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E_1931_Zeitung_Nr.097

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 27. November 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralbiat! für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen AB ONNJEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlieh „Gelhe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoimehlttg, Mtern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bartellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Reehnung HI/414. Telephon Bollwerk 19.84 Telegramm-Adresse i Autorevue, Bern Betrachtungen zum Verkehrsgesetz Oberster Grundsatz: Förderung der allgemeinen Verkehrssicherheit Von behördlicher Seite wurde die Schaffung eines Verkehrsgesetzes mit vollem Recht durch das Bedürfnis nach einer einheitlichen, den neuzeitlichen Verhältnissen angepassten Regelung des gesamten Strassenverkehrs begründet. In einer Zeit, in der erfolgreiche Anstrengungen unternommen werden, dem internationalen Fernverkehr durch Vereinfachung der Grenzformalitäten weitgehende Entwicklungsfreiheit zu sichern, den Verkehr von Land zu Land möglichst hemmungsfrei zu gestalten, kann die Schweiz unmöglich an einem Zustand festhalten, der sich durch die Vielgestaltigkeit nebeneinander-, oft sogar gegeneinanderlaufender kantonaler Verkehrsbestimmungen auszeichnet. Der Bundesrat handelte also in richtiger Erkenntnis der Sachlage, wenn er seinem Entwurf für das Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr eine die Freizügigkeit des Strassenverkehrs nach Möglichkeit wahrende, dem Grundsatz einheitlicher Gesetzgebung für das ganze schweizerische Gebiet folgende Fassung verlieh. Im Verlaufe der parlamentarischen Beratungen stellte sich nun freilich heraus, dass die dem bundesrätlichen Entwurf zugrundeliegenden Motive nicht auf der ganzen Linie richtig verstanden wurden. Sonderwünsche von Parteien und Kantonsvertretern drangen hier und dort in den Beratungen durch und durchlöcherten den von den Verfassern des Entwurfes aufgestellten Grundsatz der Einheitlichkeit in der Verkehrsregelung so gründlich, dass man auf dem besten Wege ist, zu den alten Konkordatsbestimmungen zurückzukehren. Vom modernen Geist, den die Vorlage des Bundesrates atmete, ist in der Fassung, in der das Gesetz aus den ständerätlichen Beratungen hervorging, wahrhaftig nicht mehr viel zu spüren. Es dürfte sich unter diesen Umständen empfehlen, sich nochmals kurz mit den Voraussetzungen zu beschäftigen, unter denen ein einheitliches, wirklich modernes Verkehrsgesetz Zustandekommen kann. l> Oberstes Gesetz für den Schöpfer neuzeitlicher Verkehrsbestimmungen muss die Förderung der allgemeinen Verkehrssicherheit, die möglichst radikale Bekämpfung der Un- Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (7. Fortsetzung) Pinkas Katzenstein drehte sich mit ängstlich eingezogenem Kopf um, schritt, aufmerksam nach dem Reitstock schielend, im Bogen um den Vizegespan herum, hob das 'zusammengeknüllte Schriftstück vom Boden 'auf, strich es auf seinem Bauch glatt, und es In die Innentasche seines Halbpelzes schiebend, verschwand er mit unbeholfenen Kratz- 'fflssen im Dunkel des Zimmers. Der Vize- 'ges.pan Hess sich erschöpft in seinen Lehn- 'stuhl fallen. «So ein verfluchter Jud!» Jetzt wusste ich wenigstens ungefähr, was los war. Wie hatte Katzenstein gesagt? -3j£enn er was braucht, bin ich der Herr Katcenstein, wenn ich was brauche, bin ich der Jud. Also! Katzenstein hatte etwas gebraucht Die Stimme meines Hausherrn schreckte mich aus meinem Nachdenken: «Schenk' dir ein.» Von da an ist alles in mir nur geisterhafte fSlle im Strassenverkehr sein. Dieses Ziel lässt sich auf der einen Seite durch die Schaffung einer straffen Verkehrsdisziplin, der sich alle Strassenbenützer zu unterziehen haben, auf der anderen Seite durch die Teilung des Verkehrs, durch die Dreigliederung in Fahrstrasse, Fussgänger- und Radfahrweg erreichen. Mit andern Worten: Die im modernen Strassenverkehr ruhenden Gefahren lassen sich mit Erfolg nur unter der Voraussetzung einer geordneten Abwicklung des Gesamtverkehrs, die jedem Strassenbenützer den ihm zukommenden Platz anweist, bekämpfen, und es soll eben Aufgabe des kommenden Verkehrsgesetzes sein, diese Ordnung im Strassenverkehr herzustellen. Sehen wir einmal zu, wie die aus den parlamentarischen Beratungen hervorgegangene Fassung des Bundesgesetzes über den Motorfahrzeug und Fahrradverkehr dieser Aufgabe gerecht zu werden sucht. Gegenwärtige Fassung des Entwurfes. In diesem Zusammenhang ist einmal Artikel 32 interessant, der in der bundesrätlichen Fassung verfügt, dass Fahrzeuge mit Tierbespannung vom Dämmerungsbeginn an mit Licht zu versehen seien. Das ist eine klare, durchaus im Interesse der allgemeinen Verkehrssicherheit und mehr noch vielleicht im Interesse der tierbespannten Fuhrwerke selbst liegende Bestimmung. Im Natiorialrat scheint nun aber der Eindruck aufgekommen zu sein, als ob es sich hier um eine vexatorische Massnahme gegen die Landbevölkerung handle, weshalb der Zusatz Aufnahme fand, dass vom Felde kommende landwirtschaftliche Fuhrwerke von der Beleuchtungspflicht ausgenommen sein sollen. Mit diesem Zusatz'wird ein ernsthaftes Gefahrenmoment im Ueberlandverkehr aufrecht erhalten, dem nicht bloss die Lenker anderer Fahrzeuge, sondern in gleich hohem Masse die Fuhrleute landwirtschaftlicher Vehikel ausgesetzt sind. Die durch Art. 32 angestrebte Verminderung der Unfallsgefahr wird aber durch die neue Fassung illusorisch gestaltet. Erinnerung. Ich weiss nur noch, dass mein Gastgeber jeden Versuch meinerseits, mich zu erheben, mit dem Beginn einer neuen Flasche unterdrückte, dass ich diese Versuche bald unterliess, weil mir das Aufstehen bereits erhebliche Schwierigkeiten bereitete . . . dass wir uns gegenseitig durch das Absingen von Schlachtgesängen begeisterten . . . dass mir der Gyuri bäcsi unter Tränen Abbitte leistete, weil er keine Zigeuner bestellt habe ... dass uns in altertümlichen Pokalen der tintenschwarze Wein, der vörös hid, kredenzt wurde, wobei mir der Gyuri bäcsi eine feierliche ungarische Rede hielt, von der ich kein Wort verstand . . . dass- er dabei mit der einen Hand das hinund herschwankende Glas umklammerte, während er sich mit der andern Hand krampfhaft am Tischrande anhielt. Dann... dann erinnere ich mich, stand ich auf und sang dem Gyuri bäcsi ein Lied vor, zu dem mich mein Gastgeber mangels einer Laute damit begleitete, dass er mit seinem Reitstock auf den Flaschen und Gläsern mit einer Be* geisterung den Takt schlug, dass eines nach dem andern in Scherben ging. Anforderungen an die Fussgänger. Ferner ist Art. 34 zu nennen, der im zweiten Absatz der bundesrätlichen Fassung die Vorschrift enthielt, dass Anordnungen der Verkehrspolizei und die Zeichen der Fahrzeugführer auch vom Fussgänger zu beachten seien. Im Nationalrat bestand offenbar die Auffassung, dass die Schöpfer des Gesetzesentwurfes dem Fussgänger eine unnötige, schikanöse Bestimmung aufzuhalsen suchten, weshalb der Passus über die Pflicht zur Beachtung der vom Fahrzeugführer gegebenen Signale unterdrückt wurde. Wie wirkt sich nun diese Streichung in der Praxis aus? Einfach in einer gefährlichen Lockerung der Verkehrsdisziplin, in einer Nichtbeachtung der von den Fahrzeuglenkern gegebenen Warnzeichen. Da selbst in grösseren, verkehrsreichen Städten nicht an jedem Punkt ein Verkehrspolizist aufgestellt werden kann, nach dessen Anordnungen man sich richten könnte (von den Ueberlandstrassen ganz abgesehen, wo der Verkehr überhaupt, nur durch die Signalgebung des Fahrzeuglenkers zu regeln ist), wird sich der Fussgänger blindlings in die Gefahren des Strassenverkehrs stürzen, was jedenfalls nicht zur Unfallverhütung beitragen dürfte. INSEHTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grftssere Inserate nach Seitentarif. tnseratenschlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Die Frage der Höchstgeschwindigkeiten. die Höchstgeschwindigkeit als eine Verkehrs- erwiesen hätte, wären die 17 Wie steht es nun aber mit Art. 25, der ingefährdung seiner ursprünglichen Fassung den Fahrzeuglenker lediglich dazu verpflichtete, sein Fahr- sicherlich längst wieder zur Festsetzung von Staaten, von denen weiter oben die Rede war, zeug ständig zu beherrschen und die Geschwindigkeit den gegebenen Strassen und sächlich hat man aber die Beobachtung ge- Geschwindigkeitslimiten .zurückgekehrt; tat- Verkehrsverhältnissen anzupassen? Hier hält macht, dass die Festsetzung von Geschwindigkeitsnormen bei den Fahrzeuglenkern die der Ständerat dafür- dass ein relativer Grad von Verkehrssicherheit nur durch die Festsetzung von genau umschriebenen Höchstge- Umständen zur Innehaltung eines die Ueberzeugung wachruft, dass sie unter allen Höchst- schwindigkeiten gewährleistet sei. Das entspricht durchaus der landläufigen Ansicht von der Entstehung und der Verhütung von Strassenverkehrs-Unfällen, hilft freilich über die Tatsache nicht hinweg, dass die Festsetzung von Höchstgeschwindigkeiten zur Erhöhung der Verkehrssicherheit nicht nur nichts beiträgt, sondern darüber hinaus sogar die ^nfallgefahren erhöhen hilft. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit ist nämlich im Strassenverkehr ein sehr relativer Begriff: unter bestimmten Voraussetzungen, auf offener Strecke mit verhältnismässig geringem Verkehr, auf guter Strasse wird man dem Fahrzeuglenker ruhig ein Tempo von 60 km und darüber gestatten dürfen; trifft er aber bei einer anderen. Gelegenheit beispielsweise auf nasse, schlüpfrige Strassen, auf dichten Verkehr oder auf unvorhergesehene Hindernisse, so kann unter Umständen ein Tempo von 30 km schon zu hoch sein. Es hat also prak- Dann entsinne ich mich, dass wir uns gerührt in die Arme sanken, dass mir der Gyuri bäcsi den Antrag stellte, mich an Kindes Statt anzunehmen . . . dass der Vizegespan zum Fenster stolperte und den Fensterladen aufstiess... und die ersten Strahlen der blinkenden Morgensonne uns in die zwinkernden Augen lachten... dass wir uns unterfassten und mit krampfhafter Würde zur Türe schritten ... Im Vorzimmer stand, steif wie ein Holzgötze, ohne eine Miene zu verziehen, der Diener mit den papageigrünen Aufschlägen und den Fünfkronenknöpfen, und auf einer Bank sass Pinkas, der Morgenländer, und schlief den Schlaf des Gerechten. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, und nur die grosse, fleischige Nase hing ihm aus dem Mottenpelzkragen heraus, und aus der Innentasche ragte das bösartige Schriftstück hervor. Als der Vizegspan ihn bemerkte, blieb er stehen, zog das Papier vorsichtig heraus, tastete mit unsicheren, steifen Findern nach dem Goldcrayon an seiner Uhrkette, malte unbeholfen seinen Namen darunter und Hess das Papier dann lässig zu Boden fallen ... Draussen stand meine Staatskarosse. Die beiden struppigen, dickbäuchigen Gäule und mein Hofmarschall, Häushofmeister, Kammerdiener, Leibkutscher, Pferdewärter und Kammerzofe, Jan Szivak, und alle drei schliefen mit hängenden Köpfen ... und dann ... dann erwachte ich im letzten Schein der' tisch gar keinen Sinn, Vorschriften über Höchstgeschwindigkeiten aufzustellen, die bis heute lediglich den Zweck verfolgten, die Bussenkassen der kantonalen Behörden zu füllen. Wichtiger ist, dem Fahrzeuglenker die allgemeine Pflicht zu überbinden, sein Fahrzeug so zu steuern, dass er es jederzeit in der Gewalt hat. Aus dieser Erwägung heraus Hessen denn auch gerade jene europäischen Staaten, die im motorisierten Strassenverkehr die grössten Erfahrungen zu sammeln in der Lage waren, die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der ganzen Linie fallen. 17 Länder, darunter Deutschland, Oesterreich, Belgien, Holland, Spanien, Frankreich Italien, Grossbritannien, Schweden, Ungarn, also gerade die Staaten mit der grössten Verkehrsdichtigkeit, haben auf die Festsetzung von Höchstgeschwindigkeiten endgültig verzichtet. Neben der Schweiz enthalten bloss noch die Gesetze einiger baltischen und nordischen Staaten mit sehr geringer Verkehrsfrequenz Geschwindigkeitsbeschränkungen, die zudem teilweise so hoch begrenzt sind (bis zum 70-km-Tempo), dass sie bei der Beschaffenheit der in Frage kommenden Strassen praktisch einer vollständigen Aufhebung der Geschwindigkeitslimite gleichkommen. Wenn sich die Aufhebung der Bestimmungen über grenze streifenden Tempos berechtigt seien, so dass also die Festsetzung von Höchstgeschwindigkeiten faktisch zur Steigerung der Verkehrsunsicherheit beiträgt. Erziehung zu vorsichtigem Fahren, zur Unfallverhütung setzt Bestimmungen voraus, die dem Fahrer die ganze Verantwortung für ein vernünftigesj durch die Umstände gebotenes Tempo überbinden. Leider hat auch der Bundesrat darauf verzichtet, in seinem Entwurf die Möglichkeit einer Förderung der auf den Ausbau des Automobilstrassennetzes, die Anlage von Fussgängerstreifen und Radfahrwegen gerichteten Bestrebungen vorzusehen. Da aber die Teilung des Strassenverkehrs, wie sie heute schon in weiten Gebieten Hollands, Belgiens und Deutschlands Wirklichkeit geworden ist, und wie sie neuerdings auch Frankreich anstrebt, als sicherstes Mittel für die Herabminderung der Unfallgefahren in Betracht fällt, werden die Strassenbenützer auf die natürliche Verfechtung dieses Postulates nicht verzichten wollen. Die Haftung der Motorfahrzeugh.alter. Dass die im bundesrätlichen Entwurf vorgesehene Verschärfung der Haftpflicht für Motorfahrzeughalter, die durch einen Zusatz des Nationabrates, der die Haftung auf durch fremdes Verschulden entstandene Unfälle ausdehnt, übrigens den Rahmen des Erträglichen bereits überschritten hat, die Verminderung der Gefahrenquellen, wie sie durch die allgemeine Beleuchtung von Fahrzeugen, durch die Erziehung aller Strassenbenützer zur untergehenden Sonne ... lag regelrecht in meinem Bett . . . und vor mir stand Jan Szivak und frug mich, ob ich frühstücken, Mitagessen oder Abendessen wolle. Zwei Tage später hielt ein klappernder, leichter Leiterwagen vor meiner Tür. Hinten angebunden ein tadelloser Goldfuchs mit blendendweissen Strumpffesseln. Auf dem Bock thronte Pinkas Katzenstein und meldete mir im Namen seines Herrn, dass dieser mich grüssen lasse, er sei verreist, und nach seiner Rückkehr werde er mich sofort aufsuchen. Den Goldfuchs seiner eigenen Zucht schicke er mir als Bruderschaftsgeschenk, und wenn ich ihn nicht annehme, lasse er ihn nach Budapest schicken und daraus Salami machen. «Er heisst Attila,» schloss der Bote seine Rede. «Und das mit die Salami, gnädiger Herr, das ist wahr. Das macht der Gyuri bäcsi.» «Wohin fuhr der Vizegespan?» Wegwerfend zuckte Katzenstein die Achseln. «Wohin wird er gefahren sein? Nach Budapest.» «Wissen Sie, wann er zurückkommt?» «Wann er zurückkommt? Das kann heute sein, das kann morgen sein, das kann in vierzehn Tagen sein. Länger hat es noch nie gedauert.» Ich schüttelte unverständig den