade sein „ausgeprägtes

Prestigedenken“ und sein „Insistieren auf Einhaltung von

Vereinbarungen und Regeln“ (Unzeitig-Herzog [Anm. 6], hier: S. 210) legen

den Schluß nahe, daß er genau weiß, worum es geht.


Beacurs und Gramoflanz 185

Für heutige Leser stellt sich die Frage, wie die Fernliebe von

Gramoflanz zu bewerten sei. Ist sie als Motiv des humoristischen

Gawanromans einzustufen, als weiteres Indiz der verstiegenen,

verkrampften Ritterlichkeit wie sein Prinzip, nur mit zwei

Gegnern gleichzeitig zu kämpfen? Oder ist sie als der Beweis einer

Wende zur edleren, spiritualisierten Form der Minne zu sehen,

die in deutlichem Gegensatz zu seinem früheren gewalttätigen

Vorgehen gegen Cidegast und Orgeluse steht?

Als Liebhaber einer Königstochter, die er noch nie gesehen

hat, hat Gramoflanz weniger Ähnlichkeit mit den Protagonisten

der Artusromane in der Tradition von Chrétien als mit den

Helden der großen Brautwerbungsgeschichten – mit König

Rother, mit Sivrit und Gunther im Nibelungenlied, mit Hartmut

und Hetel in der Kudrun, die sich alle auf Grund der lobenden

Erzählungen anderer Menschen, d.h. vom Hörensagen, sich verlieben,

d.h. sie entschließen sich, um eine königliche Braut zu

werben. Horst Wenzel hat für dieses Phänomen ein Erklärungsmodell

vorgeschlagen, wonach die geistesgeschichtlichen

Bedingungen die Entstehung einer literarischen Konvention begünstigen,

die der Praxis dynastisch-feudaler Eheschließung

Rechnung trägt. 24 Hier hatten sich die Ehepartner vor der offiziellen

Verlobung oft nicht gesehen, und sie mußten auch weite

Entfernungen und beträchtliche kulturelle Unterschiede überwinden,

bevor sie zueinander fanden. Das geschah aber in einer

24 Horst Wenzel, „Fernliebe und Hohe Minne. Zur räumlichen und zur sozialen

Distanz in der Minnethematik” in: Liebe als Literatur. Aufsätze zur erotischen

Dichtung in Deutschland, hg. v. Rüdiger Krohn, München 1983, S. 187-

208. Vgl. Rüdiger Schnell, ‚Causa Amoris’. Liebeskonzeption und

Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur, Bern u. München 1985, S.

275-286, für eine Darstellung der Fernliebe, die auf die sozialgeschichtliche

Dimension verzichtet, und besonders S. 285-286, Anm. 351a, für kritische

Anmerkungen zu Wenzels These.


186 Timothy McFarland

Welt, wo seit dem späten 12. Jahrhundert in der höfischen

Erzählkunst „eine Ehe ohne Minne schlecht zu propagieren

sei.“ 25 Wie dem auch sei, die Fernliebe von Gramoflanz für Itonje

entspricht in ihrer Entstehung den anderen erwähnten literarischen

Beispielen und scheint für die anderen Figuren im Werk

unproblematisch zu sein. Konstitutiv für die literarische

Fernliebe, wo Schönheit und Tugend der königlichen Braut vorausgesetzt

werden, ist die Ebenbürtigkeit. 26 Gawan demonstriert

seine Vertrautheit mit der Konvention, als er nach seinem ersten

Gespräch mit Gramoflanz sich mit Itonje unterhält. Ungeachtet

seiner eigenen Probleme mit dem König hatte er versprochen,

sein Liebesbote zu sein; er hält dieses Verhältnis der Fernliebe

und die angebahnte Ehe für unterstützungswert, wobei die für

dynastische Eheallianzen wünschenswerte Ebenbürtigkeit eine

wichtige Rolle spielt: künec durch küneginne / sol billîche enpfâhen

nôt (633,10-11), und er will sie fördern: ‚ob ir triwe kunnet

tragn, / sô sult ir wenden im sîn klagn. / beidenthalp wil ich

des bote sîn’ (633,17-19).

Bei Gramoflanz und Itonje, wie in den genannten

Brautwerbungsgeschichten, wird die Minne nicht durch die

Augen entzündet, wie sonst in der Liebesdichtung, und auch bei

Wolfram üblich, 27 sondern durch die Ohren, d.h. durch

Hörensagen. Itonje deutet gegenüber Artus an, daß Bene hier die

Hauptrolle spielte: ‚sist hie diu daz zesamene truoc’ (716,17).

Den theoretischen Erkenntnislehren des 12. Jahrhunderts ist die

Wahrnehmung durch das gesprochene und gehörte Wort durchaus

vertraut, vor allem in der Religion, sowohl in der Predigt wie

auch in der Bibellektüre. Das Gehörte wird genau so gut von der

25 Wenzel (Anm. 24), hier: S.187.

26 Ebd., S.189.

27 Schnell (Anm.24), S. 219.


Beacurs und Gramoflanz 187

imaginatio aufgenommen und bearbeitet wie das Gesehene. 28

Nur ist das in der Minne eher die Ausnahme. Dem auf diese Weise

entstehenden Minnestreben ohne die sinnliche Wahrnehmung

durch die Augen wohnt eine besondere Spannung inne, die

Wenzel so beschreibt: „Fernliebe ist zunächst, wenn auch nur

übergangsweise, völlig spiritualisierte Liebe, ist unaufgelöste

Spannung und derart motivierend für besondere Anstrengungen.

Für den epischen Entwurf ist die Auflösung dieser Spannung, die

Überwindung der Distanz, vielfach die Voraussetzung für die

Entfaltung der Erzählung insgesamt.“ 29

Wie diese Spannung im Falle von Gurnemanz aufgelöst

wird, wie die geistige Distanz der Fernliebe zwischen ihm und

Itonje überwunden wird, wird im weiteren Verlauf seiner

Geschichte dargestellt. Man kann sie als eine nach innen verlegte

und verkleinerte Brautwerbungsgeschichte auffassen. Der

Erkenntnisweg, den er dabei zurücklegt, stellt sich als vierstufiger

Wahrnehmungsvorgang dar. Als erste Stufe begreifen wir

den Entschluß, die nie gesehene Königstochter auf Schastel marveile

zur Geliebten zu erheben. Die zweite Stufe setzt mit dem

Empfang der aufwendigen Geschenke ein, worauf die

Begegnungen mit Beacurs und bald darauf mit Itonje selbst als

dritte und vierte Stufe folgen.

Die erste Stufe gehört noch zur Vorgeschichte der erzählten

Gawan-Handlung und ist im vorigen schon besprochen worden.

Kommt hier die Liebe noch ohne die sinnliche Wahrnehmung

aus, so gehört doch dazu die geistige Arbeit der imaginatio, die

das Gehörte verarbeitet. Später betont Gramoflanz selbst im

Gespräch mit Gawan den Kontrast mit seinen Erfahrungen mit

Orgeluse, mit der er sich nach wie vor im Kriegszustand befindet

(606,1-607,16). Was die zweite Stufe betrifft, so ist das

Wesentliche bei der Kommentierung der Gedankenrede schon

28 Wenzel (Anm. 24), hier: S. 190-194.

29 Ebd., S. 194.


188 Timothy McFarland

gesagt worden. Jetzt spielt die sinnliche Wahrnehmung eine

Rolle, aber nur in bezug auf Geschenke, die als metonymische

Ersatzgegenstände für die Geliebte einstehen müssen.

Für das Verständnis der Gramoflanz-Figur ist es wichtig,

daß der Leser von Parzival diese zweite Stufe im großen

Gespräch mit Gawan unmittelbar erlebt. Auf diese Weise bekommt

er nicht nur eine lebendige Darstellung des hochmütigen

und selbstgefälligen Königs mit seinen Liebesgeschenken, sondern

es wird ihm auch seine widersprüchliche doppelte Persona

deutlich vor Augen geführt. Am Handgelenk und auf dem Kopf

stellt er zur Schau die zwei Geschenke, die er von Itonje empfangen

hat, aber dieser demonstrative Liebhaber ist auch derjenige,

der seinen festen haz auf Lotes Sohn Gawan bekräftigt und

die Herausforderung zum gerichtlichen Zweikampf auch dann

noch aufrechterhält, nachdem Gawan ihn nachdrücklich auf die

Unvereinbarkeit seiner beiden Hauptziele aufmerksam gemacht

hat (609,1-610,24). Diese doppelte Persona manifestiert sich

noch an dem für den Zweikampf festgelegten Tag, indem der

aufwendig bewaffnete Gramoflanz sich auf den bevorstehenden

Kampf mit Gawan freut und seine Liebe zu Itonje bekräftigt

(685,1-10).

Der nächste Tag bringt die entscheidende Wende, die mit

der Begegnung von Gramoflanz und Beacurs auch die dritte

Wahrnehmungsstufe herbeiführt. Am Vormittag unterliegt

Gramoflanz im Kampf mit Parzival, den er für Gawan hält.

Gleich darauf schickt er seine Boten zu Artus, um den Kampf

mit Gawan sicherzustellen. Seiner Doppelnatur immer noch gemäß

handelnd gibt er den Boten seinen Liebesbrief für Itonje mit

auf den Weg. Es ist der Brief, der den zur Vermittlung entschlossenen

Artus veranlaßt, Gramoflanz ins Hoflager einzuladen

und ihm seinen Neffen Beacurs zur Begrüßung und zum sicheren

Geleit entgegenzuschicken.

Wir können jetzt die Bedeutung der Beacurs-Episode ermessen.

Die unerwartete Konfrontation mit der charismatischen


Beacurs und Gramoflanz 189

Erscheinung des jungen Mannes in der festlich-höfischen Menge

in der Landschaft gewährt Gramoflanz eine durch die Geschwisteridentität

besiegelte Vorstellung der Geliebten, die weit

über alles hinausgeht, was er bisher erlebt hat. Aber darüber hinaus

wird er in der symbiotischen Gestalt des Bruders, der nicht

nur seine Schwester Itonje sondern auch seinen Bruder Gawan

vertritt, mit den beiden widersprüchlichen Aspekten der eigenen

Identität konfrontiert. Hatte er selber schon in seiner freiwilligen

Wahl einer Geliebten aus der Familie von König Lot, den er für

den Tod seines Vaters verantwortlich hält, diese beiden Aspekte

in eine bedenkliche Nähe zueinander gebracht, so wird ihm jetzt

klar vor Augen geführt, daß die doppelte und widersprüchliche

Haltung der Familie gegenüber, die er noch am Morgen desselben

Tages gezeigt hatte, nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Nach

der Theorie der Blutrache könnte er den Tod seines Vaters auch

an Beacurs rächen, der genau so sehr der Sohn von Lot ist wie

Gawan. Aber diese Möglichkeit kommt ihm gar nicht mehr in

den Sinn, weil er im Bruder jetzt nur noch die Schwester sieht.

Damit vollzieht er die entscheidende Ablösung von der eigenen

Vergangenheit. Die vierte und letzte Wahrnehmungsstufe wird

damit erreicht, daß seine Augen Itonje sofort erkennen, wie der

Erzähler bemerkt (724,24). Damit ist er am Ziel seiner

Brautwerbungsgeschichte. Aber genau so wichtig für die

Lebensgeschichte von Gramoflanz ist es, daß die verhandelnden

Könige keine Schwierigkeit haben, ihn von seinen Forderungen

abzubringen, den Kranzraub zu vergelten und den Tod des Vaters

zu rächen. Denn sein Haß auf Lot ist wie Schnee im

Sonnenschein verschmolzen: der zergienc, als in der sunnen snê

(728,15).

IV

Zum Schluß möchte ich kurz auf die Frage eingehen, warum der

jüngere Bruder von Gawan bei Wolfram Beacurs heißt. Eine erste

Erwähnung in der Gahmuret-Vorgeschichte, wo die noch un-


190 Timothy McFarland

geborenen schönen Männer Parzival und Beacurs, Lôtes kint, mit

Kaylet verglichen werden (39, 22-28) muß für das Publikum ein

Rätsel gewesen sein, auch wenn sein Vater Lot von Norwegen

kurz danach am Turnier von Kanvoleis (66,11ff.) in Person anwesend

ist. Beacurs tritt selber zweimal auf, also nur einmal vor

der besprochenen Szene im vierzehnten Buch, und zwar in beiden

Episoden am Hofe seines Mutterbruders König Artus. In der

ersten ergreift Beacurs das Wort, nachdem Kingrimursel Gawan

beschuldigt hat, Vergulahts Vater Kingrisin heimtückisch getötet

zu haben, und ihn zum gerichtlichen Zweikampf gefordert hat

(319,20-322,12). Der jüngere Bruder, der für Gawan bei diesem

Zweikampf einspringen möchte (323,1-324,30), ist im Parzival

Beacurs, aber bei Chrétien im Perceval heißt er Agrevain oder

Engrevain li orgueillous as dures mains: ‚der Stolze, mit den

starken Händen’. 30 Unter dem Namen Agrevain ist er in der französischen

Artusliteratur auch sonst bekannt; vor allem in La

Mort le Roi Artu spielt er eine unheilvolle Rolle beim Untergang

der Tafelrunde. Das hat mit Wolfram nichts zu tun, und die

Episode am Plimizoel im sechsten Buch bietet auch keine

Erklärung dafür, warum Wolfram den neuen Namen wählte.

Es muß aber in diesem Zusammenhang auffallen, daß

Wolfram den fremdsprachigen Ausdruck bêâ curs an vier Stellen

der Parzival-Erzählung verwendet, jedes Mal als eine

Bezeichnung für die erotische Ausstrahlung von Condwiramurs,

aus der Perspektive von Parzival gesehen. Drei von vier Belegen

erscheinen an narrativisch hervorragenden Stellen der Erzählung,

die dem Ausdruck einen hohen Stellenwert verleihen. 31 Vor allem

30 Chrétien de Troyes (Anm. 22), v. 8140, S. 454 – 455.

31 Parzival, 187, 20-23 (Parzival in Pelrapeire); 283,4-8 (die Blutstropfenszene);

327,17-20 (Parzival an Clamide); 333,23-25 (Parzivals Aufbruch zur

Gralsuche).


Beacurs und Gramoflanz 191

gilt das für die Blutstropfenszene, als der in Gedanken versunkene

Parzival die drei Tropfen zum ersten Mal sieht:

„[…] Condwîr âmûrs, hie lît dîn schîn.

sît der snê dem bluote wîze bôt,

und ez den snê sus machet rôt,

Cundwîr âmûrs,

dem glîchet sich dîn bêâ curs:

des enbistu niht erlâzen“ (283, 4-9).

Aber auch die erste Begegnung Parzivals mit Condwiramurs in

Pelrapeire, und sein Aufbruch vom Artushof am Plimizoel, um

den Gral zu suchen, gehören zu den dichterischen und narrativen

Höhepunkten des Parzivalromans.

Es muß zu denken geben, daß der auffällige fremdsprachige

Ausdruck, der auf leitmotivhafte Weise mit der schönsten Frau

im Roman assoziert wird, auch als neuer Personenname für

Gawans Bruder verwendet wird. Von den beiden Episoden, die

ihn, wenn auch nur flüchtig, dem Rezipientenkreis von Parzival

präsentieren, bietet nur die zweite, die Begegnung mit

Gramoflanz im vierzehnten Buch, eine überzeugende Erklärung

für die Umbenennung. Beacurs ist zweifellos der passende

Name für den schönen jungen Mann, dessen charismatische

Erscheinung bei dem Liebhaber seiner Schwester die Reaktion

hervorruft, die ich in diesem Beitrag zu analysieren versucht

habe. Aber wenn es stimmt, daß Wolfram Chrétiens Engrevain

vor allem im Hinblick auf die Episode im vierzehnten Buch umgetauft

hat, dann muß auch festgestellt werden, daß er diese

späte Gramoflanzszene erzähltechnisch sehr langfristig vorbereitet

hat, durch die Verwendung des Namens im sechsten Buch,

und sogar schon im ersten Buch. Auch hier wird noch einmal erwiesen,

daß unser Erzähler einen sehr langen Atem hat.

University College London

Timothy McFarland


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