Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.046

E_1933_Zeitung_Nr.046

Ausgabe: Deutsche Schweiz ».. . ,. Q-. _ Nummer 20 Cts. BERN, Dienstag, 30. Mai 1933 "»t AUtler-PlingStBIl 29. Jahrgang - N° 46 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jaden Dienstag mnd Fr*lt*a Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Recfinuns II1/414. Telephon 28.223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seilentarif. lnserntensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Eisenbahn und Automobil Das Verständigungsabkommen ist abgeschlossen. Am 27. Mai haben die Vertreter der Zentralstelle für die Verteidigung der Automobilinteressen, der Chambre syndicale Suisse de I'Industrie de 1'Automobile und des Verbandes Schweiz. Motorlastwagenbesitzer eine Uebereinkunft mit den Eisenbahnverwaltungen unterzeichnet, die dem langjährigen Kampf zwischen Schiene und Strasse ein Ende machen soll. Die Uebereinkunft unterliegt, bevor sie in Kraft tritt, der Ratifikation durch die zuständigen Organe der Bahnverwaltungen und der der Zentralstelle angeschlossenen Verbände. Sie bedarf ferner der Genehmigung des Bundesrates. Die mit der Uebereinkunft gesuchte Lösung des Verkehrsproblems ist die erste ihrer Art in der ganzen Welt. An die Stelle der Konkurrenz soll die organisierte Zusammenarbeit treten, wobei jedem Transportmittel ein besonderes Arbeitsfeld zugewiesen wird. Eine derartige Abtrenung der Tätigkeitsgebiete ist ohne den Erlass eines Gesetzes nicht möglich, da allzu viele Outsider im Transportgewerbe sich um eine freihändige Verständigung nicht gekümmert und eine solche damit illusorisch gemacht hätten. Die Grundlage der Uebereinkunft ist daher der Ent-. wurf zu einem Bundesgesetz. Mag der gesetzliche Zwang auch unsympathisch sein, besonders da er mit einer Einschränkung der verfassungsmässig garantierten Freiheit von Handel und Gewerbe verbunden ist, so lässt er sich in diesem Falle nicht vermeiden. Wesentlich ist dabei aber, dass den unter das Gesetz gestellten Transportunternehmungen für die Aufgabe ihrer Freiheit ein Gegenwert geboten wird, der in der finanziellen Sicherstellung ihrer Existenz besteht. F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (17. Fortsetzung) «O, das tut mit leid,» sagte er und schaute dem jungen Mädchen mit langem Blick in die Augen. «Ich lasse Ihrer Frau Mutter recht baldige Besserung wünschen.» Er nahm seinen Lodenhut, den er über die Krücke des Handstockes gehängt hatte, in die Hand. «Ich wollte nur einen Gruss von meinem Bruder Georg bestellen. Es war sein ausdrücklicher Wunsch. Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein!» Er machte eine Verbeugung und wendete sich zum Gehen. Strolch knurrte ihm leise nach und wandte sich wieder seinem Mäuseloch im Grünkohlbeet zu. Georg musste, um zu seinem Gasthaus zu gelangen, ein Stückchen an der Gartenhecke entlanggehen. Er war noch nicht ganz an dem Grundstück vorbei, als er seinen Vatersnamen rufen hörte. Fräulein Wegner kam aus dem Hause gelaufen. «Wenn Sie einen Augenblick eintreten wollen, lässt meine Mutter sagen, würde sie sich freuen. Sie müssten nur freundlichst vorlieb nehmen, Mutter ist wirklich nicht ganz wohl, sie hat heute schon den ganzen Tag über Kopfweh geklagt.» Georg machte kehrt. «Ich werde Ihre Frau Mutter nicht lange aufhalten.» Frau Wegner erhob sich vom Sofa ihres Stübchens, in das man durch eine geräumige Die Uebereinkunft wird, wie jede derartige In das Wirtschaftsleben eingreifende Neuerung, ihre Freunde und Gegner finden. Vor allem wird die Zahl jener nicht gering sein, die die Freiheit des Transportgewerbes jeder Regelung vorgezogen hätten, auch wenn es deswegen zum Kampf bis aufs Aeusserste gekommen wäre. Anderseits wird aber ein grosser Teil der Automobilisten sich der Einsicht nicht verschliessen können, dass die äusserst kritische Lage unserer Wirtschaft, die sich naturgemäss auf das Transportwesen auswirkt, zu einer Lösung des Verkehrsproblems drängt. Nicht nur die finanzielle Situation der Bahnen, sondern auch die vieler Transportunternehmungen ist unhaltbar geworden. Wichtig bei der Beurteilung der Uebereinkunft ist ferner der Umstand, dass auch ohne die Mitwirkung der Automobilistenverbände der Versuch einer gesetzlichen Regelung des Verkehrswesens gekommen wäre. Eine dahingehende Forderung ist erstmals von der Generaldirektion der S. B. B. in der Broschüre « Caveant consules » erhoben worden. Was sie unter gesetzlicher Regelung verstand, hat sie in ihren « Richtlinien » vom 2. November 1932 niedergelegt. Dort wurde die Konzessionspflicht für den gesamten gewerbemässigen Güterverkehr auf der Strasse verlangt, ferner die Einschränkung des Werkverkehrs in der Fernzone von über 50 km Transportentfernung. Die Generaldirektion forderte für den werkmässigen Fernverkehr entweder ebenfalls die Konzessionspflicht oder dann eine Abgabenpflicht. In den Unterhandlungen wurde die Abgabe mit 10 Rp, pro Tonnenkilometer angegeben. Ein auf diesen Forderungen aufgebautes Gesetz hätten die Verbände der Autompbilisten mit allen Mitteln bekämpfen müssen. Sie zogen daher direkte Unterhandlungen mit den Bahnverwaltungen vor, deren Ergebnis nun die Uebereinkunft und der Entwurf zu einem Bundesgesetz ist. Deren wichtigste Bestimmungen sind: 1. Der Werkverkehr bleibt frei. 2. Der gesamte Güterverkehr innerhalb der Ortsrayons_ oder auf eine Transportentfernung"von 10 km bleibt ebenfalls frei. 3. Der gewerbemässige Gütertransport in der Entfernungszone von 10 bis 30 km Wohndiele gelangte. Breit fiel die Sonne auf das Muster einer Häkelei, an der sie gerade mit einer weissen Hornnadel gearbeitet hatte. Georg, nachdem er die knospenhafte Schönheit der Tochter gesehen und den Vergleich mit der Mutter im stillen gefürchtet hatte, war dennoch erfreut über den Anblick. Wenn auch die zierliche Gestalt des jungen Mädchens den Eindruck der reiferen Mutter beeinträchtigte: die eine wurde durch die andere gewissermassen ergänzt und erklärt. Es war wie Verheissung und Erfüllung, wie Frühling und Sommer. Frau Käthe durfte noch immer für hübsch gelten. Erstaunlich, wie gut sie sich erhalten hatte und wie eine weiche, milde Mütterlichkeit, gepaart mit behaglichem Lebensfrohsinn, ihre einstige Mädchenschönheit zum reifen Aufblühen gebracht hatte. Georg konnte beide, die nebeneinander standen, nicht genug ansehen. Jugenderinnerungen überschütteten ihn gleich einem Blütenregen. Er schwieg einige Sekunden länger, als es schicklich war. «Meine Tochter Anni,» stellte Frau Wegner vor. Georg, befremdet, dass sie ihm nicht die Hand reichte, verbeugte sich schweigend. Indessen half Käthe über den peinlichen Augenblick hinweg, indem sie ihm einen Stuhl anbot. Auch dabei merkte man ihr einen gewissen Zwang an. «Verzeihung, gnädige Frau, Ihr Fräulein Tochter sieht Ihnen so fabelhaft ähnlich, ich musste unwillkürlich erst den Vergleich...» er stockte und fuhr lächelnd fort, «— wenn untersteht der Konzessionspflicht. 4. Die über 30 km hinausgehenden Transporte werden, mit Ausnahme der Transporte des Werkverkehrs und der Transporte von Möbeln, Umzugsgut und andern Gütern, für die der Motorlastwagentranport besondere transporttechnische Vorteile bietet, den Bahnen überlassen. 5. Die Transporte innerhalb der 30-km-Zone fallen dem Motorfahrzeug zu. 6. Für Möbel- und Umzugsguttransporte sowie für Transporte, bei denen der Lastwagen besondere Vorteile bietet, wird ohne Rücksicht auf die Transportentfernungen und das Verkehrsbedürfnis eine Konzession B erteilt. 7. Die gewerbemässigen Transportunternehmungen ; werden in eine Genossenschaft zusammengeschlossen. Sie erhalten ein bestimmtes Tätigkeitsgebiet zugewiesen und werden für ihre Leistungen entschädigt. Die Organisation ist so getroffen, dass der Wirtschaft ein wiehtiges Mitspracherecht eingeräumt wird. Zu den einzelnen Bestimmungen der Uebereinkunft und des Gesetzes, die "wir an anderer Stelle unseres Blattes veröffentlichen, werden •wir.noch einen Kommentar aus berufener Feder folgen lassen. Die Verbände der Automobilisten haben sich nun zu den Entwürfen auszusprechen. Werden sie ratifiziert, so ist damit zu rechnen, dass der Bundesrat in kurzer Zeit dem Parlament seinen Bericht vorlegen und den Erlass eines Gesetzes vorschlagen wird. Dieses kann bereits in der September-, spätestens aber in der Dezember-Session behandelt werden. Vorläufig muss noch der Tätigkeit der Unterhändler auf beiden Seiten gedacht werden. In zahllosen Besprechungen haben sie versucht, ein Werk zu schaffen, das dem Lande dient und eine Lösung des Verkehrsproblems ohne allzu grosse Härten für die eine oder andere Partei bringt. Dass es dabei auf beiden Seiten Opfer erforderte, ist ohne weiteres klar. Und nun zur Tat! Die Strassenbaulnitiatlve der Verkehrsllga. Die Verhältnisse in bezug auf den Strassenbau haben sich in unserem Lande im letzten Jahrzehnt gründlich geändert, und was die Kantone in dieser Beziehung geleistet haben, soll voll anerkannt werden. Wir haben im Strassenwesen unbedingt wesentliche Fortschritte gemacht und hauptsächlich das Netz der Talstrassen, der Zufahrtsstrassen zu Städten und die grossen Verkehrsadern in den Ansiedelungen sind in erfreulicher Weise modernisiert worden. Überall kann der gute Wille festgestellt werden, und nur die verhältnismässig geringen Mittel, welche den Kantonen selbst für den Strassenbau zur Verfügung stehen resp. zur Verwendung bereitgestellt werden, zwingen eine Beschneidung und zeitliche Verlängerung der verschiedenen Bauprogramme auf. man sich so lange nicht gesehen hat zweiundzwanzig Jahre —» «Nun, so lange ist es doch wohl nicht, ich denke, höchstens achtzehn oder neunzehn.» Georg errötete. Gleich zu Anfang hast du dich verplappert, schalt er sich. «Ganz recht, ja, ganz recht! Verzeihen Sie.» Er machte eine kleine Pause, um sogleich auf Georg zu .kommen, denn es war klar, dass Richard hier noch etwas auf dem Kerbholz hatte und um seiner selbst willen wohl kaum empfangen worden wäre. Aber Käthe kam ihm zuvor. «Meine Tochter sagte, Sie wollten mir Grüsse von Ihrem Bruder Georg bringen. Ist er denn nicht tot? Sie hatten doch selbst das Gerücht verbreitet?» Kalt und hart fielen die Worte. «Das war ein Irrtum, Gott sei Dank! Ein sehr bedauerlicher Irrtum. Es hatte in der Zeitung gestanden.» «Nun, ich wusste schon seit einiger Zeit, dass er lebt.» Georg zuckte zusammen. «Wieso, gnädige Frau? Das ist mir — das verstehe ich nicht. Ich selber habe es ja erst vor kurzem erfahren.» «Ich habe es von einem gemeinsamen Bekannten, der drüben war. Aber gleichviel, wie geht es Ihrem Bruder denn jetzt?» «Glücklicherweise recht gut. Während des Krieges war er drüben als waffenfähiger Deutscher interniert, aber jetzt hat er nichts auszustehen, und er wird vielleicht schon im Frühjahr oder eher noch nach Deutschland zurückkehren.» Wenn wir also im grossen ganzen genommen, und sofern wir uns nur auf die nationalen Verhältnisse beschränken und uns nur innerhalb der eigenen Grenzpfähle umsehen, mit den bisherigen Resultaten recht zufrieden sein können, so müssen wir aber unsere Hefte alsbald revidieren, sobald wir im Ausland Ausschau halten und dann Vergleiche mit der Schweiz anstellen. Was ganz besonders die uns umgebenden Länder, und zwar vorab Frankreich, Italien und Oesterreich im Ausbau und der Neuanlage von hervorragenden Automobilstrassen (von den eigentlichen Autostraden sei ganz abgesehen) bisher geleistet haben und noch leisten, das stellt unsere eigenen Unternehmungen bedenklich in den Schatten. Ganz besondere Sorgfalt unti konsequente Systematik wurde im Ausland vor allem darauf verwendet, jene Gebiete dem Automobil zu erschliessen. welche berufen sind, gleich einem. Magnet auf den Fremdenstrom zu wirken. So eristanden hauptsächlich in den Alpen moderne Heeresstrassen und Karawanenwege, die sich im internationalen Verkehr bereits auszuwirken beginnen. Denken wir nur daran, dass schon im abgelaufenen Jahre mehr Reisende im Automobil nach Italien fuhren, als die Eisenbahn trotz all den interessanten Sondertarifen nach dem Süden zu bringen vermochte. Im Zuge unserer Alpenstrassen hat sich seit vollen zwanzig Jahren nichts Wesentliches geändert. Die Kantone haben Unterhalt und Ausbau der bestehenden Strassen, so gut es eben mit den vorhandenen Mitteln ging, besorgt, der Bund hat seinerseits die jährlich steigenden Millionen aus dem Benzinzoll eingestrichen und es vergingen Jahre, bis er sich nur dazu bequemen konnte, einen Viertel als Subvention für den Strassenbau an die Kantone abzuführen. Die Stimmen mehrten sich, welche sich gegen diese Tatenlosigkeit, die an völlige Apathie grenzte, wehrten und immer lauter wurden die Rufe nach einer aktiven Strassenbaupolitik des Bundes. Drohend stieg im Hintergrund das Gespenst der Isolierung der Schweiz empor und wer nicht Selbstbetrug begehen will, der wird trotz jährlich zunehmendem Autotourismus nicht darüber hinwegsehen können, dass wir allmählich umfahren werden, weil unsere Naturschönheiten allein eben nicht genügen, um die fremden Automobilisten für eine Reise durch die Schweiz zu interessieren. Sie fahren den besten Strassen nach, gehen nach Italien. Oesterreich und Frankreich, derweil wir auf unsere «Korrespondieren Sie denn wieder miteinander?» «Gewiss, das war ja nur durch den Krieg — und —» er stockte, als er Käthes eiskalten Blick bemerkte, «und durch ein Missverständnis gekommen.» «Missverständnis?» «Jawohl, gnädige Frau, ein beiderseitiges. Ich habe Georg immer hochgeschätzt —» «Dann haben Sie aber, nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Nicola, diese Hochschätzung sehr geschickt zu verbergen gewusst.» «Wir waren eben in vorübergehende Feindschaft geraten, wie das mal so vorkommt.» In diesem Augenblick bemerkte er, wie Anni, die sich eben abseits auf einen Stuhl gesetzt hatte, den Kopf nach dem Fenster drehte. Man hörte das Rattern und Puffen eines Motorrades auf der Chaussee. Das junge Mädchen trat in die anstossende Glasveranda und sah aus dem Fenster. Das Gesicht Käthes hatte sich jetzt verwandelt. «Sie leugnen doch nicht, Herr Nicola, dass Sie Ihren Bruder Georg des Diebstahls bezichtigt hatten.» Georg überlief ein kaltes Gefühl, als er jetzt Käthes Augen sah. War es möglich, dass sie so böse blicken konnte, die in seiner Erinnerung ganz als sonnige Güte und Frohsinn gelebt hatte? Und wie scharf sich dabei ihre Züge furchten. Das war ja ein ganz anderer Mensch. So sieht sie mich an? Mit diesem eisigen Augen — mit diesem — Hass? Sie hält mich also für einen Schuft!