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E_1930_Zeitung_Nr.092

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 31. Oktober 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 92 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erseheint Jeden Dienstag nnd Freitag Monatlich „Gelbe Liste" HtlbJ3hrIieti Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoxuscmag, (afern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtlicbe Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Unsere Verkehrswerbung im Ausland Ein neuer Vorschlag! Wir hatten irl der A. R. verschiedentlich Gelegenheit, auf die gewaltigen Bestrebungen des Auslandes hinzuweisen, welche dahin gehen, den Fremdenverkehr ihren Ländern zu sichern. Ganz besonders haben diese Staaten frühzeitig die Wichtigkeit gut erhaltener und gut ausgebauter Strassen erkannt und deshalb keine Gelder gescheut, um durch ein grosszügig angelegtes Strassennetz den Automobilverkehr und damit den Fremdenverkehr an sich zu ziehen. Reisen nach Frankreich, Italien, Oesterreich, der Tschechoslovakei, Südbayern zeigten uns mit aller Deutlichkeit die ernsten Bestrebungen in dieser Richtung, die wir nicht unterschätzen dürfen. Wir wissen aus der Statistik, dass im 'Jahre 1929 effektiv rund 135,000 Automobile und Motorräder in unser Land eingefahren sind, und dass darin eine Entwicklung zu erblicken ist, die man tatsächlich nicht voraussehen konnte. Der Automobil-Fremdenverkehr bringt uns jährlich Millionen ins Land nnd leistet uns damit Ersatz für verloren gegangene Industrie. Nun haben wir wahrlich alles Interesse daran, uns diesen Fremdenstrom zu sichern. Was tun wir eigentlich hiefü^P Im Grunde genommen nichts. Auf der einen Seite haben wir den Publizitätsdienst der Schweizerischen Bundesbahnen, der für unsere Bahnen jedenfalls in vorteilhaftester Weise arbeitet. Auf der andern Seite haben wir die Schweizerische Verkehrszentrale, die sich jedoch bis dahin weniger mit dem Motorfahrzeugverkehr beschäftigt hat. Man hat die Frage aufgeworfen, ob es nicht besser wäre, diese beiden Propagandazentralen zu vereinigen. Dieser Standpunkt wurde ganz besonders in der N.Z.Z. vertreten und dabei der Gedanke propagiert, dass der Publizitätsdienst der S.B.B, die gesamte Leitung der Auslandspropaganda zu übernehmen hätte, wobei die Schweizerische Verkehrszentrale bestehen bleiben, ihrer Selbständigkeit jedoch entkleidet würde. Diesen Standpunkt müssen wir ohne weiteres ablehnen, da wir nicht glauben, dass er zu einem sichtlichen Erfolg führen würde. Eisenbahn und Automobil sind im Grunde genommen zwei wesensfremde Dinge. Man kann den S.B.B, tatsächlich nicht zumuten, ihrer Konkurrenz Die blaue Wand Von Richard Washburn Child. autorisierte Uebersetznng aus dem Amerikanischen tron läßo Landau. (Engelhoms Romanbibliothek.) (47. Fortsetzung) Drinnen auf der Diele brannte Licht. Ich stand da eine lange Zeit und blickte in den Spiegel der alten Mahagonigarderobe, und dabei wuchs in mir die Ueberzeugung, ich müsste die Person, die mir da entgegenstarrte, schon einmal irgendwo anders gesehen haben. Schliesslich war mir klar, dass ich dem Porträt meines Ururgrossvaters bis aufs Haar glich. Das überraschte mich nicht sonderlich, trotzdem es eine ganz neue Entdeckung für mich war. Ich erinnere mich, dass ich auflachte und mir ein bisschen weissen Puder vom Aermel strich. Der Puder sass ziemlich fest. Ich hielt nach einer Bürste Umschau und riss deshalb an dem Griff einer der Schubkästen in der Garderobe. Infolge des heftigen Ruckes fiel sie ganz heraus. Der Zufall brachte nun einen Gegenstand ans Licht, der offenbar lange Zeit hinter der Schublade versteckt gelegen hatte. Er fiel zur Erde; ich bückte mich schwankend, um ihn aufzuheben. Es war ein alter Handschuh! Ein alter Handschuh, mit der Zeit modrig geworden und doch noch gleichsam ganz erfüllt von dem Wesen des Mannes, der ihn getragen hatte. Atischeinend noch deutlich durchzogen von den Linien seiner Hand. Mir schien, während ich ihn in der Hand hielt, als von heute mit einer ausgedehnten Propaganda-Tätigkeit zu dienen, noch wird kaum jemand von den S.B.B.-Organen eine grosszügige, überzeugende Propaganda für die Schweiz als Automobilland erwarten. Die Aufgabe lässt sich leicht lösen. Der Publizitätsdienst der Bahn bleibe bei seinem Leisten und arbeite für seine Interessen. Die Verkehrszentrale dagegen stelle sich ausschliesslich auf den Automobil-Fremdenverkehr ein. Zu diesem Zwecke ist es allerdings nötig, dass sie mit den beiden schweizerischen Automobilclubs und der einschlägigen Presse eine enge Zusammenarbeit schaffe, um in den 15 Weltstaaten, in welchen Verkehrsbureaus unterhalten werden, für unser Land nachhaltig werben zu lassen. Allein, um fruchtbringend arbeiten zu können, bedarf es auch der nötigen Mittel. Der Bund ist an unsern Verkehrsbestrebungen nicht achtlos vorbei- sei er noch warm von der Berührung mit dem lebendigen Körper, als ströme er noch den leisen Duft der Persönlichkeit seines Besitzers aus, der ihn vor ein paar Augenblicken erst von der Hand gezogen hatte. Ich weiss nicht, was für eine närrische Eingebung über mich kam! Ich erinnere mich nur, dass ich in zärtlichen Ausdrücken zu mir redete, wie der Jünging Narcissos zu seinem eigenen Bilde, als er es in der Quelle sah. Ich presste den Handschuh an meine Wange und behandelte ihn, in meiner trunkenen Phantasie, wie ein lebendiges Wesen. Mir erschien er von menschlicher Wärme durchzogen. Er hatte lange als Leichnam dagelegen. Meine Berührung hatte belebend auf ihn gewirkt, wie die Berührung mit ihm jetzt mich durchzuckte. Ihn fest an mein Gesicht pressend, wandte ich mich der Tür des Bibliothekzimmers zu. Da wollte es der Zufall, dass ich strauchelte. Ich stürzte nach vorn und fiel, die Hände in die Portieren der Tür geklammert, zu Boden. Ich rappelte mich auf, blieb aber auf dem glatten Fussboden sitzen und lallte idiotisch vor mich hin, während ich in dem matten Morgenlicht auf die Bücherregale starrte, die ringsum die Wände des Zimmers einnahmen. Endlich gewahrte mein benebeltes Bewusstsein die Anwesenheit meiner Mutter. Sie sprach kein Wort; sie weinte auch nicht. Ihr Gesicht leuchtete regungslos und weiss wie eine Totenmaske aus dem Halbdunkel hervor. Sie näherte sich mir, nahm den Handschuh aus meiner Hand und besichtigte ihn prüfend wie ein vorsichtiger Käufer. Am nächsten Morgen, gerade als die Sonne gegangen. Jährlich gibt er der Schweizerischen Verkehrszentrale 200,000 Franken, womit ein schöner Anfang gemacht worden ist. Dieser Betrag genügt aber nicht. Er sollte womöglich auf 1 Million Franken erhöht werden können. Die Mittel sind vorhanden. Man nehme sie aus dem Benzinzollertrag, der sich jedes Jahr steigert und der für solche Zwecke wie geschaffen erscheint., In Anbetracht, dass sich heute unsere ausländischen Touristen bereits zu 70 Prozent aus Automobilisten und Motorradfahrern rekrutieren, und dass nicht nur unsere Hotellerie, sondern unser gesamtes Gewerbe an diesem Teil des Fremdenverkehrs erhöhtes Interesse besitzen,' ist wohl die Anregung zu begrüssen, die dahin geht, die eingangs erwähnten grossen Clubs, der Automobilclub der Schweiz, der Touringclub und die U.M. S., mit der Schweizerischen Verkehrszentrale und der massgebenden Presse zu einer Konferenz einzuberufen, um die Mittel und Wege einer vermehrten Propagandatätigkeit gemeinsam zu beraten. Wir haben auch davon gehört, dass sich in unserer Bundesversammlung eine Vereinigung bilden soll, die sich speziell mit Fragen der Touristik befassen will. Wir begrüssen diesen Schritt ausserordentlich, würde doch ein solch' parlamentarischer Club es in der Hand haben, unsere Interessen nach einheitlichem Gesichtspunkte und zum Wohle des ganzen Landes zu verfechten. Niemals aber liegt das Alleinmittel in der Zentralisation der Verkehrswerbung beim Publizitätsdienst der S. B.B. Anderseits INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenscblnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern aber wäre es eine Torheit, durch solche Rationalisierungsmassnahmen — ein Schlagwort, das nun leider auch auf diesem Gebiete gebraucht wird — den Autotourismus, der unserer Schweiz jährlich Millionen von Franken sichert, abdrosseln zu wollen. ©• Eidgenössische Statistik der Strassenverkehrsunfälle im Jahre 1929 Weitaus der grösste Teil aller Unfälle ist auf den Zusammenstoss von in Bewegung befindlichen Fahrzeugen zurückzuführen. Im Berichtsjahre sind nicht weniger als 8580 Kollisionen zwischen Fahrzeugen vorgekommen, das macht 65 Prozent aller Unfälle. An zweiter Stelle steht das An- oder Ueberfahren von Fussgängern. 1929 sind im ganzen 2194 Fussgänger an- oder überfahren worden. 1018 Fahrzeuge sind an feststehende Objekte angeprallt. 365 mal sind Personen aus oder von einem fahrenden Fahrzeuge gestürzt. 383 Fahrzeuge sind an andern, aber stillstehenden Fahrzeugen angestossen. Im Berichtsjahre sind 305 Fahrzeuge in die Tiefe gestürzt. 155 mal wurden Tiere von Vehikeln an- oder überfahren. Die übrigen Unfallarten treten bloss vereinzelt auf. t>ic Zusammenstellungen, die 'wir bisher gegeben haben, sind, obwohl kein getreues Abbild der Wirklichkeit, doch ziemlich aufschlussreich. Kein getreues Abbild der Wirklichkeit sind sie vor allem deshalb, weil sie unvollständig sind. Aus Vergleichen mit den Unfallmeldungen in Tageszeitungen hatte sich ergeben, dass nicht alle Unfälle, welche tatsächlich vorkommen, dem Eidg. Statistischen Amte zur Anzeige gebracht werden. Während von gewissen Kantonen auch der kleinste Unfall zur Meldung kommt, werden von andern wiederum nur die schwereren Unfälle angezeigt. Die folgende Zusammenstellung, die Darstellung der Unfälle nach ihren Ursachen, gehört schon ausgesprochen in das Gebiet statistischer Verarbeitung, von dem die Engländer zu sagen pflegen: Es gibt drei Arten *) Siehe auch Nr. 91. beschämend hell strahlte, da erzählte sie mir die Wahrheit über meinen Vater. Er war nicht tapfer gewesen. Und er war nicht gut gewesen. «Der Handschuh gehörte ihm,» sagte sie mit ihrer kalten, erstorbenen Stimme. «Hast du nicht Angst?» «Vor wem?» fragte ich. «Vor dir selber!» flüsterte sie. «Ja,» entgegnete ich. «Todesangst!» Ich hatte an meine Stärke geglaubt. Jetzt hatten mich wenige Stunden die Furcht vor mir selbst gelehrt. Die grausige Erzählung von dem Erbteil wilder Leidenschaften, das von Urgrossvater auf Grossvater, vom Vater auf den Sohn übergegangen war, prägte sich in mein Hirn, als hätte man mir eine bleierne Platte in den Schädel gepresst. Ich hatte damit angefangen, mich auf meine eigene Kraft zu verlassen und stolz darauf zu sein. Jetzt spürte ich plötzlich mit Ingrimm, dass Gespenster sich über jede meiner Willensäusserungen lustig zu machen schienen. In einer langen Reihe standen sie da, Väter und Söhne, und wiesen auf mich und verhöhnten mich. «Du bist verdammt,» sagten sie ruhig und bestimmt, als könnte es gar nicht anders sein. Ich verbrachte die Tage zwischen der Anwandlung, allen meinen Lüsten freien Lauf zu lassen, um dann meine Selbstbeherrschung zu erproben, und zwischen Perioden tiefster Entmutigung in dem Gefühl, dass ich bei dem Kampf doch unterliegen müsste. Ich ersann allerlei Entschuldigungen, um mich vor mir selbst zu rechtfertigen; ganz im Innersten aber wusste ich, von Lügen, black lies (schändliche Lügen), white lies (Notlügen) and statistics. ' Die Zusammenstellung wurde nämlich nicht auf Grund gerichtlicher Feststellungen, sondern ganz einfach nach den Mitteilungen der Polizei gemacht. Es ist aber in den meisten Fällen ganz unmöglich, an Ort und Stelle sich ein einigermassen richtiges Bild vom Hergang des Unfalles zu machen, und Die Unfallursachcn, die beim Pahrzeuglcnker liegen. Unfallursachen b. Fahrzeuglenker D«r Fahrzeuglenker _ Ä, verursachte den Unfall von An 1 ouren Im Motor- von Spalteli ganzen fahr- Velos zeugen | Der Fahrzeuglenker | verursachte den ; Unfall durch 1. Uebertretung der ; Höchstgeschwindig- , .! keit und zu schnelles Fahren... 2518 2086 413 ' 23 ! 2. Unachtsamkeit oder ; Kopflosigkeit 3586 2508 778 32,7 j 3. Unvorsichtig. Ueberholen oder Kreuzen v. Fahrzeugen, nicht Vortrittlassen 1655 1393 240 215 4. Fahren auf der falschen Strassenseite. 1639 1174 386 15 5. Mangel an Fahr - praxis 168 153 14 1,5 6. Keine oder ungenügende Abgabe von Signalen 586 439 140 5,4 7. Nichtbeleucht. oder Nichtabblendung des ; Fahrzeuges 350 175 52 2,8 8. Betrunkenheit .... 347 277 56 3,2? 9. Zu starkes Bremsen. 76 58 12 0,7-j 10. Andere oder unbe- \ stimmte Ursachen.. 79 62 15 0,7 \ Alle Ursachen bei den Fahrzeuglenkern.... 10959 8325 2106 100 ' dass ich meinen Körper an Ausschweifungen gewöhnt hatte, auf die er erst verzichten würde, wenn Alter und Gebrechlichkeit ihn dazu zwängen. Zum Glück starb meine Mutter, ehe mein wildes Temperament ganz zum Ausbruch kam und jenen Stolz verdrängte, der mich bisher meine wahre Natur vor der Welt hatte verbergen lassen. Ich verkaufte unsern alten Besitz, und ich verwünschte seine uralten Bäume und die Pilze darunter, ich verwünschte auch jene stillen düsteren Zimmer an dem Tage, an dem ich den Vertrag unterzeichnete; Ich zog von Stadt zu Stadt und jede verliess ich, sobald die Langeweile kam, oder ein Zusammenstoss mit der Obrigkeit mir drohte. Ich streute das Geld umher, gab es unsinnig aus, stahl, borgte, verschenkte es. Es wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn mich nicht ein tückisches Glück beim Hasardspiel verfolgt hätte. Als ob es das Schicksal auf meinen Untergang abgesehen hätte, so sorgte es dafür, dass ich im letzten Augenblick immer wieder zu Gelde kam. Wenn mein letzter Heller an einer einzigen Karte hing, so beeilte der sich ganz gewiss wieder zu mir zurückzukommen mit einem kleinen Vermögen im Gefolge. Ueberall flüsterten die Leute von meinem Glück. Nur ein einziges Mal sprach jemand die Wahrheit aus; es war in Monte Carlo. Ein Paar rotgeschminkte, schwindsüchtige Lippen riefen mir da über den Tisch hin spöttisch zu: «Pah! Der Teufel holt jeden, der ihn ruft. Aber sehr wenige erwählt er sich! Monsieur hat wieder gewonnen.» (Forfsetz. folgt.)