Aufrufe
vor 5 Monaten

E_1929_Zeitung_Nr.078

E_1929_Zeitung_Nr.078

Ausgabe? Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 10. September 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. — N° 78 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste*' Halbjährlich Fr. 5 , Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION* Breitenrainstrasse 97. Bern «ofera nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung Uli 414 < Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Automobilverkehr und zukunftige Stadtgestaltung Die Entwicklung des Automobilverkehrs ruft überall neue Gedanken und Vorschläge hervor, deren Ziel im wesentlichen ist, die eingetretenen Verkehrsschwierigkeiten wenn nicht zu beseitigen, so doch auf ein erträgliches Mass zu vermindern, namentlich die Schwierigkeiten und Gefahren, die daraus entstehen, dass der Schnellverkehr der Automobile und Motorräder, der Langsamverkehr anderer Fahrzeuge und der Fussverkehr sich auf denselben Strassen vollziehen. Automobil- und Stockwerkstrassen. Die erste Forderung besteht darin, dass für den Fernverkehr der Automobile in planmassiger Ordnung besondere, hier und da schon bestehende «Autostrassen» gebaut werden, welche die Städte und Dörfer nach .Möglichkeit umgehen und alle anderen Strassen und Wege in abweichender Höhenlage kreuzen. Ein weiteres Verlangen richtet sich dahin, dass diese Automobilstrassen als selbständige Verkehrswege, nach Art der Eisenbahnen die Stadtstrassen überbrückend oder unterfahrend, in die grösseren Städte bis zu gewissen Punkten hineingeführt werden, von wo sie mittels Rampen die allgemeine Strassenhöhe erreichen können, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Man will einerseits damit die bessere Ausnutzung der Automobilgeschwindigkeit herbeiführen und anderseits die eigentlichen Stadtstrassen beträchtlich entlasten. Demgegenüber stehen die von Amerika kommenden Pläne, die Verkehrsstrassen der Stadt zweigeschossig oder gar dreigeschossig zu gestalten, so dass der Schnellverkehr, der Langsamverkehr und namentlich der Fussverkehr zwar innerhalb derselben Strassenanlage, aber auf getrennten Höhenlagen erfolgen. Ein französischer Vorschlag. In Paris ist, nachdem bereits der bekannte Modern-Architekt Le Corbusier mit seltsamen, unausführbaren Plänen hervorgetreten war, nunmehr vom Architekten Descamps eine völlig neue Art der Stadtanlage vorgeschlagen worden, die der verständigen Begründung und des Reizes der Erscheinung nicht entbehrt, aber gleichfalls den Stempel der Unausführbarkeit zu tragen scheint. Nach Desoamps soll die zukünftige Stadt aus lau- F E U I L L E T O N Patent No. 2002. Kriminalroman von Ludwig Peter. (1. Fortsetzung) Das Gespräch hatte eine andere Wendung genommen. Jeder erzählte von dem, was ihm am Herzen lag. Der Bankier sprach von seinen Geschäften und wie er heute, nach zwanzig Jahren, noch nicht ganz verwunden habe, dass er sein Medizinstudium habe aufgeben müssen, um, durch den. plötzlichen Tod seines Bruders dazu gezwungen, das Bankgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Dr. Fischer erzählte von seinem häuslichen Glück und seiner jungen Frau. «Jeden Abend sitzen wir auf der Veranda und lauschen dem Radio. Da muss ich noch von einer Eigenart meiner lieben Daisy erzählen. Denkt, heute, wo alles nach einem guten Lautsprecher drängt, wünscht sie nur durch Kopfhörer mit der Aussenwelt in Verbindung zu stehen, es sei so viel intimer, und nicht jeder Eintretende werde gleich mit Schallwellen empfangen. Ja, die Frauen bleiben ein ewiges, aber kostbares Rätsel. Seit wir übrigens unsere Antenne über den Garten hinweg an den Giebel des Hauses von Fräulein Bleyler spannen Hessen, ist der Empfang ganz glänzend. Was meinst du, Max, spielt wohl der eiserne Fussboden unserer Veranda als gute Erdleitung dabei auch eine Rolle?» «Ich bin leider zu wenig Radiospezialist, ter zwanziggeschossigen, etwa 70 Meter hohen Geschäfts- und Wohngebäudeh an verhältnismässig wenigen, etwa 100 Meter breiten Strassen bestehen. Diese sollen 500 bis 1500 Meter voneinander entfernt sein, so dass hinter den Häusern ausgedehnte, ja riesige Blockflächen dauernd frei erhalten und als Gärten, Sport- und Spielplätze benutzt werden. Die Seitenstreifen der sehr breiten Strassen sollen dem Automobilverkehr und der Anfahrt an die Erdgeschosse der Häuser dienen, während die Strassenmitte — ausser grossen Autogaragen — Wartehallen und sonstige Baulichkeiten über den Untergrundbahnstationen enthält, die ihrerseits durch Autobusfahrten miteinander verbunden sind. Der tierische Langsamverkehr fällt fort. Entlang dem ersten Obergescho.ss der Hochhäuser sind beiderseits für die Fussgänger sechs Meter breite Bürgersteige angelegt; diese stehen über der Strasse durch Brückenstege miteinander in Verbindung; Treppen führen zur Strassenmitte hinab. Eigenartig ist, dass, wie man es schon in Neuyork und andern amerikanischen Städten sehen kann, die Kirchen, Theater, Museen und andere öffentliche Gebäude als Kleinbauten in der Reihe der Riesenhäuser oder Wolkenkratzer ihre Plätze finden sollen. Die Kreuzungsstelleri der, wie gesagt, in sehr grossen Abständet*, von -einander verlaufenden Strassen sollen, 1 um die gefahrbringenden rechtwinkligen Kreuzungen zu vermeiden, als Kreisplätze angelegt werden, deren mit geeigneten Baulichkeiten besetztes Mittelfeld von den Automobilen ringförmig zu umfahren ist. Die umfangreichsten dieser Platzmitten könnten als Stadien oder auch als Luftschiff-Haltestellen eingerichtet werden. Von besonderem gesundheitlichem Wert und schönheitlichem Reiz sind zweifellos die sehr ausgedehnten, freizuhaltenden innern Blockflächen. Der Vorschlagende berechnet die Wohndichtigkeit seiner Stadt zu etwa 30 000 Seelen auf je einen Quadratkilometer oder 300 auf jeden Hektar der Stadtfläche. Von dieser würde etwa die Hälfte aus öffentlichen Gartenanlagen bestehen, während in heutigen Grossstädten stellenweise bis zu 600 Seelen und mehr auf dem Hektar wohnen und die öffentlichen Grünflächen oft nur 5 Prozent und lieber Paul, um dir genauen Aufschluss zu geben. Du siehst, mein Gebiet ist neben der .Maschinenfabrikation das Automobil.» «Woran denkst du denn, Kurt, du bist so still?» «Vor allem bewegt auch mich die Freude über Maxens Erfindung. Ich selber habe einige recht trübe Fälle zu behandeln; die heben meine Stimmung nicht, so will ich mir etwas von dem unerlässlichen Fluidum Glück bei unserm lieben Keller borgen. Ihr sprecht von euern Liebhabereien. Meine Freude neben der Literatur und mein guter Diener und Freund zugleich ist mein Wagen. Ich Hess mir diesen Winter eine Heizung durch Auspuffgase einbauen, so dass ich wie ein Fürst das Land durcheile. Ich werde in letzter Zeit häufiger als früher nachts in grössere Entfernungen aufs Land zu Geburten gebeten. So habe ich es bei diesen Fahrten gut warm und komme nicht schlotternd vor Kälte bei den Patientinnen an.» «Ja, ja, ihr Mediziner seid ein eigenartiges Volk», meinte Keller. «Wenn euch die organische menschliche Maschine zuviel Kopfzerbrechen verursacht, so flüchtet ihr euch in unsere Gefilde der rein mathematisch-mechanischen Sphäre und findet eure Erholung bei Gramm, Zentimeter und Sekunde. Ich begreife euch wohl. Es ist übrigens bald acht, wir wollen gehen.» Als sie auf die Strasse traten, war es völlig dunkel, aber auch eine Wandlung in der Atmosphäre hatte sich vollzogen. Die Luft war drückend und erschwerte das Atmen weniger betragen. Von grösster Wichtigkeit würde die Einrichtung sein, dass die hochliegenden Bürgersteige der breiten Strassen seitwärts in das grüne Blockinnere hinabgeführt und auf diese Weise völlig gefahrlose Fusswegverbindungen von Strasse zu Strasse und auf grosse Entfernungen durch die ganze Stadt geschaffen werden. Aber ausführbar? Wie steht es mit der Ausführbarkeit des Descampschen Plans? Um bestehende Städte oder Stadtteile dergestalt einzurichten — selbstredend könnten nur die heute vom Automobilverkehr überlasteten Grossstädte in Betracht kommen — würde die vorherige Enteignung und Niederlegung aller oder fast aller dort vorhandenen Häuser notwendig sein : nach unseren spiessbürgerlichen Begriffen eine Unausführbarkeit! Descamps schlägt deshalb vor, eine Stadt nach seinen Angaben im Aussengelände von Paris auf freiem oder fast freiem Boden zu errichten. Aber hier stösst doch der Bau von Vororten bisheriger Art mit niedrigen Häusern gar nicht oder nur in geringem Masse auf die im Innern grosser Städte herrschenden Verkehrsschwierigkeiten, um deren Vermeidung es sich handelt; zwanziggeschossige Hochhäuser zu errichten, wäre deshalb hier ein Unding. Es muss deshalb wiederholt werden, dass, so reizvoll die Descampschen Vorschläge in Einzelheiten auch sein mögen, der Gesamtplan, wenigstens zurzeit, den Stempel der Unausführbarkeit tragen dürfte. Es wird die Notwendigkeit bestehen,"auf die eingangs erwähnten amerikanischen Stockwerkstrassen zurückzukommen oder, besser noch, die Einführung der ländlichen Automobilstrassen in die grossen Städte planmässig vorzubereiten und zu verwirklichen, oder beide Massnahmen zu vereinigen. Aeussere und innere Autoringe. Aus Paris, Brüssel und Mailand sind Bestrebungen bekannt geworden, die teils bestehenden, teils geplanten Automobilfernstrassen als selbständige Verkehrswege ohne Anbau von Häusern auch für die Stadt selbst nutzbar zu machen. Zunächst sollen die strahlenförmig der Stadt sich nähernden Automobilstrassen durch einen äussern Ring verbunden werden, der die verschiedenen Verkehrsrichtungen miteinander fustauscht und die Umgehung der Innenstadt erleichtert. Die bedeutendsten Strahlen sollen dann ohne Niveaukreuzungen in die Stadt hinein verlängert wie vor einem Gewitter, und doch war der Himmel wolkenlos. Es herrschte jene Spannung in der Natur, die peitschend und ermüdend zugleich auf unsere Nerven wirkt, die unsere Seele unsicher macht und in Angst vor unbekanntem Bösem erschauern lässt. Der harmonische Friede des schwindenden Tages hatte einer finstern, undurchdringlichen, fast körperlich fühlbaren Nacht Platz gemacht. Sammetweich glitt der Wagen durch die Stadt. Kraft parkierte ihn im Garten des Restaurants. Beim Eintritt der Freunde in die hellen hohen Räume des eleganten Lokals umfingen sie traurigschöne Klänge aus «Traviata» und verstärkten die düstere Stimmung der Nacht. An ihrem Tische sass als einstiger Farbenbruder Ernst Kramer. Sein schmaler Kopf mit den tiefliegenden blauen, etwas unsteten Augen machten ihn, in Verbindung mit seinem überschlanken Körper, zu einer auffallenden Erscheinung. Er hatte Philosophie studiert. Als ihm aber der Lehrerberuf nicht zusagte und er andere Kräfte in sich fühlte, wurde er Schriftsteller und hatte bereits in jungen Jahren recht schöne Erfolge. Kramer sprach nie viel. Um so intensiver war sein inneres Erleben. Sein zur Mystik neigendes Wesen hatte für viele etwas Unheimliches. Der Gerant begrüsste die neuen Gäste. Kramer hatte schon gespeist und war bereits beim schwarzen Kaffee mit Zigarre angelangt. Da das Menü nicht passte, bestellte jeder entsprechend seiner kulinarischen Bildung, korrigiert durch die Leistungsfähigkeit INSEFTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odep deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Kammern werden und in einem inneren Autoring endi-* gen. An zahlreichen Punkten sind Automobilplätze (mit Garagen, Werkstätten, Gasthäusern) vorzusehen, von wo die im Schnellverkehr angekommenen Automobile und Motorräder mittels bequemer Rampen auf die normale Strassenhöhe hinauf- oder hinabführen, um in langsamerem Tempo auf den Stadtstrassen zu ihrem Ziel zu gelangen. Dadurch würde einerseits die den Automobilen eigene Schnellbewegung besser ausgenutzt, andererseits das Netz der städtischen Verkehrs- und Wohnstrassen von einem wesentlichen Teil der Autofahrten und den damit für den Langsamverkehr, besonders für die Fussgänger, verbundenen Gefahren befreit werden. Da aber ein umfangreicher Teil dieser Gefahren und Störungen doch bestehen bliebe, so müsste weiterhin dafür gesorgt werden, dass, ähnlich wie im Descampschen Plan, ein Netz von selbständigen Fusswegen oder Grünwegen (mit Zugängen zu den Häusern) entstünde, die Baublöcke durchquerend und die Verkehrsstrassen unterfahrend oder überbrückend, damit den Fussgängern gefahrlose Wege auch auf bedeutende Entfernungen dargeboten werden. Das Strassen- und Wegenetz der neuen Stadt würde dann viererlei Bestandteile aufweisen : A. Selbständige Automobilstrassen; B. Städtische Verkehrsstrassen im engeren Sinne; C. Städtische Wohnstrassen; D. Selbständige Fusswege. Nur die Strassen B and C würden für den Anbau bestimmt sein. Die Lösung wird immer dringender werden. Die durch die neuzeitliche Entwicklung des Automobilverkehrs nicht bloss in den Millionenstädten, sondern auch in andern volk-^ reichen und schnellwachsenden Städten entstandenen und beständig zunehmenden Verkehrsschwierigkeiten zu überwinden ist eine Aufgabe naher Zukunft; die Planung und Lösung wird immer dringender werden. Dazu aber kommt die für die Städte genannter Art ebenso wichtige Frage der Errichtung von acht-, zehn- oder gar zwölfgeschossigen Hochhäusern im Stadtkern, eine Frage, an deren organisch planmässiger Lösung man bisher durch Gelegenheits- und Verlegenheitsentscheidungen vorbeigegangen ist. Der jetzigen und der nächsten Generation liegen hiernach äusserst wichtige städtebauliche Aufgaben ob, wie sie bisher nicht gestellt waren. Die Lösung muss und wird kommen, so schreibt Oberbaurat Dr. Stubben in der « Kölner Zeitung ». des Beutels. Der glattrasierte, in seiner Kleidung bis ins kleinste Detail raffiniert abgestimmte Bankier zeigte sich auch in diesem Punkt als geschmackvoller Lebenskünstler, der jejde Protzigkeit streng mied. Speisenfolge mit jeweils richtig gewähltem Wein waren ein kleines Kunstwerk. Ohne auf Einzelheiten genauer zu achten, stellte sich auch der Jurist ein gut überdachtes Mahl zusammen, während der Mediziner und der Ingenieur eher darau bedacht waren, ihrem gesunden Hunger auf den Leib zu rücken. Man sprach von früheren Zeiten, von Frauen und Freunden. Kramer zog einen Brief aus der Tasche. «Von wem glaubt ihr, kommt dieses Schreiben?» Niemand wusste es. Ohne weitere Erklärung began er zu lesen: «Mein Heber Krämer, meine fünf Jahre Fremdenlegion sind vorbei —» «Aha, also von Alfred Fleissig, unserm einstigen Studiengenossen», unterbrach ihn Kraft. «— Gegenwärtig bin ich in Kairo. Nachher gedenke ich mit der «Belgenland» nach Brindisi zu reisen und dort in die Heimat zurückzukehren. Trotz der Freude, die liebe, alte Stadt wiederzusehen, ist es ein schwerer Schritt für mich, denn es gibt dort Erinnerungen, die äusserst schmerzlich und für mein ganzes Leben unauslöschlich sind. Alle meine Kameraden sind etwas Rechtes geworden, nur ich nicht...» Der Brief schloss in trotzigem Ton. Fortsetzung siehe Autler-Feierabend.