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E_1928_Zeitung_Nr.084

E_1928_Zeitung_Nr.084

Ausgabe: Deutsche Schweiz, Plensiso, 9. Oktober 1928. nn Nummer 20 Cts. 24. Jahrgang. — N° 84 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe LJat*** Balbjihrtlen Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Anstand unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern tofern nicht postamtllch besteilt. Zuschlag für postamtliche Bestellung im In- und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegranim-Adresse: Autorerue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die «chtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. {Or die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grossere Inserate nach Seitentarif. Inserateniehtass 4 Tage vor Erseheinen der betreffenden Nummer Der Pariser Automobil-Salon 1928 Zum Geleite. (Paris, die Stadt der Städte, heute noch immer das geistige Zentrum Frankreichs, die Stadt höchster kultureller Bestrebungen, daneben die Stadt hochkultivierter Mode, hat ihren Autosalon eröffnet. Auch diesmal ist er wieder eine Augenweide, nicht nur eine technische Schau, sondern vor allem auch eine Modeschau. Auch das Automobil ist ja der Mode unterworfen. Es geht ihm, wie dem Kleide. Die Dame, die nach dem letzten Geschmacke gekleidet ist, der Fahrer, der den Dernier Cri trägt, sie beide können nicht in einem veralteten Car sitzen, es wäre dies eine Geschmacklosigkeit. Deshalb wetteifern auch die Konstrukteure, der herrschenden Geschmacksrichtung Rechnung zu tragen. Selbstverständlich bleibt der Motor das Wichtigste, gibt er doch dem Wagen Richtung und Kraft. Er vertritt die Zivilisation. Zu ihm muss sich aber die Kultur gesellen und so arbeitet am Personenwagen nicht nur der Ingenieur allein; mit ihm arbeitet der Automobilarchitekt, der Künstler, der dem Wagen Linie und Form, Schwung und Eleganz verleiht. Der Ingenieur hat Unerhörtes erreicht. Der Automotor darf heute als die eleganteste Maschine angesprochen werden. • Seine Leistungsfähigkeit hat sich stark vermehrt; aber je leistungsfähiger er geworden, desto einfacher, klarer und tibersichtlicher ist sein Bau. Und aus dem vibrierenden Herz hat man alle Teufeleien verbannt, die noch vor Jahren den Automobilfahrer in die grösste Verlegenheit bringen konnten. Der Motor ein Herz — und welches Herz kennt nicht seine Launen! Aber diese Launen werden wohl auch in kürzester Frist noch überwunden werden können; eingeweihte Fahrer wissen sie jetzt schon zu bezwingen, so gut man auch die Laune eines Mädchenherzens, sofern man dessen letzte Saiten kennt, mit Leichtigkeit zu überwinden vermag... Die Generation, die mit dem Motor quasi aufgewachsen ist, und die von ihm spricht, wie einst Grossväterchen von seinen Pferden sprach, die heute wagemutig und zukunftsfreudig am Volant steuert, hat auch den alten Stil im Bau des Wagens überwunden. Nicht nur die Frau, sondern auch die Karosse ist der schlanken Linie Untertan geworden. Die Haube ist lang, der Kühler oft hoch und schmal, der Radstand vergrössert, der Bau im Ganzen niedriger und so zwischen den Achsen, dass die Stosswirkung auf ein Minimum herabgesetzt werden konnte. Dazu eine Federung, wie man sie kaum mehr überbieten dürfte. Die Schlankheit hat sich durchgesetzt, die elegante Linie wird besonders durch die vordem Schutzbleche charakterisiert. In reizvollem Schwung verlaufen die breiten Flügel nach hinten. Mit der Eleganz verbindet sich das jugendliche Ungestüm. Der Vorbau bringt den Drang nach vorwärts zum Ausdruck. Auch wenn der Wagen steht, ahnt man die rassige Bewegung, erkennt man die Kräfte, die in den Zylindern nach Befreiung und Nachsichauswirken drängen. " Das Kleid aber ist nicht nur elegant, es ist auch praktisch. Die Innenausstattung ist vollkommen und mit den letzten Finessen versehen. Seit Jahrhunderten zeichnete sich alles Vornehme, alles Hochkultivierte durch eine , Letzten Donnerstag, 9.00 Uhr, wurde der 22. französische Automobilsalon auf den Champs Elysees eröffnet. Freitagmorgen, Punkt 10.00 Uhr, hielt der Wagen des französischen' Präsidenten vor der festlich geschmückten. Fassade des Grand Palais., Ein Ereignis, das sich seit Jahren jeden Herbst/ wiederholt, dem jeder kleine Zeitungsausscherier beiwohnt, wie jede Modekönigen den Rennen von r Longchamps. Eine unabsehbare Menge säumt den Platz. Polizisten in ihren typischcen kurzen Pelerinen bilden Cordon. Eine diensteifrige Hand öffnet den Wagenschlag und Gaston Doumergue überschreitet, gefolgt von seinen Ministern, unter denen wir Tardieu, den Minister des Baudepartementes, Painleve, den Kriegsminister und Chartier, den Sekretär von Aussenminister Briand bemerken, die Schwelle des Automoibilsalons, empfangen von den Mitgliedern des Organisationskomitees. Zylinder heben sich über ehrwürdigen Häuptern, Bücklinge, Händeschüttel, stramm intoniert die Militärmusik des fünften Infanterie-Regimentes einen Marsch. Die Menge streckt die Hälse lang, um sich an der Pracht der vorfahrenden Limousinen zu sonnen. In der Folge entsteigen Vicomte de Rohan, Präsident des Automobil-Clubs von Frankreich, Chiappe, Polizeipräfekt von Paris, Paul Leon und weitere stadtbekannte Persönlichkeiten gewisse Bescheidenheit und durch Unauffälligkeit aus, so ist es auch heute mit dem Automobil geworden. Der wirklich vornehme Wagen muss von distingierter Farbe sein. Das Schreiende, äusserlich Auffallende, das Grelle und Blendende hat diskreten Farben Platz- machen müssen. So hat sich zur Zivilisation die Kultur gesellt. Der höchstleistende Motor hat sich ein elegantes, aber vornehmes Kleid übergeworfen. Mit diesem Kleide tritt er im Pariser Salon auf und weiss sich die Herzen der Menschen im Sturme zu erobern. Man sieht es ihm an, er weiss von der Umwälzung, die er im ganzen heutigen Verköhrsleben gebracht hat. Er kennt den Einfluss, den er im heutigen Wirtschaftsleben auszuüben imstande ist. Er ist davon überzeugt, dass mit ihm die Menschheit weiterschreiten und dass er alle noch vorhandenen Hindernisse mit Leichtigkeit überwinden wird. K. Die Eröffnung. der endlosen Reihe der haltenden Wagen. Der Empfang steht an Pomp hinter keiner. Staatsvisite zurück. In Frankreich Iässt es sich die höchste Regierung nicht nehmen, den Automobilsalon durch ihre Gegenwart zu beehren. Boumergüe und. sein Gefolge besichtigten die. Stände in der imensen Halle. Die Dekoration verdient besonderer Erwähnung. Der ganze Boden ist mit Teppichen im blassen Rot belegt, von dessen warmen Glänze sich das gleissende Metall abhebt. Frisches Grün belebt die ganze Schau. Der Eindruck des bisher in seiner stählernen Konstruktion erdrückend nüchtern wirkende Dachbaus ist dieses Mal durch eine farbige Verkleidung gesöhickt ausgetilgt worden. Die Orientierung über die einzelnen Stände ist sehr übersichtlich. An den grossen Bars staut sich ununterbrochen, die Zahl der Besucher, um nach dem gewaltigen, in seiner Reichhaltigkeit, sinnverwirrenden.Rundung eine Stärkung einzunehmen und sich so nebenbei auch der Menschen zu besinnen, die das Grand Palais bevölkern wie einen überfüllten Bienenkorb. Fast hätte man ob den bestaunten Wundern der Technik vergessen, in Paris zu sein! cLe Salon» ist für zehn Tage das Schlagwort der Weltstadt und das Stelldichein für jenes Paris, das in den Worten unzähliger Dichter immer und immer wiederkehrt. Das Hotelpersonal hat den strengsten Dienst des Jahres; alle Zimmer sind ausverkauft. Die amerikanischen Girls in den Pensionaten bekommen für eine Woche 1 ausser Pommes- Fruits und Anstandsregeln einige unbekannte Gesichter vorgesetzt, die sie mehr interessieren, als die französische Grammatik. Ueberall wird die Konjunktur ausgenützt! Modeateliers und Luxusgeschäfte haben Hochsaison, sollen doch letztes Jahr von den Salonbesuchern weitmehr als 500 Millionen französische Franken liegen gelassen worden sein. Montmartre, die Stadt der Fremden, von deren geschlossenen Türen soviel zu lesen war, erstrahlt in feenhaftem Lichterglanz. Kabarette, Tingeltangels, kleine, versteckte Restaurants, in denen man in zwei Stunden ein Vermögen verspeisen kann, Bars mit zehnseitigen Cocktailverzeichnissen, magisch lockende Dancings: überall Musik, Gesichter, Menschen, Menschen. Eine Viertelstunde an der Place de 1'OpSra ist ein unvergessliches Erlebnis. Ungeheuer, rastlos, wie eine nie endende eiserne Schlange, donnert und hastet der Verkehr an uns vorbei. Erst hier, beim Anblick dieser stählernen Legionen, der hupenden, ungeheuer schnell dahin flitzenden, geschmeidigen und behenden Taxis, erleben wir den Rythmus unserer Zeit, fühlen wir ganz, was das kleine .weltbeherrschende Wort bedeutet: Motor! In seinen Zeichen steht heute der Salon, auf den die Augen des ganzen Kontinentes ge-* richtet sind, steht ganz Paris. V. Ein erster Rundgang. Schlag neun Uhr! Eine unermesslichd' Menge von Schaulustigen überflutet dio Eingänge und ergiesst sich in unruhigem Gewog© durch die zahlreichen Gänge in dia weiten Hallen des Grand Palais, um sich ans jene Stände zu begeben, deren Anblick ein 1 schaulustiges Auge am ehesten anzulocken vermag. Auf burgunderroten und leisen Teppichen, umgeben von stilvollen Möbeln; und prächtig-angenehmen Topfpflanzen ruhen die Schätze der Automobilfabrikan« ten und Konstrukteure, als käme eine Aus-* Stellung von vielen Monaten in Frage. Dia Herren Fabrikanten haben ihre Anordnung gen in sicherem Stil getroffen und stehen] nun am Eröffnungstag — mit verbindli« chem Lächeln — inmitten ihrer Herrlich* keiten. Die Verkäufer, wie immer nach dem letz* ten Schnitt tadellos gekleidet, erwarten er* folgsicher den Besuch der vielen Interessen* ten. Sie sind in jeder Beziehung gerüstet. Haufenweise liegen farbige Katologe und Sir Michaels Abenteuer. Roman ran K. O. R. Brownt. Copyright 1028 by Georg Müller. Verlag. Mönchen. (41. Fortsetzimg) «So!», sagte Mrs. Bytheway triumphierend. «Es wird ihm nichts schaden, sich da drinnen ein wenig abzukühlen! Jetzt werde ich es wieder mit der Polizei versuchen.» Sie segelte gewichtig in einen Winkel der Halle, wo der Telephonapparat stand. Anne ging langsam durch das Haupttor auf die Terrasse hinaus. Mr. Bytheway blickte sich erst eine Weile unentschlossen um, dann schob er in die Bibliothek zurück, ein Asyl gegen die sich überstürzenden Ereignisse suchend. Mr. Cherry hörte erst eine Weile zu, wie seine Gastgeberin sich bemühte, Leben in die verschlafene Telephonzentrale zu bringen, dann wandte er sich um und stieg elastischen Schrittes die Treppe hinan. Innerhalb der Stiefelkammer rang Sir Michael Fairlie mit seinen Gedanken, die ausnahmslos unangenehmster Art waren. Hass dieses Betrügers, Enttäuschung über dessen misslungene Züchtigung, Demütigung, dass Anne Zeugin seiner schändlichen Einkerkerung wurde — alle diese Gefühle kämpften und wallten in ihm. Hauptsächlich, dachte er natürlich an Anne, denn vor den Augen der Angebeteten in eine Stiefelkammer gesperrt zu werden, ist wohl die tiefste Erniedrigung, die man erleiden kann. Es war, wie Mrs. Bytheway gesagt hatte, eine grosse Stiefelkammer, d. h. eigentlich war es eine Kammer, in der auch Stiefel aufbewahrt wurden. Sie war finster und dumpf und Mike, der drinnen herumstolperte, entdeckte bald, dass sie noch andere Dinge als Stiefel beherbergte; harte Dinge mit scharfen Rändern — Besen, Eimer und so weiter. Auch eine Rasenmähmaschine befand sich darunter, mit der sein linkes Schienbein schmerzhafte Bekanntschaft machte. Aber Stiefel herrschten vor. Er gab deren dort eine erstaunliche Anzahl, wie Mike erfuhr, als er, einem unwiderstehlichen Impuls nachgehend, einen wilden Angriff auf die Tür machte — einen Angriff, der ihm nichts einbrachte, als schwer beschädigte Knöchei und einen scharfen Verweis von Mrs. Bytheways entfernter, unbarmherziger Stimme. «Hören Sie mit dem Lärm auf! Sie können die Tür nicht einschlagen... Hallo! Hallo! Ist dort die Polizei-Stelle?»... Nein — die Polizei-Stelle habe ich verlangt!... Mike, der widerstrebend seine Niederlage einsehen musste, Hess von dem Angriff ab, tat einen Schritt zurück, stolperte über einen Besen und kam schwer in einen Eimer zu sitzen. Als er die Hand ausstreckte, um sich zu erhalten, stiess er gegen ein Wandbrett, das sich lockerte und einen Regen von Schuhen über ihn ergoss. Ihm schien der Himmel minutenlang nur Schuhe zu regnen, sie fielen auf ihn wie eine Lawine, sie bearbeiteten ihn und sprangen von ihm ab, um auf ihn zurückzufliegen. Wo er nur von einem Schuh getroffen werden konnte, traf ihn ein Schuh mit Sicherheit; ihm schien es, als zielten sie auf ihn. Nie hatte er gedacht, dass ein Haus soviel Schuhe enthalten könne. Endlich Hess der Sturm nach und er blieb halb betäubt und atemlos zurück. Da sass er auf seinem Eimer, von Stiefeln eingerahmt, und sprach laut in das umgebende Dunkel. «Verflucht!», sagte er mit Bitterkeit. «Oh, verflucht! Verflucht!» Und da ihm eben Mr. Cherry, der fons et origo aller seiner Heimsuchungen, wieder einfiel, sagte er nochmals «Verflucht!» und und noch mehr dazu. Es war gut, dass er nicht wissen konnte, was Mr. Cherry in diesem Augenblicke tat, sonst wäre er in Gefahr gekommen, dass ihm vor Wut ein Blutgefäss barst. Denn Mr. Cherry hatte den Entschluss gefasst, nicht in diesem Hause zu verweilen, bis die Polizei kam; wenn ihn auch keinerlei Verdacht traf, bei der Polizei konnte man nie wissen. Nach reiflicher Ueberlegung beschloss er daher zu gehen, solange ihm der Weg offen stand, vorher aber einzuheimsen. was er erlangen konnte. Und das erste, was einzuheimsen war, war natürlich Mrs. Bythe-» ways Schmück. j Mr. Cherry erwartete keine Schwierigkeiten dm Auffinden dessen, was er suchte. Ein Dummkopf, der einen Teil seines Raubes in einen Socken wickelte und in der Lade Hess, konnte kein Versteck für den Rest finden, das einem so erfahrenen Auge, wie es Mr. Cherry besass, entging. Freilich hatte der Diener es nicht gefunden, aber was konnte man von einem Diener erwarten? Mr. Cherry ging in* fröhlicher, erwartungsvolle Stimmung die Treppe hinauf; als er lautlos in Mikes Zimmer glitt, hätte er fast ein lustiges Liedchea gesummt. Zehn Minuten später war es ihm' nicht nach Summen zumute. In diesen zehn Minuten hatte er — immer ein geschwinder Arbeiter — Mikes Zimmer auf das gründlichste durchsucht, aber nichts gefunden. Er durchsuchte die Matratze, er forschte hinter jeder Lade, er schaute unter den Teppich, er griff in den Kamin hinauf, er blickte auch in die Kohlenkiste, er trennte das Futter aus Mikes Reisetasche, er untersuchte jedes Kleidungsstück auf das genaueste. Und er fand absolut nichts. Nun stand er in übelster Laune und erhitzt in der Mitte des Zimmers und nagte an seinem Daumennagel. Zum Gelingen seiner Pläne war eine rasch© Entdeckuns: der Beute