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E_1933_Zeitung_Nr.075

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BERN, Freitag, 8. September 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 75 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Frettaa Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznsehlag, (•fern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postchsck-Rechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Rattm 4S Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratensehtass 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Der Kampf gegen den Verkehrsunfall Verhütungsmassnahmen. Wir haben, wie in Nr. 74 der «Automobil- Revue» ausgeführt, es mit drei streng auseinanderzuhaltenden Hauptkategorien von Unfallverursachern zu tun, nämlich: 1. die Unfallprädestinierten (Untaugliche aller Gattungen, schlecht Ausgebildete); 2. Verkehrskriminelle (Draufgänger, Alkoholiker, moralisch minderwertige Personen); 3. zufällig Versagende (Pechvögel, die weder in die erste noch zweite Kategorie gehören). Gegen diese drei, voneinander grundverschiedenen Fahrertypen muss sich nun der Abwehrkampf in angepasster Form richten. Die Anpassung geschieht wohl am besten durch Verwendung geeigneter, auf die einzelnen Kategorien speziell eingestellter Organe. Es sind zwei voneinander unabhängig arbeitende Institutionen notwendig, nämlich: a) eine befehlende und b) eine aufklärende. Zu den befehlenden Institutionen können wohl nur die staatlichen gerechnet werden, also Polizei- und Gerichtsbehörden. Die Polizei sichert die Durchführung der gesetzlichen und momentan zweckdienlichen Massnahmen durch entsprechende Anordnungen; die Gerichte treten in Funktion, wo eine Bestrafung notwendig erscheint. Bezogen auf die drei Hauptkategorien von Unfallverursachern entfallen vor allem Kategorie 1 und 2 ins polizeiliche und gerichtliche Arbeitsgebiet. Den privaten Institutionen kann von Gesetzes wegen nur die Aufklärungsarbeit, sowie das Antragsrecht auf allgemeine Verbesserungen zugewiesen bleiben. Zu den polizeilichen Aufgaben gehören vorab: Verkehrsregelung und Verkehrsüberwachung. Die Verkehrsregelung, als Mittel zur Unfallverhütung, ist heute von grosser Bedeutung. Für die Zukunft dürfte als neues Gebiet eine vermehrte Sicherung eines geregelten Radfahrer- und Fussgängerverkehrs zu zählen sein. Die Verkehrsaufsicht, in der Art, wie sie bisher betrieben worden ist, hat zur Unfallverhütung nicht in dem Masse beitragen können, wie es wünschenswert wäre. Abgesehen von einigen löblichen Ausnahmen beschränkte man sich in unserem Lande in der Hauptsache auf Geschwindigkeits-, Gewichts-, ) Vergleiche No. 74. Brems- und Beleuchtungskontrollen. Eine eigentliche Verkehrsaufsicht im Sinne einer genauen Ueberwachung der Fahrweise kannte man in der Schweiz bisher sozusagen nicht. Gerade in diesem Punkte aber muss der Kampf gegen den Unfall einsetzen, denn hier — bei der Fahrweise — finden wir die grösste Ursachenquelle für Unfälle. Auch da, wo eine Verkehrsüberwachung der vorgenannten Art bereits besteht, ist eine Reorganisation notwendig. Die fliegenden Kontrollen, mit Anhalten und Verwarnen oder Verzeigen fehlbarer Führer, können aus verschiedenen Gründen nicht genügen. Die mündliche oder schriftliche Verwarnung oder die Bestrafung erfüllt den Zweck meistens nicht, da die Fahrfehler in sehr vielen Fällen unbewusst begangen werden. Der Verwarnte oder Gebüsste hat dann höchstens das Empfinden einer Schikane. Der fehlbare Führer, sei er nun der ersten oder zweiten Kategorie zugehörig, muss irgendwo registriert werden. Die systematische Kontrolle mit Registrierung von verkehrswidrigen Fahrern an einer zentralen Kontrollstelle ermöglicht die Aufstöberung aller in einem bestimmten Rayon zirkulierenden Unfallkandidaten. An dieser Zentralstelle ist dann auch die Ausscheidung in die mutmassliche Fahrerkategorie vorzunehmen. Die Ausscheidung setzt natürlich eine ganz gründliche Kenntnis des gesamten Unfallwesens voraus. Der verantwortliche Leiter einer solchen Stelle muss eine erfahrene, aus innerem Antrieb arbeitende Persönlichkeit sein. Nachdem einmal der gefährliche Fahrer auf Grund von einigen Kontrollergebnissen und anderer Anhaltspunkte (Beizug von Unfallakten, Erforschung seiner Ausbildung als Fahrer u. a. m.) in seine Kategorie eingereiht ist, erfolgen die zweckdienlichen Gegenmassnahmen, die wiederum von der Zentralstelle aus anzuordnen sind. Ebenso soll dieser Zentralstelle die Entscheidung überlassen sein, ob Verwarnung, Betrafung oder zeitweise Ausschaltung aus dem Verkehr (Antragsrecht) in Frage komme. Auf diese Art und Weise wird es möglich, denjenigen Unfallverursachern auf den Leib zu rücken, die entsprechend ihrer Fahrweise — und anderen Qualitäten — den Verkehr am meisten gefährden. Der obersten, von Gesetzes wegen hierzu bestimmten Behörde bleibt es dann überlassen, auf Grund der Kontrollergebnisse die geeigneten Vorkehrungen gegen die gefährlichen Fahrer zu treffen; also: zeitweise Ausschaltung aus dem Verkehr, Nachausbildung, Revisionsprüfung, psychotechnische Prüfung, Prüfung auf physische Eignungsfehler, endgültige Ausschaltung aus dem Verkehr. Was die private Initiative zu tun vermag, beschränkt sie sich in der Hauptsache auf Aufklärung sowohl der Fahrer als anderer Strassenbenützer, sei es im Film, in Vorträgen, in der Presse etc. Diese Arbeit ist mindestens so wichtig wie die Kampfmassnahmen des Staates. Sie muss ebenfalls von Tatkraft beseelt sein, wenn der erhoffte Erfolg nicht ausbleiben soll. Bei der Beurteilung von Straffällen seitens der Gerichte, besonders aber schon im Untersuchungswesen, sollten ebenfalls gewisse Neuerungen eingeführt werden. Die bisherigen Untersuchungs- und Aburteilungsmethoden mit der blossen mechanischen Behandlung der Materie müssen in allen denjenigen Fällen im Endziel, nämlich im Strafzweck, versagen, wo der Fahrer unbewusst fahrtechnische Fehler begangen hat, die zum Unfall führten. Zum Beispiel gibt das Bild eines Vorstrafenberichtes darüber lediglich Auskunft, wie oft der Fahrer Verkehrsvorschriften verletzt hat oder wegen Unfällen mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten ist. Man er- 'langt daraus aber noch kein Bild, ob er bewusst oder unbewusst, fahrlässig handelte. — Der Beizug von früheren Unfall- oder Strafakten wird nicht in dem Masse gepflogen, wie es sein sollte. — Sind die Voraussetzungen für den schwereren Grad von Fahrlässigkeit nicht gegeben, indem z.B. seine Fahrweise eine unbewusst gefährliche war, so wird eine Bestrafung erfolglos sein. Anderseits sollte gegen die in Kategorie 2 genannten Lenker ganz anders verfahren werden als bisher. Die Verkehrskriminellen sind so wenig einer Schonung würdig als andere Verbrecherklassen, sind doch ihre Vergehen in den meisten Fällen gegen das höchste Gut des Menschen, die körperliche Integrität, gerichtet. Hier ist es angebracht, dem Grundsatz der Generalprävention in schärfstem Masse Ausdruck zu verleihen. Es haben in der Gerichtspraxis mit ganz wenigen Ausnahmen bisher die Gerichte nie den Standpunkt vertreten, dass schwere, an dolus eventualis grenzende Fahrlässigkeit vorliegen könnte. Gerade die letzterwähnten Tatbestände, die im Grenzgebiet des dolus eventualis liegen, sind im heutigen Strassenverkehr viel mehr vorliegend als man an- nimmt (sehr häufig bei Fahrten mit betrunkenen Führern). Die Angehörigen der Kategorie 2 müssen u. E. nicht nur ganz exemplarisch bestraft, sondern aus rein praktischen Gründen, ohne Rücksicht auf persönliche Verhältnisse, als Untaugliche aus dem Verkehr ausgeschaltet werden. Man duldet ja bei den Bahnen auch kein untaugliches Fahrpersonal. Praktische Vorschläge. Es ist in den bisher behandelten Kapiteln lediglich darauf hingewiesen worden, auf was es im Grunde ankommt, um den Mängeln und Fehlern, die einerseits im Verkehr zu Unfällen führen müssen, anderseits in der Verhütungspraxis bestanden haben, wirksam begegnen zu können. Dabei soll man aber nicht stehen bleiben, sondern die einmal aufgerollten Probleme aus gesammelten Erfahrungen heraus praktisch mitlösen zu helfen. Im Bewusstsein, dass in unserem Lande keine grossangelegten staatlichen oder privaten Abwehraktionen in Frage kommen können, soll versucht werden, mit einem möglichen Minimum an organisatorischen Umstellungen auszukommen, die die Basis für einen sichtbaren Erfolg in der Unfallbekämpfung bilden. a) Polizeiliche Massnahmen. 1. Verkehrsaufsicht (und -erziehung) mittelst fliegenden (nicht uniformierten) Patrouillen. Diese Organe hätten die allgemeine Verkehrsaufsicht auszuüben, schlechte Fahrer zu notieren und in die Registratur einzutragen bzw. dem Kontrollbeamten vorzulegen. Diese Kontrollpatrouillen hätten nicht nur die in ihrem Rayon wohnenden und zirkulierenden schlechten Fahrer zu kontrollieren, sondern auch den von auswärts in ihren Aktionsradius eintretenden und davon austretenden Verkehr speziell im Auge zu behalten. Spezialaufgabe dieser Patrouillen wäre z. B. die Disziplinierung des Fussgänger- und Radfahrerverkehrs. 2. Spezial-Ueberwachung der Unfallkandidaten, die seit Jahresfrist in Untersuchung gezogen werden mussten, oder wegen gefährlichem Verhalten gebüsst wurden (beide Massnahmen sind vom Kontrollbeamten anzuordnen). Voraussetzung für diese Mannschaft ist eine ganz gründliche Schulung für diesen äusserst diffizilen Dienst. 3. Zentralkartei. Schaffung einer Zentralkartei, wo die gemeldeten Fahrer in die drei Hauptkategorien ausgeschieden sind. Dieser Stelle hätte ein durchaus erfahrener Verkehrs- und Autofachmann (der die sehr heikle Arbeit der Ausscheidung vornimmt) vor- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (5. Fortsetzung) «Nun — wir werden uns schon noch verstehen lernen, Herr — Farnaglia!» «Es wird mich freuen! Jedenfalls gedenke ich jetzt auszugehen!» «Wissen Sie in Rom Bescheid?» «Hinreichend. Addio, also!» «Sehr höflich sind Sie gerade nicht, aber das macht nichts. Leben Sie also wohl, und — empfehlen Sie mich Herrn Alberto Falieri!» 5. Eberhard Hess sich von der Wirtin das Adressbuch der Stadt Rom geben. Es war zwar schon fünf Jahre alt, aber es enthielt einen, wenn auch bereits ziemlich zerstückelten Stadtplan, in dem man sich bei einiger Anstrengung zurechtfinden konnte. Es stellte sich heraus, dass das Albergo Michele gar nicht so weit vom Zentrum der Stadt entfernt war, als Eberhard nach der endlosen Droschkenfahrt geglaubt hatte, und vor allem befand sich das Bank- und Kommissionsgeschäft Alberto Falieris ganz in der Nähe. Als Eberhard das kleine Haus an der Piazza Pergolese verliess, war er im Zweifel, ob er überhaupt noch einmal zurückkehren sollte. Dieser Besuch des Herrn Stöckner, alias Baron Winter-Bieberstein hatte ihn höchst unangenehm berührt. Sich von dem ersten Menschen, der ihm in den Weg lief, durchschaut zu sehen, war doch sehr peinlich — dass er diesen Stöckner auf die Dauer würde täuschen können, war höchst zweifelhaft. .Hatte er ihn denn überhaupt getäuscht? Nein. Dieser Oesterreicher war felsenfest überzeugt, dass der Signore Bernardo Farnaglia kein Brasilianer war. Was aber war er selber? Agent der Abteilung IIIB, oder ein Spitzel der italienischen Polizei? Ein Agent des Ententedienstes? Vielleicht war er jetzt hinter ihm und stellte fest, dass der Signore Bernardo Farnaglia tatsächlich, wenn auch auf Umwegen, zu Alberto Falieri ging. .Verdammter Kerl', dachte Eberhard, während er, nachdem er um eine Ecke gebogen war, in einem Hauseingang stehen blieb, um zu sehen, ob ihm jemand folgte. Es kam niemand. Signore Alberto Falieri sass dick und behäbig in seinem Privatkontor, trank ab und zu einen Schluck Rotwein, um das reichliche Frühstück zu verdauen, und kaute an einer dicken Zigarre, als ihm Herr Bernardo Farnaglia gemeldet wurde. «Eintreten!», sagte er mit einer dünnen Kastratenstimme, und Hess Flasche und Glas in seinem Schreibtisch verschwinden. Als Eberhard ins Zimmer trat, empfing er ihn mit einer sehr eleganten Verbeugung. Dieser dicke Spaniole, der sich in Italien hatte naturalisieren lassen, weil es für sein Geschäft vorteilhaft war, besass Lebensart. «Signore, ich freue mich, Sie bei mir heute schon begrüssen zu können!» «Herr Falieri, ich habe Ihnen Grüsse von Herrn Blümlein in Bern zu überbringen!» «Ich weiss. Ich danke Ihnen sehr. Sie sind vermutlich erst heute früh hier eingetroffen.» «Jawohl!» Eberhard nahm in einem der bequemen Klubstühle Platz und akzeptierte mit Dank eine Zigarre des Herrn Falieri. «Sie werden von der Fahrt ermüdet sein — es ist augenblicklich nicht angenehm zu reisen.» «Nein. Die, Züge sind überfüllt.» «Und die Geleise auch. Es rollt augenblicklich viel Menschen- und anderes Material nach Norden. Darf ich fragen, ob Sie schon irgendwo untergekommen sind?» «Ich habe mich in einer bescheidenen Pension an der Piazza Pergolese eingemietet.» «Wirklich? Doch nicht im Albergo Michele?» «Gerade da!» «Wer hat Ihnen die Adresse gegeben?» Falieri schien sehr überrascht. «Niemand. Oder doch: ein Karabiniere am Bahnhof. Der Bruder der Wirtin.» Falieri brach in ein Gelächter aus. «Das ist glänzend. Das ist ausgezeichnet! Gerade im Albergo Michele habe ich Sie auch unterbringen wollen. Und nun sind Sie ganz von selbst dahin gekommen. Sie haben eine glückliche Hand, Herr Farnaglia! Oder vielmehr eine sehr gute Nase — entschuldigen Sie!» Eberhard empfand, dass er gerade kein besonders geistreiches Gesicht machte. «Ich verstehe Ihre Heiterkeit nicht recht, Herr Falieri!» «Nein? Wirklich nicht? Nun — ich will Ihnen verraten, dass Sie der Zufall gerade in das in Ihrem Fall sicherste Asyl in Rom geführt hat. Sie wohnen dort nämlich sozusagen bei der Polizei selber. Die Sache ist in kurzen Worten die: die Wirtin dieses Albergo ist die Geliebte des Polizeiobersten Faruccio, der das Albergo für sie gekauft hat. Wer von der Polizei nicht behelligt werden will, der ist hier prachtvoll untergebracht. Ich pflege seit Jahren, Signora Felicia Gäste zu senden, die sich in einem ähnlichen Falle befinden, wie Sie. Und nie ist im Albergo Michele jemand von der Polizei belästigt worden.» «Das ist allerdings sehr angenehm. Darf ich mir eine Frage erlauben, Signore Falieri?» «Bitte!» «Haben Sie vielleicht auch einen Herrn Stöckner in dem Albergo untergebracht?» Herr Falieri kniff die kleinen Augen zu-