Paulus - Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in ...

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DIE BRÜCKETÄUFERISCH-MENNONITISCHE GEMEINDEZEITSCHRIFT · NR. 1/2011PaulusJanuar / Februar Jahrgang 2011 5 Euro


2inhaltThema4 Ich ermutige euch, Geschwister ...Anita Hein-Horsch6 Wer war Paulus von Tarsus?Heiko Prasse8 Ausbrechen aus dem MachtgefügeCarmen Rossol10 Gegen die Diskriminierung des KörpersWilhelm Unger12 Der jüdisch-christliche PaulusMartin Forster14 Die ersten ChristenJ. Jakob Fehr16 Neue Triebe am alten ÖlbaumOskar WedelRubriken3 Auf ein WortFilifjonka Brand17 Lyrik38 Personen42 Termine47 Leserecho48 FriedensfotoUmschau18 Den Nächsten lieben und Gemeinde bauenEdwin Boschmann19 IMO vor neuen HerausforderungenConny Wiebe-Franzen20 „Runder Tisch Mission“ in StraßburgElisabeth Baecher21 Kongress für WeltevangelisationByron Rempel-Burkholder22 Wege aus der VergeltungskulturKaren Rothenbusch24 Schultaschen für irakische KinderChristoph Landes26 Engagierte NachfolgemannschaftVeronika Elsner28 Mennoniten in MexikoWaltraud Schmutz29 Wem gehört das Land?Heike Lange30 Von Neuem anfangenHelga Lichtenberger-Driedger32 Heilende Erinnerung in der ÖkumeneJoel Driedger34 Entscheidungen, die alle mittragenErnst Christian DriedgerDIE BRÜCKETÄUFERISCH-MENNONITISCHE GEMEINDEZEITSCHRIFTGegründet 19861974 bis 1985 »Mennonitische Blätter«und »Gemeinde Unterwegs«bis 1973 »Der Mennonit«Herausgeberin:ArbeitsgemeinschaftMennonitischer Gemeindenin Deutschland K.d.ö.R. (AMG)Vorsitzender: Frieder BollerBienenberg 86, CH-4410 LiestalTel.: 0041 (0) 61 9067825herausgeber.bruecke@mennoniten.deInternet:www.mennoniten.de/bruecke.html© AMG 2010, Nachdruck nur mitvorheriger Genehmigung der RedaktionRedaktion: Benji WiebeKastanienweg 19, 76297 StutenseeTel. 07249 / 516344 -0 Fax -9redaktion.bruecke@mennoniten.deBRÜCKE-Team: J. Jakob Fehr, VolkerHaury, Heiko Prasse, Karen Rothenbusch,Wilfried Scheuvens, Oskar WedelKorrektorat:Elke Foth, HamburgRedaktions- und Anzeigenschlussder nächsten Ausgabe: 01.02.2011Erscheint Anfang März 2011Die Redaktion behält sich vor, Beiträgezu redigieren und gegebenenfalls zukürzen.Lyrik-Seite: Oskar WedelNeue Straße 14, 31559 HohnhorstFax: 0 5723 / 8 28 58Chronik: Irmtraud NeufeldWeichselgasse 10, 32339 Espelkampchronik.bruecke@mennoniten.deAnzeigen:Florian UngerGuardinistraße 67, 81375 MünchenTel. 089 / 12 50 66 23 + 01 74 / 2063463anzeigen.bruecke@mennoniten.deLayout:Benji Wiebe, Stutenseewww.mennox.deDruck:Art + Image GmbHDresdener Str. 432423 MindenVertrieb & Leserservice:Regina RugeWollgrasweg 3d, 22417 HamburgTelefon/Fax 0 40 / 5 20 53 25vertrieb.bruecke@mennoniten.deTitelbild & Seite 3:M. TrischlerAbonnement: DIE BRÜCKE erscheintsechs Mal jährlich und kostet imAbonnement € 28,– (Förderabo € 39,–;ermäßigtes Abo € 15,–) einschließlichVersandkosten und 7% Mehrwert steuer.Das Abonnement verlängert sich automatischum je ein weiteres Kalenderjahr,wenn es nicht bis zum Ende des Jahresgekündigt wird.Bei Zahlung per Dauerauftrag undRechnung bitte die neuen Preisebeachten!Einzelpreis: € 5Einzahlungen und Spenden an:Postbank HamburgKonto Nr. 541 622-209, BLZ 200 100 20IBAN: DE60 200 100 20 0541 622 209BIC: PBNKDEFFNur ausdrücklich als solche gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung von Herausgeberinoder Redaktion wieder. Ansonsten sind die AutorInnen der Artikel bzw.die AuftraggeberInnen der Anzeigen für ihre Inhalte verantwortlich.DIE BRÜCKE 1 / 2011


editorial | auf ein wort3Liebe Leserinnen und Leser,Während ich diese Zeilen schreibe, fallen draußendicke Schneeflocken und in wenigen Tagen istWeihnachten – wenn Sie sie lesen, ist Weihnachtenschon vorbei und auch das neue Jahr hat begonnen. Ichwünsche Ihnen Gottes Segen und freue mich, dass Sie auchin diesem Jahr zu den BRÜCKE-Lesern und Leserinnengehören.Dankbar schaue ich zurück auf sechs BRÜCKE-Ausgabenin neuer, frischerer Gestaltung, mit vielfältigen Beiträgenverschiedenster Autorinnen und Autoren. Guten Mutesschaue ich nach vorne. Ich hoffe, dass sich die finanzielleSituation der BRÜCKE durch Spenden und Förder-Abosweiter stabilisiert und freue mich über jeden kleinen Fortschrittin dieser Richtung.Die erste Ausgabe der BRÜCKE im neuen Jahr greiftdas Thema der vergangenen theologischen Studientageder AMG auf. Auf der Tagung in Hofgeismar im Oktoberging es um Paulus. Die Referentin nahm uns hinein in ihreArbeit an den Paulusbriefen. Gemeinsam suchten die Teilnehmendennach neuen Zugängen, lasen bekannte Textein neuen Formulierungen, sahen Anspiele und setztensich mit paulinischen Texten auseinander. Einige Artikelgeben Einblick in die Tagung und den Nachhall, den siebei manchen Teilnehmenden hatten.Aber auch Themen wie Gemeindebau, Mission und Weltevangelisation,Friedensarbeit und Dienst am Nächsten findensich in dieser Ausgabe. Fehlt Ihnen ein Thema? Gibt esDinge, über die Sie schon lange mal in der BRÜCKE etwaslesen wollten? Die geplanten Themen finden Sie auf derSeite 47, aber auch darüber hinaus freuen wir uns immerüber Beiträge und Leserbriefe.Ich wünsche viel Freude, gute Gesprächsanregungenund Impulse beim Lesen der neuenBRÜCKEBenji WiebeDer eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, derandere aber: Ich zu Apollos. (1 Kor 3,4)Paulus hat Konkurrenz bekommen. In Korinth ist einweiterer Apostel aufgetaucht, der offensichtlich andersoder etwas anderes predigt. Was, das erfahren wir nicht.Vielleicht geht es auch nur darum, dass die einen durch die Predigtdes Paulus zum Glauben gekommen sind und die anderendurch die des Apollos. Jedenfalls steht die Gemeinde in Korinthkurz vor einer Spaltung.Ich höre einen meiner Schüler, mit denen ich im ReligionsunterrichtPaulus durchnehme, herzerfrischend fränkisch sagen: „Desis’ doch wurscht, Hauptsache sie sind Christen.“ Stimmt, möchteich denken, aber leider ist der Text aktueller denn je.„Denn wenn der eine sagt: ich gehöre zu Paulus, der andere aber:ich gehöre zu Apollos“ – ich ergänze sinngemäß ich gehöre zumPapst, ich gehöre zu Luther, ich gehöre zu Calvin, ich gehöre zuMenno Simons – „ist das nicht nach Menschenweise geredet?“ Ja,ist es. Aber wir sind nun mal Menschen und wir leben in der Welt,in der es seit Jahrhunderten verschiedene Konfessionen gibt – undich finde, das ist gut so. Jede Konfession setzt im Glauben an deneinen Herrn unterschiedliche Schwerpunkte.Vor einigen Jahren ist meine beste Freundin von der evangelischenzur katholischen Kirche konvertiert und ich habe sie dazuermutigt und auf dem Weg dorthin begleitet. Sie hat es sich nichtleicht gemacht. Lange Zeit hatte sie das Gefühl, damit einen Verratan der Ökumene zu begehen. Das hat nicht nur ihr, sondern auchmir einige Anfragen eingebracht. Nicht der jeweilige Katechismusstehen im Mittelpunkt unseres Glaubens und unserer Freundschaft,sondern Jesus Christus. Ich bin der Überzeugung, dass Menscheneine geistliche Heimat brauchen. Das kann und soll eine konkreteGemeinde sein aber eben auch im größeren Zusammenhangeine Konfession. Ich habe für mich neu festgestellt, dass ich gerneLutheranerin bin, weil das eben zu mir passt. Die gelegentlichenDiskussionen zwischen meiner Freundin und mir sind gelassenergeworden. Wer sein Zuhause gefunden hat und sich darin sicherund geborgen fühlt, kann andere einladen, kann ihre Andersartigkeitschätzen und davon lernen. Wer nicht immer das Gefühl hat,seinen eigenen Glaubensstandpunkt verteidigen zu müssen, kannsich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.Dass es nur eine einheitliche christliche Kirche auf der Weltgibt, halte ich für nicht realistisch und nicht notwendig. Dass nichtalle Christen gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen, schmerztmich hingegen sehr. Mal sehen, ob ich alt genug werde, das nochzu erleben. Ich finde es gut, dass es verschiedene Konfessionen gibt,solange dabei das Wesentliche gewahrt bleibt: Wir glauben nicht anPaulus, an Luther, an Menno Simons, sondern an Jesus Christus.Filifjonka BrandLehrerin, NürnbergDIE BRÜCKE 1 / 2011


4paulusIch ermutige euch, Geschwister ...„Paulus – Heilserfahrungen im gesellschaftlichen Kontext“ war das Thema der AMG-Studientage im Oktober. Anita Hein-Horsch über die Tagung und die Referentin.Der Apostel Paulus wurde mirgegenüber so oft in mahnender,einschränkender Formzitiert, dass meine Sympathiewertefür ihn und seine Schriften deutlichhinter denen der Evangelien lagen. Dasim Studium gelehrte Pflichtgriechischbefreit leider nur wenige zum unabhängigenSelbstlesen und Verstehender griechischen Paulusbriefe. Aberdas Verstehen einer Übersetzung oderÜbertragung bei alltäglicher Bibelnutzunghängt wesentlich vom Verstehenbeider Sprachwelten und der Übersetzerpersönlichkeitab.„Ich ermahne euch, liebe Brüder“ist vertraute paulinische Briefrede.Claudia Janssen, die Referentin derdiesjährigen Theologischen Studientage,übersetzt ihn mit „ich ermutigeeuch,“ oder auch „ich befähige euch“.Ein ermutigender oder gar befähigenderPaulus lässt mich in meinerSituation mehr aufhorchen als einständig mahnender. Und das auch,wenn die Ermahnungen im Luthertextin der Mehrzahl den lieben Brüderngilt und nicht den Schwestern, wasJanssen auf die Ermangelung einesgriechischen Wortes für „Geschwister“zurück führt.Als überzeugte Teamarbeiterin magich das paulinische Bild des Körpersmit seinen Organen und deren unterschiedlichenlebenserhaltendenFunktionen. So höre ich gerne, dassPaulus nicht allein schreibt, sondernvon einem Autorenkollektiv gestütztwurde. Er verständigt sich sogar miteinem ganzen Netzwerk von Hausge-meinden, darunter eine ansehnlicheAnzahl gemeindlich schwerarbeitenderFrauen, wie in Röm 16 betontwird. Auch Junia ist genannt, ein inalten Schriften mehrfach erwähnterFrauenname, aus dem Luther „Junias“machte, ein damals unbekannterMännername.Gut sein aber nicht tunDer erste Vortrag von Frau Janssensollte die Themen Sünde und Rechtfertigungbeleuchten und Heilserfahrungenim gesellschaftlichen Kontextbeschreiben. Gespannt erwartete ich,was es wohl Neues auf diesem Sektorgeben könnte,nachdem dieChristenheit sichgerne aufteilt ineher untätige undeher werkgerechteGläubige. Die einen bedienen sicheines laxen Verständnisses, nach demder Glaube an Christus das Gesetzablöst und Christen vom Gesetz undvon Werken befreit sind und Sündeein individueller, leider nicht besiegbarermenschlicher Wesenszug ist. Dieanderen erheben sich anscheinendheiliger, werkgerecht und fromm überdie einen.Prof. Dr. Claudia Janssen lud zu einemheilversprechenden Paradigmenwechselein, einem für mich attraktivenVerständnis, nach dem durch denMessias Jesus allen Völkern Zugangzum Heil Israels und zu den Weisungen,der Tora Gottes möglich ist. “Jüdischeund christliche GottesbeziehungPaulus ermutigt zumherrschaftsüberwindendenMiteinander.drückt sich in der Treue zur Tora aus.Sünde geschieht in der Missachtungder Weisung Gottes in der konkretenLebenspraxis. Sünde wird erfahrenals Verstricktsein in Todesstrukturen“Löste nach alter Auffassung derGlaube an Christus das Gesetz ab,nachdem Werke den sündigen Menschenerlösten, so malte Claudia Janssenhier ein Bild vom damaligen gesellschaftlichenKontext, der Relevanzund Belebung in unser abgeblendetesSündenverständnis fließen lässt. Ichempfand den Begriff der „strukturellenSünde“ hilfreich.Danach, so verstand ich es, sindMenschen Funktionsträger,sog.Rädchen im strukturellenGetriebe.Damals war dierömische Weltherrschaftmit seinen uns bis heutebeeindruckenden Bauwerken auf derMöglichkeit von Sklavenarbeit errichtetworden. In Gal 3,28 „Da istnicht Jude noch Grieche, da ist nichtSklave noch Freier, da ist nicht Mannund Frau … denn ihr alle seid einer inChristus Jesus“ ermutigt Paulus zumherrschaftsüberwindenden Miteinander.Das bezieht sich auf das Verhältnisder Geschlechter zueinander, dasVerhältnis von Armut und Reichtumsowie das zwischen Sklaven und Freien.Paulus ermutigt zum gegenseitigenVertrauen. Er spricht von Treue unddem Beginn des Lebens, wenn wir denZugang Christi zum Gesetz nutzenund die Gerechtigkeit tun.Wo bei Luther steht „sie sind allesamtSünder“ (Röm 3,23), übersetztClaudia Janssen in der Bibel in gerechterSprache „alle haben ja Unrechtbegangen“. Dieses Handeln oderUnterlassen bewertet Paulus im Sinnevon Schulnoten. Nicht „wir sind mangelhaft“,sondern wir „haben mangelhaft“.Das ist unsere Zeugnisnote. Wirsind aber, als auf Christus vertrauende,gerechtfertigt und bekommendie Gerechtigkeit als Geschenk zugesprochen.Wir sind Teilhabende ander Gemeinschaft mit Gott aufgrundDIE BRÜCKE 1 / 2011


6paulusWer war Paulus von Tarsus?Einige Eckpunkte aus der Biographie des Paulus.Zur Einführung in das Themader diesjährigen Studientagekonnten wir ein gespieltes Fernseh-Interviewmit dem Apostel Pauluserleben. Das war nicht nur unterhaltsamund anregend, es tat auch gut,dem Menschen hinter all den Textenetwas näher zu kommen, bevor mansich mit seinen komplizierten Sätzenherumschlägt, über eine besondersunliebsame seiner Aussagen ärgertoder sich überraschen lässt, dass ervielleicht diese oder jene Kernaussageganz anders gemeint haben könnte,als man sie bisher gelesen hatte. Dennwerden nicht Worte umso erträglicherund verständlicher, je besser man denMenschen, der dahinter steckt, kennengelernt hat?Seine HerkunftDie Dinge, die wir von Paulus wissen,der eigentlich Saulus heißt, findensich versteckt undverstreut in derApostelgeschichteund in seinenBriefen, vor allemim Galaterbrief.Er ist ein Kind jüdischer Eltern, gebürtigaus Tarsos in Kilikien, eineraltehrwürdigen Provinzhauptstadt,die heute im Süden der Türkei liegt. Erhatte das Bürgerrecht dieser Stadt undwar außerdem römischer Bürger, wasmehrfach bei Verhaftungen eine Rollespielen sollte. Seine Eltern benanntenihn nach Saul, dem ersten König vonIsrael, der wie sie dem Stamm Benjaminangehört hatte. Als römischerBürger trug er von Geburt an aucheinen römischen Beinamen: Paulus.Die schon sprichwörtliche Wandlung„vom Saulus zum Paulus“ fand niekonkret statt – Lukas wechselt in derApostelgeschichte vom einen Namenauf den anderen erst Jahre, nachdemsich Saulus den Christen angeschlossenhat. (Apg 13,9)Wie seine Familie in den Genussdes römischen Bürgerrechtes gekommenwar, verrät uns weder Lukas nochPaulus selbst. Höchstwahrscheinlichwar sein Vater aus der Sklaverei freigelassenworden und hatte damit dasBürgerrecht von seinem vorherigenHerrn „geerbt“. Eine solche Familiengeschichtegibt doch Sätzen wie Galater5,1 einen ganz neuen Klang: „ZurFreiheit hat Christus uns befreit! Bleibtdaher standhaft und lasst euch nichtwieder unter das Joch der Sklavereizwingen!“Jugend und AusbildungDie Wandlung „vomSaulus zum Paulus“ fandnie konkret statt.Der junge Saulus hat in der griechischgeprägten Stadt Tarsos eine gute Ausbildunggenossen, sowohl in Sprache,Wissenschaft und Philosophie, alsauch im Handwerk des Zeltmachers.In der Synagoge lernte er jüdische Kultur,Tradition und Theologie kennen.Die Heiligen Schriften las er dabeiaber wohl meist auch auf Griechisch.Vertieft hat er seine Kenntnisse derjüdischen Theologie pharisäischerAusrichtung dann in Jerusalem. Diesehatte er so wohl nur dort erhalten können,wo er auch beidem bedeutendenRabbiner Gamalielgelernt haben soll,der sich in Apostelgeschichte5 für dieFreilassung von Petrus und Johanneseinsetzte.Er selbst zeigte sich nicht so nachsichtiggegenüber der neuen Bewegungund bekämpfte sie erbittert, bisihm vor Damaskus der Auferstandeneerschien und ihn beauftragte, seineBotschaft zu verbreiten. Ob man diesesEreignis nun mit einem vorgeprägtenBegriff „Bekehrung“ nennen will odernicht – Saulus’ Haltung gegenüber demChristentum veränderte sich radikal.Beginn seiner MissionZunächst verkündete er Jesus imHinterland von Damaskus, ohne irgendwelcheuns bekannten Resultate.Nachdem er in Jerusalem mit Petrusund Jakobus, dem leiblichen BruderJesu, zusammengetroffen war, kehrteer in seine Heimat nach Tarsos zurückund wirkte dort, bis Barnabas – derihn auch in Jerusalem kennengelernthatte – ihn zur Unterstützung in dieflorierende Gemeinde nach Antiochiaholte. Dort – und auch zu Beginn derDer Apostel Paulus, wie Albrecht Dürerihn darstellteersten Missionsreise – tritt Saulus alsAssistent und Begleiter von Barnabasauf, doch sollte er im Laufe dieser Reisedurch Zypern und Kleinasien die Führungübernehmen und sein bisherigerMentor zu seinem Begleiter werden.Von nun an blieb er an keinem Ortlänger als zwei Jahre, bereiste die Metropolendes nordöstlichen Mittelmeerraumes,gründete Gemeinden oderunterstützte die, die er vorfand, undstand mit ihnen im Briefkontakt. SeinDIE BRÜCKE 1 / 2011


paulus7Gesucht wird: PaulusDas LKA NRW erstellte ein Phantombild.Ziel dabei war es immer, nach Rom zugelangen, und von dort aus dann nachSpanien zu reisen – bis ans westlicheEnde der Welt, die man damals kannte.Er verstand sich als Heidenmissionarberufen, also als derjenige, derdas Evangelium im besonderen unterNichtjuden verkündigen sollte. Dasbedeutete aber nicht, dass der JudePaulus keine Kontakte zur jüdischenBevölkerung vor Ort herstellte; zumindestteilweise konnte er sie auch immerwieder für den neuen Weg gewinnen.Als ein Jude, der in einem griechischenUmfeld aufgewachsen war, aber auchin Jerusalem gelebt und gelernt hatte,kannte er die unterschiedlichen Weltenbeider Gruppen gut. So findet sichals sein vielleicht zentralstes Thema– quer durch seine Briefe – die Beschäftigungmit der Frage, wie Judenund Nichtjuden in einer gemeinsamenchristlichen Gemeinschaft gut zusammenlebenkönnen.Die Wege führen nach RomMehrfach wurde er verhaftet, undschließlich nach Rom gebracht – wieLukas es uns schildert, geschah dasgeradezu absichtlich: Er reiste nachJerusalem, obwohl er dort mit einerVerhaftung rechnete, und berief sichals römischer Bürger auf das Urteildes Kaisers. Somit reiste er als Gefangenerauf Staatskosten endlich nachRom. Dort wirkte er weiter für dasEvangelium, während er auf seinenProzess wartete.Ob er im Anschluss an die zwei Jahrein Rom starb, von denen Lukas imletzten Satz der Apostelgeschichte berichtet,oder noch einmal frei kam undweitere Reisen, auch nach Spanien,unternahm, ist ein umstrittenes Thema.Einig ist man sich aber darin:Paulus wurde letzen Endes wegen seinerVerkündigung zum Tode verurteiltund in Rom hingerichtet.Heiko PrasseHasselbachEin Mitarbeiter aus dem Bereich „Visuelle Fahndungshilfen“des Landeskriminalamtes NRW (LKA NRW)erstellte ein ganz besonderes Phantombild, mit dem ausnahmsweisemal nicht nach der abgebildeten Person gefahndetwird.Die dargestellt Person wurde etwa zwischen 7 und 10 n.Chr. in Tarsus geboren und etwa 64 – 67 n. Chr. in Romhingerichtet. Es handelt sich um den Apostel Paulus vonTarsus, so wie er nach historischer Quellenlage ausgesehenhaben könnte.Wie kam es zu diesem besonderen Phantombild? Anfang2008 wandte sich der Buchautor und Historiker MichaelHesemann aus Düsseldorf an das LKA NRW und bat um„Amtshilfe“ der besonderen Art.Er ersuchte die Experten der „Visuelle Fahndungshilfen“um erneute Unterstützung für ein neues Buchprojekt,nämlich die Erstellung eines Phantombildes des ApostelsPaulus von Tarsus. Bereits 2003 hatte ein LKA-Expertedem Autor Michael Hesemann mit der Anfertigung einesPhantombildes des Apostels Petrus geholfen. Dieses Bildist in seinem Buch „Der erste Papst, Archäologen auf derSpur des historischen Petrus“ abgedruckt.Im Februar 2008 wurde nun anlässlich eines Besuchesvon Michael Hesemann im LKA NRW nach seinen Angabendas fiktive Bild des Paulus von Tarsus angefertigt. Vorlagenwaren Zeichnungen, Beschreibungen und Bilder, die diehistorische Person des Paulus von Tarsus darstellten.Das Buch „Paulus von Tarsus. Archäologen auf denSpuren des Völkerapostels“ ist Anfang April 2008 zumPaulus-Jahr (28. Juni 2008 – 29. Juni 2009) erschienen.(LKA NRW)DIE BRÜCKE 1 / 2011


DIE BRÜCKE | Wollgrasweg 3d | 22417 HamburgC 13593 E | PostvertriebsstückEntgelt bezahlt | Deutsche Post AGFrieden ist VergebungFrieden ist VergebungfriedensfotoFoto: privatAnlässlich einer Besuchsreise imOktober diesen Jahres mit einerkleinen Delegation von Church andPeace in Serbien, im Kosovo und inKroatien hatten wir eine Verabredungmit Jeton, dem jungen albanischenPrediger einer christlichen Gemeindein Djakova im Westen des Kosovo. Wirtrafen uns in einem Café im Stadtpark.Wir wussten wenig von Jeton.Die Begegnung mit ihm war uns voneiner langjährigen Freundin aus demKosovo empfohlen worden, die vonunserem Wunsch wusste, Kontaktemit Friedensarbeitern ihres Landeszu knüpfen. Wir ahnten nicht, welchhohen Stellenwert diese Verabredungfür Jeton hatte. Nachdem wir Getränkebestellt hatten, lernten wir einanderkennen. Bald vertraute er uns an, dassdie Begegnung mit uns und vor allemmit Branka aus Novi Sad für ihn eineGebetserhörung war.Er war noch jugendlich, als 1999 achtMitglieder seiner Familie, daruntersein Vater, bei den Gräueltaten gegendie kosovo-albanische Bevölkerung vorund vor allem nach dem Angriff derNATO gegen Serbien getötet wurden.Er erinnert sich daran, wie er kurz vorseiner Flucht nach Albanien zusehenmusste, wie das Haus seiner Familiezerstört wurde. Nach der Rückkehrin den Kosovo erhielt seine Familiebei der Wiedererrichtung des HausesUnterstützung von einer evangelischenHilfsorganisation, und Jeton entdecktedie Bibel und den Glauben an JesusChristus.Doch sein Hass auf die Serben, dieseine Familie und vor allem seinenVater getötet hatten, fraß ihn auf. „Ichkonnte es nicht ertragen, ihre Sprachezu hören, nicht einmal ihre Musik...“,erinnert er sich. Im Bewusstsein desWiderspruchs zwischen seinem Glaubenund seinem tiefen Groll führteer einen langen inneren Kampf undschließlich gelang es ihm, zu vergeben.Seitdem wünschte er sich sehnlichst,Serben zu begegnen. Als er auf unswartete, wusste er nicht, dass seinWunsch an diesem Morgen in Erfüllunggehen würde. Und Branka, bereitserschüttert von allem, das sie seitunserer Ankunft im Kosovo erfahrenhatte, war genauso wenig auf diesenAugenblick vorbereitet.Es gibt Tage, an denen es scheint, alskönne man Geschichte anfassen. Nichtweil man Zeuge von spektakulärenEreignissen wird, die zu Schlagzeilenwerden. Eher weil etwas Unvorhergesehenesund Tiefgründiges vor unserenAugen geschieht, eine unwahrscheinlicheBegegnung, ein Knoten, der sichlöst, eine neue Sichtweise auf etwas, dasman für wahr hielt, ein Wort, das denWeg zum vermeintlich Unmöglichenund Unverhofften öffnet. Es war einsolcher Augenblick, kostbarer als alleanderen, den wir an jenem Morgenerlebten.Marie-Noëlle von der ReckeSchöffengrundDIE BRÜCKE 1 / 2011

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