Aufrufe
vor 9 Monaten

E_1930_Zeitung_Nr.060

E_1930_Zeitung_Nr.060

Ausgabe: Dratschei Schweiz BERN, Dienstag, 15. Juli 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. — N° 60 BESTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentraiblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Eofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Essteilung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung IXI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern An führender Stelle stehen wiederum die beiden offiziellen Führer des T. C. S.: f*H Tmivlncr t ^ ü JL v9m.BL MJLJIig^ für Automobilfahrten in der Schweiz und der erste Automobilführer von Europa Von beiden Werken sind soeben von O. R. Wagner, Chefredaktor der Automobil-Revue, bearbeitete Neuausgaben als Meisterstücke autotouristischer Orientierungskunst erschienen. Werke, die den Fahrtgenuss verbürgen, Werke, die die Erfahrung auf dem Gebiete der Autotouristik ersetzen. Hall wag Bern, Abteilung Toiiring- Verlag. Vorsicht beim Aus dem Bundesgericht. Im Juni 1927 wurde bei Payerne ein 5V2- jähriger Knabe von einem Motorwagen überfahren und getötet. Der Knabe war mit seiner Schwester hinter einem Heuwagen hergegangen; während der Vater der Kinder das Pferd führte, ging ein Knecht neben dem Wagen her. Das entgegenfahrende Auto gab mehrere Signale ab, worauf der Bauer mit dem Heuwagen nach rechts auswich und durch Zuruf auf das Auto aufmerksam machte. Der Knecht rief den Kindern gleichfalls zu: «Obacht, ein Auto.» Als jedoch der Wagen gerade mit 35 km Geschwindigkeit an dem Heuwagen vorbeifuhr, rannte der Knabe, der plötzlich über die Strasse hinüber nach dem Trottoir springen wollte, vor den Wagen, der ihn erfasste. Die vom Vater des Knaben angestrengte Schadenersatzklage auf Zahlung von 12,000 Franken wurde vom waadtländischen Kantonsgericht abgewiesen. Der Autofahrer hatte allerdings das Tempo nicht auf 25 km herabgesetzt, wie es Art. 36 des Konkordates für das Kreuzen von andern Fahrzeugen vorschreibt. Der vom Gericht zugezogene Sachverständige erklärte indessen, der Unfall hätte sich auch bei langsamerer Fahrt angesichts des Verhaltens des Knaben nicht vermeiden lassen, und das Gericht folgte dieser Auffassung, nahm daher an, die Ueberschreitung der Konkordatsvorschrift stehe mit dem Unfall nicht in ursächlichem Zusammenhang. In seinem Urteile vom 9. Juli hat dagegen das Bundesgericht mit 4 gegen 3 Stimmen dem Kläger eine Genugtuungssumme von 1000 Franken zugesprochen. Entscheidend Die blaue Wand Von Richard Washburn Child. Autorisierte Uebersetzung aus dem Amerikanischen Ton Lise Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (17. Portsetzung) Der späte Nachmittag fand mich an einem Landungsplatz in der oberen Stadt, von dem aus ich die Heimkehr eines Vergnügungsdampfers beobachtete. Er fuhr mit flatternden Wimpeln ein, voll von fröhlichen Kindern, von jungen Mädchen mit sonnverbrannten Gesichtern und jungen Burschen, die um ihre Kragen Taschentücher geschlungen hatten und Souvenirstöcke trugen. Ueber ein schmales Laufbrett hinweg kamen sie an Land, wie Ameisen, die an einem Strohhalm entlang kribbeln. Ich stellte mir vor, dass alle die Menschen da, jeder mit seiner persönlichen Tragödie oder Komödie, gleich mir, ein Abbild jener zahllosen, verschwundenen und immer neuerstehenden Millionen von menschlichen Mücken seien, die durch undenkliche Zeitperioden kommen und gehen. Keinen von ihnen hatte ich je zuvor gesehen. Keinen würde ich je wiedersehen. Aber diese Vorstellung hatte nichts Bedrückendes für mich; sie war im Gegenteil tröstlich. Ich erkannte darin den Beweis meiner eigenen Unwichtigkeit. Und ich lachte. Ich beschloss, mich zu zerstreuen. Wenn mir nichts Besseres einfallen sollte, so würde ich den Scheik von Baalbek aufsuchen. Indem ich hiefür war die Ueberzeugung der Mehrheit, dass deri Automobilisten doch ein Verschulden treffe, das als Unfallsursache mitgewirkt habe. Dieses Verschulden wurde sowohl in der Verletzung von Art. 36 des Konkordates erblickt, als namentlich auch in der Ausserachtlassung von Art. 34 des Konkordates, wonach der Führer eines Motorwagens die Fahrt zu verlangsamen oder anzuhalten hat, wenn sein Fahrzeug Anlass zu einem Verkehrshemmnis oder Unfall bieten könne. In einer solchen Lage habe sich der Beklagte vor dem Unfall befunden, denn er habe doch mit der Möglichkeit rechnen müssen, dass jemand hinter dem Heuwagen hervorkommen könnte, der ihm den Ausblick auf die Fahrbahn versperrte. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass die langsamere Fahrt den Unfall verhütet oder doch seine Folgen abgeschwächt hätte. Der Kläger habe es freilich auch an der nötigen Aufsicht über die Kinder fehlen lassen, doch dürfe dies in bäuerlichen Verhältnissen nicht allzu streng beurteilt werden; auf alle Fälle vermöge dieses Mitverschulden das Verschulden des Beklagten als Unfallursache nicht auszuschliessen. Trotzdem demnach der Autofahrer grundsätzlich haftbar sei, müsse vom Zuspruch eines Schadenersatzes abgesehen werden, da beim Tode eines erst S^jährigen nicht vom Verlust des Versorgers gesprochen werden könne. Dagegen sei gemäss Art. 47 des Obligationsrechts, unter Würdigung der Umstände, dem Vater des Knabens eine Genugtuungssumme für den erlittenen seelischen Schmerz zuzusprechen, denn der Zuspruch Internat. Abkommen über Kraftfahrzeugverkehr. Abgeändert und ergänzt werden die Vorschriften über die Lichter. Bisher genügte bei zwei- und dreirädrigen Motorrädern vorn eine Laterne. In Zukunft genügt ein Licht vorn nur bei Motorzweirädern ohne Beiwagen. Neu ist die Bestimmung über die Farbe der Lichter : vorn zwei weisse und hinten ein rotes Licht. Das Fahrzeug, das mehr als 30 km in der Stunde fahren kann, muss Beleuchtungsvorrichtungen haben, die die Fahrbahn 100 m beleuchten. Während sich die alte Uebereinkunft darauf beschränkte, die Verwendung blendender Lichter innerhalb von Ortsteilen mit städtischer Bebauung zu verbieten, bestimmt das neue Abkommen, dass Beleuchtungsvorrichtungen, die eine Blendwirkung hervorrufen können, so beschaffen sein müssen, dass das Abblenden bei Begegnungen mit andern Wegbenützern und in jedem Falle, in dem es nützlich sein könnte, möglich ist. Nach dem Abblenden muss jedoch noch genügend Licht für eine wirksame Beleuchtung der Strasse auf mindestens 25 m Entfernung vorhanden sein. Motorfahrzeuge, die einen Anhänger mitführen, müssen vorn die zwei weissen Lichter, INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschrass 4 Tane vor Erscheinen der Nummern einer Genugtuungssumme aus Art. 47 beiwie allein fahrende Motorfahrzeuge, aufweisen, wogegen das rote hintere Licht an der Tötung eines Menschen sei nicht — wie die Genugtuung wegen Verletzung in den persönlichen Verhältnissen — davon abhängig, dass Neu sind folgende Bestimmungen : Rückseite des Anhängers anzubringen ist. den Beklagten ein besonderes Verschulden 1. Alle Motorfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 3500 kg treffe. Die Minderheit des Gerichtshofes wollte müssen einen Spiegel für die Beobachtung in Bestätigung des kantonsgerichtlichen Urteils die Klage abweisen. Falls die Ueber- 2. Jedes Motorfahrzeug muss mit einer nach rückwärts aufweisen. schreitung von Art. 36 des Konkordates überhaupt ein Verschulden bilde, handle es sich puffs versehen sein. Einrichtung zur Schalldämpfung des Aus- um ein leichtes Verschulden, da sich der 3. Die -Räder der Motorfahrzeug© und ihrer Anhänger müssen mit Gummireifen oder Unfall auf breiter, gerader und mit einem Trottoir versehenen Strasse ereignet habe mit solchen Einrichtungen versehen sein, und der Fahrer aus dem Ausweichen des deren Elastizität gleichwertig ist. Heuwagens zudem habe ersehen können, dass 4. Das Ende der Achsschenkel darf über seine Signale wahrgenommen worden seien. die übrigen Aussenflächen des Fahrzeuges Dieses Verschulden sei nicht Ursache des nicht hinausragen. Unfalles gewesen, der sich den Feststellungen 5. Was die Begrenzung des Gewichts und der Vorinstanz zufolge auch bei langsamer der Aussenabmessungen der Motorfahrzeuge Fahrt ereignet hätte, denn der Knabe sei vom und Anhänger anbelangt, so gelten die allgemeinen Vorschriften der Länder, in denen Auto erfasst worden, bevor dessen Bremsen überhaupt in Tätigkeit treten konnten. Endlich stehe diesem Verschulden das weit die Motorfahrzeuge verkehren. schwerere Verschulden des Klägers und seines Knechtes wegen Verletzung der. Pflicht In Artikel 4 wird die Ausstellung und Anerkennung der internationalen Zulassungsscheine geregelt. An Stelle des bisherigen, zur Beaufsichtigung der Kinder gegenüber. zugleich für Fahrzeug und Führer geltenden W. internationalen Fahrausweises werden getrennte Ausweise für das Fahrzeug und für »Siehe Nr. 56 und 57. (Fortsetzung *) meinen Scharfsinn dem seinen gegenüberstellte, wollte ich beweisen, dass ich imstande sei, mit einiger Willensanstrengung die quälenden Gedanken zu verscheuchen, deren Opfer ich seit so vielen Stunden gewesen war. «Zum Scheik also,» sagte ich mir, nachdem ich einige Blocks zurückgelegt hatte. «Er war es, der mich in diese Sache hineingebracht hat. Nun soll er es auch sein, der mir hilft, ihr ein Ende machen.» Im Laufe der folgenden Ereignisse habe ich oft an diese Worte denken müssen, die ich im Weitergehen halblaut vor mich hinmurmelte, und mich darüber gewundert, wie seltsam prophetisch oft die innere Stimme zu uns spricht, die wir in unserem Menschendünkel so gern unbeachtet lassen. Ich fand das Museum menschenleer, abgesehen von dem rotnasigen Aufseher und dem bleichsüchtigen Mädchen am Kassenfenster. Ich fürchtete schon, der Automat sei ausser Betrieb; um so zufriedener war ich, als ich den Schlitz für den Geldeinwurf offen fand, und nachdem ich dem Schachgeist und seinem Apparat den Tribut entrichtet hatte, vernahm, wie der Mechanismus knarrend zu arbeiten begann, indes die braunen Finger über das Brett hinrutschten. Der Scheik schien heute nicht sein ganzes Können einzusetzen. Als nach Ablauf einer halben Stunde der Apparat aufhörte zu arbeiten, um mir anzukündigen, dass ich ein zweites Geldstück einzuwerfen hätte, da war ich entschieden im Vorteil mit meinen Stellungen. Nach einer weiteren Viertelstunde, während welcher wir beide Zug um Zug gespielt hatten, war der Ausgang nicht mehr zweifelhaft, und ich hielt inne. «Ha!» sagte ich laut. «Diesmal wirst du mir nicht zublinzeln! Gibt es vielleicht ein andres Spiel, auf das du dich besser verstehst?» Der Automat blieb stumm. Ich weiss nicht, was mir plötzlich einfiel. Ich zog ein Blatt Papier und einen Bleistift aus der Tasche und fragte: «Kannst du schreiben?» Die Tür an der Brust des Scheiks flog auf — für einen Augenblick nur — als wolle er mir sein Innerstes zeigen. Obgleich ich keine Münze in den Schlitz getan hatte, begannen die Räder und Hebel wieder zu arbeiten; rasch schloss sich die Tür dieses seltsamen Brustkastens, und die braunen Finger tasteten hastig vorwärts. «Oho, er kann nicht nur schreiben, sondern er hat offenbar grosse Lust dazu,» murmelte ich, während ich ihm den Bleistift und das Blatt hinschob. Voller Spannung sah ich, wie die Hand des Apparates ein paar Worte niederschrieb. Ich erinnere mich, dass ich in den wenigen Sekunden des Wartens irgendwo eine Uhr Sechs schlagen hörte. Ich machte keinen Versuch, im voraus zu lesen, was er da hingeschrieben hatte, denn ich nahm an, es würde irgendeine nichtssagende Antwort sein auf meine herausfordernden Bemerkungen. Endlich fiel der Bleistift auf das Brett und den Führer ausgestellt. Damit wird einem mehrfach geäusserten Wunsche der Automobilisten entsprochen, die die Bindung des Führers, auf den der internationale Fahrausweis ausgestellt ist, an das im gleichen Ausweis eingetragene Fahrzeug mehr und mehr als lästig empfunden haben. Im Gegensatz zum bisherigen internationalen Fahrausweis sieht das Formular des internationalen Zulassungsscheines einen wiederholten Grenzübertritt während der Geltungsdauer des Ausweises ausdrücklich vor, was in der Praxis allerdings auch schon unter der Herrschaft der Uebereinkunft von 1909 ohne weiteres gestattet war. Das Formular soll nur noch so viel Einlageblätter erhalten, als Sprachen in Frage kommen, während bisher für jedes Land ein besonderes Einlageblatt vorgesehen war. Die Bestimmung der alten Uebereinkunft, wonach die Anerkennung des internationalen Fahrausweises versagt werden kann, wenn der Besitzer oder Führer eines Motorfahrzeuges nicht Angehöriger eines der Vertragsstaaten ist, ist nicht übernommen worden. Artikel 5 enthält die Vorschriften über das Unterscheidungszeichen, welches entweder einem Staate entspricht oder einem Gebiete, das mit Bezug auf die Zulassung von Motor- rollte unter die roten türkischen Pantoffeln des kreuzbeinig dasitzenden Kerls. Das Surren der Maschine hörte auf; ich griff nach dem Blatt. Als ich das Geschreibsel flüchtig angesehen hatte, glaubte ich, nicht bei Sinnen zu sein. Ich traute meinen Augen nicht. Ich war nicht imstande, zu denken. Sprachlos stand ich da, wie vom Donner gerührt. Dann blickte ich dem Scheik ins Gesicht. Statt des boshaften Blinzeln, mit dem er beim Schach sich als Sieger aufspielte, standen seine Glausaugen, deren Weiss seltsam abstach von der bräunlichen Wachshaut, weit offen. Mir schien, als starrte jetzt ein wilder Hass aus diesen Augen, als sprühten sie Flammen des Lebens, und erleuchteten die dunkle Ecke mit Strahlen des Bösen. Ich lachte laut auf. Ich zwang mich zum Lachen; aber es war keine Fröhlichkeit darin. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, den Automaten zu zertrümmern, zu untersuchen, was in dem Körper stecken mochte; aber dann wandte ich mich ab, zerknüllte das Blatt Papier in der geschlossenen Faust und lief zwischen den Reihen von Wachsfiguren hindurch, vorbei an Garibaldi, Jenny Lind, Louis Napoleon, Moltke — bis ich wieder im Hellen auf der Strasse stand. Niemand wird meine Aufregung, ja mein Entsetzen tadeln, denn die Worte des Scheiks lauteten: «Du bist in Gefahr! Ziehe Dich zurück, ehe es zu spät ist. Sieh den alten Herrn und seine Tochter nie wieder!» Fortsetzung siehe Autler-Feierabead.