Aufrufe
vor 10 Monaten

E_1933_Zeitung_Nr.093

E_1933_Zeitung_Nr.093

BERN, Freitag, lO.November 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 93 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONN EM ENTS-PREISEs Erscheint Jtdeo mtmtm «ad FraltM Monattteb „CMb* H«E>J»hrlleh Fr. 6—, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter PortecnsehftM, Mtern nicht poctamtlieh bestellt. Zusehlag für postamtllebe Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcbeck-Rechmmc 111/414. Telephon 28.223 Telegramm-Adreu«: Autorerne, B«m Der Bund hat die Macht! Bekämpfung der Automobilkonkurrenz durch Erhöhung der Benzin- und Autozölle. Jeder ist sich selbst der Nächste. Und wenn die bernische Regierung in einer Eintabe den Bundesrat ersucht, er möchte den Staat Bern auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens finanziell entlasten, so ist das an und für sich ein löbliches Unterfangen. Soweit wäre die Sache in schönster Ordnung. Indessen kann man alle Dinge auf verschiedene Arten tun. Die Art und Weise aber, wie die besagte Eingabe über die Automobilkonkurrenz als «Entwertungsgrund» der Bahnanlagen herfährt, steht der bernischen Regierung um so weniger an, als doch letzten Endes der Staat Bern, genau wie die übrigen Kantone, nicht die geringsten Hemmungen empfindet, aus dem vielgeschmähten Automobil Millionen herauszupressen. Zugegeben: die männ- .che Offenheit, womit die Eingabe auf ihr Ziel lossteuert, verdient Anerkennung. Ohne Umschweife wird es herausgesagt, dass die Automobilkonkurrenz die ausschlaggebende Erschütterung der Lage der Bahnen herbeigeführt habe. Um hier Remedur zu schaffen, müsse eine «entsprechende Gestaltung der Zölle auf Benzin und Automobilen» eintreten. Die Kampagne gegen das Auto leidet an einem Schönheitsfehler. Oder ist es bloss Diskretion, dass man davon Umgang nimmt, den Schaden, welche die Automobilkonkurrenz verursacht* zu nennen? Wenn die Regierung als Repräsentant der Bahnen schon über das Automobil zu Gericht sitzt, dann wäre es doch wohl selbstverständlich, dass sie wenigstens den Schaden substanziert, der den Bahnen durch den Wettbewerb des Motorfahrzeuges erwächst. Uns will scheinen, dass mit dem Fehlen einer präzisen Angabe über den Einnahmenentgang, welchen das iuto bei den Bahnen hervorruft, die ganze Argumentation in der Luft hange, dass sie sich als Versuch darstelle, die öffentliche Meinung gegen das Motorfahrzeug einzunehmen. In den Belangen der Autokonkurrenz «hat äer Bund den Dingen ihren Lauf gelassen mit einer Passivität, die um so gefährlicher ist, als in der sehr rasch wachsenden Automobilisierung der Schweiz und auch der mit dem Automobil verbundenen, ebenfalls wachsenden Interessen, ein Schutz der Bahnen vor der Automobilkonkurrenz immer schwieriger wird.» So lautet ein anderer Passus der erwähnten Eingabe. Uebereifer hat schon oft zu Entgleisungen geführt! Bis zum Juli 1921 stand der Benzinzoll auf 30 Rp. für 100 kg, dann wurde er — mehr als nur eine Ritzung der Verfassung — auf 12 Franken und am 7. Dezember 1923 auf 23 Franken erhöht. Heute beträgt der Zoll also für das Benzin 170% des Warenwertes, eine Belastung, der sich keine andere Warengattung «erfreut». Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (22. Fortsetzung) « Er hat jedenfalls wie ein Freund an mir gehandelt, Mercedes, und ob sein Fanatismus so unberechenbar ist. wie es scheint, das möchte ich sehr bezweifeln. Ein paar Dutzend Führer von seiner Energie und Tatkraft, von seiner Umsicht und Hingabe sind schon fähig, selbst diese zähe, breiige Masse des russischen Proletariats in Bewegung zu bringen.» Der nächste Vormittag ging damit hin, die Abmeldungsformalitäten zu erledigen; mittags sassen Eberhard und Mercedes im Zug und fuhren dem Süden zu. Eben als der Zug sich in Bewegung setzte wurde die Tür zu dem Abteil aufgerissen : Oberst von Mjassojedow trat ein. Er lächelte spöttisch. «Oh — ich bitte tausenmal um An Zöllen und Steuern holten Bund und Kantone im Jahre 1931 aus dem Motorfährzeug die immerhin bedeutende Summe von 92 Millionen Franken heraus. So sieht die Passivität des Bundes aus, mit welcher er den Dingen den Lauf lässt. Die Eingabe rennt somit offene Türen ein, wenn sie dem Bund •nahelegt, gestützt auf seine Macht, dafür zu sorgen, dass der den Eisenbahnen durch die Automobilkonkurrenz verursachte Schaden hereingebracht werde. Seine Macht hat der Bund das schweizerische Automobilwesen bereits ausgiebig fühlen lassen. Dass im gegenwärtigen Moment, wo unsere gesamte Volkswirtschaft unter der Last der Krise schwer leidet, der Bund angerufen wird, um durch einen Akt seiner Staatsgewalt wichtige Teile unseres Wirtschaftslebens noch weiter der Verkümmerung preiszugeben, will uns nicht in den Kopf hinein. Als quantitS negligeable kann und darf unser Automobilwesen nicht behandelt werden. Zuviel steht dabei auf dem Spiel. In den Motorfahrzeugen der Schweiz war Ende 1931 ein Wert von 1,1 Milliarden Franken investiert. Dazu kommt der Teil unseres Volksvermögens, der in den Automobilfabriken, Karosseriewerkstätten, Zubehörfabfiken, Reparaturwerkstätten, Garagen, im Benzinhandel usw. angelegt ist. Die Zahl der Angestellten, Arbeiter, Chauffeure usw., denen das Automobil ihr tägliches Brot gibt, beziffert sich auf über 25,000. Dabei sind in diesen Zahlen nicht einbezogen alle Kapitalien und Personen, welche in andern Wirtschaftsbranchen tätig, zum Teil aber doch auch vom Automobilismus abhängig sind, wie z. B. im Fremdenverkehrsgewerbe. Die Prosperität unserer Hotellerie, soweit davon überhaupt die Rede sein kann, ist heute in nicht geringem Masse eine Funktion des Automobilverkehrs geworden. Selbst die bernische Regierung muss eingestehen, dass mit dem Automobil stets wachsende Interessen verbunden sind. Doch diese Interessen hätten vor denjenigen der Bahn zurückzutreten, weil sie dem Schienenverkehr unbequem werden. Man will also das Motorfahrzeug, das sich als entwicklungsfähig erwiesen hat, den Eisenbahnen opfern, weil diese, wie die bundesrätliche Botschaft zum SBB-Budget 1934 sagt, mit unfruchtbaren Auswüchsen behaftet, in ihrem Gang zu kompliziert, den allgemeinen Bedürfnissen unserer Zeit nicht angepasst sind, weil der Betrieb unkaufmännisch gestaltet ist, weil sie in ihrer finanzielen Struktur erstarren. Warum erlässt der Bund Einfuhrbeschränkungen für ausländische Motorlastwagen, wohlverstanden zum Schutz unserer eigenen Lastautoindustrie, wenn auf der andern Seite der freien, natür- Verzeihung ! Ich konnte nicht ahnen...! Vielleicht gestatten Sie, Madame, dass ich bis zur nächsten Station hier Platz nehme ? » « Wir haben nur Anspruch auf zwei Plätze, Herr Oberst», sagte Mercedes kühl. «Bitte !» Der Oberst warf seine Mütze in das Gepäcknetz, legte den Säbel ab und setzte sich in die eine Ecke an der Tür. Eberhard und Mercedes hatten die beiden Fensterplätze inne. «Ich wusste gar nicht, dass die Herrschaften die Absicht hatten, zu verreisen ! Es ist nicht schön von Ihnen. Herr Pigeot, dass Sie sich nicht von mir verabschiedet haben! » Das klang alles sehr kühl und überlegen. Eberhard entschloss sich, auf diesen Ton einzugehen. « Wir hatten leider nicht mehr Zeit. Ihnen Adieu zu sagen, Herr Oberst. Und da wir in kurzem wieder nach Petersburg zurückkehren werden, war es vielleicht auch nicht nötig. Von den freundlichen Gesinnungen des Herrn Obersten für uns sind wir ia ohnedies liehen Entwicklung unseres motorischen Verkehrs Dämme entgegengesetzt werden sollen? «Die SBB wiesen schon lange auf die kommende Gefährdung des Bundesbahnvermögens und damit des Bundesvermögens durch die Automobilkonkurrenz hin», liest man in der mehrfach zitierten Eingabe. Unserem j Nationalvermögen scheint jedoch eine min- ' destens ebenso grosse, wenn nicht grössere Gefahr zu drohen darin, dass der Automobilverkehr durch das Mittel einer Benzinzollerhöhung erschwert und gehemmt wird. Auch am Automobilwesen geht die Krise nicht spurlos vorüber, worauf die SBB selbst aufmerksam machen, wenn sie in ihrem Geschäftsbericht 1932 die Bemerkung einflechten, die Automobileinfuhr habe gegenüber 1931 eine Verminderung um 874 Fahrzeuge ! aufzuweisen. Dazu gesellt sich das weitere . Moment, dass die gegenseitige Konkurrenj zierung der Automobilunternehmungen heute nur noch geringe Verdienste übrig lässt. Eine neue Steigerung der Betriebsspesen wird die ohnehin geschwächte Widerstandskraft zahlreicher Firmen vollständig brechen und sie zugrunde richten. Nicht nur das: auf eine Verteuerung des Brennstoffes wird auch der Verkehr der Personenautomobile sofort mit einer Abnahme reagieren, weil der Automobilbetrieb dadurch seine Wirtschaftlichkeit einbüsst. Aus diesen beiden Komponenten ergibt sich als Resultante eine Abnahme aller durch das Automobil gegebenen Beschäfti- •gungsmoglicfikeiten. Damit aber erhält das Heer der Arbeitslosen neuen Zuwachs. Dass dieser Fall eintreten würde, unterliegt keinem Zweifel. Um dem Begehren nach einer entsprechenden Gestaltung der Zölle auf Benzin und Automobilen den erforderlichen Nachdruck zu verleihen, zitiert die Eingabe eine Stelle aus einer Rede von Bundesrat Pilet-Golaz, dahinlautend, das Automobil werde mithelfen müssen, den Minderwert der SBB, den es zum grossen Teil verursacht habe, zu tilgen. Schon die einfache Rechnung, dass der Bund aus dem Benzinzoll 44 Millionen, abzüglich das Viertel für die Kantone, somit 33 Millionen und aus den Automobilzöllen 19 Millionen, total also 52 Millionen geschöpft hat, währenddem die Bundesbahnen ihren Einnahmenausfall aus der Autokonkurrenz auf 30 bis 40 Millionen angeben, zeigt mit aller Deutlichkeit, dass man Mittel und Wege gefunden hat, um das Automobil weit mehr als nötig, zur «Tilgung» des Minderwertes heranzuziehen, welchen die Bahnen durch das Auto erleiden sollen. Herr Bundesrat Pilet hat aber auch noch andere Dinge gesagt, welche mit der Wertverminderung der Bahnen in Verbindung gebracht werden müssen: «Die Gründe, weshalb die Bundesbahnen teiden, sind ganz allgemeiner Art. Wir können ihnen nicht atisweichen. Sie sind aber nicht in spezifisch schweizerischen Umständen zu suchen .. Di« Bundesbahnen mit einem Kapital von faßt drei überzeugt, besonders nach der letzten Liebenswürdigkeit, die freilich sehr zu Ihrem Bedauern nicht so ausgefallen ist, wie Sie, Herr Oberst, es vorgesehen hatten. > < Sie belieben in Rätseln zu sprechen, Monsieur Pigeot. Aber gleichviel! Ich weiss, dass Sie jetzt nach Moskau fahren. Sie denken vielleicht, bis dahin reicht der Arm dieses Obersten Mjassojedow nicht. Aber ich kann Sie versichern : das ist ein grosser Irrtum ! » «Ich bin überzeugt davon, dass uns Ihre Liebenswürdigkeit auch in Moskau immer umgeben wird. Aber Sie dürfen mir ebenfalls glauben, Herr Oberst, wenn ich Ihnen sage, dass meine Petersburger Sicherungen auch in Moskau funktionieren werden. Man sorgt ja beizeiten vor, Herr Oberst, wenn man es mit Ihnen zu tun hat.» «Wenn man Sie sprechen hört, möchte man wirklich glauben, dass Sie nicht noch ein blutiger Dilettant in Ihrem Handwerk sind! Respekt! Ihre — Frau Gemahlin scheint Ihnen ordentlich Unterricht gegeben HVSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 nun hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nacb Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Milliarden und einer Betriebsrechnung von 400 Millionen haben keinen Rappen Reservefonds. Wie sollen sie also eine Krise wie die gegenwärtig« überstehen?... Verbesserungen im Betrieb im Transportwesen werden nötig sein. Man muss anerkennen, dass heute, wo wir noch andere Beförderungsmittel als die Bahnen besitzen, gewisse Transporte auf diese neue Art besser durchgeführt werden, als bei den früheren Transportmitteln. Es ist nutzlos, das zu leugnen. Es wäre noch gefährlicher, sich dagegen erheben zu wollen. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht und passen wir uns ihr an ... Das Automobil stellt den Fortschritt dar. Man unterdrückt den Fortschritt nicht, vielmehr bedient man sich seiner wo es nützlich ist. Worüber wir uns Klarheit verschaffen müssen, das ist die Ziehung der Grenze zwischen Automobil und Eisenbahn, nicht aber die Frage, wie man das ein« dem andern unterordnen könnte. » Das sind wesentlich andere Töne, als sie uns aus der Eingabe der bernischen Regierung entgegenschallen. Nicht das Auto hat, um mit ihr zu reden, die ausschlaggebende , Erschütterung der Finanzlage der Bahnen herbeigeführt, sondern die Krise, die Ueberkapitalislerung der Bahnen und der Mangel an Reserven. Das muss einmal mit aller Deutlichkeit betont werden. Herr Bundesrat Pilet bezeichnet das Automobil als den Fortschritt, den sich die Bahnen nutzbar machen 1 sollten, anstatt dass man es unterdrückt. Gerade auf eine Unterdrückung des motorischen Verkehrs aber laufen die Anregungen des bernischen Regierungsrates hinaus, und zwar, was der Sache einen noch unsympathischeren Beigeschmack gibt, soll ein Diktat der Staatsmacht diese Aera inaugurieren. Durch den Uebergang der Automobilgesetzgebung an den Bund seien die Kantone der Autokonkurrenz stärker ausgesetzt als zuvor, der Schutz gegen diesen Wettbewerb sei durch die Bundesgesetzgebung gefallen, wird in der Eingabe behauptet. Wie verhält es sich damit? Zum ersten hat das eidg. Motorfahrzeuggesetz dem Automobil eine starke Erhöhung der Versicherungsprämien beschert, was auf die Entwicklung dieses Verkehrs sicherlich nicht stimulierend wirkt. Zum andern, um nur dieses eine Beispiel noch anzuführen, hat die bundesrätliche Vollziehungsverordnung die Höchstgewichte für Lastwagen auf 8 Tonnen beschränkt und die Zweiachsanhänger verboten. Darf angesichts solcher Bestimmungen noch der Ausspruch gewagt werden, der Bund habe durch seine Automobilgesetzgebung eine Bresche in den Wall geschlagen, der früher die Kantone gegen die Konkurrenz des Motorfahrzeuges schützte? Erleichterung von den Lasten der Dekretsbahn ist der Endzweck, welchen die bernische Regierung mit ihrer Eingabe an den Bundesrat verfolgt. Einwendungen gegen eine solche Absicht zu erheben, liegt kein Anlass vor. Wogegen wir jedoch Front machen, das ist die Art und Weise, wie in der Eingabe gegen das Automobil Sturm gelaufen, wie unverblümt an den Bund appelliert wird, damit e. auf Grund seiner Machtbefugnisse das Motorfahrzeug in Fesseln lege. 22 zu haben! Sie versteht sich ja auf dergleichen Dinge!» «Ich kann Sie nicht hindern, meine Frau zu kränken und zu beleidigen, aber ich kann Sie vielleicht aus dem Coupefenster hinauswerfen, wenn Sie allzu ausfallend werden. Der Zug hat gerade dafür jetzt das richtige Tempo!» «Oh, oh! Seien Sie doch nicht so agressiv, Herr Pigeot! Glauben Sie mir, Sie "erreichen damit gar nichts. Warum wollen wir uns nicht vertragen? Lassen Sie Madame in der nächsten Station aussteigen und mit mir nach Petersburg zurückfahren, und Sie können meinetwegen reisen, wohin Sie wollen. Was liegt Ihnen schon daran! Sie müssen doch an derartige Eskapaden der Gnädigen schon gewöhnt sein!» Eberhard war blass bis in die Lippen geworden; der Oberst hatte die Stelle getroffen, an der er am empfindlichsten war. Er stand auf und setzte sich Mjassojedow gegenüber. Dieser sah ihn mit einem tückischen Blick an, rührte sich aber nicht.