Aufrufe
vor 5 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.057

E_1933_Zeitung_Nr.057

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 7. Juli 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 57 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr, 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, totem nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtlich« Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Verkehr und Strasse Die «Reichsauto-Bahnen». Seit Jahr und Tag propagieren einsichtige schweizerische Kreise ein grosszügiges nationales Strassenbauprogramm. Dessen Verwirklichung hätte in den Krisenjahren eine erhöhte volkswirtschaftliche Bedeutung gehabt, indem nicht, nur neue bleibende Werte des Nationalvermögens geschaffen worden wären, sondern gleichzeitig produktive Arbeitslosenfürsorge in grossem Ausmasse hätte verwirklicht werden können. Dazu hätten vorzügliche Alpenstrassen den heute so dringend notwendigen Anreiz für den ausländischen Autotourismus gebildet, unserem Land als Reiseziel den Vorzug zu geben. Unsere Bundesbehörden hatten taube Ohren. Sie lebten in bezug auf das Strassenwesen geradezu in einem lethargischen Zustand der Teilnahmslosigkeit, und wenn nicht ab und zu wenigstens ein Subventionsgesuch eines Kantons im Parlament zur Sprache gekommen wäre, so hätte das Thema Strassenbau überhaupt nicht in der Curia helveticae existiert. Nun ist ja glücklicherweise die Strassenbauinitiative deT Verkehrsliga unterwegs, die — freilich selbst schon reichlich verspätet — ihre wohltuende Wirkung nicht verfehlen wird. Ständig und immer wieder in Form neuer weitschauender Strassenprojekte zeigt uns das Ausland den Weg, den alle Staaten einschlagen müssen, welche in nächster Zukunft noch eine Rolle im internationalen Fremdenverkehr spielen wollen. Fortlaufend beweisen uns die ausländischen Frequenzziffern fremder Besucher und Gäste, dass der modernen rückständigen Kraftverkehrswirtschaft "wie der Arbeitsbeschaffung dienen. Gerade auf Land- oder Automobilstrasse eine unmittelbare Propagandawirkung innewohnt, die sich dem Gebiete des Strassenbaues sieht das neue Reich in besonderem Masse eine Möglichkeit zur Wegräumung überlebter Verwal- .auswirkt, sobald die neue Route dem Verkehr freigegeben wird. Das jüngste klassische Beispiel: Die im Mai eingeweihte Latungseinrichtungen, zur Anpassung des historisch Gewordenen an die Erfordernisse der gunenbrücke, die Venedig mit dem Festlande neuen Zeit und zu schöpferischer Neugestaltung.» verbindet. Es ist ein Hundertmillionenbau, der durch das Machtwort Mussolinis in zweieinhalb Jahren geschaffen wurde. Schon im tungseinrichtungen« hat wahrlich nicht lange Dieses «Wegräumen überlebter Verwal- Mai wurden auf dem für die ankommenden gedauert. An der Eröffnung der internationalen Automobil-Ausstellung in Berlin im Automobile zur Verfügung stehenden grossen Parkplatz über 2000 Fahrzeuge gezählt, womit die Totalfrequenz noch gar nicht erler erstmals von einem,beschleunigten Aus- Februar dieses Jahres hat Reichskanzler Hitschöpft ist. Im Juni hat dieser Verkehr noch bau der Strassen gesprochen. Am 1. Mai grössere Ausmasse angenommen und selbst nahm dieser Gedanke in seiner richtungsweisenden und grundlegenden Rede genauere italienische Verkehrspolitiker sind überrascht, wie Venedig über Nacht zu einem be- Form an und noch nicht zwei Monate spater deutsamen Ziel des. internaitkmäletl Äutoreiseverkehrs geworden ist. Ob diese Meldung unsere Landesväter veranlassen wird, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, mag nach den bisherigen Erfahrungen füglich bezweifelt werden. Vielleicht vermag ihnen aber doch eine Unternehmung die Augen endgültig zu öffnen, und das ist der grossartige Plan der deutschen Reichsautobahnen, wie er bereits kurz in einer vorangehenden Nummer des Blattes besprochen wurde. Durch diesen Plan, der bereits am 27. Juni dieses Jahres Gesetzeskraft erlangt hat, wird Deutschland ein bedeutsames Netz von ausgesprochenen Autostraden erhalten, d_eren Maschen zwei durchgehende Nord-Süd-Verbindungen, drei West-Ost-Fernstrassenzüge sowie eine Diagonale, die sich quer durch das ganze Reich von Hamburg nach Berlin und Breslau legt, bilden. Wenn man das wohldurchdachte und bestechende Projekt näher studiert* so kann man nicht anders, als seinem Initianten restlose Achtung zollen. Dabei verdankt es sein Entstehen nicht jahrelangen Diskussionen, Beratungen in Kommissionen, schwerfälliger Erdauerung in amtlichen Schubladen, sondern ist ein Kind der jüngsten Zeit. Die amtliche Begründung des Gesetzes besagt; hierüber, dass der Reichskanzler in seiner Programmrede Vom |. Mai «den Willen des Reiches bekundete, ein umfassendes Programm auf dem Gebiete des Strassenbaues zu lösen. Das Programm soll in gleicher Weise der Belebung der in Deutschland noch Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern ist das Gesetz in Kraft, das souverän sämtliche jene kleinlichen Bedenken und administrativen Schwierigkeiten hinwegfegt, an denen offenbar alle unsere grossen Strassenprojekte kranken und dahinsiechen. Wenn wir von Siechtum reden, so denken wir beispielsweise an den Plan einer Sustenstrasse, der seit über hundert Jahren die schweizerische Oeffentlichkeit beschäftigt und für die eine massgebliche Eingabe im Jahre 1901 gemacht wurde. Wir erinnern an das Projekt der Prageistrasse, das seit den neunziger Jahren besteht, an den Plan der Sanetschstrasse, der u. W. um die Jahrhundertwende aufkam, an eine Gandria-, eine San Giacomo-, eine Wallenseestrasse und manche andere mehr, deren wirtschaftliche, verkehrspolitische und militärische Bedeutung von keiner Seite bestritten wird, die aber alle Projekte geblieben sind, seit sie als solche Form annahmen. Das Gesetz gibt der Reichsbahn das Recht zum Bau und Betrieb «eines leistungsfähigen Netzes von Kraftfahrbahnen», das als Zweigunternehmen der Bahn gilt, öffentlichrechtlichen Charakter hat und den Namen Reichsautobahnen führt. Der Bahn allein steht das Recht zum Bau und Betrieb dieser Fahrbahnen zu, welche ausschliesslich für den Verkehr mit Motorfahrzeugen bestimmt sind. Der Kanzler bestellt einen Generalinspektor für das deutsche Strassennetz, der "auch die Linienführung und Ausgestaltung der-. Autostrassen . bestimmt, wogegen die Verwaltuhg der Reichsbahn zufällt. Von ihr berufene Beiräte stehen dem Unternehmen für die Planung mit beratender Stimme zur Seite. Die Autobahnen werden dem Verkehr gegen eine Gebühr zur Verfügung gestellt, zu deren Erhebung die Bahn ausdrücklich ermächtigt ist, doch bedarf der Tarif der Genehmigung durch, den Verkehrsminister. Der Generalinspektor hört die Landesregierungen vor der Festlegung der Baupläne an, es fällt ihm aber die endgültige Entscheidung « über alle von der Plangestaltung berührten Interessen» zu, was also ziemlich diktatorischen Befugnissen gleichkommt. Das INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. (ür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Unternehmen wird zudem mit dem Enteignungsrecht ausgestattet, um ihm die Erfüllung seiner Aufgabe weitgehend zu erleichtern. Damit auch im weiteren eine Einheitlichkeit in der Planung des deutschen Landstrassennetzes eintritt, ist der Generalinspektor befugt, von den Ländern und Provinzen die Vorlage der Pläne zum Neu- und Ausbau der Strassen zu verlangen. Gegen Bauvorhaben, durch die der Ausbau und die Entwicklung der Reichsautobahnen beeinträchtigt wird, steht dem Generalinspektor das Recht des Einspruchs zu. Der Einspruch hat die Wirkung, dass die geplanten Arbeiten unterbleiben müssen. Gegen die Einlegung des Einspruchs steht den Landstrassenunterhaltungspflichtigen das Recht der Beschwerde zu. Ueber die Beschwerde entscheidet die Reichsregierung nach Anhörung der beteiligten Landesregierungen. Damit ist alle Gewähr geboten, dass diese Autobahnen nach gleichartigen Gesichtspunkten und mit möglichster Beschleunigung gebaut werden können. Aus dem amtlichen Kommentar zum Gesetz weht ein neuer Wind, der von einem fortschrittlichen Verständnis für verkehrspolitische Probleme zeugt, wie es unserem Lande bitter notwendig täte. Deutschland besitzt, so lesen wir darin, rund 300,000 Kilometer Landstrassen, von denen 100,000 km Durchgangsstrassen von grösserer Bedeutung sind. Hievon sind, wiederum 25,000 km als wichtigste Fernverkehrsstrassen ermittelt und festgelegt. Und weiter: « Das bestehende Strassennetz ist aber für Verkehrsmittel entstanden, die überholt sind. Für den freizügigen Personen- und Güterverkehr auf der Strasse sind die alten Strassen durchwegs ungeeignet. Eine vollständige Anpassung der alten Strassen an das Wesen des Kraftwagens lässt sich nicht erreichen; die Landstrassen bedürfen der Entlastung und Ergänzung durch ejn allmählich zu verdichtendes Netz grosser Verkehrsadern, die — gestützt auf das Zubringersystem dieser alten Verbindungen — den Verkehr der Kraftfahrzeuge über weite Strecken aufnehmen. Der Errichtung solcher Kraftfahrbahnen soll das vorliegende Gesötz dienen. Der besondere Charakter dieser ausschliesslich für den Verkehr mit Kraftfahrzeugen hergerichteten Strassen von höchster Zweckmässigkeit rechtfertigt die allgemeine Erhebung von Benutzungsgebühren. Es erschien notwendig, Linienführung und Ausgestaltung der Kraftfahrbahnen durch eine besondere Persönlichkeit bestimmen zu lassen und ihr gleichzeitig die letzte Entscheidung im Planfeststellungsverfahren zu übertragen. Ferner war im Gesetz eine Bestimmung vorzusehen, durch welche die gleiche Stelle in. die Lage versetzt wird, die Entwicklung des alten Strassennetzes im Auge zu behalten und sie, soweit dies für das Unternehmen « Reichsautobahnen » erforderlich ist, auch zu beeinflussen. Die Führung des Unternehmens «Reichsautobahnen » ist der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft zugedacht, weil der Streit zwischen Schiene und Kraftwagen letzten Endes nur dadurch beizulegen ist, dass der gesamte gewerbliche Güterfernverkehr einheitlicher Leitung unterstellt wird. In dieser Richtung ist das vorliegende Gesetz ein bedeutungsvoller Schritt. Um die Klarheit der Finanzgebarung zu gewährleisten, ist das Unternehmen als selbständige juristische Person des öffentlichen Rechts begründet, dessen Verwaltung und Vertretung aber aus den vorerwähnten Gründen die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft übernimmt. > F E U I L L E T O N Rufe aus dem Dunkel Roman von Karl Strecker. (28. Fortsetzung) «Entschuldigen Sie, gnädige Frau ! Ich vergass mich. Aber das ist wirklich eine bodenlose Frechheit!» «Sie sind in Ihren Ausdrücken nicht sehr wählerisch!» «Ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau, aber mein Hitzkopf geht immer mit mir durch!» «Das ist mir eigentlich neu! Ihr Bruder war freilich dafür bekannt, dass er immer gleich in Flammen stand — aber Sie —? Sie galten, wenn ich mich recht erinnere, für sehr ruhig und vorsichtig. Uebrigens scheint mir das mit dem Testament gar "nicht so unwahrscheinlich, denn nach dem, was mir Herr Plath von der Freundschaft zwischen beiden erzählte —» «Hahaha! Solch ein Schwindel!» «Aber Herr Direktor, woher wollen Sie das wissen?» sagte Käthe mit tieferer Stimme als vorher. «S i e waren hier und d i e beiden waren in Amerika.» «Wenn auch, das glaube ich nicht. Ich kenne ja Plath noch von der Schule her.» «Uebrigens hat Georg keinen Zweifel darüber gelassen, dass er hier noch Rechte und Forderungen hat, auf denen er besteht. Und — damit Sie sich darüber keiner Täuschung hingeben, Herr Nicola, er ist empört über Sie und — doch das ist schliesslich nicht meine Sache, Ihnen das zu erzählen —» «Die Darstellung und das Urteil des Herrn Plath, der mich kürzlich anpumpen wollte, lehne ich ab...» Käthe schwieg und spielte mit einer grossen weissen Häkelnadel, die auf dem Tisch lag. Sie schien nicht gewillt, diese Erörterung fortzusetzen. Es entstand wieder eine Pause. «Ich irre mich wohl nicht, Herr Direktor Nicola, wenn ich glaube, dass Sie ein besonderer Zweck zu mir führt.» Georg biss die Zähne zusammen. Wenn Käthe, die in ihrer behaglichen Art immer freundlich-liebenswürdig war, so zu einem Besuch sprach, musste es schon schlimm stehen. Doch erwiderte er ruhig: er habe sich nur eine untertänigste Anfrage erlauben wollen. Er sprach von seiner Wohnung in München und fragte Käthe, ob sie nicht geneigt sei, dort mit seiner Mutter zusammenzuwohnen? Er selber habe sich nur ein Zimmer bei seiner Mutter reserviert. Er sei ja meist abwesend. Käthe lehnte unter Hinweis auf ihr hiesiges Besitztum ab. Sie müsse, schon um die grossherzige Wohltäterin, Frau Geheimrat Stockhausen, nicht zu kränken, hier wohnen bleiben. Sie liebe und schätze seine Mutter sehr, aber er sehe ja, schloss sie lächelnd, es sei hier auch ganz gemütlich. «Wenigstens für willkommene Gäste,» setzte Georg bitter hinzu. «Was wollen Sie damit sagen?» Wenn er zum Schluss ganz offen sein dürfte, und das dürfe er vielleicht als Georgs Bruder —: er sehe, dass Georg ihr noch immer so nahe stehe, wie er selber fern. Mit anderen Worten, dass sie ihn verachte und verabscheue. Käthe, ein wenig betroffen von dieser Offensive, schüttelte den Kopf. Ein gequälter Zug verzog ihr Gesicht. «Ich bitte Sie um eins, Herr Nicola: lassen wir es genug sein! Es hat ja gar keinen Zweck, dass wir alte Geschichten aufrühren!» Sie wurde bei jedem Wort ärgerlicher und stiess schliesslich heraus: «Bitte, ersparen Sie uns beiden dies!» In Georg schrie es auf. Mit diesem Abschied für immer sollte er von dannen gehen? Niemals dieses liebe Wesen, niemals — oh, er fühlte, das war das Entscheidende — niemals Anni wiedersehen?... Und plötzlich stieg in ihm eine Regung auf, die er deutlich als einen fremden Willen fühlte, als etwas Unabwendbares. Er erkannte bestürzt, dass alles Geschehen von einer unbekannten Kraft geleitet wurde. Was jetzt geschah, musste er tun. Es war die Krisis. «Wie aber nun,» fragte er langsam mit verwandelter Stimme, «wenn Georg wirklich im Februar nach Deutschland gekommen wäre? Wenn er tatsächlich hier ist?» Käthe sah ihn verdutzt an und traf auf einen Blick, der aus weiter Ferne, aus tiefer Einsamkeit zu kommen schien. Unwillkürlich zuckte sie schaudernd zusammen. War das nicht ein anderer, der jetzt vor ihr sass? Nimmermehr war es noch jener Richard, die oberflächliche Krämerseele, wie sein Bruder ihn selbst genannt hatte! «Aber Sie haben doch selbst vorhin gesagt, dass davon keine Rede sein könne!» «Manchmal ist eine Wahrheit nur für ein paar Minuten wahr. Damals war Georg nicht in Deutschland. Jetzt ist er es, wenn auch nur für Sie!» Käthe schüttelte den Kopf und wickelte sich unwillkürlich fester in ihre Strickjacke. «Das verstehe ich nicht... Und dann — seit Februar hier und — nein!» Ein stilles Lächeln blühte schnell in ihrem Gesicht auf und starb sogleich wieder ab. Aber es genügte, Georg mit stolzer Freude zu erfüllen: sie war seiner Zuneigung selbst nach so langer Zeit sicher, sie hielt es für unmöglich, dass er in Deutschland weilen konnte, ohne sogleich zu ihr gekommen zu sein. «Ich glaube gern, gnädige Frau, dass hier ein Rätsel für Sie liegt. Aber vielleicht lässt es sich lösen durch alte Erinnerungen, von denen nur -Sie und Georg wissen. So etwa die an jene Juliabendstunde vor der Tannen-