Aufrufe
vor 3 Monaten

E_1929_Zeitung_Nr.082

E_1929_Zeitung_Nr.082

Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN. Dienstag 24. September 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. - N° 82 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und- Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamUicb bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 ADMINISTRATION: Breitenrainstrasse 97 Bern Rappen. Posten eck-Rechnung 111/ 414 Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Qualität und Quantität Verschiedentlich ist uns der Ausdruck «Tragik des schweizerischen Fremdenverkehrs» zu - Ohren gekommen. Man hat uns .geklagt über schäbige.Touristik, mangelnden Gewinn und hat uns davon gesprochen, dass wohl sehr viele Fremde in unser 'Land einreisten, dass es jedoch nicht mehr die Kurgäste der Vorkriegszeit wären, die wochenlang unsere: bekannten Kurorte bevölkerten. In einem Worte, dass viel Quantität und leider weniger Qualität unsere schweizerischen Kur- und Fremdenorte aufsuchte. Nicht zuletzt hat man diese ganze Erscheinungsweise mit dem Automobil in Zusammenhang gebracht und die Schuld dieser sogenannten «Tragik des schweizerischen Fremdenverkehrs» dem modernen Verkehrsvehikel zugeschrieben. Die Klagen können nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen werden. Die Erfahrungen, welche wir in der Schweiz machen, werden in andern Ländern bestätigt. Es sind jedoch nur tiefere Ursachen psychologischer und wirtschaftlicher Art, welche uns den modernen Fremdenverkehr erklären lassen. Der Weltkrieg und die Fortschritte der Automobiltechnik haben auch auf diesem Gebiete zu einer gewaltigen Umwälzung geführt. Die vorkriegszeitlicheu Stände, welche mit Vorliebe unsere Kurorte aufsuchten, sind verarmt. .Diese Verarmung ist sogar bis tief in das Bürgertum nineingeäruhgen. Es fehlt diesen Schichten heute an den nötigen Mitteln, um sich längere Berg- und Kuraufenthalte leisten zu können. Eine neue Gesellschaft, ein neues Bürgertum ist im Werden begriffen. Die Flucht des Alltages lässt uns diese Tatsache vielleicht nicht unmittelbar erkennen, aber dem tiefern Beobachter kann sie nicht entgehen. Dieses aus alten Hüllen und zum Teil auch aus verzopften Vorurteilen herausgewachsene Bürgertum kennt neue Ziele und. neue Ideale. In den Mittelpunkt des menschlichen Lebens ist recht offensichtlich die Reise, der Tourismus, getreten. Ein eigentliches Reisefieber hat die Völker gepackt. Den gemächlichen Ferienaufenthalt, wo man glaubte, mit dem «In-das-Gras-sich-strekken» die nötige geistige Entspannung finden zu können, überlässt man heute den F E U I L L E T O N Patent No. 2002. Kriminalroman von Ludwig Peter. (5. Fortsetzung) Zwei Stunden später gingen zwei junge Burschen mit ihren Mädchen von Oberkirch gegen Hochau. Sie hatten getanzt und waren frohen Mutes. Dunkel breitete sich der Wald, langsam stieg die Strasse. In einer Kurve sahen sie ein rotes Licht. «Hier steht ein Auto.» «Es hat die Kurve nicht richtig genommen.» «Der Motor läuft noch.» «Ihr solltet dem Mann helfen», meinte Fritzens Gefährtin. Sie waren bei der Limousine angelangt. «Es sitzt einer drin, der wartet sicher auf jemand, ich glaube er schläft; gib mal deine Taschenlampe, wir wollen ihn ein wenig in die Augen kitzeln.» Fritz leuchtete durch das vordere Fenster dem Mann am Steuer ins Gesicht. Die Mädchen stiessen einen Schrei aus. Sie hatten einen Toten geschaut. Die Augen hatten einen wässerigen Glanz, das Gesicht war leicht gedunsen und zeigte auf den Wangen hellrötliche Stellen. Beim Oeffnen der Wagentür drang den jungen Menschen ein heftiger scharfer Geruch entgegen. «Auspuffgase,» sagte Fritz, der etwas von Autos verstand, «sie sind in den Wagen gedrunsen und haben den Mann getötet.» Kranken, den Rekonvaleszenten, den Alten. Der im täglichen Einerlei des Alltags .untergehende Mensch verlangt nach Abwechslung, verlangt nach Neuem, nach Kontrasten, nach Sehen und Erleben. Der Tourismus öffnet ihm weit die Arme. Er ist als Erfüller dieser Bedürfnisse zu einer sportlichen Erscheinung geworden. Die Technik hat ihm das hierfür nötige vollendete Instrument geschenkt. Das Automobil macht den Menschen von der Schiene frei; mit ihm ist es möglich, die Welt in einigen Tagen zu erobern. An dieser unumstösslichen Tatsache darf unser Hotelgewerbe und dürfen unsere Propaganda-Zentralen nicht achtlos vorbeigehen. Der Autotourismus wächst flutartig an. Er bedingt eine Neuorientierung und eine Neueinstellung. Wir wissen, dass man in andern Ländern zur Hebung des Fremdenverkehrs alle Hebel in Bewegung setzt. Die Konkurrenz ist eine ausserordentlich grosse geworden. Das Ausland hat die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus richtig erkannt. Die Fremdenindustrie wird heute sogar von Ländern ausgebaut, die ihrer ganzen Struktur nach dafür gar nicht prädestiniert sind. Der Wettkampf spielt sich bereits in ziemlich erweiterter Weise einerseits zwischen dem neuen und alten Kontinent und anderseits zwischen den europäischen Staaten unter sich ab. Die Propaganda verschlingt Millionen von Franken. In bezug auf die Propagandamittel werden wir mit den andern Ländern kaum mehr, Schritt halten können. Hier muss uns eine Neuorientierung zu Hilfe kommen. Die prächtigen Gegenden unseres Landes können uns glücklicherweise ja nicht genommen werden. Dagegen müssen wir die alten Wege der Propaganda, die bis heute fast ausschliesslich den Schienen entlang liefen, verlassen. Unsere Verkehrs- und Propagandazentren, unsere Kurorte und Fremdenplätze müssen an die gewaltige Rolle des Autotourismus denken und ihre Propaganda nach Als sie sich von ihrem Schreck etwas erholt hatten, berieten sie, was zu tun sei. Zwei blieben beim Toten, die andern liefen zurück und erstatteten in Oberkirch Anzeige beim Bezirksstatthalter. Das Gewitter war verrauscht. Zerfetzte Wolken jagten am Mond vorüber. Gespenstisch huschten ihre Schatten über den Wald. Auf der Strasse ging Hand in Hand das zurückgebliebene Paar auf und ab. Es hielt die Totenwacht. Sie fingen an zu frösteln und ein Gefühl der Ungeborgenheit begann sie zu quälen. Sie wussten nicht, ob ihre Furcht mehr dem Toten im Wagen oder den Lebenden galt. Da löste sich vorsichtig tastend aus dem Buschwerk eine Gestalt und ein Mann mit schwarzem Bart stand vor ihnen, selber überrascht und erschreckt, Menschen anzutreffen. Der Fremde fragte nach dem Weg nach Oberkirch. Er wollte den letzten Zug noch erreichen, er habe sich verirrt. Der junge Mann gab ihm Auskunft und erzählte, was passiert sei. Der Bärtige bekundete sein Mitgefühl und verliess sie hastig. Wenige Minuten später hörte man aus nicht allzu grosser Entfernung ein Automobil davonfahren. «Ein Unheimlicher», sagte das Mädchen. Nach einer Wartezeit von anderthalb Stunden sah man die Scheinwerfer eines Automobils die Kurve beleuchten. Der Wagen hielt an der Unglücksstelle. Ihm entstiegen der Bezirksstatthalter, Dr. Auer und das andere Paar. Vorerst wurden anhand des Fahrausweises, den man in einer Ledertasche der Wagentür fand, die Personalien festgestellt. dieser Richtung hin orientieren. Propagandaschriften usw. dürfen nicht nur in den Verkehrsbureaus der Eisenbahnen und an ihren Schaltern aufliegen, sondern sie müssen in geschickter und neuer Aufmachung auf dem Wege der Automobilfachzeitschriften und der automobilistischen internationalen Reiseführer in die Hände derjenigen Leute fallen, die ihre Reise mit dem Automobil zu unternehmen gedenken. Der Strom der internationalen Automobilwelt, der dieses Jahr in die Schweiz geflutet ist, hat gegenüber dem Vorjahre bereits eine bedeutende Steigerung erfahren. Er ist von massgebender Bedeutung. Die Automobilreisenden wählen vielleicht kürzere Aufenthaltszeiten, aber sind sicher zur gutzahlenden Kundschaft zu rechnen. Mit der Propaganda allein ist es jedoch nicht getan. Wir wissen, dass die Anforderungen an den Hotelkomfort immer grösser werden. Grosse Kurorte und Hotels können der Badezimmer, des laufenden Wassers, des Orchesters, des Dancings, ganz besonders aber der Garage nicht mehr entbehren. Wie wir eingangs schon betonten: Die heutige Welt will sehen und erleben. Sie findet ihre Erholung im Spiel und im Sport. Mit dem Hotelpark allein ist es nicht mehr getan. Viel wichtiger sind der schön gelegene und gut unterhaltene Tennis-, der Golfplatz oder das Strandbad. Feste und sportliche Veranstaltungen vermögen die Fremden länger am Orte zu fesseln. Einen glänzenden Beweis für diese These liefert uns St. Moritz mit seinen verschiedensten Distraktionen und seiner glänzenden automobilistischen Sportwoche. Der moderne Fremdenort verlangt nach der modernen Strasse. Gerne lässt sich der Automobilist für längere Zeit da nieder, wo es ihm dank guter Strassen möglich ist, von den Zentralpunkten aus die verschiedensten, lohnendsten Bergtouren zu unternehmen. Nicht ans diesem Grunde zuletzt hat die «Automobil-Revue» nicht nur •für die gute, staubfreie Durchgangsstrasse plädiert, sondern immer und immer wieder auf die hohe Bedeutung guterhaltener, richtig angelegter Berg- und Zufahrtsstrassen hingewiesen. Das Geld, das auf diese Weise angelegt wird, trägt Zins und Zinseszins. Hören zudem einmal noch die Plackereien auf der Strasse mit den verschiedenen Polizeiinstanzen auf, verschwindet das unrühmliche Bussenwesen, so dürfte gerade die Schweiz dasjenige gute automobilistische Leumundszeugnis erhalten, das «Um Gotteswillen,» sagte der Arzt, «Kollege Beck, das ist ja furchtbar.» Er untersuchte rasch und bestätigte, dass der Arzt tot sei. Der Statthalter untersuchte den Wagen mit der Taschenlampe und fand, dass sich der Heizkörper von der Rohrleitung gelöst hatte und dass auf diese Weise die Auspuffgase in die Limousine strömen konnten. Dr. Auer betrachtete voll Mitgefühl den toten Kollegen. Ihm fielen die hellroten Partien im Gesicht der Leiche auf. «Kohlenoxyd! Eine geringe Konzentration genügt, um einen Menschen in kurzer Zeit zu töten.» Er entnahm der Armvene des Toten eine Blutprobe, um sie im gerichtsärztlichen Institut untersuchen zu lassen. Dann Hess er den Statthalter bei der Leiche zurück und fuhr die vier jungen Leute nach Hause, da sie durch die Anzeige viel Zeit verloren hatten. Unterdessen machte der Beamte Notizen über den Tatbestand. Er war gleicher Ansicht wie der Arzt, dass eine Kohlenoxydvergiftung vorläge. Als Dr. Auer zurückkam, erklärte er: «Ich fahre den Wagen mit dem Toten«bis Oberkirch, dort versorgen Sie Ihre Limousine und machen telephonisch Mitteilung nach der Wohnung Dr. Becks. Dann bringen wir den Leichnam gemeinsam in die Wohnung.» ' Sie wenden die beiden Automobile und rasten in die Stadt. Auf dem Polizeikommando angelangt, schrieb Dr. Auer sein Gutachten und erklärte, die Blutprobe dem Institut zur Untersuchung zu übersenden. Noch INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Kammern für sie, sich von Mund zu Mund sprechend, die allerbeste und wirksamste Propaganda in der ganzen Welt bedeuten wird. K. Rücktritt von Bundesrat Haab. In der letzten Freitagsitzung des Bundesrates kündigte Herr Bundespräsident Haab seinen Rücktritt aus der Behörde auf Ende der laufenden Amtsperiode an. Der Entschluss, des verehrten Magistraten 1 kommt für die schweizerische Oeffentlichkeit überraschend. Ein arbeitsreiches Leben findet damit im der Oeffentlichkeit seinen Abschluss. 40 Jahre lang hat Herr Dr. Haab dem Zürcher- und Schweizervolke gedient: als Gemeindepräsident seines Heimatortes Wädenswil, als zürcherischer Kantonsrat, als zürcherischer Oberrichtfir, als zürcherischer Regierungsrat, bis er im Jahre 1911' in die Generaldirektion der Bundesbahnen berufen wurde. Während des Krieges, in schwerwiegenden Jahren, war Dr. Haab als schweizerischer Gesandter und Minister, in Berlin tätig. Nach dem Tode des Herrn Bundesrat Forrer wählte die Vereinigte Bundesversammlung ihren ausserordentlichen Bevollmächtigten in der deutschen Reichshauptstadt zum Mitglied des Bundesrates, in der gleichen Nacht wurden von dem städtischen Beamten die Leiche und der Wagen von Dr. Beck untersucht. Der Bericht der städtischen Behörden bestätigte die vom Statthalter und vom Arzt geäusserte Ansicht über die Unfallursache. Als die Morgenblätter am Samstag Kunde brachten von den Ereignissen am gestrigen Abend, herrschte in der Stadt grosse Bestürzung. Man kannte Herrn und Frau Dr. Fischer und nicht weniger Dr. Beck in weiten Kreisen. Drei geschätzte und beliebte Menschen waren zwei Unfällen zum Opfer gefallen. In seinem Studierzimmer sass der Privatdetektiv Dr. Franz Steinmann. Er hatte früher die ärztliche Praxis in der Stadt ausgeübt und sich so einen grossen Bekanntenkreis geschaffen. Sein Interesse hatte immer den psychischen Grundlagen und Bedingungen gegolten, welche, die Menschen triebmässig beherrschend, ihr Geschick bestimmen. Eine Zeitlang wirkte er als Gerichtsarzt und immer beschäftigte ihn die Frage, wie weit der Anlage eines Verbrechers und wie weit den Zufälligkeiten der Ereignisse die Schuld an seinen asozialen Handlungen beizumessen sei. Er hatte Lombroso und die neuere Literatur durchgearbeitet und hatte immer mehr Interesse .gewonnen am Studium der Kriminalistik. Als sein Vater vor zehn Jahren starb und ihm als einzigem Kind ein beträchtliches Vermögen zufiel, Hess er den Arztberuf fallen und widmete sich ganz sei-