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E_1931_Zeitung_Nr.104

E_1931_Zeitung_Nr.104

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag. 22. Dezember 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jahrgang. - N° 104 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Bnchelnt Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste 1 * Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portomsehlng, totern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliebe Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. »7, Bern Rappen. Postcheck-RecTinuna II1/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue. Bern INSERT1ONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 00 Cts. Grössere Inserate- nach Seitentarif. Inseratensehlus« 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Am Scheideweg Die Jahreswende, mit welcher unser 27. Jahrgang vollendet ist, bedeutet für den schweizerischen Automobüismus nicht auch gleichzeitig den Abschluss einer weiteren Entwicklungsperiode. Wichtige und weittragende Probleme finden sich noch im Flusse der Diskussion und behördlichen Beratung, ohne dass deren endgültige und richtige Lösung schon als sichergestellt betrachtet werden darf. Obwohl manche dieser Fragen sogar schon aus dem vorhergehenden Jahre übernommen worden sind, war es nicht möglich, sie aus der Traktandenliste als erledigt abzuschreiben. Das neue Jahr wird aber bedeutsame Entscheidungen bringen, die für die weitere Entwicklung des Automobilismus und für die Automobilisten selbst von grösster Tragweite sind. Wir stehen deshalb unbedingt an einem Scheideweg, an welchem sich jeder Motorfahrzeugbesitzer, der nicht in den Tag hineinlebt, genaue Rechenschaft darüber ablegen muss, welche Strosse er einzuschlagen gedenkt. Der grosse Harst wird unter Führung der automobilistischen Presse, deren ältester und damit wohl auch erfahrenster Vertreter die «Automobil-Revue» ist, und der Verkehrsverbände die Strasse einschlagen, die durch unbedingte Solidarität zum Ziele führen muss. Es darf in der nächsten Zeit keine Gleichgültigen oder Zauderer geben, welche sich einfach von der Bewegung und Entwicklung mittragen lassen, ohne selbst daran aktiv teilzunehmen. Ein jeder hat sowohl in seinem Privat- und Geschäftsleben, als auch in öffentlichen Stellungen und Aemtern die Möglichkeit, für die Anerkennung der automobilistischen Forderungen einzutreten. Es kann ihm dies nicht schwer fallen, wenn er weiss, dass es sich dabei nicht darum handelt, einseitige Vorrechte zu Lasten anderer Strassenbenützer zu erreichen, sondern mir eine gesetzliche und wirtschaftliche Berücksichtigung des Motorfahrzeuges zu erzielen, wie sie im Ausland vielfach schon längst Tatsache geworden ist. Mit überlegenem Tone wird heute von den Anfängen des Automobilismus gesprochen. Wenn man die seither erzielten gewaltigen technischen Fortschritte, die bis heute erreichte Verbreitung des Fahrzeuges und seine universelle Verwendung betrachtet, hat dieses Gefühl der Ueberlegenheit seine Berechtigung. Bedenken wir aber, wie schwer es einem Teil der Bevölkerung und unserer Behörden fällt, der Aufwärtsbewegung zu folgen und ihr Rechnung zu tragen, so fühlt man sich fast wieder um ein Vierteljahrhundert zurückversetzt. Das Feilschen um jede Position im,neuen Verkehrsgesetz, muss in dieser Beziehung jedem Bürger, der sich um die öffentlichen Angelegenheiten etwas • kümmert, die Augen geöffnet haben. Das Ansinnen von Bundesrat Musy, den fast zwei- " hundertprozentigen Benzinzoll noch weiter hinaufzusetzen, kennzeichnet die leichtfertige und irrige Auffassung, dass das Motorfahrzeug als ein unversieglicher Quell'fiskalischer Abzapfungen behandelt werden könne. Das Postulat Klöti, ein Teil der Benzinzolleinnahmen den Bahnen zuzuhalten, wirft ein besonders grelles Schlaglicht auf die eigenartige Vorstellung, welche sich sogar hohe Behördemitglieder von der Rolle des motorisierten Verkehrs gebildet haben. Derartige Vorschläge, die, so ungerecht und absurd sie klingen mögen, doch ernst gemeint sind, lassen erkennen, dass dem Automobilisten im kommenden Jahr allerlei Ueberraschungen und Anfechtungen warten. Sie können nur dann richtig pariert werden, wenn sich die Verkehrsinteressenten zusammenscharen und fest zur Sache halten. Sie brauchen ein gemeinsames Sprachrohr, das die breite Oeffentlichkeit und die Tagespresse, welche ihre Aufgabe nie in der restlosen und dauernden Vertretung automobilistischer Interessen sehen kann, über unser gemeinsames Programm orientiert. Aber neben der Vertretung nach aussen, gibt es auch eine Festigung nach innen. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Verkehrsgruppen und -Organisationen muss gefördert werden. Der nationale und internationale Tourismus verlangt grösste Freizügigkeit und weitgehende Vereinfachung der damit verbundenen Formalitäten. Die Verkehrsregelung durch Polizei und Signale, bedarf ebenfalls noch der Verbesserung im Sinne einer Vereinheitlichung und ausgeprägteren Grosszügigkeit. Die Aufklärung der kommenden Generation in Verkehrssachen wird leider von den Schulen und Behörden noch zu sehr der privaten Initiative überlassen. Die fahrtechnische Ausbildung der Verkehrspolizei und der richterlichen Instanzen, welche in Verkehrsangelegenheiten zu entscheiden haben, weist nur bescheidene Ansätze auf. Es gilt aber auch den Mut aufzubringen, um üble Erscheinungen und Mitläufer des Automobilwesens zu geissein und auf deren Beseitigung hinzuarbeiten. Gerade im Hinblick auf eine neue Gesetzgebung ohne Geschwindigkeitsmaxima ist strengste Disziplin in den eigenen Reihen unbedingtes Erfordernis. Strolchenfahrer, betrunkene Führer, Feiglinge, die nach Unfällen sich der Verantwortung entziehen wollen, sind Schlacken, von denen sich der Organismus des modernen Verkehrs unbedingt befreien muss, wenn er gesund bleiben will. Die « Automobil-Revue» hat es sich in ihrer nunmehr 27jährigen Praxis angelegen sein lassen, allen diesen Aufgaben ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ihre Mission ist ihr durch die stets wachsende Unterstützung aus allen Kreisen und die ununterbrochen anwachsende Leserschaft erleichtert worden. Es ist aber ein typisches Zeichen der teilweisen Oberflächlichkeit unserer Zeit, dass sich der eiserne und mächtigste Bestand unserer Leserschaft aus den mehr- und vieljährigen. Automobilisten zusammensetzt. Die jüngste Generation unter den Automobilisten (gemessen an der Zeitdauer ihrer Fahrpraxis) ist sich der Schwierigkeiten, welche das Motorfahrzeug noch zu überwinden hat, gar nicht bewusst und fährt deshalb unbekümmert und sorgenlos in der Welt herum und glaubt, das übrige werde schon durch Presse und Verbände besorgt,, als ob diese nicht ihre unmittelbare Kraft gerade aus der Masse der hinter ihnen gruppierten Fahrer schöpfte. Diese Kategorie von Autoführern ist nun am Scheideweg. Hält sie nicht gemeinsam mit der Mehrheit die Strasse ein, welche nach dem gesteckten Ziel führen wird, so schaden sie der Bewegung und sich selbst am meisten. Unser Blatt hat immer darauf Rücksicht genommen, dass die persönlichen Interessen und Liebhabereien der aus allen Schichten der Bevölkerung rekrutierten Automobilisten recht verschieden sind. Deshalb wurde stets die Vielseitigkeit des Gebotenen gefördert. Volkswirtschaftliche, verkehrstechnische und Standes-Probleme bilden das Schwergewicht, solange die Stellung des Motorfahrzeuges im öffentlichen Leben nicht eine einigermassen befriedigende ist. Die Berichterstattung über den Automobilsport im In- und Ausland, * äle Umschau im Reiche der Technik ergänzen das Programm als gleichwertige Komponenten. Mit der Entwicklung des Autoreiseverkehrs ging der Ausbau unserer Touristikabteilung Hand in Hand. Die'dank der .vervollkommneten Technik vereinfachte Handhabung und Pflege des Wagens lässt bei vielen das Interesse an rein technischen Problemen in den Hintergrund treten. Für sie und auch für die Familie des Automobilisten wurde der Unterhaltungsteil erweitert. Der kostenlose Dienst durch den technischen, juristischen und touristischen Sprechsaal, dem erfahrene Fachleute vorstehen, hat sich derart eingebürgert, dass eigene Ressorts hierfür geschaffen werden mussten. Daneben hat die «Automobil-Revue» immer Raum für Anregungen und berechtigte Kritik aus dem Publikum. Trotz unserer angenehmen und vielgestaltigen Beziehungen mit den Verbänden ist unser Blatt doch ein unabhängiges Organ geblieben, das aber mithilft, die tätigen Kräfte zu gemeinsamer Aktion zu sammeln. Wir nehmen gerne an, dass sich alle am Scheideweg nicht nur über die Bedeutung ihrer künftigen Einstellung Rechenschaft ablegen, sondern sich auch für die Fahrt ins nächste Jahr die richtige Lektüre durch ein Abonnement auf die « Automobil-Revue» sichern! Redaktion und Administration. Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (14. Fortsetzung) «Der gnädigen Frau von Tolnay, bitte gehorsamst,» flüsterte Jan Szivak, während er dem Vizegespan mit offenem Maul nachsah. Ich setzte mich in den Strassengraben und wartete. Hoffentlich kam meine Nachbarin nicht bei mir vorüber, denn in meinem verwilderten Aufzug... Mein Slowak deutete die Allee entlang. Dort hielt ein hochrädriger, leichter Jagdwagen, daneben hoch zu Ross der Gyuri bäesi, der mir unermüdlich mit dem Reitstock winkte. Zögernd... Schritt für Schritt... trat ich näher... mechanisch nestelte ich das Hemd über der Brust zu... strich mir über den Scheitel... Heute liegt der Schnee des AJters über meinem Haupt, aber in der Dämmerung der Vergangenheit steht sie lichtumflossen vor mir ... meine schöne Frau Erzsebet... Barhaupt, hoch und schlank in ihrer hüftenlosen Gestalt, spielte der Abendwind in den Falten eines dunkelblauen, kurzen Rockes, in einer duftig-weissen Seidenbluse, zauste in dem seidigschimmernden, schwarzbraunen Haar.. meine Blicke klammerten sich an ein ernstes Frauenantlitz, aus dessen reiner Schönheit unter dunklen Bauen, umrahmt von tiefschwarzen Wimpern, zwei graue Augensterne strahlten ... die einen alle ihre Schönheit vergessen Hessen... zwei graue Augensterne... «Es freut mich, Sie kennenzulernen.» In leise singendem Tonfall klangen die Worte an mein Ohr... eine schmale Hand streckte sich mir entgegen... mit einigen stotternden Worten starre ich in die Tiefe dieser Märchenaugen, umrahmt von den tiefschwarzen, seidigen Wimpern... alles um mich verschwimmt. «Es freut mich, Sie kennenzulernen.» Im Strassengraben hatte Jan Szivak eine Decke ausgebreitet; wir hatten uns niedergelassen und plauderten. Sie selbst in dem singenden Tonfall, in dem der Ungar das Deutsche wiedergibt, ruhig und gelassen, nur manchmal huschte ein Lächeln über ihre Züge. Neben ihr der Vizegespan, krebsrot in freudiger Erregung, sich ununterbrochen den Mongolenschnurrbart streichend, bald sich das Monokel ins Gesicht klemmend, bald sich mit dem Taschentuch über den Kahlkopf fahrend, in ewiger Unruhe. Der Gyuri bäesi erzählte... Von Budapest... wie er sich mit allen am Spieltisch herumgebalgt... wie sie ihn am Schluss aber doch umgelegt hatten... aber der verfluchte Schwab — mit einem Blick auf mich — habe ihm doch Glück gebracht... denn vierzehn Tage... «Wie oft versprachen Sie mir, nicht zu spielen, Gyuri bäesi,» wandte sich die schöne Frau an den Vizegespan, indem sie ihm begütigend die Hand auf die Schulter legte. Der Angesprochene kratzte sich mit einer Grimasse hinter den Ohren. «Mehr wie einmal. Aber weisst du, Erzse"- bet, diesmal ve: folgte ich damit einen ganz bestimmten Zweck. Und der Zweck war gerade für dich bestimmt, und darum .. •» «Und wie oft, Gyuri bäesi, versprachen Sie | mir nicht schon, zu mir nicht «du» zu sagen? I Was denken die Leute, und jetzt zum Beispiel unser neuer-Nachbar?» «Da bist du daran schuld, Erzsebet. Wie oft sagte ich dir schon, du sollst zu mir doch «du» sagen, Erzsebet. Wie oft? Dann findet kein Mensch etwas daran. Du weisst genau, du hast mit mir Bruderschaft getrunken.» Kopfschüttelnd, mit einem leisen Lächeln, wehrte sie ab. «Das war nicht so, Gyuri bäesi. Sie tranken mit mir Bruderschaft, aber nicht ich mit Ihnen.» «Und den Bruderschaftskuss, habe ich den bekommen oder nicht?» «Nein, Qyuri bäesi,» lächelte die schöne Frau. «Nein.» «Also — ich spüre ihn heute noch, Erzsebet. Dein Mann, der Pista, war Zeuge.» «Der Pista lachte damals gerade so wie ich, und darum habe ich so ähnlich getan, wie ein Kuss, denn ich höre den Pista so gerne lachen.» Wie leise Wehmut klang es durch ihre Worte. «Aber einen Kuss nenne ich das nicht. Nein, Gyuri bäesi. Gerade weil Sie sich auf den Pista berufen, der weiss es am besten. Ich habe ausser ihn noch keinen Mann geküsst.» «Der Pista hat es vielleicht schon vergessen.» «Was, Gyuri bäesi?» Mit einem Ruck wandte sie das Gesicht zu dem Vizegespan. «Wie es ist, wenn du einen Mann küsst.» Mit einem schmerzlichen Aufzucken gruben sich die Zähne der schönen Frau in die Unterlippe. «Das hat der Pista nicht vergessen.» Langsam, Wort für Wort, mit einem leisen Kopfschütteln, sprach sie vor sich hin. «Du hast recht, Erzsdbet. Du bist mir deshalb doch nicht böse?» «Nein, Qyuri bäesi, sicher nicht. Aber was soll sich unser neuer Nachbar bei solchen Gesprächen von mir denken? Wir sprachen vom Spielen, aber nicht vom Küssen.» Der Vizegespan zuckte laut auflachend die Achseln. «Beides, Erzsebet, führt gar oft nur zu Enttäuschungen, nur beginnen sie in verschiedenen Zeitpunkten. Beim Spiel hat man das Vergnügen, wenn es anfängt, und bei der Liebe, wenn sie aufhört.» «Nicht immer, Gyuri bäesi. Nicht immer. Helfen Sie mir,» wandte sich Frau von Tolnay an mich, «er hat mir schon so oft versprochen, vom Spiel zu lassen. Oder... sollten Sie auch?» Ich schüttelte abwehrend den Kopf. «Also, was ist Ihre Leidenschaft? Hoffentlich haben Sie eine. Ich mag Menschen ohne Leidenschaften nicht, sie sind die Würze des Lebens. Aber das Spiel! Brrrr! Und bei den Leidenschaften des Lebens sind die Männer so glücklich, sich mit der Empfindung ihres Herzens von ihnen beherrschen zu lassen, aber wir Frauen... wir können uns die schönen Leidenschaften des Lebens nur erträumen, während sie für den Mann die Wirklichkeit bedeuten. Und doch sind wir die Glücklicheren. Denn die Wirklichkeit erniedrigt und beschmutzt durch die Enttäuschung, während wir uns eine Seligkeit vorgaukeln, einen Taumel des Glücks, eine Sehnsucht des Empfindens, die nur wir selbst uns rauben können. So lassen wir Frauen die Träume unseres Herzens in uns zur berauschenden Wirklichkeit werden, ein Paradies unserer Gedanken, ein strahlendes Licht auf den dunklen Wegen, die uns die Bitternis des Lc bens führt.»