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E_1933_Zeitung_Nr.013

E_1933_Zeitung_Nr.013

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 14. Februar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N" 13 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portrausehlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zusehlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das dringende Problem Herr Prof. Dr. Paul Keller, St. Gallen, hielt im Schosse der Sektion St. Gallen-Appenzell des A.C.S. ein Referat über Eisenbahn und Automobil. Wir geben gerne die Ausführungen auszugsweise wieder, ohne uns mit allen seinen Darlegungen zu identifizieren. Die Red. Es ist wohl keine Uebertreibung, wenn wir sagen, dass unter den Gegenwartsfragen der schweizerischen Wirtschaftspolitik die Frage Eisenbahn und Automobil eine der bedeutsamsten und dringendsten ist. Die Stellung dieser Frage und jeder Versuch ihrer Beantwortung trifft die Interessen eines jeden von uns, sei es als Automobilist oder Eisenbahnbenützer, sei es als Obligationär der Bundesbahnen oder als Bürger unseres Staates und Glied der schweizerischen Volkswirtschaft. Die Frage: Eisenbahn und Automobil ist nicht ein blosses Konkurrenzproblem zweier Verkehrsmittel, das die ganze übrige Wirtschaft mehr oder weniger unbetroffen lässt; es ist vielmehr ein Problem von eminent volkswirtschaftlicher Bedeutung. Unsere Antwort darf nicht vom interessebestimmten Standpunkt einer der beiden sich bekämpfenden Parteien beeinflusst sein; wir müssen versuchen, uns einen weiteren Blickwinkel zu wahren, als dies in den meisten Schriften F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (16. Fortsetzung) Damit ging er auf die Garderobe zu, während der Kellner ihm mit einem Blick voll Verachtung folgte. «Ein Gast des Atlantic,» murmelte er, «der im Papillon eine Stelle als Dekorateur sucht! Schöne Zeiten! Ruiniert natürlich. Na, der wird hier nicht alt werden.» So sprach der kluge, alte Kellner von Herrn Philipp Collin, der sich, ohne es zu ahnen, in ein Abenteuer aus Tausend und einer Nacht stürzte. Und am allerwenigsten ahnte er, dass er dabei ein Corner in Staatspapieren machen würde. Fünf Minuten Musterung des «Papillon de Nuit» genügten, um Philipp zu zeigen, dass er noch nie ein ähnliches Nachtcafe gesehen hatte. Und doch kannte er Paris, Berlin, Budapest und die Riviera. Aber weder Monico noch Maxim, Hungaria oder Carlton (in Monte Carlo) konnten sich mit diesem Hamburger Lokal messen, geschweige denn eines der Nachtcafes Berlins. In Rudolf Mosses Kontor war er nämlich an Direktor Breitmann vom «Papillon de Nuit» gewiesen und sofort engagiert worden; und mit einer blauweissen Karte versehen, hatte er gegen 11 Uhr sein Entree im Cafe" gemacht, um seine Abendarbeit zu beginnen. Das Cafe war durch seinen Bau in zwei Abteilungen geteilt, eine links zunächst dem Ein- Eang, eine gerade davor. Die erstere war im m-unserer Frage bis heute geschehen ist. Die Vertretung eines solch überparteilichen Standpunktes, die Betrachtung der Angelegenheit vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt aus vermögen auch allein die Ausführungen eines Referenten zu unserer Frage «u rechtfertigen, der von sich nicht behaupten kann, dass er das gesamte Eisenbahnwesen, den gesamten Automobilverkehr in ihren gesamten Rechtsgrundlagen und Steuerverhältnissen bis ins einzelne kenne — eine Voraussetzung, die wohl selten erfüllt sein dürfte. Ich möchte noch weiter gehen und behaupten, dass die objektiven Untersuchungen der betriebswirtschaftlichen Grundlagen von Eisenbahn und Autoverkehr noch ungenügende sind, um auf ihnen zu einem letzten Schluss und einer vollen Lösung der Wettbewerbsangelegenheit zu gelangen. Was wir zu bieten vermögen, sind einige allgemeine Gedanken zur Konkurrenz zwischen Eisenbahn und Automobil vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus, unter Abwägung der von beiden Parteien vorgebrachten Ueberlegungen und unter Berücksichtigung bereits angestrebter Lösungen. Die Problemstellung. Vor dem Weltkrieg war die Eisenbahn die einzige wesentliche Trägerin des Landverkehrs; sie besass das faktische Monopol des Personen- und Gütertransports zu Land. Ihre ausserordentliche Leistungsfähigkeit hat erst die Entfaltung der modernen Verkehrswirtschaft ermöglicht. Wir können die Eisenbahnen aus der heutigen Wirtschaft nicht wegdenken, ohne diese selbst, und damit unser ganzes soziales und kulturelles Leben, in tausend Voraussetzungen zu gefährden. Die Verbesserung des Verkehrswesens hat die Menschen einander näher gebracht, hat neue Teile Erde für uns geöffnet, hat neue Güter, die bisher infolge ihres geringen spezifischen Wertes von langen Transporten ausgeschlossen waren, in die Verkehrsbeziehungen einbezogen und damit die Erde als Standort menschlicher Wirtschaft neu aufgeteilt. Aus dieser Tatsache der Monopolstellung der Bahn und ihrer hervorragenden- Bedeirtung im Wirtschaftsleben eines Volkes ergibt sich mit Notwendigkeit das Interesse des Staates an diesem Verkehrsmittel. Der Staat als der Wahrer des Gemeininteresses hat sich der Eisenbahn angenommen. Es blieb aber nicht bei der blossen Kontrolle des Staates über Bau und Betrieb der Eisenbahnen. Der Staat hat die Eisenbahn in die allgemeine Volkswirtschaftspolitik eingegliedert. Er hat ihr als dem hervorragenden Träger des Verkehrs Auflagen gemacht: so in der Schweiz fast unentgeltliche Beförderung der Post, den verbilligen Transport von Militärpersonen, Transporte zu verbilligten gewöhnlichen Kaffeehausstil gehalten, mit Unmassen von Blattpflanzen und japanischen Schirmen; die innere hingegen war höchst ungewöhnlich ausgestattet. Sie war in maurischem Stil gehalten, mit Hufeisenbogen, schlanken Säulen und Mosaikboden; Lampen in gehämmerter Metallarbeit ragten von den Wänden; dicke Teppiche bedeckten den ganzen Boden mit Ausnahme der Mitte, wo das Mosaik frei war, und an Stelle von Sesseln waren lange Diwans rings um den Saal placiert. Im Fond fiedelte eine rotbefrackte Zigeunerkapelle, Philipp erkannte den Kapellmeister aus «Le Rat mort» und nickte ihm zu; und an ein paar Tischen sassen (garantiert echte) Nubierinnen mit wunderlichen Musikinstrumenten, in dünne Schleier gehüllt, durch die ihre braunen Glieder schimmerten. Hie und da, wenn die Zigeunerkapelle eine Pause machte, zupften sie an ihren Musikinstrumenten und begannen irgendeinen atemlosen, wirbelnden Tanz. Philipp war sich über seine Rolle nicht ganz im klaren, aber führte sie so durch, wie es ihm gerade einfiel. Tanzte mit den Damen, die da waren, trank Champagner und suchte den Saal so sehr als möglich zu dekorieren. Gegen halb 12 Uhr begannen die Gäste aus Theatern und Varietes zuzuströmen, elegant, aber nicht allzu zahlreich, und Philipp fragte sich, wie ein solches Lokal sich rentieren könne. Wenn er die Deutschen richtig kannte, so eigneten sie sich nicht sehr zum Stammpublikum eines solchen Etablissements. Man fischte also nach den Fremden, amerikanischen Millionären und russischen Grossfürsten. Seil mich freuen, zu sehen, ob sie kommen, dachte Philipp. Tarifen in bestimmten Gegenden, für bestimmte Güterarten, die sonst nicht wirtschaftlich nutzbar gemacht werden könnten (Gonzen-Erz), die Erschliessung ganzer Gegenden, obwohl ein finanzieller Erfolg für die Bahn bei der Inbetriebnahme solcher Strekken von vorneherein ausgeschlossen war. Und weil die S. B. B. die grösste Unternehmung innerhalb der Schweiz. Volkswirtschaft darstellt, wird von der Führung dieser Unternehmung verlangt, dass sie ein vorbildlicher Arbeitgeber sei. Oft wider deren Willen und unter dem Druck politischer Machtlagen treibt die Eisenbahnverwaltung eine Lohnund Sozialpolitik, die nach der Meinung der privaten Arbeitgeber heute über das Mass des Richtigen hinausgeht und die S. B. B. als grosser Arbeitgeber stark belastet. Mit einem Worte: Die Eisenbahn als wichtiger Träger des Verkehrs und bisheriger Monopolist des Landtransports soll nicht nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet, sondern im volkswirtschaftlichen Interesse betrieben werden. Die Kunst ihrer Tarifgestaltung besteht darin, den Bedürfnissen der Volkswirtschaft soweit als möglich Rech-* nung zu tragen und trotz alledem die zur vollen Deckung der Selbstkosten erforderlichen Einnahmen herauszuwirtschaften. Dies alles so lange, als die Eisenbahn die Monopolistin des Verkehrs ist und über ein genügend grosses Verkehrsvolumen verfügt, das ihr erlaubt, ihre hohen fixen Kosten auf eine grosse Anzahl einzelner Transportleistungen zu verteilen. Die Monopolstellung, welche die Eisenbahn durch manche Jahrzehnte bis zum Weltkrieg innegehabt hat. ist heute durch das Auftauchen eines starken Konkurrenten durchbrochen. Die Strasse nimmt gewissermassen ihre Revanche. Sie nimmt sie in der neuen Gestalt des motorisierten Strassenzuges. An Stelle der Beherrschung: des Verkehrs zu Lande durch das eine tritt nun der Wettbewerb zwischen zwei Verkehrsmitteln. Es ist zunächst ein ganz ungeregelter Wettbewerb, in welchem das altüberkommene Verkehrsmittel seine Stellung zu verteidigen sucht und in welchem das neu aufkommende, oft in übertriebenem Optimismus und in Ueberschätzung seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit seinen Angriff zu weit trägt, auch auf Leistungen, zu denen es nicht berufen ist. Oft werden in diesem Angriff auf die Eisenbahn den volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten des Eisenbahnbetriebes die rein privatwirtschaftlichen Ueberlegungen des Motorfahrzeugverkehrs entgegengestellt. Trotz seiner Befürchtungen war doch gegen halb 1 Uhr «Le Papillon de Nuit» so gut wie gefüllt von einem ganz untadeligen Publikum, Herren in Frack und Lackschuhen wie er selbst, Damen in eleganten, vielleicht zu eleganten Toiletten. Der Champagner schäumte auf allen Tischen und an den meisten soupierte man nach der schwindelnd teuren Speisekarte des Etablissements. Die Stimmung hatte sich eingestellt, ohne die ein Nachtcafe trister ist als eine Gebetkapelle; die Licher funkelten, die Nubierinnen wirbelten auf dem Mosaik herum, und hie und da stiegen aus dem allgemeinen Gemurmel Lachkaskaden auf. Philipp wollte eben für Herrn Breitmanns Rechnung eine zweite halbe Mumm bestellen, als ein Auftritt beim Eingang seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. In eine lebhafte Argumentation mit dem dort postierten Neger begriffen, sah er ein Individuum, das am ehesten an einen Schuster am Sonntag erinnerte. Seine schlotterige Gestalt war in ein schlechtsitzendes graues Kostüm mit weiten Hosen gehüllt, die über den Knien grosse Falten warfen. Die Schuhe, die gelb waren und vermutlich die Füsse ihres Eigentümers nicht beengten, trugen deutliche Spuren, dass er ohne Zuhilfenahme einer Droschke hierher gelangt war. Elegant in den Nacken zurückgeschoben sass ein runder Melonenhut, der anmutig von dem kantigen Gesicht mit den hervorstehenden Backenknochen abstach. Der hervorragendste Zug darin war die Nase, deren Grosse und Farbe bezeugte, dass ihr Besitzer keinem Abstinentenverein als Mitglied angehörte; unter dieser Nase hing ein gewaltiger schwarzer Schnurrbart über den Mund, und in diesem Schnurrbart gesteckt INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. lür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grossere Inserate nach Seitentaril. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Der zwischen Eisenbahn und Automobil entbrannte Wettbewerb hat auf beiden Seiten bereits gewisse Resultate gefördert. Die S.B.B.-Direktion hat selbst erklärt, dass das Auftreten des Automobils auf die Betriebsund Handlungsweise der Eisenbahnen eine heilsame Wirkung ausgeübt habe. Es hat die Eisenbahnen umsichtiger und betriebsamer gemacht. Sie bemühen sich mehr denn je, ihre Einrichtungen zu verbessern, ihre Transporte zu beschleunigen und ihren Kunden gegenüber entgegenkommender zu sein. Der Mangel an kaufmännischem Verständnis, den man früher namentlich den staatlichen EisenbahnverwaHungen vorwarf, hat unter dem Druck der Verhältnisse einer kaufmännischen Einstellung Platz gemacht. Anderseits müssen auch die Vertreter des neuen Verkehrsmittels zugeben, dass sie sich in mancher Hinsicht zu viel zugetraut haben. Sie haben auf die Dauer die Grenzen der Wirtschaftlichkeit und ihre besonderen Voraussetzungen im Motorlastwagenverkehr kennen gelernt. Sie haben auch die Schattenseiten einer Freiheit erfahren, die auf der Strasse selbst zu wilden Konkurrenzverhältnissen führte, die auch hier einer weitsichtigen Regelung rufen. Die gegenwärtige Konkurrenzlage. In diesem Wettbewerb ist die Eisenbahn der hartbedrängte Teil. Sie bringt eine Betriebsweise mit in die Auseinandersetzung mit dem Auto, welche auf der Basis des Monopols ruht; sie ist mit Lasten beschwert, die ihr als dem seinerzeitigen Monopolisten von Staats wegen aufgebürdet worden waren; sie bringt eine Kapitalbelastung mit. die vom Monopolisten getragen werden konnte, dem Wettbewerber aber viel zu schwer erscheinen muss; sie bringt insgesamt einen Kostenaufbau von solcher Eigenart : hohe fixe, geringe variable Kosten, eingebürgerte Werttarif- und Staffeltarifsysteme und einen gewaltigen Verwaltung- und Sicherungsapparat mit, die sie wenig elastisch und zum Kampfe mit dem neuen, weniger belasteten, kostenmässig anders konstruierten Motorfahrzeugverkehr wenig geeignet erscheinen lassen. Die Konkurrenz des letzteren musste die Eisenbahn insbesondere von dem Augenblicke an in ihrer Existenz gefährden, als das sass eine brennende Zigarette. Aber das wunderbarste an der ganzen Erscheinung war die Krawatte des Mannes, die mit dem Flächeninhalt eines kleineren deutschen Fürstentums das Kolorit einer brennenden Stallmauer vereinigte. «Ja, aber ein Bier!» hörte Philipp den Mann mit halb weinerlicher, halb gereizter Stimme rufen. «Hörst du nicht, du schwarzer Teufel, ich will nur ein Bier haben!» Die Antwort des Negers war unhörbar, aber aus seinen Gesten ging deutlich hervor, dass er dem Schuster das gewünschte Bier nicht zu bewilligen gedachte. Er war schon im Begriff, ihn ohne weiteres hinauszubefördern, als Philipp sah, wie der Geschäftsführer herbeieilte und ihm einige Worte zuflüsterte. Wie durch einen Zauberschlag sanken die Arme des Negers an den Seiten herunter; der Schuhmacher richtete sich erleichtert auf und streckte die Hand auf, um seinem Befreier zu danken. Dieser richtete offenbar eine Frage an ihn, denn er begann das Lokal zu mustern, wo man mit erstaunten Blicken den Vorgang verfolgt hatte. Endlich erhob er einen langen, gelben Zeigefinger und richtete ihn auf Philipps Tisch. Zu seinem unbeschreiblichen Staunen sah Philipp, wie sich der Geschäftsführer verbeugte und den Graugekleideten ehrfurchtsvoll über den Mosaikboden eskortierte. Als sie Philipps Tisch erreicht hatten, der der einzige relativ freie im inneren Caf6 war, blieb der Geschäftsführer stehen, während sein Schützling vorsichtig den Diwan abstaubte und sich auf die äusserste Kante setzte. Der Geschäftsführer fragte untertänigst, was er bestellen dürfe. «Na, ein Bier will ich haben,» sagte der