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E_1931_Zeitung_Nr.046

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 2. Juni 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 46 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG ZentraSbiatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag , Monatlich -Gelb« Urte" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portonncuag, (etera Dicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche BMtellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern Rappen. Postcheck-Rechmrag HI/414. Telephon Bollwerk 30.84 Telegramm-Adresset Autorevue, Bern Zürcherischer Fussgänger- Schutzverband Vom Regen in die Traufe In Zürich hat sich aus der bereits durch ihre frühere Agitationen bekannten Fussgängergruppe ein sogenannter Schutzverband (gegründet. Der neue Verband steht unter der Leitung von Nationalrat Schmid-Ruedin und bezeichnet sich selber als « Gegengewicht » zur schweizerischen Verkehrsliga. Auf dem Programm steht u. a. die Gründung von Sektionen in den verschiedensten Landesteilen. Wie weit den gegengewichtlerischen Bestrebungen in dieser Hinsicht Erfolg beschieden sein wird, bleibt abzuwarten. Gesellschaften mit rein negativem Zweck sind' im allgemeinen wenig lebensfähig. Wer den Karren vorwärtszieht, ist immer der Stärkere, als wer hintendrein schimpft. Die einzelnen Programnrpunkte des « Schutzverbandes» bieten im übrigen lauter alte Bekannte: Ablehnung jeder Verkehrsregelung für Fussgänger, aber möglichste Einschränkung für die Automobilisten. Verschärfung der Haftpflicht bis zum vollendeten Unfug, Wiedereinführung von Geschwindigkeitsmaxima. Mit diesen Extremisten zu diskutieren hat natürlich wenig Sinn. Es sind die gleichen Leute, die seinerzeit den Automobilisten halfen das Gesetz verwerfen, die Automobilisten, weil es ihnen zu einseitig war, die « Gegengewichtler », weil es ihnen noch nicht einseitig genug war! Les extremes se touchent. Die Zeit arbeitet aber auch hier für uns. Den rabiaten Automobilgegnern des «Schutzverbandes» kann es nämlich passieren, dass die Kantone bei einer nochmaligen Verwerfung des schweizerischen Verkehrsgesetzes von sich aus vorgehen und dann viel rigorosere Bestimmungen für Pussgänger aufstellen, als die eidgenössische Vorlage je vorgesehen hat. Diese Bewegung in den Kantonen hat jetzt schon vor dem Entscheid über die eidgenössische Regelung eingesetzt. Es sei hier nur vergleichsweise an die nachstehenden Verordnunigen über den Strassenverkehr erinnert, welche der Karrton Basel- Stadt kürzlich aufgestellt und deren Uebertretung ausdrücklich mit Busse bedroht. F E U I L L E T O N Der Roman eines Wolfshundes. Von H. G. Evarts. (Verlag Georg Müller, München.)' (13. Fortsetzung) ElHes Kapitel. Moran war ein Mann, dem die Welt die Feststellung einer Reihe interessanter Tatsachen verdankt. Er hat das Geheimnis der «verlorenen Herde» enthüllt, das ein halbes Jahrhundert lang viel Kopfzerbrechen verursacht hatte. Alles, was man bis heute über den Zwergfuchs weiss, ist das Ergebnis von Morans Forschungen. Er war es auch, der ein für allemal die Identität des grauen Büffelwolfes mit dem sogenannten Lobo nachgewiesen hat. Vom Norden waren plötzlich mächtige Tiere herabgekommen, und es ging das Gerücht, der Elch sei zum erstenmal in den Bibersümpfen des Thoroughfare gesehen worden. Unser Moran nun war eben auf dem Wege nach dem «Land der vielen Flüsse», um sich zu überzeugen, ob es sich hier um eine neue Gattung des Elchs oder bloss um eine aus dem Norden hierher versprengte Herde handelte. Weit oben am Seclusion Creek lag er, in seine Decken gehüllt, den Kopf aufgestützt und lauschte den nächtlichen Stimmen, die er so sehr liebte und die er schon allzu lange Zeit hatte entbehren müssen. Das Bellen einer Elchkuh drang aus dem Gehölz, aus der Richtung flussabwärts kam das schrille Staccato eines Coyoten, das weiter oben Das Gesetz bestimmt, dass da, wo Bürgersteige vorhanden sind, die Fussgänger diese uiyl .nicht die Fahrbahn zu begehen haben; sie sollen auf dieser nicht stehen bleiben. Sind keine Bürgersteige vorhanden oder ist der Fussgängerverkehr so dicht, dass sie nicht mehr genügen oder .sind die Bürgersteige sonst nicht begehbar, so haben die Fussgänger den äussersten Teil der Strasse oder d«r Fahrbahn zu benützen. Die Fussgänger sollen rechts ausweichen. Verkehrshemmende Ansammlungen von Personen auf der Fahrbahn oder auf Strassen ohne Bürgersteige sind untersagt. Die Polizeiorgane können Veranstaltungen und Ankündigungen, welche solche Ansammlungen hervorrufen, verbieten. Herannahenden Fahrzeugen ist durch Ausweichen oder Stehenbleiben die Durchfahrt frei zu geben. Bei dichtem Fahrzeug- oder Fussgängerverkehr kann vorgeschrieben werden, dass die Fussgänger die Fahrbahn, nur an Strassenkreuzungen oder an besonders bezeichneten Stellen überschreiten dürfen. Die Zeichen der Fahrzeügführer sind auch vom Fussgänger zu beachten. An Orten, wo der Verkehr durch Verkehrsposten der Polizei geregelt wird, haben die Fussgängor auf Zuruf oder Winkezeichen hin anzuhalten und sich erst nach Aufforderung weiter zu begeben. Auf die Züge der Strassenbahn ist an Haltestellen auf den Schutzinseln, in den Schutzzonen oder auf den Bürgersteigen zu warten. Die Fahrbahn darf zum Einsteigen erst beim Herannahen des Strassenbahnzuges überschritten werden. Herr Bundesrat Hä'berlin hat die unvernünftigen 'Forderungen der Automobilgegner mit dem geradezu klassischen Ausspruch in die Schranken verwiesen, man dürfe die Bedeutung des Fussgängers im Strassenverkehr nacht bis zur Grosse eines Lastwagens aufblasen. Man sieht, die hier herausgegriffenen Basler Verkehrsbestimmmiigen sind noch viel weniger geneigt, derartigen Aufgeblasenheiten Rechnung zu tragen. Sollte das eidgenössische Gesetz den Machenschaften des Schutzverbandes wirklich zum Opfer fallen, so wird die selbständige Verkehrsregelung der Kantone in raschem Tempo Schule machen. Die Schmid-Haslersehen Jünger könnten dabei leicht von dem sanften Regen des Bundes in die ausgiebigere Traufe kantonaler Gesetzgebung geraten^ *i» Antwort fand; ein Uhu schrie auf einer Felswand über seinem Haupte, um das weitentfernte Weibchen zu locken. Diese Rufe, der Inbegriff von Oede und Verlassenheit für die meisten Menschen, waren für Moran altbekannte Freundesstimmen. Da trat mit einem Schlage Stille ein. Minutenlang erhob kein Lebewesen seine Stimme. Moran hatte nichts gehört, was dieses plötzliche Verstummen erklären konnte, aber er wusste, dass die Tierwelt der Berge Geräusche vernimmt, für die das Ohr des Menschen zu stumpf ist. Für dieses unvermittelte Aufhören der tierischen Zwiesprache, dieses völlige Verstummen jedweden Lautes, kannte Moran nur eine Erklärung: irgendwo musste ein Wolf geheult haben! So sicher war das für ihn, als hätten seine eigenen Ohren es gehört. Aber gleichzeitig war es ihm auch wohlbekannt, dass Wölfe diese Gegend nicht heimzusuchen pflegten. Es konnte nur ein vagabundierender Geselle sein, der zufällig hierher geraten war. Frühmorgens rollte er seine Decken zusammen und nach einem tüchtigen Marsche stand er zu Mittag bereits auf der Höhe des Rampart-Passes. Die schroffen Massen der Rainbow Peaks, die zackigen Sägezähne der Tetons und andere ferne Gebirgszüge, die im «Land der vielen Flüsse» aufragen, zeigten sich am Horizont. Dunkle Schlünde unterbrachen die scharfen Konturen dieses steinernen Walles, es waren die wilden Schluchr ten, durch die sich die zahlreichen Wasserläufe ins Tiefland stürzten. An den exponierten, schneefreien Stellen zeigte sich der Südhang der Wasserscheide braun gestreift. Moran folgte einem langen Grat, der sich bis weit unter die Baumgrenze Sieben Vorstandsmitglieder suchen ein Auditorium. Eine «öffentliche» Versammlung des Fussgänger-Schutzverbandes in Zürich. Eilenden Schrittes betritt der Berichterstatter, fünf Minuten vor Beginn der öffentlichen Versammlung des erst kürzlich aus dem tiefen Bedürfnis einiger weniger gegründeten Fussgänger-Schutzverbandes, den grossen Zunftsaal zur « Zimmerleuten». An der Stirnseite des leeren Saales in lebhafter Diskussion sieben düster dreinblickende Herren. Offenbar der Vorstand, der mit grossen Inseraten die Fussgänger, auf die Gefahren der Strasse hinweisend, zur Versammlung berief. «Der Fussgänger wird von den Motorfahrzeugen immer mehr bedroht. Niemand nimmt sich seiner berechtigten Interessen an. Das neue Automobilgesetz steigert die Gefahren für den Fussgänger. Dagegen heisst es sich zur Wehr setzen.» Um 8 Uhr strömen einige ältere Männer und Frauen herein, welche nun beginnen «sich zur Wehr zu setzen». Mit dem akademischen Viertel begrüsst Nationalrat Schmid-Ruedin seine (sage und schreibe!) siebzehn Fussgänger und Fussgängerinnen namens des Vorstandes der neuen Liga, die nicht ihre Automobilfeindlichkeit bekunden, sondern die berechtigten Forderungen des Fussgängers vertreten und ihm auf Wunsch zur Verfügung, stehen will. Eine gewiss sehr begrüssenswerte Absicht, gegen die kaum etwas einzuwenden wäre, auch nicht von dem mittlerweile, mit Hilfe eines ansehnlichen Trupps prominenter Mitglieder des A. C. S. und T. C. S., auf fast 50 Personen angewachsenen Auditorium. Es ist sehr bemerkenswert, dass die (gering geschätzt!) 200 000 Fussgänger Zürichs so wenig Interesse an dem Referat dieses bedeutsamen Abends zeigten, dass sie sich nur durch eine ziemlich bejahrte Delegation von 25 Köpfen (inklusive Vorstand!) vertreten Hessen. Der Vortrag, den uns Rechtsanwalt E. Keller über den Entwurf eines eidg. Automobilgesetzes hielt, hätte jeden modern und vernünftig Denkenden in seinem unlogischen Aufbau unweigerlich zum Freund des Autos und Bewunderer der Gesetzgebung bekehrt. Automobilisten und ihre Verbände werden hinabschwang; der kahle Kamm hob sich scharf von den Bäumen ab und schob sich wie ein Keil in das saftige Grün des Nadelwaldes. Als er mitten durch das Gehölz marschierte, flogen drei Häher über seinem Kopfe auf, deren unheimliches Gekrächz die Luft zerriss. Er beobachtete, wie sie sich in eine Lichtung hinabstürzten; ein Adler schwebte majestätisch aus dem Gewölk herab und eine Kette von schwatzenden Elstern flitzte von Baum zu Baum nach der gleichen Stelle hin. Von einer hohen Klippe schwangen sich zwei Raben, der eine unter heiserem Krächzen, während der andere eine Reihe klarer, gellender Pfiffe von sich gab, die jedesmal mit einem plötzlichen Knecks endeten, wie wenn ein scharfer Schlag auf den Schnabel den Pfiff kurz abgebrochen hätte. Moran erriet sogleich, was diese gefiederte Versammlung bedeutete. Die fleischfressenden Vögel der Berge stellten sich zu einem Schmause ein. In der Lichtung musste ein Aas liegen. Er bog ab, um die Sache zu untersuchen. Mit schwerem Flügelschlag entwichen die Aasvögel, als er nahe kam, und protestierten -mit heiserer Stimme gegen diese Unterbrechung ihres Festmahls. In der Lichtung lag eine tote Elchkuh. Nur drei Tiere gab es in diesen Bergen, die einen Elch töten konnten. Der Grizzly, der Berglöwe und der Wolf. Der Umstand, dass der Elch in einer Lichtung lag, schloss die erste Möglichkeit aus. Wenn der Grizzly tötet, was sehr selten der Fall ist, so beschleicht er sein Opfer nur im dichten, niedrigen Gehölz, um es aus nächster Nähe rasch anzufallen und durch rohe Kraft niederzuhämmern. Der Berglöwe hingegen stürzt INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle odef deren Raum 45 Cts. tur die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctfc GrSssere Inserate nach SeitentarK. Inseialenschhisg 4 Tano vor Erscheinen der Nnmmem sich den Namen: Dr. E. Keller merken müssen, falls sie je eines Mannes bedürfen, der an einem Gesetz auch nicht ein gutes Härchen belässt und über' die gesetzgebenden Körperschaften in einer Art und Weise herfällt, die in ihrer Schärfe beispiellos ist. Ungerecht wäre es allerdings, die neue Fussgänger-Liga mit den automobilfeindlichen Ausführungen Kellers gänzlich zu identifizieren; ausdrücklich und mehrmals betonte der Referent, dass er seine persönlichen Ansichten wiedergebe, für welche er allein die Verantwortung trage. Diese Alleinveräntwort« lichkeit vor dem lächerlich kleinen Auditorium würde es erübrigen, den Inhalt dieses Elaborates wiederzugeben, falls uns nicht die überzeugenden und mit sachlichen Argumenten operierenden Korreferenten zwingen würden, auf die aus tiefstem Herzen stammenden Seufzer eines Fussgängers, der gegen ein neuzeitliches Verkehrsmittel mit einer mittelalterlichen Hellebarde ankämpfen möchte, doch einzugehen. Der von Keller immer wieder aus der Versenkung gezerrte «Gegensatz zwischen Automobilist und Fussgänger » besteht wahrlich nurmehr in den Köpfen einiger ganz konservativer Zeitgenossen, die, wie der Referent, «immer wieder in die Lage kommen, vor dem bösen Auto die Flucht ergreifen zu müssen». Ein «Antifussgängergesetz» sei dem Bundesrat von den Automobilisten diktiert worden, die nun das unbedingte Vorrecht auf der Strasse besitzen. Redner blieb es vorbehalten, ein neues Schlagwort zu prägen: der « Pfiff » des Automobilisten. Wer darunter etwa eine besondere Kunstfertigkeit der Autofahrer vermutet, der lasse sich von Dr. Kellers Pfiffigkeit belehren, der damit nur das Undemokratische einer verpfuschten Gesetzgebung feststellt. Der «Pfiff» will dahin verstanden werden, dass der Autofahrer seine Zeichen gibt und der Fussgänger sich darnach richten muss. Ergo ist das neue eidg. Automobilgesetz fürwahr ein undemokratisches Klassengesetz, das in brutaler Weise die Volksinteressen verletzt. Es ist unannehmbar, schon weil die Zufallshaftung dem Automobilisten auferlegt werden muss, der für ein böses Auto ebenso haften muss wie derjenige, der einen bösen Gaul hat. Wenn das Auto für Strolchen- sich auf den Rücken seiner Beute, schlägt seine Klauen tief durch Fell und Fleisch und reitet sein Opfer zu Tode, indem er die Zähne immer tiefer in seinen Nacken eingräbt. Der Augenschein schloss Zweifel betreffs des Täters aus. Die durchbissenen Knieflechsen bewiesen, dass es ein Wolf gewesen war. Die herumhüpfenden Vögel hatten die Spuren fast ganz verwischt, aber ein Fleck feuchter Erde hatte sie noch bewahrt. Moran stiess einen Pfiff der Ueberraschung aus. Er wollte seinen Augen nicht trauen bei der Feststellung, dass ein letzter Grauwolf noch immer in den Bergen sein Unwesen trieb. Aus dem Winter war Moran in den Frühling herabgestiegen. Hier war jedes schneefreie Fleckchen grün und nur an den dunkelsten, geschütztesten Stellen des Gehölzes lagen hohe Schneewächten. Unter munterem Pfeifen setzte er seinen Weg fort. Da hatte er plötzlich das Gefühl, dass ihn irgend etwas beobachtete — ihn verfolge. Schon oft hatte er versucht, sich über dieses Gefühl Rechenschaft zu geben, das alle Menschen kennen, die viel in der freien Natur leben. Einmal nennen sie es «Gefühl», einmal «Schlag», gebildetere Leute bezeichnen es gerne als «Intuition» und führen es auf einen geheimnisvollen und feinen sechsten Sinn zurück. Moran suchte stets nach einer natürlichen Erklärung aller Dinge. Oft wenn er in den Bergen jagte oder umherkletterte, hatte er plötzlich die Empfindung, dass Wild in der Nähe sei. Zuzeiten wusste er sogar, v/as für ein Tier es war, Bär, Elch oder Rotwild, wie es sich gerade traf. So oft er dann nachforschte, fand er entweder eine frische Bärenspur oder das