Aufrufe
vor 7 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.087

E_1933_Zeitung_Nr.087

BERN, Freitag, 20. Oktober 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 87 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Diensten nnd Freitag MonaUlch „Gelbe Mste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter rVrtoruschlag, •ofern nicht pottaxntlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Rechmm« II1/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle «te deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Au&Iand 60 Ctl. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Vermehrte Verkehrssicherheit Der Strassenbenützer als Verkehrsfaktor. Es ist nicht zu bestreiten, dass sich die Zahl der Verkehrsunfälle in letzter Zeit leider vermehrt hat. Nicht nur die Angaben aus Städten, sondern auch die Unfälle in weniger dicht bevölkerten Gebieten und selbst auf dem offenen Lande müssen als kritische Warnungszeichen bewertet werden. Analysiert man hingegen die Unfallursachen etwas eingehender, so zeigt sich mit aller Deutlichkeit, dass dem Motorfahrzeug nicht schlechthin die Zunahme der Unfälle angekreidet werden kann, wie dies leider bei uns noch landesüblich zu sein scheint. Man muss schon auf amerikanische Beispiele zurückgreifen, um den Beweis antreten zu können, dass die durch das Auto bedingte Verkehrszunahme keine parallelgehende Steigerung der Unfälle zur Folge haben muss, sofern man die mit der Verkehrsbeschleunigung und der Massenbewegung zusammenhängenden Gefahren auch rechtzeitig zu drosseln versteht. Es liegt auf der Hand, dass mit den verschiedenartigen Geschwindigkeiten, mit der sich die einzelnen Strassenbenützer fortbewegen, neue Gefahrenquellen entstehen mussten, die um so eher in Erscheinung treten, als eine Trennung der Fahrbahnen sich nur schwer durchführen lässt. Wenn aber Amerika, wo auf jeden fünften Einwohner ein Auto entfällt, mit einer Verkehrsdichte, welche die kontinentalen Verhältnisse um ein Mehrfaches übertrifft, fertig wird, so sollte man annehmen, dass man auch bei uns etwas mehr System in den Strassenverkehr hineinbringen könnte, um vor allem die Unfallgefahren auf ein annehmbares Mass zu reduzieren. Trotz enormer Zunahme der Motorfahrzeuge gelang es dem Amerikaner, durch eine systematische Propaganda und Verkehrserziehung die Zahl der Verkehrsunfälle in den letzten Jahren stets auf ein relativ kleines Mass zu beschränken. Gegenüber der Vorkriegszeit sind die Verkehrsunfälle in der Union sogar um 75% zurückgegangen. Nach den für 1932 vorliegenden Ziffern kommen auf 100,000 Automobile 11 Unfälle mit tödlichem Ausgang, wobei der Gesamtautomobilbestand auf 25 Millionen Fahrzeuge anzusetzen ist. Mit welchen Mitteln erreicht nun Amerika die Drosselung der Autounfälle auf ein derart kleines Mass? Dieses günstige Ergebnis Hess sich nur durch wissenschaftliche Erforschung der Autounfälle erzielen. Sie bildet die Grundlage zur planmässigen Erziehung nach genau festgesetzten Richtlinien. Die speziell für diesen Zweck eingesetzten Unfallverhütungsorganisationen werden in ihrer Arbeit weitgehend durch Presse, Schulen, Films, Radio, Automobil- und Radfahrerclubs unterstützt. Im ganzen Lande wird man gezwungen, von F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (16. Fortsetzung) Der Oberst trank den Sekt wie Wasser; er begann, Mercedes etwas unheimlich zu werden. Wenn er so forttrank und sich ausserdem an den Gesängen und Tänzen der Zigeuner berauschte, dann musste er nach menschlichem Ermessen in kurzer Zeit betrunken sein. Eberhard teilte diese Befürchtung nicht; er hatte wenigstens eine Ahnung davon, was ein echter Russe an Alkohol zu sich nehmen konnte, ohne auf dem Wege liegenzubleiben. Er sah, was ungefähr kommen konnte. Der Oberst würde sentimental werden, dann Madame die Hand und ihm die Wange küssen, Brüderchen zu ihm sagen und endlich, aufgelöst in Gefühl und Weinerlichkeit, nach Hause fahren. Unfallverhütung zu sprechen und auch darüber nachzudenken. Dem Fahrer wird förmlich die Mahnung zur Vorsicht eingehämmert und die erste Anregung, die das Kind bereits in der Schule bei Aufsatzwettbewerben erhält, wird nachher ununterbrochen gepflegt und unterstützt durch Lichtreklamen, Kinos und Presse. Soll die Unfallkurve bei uns nicht weiterhin nach oben anziehen, so müssen unbedingt die Ansätze, die in dieser Hinsicht auch in der Schweiz bestehen, zur umfassenden Entfaltung kommen. Man beschränke die Verkehrserziehung der Kinder nicht nur auf die Städte, und dort auf einzelne Schulklassen, sondern trachte danach, auch dem Kinde auf dem Lande vermehrtes Verständnis für die Erfordernisse des modernen Strassenverkehrs beizubringen. Was nun aber die Be-dieser Hinsicht auf die Behandlung betrun- passieren können. Speziell verweisen wir in lehrung des übrigen grössern Volksteiles anbetrifft, so wird man wohl in keinem Lande mentlich in letzter Zeit in starkem Steigen kener Autofahrer, eine Kategorie, die na- auf derartige Hindernisse stossen wie gerade begriffen ist und gegen die es gilt, mit der bei uns in der Schweiz. Eine in vielen Kantonen seinerzeit gehandhabte Strafpraxis ge- vorzugehen. Am besten lässt sich die Ein- grössten Strenge und Rücksichtslosigkeit genüber Automobilisten hat in weiten Bevölkerungskreisen das Gefühl aufkommen las- kleinen kürzlich vorgekommenen Fall illustellung des Strassenrowdytums an einem sen, dass man auf der Strasse schon etwas strieren : Kaum an einer geschlossenen Barriere der Sihltalbahn angelangt, setzte ein riskieren könne, denn dem Fahrzeugführer werde es nicht so leicht gemacht, sich zu ungezogener Fahrer seine Alarmvorrichtung entlasten. Diese einseitige Behandlung der in Funktion, in der Meinung, die Passage Rechtsprechung in Verkehrsunfällen ist somit eine der vielen Wurzeln der heute bei- freizubekommen. Dauer des Aufenthaltes 2,5 Minuten. Der gleiche Wagen mit dem nämlichen Fahrer musste an der Brennerlinie nahe unhaltbar gewordenen Zustände. Vielfach werden von der Gesetzgebung und namentlich von der «öffentlichen Meinung» die etwa drei Wochen später nicht weniger als Zusammenhänge verkannt, d. h. es wird sehr 12 Minuten bis zur Oeffnung der Barrieren oft übersehen, dass Fussgänger, Rad- und warten. Resultat: Er verhielt sich im Staate Motorradfahrer und Automobilisten ja nur einen Teil des Verkehrs darstellen und dass erst durch das Zusammenwirken aller Verkehrsteilnehmergruppen diejenige Erscheinung entsteht, die im polizeilichen Sinne als Verkehr bezeichnet wird. Diesen Zusammenhängen wird viel zu wenig Beachtung geschenkt. Psychologisch wirkt sich das in dem Sinne aus, dass die Verkehrsunfälle generaliter den Automobilisten in die Schuhe geschoben und mit dem landläufigen gedankenlosen Kommentar: «Natürlich zu schnell gefahren» versehen werden. Leute zur Vernunft bringen können und dass einzig eine strengere Kontrolle, scharfe Strafen, verbunden mit temporärem Entzug der Fahrbewilligung hierin Remedur zu schaffen in der Lage sind. Die Polizeiorgane müssen unbedingt über vermehrte Fahrgelegenheiten verfügen, um auch durch Kontrollen auf Ueberlandstrassen diesem Rowdytum beizukommen. Zusammen mit den Autoverbänden gilt es, diese Sippe auszumerzen, denn durch Ignorierung des Vortrittsreohtes. Kurvenschneiden, Fahren mit unabgeblendeten Scheinwerfern, nicht betätigen der Richtungszeiger, falsches Vorfahren usw. entstehen die Mehrzahl der Autounfälle. Wird dann ab und zu ein derartiger nicht einmal auf ein Pferdefuhrwerk gehörender Fährer bei einem Unfall erwischt, so kommen oft Urteile zustande, deren Strafmass in keinem Verhältnis zu harmloseren Vergehen stehen, die jedem anständigen Fahrer auch einmal Mussolinis zusammen mit etwa 20 andern Automobilisten in- und ausländischer Nationalität mäuschenstill ! Die Tendenz, alles in den gleichen Topf zu werfen, wie es bei uns selbst von den Behörden so gerne getan wird, geht wohl nicht an. Am wenigsten dürfen die Verkehrsunfälle im allgemeinen einfachhalber dem Automobilisten zugeschrieben werden, und wenn da und dort gegen die Freigabe der Geschwindigkeiten Sturm gelaufen wird, wie dies in letzter Zeit in einzelnen Kantonen beobachtet werden kann, indem man das schnelle Fahren als Quelle der vermehrten Unfälle bezeichnet, Was nun die speziellen Verhältnisse in der so resultiert diese Erscheinung auf einer Schweiz anbetreffen, so haben wir bei unsVerkennung des wirklichen Sachverhaltes. mit einer Mentalität einer grossen Zahl von Um überhaupt eine Anklage wegen zu schnellen Fahrens erheben zu können, sollte man Strassenbenützer zu rechnen, die ihresgleichen kaum wo anders zu finden sein dürfte. mit genau erfassten Unterlagen aufwarten, Um bei derjenigen Kategorie von Automobilisten zu beginnen, die sich keinen Teufel treten, wie es kürzlich im Berner Stadtrat und nicht gefühlsmässig diese Ansicht ver- um Vorschriften und Anstand kümmern und der Fall war. der Sache des vernünftigen Automobilismus Was nun die andere Kategorie der Strassenbenützer anbetrifft, die Velofahrer, so lässt schweren Schaden zufügen, ist vorweg zu erwähnen, dass weder Geschwindigkeitsvorschriften noch andere Massnahmen diese dass es mehrheitlich nur der sich an Hand täglicher Beispiele feststellen, Aufmerksamkeit Es kam nicht ganz so. Man hatte eine Weile den Zigeunern gelauscht, den Tänzen zugesehen und getrunken, als plötzlich eine Bewegung unter die Zigeuner kam. Sie brachen ihre Darbietungen ab und eilten auf einen Punkt zu: «Väterchen! Väterchen!» Aus dem Schatten der Bäume trat, von zwei Mädchen an den Armen geführt, ein mittelgrosser Mann in bäuerischer Tracht und von bäuerischem Aussehen. Die Hosen steckten in ein paar Schaftstiefeln, der fast kaftanähnliche Rock war aufgeknöpft und Hess ein weisses, faltiges Hemd sehen. «Du hast den Teufel im Leib, Annuschka! Was fällt dir denn ein!» «Du musst singen, Väterchen», schrie die eine der Zigeunerinnen. «Du musst singen!» «Verdammt — zum Singen seid doch ihr da!» «Von dir können unsere Leute immernoch etwas lernen.» Geschmeichelt blieb der Mann stehen. «Glaubst du? Schön! Ich will auch ein paar Lieder singen, zu eurer Musik. Aber dafür musst du mir einen Kuss geben » — Er beugte sich zu der Zigeunerin nieder. Sie lachte und gab ihm einen leichten Schlag auf den sinnlichen, von einem schütteren Bart umwucherten Mund. Der Mann nahm von einem der Zigeuner eine Gitarre entgegen und begann nach ein paar einfachen Akkorden zu singen. Er sang ein russisches Volkslied — die Werbung eines Bauern um seine Schöne — und wiegte sich dabei rhythmisch wie eine Zigeunerin in einer Art von groteskem Tanz. Seine Stimme war nicht ohne Klang, sein Vortrag nicht ohne Ausdruck; man hörte, wie im Schatten der Bäume aus rauheren Kehlen die Melodie mitgesummt wurde. Dann Hess der Mann Wein in grossen Krügen kommen, und die Zigeuner und Zigeunerinnen nahmen ihn in die Mitte und tranken mit ihm, der ohnedies schon reichlich angeheitert schien, um die Wette. Dann sang der Mann noch einmal — schon heiser und ermüdet. Er sank schliesslich langsam, unter dem Kichern der Zigeunerdirnen auf der Automobilisten zu verdanken ist, wenn sich nicht noch mehr Unfälle ereignen. Mit grenzenloser Frechheit wird, unbekümmert auf den übrigen Strassenverkehr, auf Kreuzungen und Passagen zugefahren und mit grösster Routine und Rücksichtslosigkeit zwischen haltenden Autos und stillstehenden Tramwagen hindurchgedrängt. Niemand verbietet dieses Treiben, denn es sind «wirtschaftlich schwächere Elemente», die es za schützen gilt. Auch auf den Ueberlandstrassen kommen oft Situationen vor, dass man meinen könnte, in die Zeit des Faustrechtes zurückversetzt zu sein. Wenn sich ein Automobilist oft mit Mühe und Not bei einer die ganze Strassenbreite einnehmenden Velofahrergruppe vorbeigedrängt hat, kann er noch als Dank für seine Vorsicht einige kräftige Verwünschungen hören. Es sind nicht etwa die am Morgen zur Arbeit fahrenden oder am Abend heimwärts strebenden Velofahrer, die sich die Strasse als Tummelplatz für ihre Künste ausgesucht haben, sondern grösstenteils Schulbengels, Ausläufer und Lehrbuben, denen jedes Verständnis für den heutigen Strassenverkehr abgeht und die sonderbarerweise nie von der Polizei zurechtgewiesen oder gar zur Verantwortung gezogen werden. Und wer übertritt die Verkehrsvorschriften mehr oder hält sich weniger an eine geordnete Regelung als eine Vielzahl von Fussgängern? Auch sie glaubt, mit dem Stolz des Republikaners ausgerüstet, die Strasse nach ihrem Gutdünken behaupten zu können. Sie lässt sich nicht aus ihrem gemütlichen Trab bringen, denn der Automobilist wird schon aufpassen und niemand überfahren ! Viel zu diesen unerquicklichen Zuständen hat die behördlich sanktionierte Missachtung bestehender Vorschriften beigetragen, sowie die öffentliche Unterminierung des Ansehens unserer Verkehrspolizisten. Wohl sträubt sich jeder Schweizerbürger gegen schematische Reglementierung. Der Umfang und die Geschwindigkeiten des heutigen Strassenverkehrs erfordern aber eine grössere gegenseitige Rücksichtsnahme und eine straffere Handhabung der vom Gesetzgeber aufgestellten Vorschriften. Aber auch der Staat und seine Organe haben diesen nachzuleben und nicht bei offensichtlichen Verstössen gegen korrekte Verkehrssitten beide Augen zuzudrücken, nur weil es sich um scheinbar geringfügige Fehler von Passanten oder Velofahrern handelt. Bestimmt sind es nicht die durch das neue Motorfahrzeuggesetz freigegebenen Geschwindigkeiten, die zur Vermehrung der Verkehrsunfälle geführt haben, sondern eine sich immer breiter machende Disziplinlosigkeit gewisser Strassenbenützer, die ebensowohl in gewissen Kreisen von Automobilisten, Velo- und Motorradfahrern wie auch unter den Fussgängern zu suchen sind. den Rasen. Lautes Gelächter erscholl von allen Seiten. Der Mann richtete sich so gerade auf, als es ihm noch möglich war, dann machte er nach allen vier Windrichtungen das Zeichen des Kreuzes und Hess sich ohne ein Wort von ein paar Leuten fortführen, «Wie hat Ihnen das gefallen?» fragte der Oberst Mercedes. «Sie sollten nicht fragen, Herr Oberst!» «Wissen Sie, wer das war?» wandte sich' der Oberst an Eberhard. Der sah ihn fragend an. «Das war der Wundertäter Rasputin!» «Nicht möglich!» «Leider doch. Der Wundertäter Rasputin. Der Berater Ihrer Majestät der Zarin. Der mächtigste Mann in Russland. Sehen Sie — das ist auch ein Stück Asien, aber ein anderes. Ich habe genug! Wenn es Ihnen recht ist, brechen wir auf, denn was jetzt folgt, ist vielleicht wenig geeignet für die Augen einer europäischen Dame.» Man fuhr schweigend nach dem Hotel ; Moskwa zurück.