Grün wohnen

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Die Mieterzeitschrift – Juli/August 2016

Grün

wohnen

THEMA

Genossenschaftliche

Aussenräume

PORTRÄT

Leben auf dem

Bauernhof

THEMA

Ein Paar baut ein

Ökohaus


WOHNZIMMER

Wohnung in der Siedlung Meiefeld in Burgdorf, Wohnbaugenossenschaft Meisenweg.

Foto: Nadine Andrey

2 Juli/August 2016 – extra


EDITORIAL

INHALT

Cover: Wohngemeinschaft Grienen Gesewo, Winterthur / Foto: Renate Wernli

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt

man. Ich habe da so meine Zweifel. Mindestens,

was meine Vorstellungen von einem

anständigen Garten betrifft. Farben, Fülle,

Wildwuchs, Natur: je üppiger, desto besser.

Das gilt natürlich auch für unseren Balkon,

mit dem ich mich in meiner aktuellen Wohnsituation

begnügen muss. Umso grosszügiger

statte ich ihn mit allem Möglichen aus,

was Augen und Gaumen erfreut: Beeren, Tomaten,

Bohnen, Kräutern, Aprikosen und

vielen, vielen Blumen – manchmal staune

ich selber, was in Töpfen alles gedeiht. Und

freue mich über das, was der Wind ansät,

den Winter überdauert hat oder sonstwie

unerwartet spriesst. Zwar besuchen meinen

Balkon nicht wie früher unseren Garten Igel

und Salamander, aber immerhin lockt er viele

Schmetterlinge, Bienen und Vögel an.

Ordnung muss sein, findet hingegen mein

Vater. Wehe, eine Ranke tanzt aus der Reihe

oder ein Unkraut wagt sich in ein Beet – jedem

Abweichler macht er kurzerhand mit

Hacke oder Schere den Garaus. Alle Pflanzen

stehen säuberlich in Reih und Glied, was ungeordnet

wuchert, wird gnadenlos zurückgestutzt.

Das entspricht einer Sicht auf die

grüne Welt, die meiner ziemlich entgegenläuft.

Dass solch unterschiedliche Sichtweisen

auch im grossen Massstab anzutreffen

sind, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der

Aussenraumgestaltung von Siedlungen.

Auch dort wurde und wird immer wieder anders

definiert, wie viel formale Gestaltung,

Naturnähe, Nutzbarmachung erwünscht

sind. Die Antworten mögen variieren, eines

jedoch bleibt gleich: das Bedürfnis nach einer

grünen Umgebung, die einen atmen

lässt, einem Freude schenkt, Ruhe bringt.

Dieses Bedürfnis dürfte auch bei meinem

Vater und mir trotz allen Differenzen ganz

ähnlich sein. Vielleicht ist der Apfel doch

nicht so weit vom Stamm gefallen.

Liza Papazoglou, Redaktorin

2 Wohnzimmer

4 Thema

Grüne Zeitreise: Tour d’Horizon über

Aussenräume genossenschaftlicher Siedlungen

8 Porträt

Teilzeitidylle Grienen: Selbstverwaltet leben auf

dem Bauernhof ist nicht nur romantisch

10 Thema

Senkrechtstarter: Grüne Fassaden neu gedacht

12 Interview

Landschaftsarchitektin Sabine Wolf:

«Pärke sollen für alle zugänglich bleiben»

14 Porträt

Ein Paar baut sein Ökohaus:

Natur und Hightech in Harmonie

16 Thema

Im Praxistest: Wie bewähren sich Grünräume

von Siedlungen im Alltag?

18 Tipps

19 Gastkommentar

Ferruccio Cainero über Grün, Blau

und andere Farben des Lebens

IMPRESSUM

extra

Die Mieterzeitschrift

Ausgabe Juli/August 2016

Herausgeber: Wohnbaugenossenschaften

Schweiz, Verband der gemeinnützigen

Wohnbauträger, Bucheggstrasse 109,

8042 Zürich, www.wbg-schweiz.ch

Redaktionelle Verantwortung:

Liza Papazoglou

www.wbg-schweiz.ch/zeitschrift_wohnen

wohnen@wbg-schweiz.ch

Layout, Druckvorstufe, Druck:

Stämpfli AG, Bern, www.staempfli.com

Juli/August 2016 –

extra

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THEMA

AUSSENRÄUME GENOSSENSCHAFTLICHER SIEDLUNGEN

Grüne Zeitreise

TEXT: LIZA PAPAZOGLOU*

Von Flanierorten bis Selbstversorger gärten, gemeinschaftlich

nutzbaren Zonen bis Abstandsgrün, designter

Landschaft bis Urban Gardening: Siedlungsgärten haben

im Lauf der Jahrzehnte ganz unter schiedliche Formen

und Funktionen angenommen. Eine Tour d’Horizon über

genossenschaftliche Aussenräume.

19. Jahrhundert:

Werkstätten und Ziergärten

Die ersten Baugenossenschaften in der

Schweiz entstehen in den 1860er-Jahren in

den Städten. Sie wollen der mit der Industrialisierung

verbundenen Wohnungsnot

entgegenwirken. Platz ist knapp, Grünraum

nicht prioritär. Die Innenhöfe der vorherrschenden

Blockrandbebauungen dienen

denn auch vorwiegend als Nutzflächen und

enthalten statt Bepflanzungen Werkstätten.

Trotzdem findet gegen Ende des Jahrhunderts

das bürgerliche Ideal vom idyllischen

Landschaftsgarten, in dem man flaniert,

seinen Niederschlag auch in Genossenschaftssiedlungen.

Etwa in der ältesten in

Zürich noch erhaltenen Genossenschaftssiedlung,

die von 1893 bis 1898 von der

Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft

(ZBWG) an der Sonneggstras se erstellt

wird – inklusive eines kleinen, feinen Parks. Sonnegg strasse, Zürich, ZBWG, Plan von 1893.

Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

*Recherchen mit freundlicher Unterstützung

von Brigitte Nyffenegger, Landschaftsarchitektin

SIA BSLA, www.umland.ch

4 Juli/August 2016 – extra


THEMA

Foto: Michele Limina

Die Gartenstadtbewegung prägte genossenschaftliche Siedlungen wie hier der EBG St. Gallen von 1913 über viele Jahrzehnte;

zum Teil sind die ehemaligen Selbstversorgergärten noch heute vorhanden.

1910 bis1930:

Grüne Revolution und Gartenstadt

Boomende Städte, grassierende Wohnungsnot,

ungesunde Mietskasernen und Blockrandbauten

um düstere Innenhöfe rufen

Anfang des 20. Jahrhunderts Stadtreformer

auf den Plan. Die Vision: ein gesundes, naturnahes

Leben. Inspiriert sind die Reformer

vor allem von zwei Strömungen: der

Volksgesundheits- und Kleingartenbewegung,

der die Schrebergärten zu verdanken

sind, und dem Modell der «Gartenstadt»,

das der Brite Ebenezer Howards ab 1898

verbreitet. Es folgt der Überzeugung, dass

die Natur sich heilsam auf die Stadt auswirkt

und ihre Bewohner physisch und psychisch

stärkt.

Das ursprüngliche Gartenstadtkonzept

propagiert einen Ring von grünen Trabantenstädten

in der Landschaft, die rund um

eine Zentrumsstadt angeordnet sind; in der

Schweiz wird es so allerdings nie verwirklicht.

Grossen Einfluss auf die Siedlungsentwicklung

übt aber auch bei Genossenschaften

die Gartenstadtidee von Quartieren mit

einem Park in der Mitte und vielen Alleen,

Plätzen und Siedlungsgärten aus. Prägend

ist zudem die Entwicklung bei den öffentlichen

Parks, die sich immer weiter in Wohnquartieren

ausbreiten. Hatten sie früher vor

allem repräsentative Aufgaben, wird nun

Paradebeispiel für den Siedlungsbau der Reformbewegung: Freidorf (dreieckiges

Gelände), Muttenz, Siedlungsgenossenschaft Freidorf, um 1920.

die Nutzung wichtig: Erholung und sportliche

Betätigung sollen möglich wer den. Folgerichtig

entstehen Spielwiesen, Sport- und

Badeanlagen, Pavillons und Festwiesen.

All diese Strömungen prägen die Siedlungsgrünräume.

Ab den Zehnerjahren entstehen

differenzierte, klar strukturierte

Aussenräume mit privaten und halböffentlichen

Räumen. Grosse Grünzonen oder Innenhöfe

können von den Bewohnenden gemeinsam

benutzt werden und verfügen nun

Foto: Bildarchiv Kant. Denkmalpflege Baselland, Luftaufnahme, 2008

ähnlich wie öffentliche Parks über Freizeitund

Spielzonen. Gleich zeitig dienen private,

praktisch gestaltete Hausgärten dem Anbau

von Gemüse und Obst. Bei ihnen steht

die Funktion im Zentrum; klar abgetrennte

Räume und geometrische Formen herrschen

vor. Solche Selbst versorgergärten

werden im Rahmen der Anbauschlacht

während des Zweiten Weltkriegs besonders

wichtig – und sogar zur Bedingung für die

Subventionierung von Wohnbauten.

Juli/August 2016 –

extra

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THEMA

1930 bis 1950: Einzug der Moderne

Neubühl, Zürich, Genossenschaft Neubühl, 1932.

Das «Neue Bauen» ändert zwar vorerst wenig

am grundlegenden Konzept der Reihenhaussiedlung

mit eigenen Gärten, revolutioniert

aber die Architektur: Nüchterne,

funktionale Gebäude lösen verspielte Häuschen

ab – frei nach dem Motto «Flachdach

statt Giebel». Als Gegengewicht zum Haus

soll der Garten dafür einen wildästhetischen

Kontrast setzen. Das Aussengrün

wird naturnaher: Trennende Zäune

zwischen den Gartenparzellen machen

Plattenwegen oder durchlässigen Staudenpflanzungen

Platz, der Gartensitzplatz am

Haus wird mit einer Rasenfläche zum Erholen

und Spielen ergänzt, Pflanzen und malerische

Gehölze säumen ihn und leiten optisch

über in die freie Landschaft – der

«Wohngarten» ist geboren. Ein Paradebeispiel

dafür ist die Genossenschaftssiedlung

Neubühl in Zürich Wollishofen, die international

auf viel Beachtung stösst.

Foto: gta Archiv / ETH Zürich,

Emil Roth; ETH-Bildarchiv e-pic

1950 bis 1970:

Parklandschaften und grosse Würfe

Nach dem Krieg erlebt die

Schweiz einen Wirtschaftsboom.

Die Wohnnachfrage

steigt, erste Gesamtüberbauungen

und Hochhäuser werden

erstellt – aus der Gartenstadt

wird die Stadtlandschaft.

Es entstehen moderne Parklandschaften.

Beton hält Einzug,

und unter gestalterischen

Einflüssen vor allem aus Japan,

Skandinavien und den

USA öffnen sich die Wohngärten

der Nachkriegsmoderne

wieder stärker architektonischen

Prinzipien. Es wird

grossflächig gestaltet, gleichzeitig

erfolgt eine Reduktion

auf wenige Pflanzen und Elemente

wie Findlinge, knorrige

Bäume, Baumhaine oder Bodenmodellierungen.

Freiraum

wird als Skulptur verstanden,

die Eigenart der Pflanzen und

Baumaterialien soll erlebbar

werden. Vielbeachtetes Beispiel

ist die kommunale Heiligfeldsiedlung

aus den 1950er-

Jahren in Zürich mit ihrem

grosszügigen öffentlichen

Raum mit modernen Park- und

Spielanlagen. Wohnhochhäuser

in Arealen, die von anonymem

Abstandsgrün geprägt

sind, stossen aber auch auf Kritik,

so etwa das Tscharnergut

in Bern oder die berühmt-berüchtigten

Göhner-Siedlungen

im Zürcher Oberland. Einen

Gegentrend setzen vor allem

private Bauten mit intimen

Aussenräumen, beispielsweise

in Form von kleinteiligen begrünten

Terrassenhäusern.

Heiligfeld, Zürich, städtische

Siedlung und öffentlicher

Park, 1955.

Tscharnergut, Bern,

verschiedene Baugenossenschaften,

um 1960.

Foto: Grün Stadt Zürich

Foto: zVg.

1970 bis 1990:

Ökologie und Funktionalität

Die 1968er-Bewegung zeitigt

Spuren: Gemeinschaftliche

Wohnexperimente werden gewagt,

Umweltthemen geraten

in den Fokus. Biotope werden

angelegt, Robinsonspielplätze

– teilweise selber – gebaut,

Mitgestalten und wildes Wachsen

erhalten Raum – allerdings

nur in Nischen. Wirklich durchsetzen

im Siedlungsbau können

sich diese Strömungen

nicht. Dort orientiert sich die

Gestaltung stark an der Nutzung,

was etwa bei der kommunalen

Siedlung Unteraffoltern

III der Stadt Zürich durch

ein differenziertes

Konzept mit Privatgarten

und begrünten

Pergolas, Spielstrasse

zwischen den

Häuserzeilen, wildem

separatem

Spielplatz und Wildhecken

umgesetzt

wird. Angepflanzt

werden vorzugsweise

heimische Wildpflanzen,

die auch

Lebensräume für

Wildtiere bieten. Das

Bild orientiert sich

an vermeintlich natürlichen

Formen, zunehmend

verzichtet man aber auf eine

naturalistische Gestaltung und

wählt formalere Ansätze.

Robinsonspielplätze gehören

zu den 1970er-Jahren –

hier eine Variante der BG

Brunnenhof, Zürich.

Unteraffoltern III, Zürich, städtische

Siedlung, 1982.

Foto: Giorgio von Arb Foto: Wohnen

6 Juli/August 2016 – extra


THEMA

Ab 1990:

Aussenraum als Architektur

Design ist Trumpf, Aussenraum ist Fortsetzung

der Architektur, die formale Gestaltung

dominiert die Nutzung. Aufsehenerregende

– und oftmals umstrittene – Projekte

entstehen vor allem dort, wo ganze (Industrie-)Areale

zu neuen Stadtteilen umfunktioniert

und mit grosser Geste angelegt

werden, etwa in Zürich Nord. Die genossenschaftlichen

Siedlungen dieser Zeit und ihre

Grünräume sind meist ebenfalls nüchtern

gestaltet, legen aber mehr Wert auf

funktionierende Begegnungsräume, die oft

in verschiedene Zonen unterteilt sind. Im

Zuge der einsetzenden Ersatzneubautätigkeit

werden zunehmend verdichtete Grosssiedlungen

gebaut, in denen auf Privatgärten

meist zugunsten von gemeinsam nutzbaren

Flächen verzichtet wird. Klee, Zürich, GBMZ, 2011.

Foto: Reportair

Natur und Menschen melden sich zurück

Frühes Beispiel mit viel Ökologie und Mietergärten: Brombeeriweg, Zürich, FGZ,

2003.

Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn wird

zu einem wichtigen Thema. Ökologie und

Biodiversität, Selbstversorgung, Teilen, gemeinsam

gestalten, partizipative Prozesse –

ins genossenschaftliche Leben kommt Bewegung.

Viele Genossenschaften bauen

und sanieren energiebewusst und geben

sich Nachhaltigkeitskonzepte, auch für den

Aus senraum. Naturwiesen werden angesät,

Bienenhotels eingerichtet. Die Urban-Gardening-Bewegung

spriesst vor allem in den

Städten und erfasst auch genossenschaftliche

Siedlungen. Statt grosser Parkflächen

werden Gemeinschaftsgärten angelegt, die

von Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam

bewirtschaftet werden; in anderen

Siedlungen tauchen Pflanzkübel oder

schrebergartenähnliche Pflanzbeete auf.

Auch in die Gestaltung und Entwicklung

der Aussenräume werden die Genossenschafter

zunehmend einbezogen, die so

über deren Auftritt mitbestimmen.

Zum Weiterlesen

Icomos Schweiz, Mascha Bisping (Hrsg.): Siedlungsgärten des 20. Jahrhunderts in Basel und Umgebung. Verlag hier + jetzt, Baden 2013,

Reihe Gartenwege der Schweiz. ISBN 978-3-03919-287-8.

Angelus Eisinger: Städte bauen. Städtebau und Stadtentwicklung in der Schweiz 1940–1970. gta Verlag, Zürich 2004. ISBN 3-85676-148-9.

Foto: Schweingruber Zulauf

Bienenhotel der Siedlung Limmatblick,

Dietikon, SGE, 2011.

Partizipativ geplant und naturnah

angelegt: Oberfeld, Ostermundigen,

WBG Oberfeld, 2013.

Foto: zVg.

Foto: Michele Limina

Juli/August 2016 –

extra

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PORTRÄT

LEBEN AUF DEM BAUERNHOF

Teilzeitidylle

TEXT: PAULA LANFRANCONI/FOTOS: RENATE WERNLI

Viele träumen vom selbstverwalteten Leben im Grünen. Die Winter thurer

Wohngemeinschaft Grienen hat diese Vision auf einem alten Bauernhof

verwirklicht. Doch wie romantisch ist dieses Leben tatsächlich?

Station Sennhof-Kyburg. Auf einer waldigen

Anhöhe scharen sich, wie eine kleine Herde,

neun Wohnwagen und zwei Jurten um ein

gelb gestrichenes Bauernhaus. Fröhliches

Kinderlachen ist zu hören. Im Garten spriesst

allerhand Kraut, in einem Plastiktunnel reifen

Tomaten und Peperoni. Auch diverse

baufällige Ställe und Schuppen stehen auf

dem weitläufigen Gelände. Die gesamte Örtlichkeit

hat etwas Märchenhaftes und erinnert

an eine vergessene Idylle irgendwo in

Osteuropa.

Wir sind in der Siedlung Grienen. 21 Erwachsene

und sechs Kinder leben in dieser

selbstverwalteten Wohngemeinschaft. Lina

Obrist, 40, drahtig, gschaffige Hände, tritt

mit einer Tasse Kaffee aus dem Küchenwagen.

Sie lebt seit 15 Jahren in ihrem liebevoll

gestalteten Bauwagen und gehört damit zu

den Grienen-Pionierinnen. Drüben, im modernen

Esszimmer des Bauernhauses, erwarten

uns zwei jüngere Bewohnerinnen:

Die 25-jährige Nora Walti, Mutter einer einjährigen

Tochter, zog vor einem halben Jahr

ins Bauernhaus ein. Vorstandsmitglied Debora

Nenniger, 31, wohnt seit der Geburt ihres

dreieinhalbjährigen Sohnes hier. «Für

meinen Partner war der Grienen Liebe auf

den ersten Blick», sagt Debora Nenniger.

Ideale und Konflikte

Lina Obrist, die Pionierin, wirft einen nüchternen

Blick zurück. Zuerst, im Jahr 2000,

seien es zwei WGs mit rund zehn Leuten gewesen,

die in einer Winterthurer Abbruchliegenschaft

gelebt und entdeckt hätten,

dass der Grienen leer stehe. Da das Bauernhaus

aber zu gross war, habe man zusätzliche

Leute gesucht. Deren Eltern, erzählt sie,

hätten geholfen, das Haus zu erwerben.

«Die Idee war, auf dem Grienen verschiedenste

Lebensentwürfe auszuprobieren.»

Bald seien ein paar Wohnwagen dazugekommen,

allerdings illegal. Dank ausdauernden

Verhandlungen des Trägervereins

konnten die zwölf Wagenplätze 2009 legalisiert

werden.

Mit der Zeit gab es aber Konflikte. Der

Trägerverein warf den Wagenbewohnern

vor, sie würden hier bloss billig leben, aber

nicht mitarbeiten. Die Wagenbewohner erhielten

die Kündigung. Lina Obrist findet die

Einteilung in Wagen- und Hausbewohner zu

simpel: «Die Kündigung traf zu einem grossen

Teil die Falschen, denn es gab auf beiden

Seiten engagierte Leute.» 2014 kam es zum

Eklat: Der Trägerverein löste sich auf. Das

Kapital war weg, der Grienen brauchte dringend

einen neuen Träger. 2015 wurde man

bei der Winterthurer Genossenschaft für

8 Juli/August 2016 – extra


PORTRÄT

27 Menschen wohnen derzeit im Grienen.

Lina Obrist (links), Nora Walti (Mitte) und

Debora Nenniger (rechts) machen dabei

unterschiedliche Erfahrungen.

selbstverwaltetes Leben (Gesewo) fündig.

Inzwischen hat diese das Land gekauft.

Landwirtschaft mit Pflichten

Doch wie romantisch ist das Leben auf dem

Grienen tatsächlich? Vorab ein paar Fakten:

Zum Areal gehören 3,5 Hektaren Land und

Wald. Weil die Wiesen zwingend landwirtschaftlich

genutzt werden müssen, hält die

Gemeinschaft je fünf Milchziegen, Wollschweine

und Hühner. Es gibt verschiedene

Arbeitsgruppen. Lina Obrist ist für die Ziegen

und den Garten zuständig. Jeden Morgen

melkt sie die Tiere und geht dann ihrem

30-Prozent-Pensum als Assistenz einer behinderten

Person nach. Oder sie schaut zum

Gemüse. Für die Selbstversorgung reiche es

aber nicht. Lina Obrist: «Viele Bewohner arbeiten

auswärts und haben nur begrenzt Kapazität

zum Mitanpacken.» So bleibt vieles

an einigen wenigen hoch motivierten Bewohnern

hängen.

Zum Beispiel an Landschaftsgärtner André

Bochsler, der die Wollschweine versorgt.

Oder an Zimmermann und Multitalent Xenon,

der neben der Waldarbeit auch die Wiesen

mäht und für fast jedes Problem eine Lösung

findet. Vieles bleibt auch an Lina Obrist

hängen. Nein, romantisch finde sie das Leben

hier nicht, sagt die Frau mit der sonnengegerbten

Haut. Romantisch hiesse für sie,

zu sechst das Heu einzubringen und dann

zusammen Kaffee zu trinken. Wenn sie aber

allein auf der Heuwiese stehe, sei das recht

zermürbend. Aber eigentlich mag sie nicht

klagen, denn es sei ihr eigener Entscheid:

«Eigenes Gemüse, eigene Milch und Viecher.

Aber», fügt sie bei, «ich möchte das alles stärker

teilen mit Leuten, die so denken wie ich.»

Mehr oder weniger grün

Grünes Bewusstsein gibt es sehr wohl im

Grienen. Aber in Variationen: «Von M-

Budget bis Demeter. Wir könnten durchaus

noch grüner leben», sagen die drei Frauen.

Immerhin hat man die Ölheizung durch eine

Stückholzheizung ersetzt und wärmt das

Bauernhaus nun zu einem Drittel mit eigenem

Holz. Für mehr ökologische Projekte,

zum Beispiel Solarzellen, genügen die personellen

Ressourcen nicht. Denn zuerst müssen

die baufälligen Ställe renoviert werden.

Lina Obrist bringt es so auf

den Punkt: «Um den Grienen

voranzubringen, wäre es ideal,

wenn die Bewohner

höchstens zu 60 Prozent erwerbstätig

wären. Das täte

auch der Gemeinschaft gut.»

Auf seiner Website sucht der

Grienen denn auch neue

Leute, die gerne im Garten

oder beim Heuen mithelfen

und im Idealfall handwerkliche

und/oder landwirtschaftliche

Erfahrung mitbringen.

Allerdings erleben nicht

alle den Alltag hier als anstrengend.

Nora Walti zum

Beispiel findet den Grienen

durchaus romantisch. Die

gelernte Bereiterin arbeitet im Garten mit.

Ihr gefällt vor allem, dass die Kinder hier frei

herumtollen können. Bei Debora Nenniger

indes ist der Elan für das grüne Leben verflogen.

Neben der Familienarbeit und ihrem

60-Prozent-Pensum als Fachfrau Kinderbetreuung

engagiert sich die 31-Jährige auch

im Vorstand des Grienen und springt ein,

wenn es irgendwo brennt. Nun werde es ihr

jedoch zu viel – auch wegen Konflikten, die

die Gemeinschaft immer wieder belasten.

«Ich möchte wieder mehr zu mir finden und

Platz machen für neue Leute», sagt sie.

Eigenes Open Air

Ist also die ursprüngliche Idee, auf dem Grienen

vielfältige Lebensentwürfe zu realisieren,

gescheitert? Pionierin Lina Obrist wirkt

nachdenklich. Sie spielt mit dem Gedanken,

in ein anderes Projekt zu wechseln – eines,

in dem die gemeinsame landwirtschaftliche

Zwölf Wohnwagen gehören ebenfalls zur landwirtschaftlichen

Wohn gemeinschaft.

Arbeit stärker im Zentrum steht. Der Grienen

habe eine schwierige Zeit hinter sich,

stellt sie fest. Aber man habe ein gemeinsames

Ziel verfolgt: das Projekt in die Gesewo

zu retten. Jetzt fehle ein solches Ziel. «Die

Gemeinschaft», stellt Debora Nenniger fest,

«muss sich neu finden. Und dafür braucht es

wohl Begleitung.»

Ob sie in fünf Jahren noch hier sein wird,

weiss Lina Obrist nicht. Losreissen könne sie

sich aber noch nicht. Denn da ist auch das

Grienen Open Air. Und ein Open Air auf dem

eigenen Gelände – das ist für sie das Grösste.

«Megacool», findet es auch Nora Welti. Sie

will unbedingt bleiben und sich stärker

engagieren. Und Debora Nenniger? «Vielleicht

sind wir in fünf Jahren wieder hier»,

antwortet die junge Mutter mit einem

Lächeln.

www.grienen.ch; www.gesewo.ch

Zur Landwirtschaft des Grienen gehören Milchziegen, Hühner und Wollschweine,

a ngebaut werden zudem verschiedene Gemüse.

Juli/August 2016 –

extra

9


THEMA

GRÜNE FASSADEN NEU GEDACHT

Senkrechtstarter

TEXT: DANIEL KRUCKER

Grüne Fassaden sind heute viel mehr als rankender Efeu an

Altbauten. Was alles möglich ist, zeigen spektakuläre Beispiele

aus verschiedenen Ländern.

Einsamer Solitär

Mit dem 117 Meter hohen «Zedern-Turm»

des Italieners Stefano Boeri entsteht im Lausanner

Vorort Chavannes-près-Renens das

höchste Gebäude der Romandie. Stefano

Boeri baute mit dem «Bosco Verticale» bereits

in Mailand einen «vertikalen Wald», der

viel Aufsehen erregte. Nun soll bis 2020

auch die Schweiz ein mit über 6000 Pflanzen

bestücktes Wohn- und Geschäftshaus mit 35

Stockwerken erhalten. Dereinst wird die Fassade

mit Zedern, Eichen und Ahorn bepflanzt

sein, zudem kommen Sträucher in

grossen Töpfen zum Einsatz. Die grüne Fassade

ist nicht einfach spektakulär und Selbstzweck:

Im Sommer hilft die Bepflanzung,

das Gebäude zu kühlen, filtert Feinstaub aus

der Luft und produziert obendrein Sauerstoff.

In Mailand nisten mittlerweile über

zwanzig Vogelarten im «Bosco Verticale».

Auch in Chavannes-près-Renens dürfte neben

Blätterrauschen dereinst das eine oder

andere Pfeifkonzert zu hören sein.

Bilder: zVg.

Wilde

Schönheit

Baumhaushotels sind nichts Neues. Aber in

einem Baumhaus wohnen? Der italienische

Architekt Luciano Pia hat in Turin den Versuch

gewagt und ein ungewöhnliches Haus

mit 63 Wohnungen in einem ehemaligen Industriegebiet

gebaut. «25 Verde» heisst das

fünfstöckige Gebäude, das fast gänzlich aus

Holz besteht und 2012 fertiggestellt wurde.

Der Architekt wollte die Natur in die Stadt

holen und brachte darum gleich 150 Bäume

10 Juli/August 2016 – extra


THEMA

Vertikaler Garten

Der Franzose Patrick Blanc wurde durch seine

«Pflanzenwände» international bekannt.

Seine Technik hat er Ende der 1980er-Jahre

gar patentieren lassen. Mittlerweile gibt es

zahlreiche «vertikale Gärten», die seine

Handschrift tragen. Eines seiner aussergewöhnlichsten

Projekte ist ein privates Wohnhaus

in der Nähe von Brüssel. Süd-, Ost- und

Nordfassade wurden praktisch durchgehend

begrünt. Für Lichteinfall sorgt vor allem die

grossflächige Glasfassade auf der Westseite.

Die Pflanzen, die an der Fassade wachsen,

werden automatisch gegossen. Das Wasser

dafür wird in einem sechzig Zentimeter breiten

Graben rund um das Gebäude aufgefangen

und aufbereitet, und das eigens entwickelte

System zur Bewässerung und Düngung

gewährleistet auch, dass kein Tropfen

ins Hausinnere dringt.

Grüner Vorhang

Bei diesem «Flower Tower» handelt es sich

um ein zehnstöckiges Wohnhaus in einem

Pariser Aussenquartier. Der Architekt,

Edouard François, gehört zu den Pionieren

des «grünen Bauens» und schuf mit diesem

Sozialwohnungsprojekt einen Kontrapunkt

in den teils recht tristen Pariser Vororten.

Das Gebäude selbst ist schlicht und ähnelt in

seiner Grundform den Nachbarhäusern. Den

Unterschied machen die fast 400 grossen

Blumentöpfe, die als vorgefertigte Bauelemente

fest mit dem Gebäude verbunden

sind. In allen Töpfen wurde nur eine Pflanze

gesetzt: Bambus. Gewählt wurde er, weil er

rasch wächst, aber auch wegen seines leise

raschelnden Geräuschs im Wind, das, so der

Architekt, den Bewohnern das Gefühl gebe,

in einem Baum zu schlafen. Auch hier sorgt

ein automatisches Bewässerungssystem fürs

nötige Nass.

an der Fassade an. Sie sollen nicht nur das

Auge erfreuen, sondern dienen auch als

Lärm- und Sonnenschutz. Einige Terrassen

ragen in die Strasse hinein, andere orientieren

sich nach innen und betonen das Schützende.

Die Büsche, Sträucher, Bäume und

Gräser bilden ein Gesamtbild, das einem vertikalen

Park ähnelt. Die im Innenhof gepflanzten

Birken werden in einigen Jahren

das Dach überragen.

Juli/August 2016 –

extra

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INTERVIEW

GESPRÄCH MIT SABINE WOLF, PROJEKTPARTNERIN DES GARTENJAHRS 2016

«Pärke sollen

für alle zugänglich

bleiben»

INTERVIEW UND FOTO: DANIEL KRUCKER

Zum zweiten Mal nach 2006 haben sich zahlreiche

Organisationen für ein «Gartenjahr» zusammengeschlossen.

Im Fokus des Aktionsjahres 2016 stehen der öffentliche

Freiraum sowie dessen Sicherung und Schutz. Projektpartnerin

und Landschaftsarchitektin Sabine Wolf über die Folgen

der Verdichtung für Grünräume.

Wohnenextra: Das Gartenjahr 2016 stellt

den öffentlichen Raum als Begegnungsort

in den Fokus. Mit welchen Zielen ist es

gestartet?

Sabine Wolf: Der Zeitpunkt für ein zweites

Gartenjahr war ideal: Das erste wurde vor

zehn Jahren durchgeführt, und in der jüngeren

Vergangenheit fanden mit der Kulturlandinitiative

und dem neuen Raumplanungsgesetz

gleich zwei wichtige politische Abstimmungen

statt, die die Innenverdichtung postulieren.

Deshalb ist es besonders wichtig,

dass freie Flächen – insbesondere in den

Städten – noch stärker geschützt werden.

Und weil der öffentliche Raum uns alle etwas

angeht, muss das Thema breit und mit möglichst

vielen Anspruchsgruppen diskutiert

werden. Das soll das Gartenjahr leisten.

Eines der Hauptanliegen ist die qualitätvolle

Verdichtung. Was ist damit gemeint?

Für eine hohe Qualität in der Verdichtung

sind drei Punkte zentral. Erstens müssen

wirklich geeignete Räume für Verdichtung

ermittelt werden, die dann auch von Anfang

an als integraler Bestandteil des Städtebaus

zu planen sind. Zweitens geht es um bedarfsgerechte

Planung; dabei ist Partizipation ein

grosses Thema. Letztlich ist es die Bevölkerung,

die die Räume nutzt und belebt, und

das funktioniert meistens nur dann wirklich

gut, wenn die aktuellen und/oder künftigen

Nutzer in den Prozess miteinbezogen werden.

Drittens sollte der öffentliche Raum,

und damit auch die Pärke, für alle zugänglich

bleiben. Und dies muss auch erkennbar sein:

Heute kann ich selbst als Expertin manche

Räume nicht mehr «lesen» – sind sie nun öffentlich

oder privat oder privatisierte öffentliche

Räume? Deutlich zeigen das ein, zwei

«Freie Flächen müssen

noch stärker geschützt

werden.»

Negativbeispiele in Zürich West. Für all das

braucht es eine sorgfältige Planung. Das ist

nicht gratis und franko zu haben. Zudem sind

Grünräume dynamische Orte, das heisst, sie

entfalten erst im Laufe der Zeit ihre volle

Nutzungsqualität. Dazu brauchen sie Pflege

und Schutz.

Eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung

wünscht sich immer noch das Einfamilienhaus

im Grünen. In den Städten gibt es

12 Juli/August 2016 – extra


INTERVIEW

*Sabine Wolf (43) studierte Stadtplanung. Die Landschaftsarchitektin BSLA promovierte

2011 an der ETH Zürich und ist seit 2010 Chefredaktorin der Schweizer Fachzeitschrift

für Landschaftsarchitektur «anthos». Sie beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger

Quartier- und Stadtentwicklung. Von 2008 bis 2014 war sie Vorstandsmitglied der Genossenschaft

Kalkbreite, seit Juli 2014 ist sie Mitglied der Geschäftsleitung.

Wartelisten für einen Platz in Familiengärten.

Woher kommt diese Sehnsucht nach

dem eigenen Fleckchen Erde?

In der heutigen Zeit passiert alles schnell,

vielen Menschen geht es zu schnell. Es erstaunt

mich darum wenig, dass es diesen

Wunsch zurück zum menschlichen Massstab

gibt. Das Thema Nachhaltigkeit spielt sicher

auch eine Rolle und der persönliche Bezug

zum Ort. Ganz deutlich zeigt sich das zurzeit

an der Zollstrasse in Zürich, wo die Genossenschaft

Kalkbreite einen Neubau plant. Bis

die Bagger auffahren, gibt es dort einen temporären

Garten, der im Quartier extrem gut

ankommt. Immer mehr Leute wollen wissen,

woher die Lebensmittel stammen. Und natürlich

hat der Boom des Gärtnerns auch damit

zu tun, dass man nicht mehr muss, sondern

kann. Wir stehen nicht mehr unter

Druck, Gemüse für den Eigengebrauch zu

ziehen – wir können uns diese Freiheit leisten.

Daraus entstanden ist beispielsweise die

urbane Landwirtschaft, wo sich Leute zusammenschliessen

und Lebensmittel lokal

und fair produzieren. Im Idealfall helfen sie

selber bei Produktion und Verteilung mit.

Solche Projekte macht man nicht einfach,

weil es gerade schick ist, sondern dort wird

ernsthaft über neue Stoffkreisläufe nachgedacht.

Der Balkon bleibt für die meisten von uns

der einzige Ort, wo wir den grünen Daumen

trainieren können. Was wächst am

besten in Töpfen und Kisten?

Am besten einfach nach Lust und Laune

ausprobieren! Es gibt wunderbare Pflanzen,

die sehr einfach zu pflegen sind. Auch auf einem

Balkon kann Gemüse geerntet werden.

Wer Freude am Grün hat, begibt sich auf eine

Art Forschungsreise. Spannend finde ich zum

Beispiel Bepflanzungen, die gezielt Wildbienen

unterstützen. So kann jede und jeder dazu

beitragen, die Biodiversität in der Stadt zu

erhalten oder zu erhöhen.

Seit Jahrhunderten sind Pärke klassische

Erholungsräume in unseren Städten. Was

zeichnet einen guten Park aus?

Es gibt nicht den guten Park. Vielmehr ist

ein guter Mix wichtig. Einen Park sollte man

auch als Zeitzeugen lesen können, der eine

bestimmte Epoche markiert. Darum mag ich

Gartenjahr 2016

zum Beispiel den viel kritisierten MFO-Park –

eine Art begehbare begrünte Gitterkonstruktion

– in Zürich Nord. Daneben braucht es

auch Pärke, die sich der Volksparkidee verpflichten,

Orte also, die grosse Wiesen bieten,

Schatten, Wasser, Spielgeräte. Wichtig für alle

Grünanlagen ist, dass sie nicht unsachgemäss

kaputt gepflegt werden – oder gar

nicht. Als Orte der Erholung sind sie für die

Bevölkerung nämlich sehr wichtig. In Zukunft

sogar noch mehr, wenn man bedenkt,

dass immer mehr Menschen weltweit in

Städten leben. Je grösser die Städte, umso

wichtiger ist die Sicherung der Freiräume.

Bäu me werden eine noch viel bedeutendere

Rolle einnehmen, weil sie für das lokale Klima

sehr wichtig sind. Für die Kühlung der

Städte sind auch Kaltluftschneisen ein grosses

Thema. Das sind thermische Ströme, denen

man innerhalb der Stadt Raum geben

muss. Werden diese zugebaut, überhitzen die

Städte, und es fehlt an Frischluft.

Die Kampagne «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen» setzt sich für den Erhalt und

die Entwicklung von Freiräumen und Gärten ein. Unter www.gartenjahr2016.ch gibt es

mehr Informationen über die Kampagne und die zahlreichen Veranstaltungen, die in der

ganzen Schweiz durchgeführt werden.

Juli/August 2016 –

extra

13


PORTRÄT

ÖKOLOGISCH WOHNEN

Natur und Hightech

in Harmonie

TEXT: LIZA PAPAZOGLOU/FOTOS: MARTIN BICHSEL

Holz, Lehm und Stroh aus der Region, eigene Wasserversorgung, eigenes

Stromnetz: Ein Paar hat im freiburgischen Villarepos ein Haus gebaut, das

fast vollständig kompostierbar ist und autark funktioniert. Bis die

nachhaltige Vision Realität wurde, brauchte es aber eine gehörige Portion

Hartnäckigkeit, Geduld und Mut zum eigenen Weg.

Eigentlich müsste es einfach sein. Schliesslich

haben Menschen über Jahrtausende ihre

Behausungen aus natürlichen Materialien

gebaut, und gleichzeitig sind energiesparende

Technologien heute hochentwickelt.

Das wenigstens dachten Sibylle Kamber und

Cédric Berberat, als sie 2009 beschlossen,

ihre Vision eines nachhaltigen Hauses zu

verwirklichen: «Wir wollten ohne Beton

oder bedenkliche Stoffe, dafür mit nachwachsenden

Materialien aus der Region

bauen und unabhängig von Stromanbietern

sein», fasst Sibylle Kamber ihre Motivation

zusammen.

Bis die Lebensmittelingenieurin und der

IT-Spezialist ihr Traumhaus beziehen konnten,

brauchte es allerdings einiges. Vor allem

eine intensive Auseinandersetzung mit der

Materie, Hartnäckigkeit und Überzeugung

für die eigenen Ideen. So betrieben Sibylle

Kamber und Cédric Berberat Internetrecherchen,

machten Anfragen bei Verbänden und

Experten, informierten sich über Labels, verglichen,

suchten unvoreingenommene Partner.

Das war bisweilen ernüchternd, denn

immer wieder mussten sie feststellen, dass

viele Produkte und Dienstleister bei genauerem

Hinsehen «pseudo-öko» sind.

Ein steiniger Weg

Trotzdem kristallisierte sich mit der Zeit heraus,

wie das Haus gebaut werden musste,

um ihren Vorstellungen zu genügen. Wobei

die beiden notgedrungen viel Eigenexpertise

entwickelten. Erstaunlich ratlos etwa sei das

Feuerinspektorat gewesen, als sie mit ihren

Ideen von Lehmwänden und Holzelementen

mit Strohdämmung anklopften, erzählt Sibylle

Kamber. «Geht nicht», hiess es. Erst als

sie selber mit entsprechenden EU-Werten belegen

konnten, dass so ein Haus sogar weniger

schnell als Beton brennen würde, erhielten

sie die Bewilligung. Ähnliche Hürden

gab es immer wieder.

Seit einem Jahr aber steht nun das Ökohaus

am Rande des 600-Seelen-Dorfes Villarepos

im idyllischen Hügelland hinter dem

Murtensee. Vom üblichen Einfamilienhäus-

14 Juli/August 2016 – extra


PORTRÄT

ZUR PERSON

Sibylle Kamber (45) ist es ernst mit dem

Umweltschutz. Zusammen mit ihrem Partner

Cédric Berberat hat sie ein kompostierbares

Ökohaus gebaut. Für Laien ein anspruchsvolles

Unterfangen.

cheneinerlei hebt sich das Gebäude mit der

nüchternen Holzfassade deutlich ab. Diese

verrät aber genauso wenig wie das moderne

Innere, wie viel Aussergewöhnliches in seinem

«Innenleben» steckt: Natürliche Materialien

sind mit einem ausgeklügelten Hightechsystem

zur eigenen Trinkwasser-, Energie-

und Wärmeerzeugung kombiniert.

Natur …

Das Fundament des zweistöckigen Einfamilienhauses

mit Studio bilden Stampflehm

und eine Kiesschicht. Darauf ruht der Keller

aus mächtigen jurassischen Kalksteinen. Böden

und Wände bestehen aus Holzelementen,

die die Besitzer mit Kleinballen aus gepresstem

Bio-Weizenstroh und Schafwolle

eigenhändig gedämmt haben – «über tausend

Ballen haben wir zusammen mit Freunden

in die Wände geschichtet. Eine Riesenbüez!»,

so Sibylle Kamber. Zudem isolieren

eine Hanf-Jute-Schicht, Schilfmatten und

Lehmputz die Wände. Grosse Fenster erlauben

passive Sonnennutzung, zwei Stampflehmwände

dienen als Wärmespeicher. Zu

einem natürlichen Verfahren griff man auch

bei den Tadelakt-Duschwänden: Dieser marokkanische

Kalkputz wird mit Seife verdichtet

und dadurch wasserabstossend. «Kompromisse

haben wir nur bei den Silikonfugen

und der Kautschukabdichtung des Dachs gemacht»,

sagt Sibylle Kamber. Nirgends wurde

geleimt, keine giftigen oder umweltschädlichen

Stoffe sind verbaut worden – was sich

im gänzlichen Fehlen der üblichen chemischen

Neubauausdünstungen bemerkbar

macht. So könnte das ganze Haus problemlos

rückgebaut und sogar kompostiert werden.

Obwohl nur traditionelle Materialien verwendet

wurden, stellte der Bau das Paar vor

einige Herausforderungen. Das begann

schon bei der Suche nach Planern und Architekten,

erinnert sich Sibylle Kamber: «Heute

werden diese gar nicht mehr entsprechend

ausgebildet. Alle sagten: Ein Fundament ohne

Beton und Armierungen geht nicht!» Davon

liessen sie sich aber nicht entmutigen

und stiessen schliesslich auf einen achtzigjährigen

Bauingenieur, der sein Metier seinerzeit

noch von der Pike auf gelernt hatte

und die Konstruktion besorgte. Ähnlich

schwierig war die Suche nach geeigneten

Handwerkern. Fündig wurden die Bauherren

dann bei einem Portugiesen im Nachbardorf,

der die Naturmaterialien gut aus seiner

Heimat kennt und zusammen mit Landsleuten

Fundament und Lehmwände bauen

konnte.

«Wir stellten fest, dass

viele Produkte und Dienstleister

‹pseudo-öko› sind.»

… und Hightech

Ebenso wichtig wie ein ökologischer Bau

war Sibylle Kamber und Cédric Berberat die

Selbstversorgung. Ein 10 000-Liter-Wassertank

in der Erde vor dem Haus sammelt Regenwasser

vom begrünten Flachdach. Gereinigt

wird es über Aktivkohle und mechanische

Filter, in den Küchen reinigt zusätzlich

ein Osmosefilter das Trinkwasser. Bedenken

wegen Wasserqualität oder gesundheitlicher

Probleme haben die beiden Mittvierziger

keine. Sibylle Kamber meint gelassen:

«Selbst Medikamentenrückstände werden

ausgefiltert.» Brenzlig werden könnten einzig

ausgeprägte Trockenperioden. Für solche

Ausnahmefälle verfügt das Haus über einen

Anschluss ans öffentliche Wassernetz.

Völlig autonom ist hingegen die Energieversorgung

– das Haus ist weder ins örtliche

Strom- noch ins Gasnetz eingebunden. Nur

ein Glasfaserkabel verbindet es mit der Aussenwelt.

Strom, Warmwasser und Heizwärme

werden vor Ort mit einer thermischen

Solar- und einer Photovoltaikanlage produziert.

Ergänzend dazu versorgt ein holzbefeuerter

Lehmofen, der auch ein Kochfach

hat, über Luftrohre in den Wänden die Räume

mit Wärme und heizt auch teilweise den

Wasserspeicher mit. Alle Komponenten sind

durch ein komplexes System miteinander

verbunden; wird etwa viel Solarstrom produziert,

kann dieser je nach Bedarf gespeichert

oder zur Erwärmung des Brauchwassers

genutzt werden. «Vor allem die Speicherung

und die Dimensionierung der Anlagen

waren Knacknüsse», so Sibylle Kamber. So

engagierten sie einen Studenten, der mit einem

Simulationsprogramm die nötigen Berechnungen

anstellte und die anspruchsvolle

Lösung plante.

Bewährungsprobe bestanden

Der ganze Aufwand hat sich gelohnt, wie das

erste Jahr im neuen Heim gezeigt hat. «Wir

hatten immer genug Wärme und Warmwasser.

Seit Ende Januar mussten wir nicht einmal

mehr heizen», resümiert Sibylle Kamber.

Und auch das benzinbetriebene Notstromaggregat

musste nur für ein paar Stunden in

Betrieb genommen werden – und dies, obwohl

mit dem Solarstrom auch das Elektroauto

aufgeladen wird. Einzig im Winter hätten

sie manchmal ein bisschen jonglieren

und beispielsweise wetterabhängig die

Waschmaschine laufen lassen müssen. Und

ja, ein gewisses Umdenken sei nötig. Etwa,

weil man von Nacht- auf Tagstrom wechseln

muss, weil dann der Sonnenstrom anfällt.

Vor allem aber ist das Paar glücklich über

die Wohnqualität. «Das Raumklima ist super.

Alles funktioniert. Wir leben so umweltbewusst

wie möglich. Und dabei haben wir keinerlei

Komforteinbussen.» Einfach war ihr

Weg zwar nicht. Gehen würde ihn das Paar

aber ohne Zögern wieder.

www.sunpower-on.ch

Kein übliches Holzhaus: Die Wände sind

mit Strohballen und weiteren natürlichen

Materialien gedämmt.

Juli/August 2016 –

extra

15


THEMA

GENOSSENSCHAFTLICHE AUSSENRÄUME

Im Praxistest

TEXT UND FOTOS: MICHAEL STAUB

Planung ist das eine, Realität das andere. Zwei Familien erzählen,

wie sich der Grünraum ihrer Siedlung im Alltag bewährt.

«Die Gartenarbeit ist sehr

entspannend.»

«Wenn ich am Morgen die Jalousie öffne,

geht mein erster Blick in den Garten. Als wir

2007 einzogen, gab es nur das Beet mit der

Metalleinfassung. Das steinige Erdreich habe

ich nach und nach mit gutem Humus ersetzt.

Eine Handvoll Pflanzen haben wir

schon länger, etwa diesen japanischen

Ahorn, den Rhododendron oder

die Palme. Die Sommerblumen in

den Töpfen wähle ich jedes Jahr

nach Lust und Laune aus. Und

das hier ist eine Stevia-Pflanze.

Gerade gestern habe ich einige

Blätter für die Tomatensauce verwendet,

anstelle von Zucker. Bis vor einiger

Zeit hatte ich noch viel mehr Blumen. Damals

habe ich nur halbtags gearbeitet und

hatte jeden Nachmittag Zeit zum Gärtnern.

Inzwischen habe ich mein Pensum erhöht.

Diese Buchsbäume hier mag ich sehr.

Man kann sie gut in Form schneiden. Meine

Familie sagt, ich sei die Chefin im Garten. Ich

habe einen guten Bezug zu Pflanzen, mein

Vater war Bauer im süditalienischen Bari. Ich

setze zwar keine Radieschen, aber Blumen

sind auch schön. Es soll sauber und aufgeräumt

sein, schön zum Anschauen. Die Gartenarbeit

ist sehr entspannend für mich, eine

Ablenkung, die Pflanzen sind mir wichtig.

Hier haben alle ihr eigenes Beet und bepflanzen

es so, wie sie mögen. Mir gefallen

diese kleinen Räume, jeder gestaltet sie nach

seinem Geschmack. Unser Garten reicht bis

zu dieser Begrenzung, danach ist fertig. Der

Abwart mäht den Rasen, darum müssen wir

uns also nicht kümmern.»

In der Siedlung Kronwiesen in Zürich Schwamendingen wohnen Nina (53) und

Domenico Ranalli (55) mit Dario (25) und Desiree (19, nicht auf dem Bild).

Die Siedlung Kronwiesen in Zürich der

Baugenossenschaft Vitasana wurde 2007

fertiggestellt. 43 Reihenhäuser sind in

neun Zeilen angeordnet. Jedem Haus ist

ein Pflanzbeet zugeordnet, das die Mieter

frei gestalten können. Markante blaue Elemente

dienen als Geräteschuppen und Reduit

und schaffen einen Sichtschutz. Die

Rasenflächen sind allgemein zugänglich.

16 Juli/August 2016 – extra


«Wir leben seit drei Jahren hier. Zuvor haben

wir in der Stadt Zürich gewohnt. Aus der damaligen

Wohnung hätten wir wegen Umbauplänen

mittelfristig ausziehen müssen,

und so suchten wir in der näheren Umgebung.

An der Siedlung hier schätzen wir die

Nachbarschaftskontakte

und das Gemeinschaftsleben.

Dreimal im Jahr

gibt es ein Siedlungsfest,

im Sommerhalbjahr

trifft man sich auch

«Wir verbringen viel

Zeit im Park mit seinem

Weiher.»

häufig auf der grossen Piazza zwischen den

Häusern. Die Vernetzung ist gut, gerade unter

Familien mit kleinen Kindern. An den Festen

trifft man dann auch andere Nachbarn,

manche haben erwachsene Kinder. Auch

Pflegewohnungen gibt es in der Siedlung.

Direkt nebenan liegt der Griespark mit einem

Weiher und vier grossen Spielplätzen.

Wir verbringen viel Zeit im Park und in der

näheren Umgebung. Das ist das ganze Jahr

über ein tolles Umfeld. Im Winter war zum

Beispiel der Weiher gefroren, da konnten wir

mit den Kindern ‹Eisbrechen› spielen. Im

Frühling oder Sommer gibt es oft junge Enten,

das ist schön. Die Bäume im Park mussten

vor einiger Zeit ersetzt werden, darum

gibt es dort nicht so viel Schatten. An heissen

Tagen halten wir uns deshalb anderswo auf.

Gärtnern kann man hier auch. Ich habe

mit einigen Töpfen auf dem Balkon begonnen,

und dann haben wir erfahren, dass wir

direkt hinter unserem

Haus ein paar Beete anlegen

dürfen. Jetzt ziehen

wir hier Rüebli, Salat und

Tomaten. Den Balkon

nutzen wir fast nur noch

zum Essen, wir sind meistens auf der Piazza

oder im Grünen.»

Die 2009 bezogene Siedlung Im Gries

in Volketswil gehört der Zürcher Baugenossenschaft

Bahoge. Vier Gebäude mit insgesamt

50 Wohnungen bilden die Ecken

einer grossen Piazza, die als Herzstück der

Siedlung funktioniert. Die Siedlung liegt

unmittelbar neben dem Griespark, einer

früheren Kiesgrube, die mit grosser Sorgfalt

zum Spiel- und Erholungsort umgestaltet

wurde.

In der Siedlung Im Gries in Volketswil

leben Manuela Peter Cro (40) und Mario

Cro (39) mit Serena (5) und Marilena (3).

Juli/August 2016 –

extra

17


TIPPS

FUNDSTÜCK

TIPPS

Meine grüne Oase

Pflanzen gefallen, beruhigen und sorgen für gute Luft. Nach Balkonkünstlerinnen

und Stadtgärtnern sind heute auch wieder Innenbegrüner im Trend.

Sackgsund –

der Garten im Sack

Gemüse anbauen auf dem Balkon oder

der Terrasse? «Sackgsund» verspricht

eine einfache und praktische Lösung –

auch für alle, die nicht mit einem grünen

Daumen gesegnet sind. Als Beete

dienen bunte transportable Pflanzsäcke

mit zwei Griffen, die so auch leicht zu

zügeln sind. Sie bestehen aus atmungsaktivem

Filzstoff, der wasserdurchlässig

ist und die Pflanzen vor Krankheiten

schützt, die sonst über den Boden aufgenommen

werden können.

Für Unkundige, Zeitsparer und Bequeme

gibt es bereits vorbestückte

Pflanz säcke in verschiedenen Grössen,

die alles Nötige enthalten und nur noch

an ein hübsches Plätzchen gestellt und

gegossen werden müssen. Sie sind in

verschiedenen kulinarischen Varianten

erhältlich, vom Krautigen über den Gemüsemix

oder den Asiatischen bis zum

Beeren-Potpourri. Für ein gutes Gedeihen

sorgt eine spezielle, vorgedüngte

Erde, die alle wichtigen Nährstoffe enthält.

Die Sackgsund-Säcke können aber

auch unbefüllt bestellt und nach eigenem

Belieben bepflanzt werden. Dafür

eignen sich besonders Salate, die

schnell wachsen und wochenlang frisches

Grün liefern, aber auch alle Küchenkräuter

sowie viele Gemüsearten

wie Zucchetti, Gurken, Kohl, Radieschen,

Lauch, Peperoni, Tomaten, Erbsen,

Bohnen oder Kartoffeln.

Entstanden ist Sackgsund vor einem

guten Jahr auf Initiative von acht Gärtnereien.

Mittlerweile können die

Pflanz säcke bei fast dreissig Betrieben

in der ganzen Schweiz direkt bezogen

werden.

Infos, Bezugsquellen und Onlinebestellung:

www.sackgsund.ch

Urban Jungle Bloggers

Für hippe Menschen waren Zimmerpflanzen

lange Zeit ähnlich tabu wie weisse Socken

oder Dauerwellen. Allmählich melden

sich Pflanzen in Wohnräumen aber

zurück – und wie! Als coole Raumgestaltung,

Tischdeko oder Büroauffrischer machen

sie Furore. Aktuelle Inspirationen

und Tipps liefern seit ein paar Jahren die

«Urban Jungle Bloggers» online, im September

erscheint zudem ihr erstes Buch.

Innenbegrünung Swiss made

Klotzen statt kleckern? Innenbegrünungssysteme

machens möglich. Sie sind zwar

nicht ganz billig, vereinen aber Pflanzen

und Design ganz schön gekonnt. Verticalis

Einfach gärtnern

Tipps für den Anbau von Gemüse und

Kräutern auf Balkonen oder im Garten liefert

die übersichtliche iOS-App «Der Gemüse-Gärtner».

Sie enthält Ratschläge für

Aussaat, Anbau, Boden und Düngung und

viele Hintergrundinformationen. Die Basisversion

mit neun Gemüsen und neun

Kräutern ist gratis, die übrigen Sorten

können für 3 (Gemüse) bzw. 1 Franken

(Kräuter) hinzugekauft werden.

App-Store

Grüne Oasen besuchen

Herausragende Gärten, Parks und Plätze

können am Wochenende vom 10. und

11. September an über 360 Orten in der

Igor Josifovic, Judith de Graaff:

Wohnen in Grün. Dekorieren und Stylen mit

Pflanzen. Callwey Verlag, München 2016.

ISBN 978-3-7667-2220-1.

www.urbanjunglebloggers.com

von Hydroplant besteht aus Pflanzplatten,

die wie Bilder an die Wand gehängt werden

können. Ebenso dekorativ ist das System

Pendularis, dessen bepflanzbare Rohre

man beliebig in den Raum hängen und

modular kombinieren kann. Beide Systeme

haben übrigens Schweizer Wurzeln:

Sie wurden vom Institut für Umwelt und

Natürliche Ressourcen (IUNR) der Zürcher

Hochschule für Angewandte Wissenschaften

mit entwickelt.

www.verticalis.ch, www.pendularis.ch

ganzen Schweiz kostenlos besucht werden.

Die Europäischen Tage des Denkmals

2016 schliessen sich dem Gartenjahr 2016

an und präsentieren unter dem Titel

«Oasen» schützenswerte Freiräume von

historischer Bedeutung. So können neben

vielem anderem etwa auch besonders

schöne Privatgärten besucht werden, die

ihre Tore sonst verschlossen halten.

Informationen und Programm:

www.hereinspaziert.ch

18 Juli/August 2016 – extra


GASTKOMMENTAR

Grün ist die

Hoffnung

VON FERRUCCIO CAINERO*

Grün ist die Farbe der Hoffnung – vermutlich, weil es die Farbe

des Lebens ist, und wo Leben ist, ist Hoffnung. Auf Italienisch

sagt man zu Grün «verde». Das kommt vom lateinischen

«virdum», was lebendig, lebhaft bedeutet. Auch wenn

die Hoffnung grün ist, bedeutet aber komischerweise «essere

al verde» (wörtlich: «im Grünen sein») in Italien, pleite zu

sein. Wahrscheinlich kommt das daher, dass früher der untere

Teil der Kerzen grün gefärbt war; wenn die Kerze das

Grün erreichte, war sie verbraucht und hatte nichts mehr zu

geben. Darüber hinaus sagen wir, dass jemand grün wird,

wenn er sich ärgert oder neidisch ist.

Mir gefällt diese Farbe, das Grün unserer Bergwiesen zum

Beispiel, aber gleichzeitig macht es mich ein bisschen melancholisch.

Es erweckt in mir Sehnsucht nach dem Meer. Eh sì,

ich muss zugeben, dass meine Lieblingsfarbe Blau ist, das

Blau des Himmels und des Meeres meiner Heimat.

Jeden Sommer überkommt mich die Lust, zurück ans

Meer zu fahren. Genauer gesagt auf die Insel Grado im

Friaul, wo ich herkomme. Aber im Sommer kommen unsere

Kinder, die jetzt erwachsen sind und weit weg wohnen, uns

besuchen. Sie schaffen es nie, uns

genau zu sagen, wann. Und wie

«Kurz und gut:

Wir sind Bauern

geworden.»

kann ich sicher sein, dass sie nicht

gerade ins Tessin kommen, wenn

wir unsere Ferien am Meer gebucht

haben? Kurzum, da ich zwischen

den Kindern und dem Meer

wählen musste, wählte ich die

Kinder, und so blieben wir in den letzten Jahren im Sommer

zu Hause.

Für mich ist das kein Problem, ich bin immer unterwegs,

immer auf Tournee. Aber für meine Frau, die das ganze Jahr

zu Hause ist? Zum Glück bin ich furbissimo, ein kluger Kopf!

Weil ich weiss, dass meine Frau Gärten über alles liebt, habe

ich mich vor einigen Jahren mit einem Signore aus unserem

Dorf angefreundet. Er ist ein sehr engagierter Biobauer. Ich

habe meine Frau in diese Freundschaft einbezogen, und jetzt

bebauen wir nicht nur einen, sondern drei Gärten. Kurz und

gut: Wir sind Bauern geworden. Meine Frau arbeitet jeden

Tag in einem der Gärten, sie ist begeistert und hat gar nicht

gemerkt, dass wir nicht ans Meer gefahren sind. Wenn unsere

Kinder zu Besuch kommen, sind wir immer zu Hause, meine

Frau kocht wunderbare Menüs, wir sitzen im Garten und

leben von unseren eigenen Produkten, mit denen wir problemlos

eine zehnköpfige Familie ernähren könnten. Und ich,

der Schlaumeier, sitze da mit einem zufriedenen Lächeln.

Foto: zVg.

*Im Gastkommentar schildern Menschen,

die etwas zum Heftthema zu sagen

haben, ihre Erlebnisse und Gedanken.

Ferruccio Cainero (62) ist gebürtiger

Italiener aus Udine, einer Stadt im nordostitalienischen

Friaul. Seit 30 Jahren lebt

er im Tessin, seit 15 Jahren ist er Schweizer

Bürger. Er arbeitet als freischaffender

Autor, Regisseur, Schauspieler und Erzähler.

Man kennt ihn aus der Radiosendung

«Morgengeschichten» von Radio SRF 1.

Dort beschreibt er mit wenigen präzisen

Strichen die Realität unseres Alltags,

mit originellem poetischem Humor und

abseits gängiger satirischer Schemata.

Die Aussagen der Autoren decken sich nicht

zwingend mit der Ansicht der Redaktion.

Wenn ich nur nicht vor ein paar Tagen gehört hätte, wie

meine Frau zu meiner Tochter sagte: «Wie gut, dass deinem

Vater diese Manie vergangen ist, immer ans Meer fahren zu

wollen. Endlich können wir friedlich zu Hause bleiben. Das

ist auch für euch einfacher, wenn ihr uns besuchen wollt. Ich

habe ihn sogar dazu gebracht, sich ein wenig für den Garten

zu interessieren.» Ungläubig fragte meine Tochter: «Und er

arbeitet?» «Naja, arbeiten nicht gerade, er redet vor allem

mit allen darüber, aber immer mit grossem Enthusiasmus.

Als ob er nie etwas anderes gemacht hätte in seinem Leben.

Er beginnt sogar schon, Ratschläge zu verteilen.» Die beiden

lachten herzhaft. Und ich bin in mein Zimmer gegangen und

habe diese Zeilen aufgeschrieben. Es ist wahr: Das Meer ist

tief und unergründlich, aber die Frauen sind es noch mehr.

Aber die Hoffnung ist grün und Grün ist die Farbe des Lebens.

Früher oder später werden mir meine Kinder Enkel

schenken, und im Sommer werde ich, der Grossvater, ihnen

das Blau des Meeres zeigen.

Juli/August 2016 –

extra

19


Für umweltbewusstes Renovieren.

Auch der WWF empfiehlt unsere besonders umweltschonenden Produkte für grosse und kleine Renova tionsarbeiten.

Setzen auch Sie sich für eine intakte Natur ein, indem Sie bei Ihrem nächsten Einkauf auf das Oecoplan

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