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PM History

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Magazine, die Geschichte schreiben.<br />

I


Editorial<br />

Für unsere Urgroßeltern dauerte<br />

der Krieg 1916 schon ewig. Und sie<br />

wussten nicht, ob er je endete<br />

Liebe Leserin, lieber Leser,<br />

wir Deutsche haben das Glück, seit 70 Jahren keinen Krieg mehr in Mitteleuropa erlebt zu<br />

haben - in unserer Zeit, die von Verunsicherung und auch Angst geprägt ist, mag es manchmal<br />

helfen, einander daran zu erinnern: Uns geht es gut. In diesem Titelthema widmen wir uns<br />

dem Jahr 1916, einem Schicksalsjahr unserer Urgroßeltern. Für<br />

sie dauerte der Krieg damals schon ewig - und sie wussten nicht,<br />

ob er je enden würde. Alle Euphorie war bereits der Ernüchterung<br />

gewichen, Zehntausende Männer waren schon an der Front gestorben<br />

oder verstümmelt worden. Es sind besondere Geschichten,<br />

die wir für Sie zusammengetragen haben, um<br />

das Lebensgefühl dieses Jahres zu rekonstruieren. Lesen<br />

Rüdiger Barth. Redaktionsleiter<br />

<strong>PM</strong> HISTORY<br />

Sie etwa die erschütternden Tagebucheinträge der Käthe Kollwitz:<br />

die Qualen einer Mutter, die einen Sohn verloren hat, zugleich die<br />

Qualen einer Künstlerin, die nicht weiß, wie sie ihr Leid zum Ausdruck bringen soll. Begegnen<br />

Sie dem begnadeten Maler - und verblendeten Kriegsfan - Franz Mare. Erfahren Sie vom<br />

Kampf der Berliner gegen den einsetzenden Hunger. Von den ersten Protestdemonstrationen,<br />

inszeniert von Kar! Liebknecht. Und wappnen Sie sich für diese kaum je erzählte Geschichte:<br />

wie gewöhnliche Deutsche bei Kriegsausbruch in<br />

England interniert wurden. Die Historikerin Corinna<br />

Meiß hat den Leidensweg des Magdeburgers<br />

Erich Jacobs recherchiert, der jahrelang im Lager<br />

saß und seine Familie in England niemals wiedergesehen<br />

hat.<br />

Schreiben Sie uns gern, wie Ihnen das Heft gefallen<br />

hat: history@pm-magazin.de. Ach ja:<br />

Und falls Sie noch ein kurzfristiges Weihnachtsgeschenk<br />

suchen - wie wäre es mit einem<br />

P.M.HISTORY-Abo . . . ?<br />

Viel Vergnügen beim Schmökern, Ihr<br />

90 Jahre danach: lan Mercer auf der Isle of Man.<br />

wo sein Großvater Erich Jacobs festgehalten<br />

wurde - weil er Deutscher war<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 3


P.M. HISTORY<br />

Januar 2016<br />

Chronologie<br />

,.;<br />

Ö<br />

:><br />

o<br />

S.82<br />

Karthagos<br />

Au f stieg<br />

o<br />

o<br />

Der ungewöhnliche Kaiser:<br />

RudolfII.<br />

S.14<br />

4 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Inhalt<br />

6 ARENA<br />

Ein mysteriöses Schiffswrack, die Geschichte des Champagners - und ein<br />

Forscher erklärt, was er durch Knochenfunde über die Basken herausfand.<br />

Plus: Die Tipps der Redaktion zu Büchern, Filmen, Ausstellungen<br />

14 RUDOLF 11.<br />

Wie der Habsburger Kaiser in Prag um 1600 die Weltformel sucht<br />

22 MEISTERWERK: MUTTERGOTTES DES SIEGES VON MALAGA<br />

Warum Luis Nir'io so gern üppige Madonnen darstellt<br />

TITELTHEMA<br />

DIE DEUTSCHEN 1916<br />

26 BERLINER AL LTAG<br />

Was die Menschen in der Hauptstadt bewegt<br />

40 DER TOTAL E KRIEG<br />

Die Kriegsführung an der Front schockiert die Soldaten - und ihre Familien<br />

42 DER TOD UND DER MALER<br />

Franz Marc zieht stolz in den Krieg und verliert sein Leben<br />

50 KÄTHE KOL LWITZ<br />

Wie die Künstlerin versucht, den Tod eines Sohnes zu verarbeiten<br />

54 DIE KRIEGSZITTERER<br />

Schwer traumatisierte Soldaten werden mit Elektroschocks behandelt<br />

60 DIE REVOLTE DER PAZIFISTEN<br />

Der Sozialist Karl Liebknecht wiegelt die Massen gegen die Militärs auf<br />

66 zu UNRECHT GEFANGEN<br />

Das Schicksal eines Deutschen, der in Großbritannien festgehalten wird<br />

Rubriken<br />

03 Editorial<br />

80 Bücher zum Titelthema<br />

90 Zahlen der Geschichte<br />

94 Rätsel<br />

95 Leserbriefe & Service<br />

96 Vorschau & Impressum<br />

98 Sprengsatz<br />

74 BLICK AUF DIE HEIMATFRONT<br />

Die einfühlsamen Bilder der Amateurfotografin Käthe Buchler<br />

82 KARTHAGO<br />

Wie die Hafenstadt zur Supermacht der Antike aufsteigt<br />

92 ZEITMASCHINE: WALT WHITMAN<br />

Augenzeugenreportage über die Ermordung Abraham Lincolns<br />

o<br />

Meisterliche<br />

Madonna<br />

S.22<br />

LJ'\<br />

Ermordung<br />

Lincolns<br />

S.92<br />

TITELTHEMA<br />

Die Deutschen<br />

im Jahr 1916<br />

S.26-79<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 5


6 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


Arena<br />

8 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Nr.9<br />

ANS EINGEMACHTE<br />

Champagner<br />

Die Franzosen tun so, als sei der Champagner<br />

ihre Idee gewesen, ja, als hätte es nie ein<br />

französischeres Getränk gegeben. Dabei hielten<br />

sie ihn die längste Zeit für verdorbenen Wein,<br />

ungenießbar und allenfalls für die kulturlosen<br />

Engländer geeignet. Die nämlich importierten<br />

im 17. Jahrhundert fässerweise Wein aus der<br />

Champagne, füllten ihn in Flaschen und<br />

verkorkten sie gasdicht, was in Frankreich<br />

damals noch nicht üblich war. Als leidenschaftliche<br />

Biertrinker fanden die Briten nichts<br />

dabei, wenn es in den Flaschen zu sprudeln<br />

begann. Die französischen Winzer wiederum<br />

waren froh, Abnehmer für den "Vin du Diable"<br />

zu finden und exportierten ihn bald auch in<br />

Flaschen, deren geölte Holzpfropfen sich<br />

regelmäßig in schmerzhafte Geschosse verwandelten.<br />

Bis Louis Pasteur um 1860 die<br />

biochemischen Hintergründe der alkoholischen<br />

Gärung erklären konnte, blieben Engländern<br />

und Franzosen die Vorgänge in den Champagner-Flaschen<br />

gleichermaßen schleierhaft,<br />

weshalb es ihnen auch nicht gelang, sie zu<br />

steuern. 1662 hatte der britische Arzt<br />

Christopher Merret entdeckt, dass sich<br />

Wein mit Zucker ein zweites Mal zum<br />

Gären bringen lässt. Damals<br />

erntete er das Lob der Royal<br />

Society, heute ist er vergessen.<br />

Anders als der Mönch Dom<br />

Perignon, Kellermeister der<br />

Abtei Hautvillers, der etwa zur<br />

selben Zeit mit dem Verfahren<br />

experimentierte. Die Grande<br />

Nation feiert ihn heute als<br />

den Vater des<br />

Champagners.<br />

Das war er<br />

allerdings<br />

mitnichten. Es<br />

scheint aber<br />

seine Idee<br />

gewesen zu<br />

sein, die Korken<br />

mit Bindfäden<br />

zu sichern.<br />

Immerhin.<br />

RuthHoffmann<br />

ZEITREISE<br />

Trier<br />

ls Augusta Treverorum<br />

A(Stadt des Augustus im<br />

Land der Treverer) vor mehr als<br />

2000 Jahren von den Römern<br />

gegründet, gilt das heutige Trier<br />

als älteste Stadt Deutschlands.<br />

882 schlugen die Wikinger zu,<br />

aber im Mittelalter erlebte die<br />

Stadt eine neue Blüte. Davon<br />

zeugt noch manch mittelalterliches<br />

Gebäude wie das Dreikönigenhaus<br />

(Sirneonstraße) von<br />

1230. Was manchen Touristen<br />

erstaunt: Karl Marx wurde nicht<br />

etwa in Ostdeutschland, sondern<br />

1818 in Trier geboren - viele<br />

seiner Vorfahren waren hier<br />

Rabbiner. Marx' Geburtshaus ist<br />

heute ein Museum.<br />

WAS SEHEN?<br />

Amphitheater, Barbarathermen,<br />

Kaiserthermen, Konstantinbasilika,<br />

Parta Nigra, Römerbrücke, Dom und<br />

Liebfrauenkirche - sie zählen allesamt<br />

zum Unesco-Weltkulturerbe.<br />

WO SCHLAFEN?<br />

Modern, sehr zentral: "ante porta -<br />

Das Stadthotel" (Nähe Porta Nigra),<br />

DZ ab ca. 84 Euro. Designhotel "ibis<br />

Styles", DZ ab ca. 94 Euro.<br />

WO EINKEHREN?<br />

"Historischer Keller" (Simeonstraße<br />

46). um 1200 als Handelslager<br />

erbaut und ein typisches Beispiel<br />

für romanische und frühgotische<br />

Baukunst. Heute das urigste<br />

Kaufhausrestaurant Deutschlands,<br />

der Keller schließt um 20 Uhr.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 9


Arena<br />

... UND JETZT<br />

Das Geheimnis<br />

der Basken<br />

Warum unterscheidet sich die Bevölkerung<br />

des Baskenlands so deutlich vom Rest<br />

der Europäer? Der Genetiker Torsten Günther<br />

und sein Team aus Uppsala lösten mithilfe<br />

alter Knochenfunde ein Stück des Rätsels<br />

A US dem Nahen Osten machen sich vor etwa 10000<br />

Jahren Wanderer auf in Richtung Europa. Sie sind<br />

Farmer. Im Gepäck haben sie Kenntnisse, die auf dem<br />

Kontinent noch unbekannt sind: wie man Land bestellt,<br />

Tiere domestiziert oder Siedlungen baut. Im Lauf der<br />

Jahrtausende stoßen sie west- und nordwärts auf die<br />

europäischen Jäger und Sammler und gehen Bindungen mit<br />

ihnen ein. Diese Zeit wird als neolithische Revolution<br />

bezeichnet. Und tatsächlich ist sie nichts weniger als eine<br />

Revolution, denn Europa lernt eine neue Kultur, seine<br />

Bewohner werden überwiegend sesshaft. Überreste dieser<br />

Epoche finden sich in der spanischen El-PortaI6n-Höhle.<br />

Dort wurden die Knochen von acht Menschen entdeckt, die<br />

vor rund 5000 Jahren in der Nähe des heutigen Baskenlands<br />

lebten. Der deutsche Genetiker Torsten Günther (s. Foto r.)<br />

hat mit einer Forschungsgruppe im schwedischen Uppsala<br />

diese Knochen erstmals einer Genomseqllenzierllng<br />

unterzogen. Dabei fanden sie, was sie nicht erwartet hatten:<br />

den Schlüssel zur baskischen Vergangenheit. Denn das<br />

FUNDORT In der spanischen EI-PortaI6n­<br />

Höhle fand ein Ausgrabungsteam u.a.<br />

Knochen von einem sechs Jahre alten Jungen<br />

(s. Foto r,). Sie nannten ihn "<br />

Matojo " . Torsten<br />

Günther untersuchte auch dessen Skelett.<br />

Es zeigt Symptome starker Mangelernährung.<br />

10 P. M. HISTORY - JANUAR 2016<br />

Erbgut dieser Menschen aus der Jungsteinzeit weist eine<br />

enge Verwandtschaft mit dem Genom der heutigen Basken<br />

auf. Und noch etwas zeigte sich: Beide Gruppen, die Basken<br />

unserer Tage und die Menschen aus der El-PortaI6n-Höhle,<br />

sind von späteren Einwanderungswellen genetisch relativ<br />

unbeeinflusst geblieben.<br />

Herr Günther, kann Ihre Untersuchung die Herkunft der<br />

Basken erklären?<br />

Wir kommen ihr zumindest näher. Die meisten Europäer<br />

haben ihre Wurzeln in der Vermischung der alten Jäger<br />

und Sammler mit den eingewanderten Urfarmern. In der<br />

Bronzezeit kommt noch eine dritte Gruppe hinzu: Migranten<br />

aus Zentraleurasien. Auch deren Gene finden sich im<br />

Erbgut heutiger Europäer. Jedoch nicht bei den EI-Portalon-Individuen<br />

und, das war das Überraschende, auch<br />

deutlich weniger bei den Basken. Daraus schließen wir,<br />

dass die Vorfahren der modernen Basken etwa 5000 Jahre<br />

lang ziemlich isoliert gelebt haben.<br />

Wie kam es zu dieser Isolation? Geografisch liegt das<br />

Baskenland doch nicht abgeschiedener als andere<br />

Bergregionen.<br />

Darauf haben genetische Studien bislang keine Antwort.<br />

Dass die Basken ihre eigene Kultur und Sprache erhalten<br />

konnten, hat vermutlich nicht nur mit der Geografie,<br />

sondern auch mit bewusster Isolation oder einem historischen<br />

Zufall zu tun.<br />

Wie sind Sie bei Ihrer Untersuchung vorgegangen?<br />

Unser Ziel war es eigentlich, die neolithische Revolution -<br />

also den Übergang vom Lebensstil der Jäger und Sammler<br />

zu sesshaften Farmerkulturen - auf der Iberischen<br />

Halbinsel besser zu verstehen.<br />

Auf die Ähnlichkeit der EI-Porta­<br />

Ion-Individuen mit den Basken<br />

sind wir erst gestoßen, als wir<br />

sie mit modernen Populationen<br />

verglichen haben.<br />

Was bedeutet das nun für die<br />

weitere Forschung?<br />

Unsere Ergebnisse haben eine<br />

frühere Vermutung widerlegt.<br />

nach der die Basken seit 10000<br />

Jahren oder noch mehr in<br />

Isolation gelebt haben sollen.<br />

Wir können nun zeigen, dass sie<br />

nicht länger als 5000 Jahre<br />

isoliert gewesen sein können.<br />

Das bringt uns dem Rätsel der<br />

baskischen Abstammung wieder<br />

ein Stück näher. Die Ausgrabungen<br />

in der EI-Portalon-Höhle<br />

dauern an, und wir werden<br />

vermutlich bald in der Lage sein,<br />

noch ältere Individuen vom<br />

gleichen Ort zu analysieren und<br />

diese mit Zeitgenossen aus<br />

anderen Teilen Europas zu<br />

vergleichen.<br />

Interview: Kat/tarina Jakob


LESESTOFF<br />

LEXIKON DER RITUALE<br />

Wer nicht mehr weiß, was "Feuerjucken" ist,<br />

kann seine Großeltern fragen - oder in diesem<br />

Werk nachschlagen. Da steht über den Brauch,<br />

dass er in der Gegend von Ulm praktiziert<br />

wurde: Junggesellen suchten sich eine Dame,<br />

mit der sie zu Ostern über das Feuer sprangen.<br />

Gut, dass es solche Sammelwerke als Erinnerung<br />

gibt. Informativ und unterhaltsam zugleich!<br />

Helga Maria Wolf<br />

Verschwundene Bräuche<br />

Brandstätter, 224 5., 34,90 Euro<br />

EPOCHEN-REISE<br />

Der Autor führt einen<br />

durch 1000 Jahre Geschichte<br />

der Erfindungen<br />

und Entdeckungen. Stark<br />

verkürzt, aber lebendig.<br />

lan Mortimer<br />

Zeiten der Erkenntnis<br />

Piper, 4325., 25 Euro<br />

LITERATUR-GENIE<br />

Die neueste Biografie ist<br />

eine gelungene Charakterstudie<br />

über den deutschen<br />

Schriftsteller - mit vielen<br />

privaten Details.<br />

Ulrich Weinzierl<br />

Stefan Zweigs brennendes<br />

Geheimnis<br />

Zsolnay, 2885., 19,90 Euro<br />

ÜBER DEN KRIEG<br />

Wer diese gewissenhafte<br />

Schilderung über Gefechte<br />

in Europa von 1450 bis<br />

1700 liest, wird gefesselt<br />

und erschüttert.<br />

Lauro Martines<br />

Blutiges Zeitalter<br />

Theiss, 3365., 29,95 Euro<br />

LEBEN WIE IM ROMAN<br />

Viele kennen "Don Quijote",<br />

aber der Erfinder der Figur<br />

hatte mindestens ein<br />

genauso abenteuerliches<br />

Leben. Spannend!<br />

UweNeumahr<br />

Miguel de Cervantes<br />

G.H. Beck, 394 5.,<br />

26,95 Euro<br />

Fundstücke<br />

Spannende neue Bücher, TV-Tipps, Ausstellungen - über bekannte Literaten,<br />

AUSSTELLUNG<br />

beinahe vergessene Bräuche und die Liebe in Kriegszeiten<br />

Jugendstil-Utopie<br />

TV-TIPP<br />

Blut und Tränen<br />

BACKSTAGE<br />

WAS DIE P.M. HISTORY-REDAKTION<br />

DIESMAL INSPIRIERTE<br />

"Sah ein Knab ein<br />

Röslein stehn",<br />

stimmte Kollegin<br />

Bettina beim Anblick<br />

des Rokoko-Knaben<br />

auf Seite 8 an. Oje, ein Elvis-Fan<br />

singt Schubert .<br />

Mörder, Dirnen, Gold, Hannibal<br />

und das Schwert: Die fesselnde<br />

Karthago-Reihe von Gisbert<br />

Haefs macht süchtig, zumindest<br />

unseren Chef.<br />

"Saatfrüchte sollen nicht<br />

vermahlen werden" - dieses<br />

Goethe-Zitat schrieb Käthe<br />

Kollwitz am 6. Februar 1915 in<br />

ihr Tagebuch. Treffender könne<br />

man das Sterben einer Generation<br />

junger Männer nicht beschreiben,<br />

sagt Kollege Thomas.<br />

Diese Szene<br />

bleibt unvergessen:<br />

Robin<br />

Williams steht<br />

auf dem Lehrerpult<br />

im Kinofilm "Club der toten<br />

Dichter". 0 Captainl My Captain!<br />

Hach! Bildredakteurin Julia<br />

schwärmt von ihrer ehemaligen<br />

Nachbarin: Barbara Sukowa.<br />

Umwerfend sei sie in ihrer Rolle<br />

als Rosa Luxemburg gewesen.<br />

Noch mal schauen ...<br />

Lest die Artikel von Kurt<br />

Tucholsky in der "Weltbühne"!<br />

Das empfahl Kollege<br />

Hauke, wie ein Lehrer.<br />

Realistischer könne<br />

man die Stimmung im<br />

Kaiserreich nicht<br />

beschreiben. Gekauft!<br />

Dass Jugendstil viel<br />

mehr bedeutet als<br />

verspieltes Dekor, zeigt<br />

eine Sonderschau im<br />

Hamburger Museum für<br />

Kunst und Gewerbe<br />

über die Epoche. Es<br />

geht vor allem darum,<br />

die veschiedenen<br />

Reformideen, Utopien<br />

und Projektionen zu zeigen, zum Beispiel,<br />

wie sich das zeitgenössische Bild der Frau<br />

auf diesem Plakat von Alfons Mucha (siehe<br />

Abbildung, 1897) ausdrückt. Eine inspirierende<br />

Zusammenstellung.<br />

"Jugendstil. Die große Utopie", bis 7. Februar<br />

2016, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg<br />

Diese historische<br />

Serie war in<br />

Dänemark bereits<br />

ein großer Erfolg:<br />

In ,,1864 - Liebe<br />

und Verrat in<br />

Zeiten des<br />

Krieges" geht es nicht nur um die Niederlage<br />

der Dänen im Krieg gegen die Deutschen,<br />

sondern auch um eine Dreiecksliebesbeziehung<br />

zwischen der Gutstochter Inge und den<br />

beiden Brüdern Laust und Peter (siehe Foto).<br />

Der historische Stoff ist zwar an manchen<br />

Stellen stark vereinfacht erzählt, aber der<br />

Mehrteiler überzeugt dennoch.<br />

Acht Teile ab dem 16. Januar um 22 Uhr jeden<br />

Samstag als Doppe/folge auf HISTORY<br />

Wer ist der größere Fan:<br />

Kollegin Christine oder Kollege<br />

Thomas? Egal, beide lieben die<br />

Drama-Serie "Downton Abbey"<br />

über die Sorgen des Adels im<br />

Ersten Weltkrieg. Wunderbare<br />

Zeitreise, auch wenn die<br />

Geschichten ausgedacht sind.<br />

"Der Blaue Reiter ist<br />

gefallen", dichtete<br />

Else Lasker-Schüler<br />

tief getroffen nach<br />

dem Tod ihres<br />

Freundes Franz Mare.<br />

Statt zu schreiben, versank<br />

Kollegin Katharina in den<br />

Gedichten der Berlinerin.<br />

Das Heft ist ja trotzdem noch<br />

fertig geworden.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 11


Arena<br />

PLAKATIV<br />

Weihnachten<br />

ie besinnliche Jahreszeit ist seit jeher<br />

auch ein Fest für die werbetreibende<br />

D Industrie. Auch zu Beginn des 20. Jahr·<br />

hunderts geht es für manche Menschen schon<br />

eher um den Geschenkerausch als um ein<br />

Frohlocken wegen der Geburt Jesu. Plakate und<br />

Anzeigen erinnern die Kundschaft daran, für<br />

die Liebsten einzukaufen. Woher kommt der<br />

Brauch, andere zu beschenken? Ursprünglich<br />

gab's die Bescherung am Nikolaustag. Waren<br />

die Kinder das Jahr über brav, erhielten sie eine<br />

Belohnung. Andernfalls drohte die Rute. Nach<br />

der Reformation verschob sich die Gabenverteilung<br />

auf die Weihnachtsfeiertage, da die<br />

evangelische Kirche keine Heiligen verehrte.<br />

Ursprünglich wurden nur die Kleinen beschert,<br />

irgendwann auch die Großen. Ob die Geschenke<br />

nun vom Christkind oder Weihnachtsmann<br />

heimlich gebracht werden, ist regional verschieden.<br />

Im Süden Deutschlands und in evangelisch<br />

geprägten Regionen schleppt eher das Christkind<br />

die Gaben an. Der großväterliche Weihnachtsmann<br />

als Nikolausfigur mit weißem<br />

Rauschebart und rotem Mantel wurde ab Mitte<br />

des 20. Jahrhunderts besonders populär, vor<br />

allem durch amerikanische Filme.<br />

Supermarktwerbung<br />

(DDR. um 1957):<br />

Was genau der<br />

Konsum-Markt zu<br />

bieten hat, bleibt ein<br />

Geheimnis. In jedem<br />

Fall werden die<br />

Geschenke, die der<br />

Weihnachtsmann mit<br />

sich herumschleppt,<br />

,wirklich Freude "<br />

bereiten. Die DDR ist<br />

zu dieser Zeit schon<br />

das Land der Fünfjahrespläne,<br />

die Mauer<br />

noch nicht gebaut.<br />

Plakat für WeihnachtsaussteUung in Berlin<br />

(1913): Ein eingemummeltes Paar bummelt an einem<br />

Stand mit Spielzeug und Christbaumschmuck vorbei.<br />

Mit der Werbung sollen Besucher auf einen festlichen<br />

Markt in "<br />

Alt-Berlin" (historischer Begriff für die<br />

ursprüngliche Stadtmittel gelockt werden.<br />

Anzeige in einer Zeitschrift von Remington (1955): Ob sich Vati<br />

darüber freuen wird? Die Werbung suggeriert. dass Männer sich sehnlichst<br />

einen elektrischen Rasierer unter dem Weihnachtsbaum wünschen. Das wäre<br />

heute in etwa so originell, wie eine Küchenmaschine für Mutti anzupreisen.<br />

12 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


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Sei<br />

Kaiser Rudolf 11. hat ein<br />

Ziel für einen Ha1JsTJurger<br />

Herrscher: Er will das Universum erforschen. Damit erzürnt er<br />

die Kirche - und wird von Prag aus zum Wegbereiter der Moderne


KAISER RUDOLF 11.<br />

Von Rüdiger Sturm<br />

Es marschieren 4000 Reiter und<br />

9000 Landsknechte. Ein schlagkräftiges<br />

Söldnerheer, geführt<br />

von einem erfahrenen Oberst.<br />

Ist das die Rettung? Vor wenigen<br />

Jahren war Rudolf Ir. noch Kaiser<br />

eines der größten europäischen Reiche.<br />

Doch jetzt, im Januar 1611, hat er den<br />

Großteil seiner Macht eingebüßt. Die<br />

Herrschaft über Österreich, Ungarn<br />

und Mähren musste er an seinen intriganten<br />

Bruder Matthias abtreten. Und<br />

der ist unersättlich, will auch noch die<br />

Kaiserwürde.<br />

Körperlich wirkt Rudolf angegriffen<br />

- er hat an Gewicht verloren, die Haltung<br />

ist schlaff, sein Gesicht leichenblass.<br />

Doch der 58-Jährige sammelt<br />

seine letzten Kräfte, bäumt sich noch<br />

einmal auf. Denn eine Trumpfkarte hat<br />

er noch: Sein geliebter Cousin, der Erzbischofvon<br />

Passau, hat ihm das "Kriegsvolk"<br />

zur Unterstützung geschickt. Und<br />

so lässt sich sein Bruder Matthias nun<br />

offenbar auf einen Vergleich ein.<br />

Rudolf hat gewichtigere Gründe als<br />

jeder andere Herrscher, seine Macht zu<br />

verteidigen. Natürlich schlägt er sich<br />

seit Längerem mit politischen Problemen<br />

herum: den Konflikt zwischen<br />

Katholiken und Protestanten zu entschärfen,<br />

den Vormarsch der Türken zu<br />

stoppen. Aber eigentlich geht es ihm<br />

um viel mehr. Er will das Geheimnis<br />

des Universums enträtseln - und dieser<br />

Plan ist Anfang 1611 gefährdet.<br />

Der Weg des Habsburgers zu einem<br />

der ungewöhnlichsten Herrscher der<br />

europäischen Geschichte beginnt am<br />

Hof seines Vaters, Maximilian Ir., des<br />

späteren Kaisers. In Wien verkehren<br />

Denker und Freigeister, durch die der<br />

junge Rudolf die spannendsten Theorien<br />

der damaligen Zeit kennenlernt -<br />

etwa den Neuplatonismus, demzufolge<br />

sich Gott in allen Phänomenen der Natur<br />

offenbart, auch in mathematischen<br />

Wahrheiten. Oder die jüdische Weisheitslehre<br />

der Kabbala. Gleichzeitig begeistert<br />

sich der junge Thronanwärter<br />

für Tier- und Pflanzenkunde. Doch er<br />

ist ein sensibles Kind - empfindlich gegen<br />

Licht und Lärm, verstört von den<br />

ständigen Streitereien der Eltern. Seine<br />

Zuflucht ist die Welt des Wissens.<br />

Er ist elf Jahre alt, als sich in dieser<br />

Welt eine neue Tür öffnet - oder eigentlich<br />

sogar 3000 Türen. Denn aufBetreiben<br />

seiner streng katholischen Mutter<br />

muss er seine Ausbildung beim frommen<br />

Onkel fortsetzen - PhiJipp II.,<br />

König der Großmacht Spanien. Dessen<br />

Palast, EI Escorial, ist 33000 Quadratmeter<br />

groß und mit unvergleichlichen<br />

Kunst- und Wissensschätzen ausgestattet:<br />

einer Bibliothek mit Tausenden von<br />

Büchern und Handschriften, mit Gemälden<br />

von Tizian, Dürer, Hieronymus<br />

Bosch. Acht Jahre verbringt Rudolf in<br />

dieser Welt, besucht die Sternwarten<br />

und besichtigt die Glanzstücke von<br />

mehr als 6000 Reliquien, darunter ein<br />

angebliches Haar vom Barte Jesu oder<br />

ein vermeintliches Teil der Dornenkrone.<br />

Aber so sehr diese Zeit seinen Wissensdrang<br />

fördert: Die schier endlosen<br />

Tage in einem labyrinthischen Palast,<br />

die steifen Zeremonien des Hofes verstärken<br />

auch seinen Hang zur Melancholie.<br />

Zudem will der König seinem<br />

Neffen den wahren Glauben auf die<br />

harte Tour beibringen - so gehört zum<br />

Bildungsprogramm etwa auch der Besuch<br />

bei einer Ketzerverbrennung.<br />

Wie ihn der Aufenthalt in Spanien<br />

geprägt hat, können nach seiner Rückkehr<br />

im Mai 1571 zunächst nur wenige<br />

erahnen. Zu verschlossen ist der Thronerbe.<br />

"Rudolf der wenigen Worte" nennt<br />

ihn ein venezianischer Diplomat. Doch<br />

nachdem er 1576 seinem Vater auf den<br />

Kaiserthron gefolgt ist, zeigt er, welche<br />

Pläne und Fantasien in ihm schlummern.<br />

Eines der spektakulärsten Zeichen:<br />

1583 verlegt er den Regierungssitz<br />

nach Prag. Über die Gründe gibt<br />

es die verschiedensten Spekulationen.<br />

Rudolf 11. will das Geheimnis des Universums<br />

enträtseln - doch dieser Plan ist gefährdet<br />

16 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Gefällt dem Kaiser das Klima besser?<br />

Fühlt er sich sicherer vor dem Vordringen<br />

der Türken? Aus heutiger Sicht gab<br />

es keine logischere Wahl für einen<br />

Mann, der sich im Reich von Kunst und<br />

Wissen, von Legenden und Philosophien<br />

am wohlsten fühlte.<br />

Denn in Prag entstand 1348 die erste<br />

Universität Mitteleuropas. Seit den<br />

Zeiten des ketzerischen Predigers Jan<br />

Hus ist die Stadt ein Mekka für<br />

Querdenker, Mystiker, Philosophen.<br />

Hier gibt es Bildungsanstalten zuhaufneben<br />

einer katholische Akademie und<br />

einer evangelischen Hochschule unter<br />

anderem eine Talmudschule. Und Prag<br />

birgt sagenumwobene Geheimnisse:<br />

Unmittelbar vor dem Umzug des Hofes<br />

1583 soll hier der jüdische Rabbi Judah<br />

Löw den Golem, eine Art Supermensch<br />

aus Lehm, geschaffen haben. Auch<br />

Faust wohnte angeblich in der Stadt.<br />

Die Zielvorgabe, die Goethe dem Gelehrten<br />

mit dem Teufelspakt in den<br />

Mund legte, hätte auch auf Rudolf gepasst:<br />

"Daß ich erkenne, was die Welt<br />

im Innersten zusammenhält"<br />

In der Moldau-Metropole, die unter<br />

seinem Vorgänger Kar! IV. vor knapp<br />

Ort der Inspiration<br />

In der Schloss- und Klosteranlage<br />

Real Sitio de San Lorenzo<br />

de EI Escorial nahe Madrid<br />

verbringt Rudolf 11. acht Jahre<br />

(1563 bis 1571) bei seinem<br />

Onkel Philipp 11., König von<br />

Spanien. Hier kommt er in den<br />

Kontakt mit der Wissenschaft und<br />

entwickelt eine Leidenschaft für<br />

die Forschung. Die berühmte<br />

Bibliothek aus der Renaissance<br />

(siehe Foto oben) beherbergt<br />

heute mehr als 40000 Bücher aus<br />

dem 15. und 16. Jahrhundert<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 17


ASiRONOM,TA NOVA<br />

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Der Kaiser verbringt Stunden vor Dürers Bild.<br />

In dem Kun stwerk vermutet er den Gottescode<br />

200 Jahren ihre erste große Blüte erlebt<br />

hatte, versucht er sich diesen Traum zu<br />

erfüllen. Die mittelalterlichen Strukturen<br />

des Kaiserpalasts, des Hradschins,<br />

lässt er um Renaissancebauten erweitern,<br />

unter anderem um einen 100 Meter<br />

langen Korridor. In dem bringt er das<br />

persönliche Herzstück seines Reichs<br />

unter, seine "Kunst- und Wunderkammer",<br />

deren Bestandteile er auf<br />

der ganzen Welt einsammeln lässt -<br />

Gemälde, Münzen, Gemmen, mathematische<br />

Instrurnen te, Tischautomaten,<br />

Uhren. Zu den mehr als 800 Bildern<br />

gehören Werke von Dürer, Cranach,<br />

Tintoretto und Tizian. Hinzu kommen<br />

Objekte von mythischem Zauber - etwa<br />

der zwei Meter lange Stoßzahn eines<br />

Einhorns, den nur moderne Rationalisten<br />

einem Narwal zuordnen würden,<br />

oder eine Achatschale aus Konstantinopel,<br />

die ganz offenbar der Heilige<br />

Gral war, nicht zu vergessen eine Glocke,<br />

mit der man die Geister der Toten<br />

heraufbeschwören kann. Mit obsessiver<br />

Begeisterung lässt er auch eine<br />

Sammlung von Büchern und Handschriften<br />

zusammenstellen - darunter<br />

Werke der Sternenkunde, des Alchemismus<br />

oder christlichen Mystizismus.<br />

Bald gilt Rudolf als "größter Kunstmäzen<br />

der Welt", wie der Dichter und<br />

Maler Karel van Mander schrieb. Besonders<br />

schätzt der Kaiser den manieristischen<br />

Maler Arcimboldo, der ihn<br />

stilisiert als Vertumnus porträtiert, den<br />

Gott der Jahreszeiten. Wer eine Audienz<br />

begehrt, erhöht seine Erfolgsaussichten<br />

mit Gaben für die Kollektion<br />

beträchtlich. Der Gesandte des Herzogs<br />

Heinrich Julius von Braunschweig etwa<br />

steuert das mit Rubinen besetzte Horn<br />

eines Rhinozeros bei.<br />

In dieses private Reich zieht sich der<br />

Kaiser zurück, wenn ihm die Belastungen<br />

seines politischen Imperiums wieder<br />

aufs Gemüt drücken. Und das ist<br />

häufig genug der Fall. Schon ein Jahr<br />

nach der Kaiserkrönung erkrankt er mit<br />

Burn-out-Symptomen, wie man heute<br />

sagen würde. Drei Jahre später folgt die<br />

nächste Krise: Vor Entkräftung kann<br />

sich Rudolf nicht einmal mehr bewegen<br />

und muss getragen werden. Sein Gefolge<br />

fürchtet das Schlimmste. Denn im<br />

Habsburger-Clan grassieren die Geisteskrankheiten:<br />

Rudolfs Urgroßmutter<br />

mütterlicherseits war als "Johanna die<br />

Verrückte" bekannt, sein mental gestörter<br />

Cousin Don Carlos, von Friedrich<br />

Schiller realitätsfremd verklärt,<br />

verbrachte den Großteil seines Lebens<br />

in einen Turm eingesperrt und hungerte<br />

sich zu Tode. 1581 schreibt Rudolfs<br />

Minister Wolf Rumpf an Mutter Maria:<br />

"Seine Melancholie vergeht nicht trotz<br />

der Mediziner und Ärzte, von denen<br />

zehn dem Kaiser den ganzen Tag lang<br />

zur Seite stehen."<br />

E<br />

r lebt aber auf, wenn seine Sammlung<br />

wieder erweitert wird. Stunden<br />

verbringt er vor einem neuen<br />

Gemälde - etwa Dürers "Rosenkranzfest",<br />

das eigens von Venedig über die<br />

Alpen transportiert wurde. Heute wäre<br />

Rudolf wohl ein "Nerd", der sich vor<br />

dem grauen Alltag in virtuelle Welten<br />

flüchtet. Doch er sammelt nicht um des<br />

Sammelns willen und ist auch nicht auf<br />

der Jagd nach Superlativen. Er ist auf<br />

der Suche nach Gott. Sein in vier großen<br />

Räumen untergebrachtes Kabinett<br />

ist als "Teatrum Mundi" gedacht. Eine<br />

Art konzentriertes Spiegelbild, eine Enzyklopädie<br />

der Welt, die Rückschlüsse<br />

auf das göttliche Prinzip ermöglichen<br />

soll, das alles verbindet. Aus seiner Beschäftigung<br />

mit mystischen, religiösen<br />

und philosophischen Theorien weiß<br />

Rudolf, dass in jedem Kunstwerk, jedem<br />

exotischen Gegenstand, jedem<br />

Tier der Gottescode steckt. Er braucht<br />

nur Helfer, die ihn bei seiner Suche unterstützen.<br />

"Er findet seine Freude daran,<br />

Geheimnisse über natürliche und<br />

künstliche Dinge zu erfahren, und jedem,<br />

der ihm dabei behilflich sein<br />

kann, leiht er gern sein Ohr", berichtet<br />

der venezianische Gesandte Tommaso<br />

Contarini. Im Familienkreis gibt es<br />

freilich niemanden, dem er vertrauen<br />

kann. Von seiner Mutter ist er entfremdet,<br />

seinen Beichtvater, den Jesuiten<br />

Maggio, verdächtigt er - zu Recht - der<br />

Spionage. Er heiratet nicht, lieber vergnügt<br />

er sich mit Mätressen wie Katharina<br />

Strada, mit der er sechs Kinder<br />

zeugt. Also holt er sich Menschen an<br />

den Hof, die ihm bei der Suche nach<br />

dem Schlüssel des Universums helfen<br />

können. Wie den Polen Michael Sendivogius,<br />

der das alchemistische Labor im<br />

Pulverturm des Hradschin belegen<br />

darf. Entgegen des gängigen Klischees<br />

war die Herstellung von Gold bei<br />

der Alchemie nur ein nebensächlicher<br />

Aspekt. Das oberste Ziel bestand darin,<br />

persönliche Erleuchtung im Einklang<br />

mit den Gesetzen des Universums zu<br />

erreichen.<br />

Erkenntnisse erhofft sich Rudolf<br />

auch von Rabbi Löw, dem angeblichen<br />

Golem-Konstrukteur, mit dem er einen<br />

intensiven Termin unter vier Augen<br />

hat. Ein etwas merkwürdigerer Kontakt<br />

ist der englische Okkultist John<br />

Dee, der Rudolf einen Spiegel anbietet,<br />

der alles zeigen soll, was der Betrachter<br />

sich wünscht. Dass er dem Kaiser die<br />

Ermahnung eines Erzengels vorhält,<br />

"alle Bosheit aufzugeben", trübt das<br />

Verhältnis nicht. Im Gegenteil: Dee<br />

wird Ehrendoktor der Universität Prag.<br />

Erst als der päpstliche Nuntius Dee der<br />

schwarzen Magie beschuldigt und angebliche<br />

Beweise dafür vorlegt, sieht<br />

sich der Herrscher gezwungen, den<br />

Besucher vom Boden des Heiligen Römischen<br />

Reiches Deutscher Nation zu<br />

verbannen. Länger währte das Glück bei<br />

Dees Kompagnon Edward Kelley, der<br />

später wieder zurückkehren darf und<br />

sogar zum Hofalchemisten aufsteigt.<br />

Nachhaltiger ist freilich der Austausch<br />

mit weniger zweifelhaften Spezialisten<br />

- auf diese Weise bereitet<br />

Rudolf dem Weltbild der Zukunft den<br />

Weg. So wirbt er um den berühmtesten<br />

Astronomen der Zeit, den Dänen Tycho<br />

Brahe, bis der 1599 schließlich nach<br />

Prag kommt: "Wir erwarten, dass Sie<br />

neue Hypothesen über die Bewegungen<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 19


KAISER RUDOLF 11.<br />

Befreite Kunst<br />

Einen Herrscher mithilfe von Blumen<br />

und Früchten darzustellen traut sich<br />

der italienische Maler Giuseppe<br />

Arcimboldo. Eines seiner berühmtesten<br />

Werke ist das Porträt von Rudolf 11. -<br />

mit Birne als Nase und Bohnen­<br />

Brauen (siehe rechte Seite, 1590).<br />

Er wirkt am lebendigen Prager Hof<br />

(siehe Gemälde rechts von unbekanntem<br />

Künstler, 1607) auch als Ingenieur,<br />

Kostümzeichner und Musiker<br />

Den böhmischen Bürgern wird religiöse Freiheit<br />

gewährt. Sehr zum Missfallen des Vatikans<br />

am Himmel aufstellen." Von seinen<br />

Observatorien auf Schloss Benatek und<br />

im Prager Schlossgarten aus stellt er<br />

Beobachtungen von nie dagewesener<br />

Präzision auf. Doch die Aktivitäten des<br />

Astronomen finden ein jähes Ende: Am<br />

13. Oktober 1601 muss er ein Festbankett<br />

des Kaisers wegen starker Blasenschmerzen<br />

verlassen und stirbt zehn<br />

Tage später. Rudolf ist untröstlich, versucht<br />

angeblich sogar, den Geist des<br />

Toten zu beschwören. Zu dessen Ehren<br />

lässt er ein Grabmonument in der Teynkirche<br />

errichten.<br />

D<br />

och es gibt einen mehr als<br />

würdigen Nachfolger: Kurz vor<br />

Brahes Tod wurde der Deutsche<br />

Johannes Kepler sein Assistent, und<br />

Rudolf ernennt ihn prompt zum kaiserlichen<br />

Hofmathematiker. In dieser<br />

Funktion erhält er Brahes Beobachtungsdaten,<br />

mit denen er seine bahnbrechenden<br />

Berechnungen über die<br />

elliptische Form der Planetenbahnen<br />

erstellt. Er vollendet auch die Arbeit an<br />

den neuen Regeln zur Vorhersage der<br />

Planetenstellungen - den "Rudolfinischen<br />

Tafeln".<br />

Doch was ist mit der Politik? Gerade<br />

weil sie Rudolf belastet, versucht er,<br />

sich aus den Verwerfungen der Zeit herauszuhalten,<br />

vor allem aus dem Konflikt<br />

zwischen Katholiken und Protestanten,<br />

der sich in Europa zunehmend<br />

verschärft. "Wir sind der Schlichter und<br />

Vermittler, der nie irgendjemands Seite<br />

ergreifen sollte", schreibt er. Nur gegen<br />

die Türken, die immer weiter nach<br />

Westen vorrücken, will er vorgehen,<br />

versucht sogar, eine Allianz verschiedener<br />

europäischer Mächte zu schmieden.<br />

Aber weil für ihn Gott nicht in die<br />

Schublade einer einzelnen Religion<br />

passt, toleriert er in seinem Reich die<br />

verschiedenen Glaubensrichtungen,<br />

geht nicht mit brutaler Gewalt gegen<br />

Ketzer vor wie sein Onkel. Die jüdische<br />

Gemeinde in Prag blüht unter seiner<br />

Regentschaft auf, wird zur größten<br />

innerhalb Europas. Am 9. Juli 1609<br />

unterzeichnet Rudolf den sogenannten<br />

"Majestätsbrief", der allen böhmischen<br />

Bürgern, einschließlich der Bauern,<br />

religiöse Freiheit gewährt.<br />

Mit seiner Zurückhaltung trägt er<br />

dazu bei, dass sich die konfessionellen<br />

Gegensätze in seinem Reich nicht verschärfen<br />

und innenpolitisch Frieden<br />

herrscht. Dem Vatikan freilich, der die<br />

Gegenreformation vorantreibt, gefällt<br />

das überhaupt nicht. Seit Ende der<br />

1590er-Jahre intrigiert der Heilige<br />

Stuhl, vertreten durch seinen Nuntius<br />

Kardinal Spinelli, in Prag. Mit Erfolg:<br />

1599 entlässt Rudolf die nicht katholischen<br />

Vertreter der böhmischen Hofkanzlei,<br />

der obersten Regierungsbehörde,<br />

besetzt den Posten des Kanzlers<br />

mit einem glühenden Verfechter der<br />

Gegenreformation. Aber zunehmend<br />

gerät der Herrscher selbst in die Schusslinie<br />

der Papstfraktion. Die nimmt Anstoß<br />

an seinen Interessen für nicht<br />

christliche Lehren, und mit seinen<br />

psychischen Problemen liefert er weitere<br />

Munition. "Es scheint, als sei der<br />

Kaiser vom Teufel besessen", schreibt<br />

Spinelli an den Papst.<br />

1600 versucht Rudolf in einem<br />

Anfall von Paranoia seinen ObersthofkämmererWolfRumpf<br />

vom Wullroß<br />

zu erstechen, richtet dann den Dolch<br />

gegen sich selbst, bis ihn seine Diener<br />

stoppen. Die hindern ihn auch daran,<br />

sich mit einer Glasscherbe die Kehle<br />

durchzuschneiden.<br />

20 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


Und die Situation verschärft sich.<br />

Denn Rudolf erwächst ein Rivale um<br />

die Macht - sein jüngerer Bruder, Erzherzog<br />

Matthias, Statthalter in Österreich,<br />

der die Gegenreformation unterstützt.<br />

Im April 1606 wettert er vor<br />

anderen Erzherzögen: "Seine Majestät<br />

hat einen Zustand erreicht, in dem er<br />

Gott vollständig aufgegeben hat."<br />

Zunehmend beginnt Matthias, die<br />

anderen Fürsten des Reiches auf seine<br />

Seite zu ziehen, lässt sich als Oberhaupt<br />

des Hauses Habsburg bestätigen und als<br />

künftiger Kaiser nominieren. Am 3. Mai<br />

1608 erscheint er mit einem 20000<br />

Mann starken Heer an der böhmischen<br />

Grenze. Und Rudolf? Der treibt nur<br />

einen kümmerlichen Haufen von 4500<br />

Soldaten auf. Gezwungenermaßen tritt<br />

er dem Bruder die Regentschaft über<br />

Österreich, Ungarn und Mähren ab.<br />

Was ihm bleibt, sind die Krone von<br />

Böhmen, Schlesien und Lusitanien und<br />

die Kaiserwürde.<br />

Doch Matthias will alles. 1610 setzt<br />

er sich mit einem neuen Heer Richtung<br />

Böhmen in Bewegung. Nur gibt sich der<br />

Kaiser diesmal nicht geschlagen. Denn<br />

er hat 13000 Söldner auf seiner Seite.<br />

Ein letzter, zu allem entschlossener<br />

Schachzug, der sogar Matthias einschüchtert.<br />

Und doch scheitert der Kaiser, der<br />

die Erde und das All erfassen wollte.<br />

Denn ihm fehlt schlicht das Geld, um<br />

seine Armee zu bezahlen. Prompt beginnt<br />

der undisziplinierte Haufen zu<br />

marodieren. Die Landsknechte fallen<br />

über Prags Kleinseite und das jüdische<br />

Viertel her, drohen die Altstadt zu<br />

brandschatzen. Der Adlige Petr Vok z<br />

Rozmberka opfert sein Familienvermögen,<br />

um die Meute zu entlohnen.<br />

F<br />

ür den Kaiser selbst ist es das Ende.<br />

Die böhmischen Stände kündigen<br />

ihm die Unterstützung auf, erkennen<br />

Matthias als König an. Verzweifelt<br />

verflucht Rudolf das "undankbare<br />

Prag": "Ich habe dich berühmt gemacht,<br />

aber jetzt vertreibst du mich. Möge Verdammnis<br />

über dich und die tschechische<br />

Nation kommen." Immerhin: Vertrieben<br />

wird er nicht, aber er fristet sein<br />

Leben fortan auf dem Hradschin. Nur<br />

dem Titel nach Kaiser, ist er ein Gefangener<br />

seiner eigenen Burg und seiner<br />

Depressionen. Seine Tage sind gezählt.<br />

Am 20. Januar 1612 stirbt er an einer<br />

Wundbrand infektion; konsequent bis<br />

zum Schluss verweigert er die kirchlichen<br />

Sakramente.<br />

Mit ihm vergeht auch der Traum<br />

einer universellen Harmonie, wie ihn<br />

kaum ein Herrscher geträumt hatte.<br />

Der gichtkranke Matthias verlegt den<br />

Hof nach Wien zurück - und überlässt<br />

die Regierungsgeschäfte seinem Kanzler.<br />

Aus der Ferne sehen beide zu, wie<br />

sich in Prag 1618 der Konflikt entzündet,<br />

der alle Visionen Rudolfs auf den<br />

Kopf stellt - der Dreißigjährige Krieg. In<br />

dessen Wirren wird die Kunstkammer<br />

des Kaisers in 1550 Wagenladungen<br />

über Europa verstreut. Doch auf seine<br />

Weise war der tragische Habsburger<br />

weitaus einflussreicher als die Herrscherkollegen<br />

seiner Zeit. Indem er<br />

Mystiker und Denker, Okkultisten und<br />

Naturwissenschaftler zusammenführte<br />

und förderte, bereitete er einem neuen<br />

Denken die Bahn, das die Welt seither<br />

prägt. Oder wie es sein Biograf Peter<br />

Marshall formuliert: "Er änderte nicht<br />

das politische Gesicht der Erde, aber er<br />

verwandelte den Himmel."<br />

Rüdiger Sturm war bei<br />

seinen Recherchen angenehm<br />

überrascht darüber,<br />

dass ein Ästhet und<br />

Feingeist mehr für den Frieden in Europa<br />

tat als die Machtpolitiker seiner Zeit.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 21


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Tragbarer Kiosk in Berlin: Eine Frau verkauft<br />

Illustrierte und Zeitungen. Obwohl schon seit<br />

1914 das Grauen an den Fronten herrscht,<br />

bringen die Blätter bunte Themen. Was die<br />

Medien während des Weltkriegs schreiben<br />

dürfen, entscheidet die Zensur<br />

26 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


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P. M. "[STORY - JANUAR 2016 27


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

28 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Eine moderne Hauptstadt<br />

Berlin, Alexanderplatz, im Hintergrund das "Rote Rathaus" - einer<br />

der bekanntesten Orte des Kaiserreichs. Das Bild ist kurz vor dem<br />

Krieg entstanden: Cafes warten auf Gäste; elektrische Straßenbahnlinien<br />

und seit 1913 sogar eine Untergrundbahn fahren den<br />

Platz an. Es warten auch Taxi-Droschken<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 29


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Mirco Lomoth<br />

Es ist Sommer 1916, und die Berliner haben den Krieg<br />

satt. Der schnelle Sieg, den der Kaiser versprochen<br />

hatte, ist ausgeblieben, der euphorische "Geist von<br />

19l4" schon seit Langem verflogen. Damals hatten<br />

Zehntausende ihrem Monarchen zugejubelt, als der<br />

vom Balkon des Stadtschlosses die Einheit des deutschen<br />

Volks beschwor. Er kenne keine Parteien und keine Konfessionen<br />

mehr, hatte Wilhelm II. am Tag der Kriegserklärung an<br />

Russland verkündet - "nur noch Deutsche". Und seine Berliner<br />

hatten im Lustgarten in einem Rausch der Verbrüderung<br />

gesungen: "Nun danket alle Gott".<br />

Die Züge nach Pommern waren voll gewesen mit Kriegsfreiwilligen<br />

in grauen Feldröcken, die Gleise geschmückt mit<br />

Girlanden. Was hatte der Kaiser gesagt? "Ehe noch das Laub<br />

von den Bäumen fällt", würden die Soldaten wieder zu Hause<br />

sein. Doch statt der siegreichen Heimkehrer ist das Grauen<br />

in die Reichshauptstadt eingezogen. Lazarettzüge bringen<br />

immer mehr Verwundete von der Front.<br />

Die dänische Schauspielerin Asta Nielsen, ein Stummfilmstar,<br />

beobachtet schockiert: "Durch die Straßen wankten<br />

Kriegsblinde zwischen jungen verkrüppelten Männern auf<br />

Krücken oder ohne Arme, ohne Unterkiefer, nur mit einem<br />

großen gähnenden Loch oder das ganze Gesicht zu einer verzerrten<br />

Maske verunstaltet."<br />

Immer länger werden auch die Gefallenenlisten, die an<br />

öffentlichen Gebäuden aushängen. Morgens drängen sich<br />

Mütter und Ehefrauen davor, gehen mit dem Zeigefinger<br />

angstvoll die Zeilen durch. Wer Verwandte entdeckt, sinkt<br />

schluchzend zu Boden. Wer noch Hoffnung hat, fragt auf den<br />

Postämtern bang nach Briefen des Liebsten. Doch manch einer<br />

ist gefallen, noch bevor seine Zeilen die Heimat erreichen.<br />

Zu den schlechten Nachrichten von der Front kommt der<br />

Hunger. Seit eineinhalb Jahren blockiert die übermächtige<br />

britische Flotte nun schon den Seeverkehr in der Nordsee.<br />

Auch die große Seeschlacht vor dem Skagerrak im Mai hat<br />

keinen Durchbruch gebracht. Das Deutsche Reich bleibt vom<br />

Weltmarkt abgeschnitten. Einfuhren, die vor dem Krieg mindestens<br />

ein Fünftel aller Lebensmittel ausgemacht hatten,<br />

sind versiegt, kriegswichtige Rohstoffe fehlen. Jetzt zeigt<br />

sich, dass die deutsche Wirtschaft nur auf einen kurzen Krieg<br />

vorbereitet war.<br />

Was an Lebensmitteln noch vorhanden ist, wird streng<br />

verteilt: Zwei Drittel gehen ans Heer, die Zivilbevölkerung<br />

muss sich mit dem Rest zufriedengeben. Nach und nach<br />

werden immer mehr Nahrungsmittel rationiert. In Berlin<br />

gibt es Brot bereits ab Februar 1915 nur noch "auf Karte", ab<br />

Juni im ganzen Reich. Immer mehr minderwertige Ersatzprodukte<br />

kommen auf den Markt: Gefärbter Quark ersetzt<br />

Butter, billige Gelatine die Marmelade.<br />

Schon am Tag der Kriegserklärung hatte der Magistrat<br />

der Stadt an den "Opfermut" und die "Selbstzucht" der Berliner<br />

appelliert. Jetzt ist die Zeit dafür gekommen. Noch mehr<br />

als in anderen deutschen Städten fehlt es in der Reichs-<br />

P.M. HISTORY - JANUAR 2016 31


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Da die Männer bei der Armee sind, springen Frauen<br />

ein. Sie liefern Bier aus und steuern Straßenbahnen<br />

hauptstadt an allem. Die Lebensmittelkarten decken gerade<br />

einmal die Hälfte des täglichen Bedarfs. Auf den Märkten<br />

hängen Krähen und Elstern kopfüber zum Verkauf.<br />

Der Arzt Alfred Grotjahn notiert im März 1916 in seinem<br />

Tagebuch: "Die Berliner Bevölkerung bekommt von Woche<br />

zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen<br />

treten hervor, und die entfettete Haut legt sich in<br />

Falten."<br />

Nur die Reichen spüren wenig von der Misere. Wer Geld<br />

hat, kann sich auch jetzt noch fast wie zu Friedenszeiten vergnügen.<br />

Zu Kriegsbeginn waren Theater und Museen überstürzt<br />

geschlossen worden, doch schon bald hatten die Behörden<br />

die Maßnahme wieder rückgängig gemacht. 1916<br />

eröffnen die Berliner Theater die Spielzeit mit patriotischen<br />

Kriegsstücken. Das erfolgreichste heißt "Immer feste druff!".<br />

Es wird am Theater am Nollendorfplatz bis 1918 gut 800-mal<br />

aufgeführt: "Denn zieh' dem Russen ab det Fell, na Junge, du<br />

hast Mut."<br />

Auch die leichte Unterhaltung kehrt zurück, ganz zum<br />

Missfallen des Kaisers, der von den Berlinern "devoten Ernst"<br />

fordert. Doch die Bezirksleiter der Polizei wissen, dass es<br />

nicht ratsam ist, Berlin zu einer "stillen Stadt" zu machen.<br />

Mimiker dürfen auf der Bühne sogar Paul von Hindenburg<br />

oder den österreichischen Kaiser verspotten. Auch die Kabaretts<br />

und Varietetheater sind wieder geöffnet, wenn auch<br />

nicht länger unter französischen Namen - das "Chat Noir"<br />

heißt nun "Schwarzer Kater", das "Folies Caprice" nennt<br />

sich "Possen-Theater". Oberbürgermeister Adolf Wermuth<br />

ist überzeugt: Der Humor hilft den Berlinern, die harte Zeit<br />

zu überstehen.<br />

Jeder an der Heimatfront ist aufgefordert, "finanziellen<br />

Wehrdienst" zu leisten. Wer Goldmünzen und Schmuck hat,<br />

soll sie gegen Papiergeld eintauschen und bekommt gegen<br />

Aufpreis als Beweis der Vaterlandsliebe einen Eisenring mit<br />

der Gravur "Gold gab ich für Eisen". Zu Hunderten drängen<br />

sich die Berliner auch vor den Schaltern der Banken, um dem<br />

Staat ihr Erspartes anzuvertrauen und zum baldigen "Siegfrieden"<br />

beizutragen. Bei Kriegsende werden diese Kriegsanleihen<br />

wertlos sein.<br />

Da die meisten Männer an der Front sind, haben die Berlinerinnen<br />

viele ihrer Jobs übernommen. Sie fahren Straßenbahnen,<br />

schleifen Schienen, tragen Briefe aus und verrichten<br />

Schwerstarbeit in Munitionsfabriken. Sie schuften in Zwölfstundenschichten<br />

zum halben Lohn. Ein Arbeiter im Cassirer­<br />

Kabelwerk in Charlottenburg erinnert sich: "Keine Nacht<br />

ohne Zusammenbruch einer oder mehrerer Frauen an den<br />

Maschinen infolge Erschöpfung, Hunger, Krankheit."<br />

Schon frühmorgens stehen Frauen und Alte in langen<br />

"Butterpolonaisen" vor den Läden, um Lebensmittelmarken<br />

einzutauschen, manche die halbe Nacht. Viele kehren mit<br />

leeren Händen heim. Reiche Berliner hingegen können sich<br />

auch jetzt noch Butter, Wurst und Eier leisten, sogar Erdbeeren<br />

mit Schlagsahne. Denn der Schleichmarkt blüht. Bäcker,<br />

Bauern und Lebensmittelhändler halten bis zu 50 Prozent<br />

ihrer Waren für kaufkräftige Kunden zurück, verkaufen sie<br />

zu Wucherpreisen - und verstärken damit noch die Not derjenigen,<br />

die nichts haben.<br />

Asta Nielsen, die Schauspielerin, beobachtet, wie in einem<br />

der Armenviertel die Frauen herbeistürzen, als ein<br />

klapperdürres Pferd auf der Straße tot umfällt - "man schrie<br />

und schlug sich um die besten Stücke, das dampfende Blut<br />

spritzte ihnen über Gesicht und Kleider. Andere ausgehungerte<br />

Gestalten kamen vorüber und fingen in Näpfen<br />

und Tassen das warme Blut auf, von dem das Pflaster rot<br />

gefärbt war."<br />

S<br />

tädtische Kriegsküchen, die jeden Tag rund eine Viertelmillion<br />

dünne Eintöpfe gegen Marke austeilen, können<br />

die Not kaum lindern. An den Wochenenden ziehen<br />

daher ganze Kolonnen ins Umland, auf der Suche nach Essbarem.<br />

Die Hamsterfahrten sind verboten, aber geduldet. Die<br />

Berliner scherzen: "Wer hamstert, gehört ins Zuchthaus, wer<br />

nicht hamstert, gehört ins Irrenhaus."<br />

Die Verbitterung über die Ernährungslage und die Unfähigkeit<br />

der Behörden, den Schleichhandel zu unterbinden,<br />

schlägt bald in offene Empörung um. Wo ist jetzt die vom<br />

Kaiser beschworene Brüderlichkeit, wenn Kriegsgewinnler<br />

in teuren Lokalen speisen und sich in Tanzbars amüsieren<br />

können, während die Armen ums blanke Überleben kämpfen?<br />

Zynisch wirkt da die amtliche Empfehlung, 30 Bissen in<br />

30 Minuten 2500-mal zu kauen, um die Nahrung besser zu<br />

verwerten. In den Berliner Arbeitervierteln, wo die Menschen<br />

teils unter fürchterlichen Bedingungen in Hinterhofwohnungen<br />

und Kellern hausen, geht der Spruch um: "Die<br />

Armen liefern die Leichen, der Mittelstand muss weichen,<br />

den Krieg gewinnen die Reichen."<br />

Schon im Oktober 1915 war es im Bezirk Lichtenberg zu<br />

Tumulten vor Läden der Großbutterfirma Assmann gekommen.<br />

Hunderte aufgebrachte Frauen, Arbeiter und Halbwüchsige<br />

schlugen Schaufenster ein, plünderten Auslagen<br />

und griffen Schutzleute an. "Allgemein wurde von den<br />

Frauen geäußert, dass dieses nur der Anfang sei und sie sich<br />

lieber totschlagen lassen wollen als verhungern", heißt es in<br />

einem Polizeibericht. Ein Beamter meldet: Die Stimmung auf<br />

der Straße sei gereizt, und die Maßnahmen der Regierung<br />

erführen häufig "eine gehässige Kritik".<br />

Der Staat setzt auf Propaganda. "Der letzte Hieb ist die<br />

8. Kriegsanleihe" steht auf Plakaten oder "Deutsche Frauen,<br />

arbeitet im Heimatheer". Nagelaktionen sollen den Zusammenhalt<br />

des Volks beschwören. Auf dem Königsplatz an der<br />

34 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Ein bissehen Spaß<br />

Auch wenn der Kaiser von<br />

seinen Berlinern einen<br />

"devoten Ernst" in Kriegszeiten<br />

fordert, lassen sich<br />

viele Menschen nicht von<br />

Freizeitvergnügen abhalten.<br />

Auf der Trabrennbahn der<br />

Hauptstadt galoppieren<br />

Jockeys um die Wette. Fünf<br />

Soldaten, darunter ein<br />

Invalide im Rollstuhl, fiebern<br />

beim Rennen mit (oben).<br />

Zwei junge Frauen werden<br />

im Winter lieber selbst aktiv:<br />

Sie üben Eiskunstlauf. Auf<br />

männliche Partner müssen<br />

sie verzichten, viele Gleichaltrige<br />

wurden von der<br />

Armee eingezogen<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 35


36 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


P. M. HISTORY - JANUAR 2016 37


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

"Dem deutschen Volke"<br />

Jahrelang hat sich Kaiser Wilhelm 11. widersetzt.<br />

Er will nicht, dass am Reichstagsgebäude am<br />

Spreeufer ein Schriftzug angebracht wird, der<br />

das Parlament in den Dienst der Bürger stellt.<br />

Doch als 1916 die Stimmung seiner Untertanen<br />

immer schlechter wird, Demonstranten trotz<br />

Verboten mehr politische Rechte fordern, da lenkt<br />

der Monarch ein. Arbeiter bringen im Dezember<br />

den Schriftzug an, mit dem der Architekt bereits<br />

1894 den Giebel schmücken wollte<br />

Um den endlosen Materialbedarf der Front zu decken,<br />

werden sogar Fahrradschläuche beschlagnahmt<br />

Siegessäule können die Berliner Nägel in eine gut zwölf Meter<br />

hohe Holzfigur von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg<br />

schlagen, bis dessen Rüstung komplett ist. Das gespendete<br />

Geld geht an Soldatenfamilien. Ganze Schulklassen reisen<br />

nach Berlin unter dem Motto: "Konnt ich auch nicht<br />

Waffen tragen, half ich doch die Feinde schlagen."<br />

D<br />

och es hilft nichts. Statt nur nach Brot und Frieden<br />

rufen die Berliner bald auch nach Freiheit. Denn noch<br />

immer gilt in Preußen das Dreiklassenwahlrecht, das<br />

den Armen weniger Mitbestimmungsrecht einräumt. Es ist<br />

ein Vorgeschmack auf das, was folgen wird: die Massenstreiks<br />

im Januar 1918, die Novemberrevolution und schließlich<br />

der Untergang eines Kaiserreichs, das sein Volk verbluten<br />

und verhungern lässt.<br />

Vorerst aber wütet der Krieg weiter, wird immer mehr zu<br />

einem totalen Krieg. Anfang September 1916 verfügt die<br />

Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich<br />

Ludendorff die Mobilisierung der letzten Reserven der Heimatfront.<br />

Innerhalb eines halben Jahres soll die Produktion<br />

von Munition verdoppelt, von Maschinengewehren und Geschützen<br />

verdreifacht werden. So wollen die Generäle die<br />

sinkende Zahl kampffähiger Soldaten ausgleichen. Der Plan<br />

geht nicht auf. Der Umbau der Wirtschaft läuft langsam, Rohstoffe<br />

fehlen - und das Elend an der Heimatfront wird immer<br />

schlimmer. Um den schier endlosen Materialbedarf der Front<br />

zu decken, beschlagnahmt die Kriegsrohstoffabteilung auch<br />

Haushaltsgegenstände aus Aluminium, Kupfer, Messing, Nickel<br />

und Zinn. Selbst Kleidungsstücke und Fahrradschläuche<br />

müssen abgegeben werden.<br />

Zu allem Überfluss fällt im Herbst 1916 die Kartoffelernte<br />

katastrophal aus: Die Bauern bringen nur etwa die Hälfte<br />

vom Vorjahr ein. In Berlin reichen die Lagerbestände noch<br />

für einige Wochen. Ein Hungerwinter steht bevor. Verfügbar<br />

sind bald nur noch Kohlrüben. Eine wässrige Suppe aus der<br />

nährwertarmen Frucht ist für die meisten Berliner die einzige<br />

warme Mahlzeit am Tag. Brot, Kaffee, Marmelade, selbst<br />

Bier wird jetzt aus Kohlrüben hergestellt.<br />

In diesem "Kohlrübenwinter" jagen die Berliner die Ratten<br />

in der Gosse. Sie scherzen noch immer. Ein gern erzählter<br />

Witz lautet: Bald werde es keine Ratten mehr geben, nur<br />

noch Rattenersatz. Doch die Realität ist todernst. Aschfahle,<br />

ausgemergelte Gestalten schleichen über die Straßen der<br />

Reichshauptstadt. Oberbürgermeister Wermuth erinnert sich:<br />

"Nun setzte eine Sterblichkeit ein, welche die Wochenstatistiken<br />

bis auf das Eineinhalbfache und höher unaufhaltsam<br />

anschwellen ließ."<br />

Am Ende des Kriegs werden rund 700000 Deutsche an<br />

Unterernährung gestorben sein, viele von ihnen in Berlin.<br />

Mehr als zwei Millionen kehren von der Front nicht zurück.<br />

Im Dezember 1916 bringen Arbeiter die Inschrift "Dem<br />

deutschen Volke" über dem Westportal des Berliner Reichstagsgebäudes<br />

an. Zwei Jahrzehnte hat sich der Kaiser gegen<br />

diese Worte gesperrt. Jetzt hoffen seine Berater, durch die<br />

mächtigen Bronzelettern etwas von der Gunst des Volks<br />

wiederzugewinnen. Doch dafür ist es zu spät.<br />

Mirco Lomoth wurde bei seinen Recherchen in<br />

Berlin zum Ersten Weltkrieg erstmals klar. welches<br />

Leid die Berliner durchgemacht haben müssen -<br />

auch wenn an der Heimatfront keine Bomben fielen<br />

und es zu keinen Kämpfen kam.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 39


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Totaler Krieg<br />

Ungeheuerliche ZerstärungskrajtJ grauenhafte Wirkung:<br />

Von 1914 bis 1918 revolutionieren neue Waffen die Kriegsjührung<br />

und schockieren die Soldaten - und deren Familien zu Hause<br />

Von Hauke Friederichs<br />

Der Tod kam lautlos als gelbgrüne Wolke, schwebte<br />

über das Schlachtfeld, sank in die französischen<br />

Schützengräben hinab. Soldaten, die den<br />

Nebel einatmeten, schnappten vergeblich nach<br />

Luft, husteten Blut, erstickten, starben grauenhaft.<br />

Vor diesem Tod gab es kein Entkommen. Am 22. April<br />

1915 blies die deutsche Armee bei Ypern aus mehr als<br />

5000 Flaschen giftiges Chlorgas zum Gegner hinüber, eine<br />

neue, schreckliche Massenvernichtungswaffe, die erstmals<br />

im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde. 3000 Männer starben<br />

an diesem Tag, weitere 7000 erlitten schwere Verletzungen.<br />

Der Feind habe "viele Apparate zur Hervorbringung erstickender<br />

Gase" benutzt, meldete die englische Nachrichtenagentur<br />

Reuters. "Aus der Menge der erzeugten Gase geht<br />

hervor, dass dies nach einem vorbedachten Plane und im Widerspruch<br />

mit der Haager Konvention geschah." Auch amerikanische,<br />

niederländische und französische Medien berichteten<br />

über die deutschen Chemiewaffen. In der vom Militär<br />

zensierten deutschen Presse tauchte deren Einsatz kaum auf.<br />

Die Welt war entsetzt über den schrecklichen Gastod an<br />

der Front. Generell verstörte die industrialisierte Kriegsführung<br />

die Menschen, nicht nur die Soldaten, die den Tod nicht<br />

mehr kommen sahen. Aus vielen Kilometern Entfernung<br />

abgefeuert, zerfetzten Granaten ihre Ziele, aus Hunderten<br />

Metern konnten Scharfschützen ihre Gegner erschießen.<br />

Auch die Familien zu Hause sorgten sich um die Angehörigen<br />

an der Front. Per Feldpost schickten die Soldaten Briefe nach<br />

Hause, die vom Grauen nachhallten: "Unser Regiment hat


fast aufgehört zu existieren. In dem Feuer der schweren frz.<br />

Geschütze brachen wir fast völlig zusammen C ..)", schrieb<br />

Otto Hanisch im März 1916 an seine Frau Hedi und die Kinder.<br />

"Es war das Schlimmste vom Schlimmen, was ich erlebt<br />

habe." Und dann habe auch noch die deutsche Artillerie aus<br />

Versehen die eigenen Leute beschossen. Seine Nerven seien<br />

hin, und seine Knochen zitterten. Solche Berichte kamen in<br />

den Zeitungen nicht vor. Die Propaganda in Deutschland<br />

zeichnete das Bild eines heroischen Kampfes, eines ritterlichen<br />

Duells. Die Realität sah anders aus: Materialschlachten<br />

im Westen, Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Osten.<br />

Im Ersten Weltkrieg kamen bereits fast alle Kriegstechnologien<br />

zum Einsatz, die auch in späteren Konflikten des<br />

20. Jahrhunderts für Schrecken sorgen sollten. Doch die<br />

meisten Strategen blieben noch dem militärischen Denken<br />

der Jahrhundertwende verhaftet. Maschinengewehre, Sprenggranaten,<br />

Flammenwerfer, Flugzeuge und Panzer spielten in<br />

den Gedanken der Generäle kaum eine Rolle. Sie planten<br />

große Flankenangriffe mit der Infanterie, rechneten mit<br />

Kavallerieattacken der Gegner. Dabei gab es seit 1863 motorisierte<br />

Wagen. Bereits kurz nach Kriegsbeginn stand fest,<br />

dass alle Seiten zu wenige Kraftfahrzeuge hatten. Französische<br />

Soldaten wurden mit Taxis an die Front gefahren, um<br />

den deutschen Vorstoß auf Paris abzuwehren. Deutschland<br />

fehlten Zugmaschinen für die Artillerie. Und auch die Kommunikation<br />

zwischen den Einheiten funktionierte nicht.<br />

Zwar verfügten die Armeen über Feldtelefone, dennoch setzten<br />

sie noch Brieftauben ein.<br />

Archaisch und modern zugleich liefen auch die Gefechte<br />

ab. Im Grabenkampf erschlugen sich die Soldaten mit Spaten<br />

und Keulen. Gleichzeitig kamen Eisenbahngeschütze mit<br />

Schwaden des Todes<br />

Aus einer Giftgaswolke heraus greifen deutsche<br />

Soldaten an der Westfront gegnerische Stellungen an.<br />

Seit 1915 setzt die kaiserliche Armee chemische<br />

Massenvernichtungswaffen ein<br />

gewaltigem Kaliber zum Einsatz. Alle Kriegsparteien verschossen<br />

Explosivmunition mit bis dahin ungeahnter Sprengkraft.<br />

An der Westfront entstanden Kraterlandschaften im<br />

Niemandsland zwischen den Schützengräben, umgepflügt<br />

von Abertausenden Geschossen. In der Todeszone an der<br />

Front standen die Ruinen zerstörter Häuser, lagen aufgeblähte<br />

Kadaver und Leichen, die wegen der permanenten Schusswechsel<br />

niemand wegräumte. Ein Albtraum für die Soldaten.<br />

A<br />

ufgeben wollte keine Seite - zugleich hatten die Militärs<br />

auf beiden Seiten keine Idee, wie der Gegner<br />

überwunden werden könnte. Deutschland war 1914<br />

dem Schlieffen-Plan gefolgt. Seine Soldaten umgingen die<br />

französische Verteidigungslinie an der Grenze, die Truppen<br />

marschierten durch das neutrale Belgien und nach Frankreich<br />

hinein. Binnen weniger Wochen sollte Paris eingenommen<br />

sein. Dann müssten alle Truppen nach Osten verlagert<br />

werden, um dort die Russen zu schlagen. Alfred Graf von<br />

Schlieffen hatte seinen Plan bereits 1905 niedergeschrieben.<br />

Als dieser neun Jahre später zum Einsatz kam, war er überholt.<br />

Statt rascher Geländegewinne kam es zum Stillstand im<br />

Westen. Die Front erstarrte.<br />

In den ersten beiden Kriegsjahren ließen die Militärführungen<br />

ihre Männer immer wieder frontal gegen das feindliche<br />

Maschinengewehrfeuer anrennen. Tausende wurden für<br />

minimale Geländegewinne geopfert. Bei Verdun, einer der<br />

verlustreichsten Schlachten, wollte der deutsche Generalstab<br />

die Franzosen "weißbluten" lassen. Die grausame Logik<br />

dahinter: Wenn der Feind mehr Soldaten verlöre als die deutsche<br />

Armee, dann hätte er bald zu wenige kampffähige<br />

Männer übrig, um den Krieg fortzuführen. Bei ihren Plänen<br />

hatten die Militärs übersehen, dass die neuen, industriell gefertigten<br />

Waffen den Verteidigern gewaltige Vorteile brachten.<br />

Die Maschinengewehre waren zu schwer, um sie für<br />

Sturmangriffe zu verwenden. Zur Abwehr solcher Offensiven<br />

aber waren sie bestens geeignet. Und auch der Versuch, den<br />

Feind "sturmreif" zu schießen, also ihn mit so vielen schweren<br />

Artilleriegranaten zu treffen, dass er seine Stellungen<br />

aufgeben müsste, funktionierte nicht. Denn längst hatten die<br />

Franzosen um Verdun herum Bunkeranlagen errichtet, die<br />

dem Beschuss standhielten. Der am 21. Februar 1916 beginnende<br />

Sturmangriff führte zu keinen Geländegewinnen, er<br />

brachte nur große Verluste: Frankreich zählte bei Verdun binnen<br />

zehn Monaten 167000 Gefallene, Deutschland 150000.<br />

Keine Nation war auf einen so langen und so zähen Krieg<br />

vorbereitet, alle hatten Nachschubprobleme. In Deutschland<br />

führte das zu drastischen Maßnahmen. Der Generalstab ließ<br />

die eigene Bevölkerung hungern, um genügend Lebensmittel<br />

für die Soldaten zu haben. Per Gesetz zwang er Hunderttausende<br />

Jugendliche und Frauen zur Arbeit in Rüstungsfabriken.<br />

Besetzte Gebiete plünderte er gnadenlos aus.<br />

Wegen der Vernichtungskraft der Waffen und wegen des<br />

rücksichtslosen Ausbeutens von Zivilisten gilt der Konflikt<br />

von 1914 bis 1918 als erster totaler Krieg der Geschichte.<br />

17 Millionen Tote waren seine Konsequenz. Er traumatisierte<br />

die Menschen - und radikalisierte die Gesellschaft.<br />

P.M. HISTORY - JANUAR 2016 41


Der letzte Brief. Franz Marc schreibt am 4. März 1916, seinem Todestag, an seine Frau:<br />

"Liebste, denk Dir: heute bekam ich ein Briefehen von meinen Quartiersleuten in Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief<br />

enthielt! Die Frau hatte ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden! Ich hab mich schon ein bißehen<br />

geschämt, aber auch doppelt gefreut, daß ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde ich auch<br />

zurückkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schauervollen Bildern<br />

der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu<br />

beschreiben ist. Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib und alles was mir gehört, zu mir gehört!<br />

Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gänzlich verwüsteten Schloßbesitz, über den die ehemalige französische<br />

Frontlinie ging . ... Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch gesundheitlich. Ich fühl mich gut und geb sehr acht auf mich.<br />

Dank viel-, vielmal für den lieben Geburtstagsbrief! Grüße Dein F"<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 43


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Katharina Jakob<br />

Am Morgen des 4. März 1916 schlägt der Leutnant<br />

Franz Marc die Augen auf. Er blickt nicht in den<br />

freien Himmel wie sonst, sondern an eine gemauerte<br />

Decke. Er liegt auch nicht auf der blanken<br />

Erde, sondern wie ein Kleinkind in einer Art<br />

Gitterbett: Es ist ein Hasenstall, dem die Türen fehlen. Mit<br />

der Öffnung nach oben und mit Heu befüllt, taugt der Käfig<br />

als Behelfsbett. Tatsächlich hat Franz Marc tief und fest darin<br />

geschlafen.<br />

Seit zwei Tagen hält sich der Leutnant mit seinen Männern<br />

im Chateau Gussainville auf, einer zusammengeschossenen<br />

Schlossruine hinter der französischen Front. Er ist<br />

dankbar für den Unterschlupf.<br />

Die Wochen zuvor war er kaum<br />

aus dem Sattel gekommen, und<br />

wenn, hatte er im Freien biwakiert.<br />

Im Gummimantel.<br />

Jetzt graut der Morgen. Und<br />

das Heimweh kommt mit aller<br />

Macht. Im bayrischen Ried spüren<br />

sie bestimmt schon den herannahenden<br />

Frühling. Der Leutnant<br />

denkt an sein Haus und an<br />

die zwei zahmen Rehe im Garten,<br />

Hanni und Schlick. An sein Atelier<br />

unterm Dach. Und an seine<br />

Frau, die bang auf ein Lebenszeichen<br />

von ihm wartet. Er greift zu Stift und Papier. "Dieses<br />

Jahr", schreibt er an Maria, "werde ich zurückkommen in<br />

mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit."<br />

Dann steigt er aus dem Hasenstall, zieht sich Uniform und<br />

Stiefel an und geht hinaus in den letzten Tag seines Lebens.<br />

Franz Marc, der aufstrebende Maler und Mitgründer des<br />

"Blauen Reiters", ist seit Kriegsbeginn Soldat. Er macht seine<br />

Sache gut. So gut, dass er rasch zum Offizier befördert wird<br />

und dann, im Oktober 1915, sogar zum Leutnant. Jetzt führt er<br />

die Leichte Munitionskolonne 1 an, darf sich ein Pferd aussuchen<br />

und bekommt zum Frühstück Rosinenschnecken. Sein<br />

Einsatzgebiet ist ElsaSS-Lothringen, wo er die meiste Zeit hinter<br />

den feindlichen Linien verharrt. Er muss den Nachschub<br />

an die Front organisieren und das Gelände erkunden. Weil<br />

er fließend Französisch spricht - seine Mutter stammt aus<br />

Lothringen -, ist er hinter der Front weit nützlicher als im<br />

Schützengraben. Doch trotz der Annehmlichkeiten, die er als<br />

höherer Dienstgrad genießt: Der Krieg setzt Marc gewaltig<br />

zu. An manchen Tagen reitet er mit seinen Männern 18 Stunden<br />

und mehr durch peitschenden Regen. Überquert Schlachtfelder<br />

voller getöteter und verstümmelter Soldaten, sieht den<br />

Strom fliehender Familien, hört Kinder weinen. Längst ist seine<br />

Begeisterung für den Waffengang erloschen. Dabei war er<br />

am 4. August 1914 geradezu jubelnd zu den Fahnen geeilt, nur<br />

einen Tag nach der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich.<br />

"Jetzt bin auch ich endlich auf dem Zug in den großen<br />

Krieg", hatte er seinem Galeristen geschrieben, als er den<br />

Marschbefehl erhielt.<br />

Und jetzt? "Das ist kein Krieg mehr", schreibt er entmutigt<br />

in einem seiner Briefe anderthalb Jahre später. Was hatte er<br />

erwartet? Vor allem das: eine<br />

neue Welt. Die alte ist ihm<br />

unerträglich. Diese Spießigkeit,<br />

dieser wilhelminisch-preußische<br />

Muff, der am Althergebrachten<br />

hängt und alles Neue misstrauisch<br />

beäugt. Mit seinen Künstlerkollegen<br />

will Franz Marc noch<br />

nie Dagewesenes schaffen: weg<br />

vom Gegenständlichen, hin zur<br />

abstrakten Malerei. Doch wie<br />

reagieren Publikum und Kritik?<br />

"Farben wahnsinnige Verunreinigung<br />

von Leinwänden", heißt es<br />

in den Zeitungsverrissen, "Gemäldegalerie<br />

eines Irrenhauses". Manche Besucher kommen<br />

nur in die Ausstellungen, um auf die Bilder zu spucken. Immer<br />

wieder kann einer nur mit Mühe daran gehindert<br />

werden, die Leinwände mit einem Messer aufzuschlitzen.<br />

Und Genies wie August Macke oder Wassily Kandinsky müssen<br />

sich beschimpfen lassen als "Fieberkranke" und "Hottentotten<br />

im Oberhemd". All das, denkt Franz Marc, als der Krieg<br />

losbricht, kann gern zugrunde gehen.<br />

Doch hinter seiner Leidenschaft für den Weltenbrand<br />

steckt noch etwas anderes. Etwas Radikaleres, das seinen<br />

Freunden Angst macht und seine Frau verzweifeln lässt.<br />

Marc verehrt Nietzsche und dessen Idee vom Übermenschen.<br />

Da kommt der Feldzug wie gerufen, "Blutopfer" werden<br />

nötig: "Um Reinigung wird der Krieg geführt", schreibt der<br />

Maler, "und das kranke Blut vergossen."<br />

Dabei hat er keinen Sinn für Politik. Für die diplomatischen<br />

Verwicklungen und politischen Zusammenhänge<br />

interessiert er sich nicht. Er glaubt sogar, es besser zu wissen:<br />

Fieberkranke, Hottentotten: So nennt das Vaterland<br />

seine besten Künstler. Und ruft sie zu den Waffen<br />

44 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


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FOTOS: BAYERISCHE STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN/BP, NÜRNBERG - GERMANISCHES NATIONAlMUSEUM/DEUTSCHES KUNSTARCHIV. NLMARCFRANLIAI-0125


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Fronturlaub<br />

Einmal aufatmen: Im Juli 1915 kommt<br />

der Maler für kurze Zeit nach Hause.<br />

Doch die Strapazen des Krieges haben<br />

den Eheleuten sichtbar zugesetzt.<br />

links: "Der Turm der blauen Pferde"<br />

gehört zu Franz Marcs berühmtesten<br />

Bildern. Zuerst ist es ein Postkartenmotiv<br />

für die Lyrikerin Else Lasker-Schüler.<br />

1913 entsteht daraus ein Bild. Die Nazis<br />

nennen es später "entartete Kunst",<br />

es fällt in die Hände von Hermann GÖring.<br />

Seitdem gilt das Werk als verschollen<br />

Kunst und Krieg, wie passt das zusammen?<br />

Auf bizarre Weise: Franz Mare bemalt Tarnplanen<br />

In Wahrheit sei dies kein Kampf der Länder gegeneinander,<br />

sondern der des europäischen Geistes gegen seinen inneren<br />

Feind.<br />

Seine Freunde sind entsetzt und sagen ihm ins Gesicht,<br />

was sie von solchen Ideen halten: "Der Preis dieser Art Säuberung<br />

ist entsetzlich", antwortet Wassily Kandinsky, der aus<br />

Deutschland fliehen muss, weil er gebürtiger Russe ist und<br />

nun plötzlich zum Feind gehört. Ausgerechnet er, den Marc<br />

als Maler verehrt wie keinen Zweiten. Mit Kandinsky hat er<br />

1911 den "Blauen Reiter" gegründet, einen losen Verbund<br />

von expressionistischen Künstlern. Auch einen Almanach<br />

nennen sie so, der alle ihre Ideen zwischen zwei Buchdeckeln<br />

bündelt.<br />

Andere Freunde versuchen es mit Ironie: "Hoffentlich erleben<br />

wir dann noch das neue Europa", sagt der Maler Heinrich<br />

Campendonk, "die neue Religion und Kunst und die<br />

Auflösung des letzten Männergesangvereins."<br />

Doch am ärgsten leidet Maria. Sie verabscheut den Krieg.<br />

Und sie hat Angst um ihren Franz, der ihr jeden Tag genommen<br />

werden kann. Die vielen Briefe, die er nach Hause<br />

schickt, trösten sie wenig. Darunter sind seitenlange Aufsätze<br />

über das "Fegefeuer des Krieges". Marc will, dass seine<br />

Schriften veröffentlicht werden, seine Frau soll einen Verleger<br />

für sie finden.<br />

Zwei Aufsätze gibt Maria zum Druck frei, auch wenn es<br />

sie vor dem "Gefasel", wie sie sagt, schaudert. Das Ehepaar<br />

streitet sich in seinen Briefen, Vorwürfe fliegen hin und her,<br />

und mit jeder Auseinandersetzung wächst die Entfremdung<br />

zwischen den beiden.<br />

Dann kommt noch ein Aufsatz, nach vier Monaten im<br />

Feld. Der verstiegenste von allen. Und jetzt reicht es. Maria<br />

wird diesen Text niemandem zeigen. Sie schreibt an ihren<br />

Mann zurück: "Deinen Artikel ... möchte ich nicht gedruckt<br />

haben, weil Unwahrheiten darin stehen ... die du natürlich<br />

als solche noch nicht erkannt hast."<br />

s o viel Widerspruch ist Marc nicht gewohnt. Er erkennt<br />

seine einst so unsichere Frau, Tochter eines Bankdirektors<br />

aus Berlin, nicht wieder. Ist das noch die pummelige<br />

Malerin, die zu ihm aufblickte und so vieles klaglos ertrug?<br />

Diejahrelang hinnahm, dass er nicht nur eine Liebschaft<br />

neben ihr hatte, sondern gleich zwei: eine selbstbewusste<br />

Kunstlehrerin, elf Jahre älter als er, und eine Professorengattin,<br />

auch deutlich älter? Und dass alle drei Damen voneinander<br />

wussten und sich gegenseitig auszustechen versuchten?<br />

Bis schließlich eine sich durchsetzte und Marcs Ehefrau<br />

wurde. Allerdings nicht Maria, die sich das sehnlichst gewünscht<br />

hatte, sondern die Kunstlehrerin Marie Schnür.<br />

1907 hatte Marc sie kurz entschlossen geheiratet und es nur<br />

Wochen später wieder bereut. "Wird mir das Schicksal wohl<br />

jemals die Dummheit vergeben, die ich mit dieser Heirat angerichtet<br />

habe?", fragte er sich und Maria, die er nun "Liebste"<br />

nannte. Doch eine Scheidung kam für die Gattin nicht<br />

infrage. Ein unwürdiges Geschacher setzte ein, immer am<br />

Rand und doch unmittelbar davon betroffen: die duldsame<br />

Maria. Bis sie und ihr Franz heiraten konnten, gingen Jahre<br />

ins Land. Denn Maria wurde von der enttäuschten Kunstlehrerin<br />

der Ehebrecherei bezichtigt, was ein schwerwiegendes<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 47


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Der Maler ist ein guter Leutnant, er behält auch im<br />

Feuergefecht die Nerven. Seine Soldaten lieben ihn<br />

Problem darstellte, nicht nur für die Ehre. Die preußischen Gesetze<br />

ließen eine Hochzeit zwischen einer Ehebrecherin und<br />

ihrem Geliebten nicht zu. Auch ein Heiratsversuch im liberaleren<br />

England scheiterte, was die beiden bei ihrer Rückkehr verschwiegen.<br />

Nun taten sie so als ob, nannten sich fortan Herr<br />

und Frau Marc und beendeten so das "gschlamperte Verhältnis",<br />

wie die oberbayrische Nachbarschaft ihr Zusammenleben<br />

nannte. Offiziell klappte es erst 1913 mit der Eheschließung.<br />

Nun ist er von zu Hause fort, und Maria lässt sich nichts<br />

mehr von ihm sagen. Gleichzeitig wächst in dem Maler die<br />

Erkenntnis, dass er sich mit seinen Theorien von der Reinigungskraft<br />

des Krieges geirrt hat. Auf den Schlachtfeldern,<br />

die er kreuzt, sieht er die "Blutopfer". Einer aus den eigenen<br />

Reihen gehört bald dazu: Kurz nach Kriegsausbruch wird<br />

August Macke, sein enger Freund, an der Westfront erschossen.<br />

Marc kommt lange nicht über den Verlust hinweg, bricht<br />

immer wieder in Tränen aus.<br />

Am schlimmsten aber ist das Heimweh, das noch nicht<br />

einmal ein Fronturlaub heilen kann. Elf Monate nachdem er<br />

ausgerückt ist, sitzt der Maler mit stiere m Blick zu Hause herum<br />

und kann sich nicht freuen. Er ist dürr geworden. Paul<br />

Klee kommt zu Besuch. Doch die Freunde schweigen sich an.<br />

Klee ist entschiedener Kriegsgegner, auch er hatte sich mit<br />

Marc einst harte Debatten geliefert. Nun sitzt man für wenige<br />

Stunden beisammen, will den brüchigen Frieden nicht stören<br />

und hat sich nichts zu sagen. "Der Mann müsste wieder<br />

malen", notiert Paul Klee nach seinem Besuch in Ried, "dann<br />

käme sein stilles Lächeln zum Vorschein."<br />

W<br />

enigstens bekommt Franz Marcjetzt in der Heimat<br />

gute Kritiken, sein Galerist organisiert Ausstellungen<br />

in Abwesenheit des Künstlers. Und mit einem<br />

Mal finden seine kobaltblauen Pferde und hellroten Katzen<br />

Anklang, werden seine Bilder gekauft statt bespuckt.<br />

Da erreicht ihn Ende des Jahres 1915 in seinem lothringischen<br />

Einsatzgebiet dringende Post. Der preußische Kultusminister<br />

will eine Liste von Künstlern erstellen, die an der<br />

Front sind, aber als hochbegabt gelten. Sie sollen in sichere<br />

Gebiete verlegt oder gleich ganz in die Heimat zurückgeschickt<br />

werden, jedenfalls weg von der Front und der unmittelbaren<br />

Gefahr. Höchstens 30 Kunstschaffende haben auf<br />

dieser Liste Platz. Franz Marc soll dazugehören. Der Maler<br />

zaudert, überlegt. Er denkt an sein Atelier, an die vielen ungemalten<br />

Bilder, um derentwillen er unbedingt am Leben<br />

bleiben muss - und entscheidet sich dann gegen eine Vorzugsbehandlung.<br />

Wenn seine Kameraden vom Tod bedroht<br />

sind, will er sich nicht davonstehlen.<br />

So wird es ein trauriger Jahreswechsel. An Weihnachten<br />

bekommt er nur einen Tag Urlaub, das reicht nicht für eine<br />

Fahrt nach Hause. Franz Marc reist ins nahe Straßburg, wo er<br />

durch die Straßen läuft und spürt, wie ihm das zivile Leben<br />

abhandengekommen ist. Mit den Kaffeehausgängern, den<br />

Kartenspielern und Passanten hat er nichts mehr gemein, alles<br />

in dieser Stadt kommt ihm leblos vor: "All die sonderbaren<br />

Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein<br />

Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als<br />

wäre dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche<br />

in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen gehen."<br />

48 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


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Das Telegramm<br />

bringen. Spätestens jetzt weiß er, dass der Krieg ein schrecklicher<br />

Irrtum ist: "Seit Tagen sah ich nichts als das Entsetzlichste,<br />

was sich Menschengehirne ausmalen können",<br />

schreibt er verzweifelt an seine Frau. Sie reiten Stunde um<br />

Stunde, Tag um Tag, zwei Wochen lang, bis sie im Schloss<br />

Gussainville endlich rasten können, zwischen den Mauern.<br />

Um die Mittagszeit des 4. März 1916 trinken der Leutnant<br />

und sein Major ein Glas Moselwein und klären letzte Dinge:<br />

Marc soll zu einem Erkundungsritt aufbrechen, um die Strecke<br />

zu prüfen, die der Munitionstransport noch in der kom-<br />

Als Maria Mare vom Tod ihres Mannes<br />

erfährt, ist sie in Bonn bei ihrer besten<br />

Freundin Elisabeth Macke, der Ehefrau<br />

des gefallenen Malers August Macke.<br />

Nun sind sie beide Kriegswitwen.<br />

Links: Franz Mare in der Schlossruine<br />

Gussainville, wenige Stunden vor seinem<br />

Tod. Er ist nicht nur ein guter Soldat,<br />

sondern auch ein beliebter Vorgesetzter.<br />

Sein Bursche schreibt über ihn: "Er<br />

war sehr belibt unter der Manschaft, den<br />

ihm war keine Gefahr zu gas er war ein<br />

Unerschrokener Tüchtiger Ofizir"<br />

Doch zu Neujahr schöpft er wieder Hoffnung. 1916, so<br />

glaubt er, wird sich alles wenden. Der Krieg wird vorbei sein,<br />

er selbst heimkehren, wieder malen und mit Maria in den<br />

Bergen wandern. Er wird den Flug der Gabelweihen sehen,<br />

die Frösche quaken hören. "Mein Optimismus ist unzerstörbar",<br />

schreibt er an seine Frau am ersten Tag des neuen Jahres.<br />

"Wenn der Friede kommt ... werden wir wieder ein paar<br />

alte Walzer tanzen ... Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein<br />

bißchen Frühlingsluft."<br />

Zumindest ein Wunsch erfüllt sich tatsächlich in den<br />

nächsten Wochen, kurz vor seinem 36. Geburtstag im Februar.<br />

Der Leutnant erhält einen sonderbaren Auftrag: Er soll<br />

malen. Keine Kunst, keine Bilder. Sondern meterlange Planen<br />

zur Abdeckung der Geschütze und Munitionslager. Damit der<br />

Feind aus der Luft nicht erkennen kann, welche Waffen dort<br />

unten im Einsatz sind, müssen Tarnplanen her. "Neun Kandinskys"<br />

habe er an einem Tag fertiggestellt, freut sich der<br />

Leutnant in einem Brief an Maria. Was bedeutet, dass er die<br />

Stoffe mit abstrakten Formen bemalt hat, die von weit oben<br />

aussehen wie Blattwerk oder Unterholz. Sogar ein Atelier hat<br />

er bekommen, einen Heuschober.<br />

U<br />

nd dann ist mit einem Schlag die Ruhe vorbei. Marschbefehl.<br />

Am 21. Februar bricht morgens die Schlacht<br />

um Verdun los. Alles gerät in Bewegung. Leutnant<br />

Franz Marc muss 200 Pferde und 24 Fahrzeuge an die Front<br />

menden Nacht nehmen wird. Marc lässt sich auf dem Ritt von<br />

seinem Burschen begleiten, Heinrich Hackspiel. Gegen vier<br />

Uhr nachmittags erreichen die beiden die Gefechtslinien. Sie<br />

zügeln ihre Pferde, bleiben stehen. In weniger als 100 Meter<br />

Entfernung detonieren die Granaten. Der Leutnant will wissen,<br />

wie der Weg verläuft, und steigt aus dem Sattel. Er kramt<br />

eine Karte aus seiner Tasche, Hackspiel bleibt auf dem Pferd.<br />

Im nächsten Augenblick surrt eine Granate durch die<br />

Luft, schlägt keine drei Meter entfernt von ihnen ein. Die<br />

Pferde gehen durch. Der Bursche kann sich kaum im Sattel<br />

halten. Erst kurz vor einem Waldstück schafft er es, sein Tier<br />

und das des Leutnants unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem<br />

Hackspiel die Pferde an einen Baum gebunden hat, eilt<br />

er zurück zu Franz Marc. Sein Leutnant ist schon bewusstlos.<br />

"Als ich ankam", notiert der Bursche später in einem Protokoll,<br />

"war Herr Leutnand bereits in den lezten zügen, ihm<br />

war ein Granatsplitter durch das Gehirn gegangen." Hackspiel<br />

kauert sich zu seinem Vorgesetzten, öffnet ihm die<br />

Jacke, sieht, wie sich dessen Brust hebt und senkt. Und dann<br />

stehen bleibt.<br />

Hackspiel muss den Toten zurücklassen und reitet ins Lager.<br />

"Ich holte dan zwei Man, und trugen ihn dan in den etwa 500 m<br />

weit Bracki Wald wo er nachts abgeholt wurde." Im Schlosspark<br />

von Gussainville nahe dem DorfBraquis wird Franz Marc<br />

vorläufig begraben, bis man ihn nach Hause überführt.<br />

Auf dem Postamt liegt einen Tag später ein Telegramm<br />

für die Frau des Leutnants. Maria muss es nicht abholen, sie<br />

weiß, was darin steht.<br />

Katharina Jakob las von einer Karte. die Franz<br />

Mare als Junge bekommen hatte. Darauf stand, vom<br />

Vater geschrieben: _Halte dich stets hoch zu Roß bis<br />

zu deiner Bahre: Seitdem fragt sie sich: Hätte Mare<br />

vielleicht überlebt. wenn er im Sattel geblieben wäre?<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 49


50 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Thomas Röbke<br />

Die Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe<br />

Kollwitz lebte von 1867 bis 1945, sie schuf mit ihren<br />

Werken einen eigenständigen Stil zwischen<br />

Expressionismus und Realismus. 1891 heiratete<br />

sie den Arzt Kar! Kollwitz und zog mit ihm in die<br />

Weißenburger Straße des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg,<br />

die heute Kollwitzstraße heißt. 1892 brachte sie ihren Sohn<br />

Hans zur Welt, vier Jahre später den zweiten Sohn Peter -<br />

einen Jungen mit gewinnendem Wesen. Er wollte Maler<br />

werden wie seine Mutter. Als der Krieg kam, meldeten sich<br />

beide Söhne sofort zur Armee. Peter Kollwitz war noch keine<br />

Woche im Feld, als er in der Nacht zum 23. Oktober 1914 bei<br />

Diksmuide in Flandern starb. Mit 18 Jahren.<br />

Für Käthe Kollwitz bedeutete dies eine Zäsur. Erst das<br />

drängende Verlangen, dem toten Sohn ein Denkmal zu setzen,<br />

ließ sie die plastische Arbeit wieder aufnehmen. "Siebzehn<br />

Jahre lang quält sie sich mit wechselnden Entwürfen,<br />

mit immer neuen Ansätzen, mit Zweifeln, Depressionen und<br />

seltener Zuversicht", schreibt ihre Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz<br />

in der Einführung zu den Tagebüchern, "bis die Figuren<br />

der trauernden Eltern schließlich auf dem Soldatenfriedhof<br />

aufgerichtet werden können, wo der Sohn begraben ist, im<br />

Juni 1932." Viele Jahre lang hielt Käthe Kollwitz ihre täglichen<br />

Gedanken und Gefühle schriftlich fest - auch in der<br />

Zeit des Ersten Weltkriegs. Hier sind Auszüge.<br />

PI'eitag, 30. Oktober 1914 "Ihr Sohn ist gefallen."<br />

14. November 1914 In Peters vorjährigem Tagebuch immer<br />

das Gefühl des Allein- und Ver!assenseins. Wir hätten für die<br />

Jungen sterben mögen und doch verlassen und jeder allein.<br />

So allein als ob ein luftleerer Raum um einen ist. Wo bist<br />

Du - wo schweifst Du? Warum kommst Du nicht zu mir? Ich<br />

bin mehr allein als Du je warst. Nur der Hans.<br />

1. Dezember 1914 Heute Nacht den Plan zu einem Denkmal<br />

für Peter gefasst, aber wieder aufgegeben, weil es mir<br />

unausführbar schien. Am Morgen kam mir plötzlich der<br />

Gedanke, ich könnte durch Reicke die Stadt darum bitten,<br />

mir einen Platz zu geben. Was es kosten würde, dazu müsste<br />

gesammelt werden.<br />

Es muss auf den Höhen von Schild horn stehn wo man den<br />

Blick über die Havel hat. An einem herrlichen Sommertage<br />

soll es fertig sein und eingeweiht werden.<br />

3. Dezember 1914 Ich will Dich ehren mit dem Denkmal.<br />

Alle die Dich lieb hatten behalten Dich in ihrem Herzen,<br />

weiter wirst Du wirken bei allen, die Dich kannten und<br />

Deinen Tod erfuhren. Aber ich will dich noch anders ehren.<br />

Den Tod von Euch ganzen jungen Kriegsfreiwilligen will ich<br />

in Deiner Gestalt verkörpert ehren. In Eisen und Bronze soll<br />

das gegossen werden und Jahrhunderte stehen.<br />

9. Dezember 1914 Mein Junge! Auf Deinem Denkmal will<br />

ich Deine Gestalt oben über den Eltern halten. Du sollst<br />

langausgestreckt liegen, die Hände antwortend auf den Ruf<br />

zur Hingabe: "Hier bin ich." Die Augen - vielleicht - weit<br />

offen, dass Du den blauen Himmel über Dir siehst und die<br />

Wolken und die Vögel. Den Mund lächelnd. Und an der Brust<br />

die Nelke, die ich Dir gab.<br />

23. Dezember 1914 Weihnachten vorm Jahr trugst Du das<br />

Pierrotkleid, dieses Weihnachten liegst Du steif und ernst<br />

mit dem Gewehr im Arm unter der Erde.<br />

24. Dezember 1914 Weihnachtsabend (. ..) Hinter Deinem<br />

Bett steht einjunges Bäumchen. Die Wachskerzchen<br />

brannten eines nach dem andern restlos auf - dann war es<br />

wieder ganz dunkel.<br />

Sie will eine Skulptur erschaffen, die Jahrhunderte<br />

steht, denn das Kostbarste ist zerbrochen: die Jugend<br />

P.M. HISTORY - JANUAR 2016 51


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Was bleibt einer Mutter,<br />

die ihren Sohn an den<br />

Krieg verlor? Kann sie ihr<br />

Land noch lieben?<br />

Die Sicht der Künstlerin<br />

auf den Krieg verändert<br />

sich. Am Ende ihres<br />

Lebens ist sie Pazifistin<br />

26. Dezember 1914 2. Feiertag in den verschneiten Grunewald<br />

gegangen und den Platz für Peters Denkmal gesucht.<br />

Silvester 1914 Einmal gingen wir beide nach Weißensee.<br />

Du hattest Deinen kleinen Arm um meine Taille und ich<br />

meinen um Deinen Hals. Deine Scherze mit mir. Dann<br />

wurdest Du größer und revoltiertest gegen die Schule. Du<br />

kamst nach Wengen weil wir Dich für lungengefährdet<br />

hielten. Und aus Wengen brachtest Du Dein erstes Gemaltes<br />

mit nach Hause. Du tratst aus der Schule mit dem Einjährigen-Zeugnis.<br />

Du solltest Künstler werden. (...)<br />

Ein neues Jahr kommt. Ich kenne meine Aufgaben. Dem<br />

Hans treu zu dienen, das wird mir nicht schwer fallen,<br />

dem Karl alles zu geben, was ich geben müsste, ist schon<br />

schwerer. Mein Peter - ich will versuchen treu zu sein.<br />

Den Karl mit ganzer Seele lieben. Euch Brüder umschling<br />

ich mit aller meiner Liebe.<br />

Dein Vermächtnis zu erkennen und zu bewahren.<br />

Was ist das?<br />

Mein Vaterland so zu lieben auf meine Art wie Du es<br />

liebstest auf Deine. Und diese Liebe zu betätigen. Auf die<br />

Jugend zu sehn und ihr liebevoll treu [zu) bleiben.<br />

14. Januar 1915 Junge, ich arbeite wieder. Ich mach die<br />

Arbeit fertig, die Frau mit dem Kind im Schoß. In allem bist<br />

Du, seid Ihr.<br />

29. Mai 1915 Aus einem Pfirsichkern, den Peter wohl mal<br />

auf dem Balkon weggeworfen hat, ist ein kleines grünes<br />

Bäumchen aufgegangen. - Wunderbar - fast geheimnisvoll<br />

dieses Keimetreiben. Ich arbeite an seiner Figur in Ton. Ich<br />

lege sie als Akt an. Aus dem feuchten Ton sprießen kleine<br />

Keime - aus seinem Zeugungsteil.<br />

Ende Juli 1915 Es kommen Zeiten, wo ich Peters Tod fast<br />

nicht mehr fühle. Es ist ein gleichgültiger Seelenzustand, ich<br />

fühle statt einem Gefühl Leere. Dann kommt allmählich ein<br />

dumpfes Sehnen - durch Tage. Endlich dann bricht es durch,<br />

dann wein ich, wein ich, dann fühle ich wieder mit meinem<br />

ganzen Körper, meiner ganzen Seele, dass der Peter tot ist.<br />

11. August 1915 Vor einem Jahr in diesen Tagen war es,<br />

dass Peter mit uns sprach und wir ihn hingaben. Heute<br />

arbeite ich zum ersten Mal an seinem Kopf. Mit Weinen.<br />

2. Januar 1916 Das erste Jahr ganz ohne Peter. Dass es viel<br />

Tränen und Schmerz gebracht hat ist klar. Was hat es Gutes<br />

gebracht? Haben wir erfahren, dass Gott "nie mehr nimmt<br />

als er gibt"? Sind wir besser, wesentlicher geworden? Vor<br />

einem Jahr schrieb ich, dass ich Dein Vermächtnis erkennen<br />

und ehren wollte. Was sei das? Den beiden nächsten<br />

Menschen alles zu geben was ich könnte. Ja, der Karl und<br />

ich wir sind auf eine neue Weise aneinandergefügt, auf eine<br />

feste unzerreißbare. Das empfinde ich immer mehr. Den<br />

Hans lieb ich.<br />

Deutschland so zu lieben auf meine Weise wie Du es tatest<br />

auf Deine: da liegen Zweifel. Deine Stellung zum Kriege<br />

wollte ich zu meiner machen. Meine Stellung zu ihm ist<br />

immer noch keine einheitliche.<br />

14. Januar 1916 Ich denke mir Peter wäre blind und läge<br />

auf seinem Bett. Ich stehe am Fenster und sehe den Abendhimmel.<br />

Er fragt mich wie die Wolken aussehn und ich<br />

beschreibe ihm alles. Und er sieht die Wolken mit seinem<br />

innern Auge und sagt mit ernstem Gesicht und ernster<br />

Stimme: "Schön!"<br />

17. Januar 1916 Wo sind nun meine Kinder? Was bleibt<br />

eigentlich der Mutter? Ein Junge rechts und einer links,<br />

mein rechter Sohn und mein linker wie sie sich nannten.<br />

Einer tot und einer so fern und ich kann ihm nicht helfen,<br />

kann ihm nicht von mir abgeben. Das ist alles verändert<br />

für immer. Verändert und ich bin ärmer geworden. Mein<br />

ganzes Mutterleben liegt eigentlich schon hinter mir. Ich<br />

habe oft eine fürchterliche Sehnsucht danach zurück­<br />

Kinder - meine Jungen - zu haben, einer rechts und einer<br />

links, mit ihnen zu tanzen wie früher wenn der Frühling<br />

kam und Peter mit Blumen kam und wir einen Frühlingstanz<br />

machten.<br />

10. Mai 1916 Heut nacht wieder vom Peter geträumt. Ich<br />

träumte, er stände vor mir und halb war es der Hans und<br />

halb der Peter. Ich fasste ihn um den Leib, der ganz schlank<br />

war wie von einem Kind. Ich fasste ihn mit beiden Armen<br />

und er bog den Oberkörper etwas zurück. Ich weinte und<br />

fragte ihn nach den Tagen in Flandern und wie es war als er<br />

starb. Er war so sanft lind still und lächelte.<br />

8. Juli 1916 Jetzt bin ich 49 Jahre alt (...) Peter: Es ist<br />

anders geworden. Schmerz und Sehnsucht sind schwächer<br />

geworden. Aber nun die Gefahr wieder ganz so wie früher<br />

zu werden. Ich hab geglaubt der Schmerz würde bleiben<br />

oder wenn er nicht bliebe, so würde er wenigstens mich<br />

umwandeln. Ich hab auch geglaubt, dieses eine würde alles<br />

52 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Schlimme was noch kommen könnte in sich verschlingen,<br />

es gäbe außer Hansens Tod nichts mehr was mich schreckte,<br />

ich wäre "frei". Jetzt häng ich an Hans an Karl an der Arbeit.<br />

Ich wünsch dass die leben bleiben und dass ich die Arbeit zu<br />

Ende bringen kann. Das wünsche ich so sehr.<br />

Der Peter steht dahinter. Peter!<br />

Ich fühl mich älter und schwächer geworden. Wenn ich<br />

meinen Körper seh, mein welkes Gesicht, meine alten<br />

Hände, dann werd ich mutlos. Wie soll ein solcher Mensch<br />

noch soviel leisten wie ich noch leisten will? Schmerz und<br />

Sehnsucht fressen an der Kraft.<br />

15. August 1916 Es ist dürr in mir. Peters Bild ist nicht mehr<br />

so allgegenwärtig und so lebendig. Und empfinde ich ihn<br />

nicht, so kommt mir der Tag nicht richtig verbracht vor.<br />

Werde ich lebhaft an ihn durch etwas erinnert, so kommt<br />

der Schmerz wieder, aber dieses Hervorbrechen des Schmerzes<br />

in einer Zeit, die im übrigen mit anderem ausgefüllt ist,<br />

hat etwas, wovon ich wieder das Empfinden habe, es ist<br />

nicht mehr innerste Notwendigkeit. Früher lebte ich im<br />

Peter, immer war er um mich, alles alles erinnerte mich an<br />

ihn. Da war ich eins [mit ihm]. Aber jetzt lebe ich mein altes<br />

Leben und bin nicht mehr so ständig mit ihm. Der Schmerz<br />

wird einem wirklich entwunden mit der Zeit - für so<br />

unmöglich man es zuerst hält.<br />

22. August 1916 Stillstand in der Arbeit. Wenn ich so dürr<br />

fühle sehne ich mich schon fast nach dem Schmerz zurück.<br />

Und wenn er wieder kommt, dann fühle ich wie er körperlich<br />

alle Kraft nimmt, die zur Arbeit nötig ist.<br />

Eine Zeichnung gemacht: die Mutter, die ihren toten Sohn in<br />

die Arme gleiten lässt. Ich könnte 100 solche Blätter machen<br />

und doch komme ich ihm so nicht näher. Ich suche ihn. Als<br />

ob ich ihn in der Arbeit finden müsste. Und doch ist alles was<br />

ich machen kann so kindisch schwach und ungenügend. Ich<br />

fühle dunkel, dass ich das heben könnte, dass in der Arbeit<br />

der Peter liegt und ich ihn finden könnte. Aber zugleich das<br />

Empfinden: ich kann es nicht mehr. Ich bin zu zerstört,<br />

zerweint, geschwächt.<br />

27. August 1916 Nun dauert der Krieg zwei Jahre und<br />

5 Millionen junge Männer sind tot und mehr als noch mal<br />

so viele Millionen Menschen sind unglücklich geworden<br />

und zerstört. Gibt es noch irgend etwas was das rechtfertigt?<br />

11. Oktober 1916 Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr<br />

Leben unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die<br />

englischen, die russischen, die französischen Jünglinge.<br />

Die Folge war das Rasen gegeneinander, die Verarmung<br />

Europas am Allerschönsten. Ist also die Jugend in all<br />

diesen Ländern betrogen worden? Hat man ihre<br />

Fähigkeit zur Hingabe benutzt um den Krieg<br />

zustande zu bringen? Wo sind die Schuldigen? Gibt<br />

es die? Sind alles Betrogene?<br />

12. Oktober 1916 Heut vor zwei Jahren.<br />

Weihnachten 1916 Dann zu Hause mach ich<br />

Peters kleinen Baum zurecht. Er steht wie in<br />

den beiden verflossenen Jahren hinter seinem<br />

Bett, 20 kleine Wachskerzen, 20 kurze Jahre,<br />

brennen ab.<br />

Thomas Röbke war tief bewegt<br />

von der spürbaren Trauer der Käthe<br />

Kollwitz. Und er war fasziniert. wie<br />

sich ihre Haltung zu Heldentod und<br />

Vaterland wandelte.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 53


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Der Wahnsinn<br />

des Krieges<br />

Nach Granatangriffen zittern Tausende von Soldaten<br />

am ganzen Leib, manche verlieren den Verstand.<br />

Die Psychiater halten sie für Feiglinge und greifen<br />

zu brutalen Methoden - bis hin zur Folter<br />

54 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Dirk Liesemer<br />

Anfang 1916 besucht Alexander Range seine Eltern<br />

und Geschwister in Düsseldorf. Seit zwei Jahren<br />

ist er Soldat und als Maschinengewehrschütze<br />

an der Westfront eingeteilt. Die Familie erlebt<br />

einen ungewöhnlich nervösen Sohn und beginnt,<br />

sich zu sorgen - war Alexander doch immer ein "gesunder,<br />

ruhiger, kräftiger Bursche", wie der Vater später der Psychiatrischen<br />

Klinik Heidelberg mitteilen wird.<br />

Doch die eigentliche Katastrophe geschieht erst in den<br />

Monaten nach dem Heimaturlaub. Range muss an die Front<br />

zurück und wird bei einem Angriff verschüttet. Er bleibt<br />

körperlich fast unverletzt. Aber er zittert fortan und wird<br />

ins Reservelazarett Villingen im Schwarzwald gebracht. An<br />

welchem Tag er das berüchtigte Lazarett erreicht, was dort<br />

geschieht und wie lange er vor Ort bleibt, wird er vergessen.<br />

Es lässt sich nur aus anderen Berichten ableiten. Vielleicht<br />

war er zuvor auch nicht in Villingen, sondern in Hornberg<br />

oder Triberg. "Bei der Erwähnung dieser Lazarette zeigt sich<br />

ein ganz besonderer Affekt, der sonst nie bei ihm hervortritt",<br />

heißt es im Arztbericht, der in Heidelberg verfasst wird. Es<br />

bedeutet, dass der Gefreite Range weint.<br />

Tausende von Soldaten werden wie Range an der Front<br />

verschüttet. Sie können kurzzeitig nicht mehr atmen, wähnen<br />

sich schon tot, als sie im letzten Moment wieder Luft<br />

bekommen. Fortan zittern sie, krampfen, erbrechen sich,<br />

nässen ein, verstummen, werden irre. "So schor sich ein<br />

Soldat ein Kreuz ins Haupthaar, um angeblich gegen Fliegerbomben<br />

gesichert zu sein", berichtet ein Mediziner. "Ein<br />

anderer brachte bei der Aufnahme einen Frosch an der Leine<br />

mit und sagte, das sei ein Bär. Einige tranken Tinte und<br />

erklärten dieselbe für guten Wein."<br />

Laut Heeressanitätsbericht leiden 613047 Soldaten im<br />

Ersten Weltkrieg an einer Form von Nervenkrankheit. Oft ist<br />

es nur ein Reizmagen. Oft aber auch unkontrolliertes Zittern.<br />

"Das Gros" der Verschüttungskranken, so notiert der beratende<br />

Chirurg des VII. Armeekorps an der Westfront, Fritz<br />

F. O. Kayser, stellten "die ,Nervenversager"'. Er beobachtet<br />

"Lidflattern, örtliche und den ganzen Körper ergreifende<br />

Zitterbewegungen, in schweren Fällen außerdem Krämpfe,<br />

Lähmungen eines oder mehrerer Glieder mit oder ohne<br />

Gefühlslähmung, Reizzustände einer Körperhälfte oder<br />

bestimmter Muskelgruppen, Blasenstörungen". Medizinhistoriker<br />

gehen von 200000 Kriegsneurotikern aus, allein<br />

für das Deutsche Reich.<br />

In den Lazaretten hinter der Front arbeiten nicht nur Chirurgen<br />

und Anästhesisten, sondern auch Psychiater. Anders<br />

als ihre medizinischen Kollegen suchen die Seelenärzte noch<br />

nach Diagnosen und Therapien. Nie zuvor hat es Kriegszitterer<br />

gegeben. Erst der Stellungskrieg bringt dieses Krankheitsbild<br />

hervor. Die Soldaten können nicht vor, nicht zurück. Sie<br />

56 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


P. M. HISTORY - JANUAR 2016 57


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Teufelsgerät<br />

Mit ElektrosChocks den Granatenschock<br />

auszutreiben fällt nicht nur<br />

den Deutschen ein. Auch die britische<br />

Armee behandelt die seelischen<br />

Qualen von rund 80000 Soldaten<br />

mit Strom. Hier kommt buchstäblich<br />

ein elektrischer Stuhl zum Einsatz,<br />

der sogenannte "Bergonic Chair"<br />

sind Gefangene der Gräben und müssen ihren menschlichen<br />

Fluchtinstinkt unterdrücken. Wie ein Virus scheint sich die<br />

Krankheit von Soldat zu Soldat auszubreiten. Ganze Kompanien<br />

fallen aus. Weil es keine äußerlichen Verletzungen gibt,<br />

gehen bald immer mehr Mediziner von einer Willensschwäche<br />

aus. Noch ist das Gehirn kaum erforscht.<br />

Es gilt daher, die Patienten zu disziplinieren. Sie werden<br />

in Dunkelzimmer eingesperrt, teils wochenlang. Oder müssen<br />

feuchtkalte Dauerbäder ertragen, wohlwissend, dass diese<br />

erst bei Symptomfreiheit beendet werden. Es gibt auch<br />

Röntgenbestrahlungen und Scheinoperationen unter Äthernarkose.<br />

Verstummten Soldaten soll mithilfe einer Sonde<br />

geholfen werden, die in die Kehle eingeführt wird. Wenn sich<br />

der Kehlkopf dann plötzlich schließt, gerät der Patient in<br />

Erstickungspanik - und stößt reflexartig einen Schrei aus.<br />

Die Mediziner deuten dies als eine Form des Sprechens und<br />

erklären den Patienten für geheilt.<br />

Zwar hat das Kriegsministerium angeordnet, dass sich ein<br />

Soldat mit gefährlichen Methoden einverstanden erklären<br />

muss. Doch Ferdinand Kehrer etwa, Ordinarius an der Psychiatrischen<br />

Universitätsklinik von Freiburg, meint: "Ich kann<br />

angesichts dieser Entscheidung aber auch rein ärztlich keine<br />

Gründe mehr erkennen, die es uns nahelegen könnten, die<br />

Einwilligung des Kranken zu einer bestimmten Kur einzuholen."<br />

Es entspreche "nicht der Schwere des geschichtlichen<br />

Augenblicks, die Wahl der Methode von ästhetischer Weichfühligkeit<br />

oder pseudomoralischer Bedenklichkeit abhängig<br />

zu machen". Mitte September 1916 treffen sich die deutschen<br />

Kriegspsychiater zu einer Tagung. Nur wenige sind noch<br />

überzeugt, dass es eine körperliche Ursache, etwa an den<br />

Nervenbahnen, gebe. Am Ende setzt sich die Meinung des<br />

Tübinger Ordinarius für Psychiatrie, Robert Gaupp, durch. Er<br />

hält Kriegszinerer für willensschwache Simulanten, die ihr<br />

Leben mehr schätzten als das Vaterland. Wie ein trotziges<br />

Kind müsse der Patient mit strenger Hand behandelt werden.<br />

Wohl in jenen Spätsommertagen wird der Maschinengewehrschütze<br />

Alexander Range im Starkstromlazarett behandelt.<br />

Die Therapie wird erstmals 1916 beschrieben; schon<br />

bald gibt es Todesfälle. Für manche Therapeuten ist das Verfahren<br />

so alltäglich, dass sie "sich noch in der Erinnerung<br />

daran zu langweilen" beginnen, wie der Psychiater Ernst<br />

Kretschmer sagt. Sein Kollege Hans-Werner Gruhle beschreibt<br />

58 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Die Traumatisierten sind trotzige Kinder, glaubt ein<br />

Psychiater und foltert sie mit Strom. Es gibt Tote<br />

den Verlauf einerTherapiesitzung. Meist trägt der Seelenarzt<br />

eine militärärztliche Uniform. Nach einer flüchtigen Untersuchung<br />

ziehen sich die Patienten aus. Damit wird das Gefühl<br />

des Ausgeliefertseins gesteigert. Während sich der Zitterer<br />

auf einen Behandlungstisch legt, prophezeit der Arzt: "Ich<br />

sehe, dass Sie in einer, höchstens in zwei Sitzungen vollkommen<br />

zu heilen sind. Ich werde Sie jetzt elektrisieren. Die Ströme<br />

sind sehr schmerzhaft." Aber gegen ein solch gewaltiges<br />

Erlebnis wie eine Verschüttung helfe nur ein gewaltiges Heilmittel.<br />

Vier Gehilfen halten den Patienten fest. Ein Assistent<br />

heftet ihm eine große Elektrode auf die Brust, schaltet den<br />

Wechselstrom ein und streicht mit einer weiteren Elektrode<br />

die Schenkel entlang. Der Patient schreit, die Stromintervalle<br />

werden stärker, er brüllt und strampelt. Der Strom soll helfen,<br />

dass der Zitterer wieder seine Beine zu gebrauchen lernt.<br />

Nach drei Minuten wird der Strom abgestellt. Der Arzt<br />

bellt Befehle wie ein General, der Patient muss gehorchen: In<br />

die Hocke! Auf die Zehenspitzen! Marschieren! Wenn der<br />

Soldat nicht pariert, wird er von den Assistenten wieder aufs<br />

Behandlungsbett gewuchtet. Bis zu viermal wiederholt sich<br />

die Tortur. In den Pausen ruft der Arzt seinen Assistenten zu:<br />

"Sehen Sie, wie gut er schon steht, jetzt hebt er das rechte<br />

Bein schon ganz hoch." Der Patient schwitzt, ist erschöpft<br />

und humpelt schließlich aus dem Zimmer. Sicher hoffe er,<br />

dass keine zweite Sitzung nötig werde. "Und sie wurde selten<br />

nötig." Allein die Drohung fördere die Genesung.<br />

Heutigen Schätzungen zufolge wurden wohl Zehntausende<br />

Patienten mit Wechselstrom, Röntgenstrahlen und Zwangsexerzieren<br />

traktiert. Die Posttraumatische Belastungsstörung<br />

(PTBS), unter der die Kriegszitterer in Wahrheit litten, wurde<br />

erst 1980 offiziell als Krankheit anerkannt. Dazu waren allerdings<br />

noch mehrere Kriege nötig. Im Zweiten Weltkrieg<br />

nahm man zumindest die Möglichkeit einer seelischen Verwundung<br />

in Betracht. Aber erst die Veteranen des Vietnamkriegs<br />

sprachen öffentlich über ihre Not und bewirkten in<br />

Gesellschaft und Ärzteschaft ein Umdenken.<br />

M<br />

onate nach seinem Aufenthalt im Lazarett klingelt<br />

Alexander Range bei seinen Eltern in Düsseldorf.<br />

Eigentlich ist er nur auf der Durchreise zu einer<br />

Kaserne in Minden, wohin er verlegt worden ist. Ohne Geld<br />

und Essen steht er vor dem Haus. Er humpelt am Stock, seine<br />

Hände zittern. Jedes Geräusch, so notiert der Vater, selbst ein<br />

zu Boden fallender Bleistift, schreckt den Sohn auf. Im Dunkeln<br />

hat er Angst, zum Klosett zu gehen. Nachts wälzt er sich<br />

im Bett, tagsüber schimpft er auf die Geschwister.<br />

Seinen Eltern erzählt er, dass er in einem Lazarett war.<br />

Mehr nicht. "Ich war sehr erstaunt, dass das Lazarett ihn in<br />

einem solchen Zustand, noch dazu ohne Mittel, entlassen<br />

hatte", berichtet der Vater. Als sich der Sohn nach Minden<br />

aufmacht, redet der Vater eindringlich auf ihn ein, einen Arzt<br />

zu konsultieren. An der Kaserne wird er festgenommen. Vermutlich<br />

hatte er sich unerlaubt von der Truppe entfernt oder<br />

war fahnenflüchtig. Papiere hat er keine bei sich.<br />

Im Sommer 1918 erhalten die Eltern plötzlich einen Brief<br />

eines Kameraden: Alexander Range liege im Heidelberger<br />

Reservelazarett XVI, einer psychiatrischen Klinik. Der Vater<br />

schreibt dem Krankenhaus: "Da mein Sohn den Brief weder<br />

selbst geschrieben noch diktiert hat, was ich aus dem Stil entnehme,<br />

muss ich annehmen, dass derselbe körperlich und<br />

geistig ganz zusammengebrochen ist. Dieserhalb sind wir,<br />

hauptsächlich seine kranke Mutter, sehr in Unruhe."<br />

Seit dem Abend des 9. Juni liegt Range in der Klinik. Laut<br />

Arztbericht wurde er vom Bahnhof "auf der Bahre getragen"<br />

und mit "starkem Schüttelzittern des ganzen Körpers" aufgenommen.<br />

Diagnose: "Hysterie (Schüttelzittern, Gangstörung,<br />

Sprachstörung, Pseudodemenz)". Auf Fragen antwortet er<br />

immerzu "weiß nicht", aber er mache "die Zeichen des energischen<br />

Besinnens". Range erhält ein Einzelzimmer und ist<br />

"isoliert mit der Suggestion, dass er Ruhe haben müsse".<br />

Immer noch gibt es Ärzte, die behutsam therapieren: Sie verordnen<br />

Erholung in einem Krankenhaus fernab der Front.<br />

Knapp eine Woche später, am 15. Juni, hat das Zittern<br />

"erheblich" nachgelassen. Alexander Range erinnert sich an<br />

den Namen des Vaters, seinen Geburtsort und Beruf. Er ist<br />

Kaufmann. In den kommenden zwei Wochen verbessert sich<br />

die Gesundheit. "Immer noch Schüttelzittern, insbesondere der<br />

Beine und des Kopfes, aber bei Weitem nicht mehr so stark<br />

wie anfangs. Hinkender Gang. Sprechweise stoßend, polternd,<br />

gelegentlich auch stammelnd. Schmerzempfindlichkeit an<br />

der ganzen Körperoberfläche vollständig aufgehoben."<br />

Tag für Tag kommen die Erinnerungen zurück. Er trat als<br />

Kriegsfreiwilliger ins Heer ein, wurde verschüttet und in ein<br />

Starkstromlazarett gebracht. Am 3. Juli, knapp einen Monat<br />

nach seiner Aufnahme, wird er von Heidelberg nach Triberg<br />

verlegt. Dann endet die Krankenakte, und seine Spuren verlieren<br />

sich.<br />

Der Reichstag beschäftigt sich seit dem 11. Juni 1918 mit<br />

dem Starkstromlazarett Villingen. Immer wieder sind Misshandlungen<br />

bekannt geworden. Eine Kommission soll die<br />

Vorfälle untersuchen. Nach dem Krieg verklagen einzelne<br />

Patienten ihre früheren Kriegspsychiater wegen körperlicher<br />

und seelischer Qualen. Erfolglos. Nur in Österreich werden<br />

Ärzte von Gerichten für schuldig befunden.<br />

Dirk Liesemer. der seinen Zivildienst in einer<br />

Psychiatrie absolvierte. stieß vor zwei Jahren auf das<br />

Thema - durch den Fachaufsatz eines Medizinhistorikers.<br />

Obwohl einst Zehntausende Soldaten betroffen<br />

waren, ist es der Öffentlichkeit kaum bekannt.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 59


DIE DEUTSCHEN 1916


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Hauke Friederichs<br />

Der Krieg läuft seit mehr als anderthalb Jahren,<br />

ein Sieg wirkt fern wie nie, und in Berlin begehren<br />

am 1. Mai 1916 unzufriedene Sozialdemokraten<br />

und Sozialisten auf. Tausende Menschen<br />

marschieren aus allen Richtungen auf den Potsdamer<br />

Platz zu. Ein öffentlicher Protest, eine verbotene<br />

Demonstration, ein Affront gegen Kaiser und Regierung!<br />

Zahlreiche Polizisten sollen in der Hauptstadt einen Aufruhr<br />

verhindern und jede Versammlung unterbinden. Sie haben<br />

mit einigen wenigen Hundert Menschen gerechnet, nicht mit<br />

solchen Massen. Zunächst weichen die Polizisten einem Konflikt<br />

aus, sie warten ab, stellen sich der Menge nicht in den<br />

Weg.<br />

Die Demonstranten wollen die Rede eines bekannten,<br />

aber umstrittenen Politikers hören: Karl Liebknecht will vor<br />

dem Hotel Fürstenhof sprechen, so haben sich seine Anhänger<br />

seit Tagen zugeflüstert. Seine Unterstützer haben mit<br />

Mund-zu-Mund-Propaganda, mit heimlich verteilten Flugblättern<br />

für seine Friedenskundgebung auf dem Potsdamer<br />

Platz geworben. Liebknecht wolle mit einem Apell gegen den<br />

Krieg die Bevölkerung aufrütteln, heißt es. "Brot, Freiheit,<br />

Frieden" lautet seine Parole. Eine Provokation. Allen Kriegsgegnern<br />

ist bewusst, wie ungeheuerlich - und wie gefährlich<br />

- es ist, an der Versammlung im Zentrum der Hauptstadt<br />

teilzunehmen.<br />

Denn Proteste schlägt die Polizei häufig mit dem blanken<br />

Säbel nieder. Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit<br />

gibt es während des Krieges im wilhelminischen Deutschland<br />

nicht. Es herrscht "Belagerungszustand", Generäle sind<br />

für die "Innere Sicherheit" zuständig: Sie verteidigen Monarch<br />

und Armee gegen jegliche Kritik mit brutaler Gewalt.<br />

Doch immer weniger Menschen lassen sich so einschüchtern.<br />

Seit anderthalb Monaten, seit dem 21. Februar, sterben<br />

Abertausende Soldaten in den Kämpfen um Verdun. Einen<br />

Durchbruch hat das Gemetzel nicht gebracht. An einen Sieg<br />

glauben immer weniger. Jeder Deutsche hat Verwandte,<br />

Freunde oder Bekannte an der Front verloren. Die Kriegsbegeisterung<br />

ist verflogen. Gleichzeitig sorgt die Seeblockade<br />

der Briten gegen Deutschland für Hunger im Reich: Aus dem<br />

Ausland kommen 1916 kaum noch Lieferungen in den deutschen<br />

Häfen an. Frauen, Kinder und die wenigen Männer, die<br />

nicht im Krieg sind, stehen in langen Schlangen vor Geschäften<br />

und Marktständen an. Die Regierung rationiert Brot,<br />

Mehl, Kartoffeln und Fleisch. Und Butter und Milch verkaufen<br />

Händler und Bauern zu unerschwinglich teuren Preisen.<br />

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung nimmt zu. Liebknecht,<br />

der bekannteste Kriegsgegner im Reich, spürt wachsende<br />

Sympathie für seine radikale Friedenspolitik. Im Reichstag<br />

darf er nur selten reden, seine Schriften verbietet die Zensurbehörde.<br />

Mit seiner Kundgebung will er endlich eine große<br />

Menge erreichen. Und genau das versucht die Polizei zu<br />

verhindern.<br />

Als immer mehr Demonstranten auf dem Potsdamer Platz<br />

ankommen, gehen Schutzleute schließlich doch gegen die<br />

Menge vor. Noch bevor die Polizei den Platz mit Gewalt<br />

räumt, ruft Kar! Liebknecht: "Nieder mit dem Krieg! Nieder<br />

mit der Regierung!" Nun greifen die Polizisten hart durch.<br />

Bevor Liebknecht weiterreden kann, zerren ihn Schutzleute<br />

weg, nehmen ihn fest. Liebknecht, Abgeordneter des Reichstags,<br />

Rechtsanwalt und dreifacherVater, wird wie ein Verbrecher<br />

abgeführt und in eine Zelle gesperrt.<br />

Revoltieren und Aufbegehren gegen die Mächtigen, das<br />

hatte Karl Liebknecht von seinem Vater Wilhelm gelernt. Dieser<br />

kämpfte schon im Revolutionsjahr 1848 gegen die Monarchie.<br />

Er gehörte später zu den Gründern der SPD, wurde<br />

mehrfach wegen seines politischen Engagements eingesperrt<br />

- eine Folge der Sozialistenverfolgung im Kaiserreich.<br />

Kar! kam am 13. August 1871 zur Welt. Zehn Monate nach<br />

der Geburt verurteilte ein Gericht Wilhelm Liebknecht wegen<br />

Hochverrats zu zwei Jahren Haft. Die aufrechte Haltung<br />

seines Vaters war für Kar! immer ein Vorbild. Als Gymnasiast<br />

und Student hielt er sich politisch noch zurück. Als der Vater<br />

1900 starb, war Kar! Liebknecht promovierter Rechtsanwalt<br />

in Berlin mit eigener Kanzlei. Nun allerdings begann er sich<br />

in der SPD zu engagieren. 1907 musste Karl Liebknecht für<br />

eineinhalb Jahre ins Gefängnis, weil er in seiner Schrift<br />

"Militarismus und Antimilitarismus" die Armee angegriffen<br />

hatte. Noch während er eingesperrt war, entsendeten ihn die<br />

Wähler 1908 in das preußische Abgeordnetenhaus. Vier Jahre<br />

später zog er dann zusätzlich in den Reichstag ein.<br />

Liebknecht lehnte den Krieg ab. Dennoch stimmte er am<br />

4. August im Parlament für die ersten Kriegskredite - gegen<br />

seine Überzeugung. Schließlich wurde so der von ihm abgelehnte<br />

Angriff auf Frankreich finanziert. Doch Liebknecht<br />

beugte sich dem Fraktionszwang: Seine SPD hatte mit Kaiser<br />

und Konservativen jenen Kompromiss geschlossen, der als<br />

"Burgfrieden" in die Geschichte einging.<br />

Viele sozialdemokratische Arbeiter allerdings waren gegen<br />

den Krieg. So demonstrierten in Hamburg kurz vor der<br />

Abstimmung im Reichstag Tausende Arbeiter für den Frieden.<br />

Für sie wollte Liebknecht nun sprechen. Für ihn war der<br />

Burgfrieden vier Monate nach dem ersten Kriegskredit erledigt.<br />

Am 2. Dezember lehnte er im Reichstag als einziger<br />

Abgeordneter ab, weiteres Geld für Armee und Rüstung<br />

Proteste gegen Monarch und Militär schlagen Polizisten<br />

mit blankem Säbel nieder. Demonstrieren ist gefährlich<br />

62 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


ereitzustellen. Eine Kriegserklärung an die Konservativenund<br />

an die eigene Parteiführung. Berlins Polizeipräsident<br />

nannte den Sozialisten "einen fanatischen Sonderling".<br />

Liebknecht gegen alle - das war eine Rolle, die ihm gefiel.<br />

Im März 1915 veröffentlichte er die Broschüre "Klassenkampf<br />

gegen den Krieg". Um die Zensur zu umgehen, hatte er<br />

vorher nicht die nötige Erlaubnis der Behörden eingeholt. In<br />

seiner Streitschrift bestritt er, dass Deutschland einen Verteidigungskrieg<br />

führe. Und er kritisierte seine eigene Parteiführung<br />

für ihr striktes Vorgehen gegen Kritiker wie ihn. Wie<br />

hoch die Auflage der kleinen Schrift war, ist heute unbekannt.<br />

In Parteikreisen sorgte die Broschüre zumindest für<br />

großes Aufsehen. Liebknecht galt nun im SPD-Vorstand als<br />

Parteirebell, der nicht mehr zu kontrollieren war. Für die<br />

Konservativen stellte er das Feindbild schlechthin dar. Er bekam<br />

Morddrohungen.<br />

Einschüchtern aber ließ er sich nicht. Knapp zwei Monate<br />

später wurde Liebknecht noch deutlicher. Ein Flugblatt überschrieb<br />

er so: "Der Hauptfeind steht im eigenen Land." Darin<br />

heißt es: "Wir haben erlebt, wie die schillernden Seifenblasen<br />

der Demagogie zerplatzten, die Narrenträume des 4. Augusts<br />

verflogen, wie statt des Glücks Elend und Jammer über das<br />

Volk kamen (...)." Liebknecht forderte seine Leser auf, nicht<br />

gegen die Proletarier anderer Länder zu kämpfen, sondern<br />

gegen die wahren Feinde ins Feld zu ziehen, nämlich gegen<br />

die Verursacher des Krieges - Kapitalisten, Monarchisten,<br />

Militaristen.<br />

S<br />

olche Provokationen konnten nicht ungestraft bleiben.<br />

Schließlich verbreiteten die Verantwortlichen in Politik<br />

und Armee ganz andere Parolen: "Ein fauler Friede<br />

würde die Revolution in Deutschland nach sich ziehen", sagte<br />

der bayrische Ministerpräsident. Und stellvertretend für die<br />

Industriellen im Reich formulierte der Unternehmer Alfred<br />

Hugenberg seine Furcht: "Die Arbeiter, die aus dem Kriege<br />

zurückkommen, werden mit großen Ansprüchen an die<br />

Arbeitgeber herantreten (...)." Dann könnte ein fürchterlicher<br />

Kampf ausbrechen, "der die größten Schäden im<br />

Gefolge haben wird". Ein rascher Frieden war nicht im Sinn<br />

der Regierenden und der Industrie. Sie mussten Liebknecht<br />

in die Schranken weisen.<br />

Und so zog die Armee Liebknecht, 43 Jahre alt, ein. Im<br />

Februar 1915 musste er einen Dienst antreten und kam nach<br />

Russland. Er weigerte sich, eine Waffe zu tragen. Als Armierungssoldat<br />

baute er hinter der Front Befestigungen auf und<br />

legte Gräben an. In Briefen klagte er über die harte Arbeit.<br />

"Nun bin ich auch in Russland, ohne Dich! Aber unter welchen<br />

grauenhaften Umständen", schrieb Karl Liebknecht am<br />

9. Juli 1915 an seine Frau. "Ich kann meine moralische Lage<br />

nicht schildern. Willenloses Werkzeug einer mir in der tiefsten<br />

Seele verhassten Macht."<br />

Noch härter trafen ihn aber die zahlreichen Verbote, mit<br />

denen ihn seine Vorgesetzten belegten. Denn Liebknecht unterstand<br />

der Militärgesetzgebung. Jegliches politisches Engagement<br />

untersagte ihm die Generalität, an Veranstaltungen<br />

teilnehmen durfte er nicht mehr, keine Reden halten, keine<br />

Kämpfer gegen den Krieg<br />

1915 zieht die kaiserliche Armee den Pazifisten Karl Liebknecht<br />

ein. Er kommt an die Ostfront, weigert sich dort<br />

aber, eine Waffe zu tragen. Er muss als Armierungssoldat<br />

Gräben ausheben und Befestigungen bauen (Bild oben in<br />

der Mitte). Seine politischen Weggefährten wie Rosa<br />

Luxemburg (unten) bleiben in Berlin zurück. Sie setzen<br />

seinen Kampf für Frieden fort<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 63


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Jugendliche verteilen die verbotenen Schriften<br />

von Karl Liebknecht. Seine Parolen breiten sich aus<br />

Schriften verfassen. Und das, obwohl er Abgeordneter blieb.<br />

Ein Politiker, der in den Reichstag gewählt worden war, sollte<br />

sich nicht mehr politisch betätigen. Zu den Parlamentssitzungen<br />

wurde er dennoch von der Front beurlaubt. Ein absurdes<br />

und zynisches Spiel.<br />

Die SPD distanzierte sich derweil immer weiter von Liebknecht.<br />

Am 12. Januar 1916 schloss die Reichstagsfraktion den<br />

Kriegsgegner aus ihren Reihen aus, mit 60 zu 25 Stimmen.<br />

Liebknecht galt bei vielen sozialdemokratischen Mitabgeordneten<br />

als ewiger Querulant. Auch ohne seine Fraktion machte<br />

er weiter. Er bekam Unterstützung von anderen enttäuschten<br />

Sozialdemokraten wie Rosa Luxemburg, einer Intellektuellen,<br />

die auf der SPD-Parteischule unterrichtet hatte. Gemeinsam<br />

gründen sie 1916 die sozialistische "Spartakusgruppe".<br />

Am 8. April hielt Liebknecht im Reichstag eine Rede gegen<br />

den Krieg. Doch viel sagen konnte er nicht. Mehrere Abgeordnete<br />

stürmten nach vorn ans Rednerpult. Sie entrissen<br />

ihm seine Manuskriptblätter und warfen sie zu Boden. Statt<br />

die Angreifer zu rügen, verweist der Präsident Liebknecht<br />

"wegen gröblicher Verletzung<br />

Liebknechts Parolen erreichen immer mehr Menschen -<br />

nicht nur in Berlin. In Hamburg richten Frauen am 11. August<br />

1916 einen Appell an den Senat: "Wir wollen unsere Männer<br />

und Söhne aus dem Krieg wiederhaben und wollen nicht<br />

länger noch hungern - es muss Frieden gemacht werden. Der<br />

hohe Senat muss uns darin beistehen, sonst machen wir was<br />

anderes."<br />

H<br />

tllr6eiter, C]3ürger!<br />

'Daß


Mord und Trauer<br />

Rechtsradikale Mitglieder<br />

eines Freikorps ermorden im<br />

Januar 1919 Karl Liebknecht<br />

und Rosa Luxemburg in<br />

Berlin. Schon zuvor waren<br />

die Sozialisten mit dem Tod<br />

bedroht worden (Flugblatt<br />

links). Tausende kommen zu<br />

ihrer Beerdigung in der<br />

Hauptstadt. Soldaten<br />

sperren das Regierungsviertel<br />

ab, um die neue sozialdemokratische<br />

Regierung zu<br />

schützen (Bild). Ihr werfen<br />

Linke vor, die Freikorps<br />

unterstützt zu haben<br />

Unruhe, die am 19. August in einer regelrechten Schlacht<br />

zwischen Demonstranten und Schutzmännern endet. Tausende<br />

Hamburger plündern Geschäfte und schlagen Schaufensterscheiben<br />

ein, entwenden Nahrungsmittel. Mit dem<br />

Säbel in der Hand treiben Polizisten immer wieder einzelne<br />

Gruppen auseinander, nehmen Menschen fest, verwunden<br />

einige schwer, den Aufstand beenden sie so nicht. Beamte<br />

werden mit Flaschen und Steinen beworfen. Die Hamburger<br />

Militärregierung setzt schließlich bewaffnete Soldaten ein,<br />

darunter die für ihre Brutalität berüchtigten Wandsbeker<br />

Husaren. Erst gegen Mitternacht haben sie die Proteste niedergeschlagen.<br />

K<br />

aiser und Generäle werden nervös. Sie fürchten eine<br />

Revolution und verhängen immer härtere Strafen gegen<br />

ihre Kritiker. Auch Liebknecht erhält in einer zweiten<br />

Instanz ein noch drakonischeres Urteil, denn diesmal<br />

richten fünf Offiziere und zwei Juristen über ihn. Sie erhöhen<br />

seine Haftzeit auf vier Jahre und einen Monat und entziehen<br />

ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für sechs Jahre. Und wie<br />

reagiert der Angeklagte? Nach außen zeigt er sich unbeeindruckt.<br />

"Zuchthaus! Verlust der Ehrenrechte! Nun woh!!",<br />

ruft er. "Ihre Ehre ist nicht meine Ehre! Aber ich sage Ihnen:<br />

Kein General trug je seine Uniform mit so viel Ehre, wie ich<br />

den Zuchthauskittel tragen werde."<br />

Für unzufriedene Arbeiter, revoltierende Jugendliche und<br />

kriegsmüde Soldaten an der Front ist Liebknecht längst die<br />

Symbolfigur für den Widerstand gegen den Krieg. Die Urteile<br />

gegen Liebknecht empören Tausende Arbeiter und Jugendliche.<br />

In Leipzig erscheint ein Flugblatt, das die Strafe anprangert<br />

und die Militärs angreift. Nachts kleben Unbekannte<br />

es an zahlreiche Litfaßsäulen. Das Polizeiamt Leipzig setzt<br />

eine Belohnung von 50 Mark für denjenigen aus, der die Täter<br />

meldet. In Stuttgart protestieren rund 2000 Menschen für<br />

Liebknechts Freilassung. In Braunschweig streiken sogar bis<br />

zu 8000 Arbeiter zwei Tage lang. Auch in Hamburg fordern<br />

Menschen die Freilassung - und drohen Polizei und Militär.<br />

In einem anonymen Brief heißt es: "Das Blut der Arbeiter<br />

wird gerächt mit dem der Patrioten. Nieder mit den Lumpen<br />

von Polizisten (. ..), nieder mit dem Kaiser nebst Angehörigen,<br />

nieder mit den Kapitalisten, nieder mit den Wucherern, sie<br />

alle gehören zur Hölle." Das Schreiben endet mit "Hoch Liebknecht!<br />

Hoch die Republik."<br />

Nun kommt es in Städten wie Berlin, Braunschweig, Bremen<br />

oder Leipzig zu Hungerunruhen, Streiks und illegalen<br />

politischen Versammlungen. Sie werden bis zum Kriegsende<br />

andauern und schließlich in die Revolution münden.<br />

Im Gefängnis erfährt Liebknecht von den Demonstrationen.<br />

Er schickt unzählige Briefe an seine Frau und die Kinder,<br />

fordert sie auf, stark zu bleiben. Am 21. Oktober 1916 schreibt<br />

er: "Was sind vier Jahre! - Kopf hoch und das wichtigste wird<br />

zur Bagatelle." Er wird im Dezember in das Zuchthaus Luckau<br />

in der Niederlausitz verlegt. Dort bleibt er zweieinhalb Jahre<br />

eingesperrt. Erst am 23. Oktober 1918 kommt Liebknecht<br />

frei. Der Krieg ist verloren, der Kaiser hat seine Macht eingebüßt,<br />

erstmals gehören Sozialdemokraten zur Regierung.<br />

Nur wenige Wochen später ist Liebknecht tot, ermordet von<br />

rechtsradikalen Freikorpsmitgliedern, ehemaligen Soldaten,<br />

die gegen den Sozialismus kämpfen. Sie töten auch Rosa<br />

Luxemburg. Zu Liebknechts Beerdigung kommen Tausende<br />

Menschen, so viele, dass Eintrittskarten ausgegeben werden<br />

müssen. Seine Mörder spricht ein Gericht kurz darauf frei.<br />

Hauke Friederichs hat sich schon in seiner<br />

Magisterprüfung mit Anfang und Ende der Weimarer<br />

Republik beschäftigt. Wie interessant die Schriften<br />

von Karl Liebknecht sind. hat er erst jetzt bei der<br />

Recherche entdeckt.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 65


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Von Corinna Meiß<br />

Regen ohne Ende. Schlamm, so weit das Auge<br />

reicht. Der 26-jährige Erich Jacobs aus Magdeburg<br />

weiß, dass er bei jedem Schritt besonders aufpassen<br />

muss, zumal der Lehmboden im Lager nun<br />

extrem glitschig geworden ist. Seine Kleidung und<br />

die Stiefel wird er wieder nur mit Mühe trocknen können,<br />

denn in der Baracke, die seit mehr als vier Jahren sein Zuhause<br />

ist, steht sein Bett so weit vom Ofen entfernt, dass die Wärme<br />

nicht mehr bei ihm ankommt. Auf ihn wartet eine von<br />

vielen Nächten, in der er vor Kälte und Nässe schlecht schläft.<br />

Es tröstet ihn ein wenig, dass er mit seiner Not nicht allein ist:<br />

Er teilt sie mit mehr als 20000 deutschen Zivilgefangenen im<br />

Lager Knockaloe auf der Isle ofMan.<br />

Doch nach den endlosen Jahren der Hoffnungslosigkeit<br />

beginnt das Jahr 1919 für diese Männer mit einer Sensation:<br />

Sie dürfen packen. Ihre Freiheit rückt in greifbare Nähe, nach<br />

all den verlorenen Jahren, die sie hier Tag um Tag mit Nichtstun<br />

hinter Stacheldraht zubringen mussten. Es geht heim,<br />

nach Deutschland! Die Vorbereitungen der britischen Regierung<br />

für die Repatriierung der Häftlinge laufen bereits auf<br />

Hochtouren. Ein überbordender Freudentaumel reißt die<br />

mehr als 4500 Insassen in Jacobs' Lagerbereich aus ihrer<br />

Lethargie. Als der sich am 20. Januar 1919 daranmacht, seinem<br />

Vater davon zu schreiben, sprudelt die Freude nur so aus<br />

ihm heraus:<br />

"Wir packen, lieber Vater, weißt Du, was das heißt, 4,5 Jahre<br />

Warten auf diesen Augenblick. Alle, selbst die Schläfrigsten<br />

reißen die Knochen zusammen. Das eine schöne Wort gibt ihnen<br />

die Hoffnung wieder."<br />

Der Freude tut es auch keinen Abbruch, dass das Abreisedatum<br />

noch gar nicht feststeht.<br />

"Wann es los geht?, nun in einigen Tagen oder Wochen, was<br />

will das besagen. Begriffe für Zeit sind llns abhanden gekommen,<br />

es geht eben los, das ist genug. Jeder haspelt und bastelt<br />

sich seinen Kram und sieben Sachen Zllsammen. Es wird eifrig<br />

gewaschen, genäht, gebürstet, Koffer und Kisten von jahrelangem<br />

alten Staub gesäubert. Die unmöglichsten Nachrichten<br />

über unsere Abreise sind im Umlauf, alle Viertelstunde eine<br />

neue. Der Stacheldraht nimmt direkt schon eine andere Färbung<br />

an. Ich glaube, er sieht mich freundlicher an: bald geht's<br />

fort. Juchei, wie werd' ich sie grüßen die Freiheit, wie froh wird<br />

die Sonne lachen, wie werden sich die faulen Glieder recken und<br />

dehnen. Frei! Werde ich der Welt in die Ohren brüllen und<br />

lachen. Grüße mir Mutter und Käte, bald, bald tu ich das selbst<br />

und auch Dich mein lieber guter Vater kann ich bald herzen und<br />

drücken. Auf Wiedersehen, Dein Junge"<br />

Rückblende. London, davon träumt der junge ErichJacobs<br />

seit seiner Kindheit und wünscht sich nichts sehnlicher, als<br />

einmal dorthin zu reisen. Der Sohn wohlhabender Eltern -<br />

Vater Gustav gehört seit 1901 das bekannte Magdeburger<br />

Königin-Luise-Bad - kann sein Glück kaum fassen, als er 1911<br />

eine Anstellung im berühmten Londoner Grandhotel "Cecil"<br />

erhält. 1896 eröffnet, ist es mit seinen 800 Betten das größte<br />

Hotel Europas. Ein Prachtbau, der alle anderen Hotels in London<br />

in den Schatten stellt. Der 19-jährige Erich ist wissbegierig<br />

und saugt alles Neue in sich auf. Er folgt einem Trend:<br />

Deutsche sind in der britischen Tourismusbranche gern gesehen,<br />

sie gelten als solide ausgebildet und fremdsprachenkundig.<br />

1911 arbeiten allein in London 400 deutsche Kellner.<br />

Erich Jacobs lebt sich schnell ein. Und verliert sein Herz<br />

im "Cecil". Es ist Liebe auf den ersten Blick: Agnes, das hübsche<br />

Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen, und Erich,<br />

der gut aussehende, gebildete junge Mann aus der deutschen<br />

Mittelschicht. Für Agnes ist diese Liebe eine große Chance,<br />

ihrer Herkunft zu entkommen. Dem kleinen Kaff in den östlichen<br />

Midlands, ihrer Großfamilie und vor allem dem ungeliebten<br />

Vater.<br />

Im Juli 1913 kommt die gemeinsame Tochter Queenie<br />

Elisabeth zur Welt. Das Glück der kleinen Familie scheint<br />

perfekt, auch wenn die Eltern vermutlich unverheiratet bleiben.<br />

Doch dann endet Jacobs' Vertrag im "Cecil". Er nimmt<br />

1914 eine Stellung als Steward auf dem Dampfer "Kronprinzessin<br />

Cecilie" der Hamburg-Amerika-Linie an, denn er<br />

muss dringend mehr Geld verdienen. Agnes ist zum zweiten<br />

Mal schwanger. Im April 1914 kehrt sie London den Rücken<br />

und zieht wieder zu ihren Eltern nach Oakham. Es fällt ihr<br />

schwer, aber sie glaubt fest, dass die Trennung von ihrem<br />

Erich nur vorübergehend ist. So blickt sie dem Ganzen gelassen<br />

entgegen. Dass sie den Vater ihrer Kinder nie wieder<br />

sehen wird, ahnt sie nicht.<br />

"Kriegsgefahr", lautet die besorgniserregende Nachricht,<br />

die Kapitän Rantzau am 31. Juli 1914 während der Überfahrt<br />

der "Kronprinzessin Cecilie" von New York nach Hamburg<br />

erhält. Mehrfach versucht er, mit der Reederei in Hamburg<br />

Kontakt aufzunehmen, um Instruktionen zu erhalten. Alle<br />

Telegramme bleiben unbeantwortet. An Bord sind außer den<br />

mehr als 170 Besatzungsmitgliedern Hunderte von Passagieren,<br />

darunter 300 Amerikaner. Als Deutschland am<br />

3. August 1914 Frankreich den Krieg erklärt, wird die Route<br />

entlang der französischen Küste zu gefährlich, und Rantzau<br />

entschließt sich, den neutralen englischen Hafen Falmouth<br />

anzusteuern. Ein Fehler. Als die "Kronprinzessin Cecilie"<br />

England ist ein Traum, der in Erfüllung geht. Um sich<br />

sehr rasch in einen Albtraum zu verwandeln<br />

68 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


Eine zu lange Reise<br />

Erich Jacobs heuert als Steward auf<br />

dem Überseedampfer "Kronprinzessin<br />

Cecilie" der Hamburg-Amerika-Linie<br />

an (oben). Doch statt<br />

zwischen Hamburg und New York zu<br />

fahren, landet er im englischen Lager<br />

Knockaloe. Der Weltenbummler wird<br />

zum Gefangenen der Briten. Rechts:<br />

Der Hafen von Falmouth erweist sich<br />

als Falle. Jacobs wird zuerst ins<br />

Armenhaus nach Saint Columb<br />

gebracht, dann ins Lager Cunningham,<br />

schließlich nach Knockaloe. Unten:<br />

ein Foto der Magdeburger Familie<br />

Jacobs von 1905. Erich Jacobs (2. v.l.)<br />

sitzt zwischen seinen Eltern, rechts<br />

ist seine Schwester Käte<br />

• PARIS<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 69


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Alles andere als Ferien<br />

Vor und nach dem Ersten Weltkrieg ist<br />

Cunninghams Camp ein bekanntes<br />

"Ferienlager für junge Männer". Im Jahr<br />

1904 eingerichtet, stehen hier mehr als<br />

800 Zelte. Ab September 1914 wird<br />

daraus ein Gefangenenlager, umgeben<br />

von einem Stacheldrahtzaun. Innerhalb<br />

von zwei Monaten landen hier rund<br />

3000 Zivilgefangene, darunter auch<br />

Erich Jacobs (stehend). Unten: Häftlinge<br />

im Lager Knockaloe beim Gemüseanbau.<br />

Dies ist die letzte Station von Erich<br />

Jacobs' Gefangenschaft


Sperrt alle ein! Dass sie Mitbürger waren, Nachbarn<br />

und Steuerzahler, zählt nicht. Nun sind sie Feinde<br />

morgens um 4.30 Uhr im Hafen ankert, ist dieser noch neutral.<br />

Doch um 23 Uhr erklärt England Deutschland den Krieg<br />

- Crew und Passagiere sitzen fest. Deutsche und Österreicher<br />

werden an Bord festgehalten, alle anderen können das Schiff<br />

verlassen. Der Dampfer liegt bereits seit über einer Woche im<br />

Hafen von Falmouth vor Anker, als Jacobs am 11. August zusammen<br />

mit den deutschen Männern der Crew endlich an<br />

Land gehen darf. Doch er wird nicht freigelassen, sondern als<br />

Zivilgefangener ins Armenhaus nach Saint Columb gebracht.<br />

Die Verabschiedung des "Aliens Restriction Act" am S. August<br />

1914 schafft die rechtliche Grundlage.<br />

Im gesamten Britischen Empire geben unzählige Plakate<br />

bekannt, dass "Ausländer deutscher Nationalität sich unverzüglich<br />

registrieren lassen müssen". Dazu sollen sie sich auf<br />

der nächsten Polizeiwache melden. Und: "Intern them all!"­<br />

"Sperrt sie alle ein!" Kriegsminister Lord Kitchener verlangt<br />

nach allen deutschen Männern zwischen 17 und 42 Jahren.<br />

Das stellt Großbritannien vor eine schier unlösbare Aufgabe:<br />

Wohin mit den Tausenden von deutschen Zivilgefangenen?<br />

Sie sind Geschäftsinhaber, Direktoren, Konsuln, Gelehrte,<br />

Künstler, Handwerker, Kellner oder Arbeiter. Seit Jahren<br />

oder Jahrzehnten leben sie in Großbritannien, zahlen ihre<br />

Steuern - und stehen nun vor dem Nichts. Ihre Geschäfte<br />

werden aufgelöst, ihr Eigentum beschlagnahmt. Viele Ehen<br />

werden diesem Druck nicht standhalten, britische Frauen<br />

sich scheiden lassen und den deutschen Familiennamen ablegen<br />

oder anglisieren.<br />

Im fernen Magdeburg bangen Erichs Eltern, Gustav und<br />

Elisabeth Jacobs, im August 1914 tagelang um ihren Sohn.<br />

Seit Kriegsbeginn sind sie über seinen Verbleib im Ungewissen.<br />

Dann erhalten sie aus Basel durch einen unbekannten<br />

Mann namens Moser eine Nachricht. Dessen Sohn Jean hatte<br />

als Koch auf der "Kronprinzessin Cecilie" gearbeitet und war<br />

ebenfalls ins Armenhaus gebracht worden. Dort hatte ihn<br />

Erich gebeten, seine Eltern zu informieren, denn als Schweizer<br />

durfte Moser Saint Columb sofort wieder verlassen.<br />

Die deutschen und österreichischen männlichen Besatzungsmitglieder<br />

der "Kronprinzessin Cecilie" gehören im August<br />

1914 zu den ersten 1000 deutschen Zivilisten, die in<br />

Großbritannien interniert werden. Drei Monate später sind<br />

es bereits mehr als l4000. Im Januar 19l5 wird der Magdeburger<br />

mit den anderen Gefangenen aus Saint Columb auf<br />

ein Schiff gebracht. Das Reiseziel ist die 400 Kilometer entfernte<br />

Isle of Man in der Irischen See. Mit Hunderten von<br />

Männern steckt der 22-Jährige unter Deck, wo die Luft sich<br />

viel zu schnell verbraucht, sodass er es trotz der klirrenden<br />

Kälte vorzieht, sich so lange wie möglich an Deck aufzuhalten.<br />

Hunger und Durst quälen ihn seit Stunden.<br />

A<br />

nkunft auf der Isle ofMan. Seit September 1914 sitzen<br />

in den rund 800 Zelten von "Cunninghams Ferienlager<br />

für junge Männer" deutsche Zivilisten fest. Die<br />

Versorgungslage ist katastrophal. Cunningham sieht lediglich<br />

den Profit, den er aus dem Leid der etwa 3000 Gefangenen<br />

erwirtschaften kann, und lässt sie in unwürdigen Zuständen<br />

hausen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur<br />

Eskalation kommt: Am 19. November 1914 gibt es im Lager<br />

einen Aufruhr mit mehreren Toten und vielen Verletzten.<br />

Schon seit Wochen macht sich wegen der Unterbringung in<br />

den dünnen Zelten Unzufriedenheit breit, denn der Winter<br />

naht, und die Wetterbedingungen werden immer schlechter.<br />

Über Wochen hinweg gibt es faulige schwarze Kartoffeln mit<br />

einer braunen Brühe und Fleischstücken fraglicher Herkunft.<br />

Als die Beschwerden nicht fruchten, treten die Männer in den<br />

Hungerstreik - und gehen an jenem Donnerstag im November<br />

mit Messern und Gabeln auf die Wache los. Diese schießt<br />

zunächst in die Luft. Dann in die Menge.<br />

Die Regierung erkennt schnell, dass die Kapazitäten auf<br />

der Insel nicht ausreichen, und lässt an der Westküste ein<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 71


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Zerteilte Familie<br />

Erich Jacobs bleibt insgesamt<br />

viereinhalb Jahre in britischer<br />

Gefangenschaft. 1919 kehrt er<br />

in seine Heimat zurück, schwer<br />

gezeichnet von der Zeit der<br />

Inhaftierung. Rechts: der<br />

mittlerweile BO-jährige Jacobs<br />

mit seiner Schwester Käte in<br />

deren Garten in Oberfranken.<br />

Ein Jahr später, 1973, stirbt er.<br />

Seinen Sohn Erich hat er nie<br />

kennengelernt<br />

Wer aus der Gefangenschaft nach Deutschland<br />

zurückkehrt, findet dort oft keine Heimat mehr<br />

großes, aus vier Teilbereichen bestehendes Lager für über<br />

20000 Gefangene errichten: Knockaloe. Hierhin wird Erich<br />

Jacobs am 28. August 1915 verlegt. Lager I, Zone 4, Reihe 4,<br />

Hütte 2. Es ist keine Verbesserung. Zwar schläft er fortan<br />

statt in einem Zelt in einer 500 Quadratmeter großen Baracke.<br />

Aber nicht mit vier, sondern mit 200 Personen. An Privatsphäre<br />

ist nicht zu denken, das macht allen zunehmend zu<br />

schaffen. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen. Immer die<br />

gleichen Menschen. Immer die gleichen Sorgen und Nöte.<br />

Eingezäunt und abgeschottet von der Zivilisation. Nur militärischer<br />

Gehorsam vom Aufstehen bis zur Nachtruhe - der<br />

ständige Drill mit der Pfeife zerrt an den Nerven aller.<br />

Die Barackendächer bestehen aus undichten Brettern, es<br />

regnet hindurch, und so sind Gepäck, Kleidung und Stiefel<br />

meist von Schimmel bedeckt. Die Strohsäcke, die als Matratzen<br />

dienen, liegen auf dem schlammigen Boden und werden<br />

nie trocken. Immer wieder klagen die Männer, dass diese<br />

Säcke erst nach Monaten erneuert werden. Jeder Gefangene<br />

erhält zwei Decken, aber kein Kissen. Viele schlafen mit dem<br />

Kopf auf ihren Schuhen. Nach langem Drängen werden im<br />

Dezember 1915 die ersten Öfen in den Baracken aufgestellt.<br />

Doch deren Heizkraft reicht für die Fläche nicht aus.<br />

Bei Jacobs' Ankunft im Lager gibt es noch keine Toiletten<br />

mit Wasserspülung. Stattdessen stehen den Gefangenen in<br />

einem dachlosen und unbeleuchteten Verschlag zwei Eimerreihen<br />

mit einer langen Stange zum Draufsitzen zur Verfügung.<br />

Bei anhaltendem Regen - typisch für diese Region -<br />

weicht der Lehmboden auf und wird zum Morast. Jeder Gang<br />

zur Toilette gerät zur Strapaze, nicht zuletzt für die Sinnes-<br />

organe. Denn die Eimer werden nur einmal am Tag geleert,<br />

und so läuft ihr Inhalt bei Regen unweigerlich über den<br />

Zementboden.<br />

Gewaschen wird sich morgens zwischen sieben und acht<br />

Uhr mit kaltem Wasser im Freien. 30 Gefangene teilen sich<br />

zwei Eimer, 1000 Mann sechs Wasserhähne und zwei Duschen.<br />

Gebadet wird in zwei Wannen. Wenn 25 Männer gebadet<br />

haben, gibt es kein warmes Wasser mehr. Das Wasser<br />

dient nicht nur zum Waschen, sondern auch zum Geschirrspülen<br />

und zum Reinigen der Kleidung. Aus den Leitungen<br />

dringen ein ums andere Mal kleine Aale, die in den Hähnen<br />

stecken bleiben und sie verstopfen. Irgendwann wird es den<br />

Gefangenen zu viel. Sie schicken dem Kommandanten einen<br />

Brief und bitten um Abhilfe. Der jedoch hat nur Spott für sie<br />

übrig: "Sie klagen immer über zu wenig Fleisch, da haben Sie<br />

doch welches!"<br />

D<br />

as Küchenpersonal setzt sich aus Häftlingen zusammen.<br />

In den vier Unterlagern sind insgesamt 230 Männer<br />

als Köche tätig. Die Verpflegung ist schlecht, was<br />

zur Unterernährung bei den Gefangenen führt. Sie bekommen<br />

zum Frühstück Hafergrütze, die nicht selten mit Mäuseunrat<br />

gespickt ist. Im Laufe des Kriegs verschlechtert sich die<br />

Lebensmittelversorgung in Großbritannien drastisch, und<br />

die Rationen werden auf ein Minimum reduziert. Dadurch<br />

verschlechtert sich wiederum die Gesundheit vieler Inhaftierter,<br />

denn sie haben dem rauen Klima der Insel nichts entgegenzusetzen.<br />

Auch wenn ab 1917 Kartoffeln und Gemüse<br />

angebaut werden können, hoffen die meisten weiter auf Pa-<br />

72 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


kete ihrer Familien in Deutschland. Doch die dortige Hungerkatastrophe<br />

und Lebensmittelrationierung erschweren das<br />

zunehmend.<br />

W<br />

ährend seiner Gefangenschaft werden Jacobs von<br />

seiner Mutter 39 Pakete geschickt - zumindest<br />

haben ihn so viele aus Magdeburg erreicht. Denn<br />

immer wieder stellen die Gefangenen fest, dass ihnen Pakete<br />

vorenthalten werden. Auch die für die Moral der Männer so<br />

wichtigen Briefe bleiben oft wochenlang liegen. Von den<br />

Hunderten Briefen, die zwischen Knockaloe und Magdeburg<br />

hin- und hergeschickt werden und die fein säuberlich nummeriert<br />

sind, hat Erich nur die letzten vier aufgehoben. Die,<br />

die seine Freude über die Rückkehr ausdrücken. Den letzten<br />

hat er am 10. Februar 1919 an seine Mutter geschrieben.<br />

"Wie ich schon schrieb, werde ich Dir sofort von Holland<br />

Nachricht geben, wenn ich dort angekommen bin. Ich kann es<br />

mir lebhaft vorstellen wie Du im nächsten Monat in Aufregung<br />

leben wirst, wann dann nun endlich die Nachricht ankommt.<br />

Mit Geduld und Spucke usw. Seit 3 Wochen habe ich gepackt<br />

und bei allergräßter Ruhe ist doch eine gewisse Spannung da.<br />

Die Wartezeit war ja auch lang genug um das zu entschuldigen.<br />

Aller Berechnung nach fahren wir nach Wesel oder Bremen<br />

dann über Hannover. Im Geiste sehe ich schon die Domtürme<br />

auftauchen. Bahnsteig 4 und Mutti guckt sich die Augen aus,<br />

wo ist denn der Junge? Wie werde ich Dich drücken und herze!1.<br />

Wenn meine Zeilen Dich erreichen in 3-4 Wochen ist es bald<br />

soweit lind bis dahin, liebe Mutti, grüßt lind küßt Dich Dein<br />

Junge."<br />

Am 22. Februar 1919 verlässt Erich Jacobs schließlich<br />

Knockaloe und wird vor seiner Repatriierung in den Londoner<br />

Alexandra Palace verlegt, der seit 1914 ebenfalls als<br />

Gefangenenlager für Zivilisten genutzt wird. Diese werden<br />

zusammen mit den deutschen Kriegsgefangenen auf Kosten<br />

der deutschen Regierung in die Heimat zurückgebracht. Aber<br />

was heißt Heimat? Viele der Zivilisten kommen in ein für sie<br />

fremdes Land und werden sich nicht zurechtfinden. Es sind<br />

Organisationen wie die "Vereinigung ehemaliger Zivilgefangener<br />

aus Großbritannien, Irland und den Kolonien" mit<br />

Sitz in Hamburg, die die Wiedereingliederung dieser Männer<br />

in die deutsche Gesellschaft unterstützen. Allerdings gehen<br />

Anfang der 1920er-Jahre viele Exhäftlinge mit ihren Familien<br />

nach Großbritannien zurück - die Kinder fühlen sich als<br />

Briten und wollen wieder in ihr Land.<br />

Erich Jacobs wird jedoch nie mehr nach England zurückkehren.<br />

Seine Kinder werden ihn nicht kennenlernen. Es gibt<br />

keinerlei Kontakt innerhalb der Familie, denn Agnes hat<br />

ihren Kindern als Schutz vor Repressalien erzählt, dass ihr<br />

Vater 191B während seiner Haft an der Spanischen Grippe<br />

gestorben sei. Aus finanzieller Not istAgnes gezwungen, ihre<br />

siebenjährige Tochter Queenie 1920 in ein Kinderheim zu geben<br />

- sie schafft es nicht, drei Menschen zu ernähren. Die<br />

Tochter sieht sie erst 1937 wieder.<br />

Jacobs steigt nach seiner Rückkehr in den väterlichen<br />

Betrieb ein und beginnt seine ehrenamtliche Tätigkeit im<br />

Reichsverband für Badebetriebe, zu dessen Leiter er später<br />

Vermisstensuche<br />

Karteikarten sind seit 2014 online<br />

In Großbritannien wird das Thema erst seit wenigen<br />

Jahren wissenschaftlich aufgearbeitet. Eine Erinnerungsstätte<br />

gibt es nicht.<br />

Im August 2014 stellte das Internationale Komitee des<br />

Roten Kreuzes (IGRG) in Genf die Karteikarten der Zivilgefangenen<br />

des Ersten Weltkriegs online (siehe unten<br />

die Karte von Erich Jacobs). Für viele britische Familien<br />

ein erster Anhaltspunkt, mehr über den Verbleib ihrer<br />

deutschen Vorfahren zu erfahren. Mithilfe der Nummern<br />

auf den Karten gelangt man zu den Originallisten<br />

des IGRG-Archivs. Auf denen sind außer dem Geburtsort<br />

oft auch Adressen von Angehörigen des Häftlings<br />

in Deutschland hinterlegt. Die<br />

Abkürzungen neben den Ein- "'I "f' .!fliC<br />

trägen stehen für die mehr als<br />

160 Internierungslager im Britischen<br />

Empire. Die größten Lager<br />

für Zivilisten waren Knockaloe<br />

und Gunningham auf der<br />

Isle of Man mit mehr als 20000<br />

beziehungsweise etwa 3000<br />

Gefangenen, Stobs in Schottland<br />

mit 4500 und Alexandra<br />

Palace in London mit 3000.<br />

-Sh_.. .t •. .... .t • " "I' ._<br />

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"'_.I,t I<br />

gewählt wird. Im Oktober 1920 heiratet er Elfriede Wohlfarth.<br />

Die Ehe bleibt kinderlos. Bei einem der Bombenangriffe<br />

aufMagdeburg 1945 wird das Haus in der Beaumontstraße<br />

zerstört, und Jacobs baut sich eine neue Existenz in Hamburg<br />

auf. Er vertreibt im Gebäude des Dorotheenbads im Stadtteil<br />

Winterhude Zubehör für Krankenhäuser und Badeanstalten,<br />

wie schon zuvor in Magdeburg. 1973 verstirbt er BI-jährig in<br />

Hamburg.<br />

Nach Agnes' Tod 1988 finden ihre Kinder Queenie und<br />

Erich im Nachlass zwei Briefe ihres Vaters an die Mutter aus<br />

dem Jahr 1938. Die Kinder sind fassungslos. Warum diese<br />

Lüge, der Vater sei 1918 gestorben? Erst hundert Jahre nach<br />

Jacobs' Internierung erfahren seine Enkel in Großbritannien<br />

die ganze Wahrheit und die Geschichte der Gefangenenschaft.<br />

Und sie lernen ihre deutschen Verwandten kennen.<br />

Erichs Kinder erleben dieses Zusammentreffen allerdings<br />

nicht mehr. Queenie stirbt 1998, ihr Bruder zwei Jahre später.<br />

Corinna Meiß bewegte besonders das Schicksal<br />

eines Verwandten. der im Ersten Weltkrieg als Zivilist<br />

in England interniert wurde. Aus der Passion wurde<br />

eine Profession: Seither recherchiert sie für Briten<br />

den Verbleib ihrer deutschen Vorfahren nach 1914.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 73


76 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Käthe Buchler ist von dem Wunsch getrieben,<br />

jene Zeit festzuhalten, in die sie geworfen ist<br />

Gemeinsam anpacken<br />

Weil die Männer im Alltag fehlen,<br />

übernehmen Frauen ihre Aufgaben.<br />

Auch wenn dies bedeutet, dass sie<br />

schwer schleppen müssen. Diese Dame<br />

arbeitet als Vorladerin (siehe Foto<br />

rechts) und muss Fässer auf Güterzüge<br />

hieven. Andere Frauen werden als<br />

Schaffnerinnen, Postkutscherinnen und<br />

Briefträgerinnen eingesetzt. Der<br />

Arbeitseinsatz geschieht größtenteils<br />

auf freiwilliger Basis. Es gibt nur eine<br />

Dienstverpflichtung für alle nicht<br />

wehrfähigen Männer zwischen 17 und<br />

60 Jahren. Im Soldatenheim, eingerichtet<br />

in einem Barockpalais, wird den<br />

Offizieren ihr Mittagessen von einem<br />

Jungen serviert (Foto oben)<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 77


Mit klaren Sinnen stellt sich die Fotografin vor allem<br />

auch der sozialen Lage der Menschen im Krieg<br />

Improvisiertes Leben<br />

Die Menschen machen das Beste<br />

aus ihrer Situation: Die Kinder helfen,<br />

Büchsen oder andere noch verwertbare<br />

Rohstoffe zu sammeln - und die<br />

stärksten Hunde werden vor den<br />

Karren gespannt (siehe Bilder oben). In<br />

Braunschweig gibt es mehr Lazarette<br />

als in anderen Städten der gleichen<br />

Größe: rund 25 Krankenstationen mit<br />

insgesamt 2350 Betten. In den eher<br />

notdürftig ausgestatteten Schulen<br />

oder Turnhallen wird Weihnachten<br />

trotzdem stimmungsvoll gefeiert (siehe<br />

Bild rechts). Käthe Buchler, Mitglied im<br />

Roten Kreuz und in Frauenvereinen,<br />

gelingt es als einer der wenigen, im<br />

Lazarett fotografieren zu dürfen. Zum<br />

Schutz der Patienten wird anderen der<br />

Zutritt untersagt<br />

78 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

Nachlass einer Beobachterin<br />

Die Fotografin Käthe Buchler (1876-1930; siehe Foto mit<br />

Sohn Walther, 1903) hinterließ rund 2000 Aufnahmen auf<br />

verschiedenen Bildträgern. Erst 50 Jahre nach ihrem Tod<br />

wurden diese gesichtet und veröffentlicht. Eine Auswahl<br />

findet sich in dem Band: "Fotografien zwischen Idyll und<br />

Heimatfront" (Appelhans Verlag, 2012, 200 S., 19 Euro)<br />

Von Christine Dohler<br />

Das also war unsere Großmutter: eine visuell und<br />

technisch offensichtlich ungewöhnlich begabte,<br />

moderne Frau." Erst als die Enkelin Sabine Solf<br />

die Fotografien ihrer Großmutter Käthe Buchler<br />

im Städtischen Museum Braunschweig ausgestellt<br />

sieht, öffnen sich ihre Augen. Sie hat nicht nur das Gefühl,<br />

ihre lange verstorbene Oma kennenzulernen, die sich mit<br />

klarem Blick vor allem auch der sozialen Lage der Menschen<br />

im Krieg stellte. Nein, sie erhält auch ein Gefühl für alle anderen<br />

Großeltern, die in Zeiten des Krieges ihre Kinder erzogen,<br />

arbeiteten, lachten, lebten und litten. In den zahlreichen Bildern<br />

spiegelt sich, was unsere Ahnen prägte. Und dank ihrer<br />

Großmutter bleibt vieles bis heute sichtbar.<br />

Im Alter von 19 Jahren heiratete die junge Käthe den<br />

Sohn des Inhabers einer örtlichen Fabrik. Mit Walther Friedrich<br />

Theodor Buchler bekam sie eine Tochter (Ellen, 1896)<br />

und einen Sohn (Walther, 1900). Als der Jüngste ein Jahr alt<br />

war, widmete sie sich ihrem Hobby. Eigentlich wollte Käthe<br />

Buchler Aquarelle und Ölgemälde erschaffen. Doch des Maiens<br />

wurde sie schnell überdrüssig, viel zu lange dauerte es, bis<br />

ein Bild entstanden war. Außerdem war sie seit Kindstagen<br />

fast taub und suchte über das Visuelle einen anderen Zugang<br />

zu Menschen. Durch Fotografien konnte die Tochter aus gutbürgerlichem<br />

Hause schneller zeigen, was sie wahrnahm -<br />

und wie. Deshalb schaffte sie sich eine Kamera an und richtete<br />

sich im ersten Stock in ihrer Villa am Löwenwall in Braunschweig<br />

eine Dunkelkammer ein, in der sie zunächst Bilder<br />

ihrer Familie selbst entwickelte. Dabei mutete sie den Kindern<br />

eine Geduldsprobe zu. Oft verschwanden diese blitzartig<br />

in einem Versteck, wenn die Mutter mit dem Fotoapparat<br />

um die Ecke kam. Denn das bedeutete für sie oft langes<br />

Stillhalten. 1906 wollte Buchler ihr Fachwissen erweitern<br />

und belegte einen Kurs in der Photo graphischen Lehranstalt<br />

des Berliner Lette-Vereins und holte sich zusätzlich Tipps von<br />

dem Profifotografen Wilhelm Müller. Sie durfte sein Atelier<br />

nutzen und konnte über ihn Material beziehen.<br />

Bald danach baute sie ihre auf einem Stativ montierte<br />

Plattenkamera auch im öffentlichen Raum auf. So lichtete sie<br />

im Auftrag des Braunschweiger Rettungshauses, einer Erziehungsanstalt<br />

für sozial benachteiligte Kinder, die Verhältnisse<br />

ab, um für Spenden zu werben. Schließlich dokumentierte<br />

sie auch den Einsatz des Braunschweiger Bürgertums an<br />

der sogenannten Heimatfront: das Leben der verwundeten<br />

Soldaten in Lazaretten; Frauen, die notdürftig in die Rolle<br />

von Männerberufen schlüpften; Kinder, die Glasflaschen und<br />

Büchsen sammelten.<br />

Die Fotografien zeigte sie auf Dia-Abenden einem größeren<br />

Publikum, erlangte dadurch Anerkennung - und erreichte,<br />

dass sich noch mehr Türen öffneten. In ihrem eigenen<br />

Leben mangelte es ihr an wenig, auch nicht an Aufgaben. Sie<br />

fotografierte aus Idealismus. "Was sie beschäftigte, entstand<br />

nicht als ein aus Langeweile geborener Zeitvertreib einer<br />

Dame der Gesellschaft. Sie wurde angetrieben vom Interesse<br />

am Menschen und von dem Wunsch, jene Zeit festzuhalten<br />

und zu überliefern, in die sie geworfen war", sagt ihre Enkelin<br />

Sabine Solf.<br />

Nach dem Ende des Krieges richtete sie die Linse wieder<br />

auf die Geschehnisse in ihrem familiären Umfeld, nur einmal<br />

erstellte sie noch eine Serie von Architekturfotografien. Mit<br />

54 Jahren starb die Fotografin an einem Herzinfarkt. Ihre<br />

Werke verstaubten lange in einem Schrank auf dem Dachboden<br />

- bis ihre Enkel diese entdeckten.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 79


DIE DEUTSCHEN 1916<br />

ZUnt Vertiefen ...<br />

Buchtipps zum Titelthema von der Redaktion<br />

BEWEGEND<br />

Drei deutsche Reiche,<br />

zwei Weltkriege: Käthe<br />

Kollwitz' Tagebücher aus<br />

35 Jahren umfassen nicht<br />

nur elementare Epochen<br />

deutscher Geschichte,<br />

sie zeigen auch den<br />

Wandel ihrer politischen<br />

Einstellung von revolutionärer<br />

Begeisterung bis<br />

zu kritischer Distanz.<br />

Vor allem stellen sie in<br />

wunderbar schlichten,<br />

aber präzisen Formulierungen<br />

die Ängste und<br />

Zweifel, das Leid und die<br />

Hoffnung einer Mutter<br />

und Künstlerin dar.<br />

Käthe Kollwitz<br />

Die Tagebücher 1908-1943<br />

btb 2012, 14,99 Euro<br />

TIEFSCHÜRFEND<br />

Was erlebten die Deutschen<br />

im Ersten Weltkrieg als<br />

Soldaten in Frankreich und<br />

in Russland oder als Zivilisten<br />

an der Heimatfront? Zwei<br />

Historiker schildern eindringlich,<br />

mit vielen Zeitdokumenten,<br />

wie es 1914 zum<br />

Konflikt kam und wie stark er<br />

Deutschland veränderte.<br />

Gerhard Hirschfeld/<br />

Gerd Krumeich<br />

Deutschland im Ersten<br />

Weltkrieg<br />

S. Fischer 2013, 24,99 Euro<br />

ANSCHAULICH<br />

Die Autorin hatte Zugang<br />

zu bislang unbekannten<br />

Quellen und kann dadurch<br />

einige Irrtümer über den<br />

Maler Franz Mare ausräumen.<br />

Sehr anschaulich<br />

erzählt.<br />

Brigitte Roßbeck<br />

Franz Mare. Die Träume<br />

und das Leben<br />

Siedler 2015, 24,99 Euro<br />

SPANNEND<br />

Volker Ullrich, Historiker und<br />

Journalist, weiß, wie Geschichte<br />

packend erzählt wird. Kenntnisreich<br />

schreibt er auch über Karl<br />

Liebknecht und dessen Kampf<br />

gegen den Kaiser.<br />

Volker Ullrich<br />

Fünf Schüsse auf Bismarck<br />

C.H. Beck 2002, 9,90 Euro<br />

EINFACH MÖRDERISCH<br />

Wie kam die Leiche in den Korb? Und wer war der Mörder?<br />

Regina Stürickow rekonstruiert 32 Verbrechen, die von 1890<br />

bis 1960 in Serlin begangen wurden, natürlich auch in der<br />

Kriegszeit. Mit Fotos von Tatorten, Ermittlern, Verdächtigen.<br />

Regina Stürickow<br />

Verbrechen in Berlin<br />

Elsengold 2014, 24,95 Euro<br />

80 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


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Gemetzel auf See: Während des Ersten Punischen<br />

Kriegs kämpfen Rom und Karthago um die Macht<br />

im Mittelmeer. Bei Mylae treffen die Flotten<br />

Karthagos und Roms um 260 v. ehr. aufeinander.<br />

Brandgeschosse entzünden Schiffe, Rammsporne<br />

reißen Löcher in Wände, viele Soldaten<br />

sterben. Am Ende triumphiert Rom


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Mächtiges Karthago<br />

Die Rekonstruktion der Hafenstadt:<br />

Eine hohe Mauer schützt Karthago<br />

vor Angriffen. Im runden Kriegshafen<br />

können Hunderte Schiffe<br />

anlegen (ganz links, oben). Bis zu<br />

400000 Menschen leben in der<br />

Stadt, die meisten von ihnen auf<br />

dem Berg Byrsa. Heute finden sich<br />

nur noch wenige Ruinen aus der<br />

Antike (links unten). Karthagos<br />

Pracht und Macht lassen nur noch<br />

einige archäologische Funde<br />

erahnen, wie diese Münze aus dem<br />

4. Jahrhundert<br />

Von Rauke Friederichs<br />

Es ist das Jahr der Entscheidung. 540 v. Chr. kommt<br />

es auf dem Mittelmeer zu einer gewaltigen Schlacht.<br />

Mit geblähten Segeln, wirbelnden Ruderblättern,<br />

schäumenden Bugwellen schießen 120 Kriegsschiffe<br />

auf die halb so große Flotte des Feindes zu.<br />

Endlich hat das verbündete Geschwader der Karthager und<br />

Etrusker die Griechen vor Alalia auf Korsika gestellt. Beide<br />

Seiten setzen Pentekonteren ein, Kampfmaschinen aus Holz,<br />

gezimmert, vonje 50 Ruderern angetrieben.<br />

Obwohl sie klar unterlegen sind, stellen sich die Griechen,<br />

die Phokäer genannt werden, dem Gegner. Die Übermacht<br />

der Phönizier aus Karthago und ihrer Verbündeten ist erdrückend.<br />

Dennoch stehen sie vor keinem leichten Sieg. Die<br />

Phokäer sind vor wenigen Jahren von den Persern aus ihrer<br />

Heimat vertrieben worden. Auf Korsika haben sie sich eine<br />

neue Kolonie aufgebaut. Diesmal wollen sie ihre Heimat verteidigen,<br />

um jeden Preis.<br />

Für Tausende Männer ist es an diesem Tag ihr letzter<br />

Kampf. Schiffe sinken auf den Meeresboden, reißen Verwundete<br />

und Tote mit in die Tiefe. In Seegefechten setzen die<br />

Mannschaften metallene Sporne am Bug ein, um feindliche<br />

Pentekonteren in den Grund zu rammen. Mit Brandgeschossen<br />

setzen sie die Gegner in Flammen. Am Ende siegen die<br />

Karthager und Etrusker. Die griechische Expansion nach<br />

Westen ist gestoppt.<br />

Nach dem Sieg geht der Stadtstaat aus Nordafrika erst<br />

recht in die Offensive: Noch im selben Jahr schickt Karthago<br />

seinen Feldherrn Malchus mit einem gewaltigen Heer nach<br />

Sizilien, der die Insel zu großen Teilen erobert. Malchus gewinnt<br />

so viel Ansehen, so großen Einfluss, dass er von man-<br />

chen antiken Chronisten gar als König von Karthago bezeichnet<br />

wird. Er hat eine Supermacht geformt. Und wird dennoch<br />

bald zu ihrem gefährlichsten Feind.<br />

Doch zunächst scheint niemand den Aufstieg Karthagos<br />

bedrohen zu können. Als "reich an Schätzen und rau in den<br />

Werken des Krieges" wird Jahrhunderte später der römische<br />

Dichter Vergil den wichtigsten phönizischen Staat beschreiben.<br />

Karthagos Handelsschiffe bringen Kostbarkeiten nach<br />

Nordafrika, ihre Diplomaten schließen kluge Verträge, ihre<br />

Freibeuter plündern fremde Küsten, ihre Armeen verbreiten<br />

Angst und Schrecken. Nur wenige andere antike Imperien dominierten<br />

die Mittelmeerwelt so sehr - und dennoch wissen<br />

wir heute kaum etwas über die Karthager.<br />

Ihre Kultur bleibt geheimnisvoll, mehr Mythos als klar<br />

umrissene Überlieferung. Zahlreiche Fakten haben Ausgrabungen<br />

von Archäologen zur Forschung beigetragen. Doch<br />

die antiken Quellen sind problematisch. Denn über die Entwicklungen<br />

der Großstadt an der heutigen tunesischen Küste<br />

haben fast ausschließlich griechische und römische Autoren<br />

berichtet - und die gehörten überwiegend zu den Gegnern<br />

Karthagos. Karthagos Feinde brannten im 2. Jahrhundert v.<br />

Chr. die Stadt nieder, vernichteten alle Dokumente, streuten<br />

der Legende nach Salz über den Ruinen aus und überbauten<br />

sie später mit einer neuen Siedlung.<br />

Und so entstand im Lauf der Zeit ein Bild von Karthago,<br />

das mit der Wirklichkeit nur bedingt übereinstimmte. Selbst<br />

Altertumsexperten nahmen lange an, dass die Karthager ihre<br />

erstgeborenen Söhne den Göttern opferten. Doch tatsächlich<br />

steckte hinter solchen Gerüchten wohl nicht viel mehr als üble<br />

Nachrede.AlsArchäologenindenRestenderuntergegangenen<br />

"Reich an Schätzen und rau in den Werken des Krieges."<br />

So beschreibt Vergil das antike Karthago<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 85


KARTHAGOS AUFSTIEG<br />

Schätze auf dem Meeresgrund<br />

Amphoren sind die Container der Antike. In ihnen transportieren<br />

phönizische Händler ihre Waren wie Purpur.<br />

Der Farbstoff ist so kostbar, dass er mit Gold aufgewogen<br />

wird. Forscher der National Geographie Society haben<br />

1999 vor der israelischen Küste zwei phönizische Schiffswracks<br />

entdeckt. Sie waren um 750 v. Chr. in einem<br />

Sturm gesunken und hatten Wein geladen (rechts)<br />

Stadt ein Feld mit zahlreichen Kinderskeletten ausgruben,<br />

schien zunächst der Beweis für die Brutalität der Phönizier<br />

erbracht. Hatten die Forscher einen Opferplatz der Karthager<br />

entdeckt - geschahen hier die unfasslichen Taten? Nein,<br />

sagen die Ausgräber. Denn die Überreste der Kleinkinder, die<br />

sie hier fanden, lassen die Karthager keineswegs wie Monster<br />

erscheinen. Ein Fünftel der Bestatteten war bei der Geburt<br />

oder kurz danach gestorben. Eine weitere Überraschung: Die<br />

Mehrzahl der Skelette war weiblich - Mädchen aber kamen<br />

als Opfer nicht infrage. Vermutlich waren die Forscher auf<br />

einen Kinderfriedhof gestoßen, der auf eine besondere Bindung<br />

der Eltern zu ihren verstorbenen Söhnen und Töchtern<br />

hinweist. Es handelt sich um den Schauplatz von Tragödien,<br />

nicht von grausamen Ritualen.<br />

G<br />

egründet hat Karthago eine Tochter des Königs von<br />

Tyros, so erzählen es Sagen der Antike. Diese Prinzessin,<br />

Dido genannt, floh vor ihrem Vater, nachdem dieser<br />

ihren Mann ermordet hatte. Der König gierte nach dem<br />

Schatz von Didos Mann, doch die junge Witwe entkam mit<br />

dem Gold an Bord einer Flotte. Sie fuhr nach Nordafrika.<br />

Dort bat sie die Einwohner, an der Küste eine Stadt errichten<br />

zu dürfen. Die Menschen stimmten zu, wollten der fremden<br />

Königstochter aber nur so viel Land geben, wie sie mit einer<br />

Kuhhaut umspannen könnte. Daraufhin schnitt Dido ein Fell<br />

in sehr feine Streifen, nähte diese aneinander, legte sie aus<br />

und markierte so ein großes Areal am Mittelmeer. Dort entstand<br />

Qart Hadasht, die neue Stadt, die später Karthago hieß.<br />

Eine schöne Legende. Tatsächlich aber begann die Geschichte<br />

Karthagos 814 v. Chr. Kaufleute und Siedler aus Tyros gründeten<br />

sie als eine Handelskolonie in Nordafrika. Die Tyrer<br />

gehörten zu den Phöniziern, einem legendären Volk. "Punier"<br />

nannten sie die Römer. Sie bewohnten einen schmalen Streifen<br />

der Küste im heutigen Libanon und Israel. Als begabte<br />

Seefahrer lebten sie vom Handel. Vor allem ihr Purpur, ein<br />

wertvoller Stoff zum Färben, machte sie reich. Er war so kostbar,<br />

dass er mit Gold aufgewogen wurde. Und die Kaufleute<br />

handelten mit Hölzern aus den Bergwäldern des Libanons<br />

wie Zeder, Wacholder, Pinie und Sandelholz sowie mit Kunsthandwerk.<br />

Homer widmete den Phöniziern einige Zeilen in<br />

seiner Ilias: "Ein Silber-Mischgefäß, kunstvolle Arbeit, konnte<br />

sechs Maß fassen, an Schönheit aber trug's den Sieg davon<br />

auf der gesamten Erde, bei weitem, denn Sidoner voller<br />

Kunstsinn hatten's schön gefertigt. Phoiniker aber hatten's<br />

mitgebracht über das dunkle Meer hin (...) "<br />

Über die See waren auch die Gründer Karthagos gekommen.<br />

Sie wählten für ihre Siedlung einen perfekten Ort: Hier<br />

verengt sich das Mittelmeer zwischen afrikanischer Küste<br />

und Italien. Die Phönizier siedelten auf einer vorgeschobenen<br />

Landzunge in der Bucht von Tunis, mit fruchtbarem Hinterland<br />

und einem natürlichen Hafen, der ganz in der Nähe von<br />

einer der wichtigsten Handelsrouten der Antike lag: dem Seeweg<br />

zwischen dem heutigen Nahen Osten und Spanien. Auf<br />

dem Hügel Byrsa entsteht die Oberstadt, die Unterstadt bildete<br />

sich an der Küste, um den Hafen herum. Bis zu 400000<br />

Menschen sollen hier gelebt haben: eine ungeheure Zahl für<br />

die Antike.<br />

Brackwasser umgab kreisförmig den Kriegshafen, in dem<br />

die Pentekonteren ankerten. Er war das Kraftzentrum des<br />

karthagischen Reiches. Bis zu 300 Kriegsschiffe konnten hier<br />

zu den Glanzzeiten der Stadt anlegen. Nebenan, in einem<br />

rechteckigen Hafenbecken, machten die Handelsschiffe fest.<br />

Die Seefahrer aus Karthago holten Silber von der<br />

Iberischen Halbinsel, Blei und Eisen von Sardinien, Zinn aus<br />

Cornwall. Aus Nordafrika exportierten sie Olivenöl und Getreide.<br />

Sie vertrieben zudem Möbel, Keramik, Parfüm, Stoffe,<br />

Schmuck, Stickarbeiten, Glasflacons und Elfenbeinschnitzereien:<br />

Spitzenprodukte des phönizischen Handwerks. Handel<br />

trieben die Karthager mit Kelten, Galliern, Griechen, Etruskern,<br />

Persern und anderen Völkern.<br />

86 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


Phönizier aus Tyros gründen Karthago. Sie wird<br />

zur bedeutendsten Stadt am Mittelmeer<br />

So wurde Karthago reich, mächtiger gar als die Mutterstadt<br />

Tyros, bislang das Zentrum der Phönizier, das unter<br />

Druck durch Babyion und Persien geraten war. 540 v. Chr.<br />

eroberten die Perser Tyros - auch dieses Ereignis fällt in<br />

das Schicksalsjahr Karthagos. Nun suchten die phönizischen<br />

Städte den Schutz der reichen und mächtigen Schwesterstadt<br />

im Westen. Karthago sicherte nun das Einflussgebiet der Phönizier<br />

im Westen, das von den Säulen des Herakles an der<br />

Meerenge von Gibraltar bis zur Straße von Tunis reichte. Und<br />

der Staat scheute keinen Konflikt.<br />

B<br />

esonders hart rangen Phönizier und Griechen um<br />

Sizilien. Dank ihres Feldherrn Malchus kontrollierte<br />

Karthago bald den Westteil der Insel mit den Städten<br />

Panormo (das heutige Palermo), Motye und Soloeis. Nun<br />

blickten die Herrscher von Karthago nach Nordwesten, nach<br />

Sardinien. Dort unterhielten die Phönizier bereits Stützpunkte<br />

- nun strebten sie die Kontrolle der ganzen Insel an.<br />

Erneut sandte die Stadt ihren besten Feldherrn. Malchus<br />

sammelte seine Truppen, ließ seine Soldaten an Bord einer<br />

großen Flotte gehen und befahl die Überfahrt. Was genau auf<br />

der Insel geschah, bleibt unklar. Sicher ist nur, dass Ma\chus'<br />

Mission in einem Desaster endete. Geschlagen wollte er<br />

mit dezimierter Armee in die Heimat zurückkehren. Doch<br />

Karthago zeigte sich gnadenlos gegenüber dem Verlierer.<br />

Die Regierung verbannte den Feldherrn samt allen seinen<br />

überlebenden Soldaten ins Exil.<br />

Ma\chus aber fügte sich diesem Befehl nicht. Er landete<br />

mit seinen Truppen vor den Mauern der Metropole. Er, der<br />

jahrelang erfolgreich Krieg für seine Heimatstadt geführt<br />

hatte, ließ sich nicht einfach verjagen. Als sein eigener Sohn,<br />

ein Priester, ins Feldlager des Vaters kam, um zu vermitteln,<br />

ließ Malchus ihn ans Kreuz schlagen. Nach der Hinrichtung<br />

stürmten Ma\chus' Männer die Stadt. Zehn Mitglieder des<br />

Ältestenrats ließ er töten. Dennoch gelang es Malchus nicht,<br />

die Macht dauerhaft zu ergreifen. Schließlich verurteilte ihn<br />

der Rat zum Tod. Warum ihn diesmal seine Soldaten nicht<br />

retteten, bleibt im Dunkeln der Geschichte verborgen.<br />

Unklar ist auch, welche gesellschaftliche Gruppe sich im<br />

Machtkampf gegen Ma\chus durchgesetzt hat. Wer überhaupt<br />

in Karthago herrschte, ist unter Historikern umstritten. Die<br />

Mehrheit geht davon aus, dass einige wenige einflussreiche<br />

Familien den Stadtstaat lenkten: Ihre Mitglieder saßen im<br />

Senat und im mächtigen Rat. Antike Schriftsteller wie Platon,<br />

Aristoteles und Cicero sahen in Karthago ein Vorbild für<br />

innenpolitische Stabilität. Und auch von außen wurde die<br />

Stadt lange nicht bedroht.<br />

Hohe Mauern schützten sie, die aus schweren Sandsteinblöcken<br />

bestanden, von denen einzelne bis zu 13 Tonnen<br />

wogen. Dieses Bollwerk am Hafen, mehr als zwei Kilometer<br />

lang, war mit weißem Quaderstuck überzogen: Von See aus<br />

war es schon von Weitem zu sehen.<br />

Durch Karthago liefen enge Straßen, meist nur 2,5 Meter<br />

breit, mit kleinen Steinen gepflastert und in der Mitte mit<br />

einer Abwasserrinne versehen. An den Straßen standen<br />

mehrstöckige Häuser, die direkt aneinandergrenzten. Es gab<br />

vornehme Wohnviertel und auch vom Gewerbe geprägte<br />

Quartiere, in denen Handwerker über oder neben ihren<br />

Werkstätten wohnten. Sie arbeiteten mit Metallen, Stoffen<br />

und Färbemitteln oder fertigten Keramikvasen und Geschirr.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 87


KARTHAGOS AUFSTIEG<br />

Karthago schließt erst mit Rom einen Vertrag. Der<br />

Frieden hält lang, doch dann wächst das Misstrauen<br />

Ein großes Gebiet der Handwerker erstreckte sich südlich des<br />

Byrsa-Hügels bis zum Hafen.<br />

Nach Karthago kamen auch fremde Händler, aus den<br />

italienischen Städten, auch aus dem aufstrebenden Rom. Um<br />

508 v. Chr. schlossen Karthago und Rom wohl ihren ersten<br />

Vertrag: Sie teilten ihre Macht- und Handelsbereiche auf. Der<br />

griechische Geschichtsschreiber Polybios gab dessen Inhalt<br />

wieder: "Mit Schiffen sollen die Römer und deren Bundesgenossen<br />

nicht jenseits des Schönen Vorgebirges fahren,<br />

außer wenn sie durch Sturm oder Feinde dazu gezwungen<br />

werden. c. ..) "<br />

M<br />

it diesem Gebirge könnte Kap Farina gemeint gewesen<br />

sein, damit wäre das gesamte Mittelmeer<br />

westlich von Karthago bis zur Enge von Gibraltar für<br />

römische Schiffe gesperrt gewesen. Eindeutig geklärt ist das<br />

bis heute nicht. Sicher ist, dass die Phönizier bessere Bedingungen<br />

erhielten als die Römer, ihre Verhandlungsposition<br />

war wohl stärker. Denn der Vertrag wirkt merkwürdig einseitig.<br />

Er legte den Karthagern keine Grenzen für Schifffahrt<br />

und Handel auf. Sie versicherten darin aber, die römischen<br />

Verbündeten in Italien nicht anzugreifen. Von Städten, die<br />

noch nicht Untertan der Römer waren, sollten sie sich fernhalten,<br />

und wenn sie eine solche Siedlung erobern sollten,<br />

müssten sie diese später an Rom übergeben.<br />

Fast 270 Jahre lang hielt der Frieden - dann ließ sich die<br />

wachsende Konkurrenz zwischen den beiden Rivalen nicht<br />

mehr mit Diplomatie glätten. Zum ersten Konflikt zwischen<br />

Rom und Karthago kam es 264 v. Chr. auf Sizilien. Die Stadt<br />

Messina hatte gleichzeitig Karthago und Rom um Hilfe gerufen.<br />

Sie fühlte sich vom Tyrannen Hieron II. und dessen<br />

Armee bedroht. Während in Rom der Senat noch über einen<br />

Truppeneinsatz debattierte, handelten die Phönizier. Sie entsandten<br />

Soldaten als eine Schutztruppe für Messina. Das<br />

wiederum alarmierte Rom: Karthago, der alte Konkurrent,<br />

schien zu mächtig zu werden.<br />

Nun fühlten sich die Römer bedroht und schickten zwei<br />

Legionen nach Messina. Deren Einwohner vertrieben die<br />

Schutztruppe aus Karthago, die in einer Burg stationiert war,<br />

und öffneten den Römern die Tore. Diesen Affront ließ sich<br />

wiederum Karthago nicht gefallen und befahl Tausende Söldner<br />

auf die Insel.<br />

Es kam zum Krieg der Großmächte. Karthago gegen Rom.<br />

Ein Kampf, der Geschichtsschreiber und Literaten bis heute<br />

beschäftigt. Der Konflikt um Sizilien und um die Dominanz<br />

im westlichen Mittelmeer dauerte 23 Jahre lang. Er ging als<br />

Erster Punischer Krieg in die Historie ein.<br />

Für Karthago endete er desaströs. 241 v. Chr. sah der Rat<br />

keinen anderen Ausweg mehr: Er beauftragte den Kommandeur<br />

Hamilkar Barkas, den Vater von Hannibal, Frieden mit<br />

Rom zu schließen. Dieser musste den Siegern versprechen,<br />

Sizilien aufzugeben, alle römischen Kriegsgefangenen freizulassen<br />

und 2200 Talente zu zahlen. Eine gigantische<br />

Summe: Der gesamte Attische Seebund, ein Zusammenschluss<br />

zahlreicher Städte um Athen, hatte vier Jahre zuvor<br />

rund 1500 Talente als gemeinsame Steuern eingenommen.<br />

In einem Rekordjahr. Karthago war durch den teuren Krieg<br />

ohnehin schon pleite. Die Strafzahlung überforderte den<br />

Staat. Wie sollte er nun seine Kämpfer entlohnen?<br />

Mehrmals hatten die gekauften Soldaten schon auf ihr<br />

Geld warten müssen. Nun hatten sie genug. In Karthago kam<br />

es zu einem vierjährigen Aufstand der gallischen Söldner,<br />

dem sich nordafrikanische Stämme anschlossen. Mühsam<br />

schlug der Rat die Revolte nieder. Doch währenddessen besetzte<br />

Rom einfach Sardinien - auch Karthagos Stützpunkte.<br />

Das Ansehen als Großmacht hatten die Phönizier eingebüßt,<br />

ebenso die Vormachtstellung im Mittelmeerraum.<br />

Die Elite Karthagos wollte sich damit nicht abfinden. Sie<br />

eroberte große Teile des heutigen Spaniens. Als später der<br />

Feldherr Hannibal versuchte, den vergangenen Glanz zurückzugewinnen,<br />

begann der Untergang Karthagos.<br />

Mit einem gewaltigen Söldnerheer samt Kriegselefanten<br />

zog er 218 v. Chr. von Spanien aus über die Alpen, siegte<br />

in zahlreichen Schlachten, rückte auf Rom vor. Zu einem<br />

Triumph über das Imperium Romanum fehlte indes die Verstärkung.<br />

Im Ersten Punischen Krieg hatte Karthago seine<br />

Flotte eingebüßt, das Meer kontrollierten die Römer. Bei<br />

Hannibals Armee traf kaum Nachschub ein. Mit jedem Sieg,<br />

in jeder Schlacht, wurde sein Heer kleiner. Und es gelang ihm<br />

nicht, genügend neue Verbündete gegen Rom zu gewinnen.<br />

201 v. Chr. endete der Zweite Punische Krieg, Hannibal ging<br />

ins Exil. Karthago verlor sein restliches Imperium.<br />

Knapp ein halbes Jahrhundert später fielen die Römer in<br />

Nordafrika ein. Sie marschierten auf Karthago zu, belagerten<br />

die Stadt, überwanden die Mauern und kämpften die Verteidiger<br />

nieder. Die Römer entfachten eine Feuersbrunst, die die<br />

Häuser, die prächtigen Tempel, den stolzen Kriegshafen verzehrte.<br />

Wer überlebte, wurde versklavt. Der Dritte Punische<br />

Krieg endete 146 v. Chr. mit der völligen Zerstörung Karthagos<br />

- der Stadt und des Reiches.<br />

Die Sieger vernichteten alle Spuren der Karthager. Und<br />

die Geschichte schrieben von nun an nur sie. Die Römer.<br />

Hauke Friederichs war auf einer Tunesienreise<br />

enttäuscht. wie wenige Spuren noch vom alten<br />

Karthago zu finden sind. Wie groß muss der Hass<br />

Roms gewesen sein. dass dessen Legionäre alle<br />

Spuren der Rivalin so gründlich vernichteten?<br />

88 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


Zahlen der Geschichte<br />

Die alten<br />

Ägypter kannten<br />

2000<br />

Gottheiten.<br />

Um durchschnittlich VIER STOCKWERKE<br />

pro Woche wuchs das Chrysler Building<br />

in New York bei seinem Bau von 1928 bis<br />

1930. Für die damalige Zeit ein Rekord.<br />

Chinesen sind durch<br />

MAO ZEDONGS "Kulturrevolution"<br />

ums Leben gekommen.<br />

10 MAL SO VIEL WIE EIN<br />

HOLLÄNDISCHER HANDWERKER IM<br />

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TULPENZWIEBEL ZUM HÖHEPUNKT<br />

DER TULPENMANIE 1636.<br />

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Ereignissen und faszinierenden Personen.


Sie waren die besten Reporter der Geschichte. Sie schöpften aus dem prallen Leben.<br />

Diesmal im Originalton: Walt Whitman schildert die Ermordung Abraham Lincolns<br />

Die populäre Nachmittagszeitung<br />

Washingtons,<br />

der kleine "Evening Star",<br />

hatte (. . .) die Meldung<br />

verbreitet Der Präsident<br />

und seine Gattin werden am heutigen<br />

Abend im Theater sein ( . . . ) Und so<br />

war das Theater bis auf den letzten<br />

Platz besetzt, viele der Damen in ihren<br />

besten und schönsten Kleidern, die<br />

Offiziere in Uniform, viele bekannte<br />

Bürger, junge Leute, der übliche Glanz<br />

der Gaslaternen, der übliche Magnetismus<br />

so vieler Menschen, eine fröhliche<br />

Stimmung, Parfüm, Musik von Geigen<br />

und Flöten ( . . .)<br />

Der Präsident kam zeitig und verfolgte<br />

zusammen mit seiner Frau das Stück<br />

von der großen Staatsloge im zweiten<br />

Rang aus, ursprünglich zwei Logen,<br />

bei denen man die Wand herausgenommen<br />

hatte, üppig in den National-<br />

farben geschmückt. Der Lauf des<br />

Stückes (. . .) ("Unser amerikanischer<br />

Vetter"), in welchem neben anderen<br />

Personen, wenn man sie so nennen<br />

will, ein Yankee, wie man ihn noch<br />

niemals erblickt, jedenfalls gewiß<br />

nicht in Nordamerika, nach England<br />

kommt, mit all dem eitlen Geschwätz,<br />

den Verwicklungen, den Kulissen, wie<br />

sie heute zum populären Theater<br />

gehören (...) war wohl etwa bis zum<br />

zweiten Akt vorgedrungen, als mitten<br />

in dieser Tragödie oder Komödie oder<br />

wie es auch immer genannt werden<br />

mag, wie zum Kontrapunkt, als wolle<br />

die Natur, die Muse selbst, die armseligen<br />

Mimen verspotten, jene Szene<br />

kam, die sich so schwer in Worte<br />

fassen läßt ( . ..) Es gibt in dem Stück<br />

eine Szene, die in einem Salon unserer<br />

Tage spielt und in welcher zwei<br />

formidable englische Damen von dem<br />

formidablen und unmöglichen Yankee<br />

erklärt bekommen, dass er mitnichten<br />

der wohlhabende Mann ist, für den<br />

sie ihn gehalten haben, und folglich<br />

kein attraktiver Heiratskandidat; und<br />

nachdem die Mitteilung gemacht ist,<br />

geht das Trio von der Bühne ab, so dass<br />

diese einen Moment lang leer bleibt.<br />

Eine Pause, und für einen Augenblick<br />

stockte die Handlung. Und das war der<br />

Augenblick, in dem Abraham Lincoln<br />

ermordet wurde. Es war ein ungeheuerliches<br />

Ereignis, dessen Wellen bis in<br />

die weiteste Ferne reichten, eines, das<br />

über Jahrhunderte in die Zukunft<br />

hinaus greift, in die Politik, Geschichte,<br />

Kunst etc. der Neuen Welt, doch der<br />

Mord selbst geschah mit der Unauffälligkeit<br />

und Bescheidenheit eines ganz<br />

alltäglichen Ereignisses - dem Aufplatzen<br />

einer Samenkapsel an einer<br />

Pflanze etwa. Ein Gemurmel hatte sich<br />

92 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


erhoben, während Kulissen geschoben<br />

wurden usw., und in diesem Gemurmel<br />

fiel ein Pistolenschuß, den damals<br />

nicht ein Hundertstel des Theaterpublikums<br />

hörte - und doch wurde es einen<br />

Moment lang stiller - eine unbestimmte,<br />

erschrockene Erregung -, und dann<br />

erhebt sich in der sternenbannergeschmückten<br />

Präsidentenloge plötzlich<br />

eine Gestalt, ein Mann klettert auf die<br />

Brüstung, steht einen Moment lang auf<br />

dem Geländer und springt dann hinab<br />

zur Bühne, ein Sprung von vielleicht<br />

vierzehn oder fünfzehn Fuß, strauchelt<br />

beim Aufprall, bleibt mit dem Absatz in<br />

der üppigen Drapierung (der amerikanischen<br />

Flagge) hängen, fällt auf ein<br />

Knie, kommt sofort wieder hoch und<br />

richtet sich auf, als sei nichts gewesen<br />

(tatsächlich verrenkt er sich den<br />

Knöchel, doch spürt er es zunächst<br />

nicht), und dann geht diese Gestalt­<br />

Booth, der Mörder, in einen schlichten<br />

schwarzen Anzug gekleidet, barhäuptig,<br />

mit vollem, schimmerndem,<br />

rabenschwarzem Haar, die Augen<br />

blitzend vor Entschlossenheit wie die<br />

eines wilden Tieres, und doch mit einer<br />

merkwürdigen Ruhe, in der einen<br />

Hand ein großes Messer - über die<br />

Bühne, nur einen Schritt vom Rampenlicht,<br />

dreht sich dem Publikum zu,<br />

zeigt sein Gesicht von klassischer<br />

Schönheit, erleuchtet von jenen<br />

Basiliskenaugen, gerötet von Verzweiflung,<br />

vielleicht von Wahnsinn - ruft<br />

mit fester Stimme die Worte Sic<br />

sem per tyrannis - und dann geht er<br />

mit weder langsamen noch allzu<br />

raschen Schritten schräg über die<br />

Bühne ab und verschwindet ( . . . )<br />

Einen Moment lang ungläubige Stille<br />

- ein Schrei - Mord wird gerufen - Mrs.<br />

Lincoln beugt sich aus der Loge vor,<br />

Wangen und Lippen aschfahl, und<br />

unwillkürlich zeigt sie auf den Fliehenden<br />

und ruft: Er hat den Präsidenten<br />

ermordet ... Noch einen Augenblick<br />

lang bleibt alles ungläubig still- und<br />

dann der Thmult - dann die Mischung<br />

aus Entsetzen, Lärm, Ungewißheit-<br />

(in der Ferne das Geräusch eines rasch<br />

davongaloppierenden Pferdes) - Leute<br />

drängen sich vor, werfen Stühle um,<br />

durchbrechen Geländer - eine Szene,<br />

die noch wirrer wird durch den<br />

Lärm - ungeheure Verwirrung und<br />

Furcht - Frauen fallen in Ohnmacht­<br />

Gebrechliche stürzen nieder und<br />

geraten unter die Füße der Mengeüberall<br />

Schmerzensschreie - die breite<br />

Bühne quillt plötzlich über vor dichtgedrängten<br />

Menschen jeglicher Herkunft,<br />

wie ein gräßlicher Karneval - alles<br />

stürmt dorthin - die Kräftigeren unter<br />

den Männern zumindest - die Schauspielerinnen<br />

und Schauspieler in ihren<br />

Kostümen, mit geschminkten Gesichtern,<br />

und der Todesschrecken zeigt sich<br />

durch das Rouge, einige zittern - einige<br />

weinen - die Schreie, die Rufe, verwirrte<br />

Reden - alles verdoppelt, verdreifacht<br />

- einigen gelingt es, von der<br />

Bühne aus Wasser zur Präsidentenloge<br />

hinaufzureichen - andere versuchen<br />

hinaufzuklettern (. . .) Inmitten von<br />

all dem sprengen die Soldaten der<br />

Leibgarde herein, von anderen verstärkt<br />

- (etwa zweihundert alles in<br />

allem) - sie stürmen das Haus, vor<br />

allem die oberen Ränge, in flammender<br />

Wut, attackieren das Publikum regelrecht,<br />

mit aufgepflanzten Bajonetten,<br />

Musketen und Pistolen, rufen Hinaus!<br />

Hinaus mit euch, ihr -söhne! ... So war<br />

diese wilde Szene, oder ein Bild davon<br />

eher, im Theater in dieser Nacht.<br />

Auch draußen ein Menschenauflauf,<br />

schockiert, verwirrt, aufgewühlt, Leute,<br />

denen jeder Anlaß recht gewesen wäre,<br />

die Anspannung zu lösen, und mehrmals<br />

kamen Unschuldige nur knapp<br />

mit dem Leben davon. Ein solcher Fall<br />

war ganz besonders dramatisch. Etwas<br />

hatte die Menge gegen einen Mann<br />

aufgebracht, vielleicht etwas, das er<br />

gesagt hatte, vielleicht geschah es auch<br />

ohne jeden Grund, und sie wollten ihn<br />

tatsächlich an einem Laternenpfahl<br />

aufknüpfen, doch eine Handvoll<br />

heldenhafter Polizisten retteten ihn; sie<br />

nahmen ihn in ihre Mitte und kämpften<br />

sich langsam und unter beträchtlichen<br />

Gefahren den Weg zur Wache<br />

frei ... Es war eine Episode, in welcher<br />

sich das ganze Geschehen spiegelte.<br />

Die erregte Menschenmenge, die bald<br />

hierhin, bald dorthin drängte - das<br />

Dunkel, die Rufe, die bleichen Gesichter,<br />

verängstigte Menschen, die<br />

vergebens versuchten, ins Freie zu<br />

kommen - der Angegriffene, noch<br />

nicht ganz der Meute entrissen,<br />

totenbleich - der stille, entschlossene<br />

Trupp Polizisten, unbewaffnet bis auf<br />

ihre machtlosen Schlagstöcke, und<br />

doch ernst und unbeirrbar auf ihrem<br />

Weg durch die wogenden Massen - es<br />

war eine Szene, die paßte, ein Tribut an<br />

das große Drama des Mordes ... Sie<br />

erreichten die Wache mit dem Geretteten,<br />

den sie zu seinem Schutz für die<br />

Nacht einsperrten, und am Morgen<br />

entließen sie ihn wieder.<br />

Und inmitten dieses Pandämoniums<br />

aus sinnlosem Haß, den Soldaten,<br />

dem Publikum, der Menschenmenge<br />

draußen - der Bühne, den Schauspielern<br />

und Schauspielerinnen, den<br />

Schminktöpfen, Pailletten, Gaslaternen<br />

- rinnt das Lebensblut aus den Adern<br />

des Besten, Größten unseres Landes,<br />

schon steht ihm der Todeshauch auf<br />

den Lippen ... So, flüchtig skizziert, trug<br />

sich der Tod des Präsidenten Lincoln<br />

zu. So plötzlich, in einer Mordtat, die an<br />

Entsetzen nicht ihresgleichen kennt.<br />

Doch er starb ohne Schmerzen.<br />

Entnommen aus:<br />

Georg Brunold (Hg.):<br />

Nichts als die Welt.<br />

Reportagen und<br />

Augenzeugenberichte<br />

aus 2500 Jahren.<br />

684 Seiten. 85 Euro.<br />

Verlag Galiani BerHn<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 93


Rätsel<br />

BESONDERE FRAGEN ZUR<br />

13<br />

1 2 3 4<br />

5 6 7 8 9 10 11 12<br />

14<br />

Geschichte<br />

Das Lösungswort ergibt sich aus den B uchstaben<br />

in den gelben Feldern - in richtiger Re ihenfolge<br />

geordnet. Unter den Einsendern des L ösungsworts,<br />

es bezieht sich auf das Foto unten, ver losen wir<br />

zehn Jahresabonnements von P.M. MA GAZIN<br />

15 16<br />

18<br />

20 21<br />

25 26<br />

30<br />

34<br />

37<br />

38<br />

17<br />

19<br />

22 23 24<br />

27 28 29<br />

39<br />

31<br />

32 33<br />

35 36<br />

40 41 42 43<br />

44<br />

45<br />

46 47<br />

48<br />

49<br />

50 51<br />

52<br />

53 54<br />

55<br />

56 57<br />

58 59<br />

60 61 62<br />

63 64 65 66<br />

67 68 69 70 71<br />

72<br />

73<br />

74 75 76<br />

77 78<br />

79 60<br />

81 82 83<br />

Waagerecht: 1 Abk.: Antriebsschlupfregelung<br />

4 Pfrieme 9 Torfartige Schicht 13 Raumtonverfahren<br />

(Kw.) 14 Fabelname des Katers 15<br />

Platzdeckchen 16 Österr. Schriftsteller t 1942<br />

17 Frauenname 18 Angloamerikanisches Flächenmaß<br />

19 Dt. Bildhauerin und Grafikerin (Käthe) t<br />

20 Heiligenbilder der Ostkirchen 22 Niemand 25<br />

Farbton 27 Englischer weibl. Vorname 28 Frz.:<br />

Gott 30 Ausgangsleistung (engl.) 32 Astwerk 34<br />

Andächtiger 35 Sächsischer Generalleutnant<br />

( ... Hammer) t 1926 37 Storchenartiger Vogel 39<br />

Fruchtbare WüstensteIle 41 Ortsbestimmung 44<br />

Scherzhaft: Schüler 49 Britisch-amerikanisches<br />

Hohlmaß 50 Liliengewächse 51 Hölzerne Wandvertäfelung<br />

53 Ungesäuertes Passahbrot 56<br />

Keynes' Bezeichnung tür den Versailler Vertrag:<br />

... -Frieden 58 Angehörige des japanischen<br />

Ritteradels 60 Schmaler Bergeinschnitt 62 Gereizt.<br />

unruhig 64 Erschöpft 67 Trennpunkte über<br />

Vokalen 70 Hilfsgeistlicher 72 Bei Vorlage zahlbar<br />

(ital.. 2 W.) 74 Billionenfaches einer Einheit<br />

76 Küstenfluss in Polen 77 Dt. Maler (Franz)<br />

t1916 78 Verbindungsbolzen 79 Schweiz.: Aperitif<br />

80 Überbleibsel 82 Männername 84 Wütend<br />

85 Vorname Eulenspiegels 86 Felderträge 89<br />

Hafen auf Fehmarn 91 Poetisch: golden 93 Einfaches<br />

Fahrzeug 94 Truppenunterkunft 96 Arab.<br />

Fürstentum 99 Eselslaut 101 Japanische Stadt<br />

auf Hokkaido 102 Spiel beginn beim Faustball<br />

(Mz.) 103 Kopfschutz 104 Politische Einigung<br />

1914 105 Bäuerlicher Nachfolger 106 Stadt und<br />

See in Nordamerika 107 Kohleprodukt 108 Laubbaum<br />

109 Ozean<br />

Senkrecht: 1 Musik: ziemlich 2 Nahrungsersatz<br />

im 1. Weltkrieg 3 Lat. Vorsilbe: rückwärts<br />

4 Gliedmaßen 5 Mantelartiger Überwurf im MA. 6<br />

Ort westlich von Locarno 7 Vorname des Malers<br />

Nolde t 1956 8 Ugs.: ein neues Jahrzehnt be-<br />

84 85<br />

89 90 91 92<br />

94 95 96<br />

101 102<br />

104<br />

106 107<br />

Lösungswort:<br />

ginnen 9 Vorderindische Völkergruppe 10 Weibl.<br />

Kosename 11 Altersruhegeld 12 Hauptstadt der<br />

Steiermark 21 Früh. Reich am Niger 22 Rallenkranich<br />

23 Marschall Napoleons 111. 24 Frauenname<br />

25 Wüste in Innerasien 26 Hunnenkönig 27<br />

Preisrichter 29 Zitterpappeln 31 Krankentransportgerät<br />

33 Hochherzigkeit 36 Abk.: Oberste<br />

Heeresleitung 38 Span. Anrede: Herr 40 Lachsfisch<br />

42 Griech. Buchstabe 43 Stadt am Niederrhein<br />

44 Postsendung 45 Schwung 46 Luftschiff<br />

Amundsens 47 Freundlich 48 Abk.: anhängend<br />

51 Dt. Farbfernsehsystem (Abk.) 52 Buch der<br />

Bibel 54 Cheruskerfürst 55 Bezeichnung für<br />

unter einem best. Kriegstrauma leidende<br />

Frontsoldaten 57 Saiteninstrument 59 Epoche<br />

61 Bruder des Moses (A. T.) 63 Botanische Anlage<br />

65 Teil von Saudi-Arabien 66 Frz. Schauspieler<br />

(Jacques) t 68 Instandsetzung 69 Lat.. ital.: Meer<br />

70 Frz. Schlachtenort 1916 71 Düngesalz 73<br />

Abk.: vor Christus 74 Tropische Knollenfrucht 75<br />

97<br />

86 87 88<br />

93<br />

98 99 100<br />

105<br />

103<br />

108 109<br />

Überbleibsel 77 Lau, sanft, zart 81 Spechtmeise<br />

83 Kirchenbann 85 Junger Mensch 87 Antiker<br />

Dreiruderer 88 Empfänger, Käufer 90 Belg. Zeichner<br />

t 91 Grabgewölbe 92 Ungezwungen, lässig<br />

93 Tee-, Kaffeegefäß 94 Hafenstadt in Japan 95<br />

Wickel gewand der Inderin 97 Fliegenlarve 98<br />

Wirklich, tatsächlich 100 Weißes liturg. Gewand<br />

102 Schweiz. Flächenmaß<br />

Sie haben zwei Möglichkeiten, das Lösungswort an<br />

P.M. zu schicken: per Postkarte an: P.M. HISTORY.<br />

Kennwort: HISTORY-Rätsel, 20733 Hamburg<br />

oder online unter:<br />

www.pm-magazin.de!gewinnspiele<br />

Einsendeschluss: 12. Januar 2015<br />

Teilnehmen kann nur, wer Postkarte oder Online-Formular<br />

eigenständig ausfüllt und absendet. Ausdrücklich ausgeschlossen<br />

sind Einsendungen, die beauftragte Dienstielster<br />

für ihre Kunden/Mitglieder vornehmen. Mitarbeiter des<br />

Verlags Gruner + Jahr sowie deren Angehörige dürfen nicht<br />

teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />

94 P. M. HISTORY - JANUAR 2016


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"'14 CentIMin. aus dem dt. Festnetz<br />

Lösung<br />

S H 0 P S J e ASS A T A<br />

TAG F A HR T I I L E R<br />

des Rätsels<br />

A G LA I AIN U L. L.!... N<br />

aus 12/2015 RA I ..!1!. NOB ES.!...<br />

N.2...R K elK A o.!... T T<br />

Lösungsworl: SL e l o ...!:... L JJ o B 0 E<br />

HANSESTADT<br />

K l A NG S I IeR U E X<br />

AR T...!...G I I C O..!!JN R2,.<br />

L U E B E e Kle L I T E<br />

E L B Eie N N Are H E RI I N E S<br />

S A L l N El..!.. R A I!!.lS ERB E<br />

L A ENl s P U RI LOOB I ER<br />

A V I S I H E I K E Lli N K A<br />

SEKT I L A OUNGjR ON ER<br />

P R A I Al e ERG E Ni l SE R E<br />

AHN elG AR NIT I E RIA N NI<br />

RAN G E Rl o E REIo E KHA N<br />

K N e F"fE T AGe R erL e E A E<br />

ASCO TIo D E UR"] P UER eE<br />

N U HRl s TAHLH O FIR I N D<br />

K N I L c Hi s R E I T I F I N T E<br />

AG N I IH 0 5 elA N 5 Al e G A L<br />

GEWINNER AUS HEFT 11/2015<br />

Je ein Jahresabo "P.M. Magazin" haben gewonnen:<br />

Daniela Gruber, Wien; Ronny Sc holz, Kraußnitz;<br />

Walfgang Mitiacher, Leonberg; Günter Wahl rabe,<br />

Werdau; Werner Maasch, Markranstädt; Gero Erber,<br />

Tanna; Frank Schulze, Berlin; Klaus Blümel, Hohensee;<br />

Marlene Winkler. Schöllnach; Manika Matzke.<br />

Wolmirstedt<br />

Doppelagent Chapman<br />

-> "Hitlers Geheimagenten"<br />

P.M. HI5TORY 11/2015<br />

Euer Heft "Hitlers Geheimagenten"<br />

war wieder sehr informativ und aufschlussreich.<br />

Einen Mann habe ich<br />

allerdings vermisst: den Doppelagenten<br />

und Topspion Eddie Chapman.<br />

Eddie Chapman war ein Dieb und<br />

Ganove, der von den Deutschen angeworben<br />

wurde, dann aber heimlich<br />

für den britischen Secret Service gearbeitet<br />

hat. Er hätte mindestens auch<br />

einen Artikel verdient. Aber sonst war<br />

euer Heft wieder top. Macht weiter so.<br />

Reinhold Fricke, Braunschweig<br />

Antwort der Redaktion:<br />

Danke für das Lob, das uns sehr freut.<br />

Und ja, Sie haben recht: Eddie Chapman<br />

wäre auch eine Geschichte wert<br />

gewesen. Nur war die Rolle des Doppelagenten<br />

schon besetzt: durch Pujol<br />

alias "Garbo".<br />

Von Anfang an gewusst<br />

-> "Hitlers Geheimagenten"<br />

P.M. HI5TORY 11/2015<br />

Vielen Dank für die interessanten<br />

Artikel in der letzten Ausgabe. Wie<br />

konnten gebildete Menschen Kriege<br />

und Massenmorde planen? Ich widerspreche<br />

Hauke Friederichs, dem Autor.<br />

Am Ende des Artikels über Canaris<br />

schreibt er, dass der Admiral 1944<br />

"sich von den Nazis abgewandt hat<br />

und den militärischen Widerstand gegen<br />

Hit/er unterstützte". Es fällt mir<br />

schwer, daran zu glauben: Für mich<br />

gehört Canaris auch auf die Anklagebank.<br />

Er hat die Kriege mitgeplant,<br />

Erfolge mit dem Führer gefeiert, an<br />

den Massenmorden und am Holocaust<br />

mitgewirkt. So ein intelligenter<br />

Mensch und Offizier muss doch von<br />

Anfang an gewusst haben, was "der<br />

gewöhnliche" Faschismus bedeutet.<br />

Ich halte es für eine falsche Interpretation,<br />

Canaris wie auch andere Offiziere<br />

zu idealisieren: Der Weltkrieg<br />

lief bereits seit fünf Jahren, seine<br />

Planung lag noch weiter zurück. Alle<br />

Beteiligten haben es gewusst.<br />

Antwort der Redaktion:<br />

Galina Greil, per E-Mail<br />

Unser Autor hat sich auf zuverlässige<br />

Quellen gestützt. Dass Canaris vom<br />

Anhänger Hitlers zum Gegner wurde,<br />

ist in der Forschung unumstritten. So<br />

bezeichnen ihn das Deutsche Historische<br />

Museum (OHM) und die KZ­<br />

Gedenkstätte Flossenbürg als Teil<br />

des militärischen Widerstands. Das<br />

OHM schreibt: "Ein Widerstandszentrum<br />

in der Wehrmacht war die militärische<br />

Abwehr unter Admiral Wilhelm<br />

Canaris, der auch die Aktivitäten<br />

seines Stabschefs Generalmajor Hans<br />

Oster deckte."<br />

Heydrich, der Sachse<br />

-> "Hitlers Geheimagenten"<br />

P.M. HI5TORY 11/2015<br />

Kleiner Hinweis zum aktuellen Heft<br />

und dem interessanten Artikel über<br />

Heydrich. Ich glaube, er ist kein Sachse<br />

(wie angegeben), sondern stammt<br />

aus Sachsen-Anhalt ... ansonsten tolles<br />

Magazin!<br />

Thomas Grimm, per E-Mail<br />

Antwort der Redaktion:<br />

Das Land Sachsen-Anhalt wurde erst<br />

im Juli<br />

1947 gegründet. Heydrich<br />

wurde am 7. März 1904 in Halle an<br />

der Saale geboren. Damals gehörte<br />

die Stadt noch zur Provinz Sachsen.<br />

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P.M. HISTORY<br />

Am Baumwall 11<br />

20459 Hamburg<br />

E-Mail: history@pm-magazin.de<br />

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 95


Vorschau<br />

TITELTHEMA<br />

DAS JAPAN DER SAMURAI<br />

Bis ins 19. Jahrhundert war das Reich der Shogune vom Rest der Welt abgeschirmt. Die<br />

edlen Samurai-Krieger sicherten das System ihrer Herren - stets bereit, für sie zu sterben.<br />

P.M. HISTORY schildert das Leben der treuen Kämpfer und ihren Ehrenkodex, beleuchtet<br />

die Sicht europäischer Besucher auf Japan und beschreibt, warum jahrhundertelang<br />

verschwiegen wurde, dass auch Frauen Heldentaten auf dem Schlachtfeld vollbrachten<br />

96 P. M. Hl5TORY - JANUAR 2016


IInpressUIn<br />

Gff GRUNER+JAHRGMBH&COKG<br />

POSTANSCHRIFT FÜR VERLAG UND REDAKTION<br />

Am Baumwallll, 20459 Hamburg<br />

Telefon: 04013703·0, Falc 040/ 3703·5694<br />

Chefredakteur: Florlan Gless (V.i.S.d.Pl<br />

Stellvertretender Chefredakteur und<br />

Redaktionsleiter P.M. HISTORY: Rüdiger Barth<br />

Geschäftsfuhrende Redakteurin/CvD: Bettina Danie!<br />

Art Oirection und Layout: Michael Darling<br />

und Andreas Meiler/desIgn apartment<br />

Redaktion: Christine Dohler (frl. Hauke Friederichs (fr),<br />

Katharina Jakob IfrL T homas Röbke (fr)<br />

Bildredaktion: Juha Franz<br />

Assistenz: Gunhild lubeck<br />

VertagsgeschäftsfUhrung: Dr. Frank Stahmer<br />

Publisher: Alexander $chwenn<br />

Publishing Manager: Eva Zaher<br />

Vertrieb: OPV Deutscher Pressevertrieb<br />

Director Distribution & Sales: Torsten Koopmann<br />

Executive Director Direct Sales: Heiko Hager<br />

Director Brand Solutions: Daniela Krebs<br />

Verantwortlich für den Anzeigenteil: Danlela Krebs.<br />

G+J Media Sales. Am Baumwalill. 20459 Hamburg<br />

Sales Manager: Max Schulz<br />

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Mandy Rußmann<br />

Marketing Director: Sandra Meyer<br />

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Informationen hierzu unter www.gujmedia.de<br />

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Für unverlangte Manuskripte. Fotos und Zeichnungen wird keine<br />

Haftung ubernommen. Bei Leserbriefen behält sich die Redaktion das<br />

Recht auf Kürzungen vor. Die Redaktion ist nicht tur den Inhalt im Heft<br />

veröffentlichter Internet-Adressen verantwortlich.<br />

CI 2015 für alle Beitrage bei Gruner t Jahr GmbH & Co KG.<br />

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck. Aufnahme in Online-Dienste und<br />

Internet und Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM. DVO-ROM<br />

elc. nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verlages<br />

Herstellung: G+J-Herstellung. Heiko BeLitz (ltgJ. S6ren Hohmann<br />

Druck: Prinovls ltd & Co. KG. Betrieb Ahrensburg.<br />

Alter Postweg 6, 22926 Ahrensburg.<br />

Repro: 4mat media, Kleine Reichenstraße 1. 20457 Hamburg.<br />

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Der Export der Zeitschriften der P.M.-Gruppe und deren Vertrieb Im<br />

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Contentvermarktung<br />

DIE WELT DES CHARLIE CHAPLIN<br />

UNGESEHENE BILDER UND PRIVATE NOTIZEN<br />

Der gebürtige Brite war der erste Hollywood-Star, der steinreich und<br />

weltberühmt wurde. P.M. HISTORY erzählt in opulenten Bildern die<br />

Lebensgeschichte dieses so widersprüchlichen wie begabten Künstlers<br />

DAS NÄCHSTE HEFT ERSCHEINT AM 15.01.2016<br />

Syndication: Picture Press, E-Mail.sales@picturepress.de<br />

Sonderdrucke: Koordination: Petra Martens, Anfragen: Isabella Kamauf<br />

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P.M. HISTORY (USPS (10 0017423) is published monthly by GRUNER +<br />

JAHR GMBH & CO KG. Subscriplion price for USA is $90 per annum.<br />

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Periodlcals Postage is pald at Englewood NJ 07631 and additional<br />

mailing offices.<br />

Postmaster: Send address changes 10: P.M. HISTORY. GLP. PO Box 986B,<br />

Englewood NJ 07631.<br />

Anmerkung zu den BHdnachweisen:<br />

Wir haben uns bemüht. sämtliche Inhaber der 8ildrechte zu ermitteln.<br />

Sollte dem Verlag gegenüber dennoch nachgewiesen werden, dass<br />

eine Rechtsinhaberschaft besteht. entrichten wir das branchenubliche<br />

Honorar nachträglich.<br />

P. M. HISTORY - JANUAR 2016 97


Sprengsatz<br />

"Wer nicht an Wunder<br />

glaubt, ist kein Realist."<br />

DAVID BEN-GURION (1886-1973)<br />

Ich glaube nicht an<br />

Wunder. Ich habe zu viele<br />

Oscar Wilde (1854-1900).<br />

irischer Schriftsteller<br />

Es gibt zwei<br />

Arten zu leben.<br />

Entweder so) als<br />

wäre nichts ein<br />

Wunder., oder so)<br />

als wäre alles<br />

ein Wunder.<br />

/<br />

Albert Einstein (1879-1955).<br />

deutscher Physiker<br />

FÜR WUNDER MUSS<br />

MAN BETEN, FÜR<br />

VERÄNDERUNGEN<br />

ABER ARBEITEN.<br />

Thomas von Aquin (1225-1274),<br />

italienischer Dominikanermönch<br />

und Philosoph<br />

F<br />

est auf dem Boden<br />

der Tatsachen stehen<br />

und zugleich<br />

das Unglaubliche für<br />

möglich ha Iten - wie soll<br />

das zusammenpassen?<br />

David Ben-Gurion war<br />

der erste Ministerpräsident<br />

Israels. ,,2000 Jahre haben wir auf<br />

diese Stunde gewartet", begann er am<br />

14. Mai 1948 die Rede zur Staatsgründung.<br />

"Nun ist es geschehen. Wenn die Zeit erfüllt<br />

ist, kann Gott nichts widerstehen." Israels<br />

Gründung war zweifellos ein Wunder. Ein<br />

"zerstreutes und sterbendes Volk ohne<br />

eigenes Land und eigene Sprache", wie es<br />

der spätere Staatspräsident Schi mon Peres<br />

formulierte, fand sich zu einem souveränen,<br />

demokratischen Staat zusammen - in<br />

den Territorien, die die Vereinten Nationen<br />

1947 der jüdischen Bevölkerung im Mandatsgebiet<br />

Palästina zugestanden hatten.<br />

Der mit knapp 20 Jahren aus Polen nach<br />

Palästina ausgewanderte Ben-Gurion hielt<br />

gegen alle Widerstände unbeirrt an seinen<br />

Visionen und Idealen fest. Er wusste: Ein<br />

Wunder fällt einem nicht durch Nichtstun<br />

in die Hände, es braucht diplomatisches<br />

Geschick, viel Einsatz und Arbeit. Ein<br />

Realist weiß, dass es wundersame Fügungen<br />

in der Geschichte gibt, der deutsche<br />

Mauerfall1989 ist ein anderes Beispiel dafür.<br />

"Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein<br />

Realist" - ein Satz, der Hoffnung gibt, dass<br />

selbst der Konflikt zwischen Juden und den<br />

ebenfalls hier siedelnden Arabern endlich<br />

sein könnte.<br />

Das Wunder ist das<br />

einzig Reale, es gibt<br />

nichts außer ihm.<br />

Christian Morgenstern (1871-1914).<br />

deutscher Dichter und Schriftsteller<br />

DAS GROSSE<br />

UNZERSTÖRBARE<br />

WUNDER IST DER<br />

MENSCHENGLAUBE<br />

AN WUNDER.<br />

/<br />

Jean Paul (1763-1825).<br />

deutscher Schriftsteller<br />

Das Wunderbarste<br />

an den Wundern ist,<br />

dass sie manchmal<br />

wirklich geschehen.<br />

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936),<br />

englischer Journalist und Schriftsteller<br />

("Pater Brown"-Krimis)<br />

DAS GRÖSSTE UND<br />

REINSTE WUNDER,<br />

WÄRE ES ALLEN<br />

SICHTBAR, DAUERTE<br />

ABER NUR EINEN<br />

AUGENBLICK, ES FIELE<br />

DURCH DAS HIRN<br />

DER MENSCHHEIT<br />

GLATT DURCH.<br />

Prentice Mulford (1834-1891).<br />

US-amerikanischer Journalist,<br />

Schriftsteller und Philosoph<br />

98 P. M. HISTORY - JANUAR 2016

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