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E_1929_Zeitung_Nr.079

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Ausgabe? Deutsche Schweiz. BERN. Freitag 13. September 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. — N° 79 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag • Monatlich „Gelb* Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97, Bern solern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/ 414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Bundesrat Haberlin über automobilistische Tagesfragen Herr- Bundesrat Häberlin hatte erneut die Freundlichkeit, einem Vertreter der «Automobil-Revue» über verschiedene automobilistische Tagesfragen seine Ansicht kundzugeben. Was das eidgenössische Automobilgesetz anbelangt, teilte er uns folgendes mit: Die Wiederaufnahme der eidgenössischen Automobilgesetzgebung steht in voller Vorbereitung. Der Fragebogen bildet ein ziemlich umfangreiches Dokument, das ein eingehendes Vorwort enthält und auf jeden Artikel des verworfenen Gesetzes näher eintritt. Die Kantone als auch die Automobilverbände werden gebeten, über jeden Artikel ihre Meinung abzugeben, eventuell neue Redaktionsformulierungen vorzuschlagen. Das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement wird die gewiss zahlreich einlaufenden Vorsehläge und Anregungen soweit als irgendwie möglich in Berücksichtigung ziehen und darnach trachten, sie sowohl im Gesetzesentwurf als auch in den Vollziehungsverordnungen zu verankern. Das neue Gesetz soll weniger in die Details, eintreten, da das erste gerade daran gescheitert ist; es soll geschmeidiger werden und sich mehr auf die grossen grundlegenden Prinzipienfragen be- Patent No. 2002. Kriminalroman von Ludwig Peter. (2. Fortsetzung) schränken. Eine kürzere parlamentarische Behandlung wird übrigens eine der angenehmen Folgen sein. Zur weiteren Behandlung des Gesetzes wird wie üblich eine parlamentarische Kommission beigezogen werden, die jedoch, gestützt auf Erfahrungen, nicht so zahlreich sein wird wie das letzte Mal. Da alle Detailfragen in den Vollziehungverordnungen zu finden sein werden, wird zu deren näheren Behandlung eine grössere Expertenkommission notwendig sein. Durch dieses Vorgehen erhalten die Interessenten dreimal Gelegenheit, in verschiedenen Stadien der Gesetzesbearbeitung sich dazu äussern zu können. Auf eine Frage dahingehend, ob es nicht besser wäre, das kommende Gesetz als Verkehrsgesetz und nicht als Automobilgesetz zu bezeichnen, äusserte sich Herr Bundesrat Haberlin dahin, dass es nicht angängig sei, eine vom Volke vor wenigen Monaten verworfene Konzeption wiederum aufleben zu lassen. Es sei allerdings, zuzugeben, dass der Name «Automobilgesetz » weder der gegenwärtigen Auffassung, welche durch die Motion Lachenal geschaffen wurde, noch den Absichten des Bundesrates entspreche. Gewiss wird man eine träfere -Bezeichnung finden. Das neue Gesetz könnte als «Gesetz über eineV erkehrsordnung auf Strassen,welche dem Automobilverkehr dienen» (Loi reglant la circulation sur les routes servant au trafic automobile) umschrieben werden. Der Titel ist etwas lang, eine konzisere Formel wäre gegeben. Auf die Frage, auf welchen Zeitpunkt das Gesetz abstimmungsreif sein könnte, antwortete Herr Bundesrat Haberlin lächelnd, dass es weniger auf ihn als auf das Parlament, und die Verkehrsinteressenten ankomme. Die Antworten auf den Fragebogen müssen bis zum 31. Dezember beim Departement einge- . langt sein. Dies ist bis jetzt der einzige anzugebende Fixpunkt. Es ist übrigens nicht zu verhehlen, dass die Arbeiten, infolge der heute zahlreichen kantonalen Gesetzgebungen, sich verlängern und komplizierter werden. Vor drei Jahren hatten wir es nur mit dem interkantonalen Konkordate zutun, was die Gesetzgebung ohne Zweifel sehr vereinfachte. Auch wird man die neuen internationalen Vereinbarungen, welche sich seit drei >Jahren ebenfalls stark--vermehrt haben,;Ja Berücksichtigung ziehen müssen. Das Depari tement jedoch geht mit vollem Vertrauen und Tempo an die Arbeit. Eine Frage betreffend Autocar-KonfHkt mit Frankreich, beantwortete Herr Bundesrat Haberlin dahingehend, dass diese Angelegenheit unbedingt vor der Eröffnung der nächsten Touristensaison erledigt sein müsse. Unser Nachbar weiss, dass unser Entgegenkommen nur ein provisorisches ist und nur für das laufende Jahr gilt. Vom 1. Januar 1930 an werden wir uns wieder auf unsere volle Aktionsfreiheit berufen. Die ganze Frage muss von Grund aus eine definitive Lösung finden. Von einem neuen Provisorium für das Jahr 1930 kann nicht die Rede sein. Nach dem Haagener Entscheide werden wir auch nicht dulden, dass die Autocarfrage mit dem Zonenkonflikt in Zusammenhang gebracht wird. Immerhin werden wir die Unterhandlungen im grösstmöglichsten konzilianten Geiste L führen. Der Chef der Sicherheitspolizei war damit beschäftigt, seine Anordnungen zur Ermittlung und Festnahme eines Schwerverbrechers zu treffen, der am vorigen Tag aus dem Gefängnis von Frankfurt a. M. entsprungen war und von dem man bestimmt annahm, dass er, den Nachtschnellzug benützend, am Morgen hier eingetroffen sei. Gerade war die erste Kopie des radio-te!egraphisch übermittelten Bildes über das Signalement geklebt worden. Nun war der Adjunkt damit beschäftigt, auf einem Grammophon die Stimme des Häftlings wiederzugeben, die während des Verhörs in Frankfurt aufgenommen und telephonisch hierher auf die Platte übertragen worden war. Da klopfte es und ein Unterbeamter meldete: «Herr Oberleutnant, Herr Kramer, Schiiftsteller, wünscht Sie zu sprechen.» «Ich bitte ihn, einzutreten.» Als die beiden Herren allein waren, begann Kramer den Grund seines Kommens zu schildern. Er sah übernächtigt aus, seine Sprache war stockend, nur stossweise brachte er sein Anliegen vor: «Ich habe aus den Schriftproben meinet Freunde mit aller Deutlichkeit das Herannahen eines furchtbaren Verbrechens herausgelesen, das mit schauerlich kaltem Gleichmut und scharfem Verstand vorbereitet und mit teuflischem Geschick durchgeführt werden wird. Näheres vermag ich nicht mitzuteilen, aber ich bitte Sie .dringend, die Herren Dr. Fischer, Dr. Beck und Ingenieur Keller zu beschützen.» Kramer hatte dies mit einer Erregung vorgebracht, aus der eine fürchterliche Angst sprach. Der Polizeichef hatte mit Interesse zugehört und Kramer genau beobachtet. Nun begann er: , «Mein lieber Herr, ich sehe, dass Sie sich um das Schicksal Ihrer Freunde ängstigen; ich bemitleide Sie aufrichtig, denn ich weiss, dass Sie leiden. Vielleicht darf ich aber darauf hinweisen, dass eigentlich keine materiellen Grundlagen für Ihre Befürchtungen vorhanden sind. Oder haben die genannten Herren Feinde?... Ach so, keine Freinde, also. Sehen Sie, Herr Kramer, mir scheint, dass Sie die,Zuverlässigkeit Ihrer Eingebung doch etwas überschätzen. Denken Sie, wohin das führen würde, wenn die Polizei auf jede Anzeige mit einem Aufgebot oder mit Detektivarbeit antworten würde, selbst dann, wenn diese Anzeige rein empfindungsgemäss gemacht und nicht mit Beweismitteln gestützt wird. Nun, ich habe mir die Namen und Adressen der betreffenden Herren notiert und werde mein möglichstes tun. die Sicherheit Ihrer Freunde zu erhöhen.» Auch der internationale Fahrausweis bildete Gegenstand des Gesprächs. Herr Bundesrat Haberlin gab seiner Meinung dahin Ausdruck, dass bis zum Schluss dieser Saison es sehr schwer halten würde, irgend etwas in dieser Frage zu unternehmen. Wenn die französische Presse ihren Lesern selbst eine irrige Auffassung beigebracht hat, indem sie ihnen sagte, dass die provisorische Fünftagekarte den internationalen Fahrausweis ersetzen könne, so muss sie diesen Irrtum durch wiederholte Berichtigungen selbst wieder gutmachen. Unsererseits werden wir unsern Grenzorganen erneut die Instruktion erteilen, die französischen Automobilisten darauf aufmerksam zu machen, dass die provisorische Fünftagekarte nur ein Zollpapier ist, das den internationalen Fahrausweis als Polizeidokument nicht ersetzen kann. Sowohl die französisch-schweizerische Uebereinkunft wie auch das Konkordat verlangen vom Automobilisten den Besitz des internationalen Fahrausweises. Es ist zuzugeben, dass dieser internationale Fahrausweis sehr wohl durch den nationalen ersetzt werden könnte, da er durch die gleichen Behörden und nur bei Vorweis des nationalen Fahrausweises ausgestellt wird. Sein Vorteil beruht einzig darin, dass er in allen Sprachen redigiert ist, was einzig die Grenzkontrolle ermöglicht, da man unsern: Organen das Verständnis des Ungarischen oder, des Türkischen nicht zumuten kann?! Dagegen ist die Möglichkeit da, sich mft denjenigen Landern, deren Spräche eine- unserer Nationalsprachen ist, dahin zu einigen, dass der kantonale Fahrausweis in den betreffenden Ländern und dementsprechend derjenige dieser Länder auch bei uns in der Schweiz ohne weiteres seine Gültigkeit haben könnte. Diese im Interesse des internationalen Tourismus liegende Vereinfachung kann leider heute noch nicht durchgeführt werden, da sie nicht in der Kompetenz des Bundes, sondern einzig in derjenigen der Kantone liegt. Das verworfene Automobilgesetz enthielt übrigens einen diesbezüglichen Artikel. Das kommende neue Gesetz Kramer dankte und ging. Er irrte ziellos in den Strassen umher. Die Angst hetzte ihn weiter, Hilfe hatte er keine oder nur ungenügende bekommen; oder war er wirklich zu weit gegangen? Er war schon als Knabe ein Phantast gewesen. Sollte vielleicht doch sein seelisches Temperament ihn genarrt haben? Es konnte nicht sein. Ohne Mittagessen ging er auf sein Zimmer und warf sich auf das Bett. Ein unruhiger Schlaf überfiel den Uebermüdeten. Erst gegen Abend erwachte er. INSEPTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschlnss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern wird diesen Artikel wiederum aufnehmen müssen. Unsere Automobilisten und die am Tourismus interessierten Kreise können versichert sein, dass wir diese Frage im Auge behalten werden. Wir möchten Herrn Bundesrat Haberlin für die Bereitwilligkeit des gewährten Interviews und für die uns gemachten Erklärungen, welche die grosse schweizerische Automobilgemeinde sicherlich mit grossem Interesse entgegennehmen wird, nochmals den besten Dank aussprechen. Unerfreuliches. Ein Grossteil der Tagespresse kann nicht umhin, jeweilige Automobilünfälle unter aufsehenerregenden Titeln, wie bespielsweise «Das mörderische Automobil», «Der Totentanz auf der Strasse» usw. ihren Lesern vorzutischen. Verkehrsunfälle unserer Bahnen werden dagegen gewöhnlich in möglichst unauffälliger Weise publiziert, trotzdem sie sich gerade in letzter Zeit in auffallender Weise häufen. Erst vor wenigen Tagen erfolgte wiederum ein Zugszusammenstoss bei Leuzingen (Kt. Bern), bei dem es ca. 25 Verletzte gab und der, nach verschiedenen Meldungen, einem Fehler des Fahrpersonals zuzuschreiben ist. Glücklicherweise müssen, wie bei den vorangegangenen Unfällen, keine Menschenopfer beklagt werden. Eine ganz besondere Rolle spielen leider noch die unbewachten Bahnübergänge, von denen bald tagtäglich zu lesen ist. So wurde kürzlich ein 67jähriger Mann beim Passieren des unbewachten Bahnüberganges in Lauperswil (Kt. Bern) durch die Lokomotive eines Personenzugs erfasst und mitgeschleppt. Der Unglückliche erlitt einen Schädelbruch und weitere Verletzungen, an deren Folgen er kürze Zeit nach Einlieferung ins Krankenhaus Langnau starb. So hat der unbewachte • Bahnübergang: wiederum ein Menschenopfer gekostet. Die Presse hat davon berichtet, ob aber wirklich Remedur geschaffen wird, ist eine andere Frage. Andere Vorfälle sind uns bekannt geworden. An einem Bahnübergang wurde ein Schnellzug signalisiert. Die Barriere aber wurde nicht geschlossen, da, wie sich nachher herausstellte, der diensttuende Streckenwärter in einem Schnapsrausch im Wärterhäuschen schlief. Der Lokomotivführer, welcher die Pflicht gehabt hätte, den Vorfall seinen Oberbehörden .anzuzeigen, unterliess jegliche Meldung. Auf Anzeige eines Privaten hin konnte der Streckenwärter gemäss Reglement nur mit Fr. 1.— Busse gestraft werden! Ein unglücklicher Zufall hätte es fügen können und an jenem Orte und zu jener Zeit hätten vielleicht mehrere Menschen die Nachlässigkeit des Angestellten mit dem. Tode büssen müssen. Ein Gegenbeispiel hierzu wirkt drastisch. In der Nähe einer andern Station befindet sich ein Privatübergang, welcher einem Mizzi Dorn, die junge, blonde Operetten- Soubrette des Stadthteaters, räckelte sich auf dem Diwan ihres elegant eingerichteten Boudoirs. Sie strampelte unzufrieden, wie ein schlecht erzogenes Kind, mit ihren schlanken Beinen, von denen des allzu kurzen Kleidrs wegen reichlich wenig unsichtbar war. Er kam wieder zu spät; ja, das Geschäft und immer wieder das Geschäft; und doch war dieses Uebel notwendig, damit ihr Freund alle ihre tausend Wünsche erfüllen konnte. Er war ja gut zu ihr; schade, dass jenes prickelnde Verlangen, das sie in den ersten drei Wochen ihrer Bekanntschaft für ihn empfunden hatte, so rasch verflogen war; oder galt etwa schon jenes süsse Hoffen mehr seiner spendenden Hand als seinem Herzen? Mizzi konnte diese Frage nicht entscheiden, sicher war nur, dass heute für sie der Freund nicht mehr als ein angenehmer Unterhalter und der Spender sehr beträchtlicher Mittel war. Wie konnte das auch so kommen? Er war hübsch, gepflegt, ein Mann in den besten Jahren; aber eben diese besten Jahre! Da war doch der junge, schnittige Fliegeroffizier viel rassiger und begehrenswerter, aber das klingende Glück war zum Teil an ihm vorbei, zum Teil längst aus seiner Hand gerollt. Ein Blick über die /ornehme Ausstattung ihrer Wohnung zeigte ! hr, dass sie den Bankier brauchte. Sie konnte ohne Luxus, ohne sehr viel Luxus, nicht leben; ihre Neigung zum jüngeren-Marin konnte ja trotzdem zu ihrem Rechte kommen. Es klopfte. Das Mädchen meldete Fritz Kraft. Er sah schlecht aus, Eine steile Falte lag zwischen seinen Augen. «Guten Abend, Mizzi.» «Guten Abend, Herr Baron, du kommst wieder zu spät und denkst nicht daran, dass ich mich zu Hause langweile.» «Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte Arbeit.» «Ja ja, du hast immer Arbeit, wenn du bef mir sein solltest.» «Höre, Mizzi, es wäre viel angezeigter, wenn du ein einziges Mal versuchen würdest, an mich zu denken. Wenn du nicht den letzten Rest von Weiblichkeit verloren hättest, würdest du mir ansehen, dass ich heute keiner Vorwürfe, sondern eher einer sanften Hand bedarf.» «Wünschen der Herr Baron, dass 1i°se sanfte Hand mit Mütterlichkeit das