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E_1929_Zeitung_Nr.036

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 23. April 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. - N° 36 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrs-Interessen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienst«« und freltu Monatlich „Gelbe Liste* Halbjährlich Fr.«.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland Unter PortMuiehlag, •olern nicht postamtlicb bestellt Zuschlag für postamtliche Bestellung im ADMINISTRATION: Brettennlnatrasie 97, Ben? In- und Ausland 30 Rappen. Posteheck-Reehnunz HI/414 Telephon Bollwerk S9.Ä4 " ' Telerramm-Adnu«: Autorerus. Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dun Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach SeitentarU. taseratensehhus 4 Tage vor Erscheinen der betreffenden Hummer Verkehrsinitiative und Gebirgskantone Der gegnerische Standpunkt. Von Nationalrat Dr. A. Meuli. Anmerkung der. Red.: Gerne veröffentlichen wir in der «A.-R.» auch den gegnerischen Standpunkt zur Strassenverkehrsinitiative. Wir behalten uns dabei vor, auf einige Argumente unseres verehrten Korrespondenten zurückzukommen. Unter diesem Titel beschäftigt sich die «Automobil-Revue» vom 5. dieses Monats (Nr. 31) mit der Haltung des freisinnigen Parteitages des Kantons Graubünden, der nach Anhörung eines sachbezüglichen Referates des Unterzeichneten einmütig gegen die Verkehrsinitiative Stellung genommen hat. Dabei legt mir der Einsender — offenbar auf Grund einer in diesem Punkte etwas ungenauen Berichterstattung in der Bündner Presse — Aeusserungen in den Mund, die ich in dieser Form nie getan habe. Ich habe natürlich nie behauptet, dass «im Falle der Annahme der Initiative jede künftige Regelung des Verkehrs durch bundesrechtliche Vorschriften vereitelt wäre.» Ich begreife, dass-eine derartige Argumentation vom Einsender als unklar empfunden wird. Das wäre sie in der Tat auch. Die Dinge verhalten sich jedoch wesentlich anders. Selbstredend wäre eine neue bundesrecht- Jiche Regelung des Automobil- und Fahrradverkehrs auch auf Grund des von den Initianten vorgeschlagenen Textes eines neuen Art 37bis ohne weiteres möglich. Auch die iMiteinbeziehung des Fussgänger- und Fahrradverkehrs in die bundesgesetzliche Regelung wäre verfassungsmässig damit im weitesten, ja sozusagen in unbeschränktem Masse gegeben. Nun ist aber nicht zu übersehen, dass aller menschlichen Voraussicht nach die Dinge heute so liegen, dass auch der jetzige Artikel 37 bis dem Gesetzgeber ungefähr das gleiche Recht gewährt, nämlich das Recht, nicht nur die nötigen Vorschriften über den speziellen Automobil- und Fahrradverkehr aufzustellen, sondern darüber hinaus auch den Fussgänger- und Fuhrwerkverkehr in diese notwendige gesetzliche Regelung miteinzübeziehen, soweit dieser mit Automobil- und Fahrradverkehr im Zusammenhang steht. Und darin liegt doch das Wesentliche an der Sache. Die O N Der Fall Cranmore Kriminal-Roman von V. Williams. Copyright 1925 by Georg Müller Verlag A.-G., München. (1. Fortsetzung) '«Aber es würde ihr so gut tun, zu heiraten. Du weisst ja, wie die jungen Mädels heutzutage sind. «Unabhängigkeit und sein eigenes Leben» und all den Quatsch. Aber dabei ist sie doch eis famoses Geschöpf, und ich war' so froh, wenn sie jemand hätte, der sie glücklich macht. > Georg sah seinen Bruder an und zwinkerte mit den Augen.. «Wollen wir wetten, dass sie den schon gesetzliche Regelung des übrigen Straßenverkehrs — soweit also -kein Konnex zwischen diesen verschiedenen Verkehrsarten resp. Strassenbenützem besteht' — interessiert doch den Automobilisten und den Radfahrer durchaus nicht oder höchstens in sehr geringem Masse. Das war von Anfang an die Auffassung des Bundesrates, als er seinerzeit den Entwurf zu dem. nachträglich in der Volksabstimmung verworfenen Bundesgesetz den eidgenössischen Räten vorlegte. Zugegeben, dass diese Tendenz im Gesetze'stexte in allzu zurückhaltender; zu wenig ausgesprochener und klarer Form zum Ausdruck kam, bekannt auch die Tatsache, dass auch das wenige, das über den Fussgänger- und Fuhrwerkverkehr im bundesrätlichen Entwürfe enthalten war, nachträglich in der Beratung im Schosse der Bundesversammlung, speziell im Nätionalrat, ausgemerzt und damit der Bundesrat — vorübergehend wenigstens — desavouiert wurde. Aber es geschah dies auf Grund eines zweifellosen Zufallsentscheides, dessen Motivierung auf durchaus subjektiver Einstellung der betreffenden (in Nr. 34 der « Automobil-Revue » namhaft gemachten)" Votanten und teilweise auf recht willkürlichen Erwägungen beruhte. Seither — das war vor vier bis fünf Jahren — hat sich manches geändert, darunter offenbar auch die Meinung mancher eidge-*' nössischer Parlamentarier. Der Strassenverkehr hat eine ungeahnte Entwicklung, und speziell der Automobilverkehr kaum für möglich gehaltene Dimensionen angenommen. Es 'kam das Chaos auf dem Gebiete unserer Automobilgesetzgebung, die immer üppiger ins Kraut schiessende, weder auf „die Nachbargebiete noch auf die immer noch im Flusse befindliche Entwicklung Rücksicht nehmende Verkehrsgesetzgebung durch die einzelnen Kantone. Es hagelte beinahe von kantonalen Gesetzen, Verordnungen, Dekreten und fortlaufenden Revisionen auf dem Gebiete des Automobilverkehrs — daher der baldige Ruf nach möglichst sofortiger Anhandnahme einer neuen Regelung dieser ganzen Materie auf eidgenössischem Boden, nach einem neuen Bundesgesetz über den Automobil- und Fahrrad-, überhaupt den hat? Und pass auf, sie wird ihn heiraten trotz allem, was du dagegen sagen magst.» Jims Augen nahmen einen eigensinnigen lAusdurek an. «Meinst du diesen Quayre?> Georg nickte. «Ich weiss eigentlich nicht, was du gegen ihn hast Nun ja, er ist ein Künstler, aber •was er macht, ist :gut, besonders seine Porträts. Wenn er auch noch nicht bekannt ist, •wird er's schon noch werden. Und dann ist er wirklich ein anständiger Kerl und ein alter Freund von Carmen. Sie kannte ihn schon in Amerika...> «Mein lieber Georg, ich hab' kein Vorurteil gegen Quayre, nicht das mindeste, und so altmodisch bin ich auch nicht, sollt' ich meinen. Aber das geht doch wirklich nicht, dass ein neunzehnjähriges Mädchen alle Augenblicke von irgendeiner Künstlerunterhaltung in Chelsea oder da draussen um drei oder vier Uhr morgens nach Haus kommt. Und dabei blieb's nicht einmal. Als sie dann diesen Julian Quayre zu irgendeiner unmöglichen Nachtstunde ins Haus brachte, um ihm noch ein Glas Wein vorzusetzen, da wurd's mir denn doch ein wenig zu stark. So was tut nicht gut, alter Junge. Dolores lebt bei uns, seit sie von der Schule ist, und so lass ich mir einfach nicht kommen. Carmen ist absolut meiner Meinung. Und ich muss dir sagen, ich bin gar nicht sicher, dass sie sich aus diesem Quayr© so viel macht, wenn sie ihn auch in New York schon gekannt hat. Si© war ganz damit einverstanden,, dass ich Dolores meine Meinung über ihre künstlerischen Freunde klarmachte. Nach der letzten Geschichte Hess ich mir den Herrn Ouayre kommen und schob ihn nach allen Regeln der Kunst ab. Ich sagte ihm, dass es zwischen ihm und Dolores aus sein müsse, und dasselbe erklärte ich Dolores. Ich geb' dir ja zu, dass Quayre ein ganz netter Kerl ist, aber er hat nicht einen roten Heller, und Dolores mit all ihrer Frische und Schönheit und was noch drum und dran hängt, kann doch andere Ansprüche machen. Ohne Mitgift wird sie auch nicht sein, wenn sie heiratet, das habe ich Carmen versprochen. Aber gleichzeitig werde ich auch darauf sehen, dass sie einen ordentlichen Mann bekommt...» Er warf einen Blick auf die Uhr und sprang auf. ganzen damit zusammenhängenden Strassenverkehr. Diese Ueberzeugung kam denn auch in unmissverständlicher Weise zum Ausdruck in der Behandlung der Strassenverkehrsinitiative im Dezember 1928 in den beiden eidgenössischen Räten. Sowohl der Ständerat wie der Nationalrat lehnten den neuen Verfas- .sungstext mit Einstimmigkeit ab, aber — und darin liegt das Wesentliche — unter gleichzeitiger, ebenso oppositionsloser Zustimmung zu einem Postulate, das die sofortige Anhandnahme eines neuen Bundesgesetzes über die in Frage stehende Strassenverkehrsangelegenheit fordert, und zwar unter ausdrücklicher Miteinbeziehung des mit dem Auto- und Fahrradverkehr zusammenhängenden Fussgänger- und Fuhrwerkverkehrs. Besteht ein Grund dazu, dieser veränderten Stellungnahme der eidgenössischen Behörden gegenüber allzu misstrauisch zu sein? Wollen wir uns nicht lieber freuen und auch ihnen das Recht zugestehen, ihre einmal gehabte und zum Ausdruck gebrachte Ansicht zu ändern und neu gewonnener Einsicht, neuen Verhältnissen anzupassen? Hat es nun dieser Tatsache gegenüber einen Wert, von Seiten der Automobilisten und Radfahrer heute auf einmal laut, beinahe mit Getöse, zu betonen — was man vor einigen Jahren ebenso entschieden und mit viel besserem Grunde bestritten hatte —dass nämlich der jetzige Artikel 37 bis, also die Basis des vor 2 Jahren verworfenen Automobilverkehrsgesetzes, keine genügende Grundlage biete für den Aufbau eines neuen Strassehverkehrsgesetzes, insbesondere aber keinerlei bündesrechtliche Regelung des Fussgängerund Fuhrwerkverkehrs — auch im obenerwähnten beschränkten Masse — zulasse ? Was könnte möglicherweise die Folge einer derartigen, meines Erachtens verfehlten Stellungnahme sein ? Wird die Initiative angenommen — was sehr unwahrscheinlich ist — so bietet Absatz 1 des neuen Verfassungsartikels die Grundlage für die Ausarbeitung und Beratung des neuen Bundesgesetzes über den Strassenverkehr. Sowohl der Entwurf des Bundesrates wie der definitive Gesetzestext werden genau gleich lauten, wie wenn der heutige Art. 37 bis die Basis hierfür bilden müsste, m. a. W. : es wird durch den neuen Verfassungstext für die schliessliche Gestaltung des darauf beruhenden Bundesgesetzes nichts Neues «Grosser Gott!» rief er, «schon halb sieben. Ich darf mich eilen, wenn ich um sieben fertig sein will. Ich lass' Carmen niemals warten. Alsp auf Wiedersehen, alter Junge.» Er winkte Georg zu und war im Augenblick draussen. III. Das leere Haus. Zwanzig Minuten vor sieben Uhr steckte Jim Cranmore den Hausschlüssel ins Schloss der Emgangstür von Sloane Crescent. Auf der grossen Florentinerkommode der eichengetäfelten Halle fand er Claque und Ueberrock liegen, wie sie das Mädchen zurechtgelegt hatte, ehe sie ausging. Das Haus war ganz still. Als Cranmore Hut, Handschuhe und seinen Malacearohrstock abgelegt hatte, hörte er das feierliche Ticken der stattlichen Standuhr hinter den grünen Seidenvorhängen, die die Halle vom Treppenhaus abschlössen. Da er wusste, dass die Dienstboten alle fort waren, Hess er den eigenartigen spanischen Ruf auf zwei Tönen erschallen, den Carmen ihn gelehrt hatte und den sie nur gebrauchten, wenn sie allein waren, «O...h C.arme.n», rief er und wartete auf die vertraute Antwort in der weichen, zärtlichen Stimme, die sein Herz immer wieder schneller schlagen Hess: «O.. J.. im!» Seine Stimme tönte dumpf durchs Haus. Aber keine Antwort kam. Alles blieb still, so still, dass das Ticken der Standuhr wie ein Dröhnen klang. Cranmor© schob die erreicht. Wie aber, wenn die Initiative —» was beinahe mit Sicherheit angenommen werden kann — verworfen wird ? Dann besteht eben leider die Gefahr, dass seitens der Gegnerschaft eines neuen Verkehrsgesetzes — und eine solche wird es immer geben, auch ausserhalb des Parlaments — die frühere Stellungnahme der Verkehrsliga und anderer Anhänger der Initiative gegen das neue Gesetz ausgebeutet wird. Die Hauptinteressenten selbst, die Automobilisten, die Radfahrer usw., sie alle haben, erklärt,, dass der Art. 37 bis die Miteinbeziehung des Fussgänger- und Fuhrwerkverkehrs in ein schweizerisches Verkehrsgesetz nicht gestatte; nun will man dies gleichwohl tun : Verletzung der Verfassung; fort mit einem derartigen Gesetze ! Werden die Behörden, wird das Volk im Falle des Referendums derartigen Argumenten gegenüber standhalten ? Wir hoffen es, aber sicher ist dies keinesfalls. Sind demgegenüber nun die übrigen Bestimmungen des Initiativtextes für den schweizerischen Automobilisten von derart grundlegender Bedeutung, dass es sich verlohnen müsste, die kommende und sehnlich erwartete richtige Lösung eines allgemeinen Verkehrsgesetzes aufs Spiel zu setzen? Sehen wir einmal zu. • «Der Bund ist befugt, Bau und Unterhalt von Durchgangsstrassen zu übernehmen oder "sich daran zu beteiligen.» Der Bund ist «befugt», aber er wird sich" wohl schwer hüten, den eidgenössischen Strassenbau und -unterhalt in die Wege zu .leiten. Dazu fehlt ihm hoffentlich jede Lust, fehlen ihm auch die Organe und manches andere dazu. Es ist auch gar nicht wünschbar, dass zu den vielen bereits bestehende» Strassenkategorien, den Gemeinde-, Kantons-, Durchgangs-, Bezirks- etc. Strassen auch noch Bundesstrassen dazu kommen. Es genügt, wenn der Bund sich möglichst kräftig am Bau neuer Strassen beteiligt. Dazu besitzt er heute schon die verfassungsmässige Grundlage (Art. 23 B.-V.), das hat er schon des öftern in weitgehendem Masse (die Bundesunterstützung beim Bau neuer Strassea ging in wichtigen Fällen — Grimsel, Klausen, Umbrail — auf 80 % und darüber) getan und wird es zweifelsohne auch in Zukunft tun — wenn ihm die hiezu notwendigen Mittel nicht entzogen werden. (Schluss folgt.) Vorhänge beiseite und sprang die Treppe hinauf. Seine Füsse brachten auf den weichen Teppichen keinen Laut hervor. Im ersten Stock hielt er an und rief von neuem. Aber wieder kam keine Antwort. Im zweiten Stock befand 1 sich das Schlafzimmer und sein Ankleideraum. Erstaunt blieb er stehen. Die Tür des Schlafzimmers stand offen, und auf den ersten Blick konnte er sehen, dass es leer war. Cranmore blickte kopfschüttelnd um sich. Es sah Carmen gar nicht ähnlich, sich so zu verspäten. Sie war kein Muster von Pünktlichkeit, und eine Viertelstunde auf oder ab machte ihr nichts aus. Aber sie wusste doch, dass die neue Revue um acht Uhr fünfzehn anfangen sollte. Der Anblick des leeren Stuhls vor ihrem mit Kleinigkeiten aus Kristall und Silber übersäten Toilettentisch verursachte ihm plötzlich ein quälendes Gefühl 1 der Einsamkeit. Wie leer das Haus schien! Dann sagte er sich, dass Carmen doch im Salon oder Wohnzimmer sein müsse. Vielleicht schlief sie, wie es manchmalt vorkam, auf irgendeinem Sofa. Er stieg zum ersten Stock hinab und öffnete die Tür zum Salon, aber der grosse, kühle Raum war leer. Ebenso die kleine Bibliothek dahinter, seine eigene Höhle, wo er die wenigen Kriegserinnerungen und seine Zigarren aufbewahrte. Immer verwunderter begab er sich ins Wohnzimmer. Das lag hinter dem Speisezimmer nacH rückwärts und war so recht Carmens eigen© Domäne. (Forts, im «Autler Feierabend».) :