Aufrufe
vor 3 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.085

E_1933_Zeitung_Nr.085

BERN, Freitag, 13. Oktober 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N» 85 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlsmtag und Freitag Monatlieh „Gel»» Llate" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Ft. 10.—. Im Ausland unter PartomseMag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche BesteUuag 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltcnrainstr. 07, Bern Rappan. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon 28.223 Telegramm-Adreu*: Amtorevue, Bern INSERTIONS-PB.EIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe GnindzeUe odar deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Gröuere Inserate nach Seitentarif. tanratensehhuM 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Weg mit der Verkehrsangst! An einer Strassenkreuzung mittlerer Verkehrsdichte steht eine Frau. Sie betritt den Fahrdamm ; aber schon nach zwei Schritten macht sie wieder kehrt, da ein Auto sich nähert. Beim zweitenmal kommt sie fast bis zur Fahrbahnmitte; da bleibt sie stehen, läuft zwei Schritte zurück, drei vor, wieder einen rückwärts usw. Denn schon wieder ist ein Auto aufgetaucht, und der arme Fahrer schwitzt Blut und Wasser, weil er nicht weiss, welche unvorhergesehenen Bewegungen die Frau auf dem Damm vor ihm poch machen wird. Die skizzierte Entschlusslosigkeit ist ein Ängstgefühl. Solche Menschen getrauen sich nicht, angesichts eines noch ferneren, für sie ganz gefahrlosen Fahrzeuges ihren Weg quer über die Fahrbahn fortzusetzen, aus Angst, sie könnten überfahren werden. Und doch weiss jeder nur halbwegs verkehrsgewandte Stadtbewohner, dass man einen städtischen Verkehrsknotenpunkt auch selbst ohne Verkehrsregelung (Ampeln usw.) gefahrlos und ohne Hast überschreiten kann, wenn man nur die Ruhe bewahrt. «Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!» Dieses geflügelte Wort, schreibt ein Pädagoge in der «Verkehrswarte», hat im heutigen Verkehrsleben hervorragende Bedeutung. Die Verkehrsangst macht den Menschen nervös. Es muss unsere Aufgabe sein, in Elternhaus und Schule das heranwachsende Geschlecht körperlich und geistig zu kraftvollen, zielklar denkenden und handelnden Menschen zu erziehen. Das Ziel muss klar vor Augen stehen. Liebe Eltern, wie haltet Ihr es mit Eurem Kinde? Ihr selbst seid vielleicht abgehetzt, müde, mürrisch infolge geschäftlicher und jäuslicher Widrigkeiten, oft ungeduldig, wie viele Städter zu sein pflegen, mit einem Wort: nervös. Das arme unschuldige Kind muss es ausbaden; das ist Euer Blitzableiter. Heute lasst Ihr ihm alles durchgehen — morgen wird es mit unmotivierter Strenge behandelt. Euer Kind weiss eigentlich niemals: «Werden die Eltern sich nun über dies und jenes freuen, oder werden sie schelten und strafen?» Die Folge wird ein Hinund Herschwanken in seinen Worten und Taten sein; es entsteht im Kinde ein Gefühl der Unsicherheit und Entschlusslosigkeit, das sich von Jahr zu Jahr steigert. Oder aber Ihr behütet Euer einziges Kind F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (14. Fortsetzung) Oberst von Mjassojedow machte einen Schritt zurück; sein gelbes Gesicht war kalkweiss geworden. «Das ist... das ist... eine Falle ist das, die Sie mir stellen wollen! Eine ganz gewöhnliche Falle!» «Aber Herr Oberst! Wozu sollte ich das tun? Sie erinnern sich doch meiner, nicht wahr? Wenn Sie es wünschen, legitimiere ich mich mit Details von Ihrem Aufenthalt in Hatzberg!» «An Ihrer Persönlichkeit zweifle ich nicht. Aber in wessen Auftrag kommen Sie zu mir? Wer bürgt mir dafür, dass Sie nicht...!» «Dass ich nicht für die andere Seite arbeite? Hätte ich es da nötig, Ihnen persönlich gegenüberzutreten? Nein, Herr Oberst — denken Sie doch nach! Es ist doch alles höchst einfach und klar.» Der Oberst hatte sich gefasst. «Bitte, Herr Graf! Wollen Sie Platz nehmen!» «Andr6 Pigeot, bitte, Herr Oberst! Ich möchte diesen Namen beibehalten. • Graf Hatzberg klingt augenblicklich in Petersburg nicht gut!» «wie Euern Augapfel». Das Kind wird von klein auf verhätschelt und ihm jedes Steinchen aus dem Wege geräumt. Und die Folge? Niemals wird dem Kind Gelegenheit gegeben, die kleinste Handlung selbstständig zu erledigen und so seinen Willen und seine Entschlusskraft zu stählen. Auf diese Art erhält man vielleicht gehorsame Kinder, ganz gewiss sogenannte «Muttersöhnchen», aber bestimmt nicht solche, die selbstständige Entschlüsse fassen können. Nervöse und verzärtelnde Eltern sind mit ihren Erziehungsmassnahmen nicht auf dem richtigen Wege. Von klein auf muss das Kind schon unbewusst eine Zielklarheit erkennen, an selbständiges Tun gewöhnt werden und ein sicheres Gefühl dafür bekommen, wie seine Eltern und andere Menschen auf sein Reden und Tun reagieren werden. An diesem Gefühl wird sein Urteilsvermögen geschärft werden, und es wird sich gewöhnen, auch die Folgen zu bedenken. Damit richten sich seine Gedanken aber auf die Zukunft, auf ein noch zu erreichendes Ziel, und ein solches Ziel wird das Kind mit den Jahren immer klarer erkennen und sich bemühen, zu erreichen, wenn es wünschenswert ist*. Damit allein würden wir aber nur Kitkler erziehen, die zwar das Ziel in der Ferne schimmern sehen, jedoch nicht den Weg wissen, um dahin zu gelangen. Mit anderen Worten: Wir würden Kinder erziehen, die vor lauter Ueberlegen nicht zum Handeln kommen. Es fehlt ihnen an Wagemut. Um diesen den Kindern zu geben, muss das Kind Gelegenheit bekommen, an der Erledigung von Aufgaben und Aufträgen seine geistigen Kräfte zu üben und zu stärken. Im Verkehrsleben ist es doch wohl so: Ich will eine Strasse (ohne Verkehrsregelung) mit lebhaftem Verkehr überschreiten. Ziel: Die gegenüberliegende Strassenseite. Weg: Quer durch das Verkehrsgewimmel hindurch. Kurzer Ueberblick über das Verkehrsbild, und mein Entschluss 4st gefasst: Das Auto von links lasse ich erst vorbei; ich schaffe es noch vor dem folgenden Autobus bis zur Strassenmitte; da bleibe ich einen Augenblick stehen; kurzer Ueberblick, dem Motorradfahrer von rechts gebe ich ein Handzeichen, dass er vor mir vorbeifahren soll; der Radfahrer dahinter kann hinter mir vorbei, und schon bin ich drüben am Ziel. Sind Sie «Wie Sie wünschen, Herr — Pigeot! Also: Sie arbeiten für die — Abteilung IIIB?» «Allerdings. Und ich muss sagen, dass ich dabei, das heisst, als ich die russische Mission übernahm, sehr stark mit Ihrer freundlichen Unterstützung gerechnet habe. Sie dürfen mich nicht missverstehen, Herr Oberst. Ich will von Ihnen nichts erfahren, und in Ihrem Verhältnis zu — jener Stelle hat sich selbstverständlich nicht das geringste geändert. Was ich von Ihnen erbitte, ist lediglich, dass Sie mich in Petersburg und eventuell in Moskau ein wenig fördern. Meine Aufgabe ist mehr eine politische als eine militärische. Ich möchte mich über die Stimmung in den russischen Massen unterrichten, die meinen Auftraggebern natürlich nicht unwichtig ist. Augenblicklich vielleicht sogar wich- tiger als der militärische Status.» «Ich begreife! Aber ich muss Ihnen sagen: Es ist schon ein ungeheures Wagnis, nach Russland zu kommen. Ich begreife überhaupt nicht, wie Sie die Grenze passiert haben, wie Sie nach Petrograd hereinkamen.» «Es war gar nicht so schwer. Andre Pigeot ist gewissermassen in einer inoffiziellen Mission seiner, das heisst, der französischen Regierung hierhergekommen. Er soll in den D utilowwerken arbeiten und in den anderen grossen Munitionsfabriken Studien betreiben » «Das ist 1 doch eine verzweifelte Sache! Man wird Sie in zwei Tagen durchschaut haben! Ich würde Ihnen dringend raten, sofort Ihre Sachen zu packen und abzureisen!» «Ich habe auf dem Posten auszuharren, auf den man mich gesetzt hat.» «Auch wenn er mit Ihnen in die Luft geht?» «Auch wenn er mit mir in die Luft geht!» «Sie denken an Anschläge gegen die Fabriken?» «Nein. Zunächst wohl nicht. Das liegt mir auch gar nicht. Ich will vor allem anderen wissen, wie die russische Arbeiterschaft über den Krieg und was mit ihm zusammenhängt, denkt.» * Der Oberst nickte. Der Blick seiner grauen, glanzlosen Augen war wie in eine unendliche Ferne gerichtet. «Sie möchten wissen, wie lange Russland es sich noch gefallen lässt, für die Interessen anderer zu verbluten. Sie glauben vielleicht an eine Revolution. Sie hören den Marschtritt der Arbeiterbataillone! Ihr anderen seid immer Idealisten gewesen, immer mit der Nase in der Luft! Haben Sie denn eine Ahnung davon, wie straff die Arbeiterschaft gerade in den Munitionsfabriken in den Zügeln gehalten wird? Wie hinter jedem Geschossdreher ein Gendarm steht? Dass keine Versammlungen, dass keine Aussprache geduldet wird? Lieber Herr — Pigeot, das sind Dinge, die noch in sehr weiter Ferne liegen. Ja, wenn die radikalen Organisatoren von 1905 im Lande wären, nicht auch der Meinung, dass es eigentlich gar nicht so schwer ist, auch im stärkeren Verkehr ruhig über die Strasse zu gehen ? Nur zweierlei ist notwendig: Schnelle Entschlusskraft und Ruhe. Beide Eigenschaften wird ein an zielklares Denken und Selbsthandeln gewöhnter Mensch besitzen. Hierzu sollen die Eltern den Grundstein legen. Denn es müssen oft genug schnellste Entscheidungen getroffen werden. Wer erst im Gefahrenaugenblick anfängt zu überlegen, der ist meist schon verloren. Auch in der Schule begegnen uns die vorstehend näher gekennzeichneten Typen des unentschlossenen Kindes. Die Eigenart des Schulbetriebes bietet durch die Zusammenfassung von Kinderscharen mit den verschiedensten Charakteren unter einem Führer, dem Lehrer, die Gelegenheit zu einem Ausgleich durch die Ein- und Unterordnung in die Gemeinschaft. Welche Möglichkeiten ergeben sich nun in der Schule, neben diesen allgemeinen Erziehungszielen im besonderen das eine zu pflegen? Die nur tastende Unsicherheit muss durch ein Gefühl der Selbstsicherheit abgelöst werden. Sicherheit kommt aber "nur zum Vorschein, wenn man das Wesen der Dinge kennt und sich Herr über sie weiss. Die Verkehrsangst ist in vielen Fällen weiter nichts als ein Ausfluss von Verkehrsfremdheit, von mangelnden Erfahrungen. Ein Erfahrungsschatz gibt die Kraft und die Fähigkeit, mehr und mehr unbewusst schnell die richtigen Entschlüsse zu fassen. Darauf, aber kommt es im Verkehrsileben an. Verkehr ist nur da gegeben, wo eine Anzahl Verkehrsteilnehmer vorhanden ist. Das Verhalten des Verkehrsteilnehmers A. löst zwangsläufig gewisse Massnahmen bei Verkehrsteilnehmer B. aus (Ausweichen, Bremsen usf.). Wechselnde Entschlüsse bei A. zwingen auch B. zu einem Schaukelspiel. Dieses erzwungene Verhalten von B. wirkt weiter, wie eine Welle, auf Verkehrsteilnehmer C. usf. — ein Unfall ist leider schon manchesmal die Folge gewesen. Die Kinder müssen also mit dem Verkehrsleben vertraut gemacht werden. Das geschieht im Rahmen der Verkehrserziehung. Gar nicht oft genug kann gesagt werden, dass die Verkehrserziehung nicht an der Oberfläche plätschern darf, dass ein nur gelegentliches Reden kaum Erfolg hat. Sehr schöne Gelegenheiten zur praktischen Verkehrerziehung bieten u. a. die gemeinsamen Wanderungen. Die naheliegenden Besonderheiten und Gefahrenquellen des Klassenwanderns, dass dabei nämlich die Kinder sich nur auf die Führung des Lehrers verlassen und an eigene Mitverantwortung nicht denken, müssen besonders beachtet werden. Man, nehme sich ruhig dann und wann einmal die Zeit, die Kinder nicht geschlossen über den Damm zu führen, sondern lasse sie einzeln auch über eine belebtere Strasse in einem fremden Stadtteil hinübergehen. Bei methodischem Aufbau in der Steigerung der Schwierigkeiten sehe ich dabei nicht die geringste Gefahr. Selbstverständlich wird ein ruhiges Gehen verlangt, kein Rennen. Dabei wird der Lehrer immer die Möglichkeit haben, einem fehlerhaften Schülerentschluss rechtzeitig Halt zu gebieten. Man gewöhn« die Kinder daran, dass sie, wenn praktisch, in der Strassenmitte einen Augenblick verweilen. Das ist oftmals sicherer und bequemer als ein Endspurt. , Ganz falsch ist es natürlich, auf Stadtwanderungen ständig den Verkehrsknotenpunkten aus dem Wege zu gehen. Wir würden ja dasselbe tun wie die Mutter, die ihr Kind verhätschelt, oder der Vater, der seinem Sprössling die Rechenaufgaben macht, «weil der Junge sie nicht versteht». Heissen wir soileh elterliches Verhalten etwa gut? Wenn nein, dann müssen wir uns auch in der Verkehrserziehung draussen im Verkehrsleben dazu entschliessen, nicht um schwierige Verkehrspunkte in grossem Bogen herumzugehen. Warum soll man nicht selbst an Verkehrsbrennpunkten bei Gelegenheit das EinzelüberschTeiten üben — immer natürlich mit aller nötigen Vorsicht, und sofern es' sich nicht durch die Verkehrslage (Hindernisbildung durch die wartende Klasse) von selbst verbietet. Ja, alles gut und schön, wird man mir entgegenhalten, aber die Verantwortung! Eine Gegenfrage: Kennt der Lehrer seine Klasse, oder kennt er sie nicht? Weiss er nicht, wie er diesen oder jenen seiner Zöglinge besonders betreuen muss? Dass das «Spazierengehen» in der Stadt oft anstrengender und aufreibender ist als ein.Vormittag in der stillen Schulstube, das wissen wir alle. Ich brauche mein besonderes Augenmerk nur auf die ganz wenigen Unberechenbaren zu richten, die sich bei praktischer Verkehrserziehung immer deutlicher herausschälen, auf die Leichtsinnigen und Aengstlichen. Um den grössten Teil der Klasse brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Bei Schulanfängern ist die Verantwortung natürlich sehr gross. Aber die Sorge wird sich in demselben Masse verringern, in dann vielleicht. Aber die faulen in der Festung oder in Sibirien oder auf Sachalin! Die wenigen, die ins Ausland flüchten könnten, sind ausgesperrt, und nicht eine Zeile Gedrucktes kommt über die Grenze! Nun — Sie wollen ja selber sehen. Sie werden sehen! Russland, so elend es daran ist, ist noch nicht reif. Unsere Niederlagen, unsere Verluste? Ach Gott, wir können noch Millionen von Soldaten aus der Erde stampfen, aus der heiligen russischen Erde Ich rate Ihnen noch einmal: reisen Sie wieder ab!» «Ich muss bleiben!» «Sie dienen als — Patriot?» «Ja, Herr Oberst.» «Ich dachte es mir. Sehen Sie, so merkwürdig ist das, ich verrate Russland — aus Liebe zu Russland!» 12. Eberhard hatte diese Eröffnung mit einem Gesicht hingenommen, das wohl nicht sehr geistreich war, denn der Oberst fuhr fort: «Ich muss Ihnen das erklären. Nämlich: ich' wünsche mich vor Ihnen zu rechtfertigen. Einen Augenblick, bitte!» Er drückte auf einen Knopf; ein Diener in Zivil erschien. «Cognac!» In einem Augenblick brachte der Diener eine grosse Flasche und zwei Gläser. Eberhard wollte dankend ablehnen, aber er er-