Aufrufe
vor 10 Monaten

E_1929_Zeitung_Nr.074

E_1929_Zeitung_Nr.074

J^Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 27. August 1929 Nummer 20 Cts* 25. Jährgang. — N° 74 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ÄBONNEMENTS-PREISE: , , Erscheint Jeden Dienstag und'Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III//414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dein Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inscratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Ein aufregendes Rennen — Strazza auf Lancia, Sieger der Touren wagen — Giger auf Martini, wieder Klassensieger — Momberger auf Mercedes macht in der Sportkategorie Sensation — Bei den Rennwagen Stucks brillanter Sieg — lo.ooo Zuschauer — Schöne Organisation — Eine Schönheitskonkurrenz nön plus ultra — Im Zeichen der Schönheit und Kraft. Letzter Training. (V.-Spezialtelegramm.) St. Moritz, den 24. August 1929. Heute morgen herrschte in dem kleinen Posehiavo Betrieb. Zwischen 11 und 13 Uhr war letzte Trainimgsfrist für den Grossen Preis der Bernina. Alle grossen Kanonen sah man am Starte. Erst liefen die Rennwagen. Stuber und sein getreuer Mechaniker Schneider stiessen als einige der Ersten den bekannten blauen Bugatti mit dem «Mutzli»-Maskotte an das Band. Stuber schien uns für das morgige Rennen sehr zuversichtlich. Die Strecke findet er rassig, «numme keit me de witer abe als am Klause!» Rosenberger segelte wieder auf seiner alten Grossmuter, die noch verflixt viel Reserven im Leibe hat. Chiron, sehr vorsichtig wie immer, den Sturzhelm vor der Fahrt mit zeremonieller Songfalt festgeschnallt, nahm seinen Mechaniker mit. Wundervoller Start! Burggaller (Bugatti), Escher (Bugatti), Sarbach (Amilcär), Giger (Martini), Scheibler (Fiat) usw. fuhren sehr regelmässig. Die ganzen Mercedes-Leute waren an der Arbeit. Der Deutsche Momberger gilt als Favorit seiner Klasse, in der Billwiller (Genf), ebenfalls auf Mercedes, die Schweizerfarben verteidigt. Er nahm den Berg heute früh sehr sicher. Vor dem Unfall scheinen also keine Folgen geblieben zu sein. In der gleichen Klasse ist auch Prinz zu Leiningen (Mercedes-Benz). Alle drei Konkurrenten starten hier die gleiche Type — das Ringen, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach der Sportwagensieger hervorgeht (wie am Klausen), wird daher ein «Kampf mit gleichen Waffen» sein. Billwiller ist allerdings Amateur. Scheibler erzählte uns heute, dass er nächstes Jahr, dem Zuge der Technik folgend, zum Kompressor übergehen werde. Er interessiert sich um Bugatti. Seine Fiatmaschine ist, wenn nicht eine «Grossmutter>, so doch immerhin ein Fräulein im Martinssömmerchen. Sowohl am Klausen wie an der Bernina ist Burggallers Kompressor- Motor ein Konkurrent, dem selbst seine routinierte Fahrkunst nicht gefährlich werden kann. Am Klausen versuchte Scheibler das Letzte aus seinem Motor herauszuholen — und überdrehte ihn. — Giger auf Martini geht sehr sorgfältig vorbereitet ins Rennen. Auch er bezeichnet die Bernina als schwierigste Bergstrecke der Schweiz, ja der Welt überhaupt. In seiner Klasse fahren als Kenner der Piste der Fiat Lanfranchis aus Posehiavo, der Lancia Haslers aus St. Moritz und der Chrysler Appels aus St. Moritz- Bad. Daneben starten noch zwei Chrysler. Ford ist mit seinen beiden famosen Alpenfahrt-Waigera erschienen. Probst (Mathis) haben wir noch nicht trainieren sehen. Der Kampf um die Bernina Die Italiener sah man gestern, namentlich den eleganten Strazza (Lancia) und DeSterlich, ein brillanter Fahrer. Sein Maserati scheint allerdings mehr für die Bahn als für die Bergpiste gebaut. herrliche Weitsicht. Stucks Probelauf vom Freitag bildete eine Sensation für sich. Der Bergmeister warf seinen langen Austro-Daimler mit unglaublicher Verwegenheit durch die Kurven. Prachtvoll, wie er seine Schleudertechnik der engen Strasse amgepasst hat. Drei Sekunden waren es am Klausen, helas, Chiron! Die Strecke mit den Totenschädeln. Der Parcours ist von den vielen Trainings^ fährten schon etwas ausgefahren, in einigen Kehren haben die Pneus tiefe Spuren hinterlassen. Beim heutigen Training heulten bereits die Boschhörner der Warnungsanlage. Den Streckendienst besorgt verstärkte einheimische . Feuerwehr. In S. Carlo und La Rosa ist vor den Häusern Drahtgitter, gespannt. Als Geschmacklosigkeit muss, in aller Anerkennung des guten Zweckes, idie Markierung der gefährlichen Stellen durch weithinleuchtende, grinsende Totenschädel bezeichnet werden. Der Rennfahrer wäre wohl durch ein anderes Zeichen ebensogut gewarnt worden. So wird die Gefährlichkeit der Strecke, namentlich für das Publikum, als Nervenkitzel aufgezogen. , Von Posehiavo bis zur Passhöhe, die Strecke führt bis unter die Steingajerien, finden sich an den Felsen geheimnisvolle *.-*: : * -vT"'.' -^ • ' *. N Giger, der erfolgreiche Martinifahrer, Sieger seiner Klasse in Wendender Zeit. Der Inhaber der Schweiz. Automobilmeisterschaft für Tourenwagen. gelbe Ringe, Striche und Zahlen. Chiron hat seinen Weg, wie am Klausen, wieder vorgezeichnet. Auch Mercedes-Leute sollen Jetzt Markierungen angebracht haben. Man nennt namentlich Momberger. Die Wagen werden morgen Sonntag auf dem Bahnhofplatz in 1 Posehiavo abgenommen. Sperrung der Strecke 11 Uhr, Beginn 12 Uhr. Sonntagabend offizieller Schlussakt mit Preisverteilung im Grand Hotel. Die Bernina-Bahn führt morgen Extrazüge. Die Bekanntgabe der Resultate durch Lautsprecher, Zeittafel und Pressebulletins ist vorbereitet. St. Moritz, leicht bewölkt, sehr schön! Heute ist der erste «schöne Tag der Autowoche. Blauer Himmel, sommerliche Wärme, Gott sei Dank! Und hoffen wir das Beste für den morgigen harten Strauss. In letzteT Stunde erfahren wir, dass Zettritz auf Mercedes-Benz beim Training kurz hinter S. Carlo liegen blieb. Sein Start ist aber nicht ausgeschlossen. — Caracciola (Mercedes-Benz) erklärte heute abend Forfait. Eine unglaubliche Zerreissprobe St. Moritz, den 25. August. (V.-Spezialtelegramm) Die Härte der Strecke hat das erste Berninarennen gekennzeichnet. Unsere Trainingsbeobachtungen haben sich im vollen Masse bestätigt. Es war'ein herrliches, ganz schweres Rennen. Wohl noch nie hat eine Zuschauermenge eine derart fiebernde Spannung erlebt. Man hat, als der letzte Rennwagen das Zielband schnitt, wirklich aufgeatmet. Das erging nicht irgendwem so, sondern uns allen, selbst alten Rennbesuchern. Zehn Ausscheidungen, das entspricht einem Drittel der Konkurrenten, geben einen sprechenden Eindruck von der heutigen Zerreissprobe. Bei den Tourenwagen gaben auf: Bernstein oberhalb La Roesa, Kagamy in der zweiten Kehre unterhalb des Zieles infolge ausgelau- fener Lager, Frankl, der bei La Motta in einen Graben fuhr, Lanfranchi, Posehiavo, der oberhalb Sasso delle Becore an einen Stein fuhr, Appel, der wegen Motorendetekt unterhalb Val del Teo liegen blieb und schliesslich Zettritz, der kurz vor dem Ziel wegen Motordefekt die Waffen strecken musste. Ein solcher Ausfall schon bei den Tourenwagen, die ja noch kein grosses Tempo vorlegen konnten, ist ganz ungeheuer. Bei den Sportwagen : Wilhelm fährt unterhalb des Zollhauses an einen Randstein, Scheibler nach blendendem Start hat oberhalb des nämlichen Zollhauses Magnetdefekt (ein gaijz erbärmliches Pech für unsern braven Fahrer. Wie hatte er doch seinen Wagen mit aller Liebe auf dieses Rennen vorbereitet. Noch am Morgen fuhr er flott an uns vorbei). Selbst einen Kämpen von der Klasse eines Burggallers ereilte das Schicksal an dem unglücklichen Zollhaus in Form einer Vergaserstörung. Er fuhr dann das Rennen noch zu Ende. Das grösste Missgeschick traf aber den Genfer Herrenfahrer Billwiller, dessen Wagen nach ganz blendender Fahrt sechzig Meter vor dem Zielband aus der Strecke getragen wurde und in einem kleinen Sumpf festsackte. Billwiller drehte nach der letzten Kurve zu stark auf, so dass ihm die kleine, unscheinbare Einschweifung in die besonders für das Rennen erstellte kurze Zielgerade zum Verhängnis wurde. Die Strasse hängt an der kritischen Stelle merklich nach aussen und war während des ganzen Rennens ein heikles Stück. Das Bedauern mit dem Ungemach des jungen Genfer Fahrers war allgemein. Eine Sensation für sich war die Ausscheidung Chirons zwischen dem Start und San Carlo. Der französische Favorit ist derart heftig angefahren, dass ihm ein Rad weggerissen wurde. Der Unfall eines so meisterhaften und für seine sichere, ja in seiner Art vorsichtige Lenkung berühmten Fahrers wie Chiron sagt genug über die Härte des Bernina-Rennens. Dass bei all den vielen, manchmal recht kritischen Ausscheidungen niemand verletzt wurde, ist ein glückhafter AbschluSs, der uns aufrichtig freuen muss. Zahlreiche Forfaits wurden zu ^Beginn des Rennens bekanntgegeben: Kudrnac (Tatra), Löffler (Goffri), Probst (Mathis), .Haslfer (Lancia), Simons (D. K. W.), Nyffeler (Amilcar), Kessler (Alfa Romeo), Saccomäni (Alfa Romeo), Graf von Kainein (Bugatti), Caracciola (Mercedes-Benz, im Trainingsbericht erwähnt). Das Rennen der Tourenwagen zog sich infolge der vielen Ausscheidungen ausserordentlich in die Länge. Das Warten war bei dem herrlichen Wetter auf der Presseterrasse des Wegerhauses, einen Ring von majestätischen Bergen und die durch Herrn Dr. Locher liebevoll aufgestellten Flaschen im Blickfeld, eine. kurzweilige Beschäftigung. Die Presse war mustergültig bedient, Wie auch — Ehre den Organisatoren — der ganze Rennapparat unter der Leitung von Herrn Töndury über jedes Lob erhaben war. Die Streckenpolizei war durch dreissig Mann der Zürcher Stadtpolizei verstärkt. Ein illustrer Gast wohnte dem Grossen Preis der Bernina bei: Herr Bundesrat Häberlin. Die Leistungen der Tourenwagen . wurden durch den Filisurer Buchwald auf seinem Dixi-Zwerg mit 20'26,6", ein Passionierter des Autos, vielversprechend eröffnet. In der 1100-ccm-Klasse war Schneider (Derby) Sertori (Fiat) überlegen, während Keller (Alfa Romeo) den Bugatti von Dr. Fisch in der prächtigen Zeit von 18'53,6" sehr übeTlegen schlug. Keller überholt den drittklassierten Bianchini (Fiat) bei Pozzolascio. Der Lagonda von Petley bezwang den Berg im Sologang und behäbig sicherem Tempo. Das Meisterstücklein der Kategorie vollbrachte der bekannte italienische Lanciafahrer Strazza, der trotz Raddefekt beim Ueberholen eines Konkurrenten mit 17'47,8" die beste Zeit der Tourenwagen herausfuhr. In der Klasse 5000 cem schwang unsere nationale Industrie durch Gigers Fahrkunst zum dritten Mal innert kürzester Frist obenaus : Martini siegte bekanntlich nicht nur am Klausen, sondern auch am St. Moritzer Lance und nun noch an der Bernina. Glänzender könnte Martini seine Regelmässigkeit und sichere Ueberlegenheit nicht beweisen. Hervorragende Rennen fuhren hier Gübelin auf Chrysler, eine Limousine, die für ihre 19 Minuten stark applaudiert wurde, und dann ganz besonders die drei Ford von Müller und Häne, beide St. Galler, sowie Weber, Zürich. Dass die Fordwagen die furchtbare Bernina so sicher bezwungen haben, ist eine einzig dastehende Bravourleistung. Ein Kunststücklein für sich war Loenholdts Fahrt auf Chrysler, der mit offener Haube anlangte. Der Mechaniker klebte vorne neben dem Motor. Hirte