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E_1933_Zeitung_Nr.008

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 27. Januar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 8 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONN EM ENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, Botern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. iMeratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Das Automobilgesetz in der Praxis Aus einem Interview mit Bundesrat Dr. Häberlin. Die Ungewissheit in der Auslegung des eidg. Automobilgesetzes durch die Kantone ist durch die knappe Frist, welche zwischen der Genehmigung der Vollziehungsverordnung und dem Inkrafttreten von Gesetz und Verordnung lag, verständlich, da es in den wenigen Wochen weder dem eidg. Justiznnd Polizeidepartement möglich war, seine Auffassung über die Auswirkung gewisser Bestimmungen rechtzeitig bekannt zu geben, noch die Kantone sich den nötigen Ueberblick schaffen konnten über alle zu treffenden Aenderungen und Neuanordnungen. Dieses FJuidum des Ueberganges von kantonalen zum eidgenössischen Recht hätte die Kantone um so eher veranlassen sollen, alle Massnahmen sorgfältig abzuwägen, um desto besser dem Willen und der Absicht des Gesetzgebers gerecht werden zu können. Scheinbar hat aber dieses Zwischenstadium da und dort eine gewisse Nervosität erzeugt, denn anders ist beispielsweise der Erlass des Kleinen Rates von Graubünden nicht zu verstehen, der entgegen einer deutlichen Erklärung von Bern, das Automobilgesetz habe alle bisher bestehenden kantonalen Bestimmungen aufgehoben, die bisherigen Verkehrs« beschränkungen einfach als provisorische Ausführungsbestimmungen weiterhin inKraft erklärte. Diese Massnahme, welche präjudizierend die Entschliessungen anderer Kantone beeinflussen könnte, hat uns veranlasst Herr Bundesrat Häberlin. als Schöpfer des Gesetzes und deshalb wohl gründlichsten Kenner der Materie zu ersuchen, uns über die praktischen Auswirkungen des Automobilgesetzes einiges sagen zu wollen. Er ist sich klar darüber, dass die Durchführung der Verordnung in den Kantonen noch mancherlei Schwierigkeiten begegnen wird, da diese mit dem BescMuss, die Vollziehungsverordnung. auf den 1. Januar in Kraft zu setzen, etwas überrumpelt worden sind. Durch enge Fühlungnahme zwischen Bund und Kantonen, gemeinsame Prüfung der gegebenen, besondera Verhältnisse und Bedürfnisse wird es aber möglich sein, in absehbarer Zeit die grössten Steine aus dem Wege zu räumen. F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (11. Fortsetzung) Während ich sprach, Mr. Isaacs, herrschte Totenstille, ausser im Anfang, wo ich meine — Ihre Absichten bei der Gründung der Gesellschaft auseinandersetzte. Aber nachdem ich meine Mitteilung gemacht hatte, brach ein Sturm von Ausrufen und Gelächter los, man bot mir von allen Seiten Aktien an, zu zwei Pfund, zu ein Pfund zehn, zu ein Pfund. Aber ich bat um Ruhe und sagte: Gentlemen, ich will hinzufügen, dass ich das bezahle, was ich für einen guten Kurs ansehe, sechs Pfund per Aktie. Mr. Isaacs! Sie hätten da sein sollen! Eine solche Sturmflut der Freude, wie sie mir da entgegenströmte, habe ich noch nie gesehen, Freude, Dankbarkeit, Sympathie. Der Jude ist toll, rief man von allen Seiten, und überall sah ich sonniges Lächeln. Ah, Mr. Isaacs, es ist schön, glückliche Menschen um sich zu sehen, und das wurde mir heute zuteil, dank Ihnen. Aber seien Sie ruhig, Sie werden selbst Freude daran haben, wenn Sie das nächste Mal auf die Börse kommen. Sie können sicher sein, dass niemand es bis dahin vergessen haben wird.» Philipp Collin verstummte, und Mr. Isaacs, der ihn mit brennenden Augen betrachtet hatte, zischte: «Sie Teufel. Das nächste Mal... Sie wollen mich also loslassen? Sie gedenken mich Es darf mit Befriedigung festgestellt werden, dass manche Kantone bereits beim eidg; Justiz- und Polizeidepartement in diesen Fragen vorgesprochen haben und so die Voraussetzungen, um eine beide Teile befriedigende Lösung zu finden, gegeben sind. Es ist natürlich viel schwieriger, den Weg aus einer bereits verfahrenen Situation wieder herauszufinden, welche Gefahr dann besteht, wenn ohne gegenseitige Verständigung frisch darauöos reglementiert wird. Was der Beschluss der bündnerischen Regierung anbetrifft, so muss man ihr die besondere Lage des Kantons und die bisherigen Ausnahmebestimmungen zugute halten. Freilich fehlen dennoch die Voraussetzungen, um ein generelles Fahrverbot für ausserkantonale Fahrzeuge zu dekretieren. Die dauernde Verkehrsbeschränkung auf Strassen, die dem Durchgangsverkehr nicht geöffnet sind, wird davon abhängig gemacht, dass dies die Sicherheit des Verkehres oder die Anlage der Strasse notwendig macht. Da aber vorher der Bundesrat angehört werden soll, so ist jedes einzelne Verbot zu begründen und wird auch auf seine Notwendigkeit hin geprüft. Die Verkehrsinteressenteri, welche den kantonalen Beschluss eines dauernden Verbotes als unrechtmässig oder unbegründet erachten, haben ja das Beschwerderecht. Graubünden ist übrigens zeitig auf die Bedeutung von Art. 2 und 3 des Automobilgesetzes, das die Strassenverhältnisse regelt, aufmerksam gemacht worden. Da den Kantonen das Recht einer zeitlichen Beschränkung der Strassenbenützung zusteht, so sind in Kraft stehende Nachtfahrverbote als weiterhin bestehend zu betrachten. Der Bundesrat hat nun die Kompetenz, Durchgangsstrassen zu bezeichnen, die nicht unter ein solches Verbot fallen. Es wird nun Sache der gegenseitigen Beratungen sein, festzustellen, für welche Fälle diese zeitlichen Verkehrsbeschränkungen weiterhin gelten sollen. Sofern die Kantone, welche solche Nachtfahrverbote kennen, sich nicht dazu entschliessen können, von sich aus gewisse Durchgangsstrassen für den Verkehr dauernd offen zu erklären, so hat der Bundesrat nicht zu ermorden, nachdem Sie mich entehrt und bestohlen haben?» «Aber ich bitte Sie,» sagte Herr Collin liebenswürdig. «Es steht Ihnen frei, zu gehen, wann Sie wollen.» «Das ist gewiss eine gottverfluchte Lüge,» schrie Mr. Isaacs und sprang aus dem Fauteuil auf. «Aber lassen Sie mich nur hinaus, dann schwöre ich, dass Sie in fünf Minuten mit Handschellen dasitzen werden.» Philipp betrachtete ihn vorwurfsvoll. «Pfui, Mr. Isaacs, Rachsucht ist eines Christen unwürdig. Das ist ein Gefühl aus dem Alten Testament, das wir uns bemühen müssen, abzulegen. Wenn ich Sie jetzt hinauslasse, will ich nicht, dass Sie irgendeine übereilte Handlung begehen. Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Haben Sie die Details bemerkt, als Sie... entführt wurden?» Mr. Isaacs stiess ein Raubtierknurren aus, das Philipp veranlasste, rasch hinzuzufügen: «Ich meine, haben Sie zufällig auf dem Trottoir vis-ä-vis der Wohnung Ihrer entzückenden Freundin einen Mann mit einem Stativ und einer Kamera gesehen, der eine kleine Kurbel drehte? Mit einem Worte einen Kinematographen? Sie wissen, einen solchen, der Bilder für Kinotheater aufnimmt, in die die Leute so gern gehen? Ah, es gehen so viele Leute hin und alle wollen sie aufregende Sachen sehen, je aufregender, desto besser. Einbruch, Mord, Brand, das geht alles glänzend — und warum nicht eine Entführung? Eine Entführung mit dem Titel ,Aus den Armen der Geliebten' oder .Geraubt von den Banditen'? Ich persönlich glaube, immer noch diese Möglichkeit auf Grund von Art. 2. Es wird sich aber auch hier gewiss eine Verständigung treffen lassen. Wird der Bundesrat eine Liste der Durchgamgsstrassen aufstellen? Bundesrat Häberlin erklärt uns, dass hier zwei prinzipielle Möglichkeiten offen sind, indem ein generelles Verzeichnis dieser Strassen für das Gebiet der ganzen Eidgenossenschaft ausgearbeitet werden kann oder die Bezeichnung solcher, Strassen den Kantonen vorläufig überlassen bleibt. Die letztere Variante gefällt dem Bundesrat besser, da er möglichst Wenig «Polizeien» will. Abgesehen davon, dass die Aufstellung einer vollständigen Liste eine zeitraubende und sehr heikle Aufgabe sein würde, wird sie auch dadurch überflüssig, dass in manchen Kantonen weder die Absicht noch irgendeine Veranlassung besteht, die bisher als Durchgangsstrassen behandelten Routen nicht auch weiterhin als solche bestehen zu lassen und dem Verkehr uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Zudem ist es den Kantonen in genauer Kenntnis der örtlichen und strassenbaulichen Verhältnisse ein leichtes, hier das Richtige zu treffen. Der Bundesrat wird sich erst dann an die Bezeichnung von Durchgangsstrassen heranmachen und diese nur für bestimmte Gebiete durchführen, wenn die Freizügigkeit des interkantonalen Verkehrs durch kantonale Verordnungen gefährdet würde und er deshalb von seinem Recht aus Artikel 2 im Interesse der Allgemeinheit Gebrauch machen müsste. Da diese Durchgangsstrassen gar nicht mit den in Art. 21 erwähnten Hauptstrassen identisch sein müssen, so kann die "aus verkehrspolizeilichen Gründen notwendige Bezeichnung der letzteren durch die Kantone erfolgen, ohne dass hiezu. eine Liste des Bundesrates notwendig wäre. Auf die Frage, ob die beiden noch ausstehenden Vollzugsverordnungen betr. Ruheund Arbeitszeit der berufsmässigen Motorfahrzeugführer und die Regelung der Haftpflichtversicherung für ausländische Fahrzeuge bereits in Vorbereitung seien, teilt uns der hohe Magistrat mit, dass gegenwärtig in beiden Richtungen bereits Material gesammelt wird. Sind die notwendigen Erhebungen für die zu erlassenden Arbeitsbestimmungen abgeschlossen, so wird vom Depar- dass das sehr ziehen würde, wenn man sich nur einen guten Hauptdarsteller verschafft, Forbes Robertson, Henry Irving oder Lewis Waller zum Beispiel — ja, oder Sie, Mr. Isaacs?» Philipp verstummte, wie in Grübeleien versunken. Mr. Isaacs heftete einen glühenden Blick auf ihn und sagte: «Also so gelang es Ihnen, mich fortzubringen? War am Ende gar noch die Polizei dabei?» «Allerdings, Mr. Isaacs. Ja, ein Polizist sah zu.» Eine Pause entstand, dann sagte Mr. Issacs mit heiserer Stimme: «Die Aufführung eines solchen Dramas würde die Polizei nie zulassen.» «Nicht oft,» gab Philipp zu. «Aber zwei Vorstellungen würden ja genügen, zwei Vorstellungen mit gutbesetzten Häusern. Sagen wir mal eine in London, in Albert Hall, mit Gratisentree, und eine in Watford, beispielsweise mit dem Titel: Warum die Wahlmänner vergeblich auf ihren Kandidaten warten mussten. Fabelhaft komisch! Natürlich habe ich mir schon die Bewilligung verschafft, mein kleines Drama aufzuführen. Hier ist sie.» Er warf Mr. Isaacs ein Papier hin, der es durchlas und dann mit einem schadenfrohen Lächeln in tausend Stücke zerriss. «Sie haben vermutlich nicht beachtet,» sagte Philipp, «dass die Bewilligung in drei Exemplaren ausgefertigt ist?» «Eine Stunde nach der Vorstellung würde die Polizei hinter Ihnen her sein,» zischte Mr. Isaacs. tement wiederum eine Expertenkonferenz einberufen, an der natürlich auch die Verbände der Verkehrsinteressenten entsprechend vertreten sind. Immerhin handelt es sich hier ja nicht um eine rein verkehrsmässige Frage, sondern das soziale Problem ist damit mehr verknüpft, als es auf den ersten Anblick ersichtlich ist. Man wird bei der Regelung der Arbeitsbestimmungen nicht unbekannte Wege gehen wollen, so dass diese mehr oder weniger in der Luft hängt, sondern es soll versucht werden, an bereits Bestehendes auf anderen Gebieten der sozialen Gesetzgebung anzuknüpfen, um so für die Expertenberatungen gleich eine solide Grundlage zu schaffen und diese dadurch zu erleichtern. Einzelne Kreise drängen auf die baldige Inangriffnahme dieser Verhandlungen, doch war das Departement in de'n ersten Tagen des Jahres so mit den dringendsten Fragen der Hauptvollzugsverordnung beschäftigt, dass erst in den kommenden Wochen an eine nähere Prüfung der noch pendenten Verordnungen gedacht werden kann. Am ehesten verträgt die Angelegenheit der Versicherung der ausländischen Fahrzeug« einen Aufschub, da vor Beginn der eigentlichen Reisesaison dieser Punkt weniger praktische Bedeutung hat. Es werden von den Gesellschaften Vorschläge für die Durchführung dieser Versicherung eingeholt werden. Auf alle Fälle soll es sich um eine möglichst einfache Organisation an den Grenzstationein handeln. Kosten, und Durchführung der Versicherung sollen sich in so bescheidenem Rahmen bewegen, dass hiedurch der Fremdenverkehr keineswegs behindert wird. So wird u. a. auf die Länder mit schwacher Valuta die nötige Rücksicht genommen. Für diese Versicherung bieten sich mancherlei Varianten. So könnte z. B. an eine gegenseitige Garantie und Verrechnung der internationalen Automobilverbände gedacht werden, wie sie ähnlich bei der Ausgabe von Tryptiques besteht. Vielleicht ist auch die Einführung einer Tagesversicherung zu niedrigen Ansätzen möglich, die in der Form eines einfachen Ausweises für eine beliebige Anzahl von Tagen ausgestellt und im Bedarfsfalle auch ohne weiteres .verlängert werden kann. Der Bundesrat hat sich bekanntlich im Gesetz die Möglichkeit offen gelassen, für die Motorfahrzeuge, welche vorläufig keiner zahlenmässig beschränkten Geschwindigkeitsvorschrift unterstehen, solche Bestimmungen zu erlassen. Er würde sich hiezu veranlasst «Eine halbe Stunde nach der Vorstellnug wäre ich in Sicherheit. Ich kann die Polizei mit Leichtigkeit vermeiden.» «Ich vermute,» sagte Mr. Isaacs nach einer Pause, «dass es aussichtslos wäre, nach dem Preise der Billette für die Vorstellung zu fragen — aller Billette?» «Gewiss nicht. Der Preis ist die Sanktion meiner heutigen Abmachungen.» Mr. Isaacs stiess ein Brüllen aus, und Philipp fuhr fort: «Allons, Mr. Isaacs, seien Sie vernünftig. Sie würden sich ja doch schwer aus dieser Sache herausziehen können, — dazu ist sie zu gut geführt, ich könnte sagen in einer Weise geführt, die sogar mich befriedigt. Und was verlieren Sie? Einige zehntausend, vielleicht nicht einmal soviel, denn eine Menge Aktienbesitzer werden ihre Papiere im Vertrauen auf Ihre Schlauheit behalten. Die haben sich den Schaden selbst zuzuschreiben. Aber was gewinnen Sie? Alles. Sie haben die Digammagesellschaft gerettet. Sie sind in aller Welt Mund. South Watford gehört mit fliegenden Fahnen Ihnen, und in einigen Jahren heissen Sie Sir Ernest. Und anderseits, wenn ich meine Bilder zeige, was ist das Resultat? Gelächter in ganz Watford. Ganz London. Ganz England. Kein Parlamentsplatz, keine Geliebte, kein Adel für Mr. Isaacs. Sehen Sie, Mr. Isaacs, Ihr Zaudern ist Ihrer unwürdig. Das ist business, business im grossen.» In dem Innern des grossen Börsenmannes spielte sich ein deutlicher Kampf ab. Ein paar Minuten verflossen unter Schweigen. Dann sagte Philipp: «Ist es also abgemacht, dass Sie-meine Transaktion gutheissen?»