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E_1928_Zeitung_Nr.089

E_1928_Zeitung_Nr.089

Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Oiensiao. 23. OHloöer 1928, Nummer 20 Cts. 24. Jahrgang. — N° 89 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erichetat Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* List»" Halbjährlich Fr. 5—, Jährlich Fr. 10.—. Im Aasland unter Portozuichlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung Ina ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern In- und Ausland 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III/414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autoren», Bern INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grandzeile ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen ans dem Aasland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. buenttensebhuS 4 Tage vor Erscheinen der betreffenden Nummer Vor cflem Entscheid • • • Zu den Nationalratswahlen vom 27. und 28. Oktober 1928. Wir stehen vor dem Entscheide. Der Kampf um die Nationalratssitze hat seinen Höhepunkt erreicht. Viel Druckerschwärze ist geflossen, nun liegt der Entscheid beim einzelnen stimmberechtigten Bürger. Am 27.-28. Oktober wird auf Jahre hinaus die weitere Zukunft unseres Schweizerlandes festgelegt. So wie sich der Bürger an diesen Tagen bettet, so wird er jahrelang liegen. Grosse Fragen sozialer, ganz besonders aber volkswirtschaftlicher Natur harren ihrer Lösung. Wir wollen deren nur zwei erwähnen : Die Aufstellung des Generalzolltarifs und des eidgenössischen Verkehrsgesetzes. Beide sind für die Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaft und damit unseres Staates und unseres Volkswohls von ausschlaggebender Bedeutung. Die «Automobil-Revue» ist kein politisches Organ. Sie hat nie in den Kampf der Parteien eingegriffen, sie steht ausserhalb Parteigetriebe und Parteimachenschaften. Ihre Arbeit gilt dem Gesamtwohl unseres Landes und soll allen Bürgern zugute kommen. Und doch hat die ,« Automobil-Revue » in den 24 Jahren ihres Bestehens unentwegt und unerschrocken eine wichtige politische * Mission > zu erfüllen getrachtet. Sie hat zu allen wichtigen und entscheidenden Verkehrsfragen Stellung genommen, hat in diesem Sinne Verkehrspolitik getrieben und in Anbetracht der Bedeutung des Automobils als volkswirtschaftlichen Faktor ihre Hauptaufgabe darin erblickt, dem modernen Verkehrsinstrument die Bahn frei zu machen. Verkehrsfragen haben von alters her den Erfolg der Wirtschaftspolitik eines Landes bestimmt. Was wir vor bereits 100 Jahren in der Hochflut der eidgenössischen Eisenbahnpolitik erlebten, wiederholt sich heute auf dem Gebiete des Strassenverkehrs in gleicher Weise. Es gilt, im Zeitalter des Automobilismus, die neuen an uns herantretenden Verkehrsfragen In- grosszügiger Weise einer Lösung entgegenzuführen. Unsere grossen und in ihrer Arbeit so erfolgreichen Äutomobilverbände können ihre Wünsche, Forderungen und Postulate aufstellen und sie den massgebenden Behörden zur Kenntnis bringen. Die automofoilistische Presse greift tatenfreudig ein, um diese Begehren an der Oeffentlichkeit zu verfechten. Damit allein ist es leider nicht getan. Die schwerwiegenden Entscheide fallen in den eidgenössischen Räten. Auf dem glatten politischen Parkett wird der Schlusskampf ausgefochten. Da kommt es darauf an, ob in den Räten Männer vorhanden sind, die den nötigen Weitblick und das nötige Verständnis besitzen, um das ganze moderne Verkehrsproblem in seiner Totalität zu erfassen. Wir erinnern an die Kampagne vor drei Jahren. Aus den Beratungen der eidgenössischen Räte entstieg ein Gesetz, das von den Benutzern der Strasse in seiner Einseitigkeit nicht gutgeheissen werden konnte. Die « Automobil-Revue » musste dem Bundesgesetz für Automobile den Kampf ansagen; Schulter an Schulter hat sie mit den meisten Automobilisten für dessen Verwerfung erfolgreich gearbeitet. Das Volk zeigte sich grosszügiger als seine Abgeordneten. Aber tagelange parlamentarische Debatten waren nutzlos, dafür aber für den eidgenössischen Fiskus .sehr kostspielig gewesen. Mit dem negativen, Kampfe allein aber ist es nicht getan, und deshalb haben sich die gleichen Leute, die die Verwerfungsparole ausgaben; verpflichtet, das ihrige am Zustandekommen eines neuen eidgenössischen Verkehrsgesetzes beizutragen. Dazu gehört neben der Unterstützung der Presse in ihrer verantwortungsvollen Aufgabe. auch die Sorge dafür, dass in den eidgenössischen Räten Männer Platz nehmen können, die für eine erfolgreiche Lösung dieses grossen Problems zu kämpfen imstande sind. Und es ist höchste Zeit, dass dieses eidgenössische Verkehrsgesetz kommt, denn bereits hat das Scheitern des Bundesgesetzes zu Dutzenden kantonaler Schachzüge gerufen. Was auf eidgenössischem Boden dank dem Weitblick unseres Volkes nicht gelungen ist, nämlich eine Einengung des Motorfahrzeuges in unnatürliche Schranken, wird nun auf kantonalem Boden versucht. Es ist, als versinke unsere schweizerische Politik in die schönsten Zeiten des Kantönligeistes, wo man glaubte, mit Kirchturmspolitik Neues aufbauen zu können. Leider scheint die so fortschrittlich sein wollende heutige Generation einem bedenklichen Rückfall anheimzufallen. Verschiedene Kantone sind daran — bedauerlicherweise marschiert der Kanton Bern an der Spitze — durch kantonale Gesetzgebung dem modernen Verkehr, im Hinblick auf die sogenannte Rentabilität der Bahnen, Schranken aufstellen zu wollen, die sich erfreulicherweise auf eidgenössischem Boden bis jetzt nicht aufstellen Hessen. Neben dem Verkehrsgesetz wird aber auch die Aufstellung des Generalzolltarifs für die Motorfahrzeugbesitzer von grösster Wichtigkeit sein. Die Zollpositionen auf Benzin und Motorfahrzeuge sind vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen viel zu hoch. Damit legt man der freien Entwicklung des Automobils, ganz besonders aber des Gebrauchswagens, schwere Ketten an. Die Benzinzolleinnahmen werden leider nur zum Teil den Kantonen zur Verbesserung ihres Strassennetzes ausgehändigt. Auch darin liegt eine grosse Benachteiligung des Verkehrs, Volkswirtschaftliche Einnahmequellen als Unterbau des ganzen Staatsgebäudes bringt man derart fast zum Versiegen. Das Polizeigesetz Bratschi harrt ebenfalls seiner Behandlung. Es kann keinem Motorfahrzeugbesitzer gleichgültig sein, in welcher Art und Weise die Motion erledigt wird. Jeder Volksvertreter muss sich über die Folgen unsere Volkswirtschaft sehr einengender Bestimmungen klar sein. Wollen wir wirklich einer Zwangswirtschaft entgegensteuern und unsere persönlichen Freiheiten kurzerhand aufgeben ? Das sind alles Fragen, die von den neugewählten Ratsmitgliedern nicht nur durch die Parteibrille, sondern gestützt auf umfassende Sachkenntnis von hoher Warte aus betrachtet werden müssen. Was wir im neu zu bestellenden Nationalrate brauchen, das sind Männer, die mit eigentlichem Verkehrsblick die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen vermögen und die fundamentale Rolle des Verkehrs in unserem Wirtschafts- ' leben zu beurteilen imstande sind. ^ Die Automobilisten haben heute ein Recht, bei der Bestellung der Behörden ein Wort mitzusprechen. Sie stellen an und für sich 100000 Stimmberechtigte. Zählt man dazu die Tausende und Abertausende von Betrieben, die auf Gedeih und Verderben mit dem schweizerischen Automobilwesen wirtschaftlich verwachsen sind, so erhöht sich diese Ziffer vielleicht um das Doppelte. Die im nächsten Jahr durchzuführende Betriebszählung wird das bestätigen, was wir heute nur approximativ zu schätzen vermögen. Diese Stimmenzahl, die eine in unserer Volkswirtschaft investierte Summe von rund 850 Millionen Franken vertritt, ist eine Macht. Heute ist ihr Gelegenheit geboten, mit dem Stimmzettel ihr Recht sachlich und rechtmassig zur Geltung zu bringen. Es handelt sich nicht um « Automobilpolitik», es handelt sich auch nicht nur um Wirtschaftspolitik, aber es handelt sich darum, durch das Automobil den wirtschaftlichen Aufstieg unseres Volkes sicherzustellen. Das möge sich jeder Automobilist klar vor Augen halten, wenn er die Namen derjenigen Männer auf seine Liste setzt, welche die eidgenössische Verkehrspolitik der nächsten Jahre massgebend beeinflussen werden. Dem Schweizervolk werden heute Hunderte von Männern als fähige Ratsmitglieder vorge-i ! schlagen. Eine Frage wird dabei der Auto* mobilist zu beantworten haben : Wie stellen sich diese Kandidaten, die er wählen will, zu den besprochenen Problemen? Welche Hai-« tung nehmen sie gegenüber dem Motorfahr-» zeug ein ? Von der Beantwortung dieser Frage wird sein Entscheid abhängen. Es kann ihm nicht mehr gleichgültig sein, ob durch das neue eidgenössische Strafgesetz sich beständig der Torbogen des Ge-* fängnisses über ihn wuchtet, ob die eidge^ nössischen Räte ihn durch willkürliche Er-« höhung des Benzinzolles zu neuen indirekten Steuern, die jährlich in die Hunderte von Franken gehen können, zwingen oder ob die Handels- und Gewerbefreiheit, die bereits gefesselt genug ist, durch weitere Sesa-Allü-* ren der Räte noch stärker in Fesseln geschla-i gen werden soll. i Vor Wahlen werden leicht Versprechungen abgegeben, die in entscheidenden Momenten vergessen sind. Der Automobilist wähle des-! halb Männer, die wirklich automobilistisch, d. h. nicht engherzig, sondern weitblickend und umfassend zu denken vermögen. Er wähle so, dass er bei der Behandlung der genannten hochwichtigen Fragen in den eid-i genössischen Räten ruhig den Lösungen ent* gegensehen darf und sich hintendrein weder! Vorwürfe über seine Leichtgläubigkeit und seine Lauheit zu machen hat, noch Enttäu-i schungen an seinen in die Räte abgeordneten Vertrauensmännern erleben muss. Englische Massnahmen gegen den Strassenlärm. London, Oktober 1928. Im Ministerium des Innern fanden zwischen! dem Justiz- und dem Verkehrsminister Be* sprechungen statt, um gemeinsam neue Richtlinien für eine wirksame staatliche Be-i kämpfung des Strassenlärmes aufzustellen* Die Vorschläge, welche als Ergebnis dieser; Konferenz ausgearbeitet werden, sollen alsdann gemeinsam mit den Verbänden der Automobilisten und Motorradfahrer beraten werden. Die Verbände, vorab die A.A., be-< grüssen natürlich die ihnen gebotene Ge^ legenheit, sich zu diesen Fragen zu äussern, bevor eine endgültige Vorschrift erlassen wird. Die A. A. hat sich immer mit besonderer Energie für die Reduktion des Motorfahr-J zeuglärmes eingesetzt und hat, wie wir frühen meldeten, ein Komitee von Ingenieuren gebildet, das speziell Auspufftöpfe für Motorräder, begutachtet. Fabrikanten, deren Schalldämpfervorrichtungen den vom Komitee aufgestell- Sir Michaels Abenteuer. Roman roa K. 0. R. Brownt. Copyright 1028 by Georg Müller. Varia«. Manchen. (44. Fortsetzung) Siebzehntes Kapitel. Im Leben jedes Menschen gibt es Augenblicke, wo er sich fragt, wozu er geboren wurde. Einige erleben mehr solche Augenblicke als andere, aber kennen tun wir sie Entrinnen. alle. Ein solcher Augenblick trat bei Mr. Cherry ein, als ihm Mrs. Bytheway ankündigte, seine Tante erwarte ihn unten. Er stand oben auf der Treppe und starrte sie an, der Rede und Bewegung unfähig. «Das ist auch eine Ueberraschung, nicht wahr? > sagte Mrs. Bytheway, als sei sie von ihr zu seiner Unterhaltung beigestellt. « Aber kommen Sie doch, Sir Michael. Lady Fairlie hat es eilig. Sie will in einer Geschäftsangelegenheit mit Ihnen sprechen.» Mr. Cherry fuhr sich mit bebender Hand über die Stirn. Das war eine Katastrophe, die er nicht vorausgesehen hatte. Das Erscheinen dieser unerwünschten Tante betäubte vorübergehend seinen kühlen und rasch beweglichen Verstand; er sah sich bereits auf der Anklagebank und ihm graute. « Aber », begann er verzweifelt. «So eine entzückende Frau! > sagte Mrs. Bytheway träumerisch. «Solche Haltung, finden Sie nicht auch? Solche — aber wir dürfen sie nicht warten lassen, Sir Michael! » Und sie legte ihre Hand auf seineif Arm und führte ihn zur Treppe. Wenn Mr. Cherry je im Leben Mitleid verdiente, so war es jetzt, wo er so zwischen Scylla und Charybdis stand. Wo immer er sich hinwendete, schien ihm Unheil zu dräuen. Darüber war er sich klar, aber er sah kein Und während er sich noch den Kopf nach einem Ausweg zerbrach, geleitete ihn Mrs. Bytheway, dieweil von Lady Fairlies Vorzügen munter plaudernd, unwiderstehlich zum Salon und der Nemesis, die drinnen auf ihn lauerte. Mr. Cherry war tatsächlich so in Gedanken vertieft, dass er an der Salontür stand, ehe er sich dessen bewusst ward. Dann packte ihn der Schrecken, mit einem Ausruf wandte er sich zur Flucht. Aber schon war es zu spät, Mrs. Bytheway hatte die Tür geöffnet und ihn der verhängnisvollen Tante enthüllt. «Hier ist Sir Michael, Lady Fairlie. Und nun, da Sie Geschäfte zu besprechen haben, will ich Sie allein lassen. > Und mit einem bemerkenswerten taktvollen Lächeln zog sie sich zurück. Mr. Cherry blieb an der Tür stehen und wartete auf den Krach. Zu seiner Ueberraschung und Erleichterung blieb er aus. Die Dame am Fenster betrachtete ihn mit Interesse, aber weder mit Erstaunen, noch Zorn oder Misstrauen. «Also, du bist Michael», sagte sie. Mr. Cherry brachte ein schwaches Lächeln zuwege und schwieg. Seine neuerworbene Verwandte musternd, sah er eine kleine anmutige, vogelähnliche Dame, mit der kostspieligen Einfachheit gekleidet, die auf ein schönes Bankguthaben hinweist. Sie hatte ein durchdringendes Auge und energisches Kinn. «Also du bist Michael», wiederholte sie. «Ich hätte dich nie erkannt. Aber ich habe dich ja nie viel gesehen, und als du weggingst, warst du auch gerade in dem Alter, wo man sich am meisten verändert. Deinem Onkel siehst du gar nicht ähnlich, Gott sei Dank. Nun, hast du gar nichts zu sagen? > Hier mag man vielleicht einwenden, dass es doch merkwürdig sei, dass so eine kluge Frau wie Lady Fairlie getäuscht werden konnte. Dagegen muss gesagt werden, dass sie ihren Neffen zwölf Jahre lang nicht gesehen hatte, und dass sich junge Männer in zwölf Jahren oft bis zur Unkenntlichkeit verändern. In diesen zwölf Jahren war auch keine Photographie von ihm aus Kanada gekommen, da er der Meinung war, dass er kein sehr schönes Bild abgeben würde. Und in Gestalt, Haltung und Manieren entsprach Mr. Cherry mehr oder weniger dem Bilde, das sich Lady Fairlie von Mike gemacht hatte. Wenn er für seine Jahre etwas alt aussah, so war das zweifellos die Folge eines angestrengten Lebens in den Kolonien. Sie war gekommen, um Mike zu sehen, Mr. Cher-f ry war ihr als Mike vorgeführt worden, und sie hatte keinerlei Grund, an seiner Identität zu zweifeln. Ihm ging plötzlich das Verständnis für diesen ausserordentlichen Glücksfall auf. Das musste doch die Tante sein — verflucht! Er hatte ihren Namen vergessen —, deren Brief durch die Irreführung Mrs. Bytheways ihn auf den Abweg gebracht hatte. Nach dem Brief hatte diese Tante ihren Neffen lange Zeit —• wenn er sich erinnerte, zwölf Jahre — nicht gesehen. Mr. Cherry unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Noch einmal hatte sich die wohlwollende Vorsehung auf seine Seite gestellt, und wenn er vorsichtig war und keine taktischen Fehler beging, konnte er sich vielleicht noch mit Anstand aus der schwierigen Situation lösen. «Ich freue mich riesig, dich zu sehen — ah — Tante,» sagte er höflich und wünschte sehnlichst, dass ihm ihr Name einfiele (war es Klara oder Käthe...?). {Fortsetzung sieh« im Autler-Feierabend}