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E_1933_Zeitung_Nr.050

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN. Dienstag, 13. Juni 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 50 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jtden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 ^REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Recbnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Bergrennen Montreux-Caux Trotz ungünstiger Witterung ist dem Rennen ein voller Erfolg beschieden. Sämtliche Rekorde werden vielfach unterboten. Ueberraschungssiege In den Kategorien. Mettraux auf Ford erzielt die beste Zeit der Tourenwagen, Hörning ist auf Bugatti der Schnellste der Sportwagen, und Stuber fährt das beste Resultat des Tages in neuer Rekordzeit. Es war gewiss eine glückliche Idee das Rennen Montreux-Caux, das erfreulicherweise nach vieljähriger Pause wiederum im Sportkailender figurierte mit dem Narzissenfest zu kombinieren, um auf diese Weise den Gästen und Sportsfreunden ein äusserst reichhaltiges und vielseitiges Programm bieten zu können. Wenn somit alle Voraussetzungen für einen Massenaufmarsch nach dieser herrlichen Ecke des Genfersees gegeben waren und auch den Freunden des Automobilsportes eine äusserst vielversprechende Veranstaltung harrte, so haben die Organi- F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel. Roman von Karl Strecker. (21. Fortsetzung) «Das freut mich. Erzählen Sie aber, bitte, mit allen Begleitumständen, damit ich im Bilde bin. Und nennen Sie auch alle Namen, die in Betracht kommen, ich bin etwas ver- STesslich und muss vollständig orientiert sein!» «Also werde ich ab ovo beginnen. Sie kennen das Dvoraksche Häuschen?» «Bitte, lieber Doktor, tun Sie, als kennte ich überhaupt nichts. Als wäre ich wildfremd, etwa aus Süddeutschland zugereist. Tatsächlich war ich in Süddeutschland und habe den Kopf so mit anderen Dingen und Eindrücken voll, dass ich mich erst wieder in das dortige Milieu versetzen muss. Also bitte.» Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche. «Wie alle diese Katen da, ist es ein einstöckiger Bau, unten zwei Stuben, zwei Kammern und die Küche, oben zwei Giebelstübchen und zwischen ihnen der Hausboden. Die eine Giebelstube bewohnte ich, die andere wird im Sommer auch vermietet, jetzt War sie Vorratskammer, in der aber auch mal eine von den beiden Töchtern schlief, die in Berlin in Stellung ist und die zu Besuch kam. Uebrigens war das ganz nett, haha!» «Das kann ich mir denken.» «Sie ist Kellnerin. Und ich muss sagen : satoren dieses schwerbeladenen Wochenendes doch nicht in vollem Umfange die Früchte ihrer vielwöchentlichen Arbeit einbringen können und dies nur weil das Wetter den denkbar grössten Regiefehler beging. Während der Samstag-Corso des Narzissenfestes noch bei leidlicher Witterung den verdienten Erfolg verzeichnen konnte, zeigte sich der Himmel schon für das Feuerwerk am Abend äusserst ungnädig und so wurde die leidige Wetterfrage wieder einmal mehr Gesprächsstoff für ganz Montreux. Das Barometer verhiess nichts Gutes, und in der Tat litt das Rennen erheblich unter dem Regen, der bald stärkere, bald leichtere Register zog und sich erst eine längere Pause gönnte, als der Schlusswagen am Ziel ankam. Dieser Witterungsumschwung hat natürtich die Voraussetzungen für die Fahrer wesentlich verändert und sie vor keine leichte Aufgabe gestellt. Wenn das Rennen dennoch zahlreiche Rekordresultate zeitigte, die aus dem Jahre 1924 stammenden Kategoriebestzeiten vielfach unterboten wurden, sich kein einziger Unfall ereignete und von 29 Startenden 27 Konkurrenten das Ziel sicher erreichten, so stellt das dem Standard des nationalen Automobilsportes ein vorzügliches Zeugnis aus. Die nasse Piste fiel um so mehr ins Gewicht, als viele Fahrer nur beschränkte Gelegenheit zum Training hatten, indem sie erst am Freitag Abend spät eintrafen und so die Strecke kaum richtig in guter Verfassung studieren konnten. Sie mussten sich daher mehr auf ihre Geschicklichkeit, den guten Mut und auch auf das Quintchen Glück verlassen, das schliesslich in jedem Rennen seine Rolle spielt, anstatt auf eine gründliche Vertrautheit mit der Strasse. Diese .weist bei 5,96 km Länge eine durchschnittliche Steigung von 10 % auf, die aber bis auf 18 % zunimmt und so die steilste Piste darstellt, welche im Rahmen des Sportkalenders für Rennzwecke benützt wird. Die Strasse ist bis ordentlich über die Hälfte hinauf in anständigem Zustande, von einer recht gefährlichen Mulde bei der Abzweigung einer Nebenstrasse abgesehen. Der AusJauf aber lässt mit seinen zahlreichen Unebenheiten, Rinnen und kleineren Schlaglöchern etwas zu wünschen übrig. Er beanspruchte die Federung in starkem Masse und veranlasste manchen Wagen zu recht unprogtammässigen Seiten- und Luftsprüngen. Das Urteil der Fahrer lautete durchwegs dahin, dass der Regen das Rennen wesentlich, verlangsamte und Stuber vertrat die Auffassung, dass seine Zeit bei günstigerem Wetter hätte um etwa 20 Sekunden besser sein können., Das Training verlief programmässig, soweit dies die sorgfältige Organisation betraf, brachte aiher allerlei Zwischenfälle für Fahrer und Wagen. Besonders bewegt verlief der Samstagmorgen, der manchem Mechaniker anstrengende und schwere Arbeit und zwar teilweise bis am Sonntag Morgen brachte. Markiewicz wurde in der bereits erwähnten Strassenmulde mit Wucht aus der Bahn geschleudert, so dass sein Wagen einen riesigen Luftsprung machte und beide Hinterräder abrasiert wurden. Dass er es fertigbrachte, die Maschine bis zum Rennen wieder in Stand zu stedlen, ist fast ebenso ein Wunder wie der glimpfliche Ausgang des Zwischenfalles für ihn selbst. Der Italiener Ubofldi, der den einzigen gemeldeten Maserati pilotierte, beschädigte die Hinterachse des Wagens bei einer Kolllision mit der Böschung nicht übel, famos gewachsen. Sie erzählte mir, sie könne in ihrer Stube keinen Besuch empfangen, denn das Schlafzimmer der Eltern läge darunter. Die Decke war sehr dünn und ausserdem hatte Dvorak, der olle Ehrliche, noch ein geheimes Löchlein ganz in der Ecke angebracht, durch das ein Röhrchen ging, so dass die Bewohner unten, wenn sie in der niedrigen Stube aufrecht standen, belauschen konnten, was oben gesprochen wurde oder sonst an Geräuschen hörbar war. Das war bei beiden Giebelstuben so eingerichtet. «Netter Herbergsvater! Da musste man aber von oben doch auch hören können, was unten gesprochen wurde?» «Doch nicht! Wenigstens lange nicht so gut. Unten war das Röhrchen nämlich mit einem langen Wergpfropfen verstopft, der erst herausgezogen werden musste, wenn man hören wollte. Ausserdem waren die Alten so schlau, zu heiklen Unterredungen immer in d a s Zimmer zu gehen, über dem keiner schlief. Ich hatte schon den Abend in der Gastwirtschaft gehört, dass die Dvoraks Nachtvögel sind und dass zu ihnen des nachts oft heimlicher Besuch aus Berlin kommt, manchmal werde er mit dem Kahn über den See abgeholt oder weggebracht.» Georg nickte: «Fast jede Nacht hört man in der Gegend das taktmässige dumpfe Anschlagen eines Ruders.» «Gerade an dem Abend,» fuhr der Doktor derart, dass er trotz allen gemachten Anstrengungen als Einziger am Sonntag nicht starten konnte. Stuber musste wegen Vergaserdefekt ebenfalls eine grössere Reparatur vornehmen lassen, und auch Schölten lieferte zufolge Getriebestörungen den Mechanikern Ueberzeitarbeit. Die Strecke scheint auch vielfach unterschätzt worden zu sein, wobei sich dann die unvollständige Kenntnis aller ihrer Tücken am Rennen selbst ordentlich rächte, indem hauptsächlich in den Kurven viel Zeit verloren ging. Gerade die vollständige Vertrautheit mit der Strasse von Mettraux, der allerdings als Ortsansässiger in dieser Beziehung besonders begünstigt war, gab beispielsweise in der Tourenwagenkategorie den Ausschlag, indem seine absolute Zuversicht und Sicherheit verbunden mit der flotten Leistung der Maschine ihm vor seinen schärfsten Konkurrenten einen Zeitgewinn von 2 Sekunden erlaubte. Auf aJle Fälle darf die Route Montreux-Caux als eine äusserst interessante und sich für ein Bergrennen ausgezeichnet eignende Piste angesprochen werden und es ist zu hoffen, dass der Wutisch des Sprechers am Bankett der Presse in Erfüllung gehe, wonach diese Konkurrenz zu einem ständigen und jährlich sich wiederholenden Bestandteil des Narzissenfestes und somit auch des nationalen Snortkalenders werde. Das Rennen fort, «sassen da im Gasthaus der Sohn eines Schleusenwärters von der Oberspree mit dem Kolmanzer Fischersohn und dem Wirt zusammen beim Bier. Sie waren aussermir die einzigen im Lokal. Ich stellte mich schlafend. Da hörte ich allerhand. Hörte, obwohl sie nur halblaut sprachen, dass d i e schon Verdacht auf Dvorak in der Affäre Nollet hatten. Aber auch, dass alle überzeugt waren, ihm würde nie und nimmer etwas nachzuweisen sein. «Wenn der ein Ding dreht, ist alles bis ins kleinste ausgetüfftelt, da ist nischt zu machen,» meinte der Wirt. Doktor Sievers legte seine langen Beine, die in weitbauschigen Knickerbockers steckten, auf einen Stuhl. «Am nächsten Vormittag, als die beiden Alten mit einem kleinen Handwagen nach ihrem Kartoffelfelde abgezogen waren, ging ich hinunter in das Schlafzimmer und zog dort den langen Wergpfropfen aus dem Loch, Hess aber unten noch ein wenig Werg in der Oeffnung, so dass von aussen nichts Verdächtiges zu bemerken war. Denn die Alten pflegten, wenn nächtlicher Besuch kam und sie mit dem verhandelten, was oft stundenlang dauerte, wie gesagt, immer in die Schlafstube zu gehen, die an der anderen Seite des Häuschens unter der Vorratskammer lag. In der Nacht passte ich nun auf. Ich legte mich gegen zehn Uhr angekleidet aufs Bett und löschte das Licht. Obwohl ich nämlich nicht den geringsten Anlass zum Verdacht INSERTIONS-PREIS: Die achtgwpaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschlnu 4 Tue vor Erseheinen der Nummern selbst erfreute sich, aller Wettermisere zum Trotz, eines überaus lebhaften Interesses von Seiten der Bevölkerung und eines weiteren Publikums und schon rechtzeitig am Morgen setzte die Wanderung von den Niederungen nach den höher gelegenen Teilen der Strecke ein, so dass an interessanten und eine grössere Uebersicht gewährenden Punkten die Menschenmasse wie B ; enenschwärme gedrängt klebte. Da sich die Strasse weniger für einen Grossverkehr eignet, brauchte es allerlei Geduld, zu Fuss und hauptsächlich im Wagen ans Ziel zu gelangen. Immerhin tat die Streckenpolizei ihr Bestes und wurde sehliesslieh allen Wirrnissen Herr. Dagegen scheint es uns. als ob in Bezug auf die Streckenbewachung ein etwas allzugrosses Vertrauen auf den guten Verlauf des Rennens geherrscht habe. In schwierigen Kurven standen die Zuschauer in kritischer Nähe der Fahrbahn, vielfach sogar in mehreren Reihen hintereinander vor der Absperrung. Wenn es zu einem Zwischenfall an solchen Stellen gekommen wäre, weil ein Wagen aus der Bahn getragen worden wäre, so hätte dies die katastrophalsten Folgen haben können. Wir wollen gewiss nicht schwarz malen, aber die Massenopfer von Monza und anderswo sind noch nicht ganz vergessen, was nicht heissen soll, dass man nun vom einen Extrem in.das einer übertriebenen Aengstlichkeit fallen soll. Nachdem einmal der erste Wagen gestartet war, wikkelte sich das Rennen recht fflott ab und obwohl zwei Fahrer unterwegs aufgeben mussten, empfand man keinerlei unangenehme Kunstpausen. Ueberhaupt hat die Organisation gezeigt, dass auch die Waadtländer eine solche Veranstaltung durchzuführen verstehen, wenngleich ihnen die Gewohnheit infolge der langen Pause abhanden gekommen sein sollte. Die Tourenwagen wiesen eine gute Besetzung auf, wobei w allem auch die Beteiligung aus der welschen Schweiz recht erfreulich war und neue Namen die Startliste zierten. Der auf 7 Min. 6,6 Sek. stehende K'ategorierekord wurde nicht weniger als fünfmal geschlagen. Wenn auch 9 Jahre seit dessen Registrierung vergangen sind, so ergibt ein Vergleich mit einer Anzahl von neuen Resultaten, dass schon damals Zeiten gefahren wurden, die heute noch Respekt verdienen. Die Gruppen bis zu 2 Liter waren durch zwei Sologänger vertreten, die beide recht gute Figur machten. Lanz auf Bugatti, der als einer der Favoriten der Kategorie startete, wurde mit ansehnlichem Zeitvorsprung Klassenerster, doch konnte er offenbar nicht alles aus der Maschine herausholen, so dass er sich mit diesem Erfolg zufriedengeben musste. Moynier verstand es, seinen Plymouth richtig auszunützen und holte sich in sauberer Fahrt den Klassenersten, Der Einheimische Mettraux war "schon im Training durch seine sichere Fahrweise und das Tempo seines Ford aufgefallen und so war es für viele keine Ueberrasohung, als er sich mit dem besten Resultat seiner Klasse gleichzeitig auch noch den Sieg der Kategorie holte. Freilich in Gübelin hatte er einen scharfen Gegner und man wusste, dass es hart auf hart gehen werde. Der Zürcher wurde durch ein geringfügiges und daher umso läppischeres Missgeschick um seine guten Chancen gebracht. In einer oberen Kurve ging plötzlich die eine Türe auf und wenn sich der Fahrer gab — ich war ganz der arglose Künstler, der gern einen Scherz machte, laut lachte und, wenn er allein war, sein Liedchen pfiff —, wurde ich doch beobachtet. Abends, wenn alles dunkel war, hörte ich immer auf der Treppe mal ein Geräusch — die beiden Stufen, die knarrten, wurden dabei vorsichtig vermieden —, man sah wohl nach der Türritze, ob ich noch Licht hatte, und horchte wohl auch an der Tür, ob ich schlief. An diesem Abend passte ich natürlich besonders scharf auf. Kurz vor elf Uhr hörte ich denn auch ein einmaliges leises Knacken auf dem Boden, der Schleichfuchs war wohl auf ein Körnchen oder einen Splitter getreten. Ich schnarchte sogleich kräftig und sägte ein paar Minuten lang einen kräftigen Ast durch. Nach einer Viertelstunde stand ich auf und horchte an der Stubentür. Alles war still: nur unten hörte ich halblaut sprechen. Ich schlich in Strümpfen hinüber zur Vorratskammer am anderen Giebel. Ich wusste, sie war abgeschlossen und hatte schon bei Tage den passenden Dietrich ausprobiert. Aber unten war jetzt alles still, und ich schlich daher wieder in meine Stube zurück, setzte mich ans Fenster und lugte hinter dem Vorhang hinaus. Es war eine dunkle Nebelnacht. Ich wusste, dass auf dem schmalen Fahrweg, der von der Chaussee nach dem Dvorakscheü Ausbau führt, eine kleine einfache Brücke passiert werden muss, die über einen sumpfigen Graben führt und nur an einer Stelle ein Geländer hat.»