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E_1933_Zeitung_Nr.001

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN. Dienstag, 3. Januar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 1 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freltan Monatlich „Gelbe Liste** HalbJthrMeh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, «oiern nicht" postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltcnrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon 2S.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Der Zur Jahreswende, um die mitternächtliche Stunde, tritt ein altes, welkes Mütterchen, das Automobilkonkordat, auf den Plan, um von ihrer stolzen Nachfolgerin, dem Gesetz über den Motorfahrzeugverkehr und deren unternehmender Tochter, der Vollziehungsverordnung, für immer Abschied zu nehmen. Selbst legislatorischen Erlassen ist es beschieden, früher oder später jenen letzten Gang zu tun, der keinem Menschenwerk erspart bleibt. Allerdings ist das Konkordat in seinen verschiedenen Phasen nur wenige Dezennien alt geworden, allein bei Erlassen, die Neues, Unbekanntes, insbesondere Verkehrstechnisches ordnen, zählen die Jahre vielfach. Wenn ich bedenke, was in meinem Leitartikel der ersten Nummer der «Automobil-Revue » einem mehr als naiven Publikum im Jahre 1906 zu sagen nötig erschien, dann kann ich mich eines gewissen Lächelns nicht erwehren, «wie wir es heute so herrlich weit gebracht». Damals galt das Automobil noch vielfach als inventio diabolica, die auch vom Gesetze entsprechend behandelt werden sollte, eine Auffassung, die auf dem Gebiete der Haftpflicht vielleicht nicht bis in den letzten Keim erstorben ist. Das Konkordat hatte denn auch wenig Ruhe, mehrfach umgestaltet, nur teilweise toleriert, war es ein armes Geschöpf, das frühe altern musste, und dies nm so mehr, als ein aussergewöhnlich intensiver Verkehr stets neue Phasen der Anforderungen brachte, deren Tempo selbst die Kraftverkehrsgesetzgebung teilweise nicht einhalten konnte. So kam es, dass ein erstes Gesetz die Gnade des Souveräns nicht fand, verworfen wurde, womit Grossmütterchen Konkordat und all die ungezählten Bestimmungen des eidgenössischen und kantonalen Rechtes des wohlverdienten Ruhestandes nicht teilhaftig wurden. Erst am 15. März 1932 wurde das neue Bundesgesetz und am 25. November 1932 die Vollziehungsverordnung erlassen, die, wie gesagt, am 1. Januar F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (i. Fortsetzung) Der schwarzbärtige Herr stellt sich keuchend als Vizedirektor John Walters von der Filiale der London and Liverpool Bank in Putney vor, und berichtet in Kürze das Vorgefallene. Wie gewöhnlich hatte er sich auch an diesem Tage in das Hauptkontor am Ludgate Zirkus begeben, um den Kassenvorrat zu erneuern und Rapport abzulegen — es war seine Pflicht, das zweimal in der Woche zu tun, und wie gewöhnlich hatte er einen Cab genommen, was für das Sicherste und wenigst Aufsehenerregende galt. Plötzlich war ein Auto mit dem Cab kollidiert, und' als er wieder auf die Beine gekommen war, hatte er diesen Herrn vorgefunden, der offenbar der Besitzer des Autos war, nicht aber die Tasche, die 45 000 Pfund in Gold und Papieren enthielt. Der verdächtige Mr. Bateson unterbricht ihn und beteuert auf das energischste seine Unschuld, aber trotz seiner Proteste\nuss er zu der nächsten Polizeistube. Dort wiederholt sich die Szene; Mr. Bateson beschwört seine Unschuld, schiebt alles auf ein Missgeschick im Nebel und beruft sich auf seinen grossen Bruder in Bond Street. Man weiss nicht, was man glauben soll, und einen Augenblick sieht es aus, als sollte Mr. Bateson durchschlüpfen. Pfui, Philipp Collin, das ist deiner nicht würdig! Soll der elende Verbrecher seiner gerechten Strafe entgehen? Willst du dich damit begnügen, deine 70 000 Kronen wieder zu haben, wenn auch mit Zinsen? Das ist deiner nicht würdig, Philipp Collin! Aber halt! «Man visitiere den Angehaltenen!» sagte der Polizeichef; und ruhig im Bewusstsein neue Kurs 1933 in Kraft treten. Hart war auch diesmal der Kampf, im Parlamente, in den Parteien und Verbänden, gleichwie in der Wissenschaft. Wohl nur die Kampfesmüdigkeit und vor allem die Einsicht, dass endlich nur eine nationale Lösung den Schluss des Wirrwarrs bringen könnte, liess das Gesetz der Parteien Gunst und Hass entrücken und der nicht ungefährlichen Volksabstimmung entgehen. Ein Gegner des Gesetzes, insbesondere der Haftbestimmungen halber, mit ihrer Verantwortlichkeit für fremdes Verschulden bei eigenem Nichtverschulden, versagte ich mir jede weitere Polemik, in dem Momente, wie klar wurde, dass die interessierten Kreise sich mit der legislatorischen Situation abfanden und ihrerseits auf Opposition verzichteten. Eine begangene Tat hat immer Sinn, lautet ein nur allzu wahres Wort, das einst auf der Arnobrücke fiel, und so senkte ich meinen Degen, den ich in Wort und Schrift so manche Jahre führte. Die hohen Intentionen, den Ernst, die Sachlichkeit und absolute Vertrautheit des Vaters des Gesetzes mit der Materie habe ich nie verkannt, und wenn einer die Tragik erkannte, die darin lag, dass Zukunftswerte von Rang von Kommissionen und Parlamenten abgelehnt wurden, so hat mir das Verständnis hiefür nie gefehlt. Dennoch kam unsere Opposition, vor allem, weil neue Dinge, um das Gesetz schliesslich genehm zu machen, alte Rechtsgrundsätze verletzten, mit denen diie Generation des römischen Rechtes fest verwachsen war. Heute sind diese Nova, und wie es uns schien Monstra, Gesetz geworden, und künftig gilt es, sich mit ihnen im Rechtsleben abzufinden. Eine ältere Generation wird ihre Anschauung über Verantwortlichkeit, über Schuld und Sühne, nach neuen Ideen umstellen müssen, die letzten Endes ihre Wurzeln in der Technik geschlagen haben. seiner Unschuld lässt Mr. Bateson es geschehen. Taschenmesser, Manikureschachtel, Schlüssel werden aus seinen Taschen geräumt, Sacktücher, Kleingeld, ein noch nicht abgeschickter Brief und eine Füllfeder folgen, alles unverfänglich, und Mr. Bateson lächelt schon triumphierend. Eine einzige Tasche ist noch übrig, die linke Brusttasche, und es zeigte sich, dass sie eine kleine Krokodillederbrieftasche enthält. «Hallo!» ruft Mr. Bateson erbleichend. «Was ist denn das? Das ist nicht meine Brieftasche!» «Wie?» sagte der Polizeichef. «Höchst ungewöhnlich, dass ein Gentleman anderer Leute Brieftaschen bei sich trägt. Sie machen ein so eigentümliches Gesicht, was sehen Sie denn so Wunderbares an dieser Brieftasche? Eine höchst ordinäre Krokodillederbrieftasche.» Er öffnet sie, und Mr. Bateson sieht starr vor Verblüffung, was er hervornimmt: einen Plan über das Kontor der London and Liverpool Bank am Ludgate Zirkus und in Putney und dann Aufzeichnungen über Direktor Walters Gewohnheiten; aber bei dem Anblick der Handschrift tritt kalter Schweiss auf Mr. Batesons Stirne. Denn es ist seine eigene, unverkennbar seine eigene, und doch hat er diese Papiere nie vorher gesehen. Ha, du roher englischer Taschendieb und Verbrecher! Fängst du nun an, zu sehen, wem du ins Gehege gegangen bist? Fängst du an, den Tag zu bereuen, an dem du Philipp Collins Weg kreuztest? Zu spät, mon ami! Das englische Gesetz, in dessen Schutz du ihm trotztest, lässt nicht mit sich spassen; das ist eine Sache, über die du nun so manches liebe Jahr nachdenken kannst. «Das habe ich nicht geschrieben,» stottert Mr. Bateson mit heiserer Stimme. «Ein Anschlag gegen mich...» Der Polizeibeamte wirft einen Blick auf den Gerade hier weist der neue Kurs neue Bahnen. Alle Schichten der Nation werden sich dem nobile officium beugen müssen: Das Publikum wird versuchen müssen, sich dem rapid steigenden Verkehr anzupassen, die .Nervosität zu bekämpfen und sachlich richtige Dispositionen für den Strassenverkehr zu treffen. Den Automobilisten wird die schwere Aufgabe zu teil, die vielen gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und vernunftgemäss im allgemeinen Interesse zur Geltung zu bringen. Speziell zu bedenken ist, dass die Schnelligkeit nicht absolut freigegeben ist, sondern vom Bundesrat jederzeit (speziell im Falle des Ueberhandnehmens von Exzessen) Vorschriften über die Schnelligkeit erlassen werden können (Art. 25). Gerade die Vollziehungsverordnung mit ihren 85 Artikeln erschliesst eine Fülle von guten Ideen und sollte für jeden Automobilfahrer immer wieder eine Quelle der Anregung sein. Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich nicht behaupten, die Vollziehungsverordnung sei das beste an der Automobilgesetzsebung; eines aber ist sicher: Hier war der Bundesrat, und speziell der Vater des Gesetzes, freier, weil hier die Aegide des Parlamentes entsprechend zurücktrat. So konnte manches INSERTIONS-PREIS: Die acbtgespaltene 2 mm hohe Grandzelle oder deren Raum 45 Cts. ftlr die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct« Gr&ssere Inserate nach Scitentarif. Inseratensebluss 4 Tane vor Erscheinen der Kammern leicht ganz allgemein annimmt. Das will aber gebessert, gemildert, ergänzt und neu ge-nichschaffen werden, an dem ein alter Kritiker heissen, dass deshalb die Förderung und aktiver Verfolger des Werdeganges des Gesetzes seine helle Freude haben kann. Nicht leicht aber wird die Aufgabe unseres höchsten Gerichtshofes sein, der'wohl schwerlich speziell einer neuen Interpretation des Begriffes des Verschuldens wird entgehen können. Gerade die Definition der groben und leichten Culpa im Sinne des Art. 37, Abs. 2 dürfte nicht so leicht sein, will man Brief, den man in Mr. Batesons Tasche gefunden hat, vergleicht die Handschrift und zuckt die Achsel. «Man führe den Gefangenen ab,» sagte er. Und Philipp Collin lacht, als er die Abendblätter liest. Der Schlussakt dieser ersten englischen Transaktion Philipp Collins spielte sich sieben Jahre später ab. Denn in Anbetracht der fehlenden Tasche und einiger anderer Umstände bekam Mr. Bateson nur diese gelinde Strafe. Am selben Tage, an dem er Dartmoor verliess, wurde er zum Direktor gerufen. «Ein Brief an Sie, Bateson,» sagte dieser. «Er scheint Geld zu enthalten. Er wurde mir vor einem halben Jahre mit der Bitte überreicht, dass ich ihn Ihnen heute übergeben solle.» Der Gefangene nahm den Brief mit zitternder Hand, riss ihn auf und starrte mit stumpfem Staunen zwei dicke Banknotenbündel an, die herausfielen. Endlich gelang es ihm, sich aufzuraffen, und er las den Brief. «Dear Mr. Bateson,» stand da, «Sie müssen zugeben, dass ich mein Versprechen gehalten habe, welches ich Ihnen vor längerer Zeit in Bond Street gab, ich habe wirklich die Polizei gerufen, und sie hat unsere kleine Angelegenheit in befriedigendster Weise geordnet. Ich halte immer Wort. Aber da Sie nun Ihr Verbrechen gesühnt haben, hege ich keinen Groll mehr gegen Sie, und als Beweis dafür bitte ich, Ihnen das Inliegende überreichen zu dürfen. Möchte Ihnen dieses Geld auf einer bessere.. Bahn weiterhelfen als Ihrer alten verbrecherischen! Ihr ergebener Philipp Collin.» Mr. Bateson starrte hilflos den Direktor an, der begonnen hatte, die Banknoten zu untersuchen. «Gute Bank of England-Papiere,» murmelte dieser. «Aber halt...» Er trat an nicht das grobe Verschulden überhaupt ausschalten und allen und jeden Verstoss gegen die Pflichten der Aufmerksamkeit als leichtes Vergehen bezeichnen, womit die absolute Haftpflicht prinzipiell besiegelt sein dürfte. Der vorliegende Artikel hat nicht den Zweck, eine letzte Kritik am Gesetze zu üben, sondern im Zeichen des neuen Kurses zu allseitig weiser Vorsicht zu mahnen und Bundesrat Häberlin einen Kranz zu winden für das, was er in diesem Zeichen für die Nation und ihre Rechtseinheit getan hat. Rechtsanwalt Dr. G. Brennwald, Zürich. Zur kommenden Werbung für den Autotourismus. Von einem gründlichen Kenner der verkehrspolitischen und touristischen Verhältnisse im In- und Ausland erhalten wir die nachfolgenden Zeilen: Wer die zahlreichen Pressemeldungen über unseren Fremdenverkehr auch nur flüchtig verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass ganz allgemein zwar die Frequenzzahlen durchwegs zurückgegangen sind, im speziellen aber der Autotourismus von seiten der Fremden immer weiter zunimmt. Die Zahl der zum vorübergehenden Aufenthalt in die Schweiz eingereisten Motorfahrzeuge ist im Jahre 1932 beträchtlich grösser als in den früheren Jahren, womit eindrücklich genug die Bedeutung des Autotourismus für unseren Fremdenverkehr dargetan wird. Im Winter tritt allerdings der Autotourismus etwas zurück, wenn auch weniger stark, als man viel- des Autotourismus während der Winterzeit ebenfalls auf ein Nebengeleise geschoben werden soll. Verkehrsvereine, Hoteliers usw. beschäftigen sich bereits zu Beginn des Jahres vielfach mit den Vorarbeiten für die Propaganda für den kommenden Frühling und Sommer. Diese Leute werden sich natürlich auch darüber Rechenschaft geben müssen, in welcher Richtung, in welchen Kreisen die Propaganda besonders stark einsetzen muss, um grossen Erfolg zu haben. Nun ist allgemein die Entwicklung des Autotourismus bekannt und es versteht sich eigentlich von selbst, dass gerade in dieser Beziehung zweckmässige Reklame erfolgreich sein wird. Es ist aber leider immer so: wenn irgendeine Sache besonders gut geht, dann gibt es das Bücherregal und nahm einen Band der Gerichtssaalprotokolle aus dem Jahre 1906 heraus. «Was zum Teufel,» rief er plötzlich. »Darum kamen mir die Nummern so bekannt vor! Das sind ja dieselben Noten, wegen deren Sie hoppgenommen wurden — ich meine die grössten! Die kleinen sind, wie wir in Erfahrung gebracht haben, an verschiedenen Orten gewechselt worden. Hier haben Sie die Nummern!» Er begann sie zu lesen, aber Mr. Bateson hörte kaum zu, denn er hatte den Brief umgedreht und auf der Rückseite das folgende Postskriptum gefunden: «Ich gebe zu, dass Sie die Noten, die ich Ihnen schicke, vielleicht etwas schwer zu wechseln finden werden. Aber diable, was wollen Sie? Man tut, was man kann, um seinen Freunden zu helfen! Noch einmal Ph. C.» II. Das Abenteuer der zerstreuten Herren. Im Nordwesten Londons, an der Grenze der fashionabelsten Viertel um Regents Park, liegt Gothenburg Road. Die Strasse zeigt, wie es in alten Romanen heisst, Spuren entschwundener Schönheit; sie waren früher ein Glied der oben erwähnten eleganten Strassenzüge, ist aber degradiert worden. Von Bloomsbury im Südosten rücken die Boardinghäuser in dichten Kolonnen an und haben schon die wichtigsten Punkte von Gothenburg Road besetzt. Noch ein paar Jahre, und die Strasse, die jetzt mit der Verzweiflung einer alternden Hofdame um ihr Aussehen kämpft, wird ihre Position als fashionable Strasse für immer verloren haben. In der Mitte von Gothenburg Road liegt das Haus 49, ein mittelgrosses, respektables dreistöckiges Gebäude, das im Jahre 190fi eine ziemlich vernachlässigte Aussenseite so-