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E_1933_Zeitung_Nr.007

E_1933_Zeitung_Nr.007

Ausgabe: Deutsche Schweiz Nummer 20 Cts. BERN, Dienstag, 24. Januar 1933 29. Jahrgang - N° 7 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jahrlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern aolern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. lnseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Ein Verständigungs -Vorschlag Im « Journal de Geneve» setzt sich Rene Payot mit dem Verständigungsvorschlag der Chambre syndicale suisse de rindustrie de l 1 Automobile (s. « A. R. > Nr. 2) auseinander. Er befürchtet, der Zusammenschluss der gewerbemässigen Strassentransportunternehmungen in eine Gesellschaft und die Festsetzung der Transportgebühren werde einen gleich schwerfälligen Apparat wie den der Bahnen zur Folge haben und bedingen, dass die Frachtpreise in die Höhe gehen. Er befürwortet statt dessen eine weitgehende Entlastung der Bahnen von den ihnen gesetzlich überbundenen Verpflichtungen. Damit könnten wir uns ohne weiteres einverstanden erklären, wenn gleichzeitig dem Auto die volle Handlungsfreiheit gelassen und die Grundlage für einen wirtschaftlichen Betrieb wieder gegeben wird. Bekanntlich wurde im neuen Automobilgesetz das Höchstgewicht eines Lastenzuges auf 16 t angesetzt, der Zweiachsarihängewagen verboten, der Dreiachser auf 13 t beschränkt und die Fahrgeschwindigkeit für die schweren Mo- F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (10. Fortsetzung) «Und ob!» Der Ton des Dicken wurde eifriger, während er sprach: «,Aus den Armen der Geliebten' oder .Entführt von den Banditen', das ist der Titel. Wir haben eine ganz neue Art, die Bilder aufzunehmen, wissen Sie. Die Schauspieler müssen so viel schreien und rufen, als sie nur können. Es wird dann so natürlich. Und feine Spieler haben wir! Mrs. Bell ist ja auch ganz gut, aber unser Hauptspieler — der! Da werden Sie staunen, wenn Sie sehen, wie natürlich der spielt. Eine Stimme, sage ich Ihnen, die kann man von hier bis Paddington hören.» «Na, na, machen Sie's nur nicht gar zu lebhaft,» sagte der Konstabier. Aber der dicke Mann hörte nicht mehr auf seine Worte; ein Automobil war auf breiten Gummireifen um die Ecke von Maida Vale eebogen und vor Nr. 26 stehengeblieben. Das Gesicht des dicken Mannes drückte die grösste Spannung aus, und er kurbelte auf Leben und Tod. Ein eleganter, nicht mehr ganz junger Herr von semitischem Typus, in Ueberrock und Zylinder, stieg aus dem Auto, ?ab dem Chauffeur rasch eine Weisung, worauf dieser mit einem unterdrückten Grinsen fortfuhr, und ging dann den kurzen Gartenrang zu Nr. 26 hinauf. Bevor er noch am Tor angelangt war, wurde dieses aufgerissen, und eine blonde, blauäugige Dame in« einem bezaubernden Tea-Gown wurde sichtbar. Sie breitete die Arme aus, warf dem eleganten torwagen und Lastenzüge eingeschränkt. Diese Vorschriften wurden einzig zum Schutz der Bahnen erlassen. Befreit man die Bahnen von ihren Fesseln, so ist es nur recht und billig, wenn man ein gleiches bei Motorlastwagen tut. Dazu kommt ein anderes Moment. Die Bahnen verlangen die Konzessionierung des gesamten gewerbemässig betriebenen Strassenverkehrs (Güter und Personen), ferner die Konzessionierung des Werkverkehrs bei Fahrten über eine gewisse Entfernung hinaus. Dabei wurden 30 km und später 50 km genannt. Statt der Konzessionierung könnte auch eine Abgabe für Transporte in Frage kommen, die über diese Entfernungsgrenze hinausführen. Man hat dabei 10 Rp. für den Tonnenkilometer genannt, was eine Verteuerung der Transporte um 100—120 Prozent ausmachen würde. Die Bahnen haben in ihren dem Vorort des Schweizerischen Handels- und Industrie- Das Projekt der Chambre syndicale. vereins übermittelten «Richtlinien•> eine Aenderung der Bundesverfassung und den Erlass eines Konzessionsgesetzes verlangt, dessen Bestimmungen sich im vorgenannten Rahmen bewegen sollen. Die gleiche Forderung ist in der Presse und anlässlich von Vorträgen erhoben worden. Die Autobesitzer haben demnach drei Möglichkeiten. Entweder bekämpfen sie die Vorschläge der Bahnen auf der ganzen Linie und führen den Abstimmungskampf gegen die Verfassungsänderung und das Konzessionsgesetz durch, oder sie nehmen die Vorschläge der Bahnen an, oder sie bringen selbst einen Vorschlag. Einen andern Weg gibt es nicht. Sie sind nicht frei, sondern wurden einerseits durch die Vollziehungsverordnung zum Automobilgesetz, anderseits durch die Forderung der Bahnen vor die Wahl gestellt, sich für eine der genannten Lösungen zu entscheiden. Die einfachste wäre wohl gewesen, sich auf den Kampfstandpunkt zu stellen und alle Forderungen der Bahnen glatt abzulehnen. Dies hätte bedingt, dass ein, möglicherweise aber sogar zwei Abstimungskämpfe hätten durchgefochten werden müssen. Wenn auch kaum ein Zweifel darüber bestehen kann, dass das Schweizervolk ein Konzessionsgesetz mit Monopolcharakter abgelehnt hätte, so darf man sich doch nicht darüber täuschen, dass höchstens ein Pyrrhussieg hätte errungen werden können. Er hätte keine Lösung, sondern weitere Kämpfe mit den Bahnen gebracht, wobei nicht vergessen werden darf, dass diese die Unterstützung des Bundes und der Kantone geniessen. Was dies heisst, beweist die Vollziehungsverordnung zum Automobilgesetz. Der Kampf ohne Ende liegt weder im Interesse der Allgemeinheit, noch in dem der Bahnen oder Autobesitzer. Er würde die streitenden Parteien finanziell aufs äussersie schwächen und die Zeche hätte schlussendlich die Allgemeinheit zu bezahlen. Der Vorschlag der Bahnen ist für den Herrn eine Kusshand zu und rief: «Ach, Ernie, du hast mich aber lange warten lassen! Komm jetzt rasch herein, wir wollen Tee trinken!» Der elegante Herr nahm verbindlich den Zylinder ab und küsste ihr die Hand; dann verschwanden sie durch die Tür zu Nr. 26. Der Dicke hörte auf zu kurbeln und wandte sich mit leuchtenden Augen dem Konstabler zu. «Fein, was, wie natürlich die spielen?» «Na, ja,» sagte der Konstabier kritisch. «Aber verdammt langweiliges Stück.» «Wird dann schon lebhaft, verflucht lebhaft. Können Sie die Leute ein bisschen fernhalten, wenn es notwendig sein sollte, Konstabler?» «Das wird wohl keine Kunst sein,» erwiderte der Konstabier zuversichtlich, und ging mit würdigen Schritten Sutherland Avenue hinunter. Dann kam eine Pause. Draussen in Maida Vale brauste der Verkehr weiter, aber in Sutherland Avenue war es still geworden, die Dämmerung gab die ersten Zeichen ihres Herannahens, und sowohl die drei kleinen Gassenjungen wie der dicke Mann schienen ungeduldig auf die Fortsetzung des begonnenen Dramas zu warten. Gerade als der letztere nach einem ängstlichen Blick zum Firmament murrte: Teufel, wie lang die brauchen, jetzt muss Ernie doch schon im Zuge sein, wurde endlich die Stille durch einen Laut gespalten. Ein neues Auto, ein geschlossener blaugrüner Daimler, flog um die Ecke, schwankte die Strasse hinauf und blieb vor Nummer 26 stehen. Ein mittelgrosser Herr mit theatralischem Aussehen und roter Perücke sprang heraus und winkte zwei anderen von ähnlichem Typus, ihm zu folgen. Er lief Autoverkehr unannehmbar. Die Einführung der Konzessionspflicht für die gewerbemässig betriebenen Transportunternehmungen würde die Vernichtung aller Unternehmungen bedeuten, die sich nicht rechtzeitig in den Dienst der Sesa oder Asto retten könnten. Es ist klar, dass der Bund keine Konzessionen an Autobetriebe erteilen würde, die den Bahnen irgendwelche Konkurrenz bereiten, und die Bahnen haben in ihrem Vorschlag auch ausdrücklich die Bedürfnisklausel vorgesehen. Neben den gewerbsmässig betriebenen Unternehmungen würde auch der Werkverkehr in Fesseln geschlagen. zessionspflicht für Fahrten über eine gewisse Entfernung vor, so bedeutet dies einen Kampf um jede Konzession. Auch hier wird der Konzessionsbehörde die Notwendigkeit der Transporte nachgewiesen werden müssen. Wird an Stelle der Konzession die Abgabepflicht gewählt, so bedeutet dies einen unerträglichen Kontrollapparat. Wir müssten dann mit Verhältnissen wie in Deutschland rechnen, wo die Polizei, unterstützt von Bahnorganen, die Fahrzeuge auf der Strasse anhält, die Ladungen und Frachtbriefe kontrolliert, in den Bureaux Nachprüfungen der Bücher vornimmt und die kleinste Ueberschreitung der zulässigen Fahrtengrenzen mit harten Bussen bestraft. Gegen eine derartige Einmischung der Behörden in den internen Betrieb der Geschäfte müsste sich die ganze Wirtschaft aufs äusserste zur Wehr setzen. Aus diesen Ueberlegungen heraus ist der Vorschlag der Chambre syndicale entstanden. Er sieht die Gruppierung der gewerbemässigen Transportunternehmungen in eine Gesellschaft vor., Diese würde ihren Mitgliedern die Transporte zuweisen, die Frachtgebühren festsetzen, die Fakturierung besorgen und sie für ihre Leistungen nach einem bestimmten Verteiler entschädigen. An dieser Gesellschaft könnten sich die Bahnen finanziell oder durch Mitarbeit beteiligen. Bedingung für die Durchführung dieses Projektes wäre, dass erstens der Werkverkehr vollständig frei bliebe und zweitens der Bund die Grundlagen für einen wirtschaftlichen Automobilbetrieb wieder herstellt. Die gegen dieses Projekt gemachten Bedenken sind nicht gerechtfertigt. Der gewerbemässig betriebene Automobilverkehr arbeitet heute bei weitem nicht mit dem Maximum seiner Leistungsfähigkeit, da sehr viele Rückfahrten ohne Belastung ausgeführt werden müssen. Bei einem organisierten Betrieb wird sich dies vermeiden lassen. Auch lässt sich bei einem solchen die Fahrleistung steigern. Die Folge wird sein, dass die Tonnenkilometerkosten erheblich zurückgehen. Schon jetzt besitzen die grössern gewerbemässig betriebenen Transportunternehmungen eine kaufmännische Organisation, die im Gesellschaftsbetrieb zusammengefasst werden Sieht man die Kon-könnte. Dazu käme die Organisation der zur Haustür von Nummer 26, riss sie weit auf, so dass man gerade in die Halle sah, und klingelte dann in der Parterrewohnung rechts. Mrs. Beils Wohnung. «Lavertisse,» murmelte der Mann am Apparat, der wieder auf Tod und Leben zu kurbeln begonnen hatte. «Also konnte der Professor nicht selbst kommen!» Das Tageslicht fiel gerade in die Halle von Nummer 26 und auf die wunderliche Szene, die sich jetzt dort abspielte, eine Szene, bei der der einzige von der Strasse hörbare Akteur der theatralische M. Lavertisse war. Kurz nach seinem Klingeln öffnete sich die Tür zu Mrs. Beils Wohnung, und ein Dienstmädchen erschien. «Kann ich Mr. Isaacs sprechen?» hörte man Lavertisses Stimme. Die Antwort des Mädchens war unhörbar, aber aus ihren Gesten ging hervor, dass sie M. Lavertisses Verlangen mit einem entschiedenen Nein abschlug. «Aber ich muss, ich muss,» kam wieder Lavertisses schrille Stimme aus der Halle. «Ich weiss, dass er hier ist und dass er nicht gestört werden will. Aber es ist notwendig. Sie müssen ihn stören. Sein Ruf, seine Ehre Sesa und Asto. Es ist also zu erwarten, dass die Verwaltungskosten nicht steigen würden, um so mehr, als die Verwaltungsorganisation sehr einfach gehalten werden könnte. Die Unternehmer hätten der Gesellschaft die Fahrzeuge, Garagen und Wagenführer zur Verfügung zu stellen und mit ihnen die zugewiesenen Transportaufträge auszuführen. Im übrigen blieben sie selbständig und hätten ein Interesse daran, ihren Betrieb möglichst billig zu führen, da davon zum Teil ihr Verdienst abhängen würde. Eine solche Organisation'könnte sich allerdings dazu verleiten lassen, ihre Sonderstellung auszunutzen und die Taxen gegenüber dem jetzigen Stand zu erhöhen. Dem steht aber der Werkverkehr als Regulator gegenüber. Eine Verteuerung der Frachten hätte sofort eine Ausdehnung des Werkverkehrs und damit den Ruin der Gesellschaft zur Folge. Billige Taxen dagegen würden automatisch einen Rückgang des Werkverkehrs und damit eine Steigerung der Geschäftstätigkeit der Gesellschaft bringen. Aus diesem Grunde sieht das Projekt der Chambre syndicale ausdrücklich die völlige Freiheit des Werkverkehrs vor. Wird dieser Bedingung seitens der Bahnen nicht zugestimmt, so ist das Projekt erledigt. Die Gesellschaft könnte aber auch billiger als der einzelne Unternehmer arbeiten, weil bei der Verwirklichung des Projektes erwartet werden kann, dass der Bundesrat die Volfziehungsverordnung zum Automobilgesetz ändert und den wirtschaftlichen Forderungen anpasst. Die Leistungsfähigkeit der Lastenzüge könnte dann wieder um 50 bis 60 Pro- hängt davon ab, dass ich ihn spreche. Ja, mehr, mein Kind, sein Parlamentsplatz.» Das Gesicht des Mädchens drückte unverhohlene Verblüffung aus, und Lavertisse fuhr unter eifrigen Gesten fort, während er sie zur Tür hineinschob: «Sie müssen ihn stören. Ich übernehme die Verantwortung. Gehen Sie nur hinein und sagen Sie: Ihr Ruf und Ihre Ehre hängt davon ab, dass Sie herauskommen, Sir, ja, mehr, Ihr Parlamentsplatz in Watford.» Offenbar ganz bestürzt verschwand das Mädchen, und eine Pause entstand, die M. Lavertisse mit verschiedentlichen wilden Gesten ausfüllte. Dann öffnete sich die Tür wieder, und ein Herr erschien auf der Schwelle. War das der elegante Herr, der vorhin im Auto gekommen war? Ja, aber nicht mehr in Rock und Zylinder; ein feuerrotes Fes schmückte sein Haupt, und ein langer Schlafrock von derselben Farbe umhüllte seine Gestalt. Er schien etwas erhitzt. Kaum hatte M. Lavertisse ihn erblickt, als er die Arme erhob und in flehendem Tonfall rief: «Gott sei Dank, dass ich Sie treffe, Sir. Sie müssen mir unverzüglich folgen. Ihr Ruf, Ihre Ehre, ja mehr, Ihr Mandat steht auf dem Spiel. Man hat einen Anschlag gegen Sie vor. Aber seien Sie nur ruhig, wir werden Sie retten, England erwartet, dass jeder Mann seine Pflicht tut.» Mr. Isaacs' Gesicht drückte die äusserste Bestürzung aus, als er diese Worte hörte. Er machte einen Schritt in den Vorsaal, legte M. Lavertisse die Hand auf die Schulter und sagte irgend etwas. Wenn auch kein Laut auf die Strasse drang, war doch sein Mienenspiel deutlich genug, um seine Aeusserung erraten zu lassen, und dieses Mienenspiel sagte:' Hören Sie, mein lieber Freund, Sie sind offenbar geistesgestört. Das ist betrübend für Sie. Aber sehen Sie jetzt nur, dass Sie rasch wieder ins Irrenhaus kommen, dann will ich' der Polizei nichts sagen. Aber fix muss es gehen. Der dicke Mann am Stativ, der in der grössten Erregung weiter gekurbelt hatte, sah rasch auf und fand, dass sein Freund, der Polizeikonstabler, zurückgekehrt war und den Vorgang in der Halle betrachtete. «Feiner Spieler, Isaacs, wunderbar,» flüsterte der Kinematograph hastig. «Kann man nicht