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E_1931_Zeitung_Nr.064

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Ausgabe' Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 4. August 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jahrgang. — N° U ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Bnehatnt Jaden Dtautaf und mliq Monatlich „Gälte Liste" Ralbjihrlteh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portannehlag, •oleru nicbt postamtlich bestellt. Zuschlag (ür postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 89.84 , Ttlegramm-Adreite: Autorevue, Barn Noch einmal Aarau-Luzern Die Verkehrsprobleme des Suhren- und Wynentales. Noch immer prallen im Kanton Aargau die Meinungen über den Durchgangsverkehr Nord-Süd aufeinander. Wir haben bereits in Nummer 36 der «A.-R.» den Standpunkt der regierungsrätlichen Expertise ausführlich zu Worte kommen lassen und haben demselben u. a. in Nummer 52 ein von industrieller Seite stammendes Prüfungsbegehren gegenübergestellt, welches grösstes Interesse verdient. Gerade dieses Projekt, welches sich für ein vermehrte Verwendung des Autobusbetriebes einsetzt und in bezug auf die interkantonalen Entwicklungsmöglickeiten eines modernen Strassen-Durchgangsverkehrs einen bedeutenden Weitblick erkennen lässt, 5st kürzlich wieder die Zielscheibe von unsachlichen Angriffen der Automobilgegner geworden, die wir nicht unwidersprochen hinnehmen möchten. Es lohnt sich, 3er 'Angelegenheit auf den Grund zu gehen und die beiden hauptsächlichsten Standpunkte gegeneinander abzuwägen, bevor das letzte Wort gesprochen ist. Wer mit den örtlichen Verhältnissen nicht genau vertraut ist, hat allerdings Mühe, sich ohne weiteres in den verschiedenen zur Diskussion stehenden Verkehrsverhältnissen und einander widersprechenden Reformprojekten zurechtzufinden. Es sei daher im folgenden auf unsere nebenstehende Planskizze verwiesen, aus welcher die wirklich ganz einzigartigen Verkehrsverhältnisse auf der Transversale Nord-Süd klar ersichtlich sind. Vom Räume Aarau aus öffnen sich in südostlicher Richtung zwei annähernd parallele Talzüge: links das Wynen-, rechts das Suhrental. Beide Täler sind in ihrer Vereinigung 5m Räume von Aarau die Ausgangspunkte Von Schmalspurbahnen. Aber keine von beiden ist bis Sursee weitergeführt, um damit den Anschluss nach Luzern und an das Ich putze Auto Von Karl Krause. Vorher fuhr ich Rad, wie alle schlichten Leute. Es war durchaus kein Rasserad, keine berühmte «Marke», aber es lief. Das war die Hauptsache. Ich ruinierte mit dieser Fahrerei sämtliche Anzüge und übejmeine Hosenböden, wenn der Ausdruck erlaubt ist, war meine Frau empört, mein Schneider entsetzt und im innersten verletzt. So ging man nicht um mit Kleidungsstücken, die nach Mass gearbeitet waren. Hinzu kam, dass das Rad, das zwar wunderschön lief, keinerlei Spuren von Pflege erkennen Hess — es war verrostet und starrte vor Dreck, wenn Sie mir auch diesen Ausdruck erlauben, und nicht mit Unrecht empfanden alle meine Bekannten meinen Aufzug zu Rad als einfach skandalös. Um es offen zu sagen: Man genierte sich, mir zu begegnen. Ich konnte das verstehen, durfte aber anderseits geltend machen, dass dies ein sozusagen historisches Rad sei, da ich es schon sehr lange besitze. Ein? strapaziöse Zeit geht auch an einem Rad nicht spurlos vorüber. Es noch putzen zu wollen, war völlig aussichtslos, und schliesslich war die Patina des Alters lautere Ehre. Gott ja: Meinem Rad schulde ich Dank — nur putzen wollte ich es nicht mehr. Es wäre zu sinnlos gewesen. — übrige Netz der S. B. B. zu gewinnen. Eine Schmalspurige, elektrische Teilstrecke, die von AaTau aus das Suhrental in Angriff nimmt, die Aarau-Schöftland-Bahn, hört bereits nach elf Kilometern auf. Von der oberen Talseite her, beginnend in Sursee, kommt ihr eine zweite Linie entgegen, hört abeT bereits nach neun Kilometern ebenfalls auf: die normalspurig gebaute Dampfbahn Sursee- gen-Sursee mit Hilfe einer dritten Schiene. Triengen. Das Zwischenstück Schottland-Demgegenüber verficht die Sursee-Triengen Triengen wird durch einen Postkurs notdürftig verbunden. Die ganze Strecke Aarau- Normalausbau auf der ganzen Strecke Sur- Bahn auch heute noch ihr Lieblingsprojekt Sursee, die 30 Kilometer misst, kann nur see-Aarau. durch zweimaliges Umsteigen und grossen Alle diese Möglichkeiten sind von den Experten eingehend nach ihren technischen Zeitverlust absolviert werden. Dafür hat man allerdings das abwechslungsvolle Vergnügen, auf einer so kurzen Strecke drei und sämtlich verworfen worden, zugunsten und kommerziellen Konsequenzen überprüf voneinander völlig verschiedene Verkehrsmittel zu « geniessen ». ®Aarau Noch prekärer liegen die Verkehrsverhältnisse auf der Wynentalseite. Das industriereiche Tal hat zwar einen Bahnanschluss in der Richtung Süd-Nord, aber nicht in der umgekehrten Richtung, denn die in Aarau beginnende schmalspurige Wynentalbahn endet in Münster in einer Sackgasse und lässt den Anschluss' an Sursee vermissen. Wir stehen also vor dem Kuriosum, dass drei verschiedene Bahnen zwei benachbarte Täler bedienen, ohne doch weder den fortlaufenden Anschluss unter sich, noch an die in unmittelbarer Nähe vorbeiführende S. B. B. zu ge- ^üTriengen Reinach währleisten. Alles auf engstem Raum in ernem dichtbevölkerten Industriegebiet- und nur 20 Kilometer entfernt von einem internationalen Fremdenvef Münsterc kehrszentrum! Es ist denn auch kein Wunder, dass unter diesen Voraussetzungen keine einzige der drei beteiligten Stumpenbahnen jemals zu einer befriedigenden Rendite gelangen und alle miteinander richtig zusammenarbeiten können, solange man die Verhältnisse nicht von Grund auf ändert. Unter diesem Gesichtswinkel muss man sich allerdings fragen, ob das offizielle Gutachten wirklich geeignet ist, an den grundlegenden Voraussetzungen etwas zu ändern. Die Experten haben eine Reihe von Möglichkeiten geprüft, die anhand unseres Situationsplanes leicht zu verfolgen sind. Zunächst stand in Frage, die Schmalspurbahn Meine Frau, die mich liebt, ohne indessen darüber den Kopf zu verlieren oder gar die laufende kritische Beobachtung meiner Person deshalb zu unterbrechen — meine Frau hatte sich bereits angewöhnt, zu sagen: «Du — ach Gott, du wirst es nie zu einem Auto •bringen.» Dergleichen Sätze, in das tägliche Gesprächsrepertoire einer ehelichen Gemeinschaft aufgenommen, wirken entweder enervierend oder lösen grauenvolle Entschluss-Ausbrüche aus. Ich war zuerst sehr nervös, überwand diesen Zustand und kam zum Entschluss, in Gottesnamen denn auch so ein Ding zu kaufen. Ueber das «wie» und «womit» hatte ich ausserordentlich undeutliche Vorstellungen. Die Konsequenzen waren furchtbar. Hatten wir schon vorher lediglich das Nötigste, so erlebten wir nun den aufreibenden Zustand totaler Verarmung. Völlige Verzweiflung brach aus, als die erste Steuerrate, die erste Versicherungsrate zu zahlen war, und dieser beklagenswerte und höchst aufreibende Zustand kam über mich in dem Moment, als ich sowieso wegen allgemeiner Erschöpfung zusammenzubrechen drohte: einer Erschöpfung psychischer und physischer Natur als Folge eines achtwöchigen Autofahrlehrkurses, bei dem ich mich unbeschreiblich borniert anstellte und der geeignet schien, mir das Auto ein für allemal zu verekeln, noch ehe ich es auch nur fahren konnte. Nur soviel darüber: Ich war verzweifelt, mein Fahrlehrer, ein wirklich geduldiger Mann, war verzweifelt; es wurde Dann kam übrigens die Zeit des Auto- mir von Mitschülern hinterbracht: er habe Rausches, da die Aermsten der Armen des geäussert, etwas dermassen Begriffsstutziges sei ihm überhaupt noch nicht; vorgekom- Mittelstandes sich Klein-Autos kauften. Schon hatte ein Schwager, ein Vetter eins. men. Alle Verkehrspolizisten der Stadt Aarau-Schöftland ebenfalls schmalspurig weiterzuführen bis Triengen; von dort an Umsteigen in die Normalbahnstrecke Triengen-Sursee. Auf der Schmalspurstrecke Roll schemelbetrieb für normalgebaute Güter wagen. Als Variante kam ferner in Betracht Fortsetzung des durchgehenden Schmalspur betriebes über die Normalbahnstrecke Trien- Schmalspur-Bahn Posf-Aufo ßundes-ßafin iSursee INSERTIONS-PREISt Die achtgespaltene 2 mm hohe Gnmdiell» ode* deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 00 Ctf> Grössere Inserate nach Sei teilt arH. Inserntensohlnss 4 Tnne vor Erscheinen der Nummern l ii7Prrh eines Rohöl-Autobusbetriebes auf der Teilstrecke -Schöftland-Triengen. So begrüssensweTt indessen die Verkehrsverbesserung im mittleren Suhrental ist, so muss man sich doch auf der andern Seite sagen, wie wenig für das Ganze mit dieser zehnkilometrigen Strecke gewonnen wird, weil eben das durchgehende und einheitliche Verkehrsmittel fehlt. Das Einzige, was das offizielle Gutachten am bestehenden Bahnbetrieb verbessern will, ist die Verbreiterung des Trasses für die Schmalspurbahn auf Strassenstrecken. Wir haben aber bereits in Nr. 36 dagegen protestieren müssen, dass diese Verbreiterung auf Kosten der Strassen geht und sich früher oder später, wenn der Kanton Aargau darangeht, sein Strassennetz für den Durchgangsverkehr nach modernen Grundsätzen auszubauen, bitter rächen müsste. Wir möchten deshalb noch einmal auf das automobilistische Gegenprojekt zurückkommen, welches wir in Nr. 52 kurz skizziert haben. Das Bestechende dieses inoffiziellen Gegenvorschlages, welcher im Auftrage industrieller Kreise des Suhrentales von privater Seite ausgearbeitet wurde, ist aus unserer Skizze auf einen Blick ersichtlich. Statt der drei Stumpenbahnen, die als solche ewig an Unrentabilität grenzen werden, würde der ganze Lokalverkehr auf der in sich geschlossenen Ringstrecke Aarau, Schottland, Triengen, Sursee, Münster, Reinach, Aarau durch einen durchgehenden Omnibus- und Camiondienst aufgenommen und an die Knotenpunkte Aarau und Sursee zugebracht. Bei einer lediglich auf eine erste Etappe AaTau- Schöftland-Triengen berechneten Kapitalund Betriebskostenberechnung würden sich Intern. Alpenfahrt. Eingehende Sonderberichte und mteressante Bilder finden Sie auf Seite 3 und folgenden. kannten mich, sie kennen mich noch heute: denn ich war während meiner Studienfahrten in der engen Innenstadt ein wanderndes Verkehrshindernis von Stadtruf geworden. Doch machte ich die Prüfung vorzüglich und bin heute in meinem Kleinwagen das untadelige Urbild des gewissenhaften Fahrers, der mit philanthropischer Vorsicht um die Ecken tastet und dem Geschwindigkeit an sich kein ethischer oder moralischer Wert ist. Immerhin fahre ich schneller als auf dem Rad. Am Anfang allerdings, von wegen der «Gänge» ein wenig lauter. — Ja, also eines Tages stand das Auto vor der Tür. Ich sagte «Unser Wagen». Meine Frau, die eine Neigung zu «untertreiben» hat — ich meine es im Gegensatz zu übertreiben — sagte etwas einschränkend: «Sag doch nicht ,Wagen' ! Du machst dich ja lächerlich. Im Grunde ist es ein Motor auf vier Rädern*» Und vorerst mal verreiste sie zu einer Freundin — sie sah Blamagen voraus, deren Zeuge das ganze Quartier sein musste; denn alles starrte aus den Fenstern, wenn ich auch nur einstieg. Nichts über die qualvolle Peinlichkeit jener; Minuten, wenn man den « Anlasser » zieht, das Gas vergisst, die Bremse tritt und das Auto stehen bleibt wie angenagelt. Sie tat recht daran, sich diesen deprimierenden Anfänger-Lächerlichkeiten nicht auch mit auszusetzen. Ueber die finanziellen Erfahrungen und Feststellungen im Rahmen ehelicher Auseinandersetzungen lassen Sie mich schweigen. Wir zahlen natürlich in Raten, die ein bescheidendes Menschenalter laufen, jedenfalls länger, als man dem Auto gerechterweise zu laufen zumuten kann, und es gab wenig Tage im Jahr, kaum eine verpasste Gelegenheit, dass nicht in den verschiedensten Nuancierungen die Rede an mich gerichtet wurde : « Alles Geld geht für das Auto drauf. Sieh dir, bitte, die Kleider an. — Ich habe nichts anzuziehen. — Du hast nichts anzuziehen...» Kurz : es gab Anwendungsmöglichkeitein in einer Fülle, dass mir zum erstenmal die Vielfältigkeit der Bedürfnisse eines Haushaltes lähmend deutlich ward. Indessen: Zur Rechtfertigung meines nationalökonomisch-moralischen Gewissens müssen Sie die beklagenswerte Tatsache kennen, dass wir kinderlos sind. Uns selbst gegenüber traten wir also mit der Behauptung auf: « Das Auto an Kindesstatt.» Finanzpolitisch änderte sich dadurch nicht das geringste. Noch immer ist Milch erheblich billiger als Benzin, wenngleich ein Kind vielleicht mehr trinkt als ein Auto, als mein Auto, das in Hundert Kilometern 10 Liter braucht oder so... es ist schwer, das in eine statistisch-ernährungstechnische Parallele zu bringen. Aber als ich die ersten Raten, die Steuer, die Versicherung, den Fahrkurs bezahlt hatte (auch den in Raten natürlich), da waren wir in einem Masse verarmt und mittellos, dass die Anschaffung eines so teuren, aber für ein noch so kleines Kleinauto absolut naturnojwendigen Elixiers wie Benzin völlig ins Bereich des Unmöglichen entrückte. Ich kaufte es 5-Literweise, was immerhin bescheidene Exkursionen an die Peripherie der Stadt ermöglichte, in Gegenden also, in denen umherzuirren ich mich schlimmstenfalls bei strafrechtlicher Verfolgung entschlossen haben würde. Mir dämmerte die Erkenntnis : Dieser Kleinwagen ist unser völliger und endgültiger Ruin. Es war sträflichster Leichtsinn, ihn anzuschaffen. (Fortsetzung im «Autler-Feierabend».)