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E_1931_Zeitung_Nr.006

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Ausgab©: Deutsch© Schwehf BERN, Freitag, 23. Januar 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 6 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Enenelnt Jeden Dienstag and Freitag Monatlieb „Gelbe Liste" Hfclbjlhrflefc Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoxmehng, REDAKTION o. ADMINISTRATION: ßreltenrainstr. 97, Bern sofern nicht pojtamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle ode* deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensenlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wer wirft den ersten Stein? Richtungslosigkeit und Ungerechtigkeiten in der Beurteilung von Fahrlässigkeiten. Das Fahrlässigkeitsdefikt, ein Stiefkind der Wissenschaft. Die Fahrlässigkeitsdelikte, mit denen sich Sie Gerichte, seitdem der moderne Strassenverkehr in steil ansteigender Kurve anwächst, in immer stärkerem Masse zu beschäftigen haben, spielten früher eine ganz untergeordnete Rolle. Es kam etwa vor, dass jemand eine Schusswaffe in unverantwortlicher Weise herumliegen Hess, so dass sie Kindern In die Finger geriet und dann jemand angeschossen wurde. Oder irgendein verliebter Apotheker verabreichte einem Kunden Arsenik statt Karisbadersalz. Kurzum, es kamen wohl allerlei Fälle vor, in denen Verletzung oder gar der Tod eines Menschen, sei es auf das Ausserachtlassen einer allgemein gebotenen Vorsichtsmassregel, sei es auf sonst eine leichtsinnige oder rücksichtslose Gefährdung der Mitmenschen zurückzuführen war und die Bestrafung des Verantwortlichen angemessen erschien. Es waren aber Ausnahmen, und auch wo sich die Fälle häuften, war die Sachlage jedesmal wieder so verschieden, dass es schwer fiel, Vergleiche zu ziehen und es kaum jemand ankam, das Gemeinsame dieser Delikte aus der Fülle der Einzelerscheinungen herauszuschälen, die Eigenart ihrer Grundlage festzulegen und einer nähern Untersuchung zu unterziehen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass bis heute recht wenig Klarheit über diese Gruppe von Verbrechen herrscht und immer wieder Urteile gefällt werden, die eigentlich mit unsern heutigen Anschauungen über Sinn und Zweck der Strafe, die Grundlage aller neueren Strafgesetze bilden, mit der Auffassung, dass der Grosse der Schuld die Hauptbedeutung bei der Zumessung der Strafe zukommen soll, nicht zu vereinen sind. Wozu straft man ? Man Ist heute über den Streit der Strafrechtschulen hinaus. Es gibt wohl niemand mehr, der einseitig die gerechte Vergeltung oder dann ausschliesslich die Besserung des Verbrechers oder rein utilitaristisch die abschreckende Wirkung als Zweck der Strafe FEUILLETON Ramosi Roman von V. Williams. ATM dem Enrlischen übersetzt Ton Otto Element. (11. Fortsetzung) Er zuckte die Achseln. «Ein Junger Mann, Scheich Abdullah, geniesst einen aussergewöhnlichen Ruf unter den Eingeborenen. Er lebt draussen in der Wüste, und die Leute legen weite Strecken zurück, um seinen Rat zu hören. Manchmal kommt er auch :iach Kairo. Vielleicht könnte ich ihn einmal herholen lassen.» «Oh, wie interessant!» rief Joan. «Aber,» fügte sie zögernd hinzu, «ich fahre morgen nach Luksor...» «Scheich Abdullah ist jetzt ja nicht hier. Und in so kurzer Frist könnte ich ihn auch nicht verständigen. Aber ich habe Madame Alexandrowna versprochen, dass er ihr ebenfalls wahrsagen soll. Eventuell werde ich Sie dann telegraphisch benachrichtigen.» «Bitte! Und ist Ihr Scheich wirklich verlässlich? Haben Sie selbst ihn denn schon befragt?» Der Prinz schüttelte den Kopf. «Ich kenne mein Schicksal. Vor vielen Jahren prophezeite mir meine sudanesische Amme aus dem Sande. Alles, was sie mir sagte, traf bisher ein bis auf das Ende. Ich werde kein hohes Alter erreichen, und ich werde den Tod durch eine Frau im Zeichen des Ram finden!». betrachtet. An funktionelleres Denken gewöhnt, hat man sozusagen allgemein erkannt, dass hier (wie übrigens bei fast allen menschlichen Handlungen), nicht ein Motiv, sondern eine Vielzahl von Motiven die Triebfeder bildet. Um die Rechtsordnung aufrecht zu erhalten, ist der Staat gezwungen, die Strafe beizuhalten, sowohl weil sie eine abschrekkende Wirkung hat als auch, weil sie das Verlangen nach Vergeltung der Geschädigten (dem der Staat nicht erlaubt, seine Rechte selbst zu wahren) befriedigt. Mehr eine humane Pflicht des Staates — die er übrigens noch recht schlecht erfüllt! — ist es, dafür zu sorgen, dass die Strafe auf den Delinquenten eine gute Wirkung ausübt, so dass er sich nachher der Gemeinschaft besser einzugliedern versteht und es ihm leichter fällt, sich der Rechtsordnung zu unterziehen. Der Täter, nicht die Tat soll bestraft werden. Das Strafrecht wird nie von einem Gedanken geleitet sein, wird nie konsequent ein Prinzip ausgestalten können, wird immer ein Kompromisswerk bleiben. Das ändere aber nichts daran, dass seine Entwicklung, sein Hauptfortschritt — die Strafrechtsgeschichte zeigt es zur Genüge — in einer Richtung liegt: in der Verfeinerung der Schuldlehre. Das subjektive Moment, das assoziale Verhalten des Täters, bildet immer mehr das ausschlaggebende Moment sowohl bei der Strafandrohung des Gesetzgebers, als auch bei der endgültigen Strafzumessung durch den Richter. Die objektive Seite, die Tat, die nach primitiver Auffassung an sich, ohne dass der Täter das geringste persönliche Verschulden traf, straffähig war, tritt in den Hintergrund. Er sprach nachlässig, aber ein verlorener Blick geisterte in seinen gelben Augen. Als Joan dem Prinzen sagte, dass sie am folgenden Tage abzureisen gedenke, war sie sich eigentlich darüber noch gar nicht klar gewesen. Doch nun festigte die Ankündigung der Absicht ihren Entschluss. Sie hätte dafür wahrscheinlich jeden möglichen Grund angeführt, nur nicht den wahren. Immer wieder stellte sie an sich dieselbe Frage, während sie im nächtlichen Luxuszug das Panorama der mondbeglänzten Landschaft betrachtete, wie es am Fenster des Schlafwagens vorüberglitt. Sie sagte sich, dass sie ruhelos sei, dass sie irgendwo allein sein wolle, um nachzudenken. Das Leben in Kairo war ein ewiges Ringelspiel gewesen, ein Kaleidoskop von Bekanntschaften — und niemals ein Mensch, dem man sich wirklich anvertrauen konnte! Sie war des mondänen Treibens müde, müde der wohlerzogenen Engländer, die alle aus der gleichen Form geschnitten zu sein schienen wie Pennys aus dem Münzamt, müde der aalglatten anderen Salonhelden mit ihren Handküssen, ihren Bücklingen, ihren öden Komplimenten. Joan ärgerte sich über sich selbst, denn sie hatte ihre Seelenruhe verloren. Etwas Unerklärliches war mit ihr geschehen. Ihr Herz war für Liebe tot. So oft hatte sie sich das gesagt, dass sie es glaubte. Aber für Mitleid schien es wohl nicht tot zu sein. Denn sie war sich eines überwältigenden Gefühls des Erbarmens bewusst mit jemanden, der Wo der Erfolg Immer noch eine Rolle spielt. Dem verfeinerten Rechtsbewusstsein widersprach es deshalb eine schwere Strafe zu verhängen, wenn eine (allerdings an sich schuldenhafte) Handlung durch Mitwirken anderer Umstände, auf die der Täter keinen Einfluss ausgeübt hat oder hätte ausüben können, einen schwereren Erfolg mit sich führte. Die modernen Gesetze, wie zum Beispiel auch der Entwurf zum schweizerischen Strafgesetzbuch, nahmen deshalb diese durch den Erfolg qualifizierten Delikte, die nichts anderes waren, als ein Ueberrest der alten Erfolghaftung, nicht mehr auf. Worin besteht eigentlich das Verbrechen der fahrlässigen Tötung resp. Verletzung? Nun, es ist seltsam, dass es niemand aufgefallen ist, wie sehr die Fahrlässigkeitsdelikte in ihrem Wesen diesen Erfolgsdelikten gleichen. Hier, genau wie dort, hängt der Eintritt der Strafe davon ab, wie sich die Dinge, nachher, nachdem die unrechtmässige Handlung abgeschlossen ist, so dass der Schuldige nicht mehr auf sie einwirken kann, weiter abspielen. Das kommt wohl daher, dass man wegen der Ausdrücke «fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung» zur irrtümlichen Annahme kam, diese Delikte würden sich vom Mord und von der Tötung nur noch durch die Schuldform unterscheiden. Das Verbrechen desjenigen, der- sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat, besteht aber gar nicht im «Töten»; sondern in einer unzulässigen Gefährdung der Mitmenschen, einer Gefährdung, die sich allerdings im speziellen Fall realisiert hat. Wir erkennen sofort den Unterschied, wenn wir uns klar machen, was «Schuld» heisst. Schuld ist das verwerfliche geistige Verhalten des Täters zur Zeit der Tat. Es ist der böse oder der zu schwache Wille des Täters, die Rechtsordnung innezuhalten, der sich in der Begehung einer rechtswidrigen Handlung kundgibt. Wenn aber *in Automobilist mit 100 Kilometergeschwindigkeit durch ein Dorf fährt, so kann man ihm lediglich zum Vorwurf machen, dass er sich eine sehr grosse Gefährdung zuschulden kommen Hess. Ob sich ihm dann etwas in den Weg stellt, ob die Gefährdung die befürchteten Folgen hat oder nicht, das sah er nicht voraus und konnte es nicht voraussehen. Seine Schuld, .seine antisoziale Gesinnung, ist um keine Haaresbreite grösser als die Schuld desjenigen, der dasselbe tut, ohne dass ihm etwas passiert, und der vom Richter höchstens mit einer Busse belegt wird. Man wird zwar aus Praktibilitätsgründen nie die Gefährdung an sich der Gefährdung, die sich ausgewirkt hat, gleichstellen, man wird nie auf die Tatbestände der fahrlässigen Verletzung und der fahrlässigen Tötung verzichten können, dieses Stück «Erfolghaftung» wird niemals ganz — wie lange war das schon her — von ihr verkannt worden war. Da Cradock in den Bergen von Luksor lebte, spielte sie manchmal mit dem Gedanken, ob sie ihn wohl wiedertreffen würde... Eine harte Stimme unterbrach ihre Betrachtungen. «Wir sind da, gnädige Frau!» Simmons stand an der Coupetür und ihre Züge trugen jenen mürrischen Ausdruck der aus den Strafgesetzbüchern verschwinden. Um so mehr sollten sich die Richter darüber klar werden, dass es sich hier im Grunde um eine Anomalie handelt, die etwas gerechter zu gestalten in ihren Händen liegt. Es ist Pflicht und Aufgabe der Rechtsprechung, auch aus einer gesetzlichen Bestimmung, die an sich nicht ideal zu nennen ist, durch geschickte Anwendung noch etwas Rechtes zu machen. Wo unsere Gerichte vielfach fehlen. Vor allem müssen zwei sehr verschiedene Fälle streng auseinandergehalten werden; derjenige der bewussten und derjenige der unbewussten Fahrlässigkeit. Es ist ein grosser Unterschied, ob sich jemand bewusst einer Gefährdung schuldig macht oder ob man ihm lediglich vorwerfen kann, dass er die Gefahr nicht erkannt hat, da wo er sie hätte erkennen können und erkennen sollen. Der Unterschied ist sogar so gross, dass man im zweiten Falle das Verschulden und also die Bestrafung theoretisch kaum rechtfertigen kann. Denn wie sollte jemand für das strafbar sein, was ihm nicht bewusst worden ist? Es ist lediglich eine Erfahrungstatsache, dass sich die Aufmerksamkeit, die Geistesgegenwart, durch die prinzipielle Einstellung, also auch durch das Bewusstsein, dass ihr Versagen verurteilt wird, steigern lässt Wenn auch beide Arten der Verfehlung bestraft werden müssen, so sollte doch an beide ein ganz anderer Massstab angelegt werden- Wir konstatieren aber noch sehr oft, dass die Gerichte viel mehr Gewicht auf die objektive Schwere der Gefährdung legen. Kunstfehler und Fahrlässigkeit. Eine weitere Quelle mancher Ungerechtigkeit liegt darin, den technischen Fehler, den Kunstfehler, der fahrlässigen Gefährdung gleichzusetzen. Von einem Zürcher Gericht wurde zum Beispiel neulich ein Mann wegen grobfahrlässiger Tötung verurteilt, weil er vor Schrecken auf das Gaspedal statt auf den Bremshebel trat. Ein schlimmer Fehler, ein unverzeihlicher Fehler —vom fahrtechnischen Standpunkt aus beurteilt. Es ist aber bloss ein geringes Verschulden im strafrechtlichen Sinne, ja eigentlich gar kein Verschulden, denn man hätte wahrscheinlich dem Manne androhen können, ihn lebendigen Leibes am kleinen Feuer zu rösten und er hätte doch auf das Gaspedal getreten. Es ist allerdings unglaublich, dass so schlechte Fahrer unsere Strassen unsicher machen. Das zu verhin- Missbilligung, der ihnen schon seit der Ankunft in Kairo eigen war. Die Hitze, der Dunst, die Gerüche, die Moskitos, die unerhörte Tatsache, dass zum Beispiel «ein schwarzer Kerl» ihrer Herrin das Bad im Hotel bereitete, dazu die nationale Gier nach Backschisch und eine störende Magenaffektion, wie sie Neuankömmlinge in Aegypten nicht selten befällt — all oder ich rufe die Polizei, verstanden?» das hatte ihre Nerven erschüttert und die «Schon gut!» wiederholte freundlich der gewohnte Düsterkeit ihrer Weltanschauung Aegypter. Ich Mussa, Ihr Führer, Miss! Sie noch vertieft. Telegramm geschickt für mich, ja?» «Es stimmt schon, Simmons!» meinte Luksor! Ein langes, niedriges Stationsgebäude mit einem Bahnsteig, der vor Staub Joan lachend, «er ist unser Führer.» Ein drängender Haufe von Trägern in Turbanen und bunten Gewändern umringte die weiss funkelte, dahinter Massen grüner Pflanzen, eine Schar von malerischen, geduldigen Eingeborenen, die zwischen ihren Habseligkeiten im Schatten der Wände kauerten, ein gestikulierender, bebrillter Stationsvorstand, ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr und die Sonne, die, ein greller Fleck am blauen Himmel, die ganze Landschaft mit kristallklarer Helle durchflutete! Verwirrt von dem Lärm und dem Durcheinander stieg Joan von der Plattform herab, mit Simmons an ihrer Seite, die die Lippen fest aufeinandergepresst und den Handkoffer eng an sich gedrückt hielt. Ein Schrei! Joan wandte sich um. Ein schöner, junger Aegypter, in ein fliessendes leuchtend blaues Gewand gehüllt, hatte die eine braune Hand auf den Handkoffer gelegt, während er mit der anderen versuchte, einen grossen Blumensträuss in die Hände der empörten Kammerzofe zu drücken. «Schon gut!» grinste er und zeigte zwei Reihen prachtvoller Zähne «Ich Massa » «Sie freches Scheusal!» Simmons stiess ihn mit ihrem Regenschirm zurück, vor dem sie sich, ungeachtet der historischen Regenlosigkeit Luksors, nicht trennen wollte. «Nehmen Sie Ihre hässlichen Pfoten von mir fort Reisenden. «Entschuldigen Sie, Miss!» sagte Mussa, indem er blitzschnell seine Blutnen- 'huldigung auf Joan übertrug. «Gehen Sie mir nach, bitte, ich habe Wagen! Das Gepäck — es wird schon ordentlich sein!» Mit einer Geste der Selbstverständlichkeit nahm er von Joans Regenschirm Besitz, dem einzigen Handgepäck, das sie bei seh trug, und bahnte seh den Weg geschickt durch das Gewühl. Er hatte einen vornehmen Gang und eine prachtvolle Haltung, und er war