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E_1930_Zeitung_Nr.002

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 7. Januar 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. - N° 2 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentra!b!att für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlenstan und Preitao Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION 11. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnuna III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Seit vielen Jahren haben Ingenieure und Grossfirmen sowohl in der Schweiz als im Auslande Ausbau und Herstellung eines Dieselmotors für den Motorlastwagenbetrieb studiert. Das zu lösende Problem war nicht leicht, handelte es sich doch darum, einen schnellaufenden Diesel von geringem Gewicht herzustellen. Heute nun stehen wir vor einer glücklichen Lösung, indem es der schweizerischen Industrie, vor allem Saurer, gelungen ist, einen schweizerischen Fahrzeug-Diesel zu konstruieren, der eine der besten Lösungen darstellt und mit etwa 6 kg pro Pferdekraft die leichteste Bauart erreicht hat. Allerdings stehen die Erfahrungen noch aus. Wie sich der Motor in der Praxis behaupten wird, weiss man nicht. Auf alle Fälle kommt es darauf an, dass sein Betriebsmittel, das Schweröl, nicht bereits derart fiskalisch ausgebeutet wird, dass die Verwendung des Dieselmotors überhaupt und zum vorneherein nicht in Betracht fallen kann. Allein in den «hohen Häusern» zu Bern hatte man, wie man sagt, Lunte gerochen und bald einmal ausgerechnet, dass eine Erhöhung des Zolles auf Rohöl dem arg gequetschten Bundesfiskus ein neues Goldbrünnlein zuführen könnte. Nun haben sich aber doch die Zeiten geändert Man verfügt nicht mehr einfach, sondern man lädt die Interessenten an den grünen Tisch und bespricht mit ihnen die Sache. Eine solche Konferenz zur Erläuterung des Problems hat Montag den 30. Dezember stattgefunden. Die eidgen. Oberzolldirektion lud verschiedene Interessentengruppen, so den schweizerischen Handels- und Industrie-Verein, den Schweiz. Gewerbeverein, den Schweiz. Verband der Motorlastwagenbesitzer, die Sesa, die Petrol-lmporteure usw. zu einer Aussprache ein. Anwesend war auch der Präsident der eidg. Zollkommission, Herr Ständerat Schöpfer, und der Präsident der kantonalen Baudirektoren - Konferenz, Herr Regierungsrat von Arx; anwesend waren ferner die Vertreter der zuständigen Industrie. In einem einlässlichen Vortrage erläuterte Herr Direktor Saurer den Werdegang des Dieselmotors, indem er zugleich auf die grossen Kosten der zehnjährigen Arbeit hinwies und das Risiko hervorhob, das durch V erfirüht! eine zu frühzeitige Erhöhung des Zolles auf Schweröl bedingt sei. Trotzdem eine gute Lösung des Dieselmotorenbaues nun vorliegt, kennen wir doch den Betrieb, wie er sich in einer zehnjährigen Betriebsperiode gestalten wird, noch nicht. Man ist sich über die Möglichkeiten späterer Störungen und die Kosten ihrer Behebung, wie auch über die Lebensdauer der Maschine noch vollständig im Unklaren. Ganz allgemein ging denn auch die Auffassung dahin, dass ein Zollzuschlag auf Schweröle im Sinne von Artikel 2, Alinea 2, des Bundesbeschlusses betreffend die Ausrichtung von Bundesbeiträgen an die Kantone für die Automobilstrassen, wodurch der Bundesrat berechtigt wird, andere Brennstoffe als Benzin zu motorischen Zwecken, sowie -Stoffe zu deren Erzeugung mit Zuschlagszoll zu belegen, verfrüht wäre. Ganz abgesehen davon, dass heute erst 30 Wagen mit Dieselmotoren versehen sind und dass in den nächsten zehn Jahren, wenn es gut geht, diese Zahl allerhöchstens auf 400 gesteigert werden kann, sprechen auch ganz bedeutende wirtschaftliche Momente gegen eine frühzeitige Anwendung des betreffenden Bundesbeschlusses. Man lasse das Kind doch zuerst wachsen, bevor man es erwürgen will! Der Dieselmotorenbau steht erst in seinem Anfange. Er kann für unsere Industrie von grösster Bedeutung werden. Ansätze sind vorhanden, um unserer Schweiz eine neue und blühende Industrie zuzuführen. Ansätze sind vorhanden, um die Transportkosten von Handel und Industrie herabzusetzen. Man jage durch eine zu brüske Finanzmassnahme diesen zu so schönen Hoffnungen berechtigenden Industriezweig nicht aus dem Lande und unterbinde die Blüte unserer industriellen und kommerziellen Unternehmungen nicht durch ausgesprochen fiskalische Beutezüge. Man erinnere sich einmal des alten Grundsatzes, dass der Staat nicht um sich selber da ist und dass es nicht in seiner Aufgabe liegt, die produzierenden Stände derart auszuquetschen, dass die Wohlfahrt des gesamten Volkes darunter zu leiden hat. Wir brauchen den Dieselmotor. Die durch die Teerdestillation bedingten Oel-Abfälle der Gaswerke zwingen, Mittel und Wege zu suchen, um sie der Industrie in irgendwelcher Form wieder zuzuführen. Die Möglichkeit ist da, aus diesen Abfällen das für die Dieselmotoren nötige Schweröl herauszubringen, aber man schaffe vorerst Sicherheit. Weder öffentliche Betriebe noch Privatgeschäfte können beständig unter schweren Risiken arbeiten. Diese Sicherheit besteht darin, dass man, wie bereits angetönt, das junge Pflänzchen einmal wachsen lässt, bevor man ihm die Früchte vom Baume herunterholen will. Die Absicht, bereits heute auf Schweröl einen Zollzuschlag von Fr. 9.— zu erheben, wäre sowohl für die betreffende Industrie als auch für die Zukunft unseres Motorlastwagenbetriebes, der sich in allen privaten und öffentlichen Betrieben gut eingeführt hat und zum Teil unentbehrlich geworden ist, katastrophal. «Verfrüht» war der allgemeine Eindruck dieser wichtigen Konferenz. Verfrüht, so rufen auch wir den massgebenden Behörden zu. Wir sind überzeugt, dass nach der gründlichen, stundenlangen Aussprache vom 30. Dezember 1929 der beabsichtigte Zollzuschlag auf Schweröl noch auf geraume Zeit hin nicht erfolgen wird. K. Die neue Basler Verkehrsverordnung. Am Neujahrstag ist im Kanton Baselstadt die «Verordnung über den Strassenverkehr» in Kraft getreten, die der Regierungsrat — nach langen Vorbesprechungen mit den Verkehrsbenützergruppen und nach eingehenden Beratungen in seiner Mitte — kraft der ihm zustehenden Kompetenzen am 17. September 1929 erlassen hat INSERTIO\S-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Bisher lagen diese Vorschriften in ungefähr zwanzig verschiedenen Bekanntmachungen, Beschlüssen und Verordnungen verzettelt, die zum Teil bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreichen und vielfach nur mehr historisch-antiquarischen Wert beanspruchen konnten. Kein Mensch konnte sich in diesem Wirrwarr auskennen, und zudem wusste man auch nicht, wo veraltete Vorschriften stillschweigend ignoriert werden durften und WQ solche behördlicherseits zum mindesten noch pro forma als «in Kraft» betrachtet wurden. Die neue Verkehrsverordnung, die mit einem Schlag den ganzen alten und auch den neueren Plunder ausser Kurs setzt und für alle Fragen des öffentlichen Verkehrs im Kanton Baselstadt nur eine einzige Sammelvorschrift bringt, kommt darum wie eine Erlösung. Das an sich sehr verdienstvolle Werk des Polizeidepartements ist freilich nicht unangefochten geblieben. Das ist zum vornherein nicht verwunderlich bei einer behördlichen Massnahme, die sich auf 150 000 und noch viel mehr Menschen erstreckt. Mag sein, dass in einzelnen Punkten die mit 194 Paragraphen arg umfangreiche Verordnung nicht restlos glücklich, klar, praktisch und zeitgemäss ist. Als Ganzes ist sie auf alle Fälle eine erfreuliche und notwendige Neuerung, die im Gestatten und im Verbieten sich in vernünftigen Bahnen bewegt. Die Praxis wird zeigen, wo wirkliche Unzweckmässigkeiten oder, Ueberflüssigkeiten in die Verordnung hineingeraten sind, und der Regierungsrat wird dann für die gegebenen Korrekturen sorgen können. Soll aber der Fahr- und Fussgängerverkehr von dieser Verordnung möglichst geklärt und gebessert werden, soll der gehende und stehende, der führende und fahrende Verkehrsbenützer den grösstmöglichsten Vorteil aus dieser Neuerung erfahren, so genügt es freilich nicht, dass 194 Paragraphen irgendwo in einem Büchlein stehen. Voraussetzung für eine wirksame und heilsame Anwendung der Verordnung ist: 1. dass sämtliche behördlichen Organe, die als Ordner, Benutzer und Wächter des Verkehrs in Frage kommen, nicht nur den Text, sondern auch den Sinn aller dieser Bestimmungen auch wirklich kennen und verstehen (wir setzen voraus, dass die Behörden in dieser Richtung sorgfältige Vorarbeit geleistet haben); 2. dass das die Allmend zu Fuss oder zu Vehikel benützende Publikum sich seinerseits mit den neuen Bestimmungen, soweit diese für jeden einzelnen von Bedeutung sein können, genau vertraut macht. Zu diesem Zweck sollte jedermann ein Exemplar der Verordnung beim Polizeidepartement beziehen (bis 1. Februar 1930 zum halben Selbstkostenpreis erhältlich!) und — studieren! Jedermann wird das leider nicht tun. Und so mag die Presse, so schreiben die « Basler Nachrichten» mit Recht, helfend einspringen zum Nutzen der Oeffentlichkeit und der Behörden. * * * F E U I L L TON Der eiserne Wagen Kriminal-Roman von Sven Elvestad. Deutsches Recht beim Vertag Georg Müller in München. (5. Fortsetzung) Der Landhändler* wusste zu erzählen, dass Fräulein Hilde in der Hütte gewesen und die Leiche gesehen hatte, dann aber eilends davongefahren wäre. Sie hätte nicht geweint, aber wäre fürchterlich bleich, totenbleich und starr im Antlitz gewesen. Auffalend war es, dass niemand von den Leuten eine bestimmte Meinung über die Ursache der Untat oder über die Person des Mörders äusserte. Aber aus zufälligen Aeusserungen und aus ihren Mienen konnte man schliessen, dass sie sich ihre eigenen Gedanken machten. Sie sprachen von der Heide. Es ist ein eigenes Ding um diese Heide, auf der sich schon so mancherlei Dinge ereignet haben sollen; aber auch der alte Bdelhof hatte offenbar sein Geheimnis, das die Leute zwar kannten, von dem sie aber nur ungern sprechen mochten. Es war ein schöner, stiller Abend. Wir sassen auf der Veranda und hörten nicht auf, wieder und wieder über den unvermeidlichen Gesprächsstoff hin und her zu reden, wobei es den Damen mehr und mehr gruse- Landhändler — Besitzer eines Ladens, in dem allerlei landwirtschaftliche Produkte und Gebrauchsartikel für Landwirtschaft feilgehalten werden. Anmerkung er Uebersetzers lüg zumute wurde, je tiefer die Dämmerung hereinbrach. Das Gefühl von etwas Unglaublichem, Unfassbarem verliess uns keinen Augenblick, denn der Gegensatz war zu stark: Draussen auf der Heide brütete das dunkie Grauen, und hier sassen wir wenigen Feriengäste zusammen an dem mffiden, friedlichen Abend. Wir lauschten auf den Ruderschlag vom Meere und die Schritte vom Wege. Leises Vogelgezwitscher erklang rings um uns her, der tiefblaue Zigarrenrauch stieg senkrecht empor. Als uns die Mücken allzu lästig wurden, zogen wir uns in den Salon zurück. Die Damen waren schläfrig, wollten aber nur ungern zur Ruhe gehen; offenbar hatten sie Angst, aHein zu bleiben. Plötzlich höre ich, dass jemand meinen Namen ruft. Der Ruf kommt draussen von der Veranda, eine Stimme, die ich nach meiner Erinnerung nie zuvor gehört habe. «Ein Mensch ruft Sie,» sagte der Mediziner. «Ja, ich höre es auch.» Rasch stehe ich auf, gehe hin und öffne beide Verandatüren. Aber nicht eine lebende Seele befindet sich da, nur leere Korbstühle und ein Tisch; auf dem Tisch stehen zwei Selterflaschen und einige leere Gläser. Einen Augenblick bin ich ganz verblüfft, aber dann höre ich wieder meinen Namen rufen und sehe nun unterhalb der Veranda einen gelben Strohhut. Ich gehe einige Schritte nach vorwärts, der Strohhut verschwindet, und ein grauhaariger Kopf wird im Laube am Gitter sichtbar. Es ist der Fischer von gestern abend, der da steht und mich begrüsst. Ich lehne mich über die Balustrade und sage zu ihm mit einem überströmenden, unerklärlichen Gefühl der Erleichterung: «Ach so, Sie sind es. Es ist nett, dass ich Sie wiedersehe. Wir sprachen doch gestern zusammen, nicht wahr?» «Ich war den ganzen Tag auf Arbeit,» antwortet der Mann, «sonst wäre ich schon längst gekommen.» «Was wünschen Sie von mir?» Der Mann blinzelt mich mit seinen wässerigen blöden Augen an. «Ist es nicht sonderbar, dass das geschehen ist?» fragte er. «Meinen Sie den Mord?» «Ja; ich habe gehört, dass der Forstmeister gestern abend erschlagen sein soll.» «Das ist allerdings richtig.» «Um elf Uhr?» «Das kann man nicht so genau sagen, er wurde zum letztenmal lebend um halb elf Uhr gesehen; ich sah ihn da selbst.» «Ja, ist das aber nicht seltsam, ist das nicht seltsam...» murmelt der Mann. «Sie hörten es doch ebenfalls?» setzt er fragend hinzu. «Was denn?» « Den eisernen Wagen. Wir standen ja und lauschten alle beide. Der eiserne Wagen rollte weit in der Ferne dahin.» Ein sonderbares Gefühl beginnt in meiner Brust aufzusteigen. « Kommen Sie von der Heide? » fragte ich den Mann. «Ja,» erwidert er, «ich ging um elf Uhr an der Hütte der Sandgräber vorbei.» .«Hörten Sie etwas?» 1 «Ich hörte nichts anderes als den eisernen Wagen.» « Keinen Schrei? » « Nein.» « Warten Sie,» sagte ich, «ich komme sofort zurück.» Rasch hole ich meinen Hut und meinen unvermeidlichen Spazierstock mit der Elfenbeinkugel. Dann gehe ich hinaus auf den Weg und winke den Mann heran. «Folgen Sie mir», sage ich, «und erzählen Sie, was Sie über den eisernen Wagen wissen. Ist das nicht eine alte Sage?» «Eine alte Sage?» murmelt der Mann verständnislos. Wieder schüttelt er den Kopf. «Lassen Sie uns irgendwo niedersitzen,» fügt er hinzu, «es ist so unbequem, im Gehen zu plaudern; ausserdem gehen Sie so rasch, und ich bin müde, denn ich bin den ganzen Tag auf Arbeit gewesen.» Dabei zeigt er auf einen Stein in der benachbarten Wiese, der in dem üppigen Grase wie ein kahler Fleck leuchtete. Wir schreiten über die Wiese, die vom Abendtau feucht ist. «Es ist spät geworden», sage ich, während wir uns setzen. Ich kenne die Langsamkeit der Landleute und will, dass sich der Mann beeilt. «Ja,» erwidert der Mann, «gestern abend um diese Zeit war es bereits geschehen.» «Wo hörten Sie den eisernen Wagen zuerst?» «Als ich in den Wald gekommen war. Ich kenne das Geräusch gut. man kann es gar nicht verwechseln. Auch kann ich Ihnen mit-