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E_1933_Zeitung_Nr.096

E_1933_Zeitung_Nr.096

BERN, Dienstag, 21.November 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 96 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Enehetnt laden Dienstag und Itoltag Monatlich „Gelb« Ltoto" HubJUmeh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznsehlag, •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Ttlapbom 2&22S Talecramm-AdreM«: AutoreTU«, B«n INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grouere Inserate nach Seitentaril. Inseratensehlnss 4 Tage vor Encbelnen 4er Nummern Grundsätzliches zum Ausbau der Alpenstrassen Wer aus eigener Erfahrung besonders den Zustand unserer Alpenstrassen kennt, der weiss wohl am besten, dass es damit sehr schlecht bestellt ist. Vergleiche mit den Nachbarstaaten beweisen unwiderlegbar, dass die Schweiz als Reiseland par excellence nicht nur merkbar ins Hintertreffen geraten ist, sondern den Anschluss bereits verpasst, wenn nicht auf Jahre hinaus verloren hat. Wir wollen uns keine Scheuleder vor die Augen binden, sondern mit aller Offenheit feststellen, wie die Verhältnisse eigentlich liegen und was wir endlich tun müssen, um im Ausland nicht als noch rückständiger wie wir bereits sind, vermerkt und behandelt zu werden. Durch die ständige Zunahme des Automooilverkehrs in allen Ländern der Welt ist die Frage des weitern Ausbaues und der Anpassung der nationalen Strassennetze an die neuzeitlichen Verkehrs-Erfordernisse innert wenigen Jahren zu einem innerpolitischen Problem 'allerersten Ranges geworden. In Regierungs- wie in Wirtschaftskreisen ist man sich der grossen Bedeutung eines modernen Strassensystems bewusst, so dass hinsichtlich der Notwendigkeit des weiteren Ausbaues keine Zweifel mehr bestehen sollten. Eindeutig hat die bisherige Entwicklung bewiesen, dass sowohl in wirtschaftlicher wie in sozialer Beziehung das Automobil wegen seiner grossen Leistungsfähigkeit und seinem leichten Anpassungsvermögen innerhalb des heutigen Transportsystems ein nicht mehr wegzudenkendes Verkehrsmittel darstellt. Während das Ausland unbeachtet der überall herrschenden Bahndefizite, in grosszügi- Weise an den Ausbau der Strassennetze herangetreten ist, lassen sich die diesbezüglichen Verhältnisse bei uns, speziell in den Alpenkantonen, mit veralterten, unzeitgemässen Zuständen vergleichen. In den beiden letzten Jahrhunderten hatte man es als eine unumgängliche Notwendigkeit befunden, über die wichtigsten Pässe für damalige Verkehrsverhältnisse ausgezeichnete Alpenstrassen zu erstellen, von denen die Bauten über den Umbrail und den Klausen die letzten sind. Heute aber, wo der Passverkehr in ungeahnter Weise durch den Automobilismus zugenommen hat, begnügt man sich mit kleinen F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (25 Fortsetzung) Eberhard und Mercedes hatten keinen An- Iass, mit der Gastfreundschaft, wie sie ihnen hier entgegengebracht wurde, unzufrieden zu sein. Wladimir Sergejewitsch Semenow suchte sein anfängliches Misstrauen dadurch wieder gutzumachen, dass er alle Leckerbissen herbeischaffte, die sich in seiner Traktyr fanden. Buturlin hatte ihm begreiflich gemacht, dass er hervorragende Mitglieder der Partei aus dem Auslande beherberge, und Semenow wollte sich das Frühstück nicht bezahlen lassen, als Eberhard und Mercedes sich gesättigt hatten. Eberhard bestand aber darauf — so weit wollte er doch nicht gehen, dass er sich Geschenke machen Hess. Und diese armen Leute hier hatten wahrscheinlich selber nichts übrig. Im Laufe des Tages wurden Ephraim und Rahel Zobelsohn in dem Stadtteil südlich der Moskwa in der Nähe des Pawlowskij-Hospitals einquartiert; in einem bescheidenen Häuschen erhielten sie ein zu ebener Erde gelegenes kleines Zimmer, das zwei niedere Flick- und Verbreiterungsarbeiten. Eng gezogene Kantonsgrenzen verunmöglichen einen grosszügigen Ausbau, und dort, wo noch Ansätze zu einem solchen vorhanden sind, beschränken sich diese auf nur kurze Distanzen. Wohl sind es zum grössten Teil finanzielle Bedenken und die Beherrschung des Strassenbaues durch die Kantone, welche unsere Rückständigkeit bedingen. Doch sollte es scheinen, dass in Anbetracht der auf dem Spiel stehenden Vorteile diese Hindernisse bei gutem Willen ebenfalls überwunden werden können, nachdem selbst ein verarmtes und in seiner wirtschaftlichen Existenzfähigkeit stark bedrängtes Oesterreich in der Lage ist, zum Teil mit schweizerischen Kapitalien, 'an den Ausbau seiner grossen Alpenrouten heranzutreten. Italien und Frankreich, beides Staaten, die ebenfalls von enormen Kriegslasten hart gedrückt werden, haben doch auch den Mut und die Kraft aufgebracht, ihr bedeutend grösser dimensioniertes Strassennetz den Erfordernissen der Neuzeit anzupassen. Wenn auch nicht direkt, so machen sich die Aufwendungen für den Strassenbau doch indirekt mehr als bezahlbar, hat sich doch nach dem Ausbau und der Verbreiterung der Strasse Ventimiglia — San Remo—Genua nach den ersten neun Monaten die Automobilfreejuenz in San Remo um nicht weniger als 90,000 Wagen erhöht, was auch unter-den bescheidensten Berechnungen eine ganz bedeutende Zunahme der Logiernächte-Quote bedeuten dürfte. Aehnlich werden sich die Verhältnisse- auch bei uns entwickeln, und welche Beziehungen zwischen belebtem Fremdenverkehr, Gewerbe und Handwerk bestehen, braucht wohl kaum des Nähern erläutert zu werden. In weiten Kreisen unseres Volkes ist man sich denn auch der Bedeutung eines gut ausgebauten Strassennetzes wohl bewusst und anerkennt zum Teil die vom Automobilismus auf die gesamte Wirtschaft ausströmende Belebung und Aktivierung. Vergleichen wir aber die in verschiedenen Kantonen herrschenden Strassenzustände mit den durch die rapide Entwicklung des Automobilismus bedingten Erfordernissen, so kann man feststellen, dass es da und dort noch ganz bedenklich hapert. Deutlich kann man des öftern am Strassenzustand den genauen Qrenzverlauf zwischen einzelnen Kantonen ersehen. Oft sind auch Ueberlandstrassen gut ausgebaut, doch befinden sich die an derselben Route liegenden Gemeindestrassen in miserabler Verfassung. Daraus erkennen wir sofort, aus welchen Gründen bei uns ein Fenster nach dem Garten zu hatte. Das Häuschen gehörte einem Arbeiter, der zur Organisation zählte. Er war in einer der Munitionsfabriken beschäftigt, den ganzen Tag nicht sichtbar. Seine Frau, eine Schwedin, hielt auf grosse Reinlichkeit und sprach soviel Französisch, dass Mercedes sich mit ihr verständigen konnte. Sie war Tänzerin gewesen, hatte bei einem Unfall ein Bein gebrochen und ihren Beruf nicht mehr ausüben können, — erzählte sie Mercedes. In Wirklichkeit hatte ihr Mann sie aus einem unzweideutigen Hause geholt. Zwischen ihr und Buturlin schien ein besonders inniges Einvernehmen zu bestehen. Jedenfalls war sie unverhältnismässig hübsch und von einer nicht alltäglichen Intelligenz. Eberhard berichtete, was ihm notwendig schien, an seinen Chef nach Berlin und übergab das Schriftstück Buturlin. Er hatte auch bekanntgegeben, wo er augenblicklich zu erreichen war. Nun gaben er und Mercedes sich ein wenig der Ruhe hin, die ihnen nach den Aufregungen und Fahrten der letzten Tage nicht unwillkommen war. Der heisse Sommer mündete langsam in einen angenehm milden Herbst. In dem kleinen Gärtchen vor den niedrigen Fenstern blühten die Blumen; Vögel sangen, und aus einem wunderbar blauen Himmel lachte die Sonne. Hier war Frieden, Ruhe — man grosszügiger Strassenbau verunmöglicht wird. Wohl wird in einzelnen Kantonen Anerkennenswertes und Grosses für den Strassenbau geleistet; wenn aber in andern, direkt angrenzenden Ständen das Gegenteil der Fall ist, dann bleibt allerdings der Ausbau nur Stückwerk, denn im Automobil will man Distanzen zurücklegen, will man vorwärts kommen und nicht auf abwechselnd guten, mittleren oder schlechten Strassen fahren. Blicken wir über unsere vier Grenzpfähle hinaus, so wird einem bald klar, dass dort nicht Gemeinde-, Bezirks-, Kantons- und noch andere Grenzlinien der Entwicklung hindernd im Wege stehen. Alle Achtung vor den föderalistischen Staatsprinzipien, wenn diese aber mehr Schaden stiften als dass sie Nutzen bringen, wie dies im Strassenverkehr der Fall ist, dann gilt es im Interesse der Allgemeinheit, über kleinliche Lokalrücksichtsnahmen herauszukommen und die grossen Linien des Verkehrs zu erkennen. Im besondern ist diese Forderung für den Ausbau der Alpenstrassen anzuwenden. Blicken wir auf die bisherigen Bestrebungen, die den Ausbau der hauptsächlichsten Passstrassen zu verwirklichen versuchen, zurück, so wird man zugeben müssen, dass es äuserst mühsam, harzig und schwerfällig vorwärts geht und es noch vollkommen unsicher ist, ob in absehbarer «Zeit auch etwas Positives erreicht werden kann. Es sind nicht etwa die hinter dem Alpenstrassenbauprojekten stehenden Initianten, die für die langsame Entwicklung, mitverantwortlich sind, sondern es sind die politischen Institutionen unseres Landes, die als Bremsklötze für dieses «Tempo» angesehen werden müssen. Während sich der Automobilismus bei uns «nd im Auslande immer mehr entwickelt, der internationale Autotourismus immer grossere Dimensionen annimmt, und in Italien, Frankreich und Oesterreich in mehr oder weniger grosser Entfernung von der Schweizergrenze leistungsfähige Alpenstrassen erstellt, ausgebaut, verbreitert und vorzüglich markiert werden, haben wir in unserem Lande, dem Land des klassischen Fremdenverkehrs, in dieser Hinsicht noch herzlich wenig unternommen. Die finanziell schwachen Bergkantone übernehmen zugegebenermassen grosse Lasten, um ihre Strassen doch auch nur einigermassen den veränderten Erfordernissen anzupassen. Dass diese Arbeiten nur Wassertropfen auf einen heissen Stein sein können, ist in Anbetracht der Strassenlänge, der vielen Kunstbauten und der topographischen ahnte kaum die grosse Stadt, in der man sich doch befand. Aber Frieden, Ruhe, Blumenduft und Vogelsang gehörten nicht in das Lebensprogramm von Eberhard und Mercedes, oder doch nur als gelegentliche freundliche Beigaben. Denn draussen war Krieg. Draussen kämpften die Völker. Draussen wurden die Menschen zu Tausenden zerschmettert, vergiftet, zerstückelt. Und beide empfanden es fast als ein Verbrechen, hier in Ruhe und Frieden zu leben, während sich ferne das Furchtbare begab, durch das die Menschheit sich selber preiszugeben schien. Mercedes war von ihrem Aufenthalt in Russland am wenigsten befriedigt. Eberhard konnte sich sagen, dass er einiges Wesentliche geleistet hatte. Aber Mercedes empfand diesen Trost nicht. Sie, vor ihrem Zusammenleben mit Eberhard ganz auf Tätigkeit, auf gefahrvollste Tätigkeit eingestellt, hatte schon in Petersburg ihre Tage vertun müssen mit einer Lektüre, die sie schal und langweilig dünkte. Keine Aufgabe, die ihr gegeben wurde! Sie feierte notgedrungen. Warum? Weil sie sich dazu verstanden hatte, die Frau eines Mannes, und nur dies zu sein. Gewiss, — für Tausende mochte das ein beglückender Gedanke sein, aber Mercedes glich diesen Tausenden nicht. Sie liebte Eberhard, heute vielleicht mehr als je, weil Lage der Passrouten einerseits, der wirtschaftlichen Struktur der Bergkantone anderseits, mehr als verständlich. Da kann nur grosszügige eidgenössische Hilfe Remedur schaffen. Die über 50 Mill. Franken betragenden Bundeseinnahmen aus Benzin- und Autozöllen (exkl. Benzinzollviertel) würden bedeutend nutzbringender verwendet werden, wenn man die Hälfte dieses Betrages während einigen Jahren zum Alpenstrassenausbau verwenden würde, denn dadurch wäre vielen Bergbauern, welche man doch angibt, am stärksten unter den gegenwärtigen Verhältnissen unterstützen zu müssen, geholfen« Nicht nur könnten diese Bauern am Strassenbau beschäftigt werden, sondern sie wären auch in der Lage, ihre landwirtschaftlichen Produkte infolge der Belebung des Gastwirtschaftsgewerbes, welcher Erwerbszweig direkt am meisten durch den Strassenbau profitieren würde, leichter als bisher abzusetzen. Viele nicht anderswo in der Landwirtschaft unterzubringende Arbeitskräfte würden zudem in der Hotellerie lohnende Saisonbeschäftigung finden, wodurch sich eine doppelt fühlbare Entlastung des Arbeitsmarktes ergeben würde. Allerdings ist es unerlässlich, dass sich die einheimische Hotellerie einiger Umstellungen unterzieht und sich speziell dem Autotourismus anzupassen versucht, soweit dies nicht bereits geschehen ist. Namentlich die jüngere Generation, der das Wänderblut in den Adern steckt, wünscht zu etwas einfacheren Gastwirtschaftsformen zurückzukehren. Ein währschaftes Essen ist ihr lieber als eine grosse Menukarte mit allerhand kulinarischen Extraplatten. Der eidg. Finanzminister wird wohl kaum jährlich 25 Mill. Franken aus den Benzinzöllen für den Alpenstrassenausbau bereitstellen wollen, weil das Bundesbudget bekanntlich recht knapp bemessen ist; doch würde man die vielen Subventionen und Subventiönchen etwas näher unter die Lupe nehmen, so Hesse sich mancher fette Posten mit der angedeuteten Verwendung in Ueberemstimmung bringen und wäre besser investiert, als in den vielen bodenlosen Subventionsbegehren, die vielfach aus politischen Erwägungen heraus gewährt werden müssen und eine wirkliche Anpassung der verschiedenen Wirtschaftszweige an die Zeitumstände nur verzögern. Und wenn sich der Staat ein wenig mehr als bisher nach der Decke strecken und sich etwas bescheidener aufführen würde, könnte es auch nichts schaden, wodurch wiederum mancher Batzen für den Strassenbau übrig bliebe. Wohl wird man da und dort erwidern, dass die bestehenden Anlagen für den «Hausge- sie erkannt hatte, was für ein wertvoller Mensch er war. Aber sie war nicht geschaffen, nur zu lieben. Sie war dazu da, mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft, wenn es sein musste, mit dem Einsatz ihres Lebens, auf der gefahrvollen Bahn weiterzugehen, die sie beschritten hatte — dass sie das nicht konnte, machte sie nervös, ungeduldig. Dass sie den Gedanken weit zurückschob, dass die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe, wie sie sie verstand, gelegentlich auch das Opfer ihrer Weiblichkeit verlangen konnte, machte sie nicht zufriedener mit ihrem Lose. Jetzt schien sie müde, abgespannt. Eberhard schrieb das den Aufregungen zu, die sie durchgemacht hatte, aber sie wusste: es war der Mangel an Aufregungen, der sie krank machte. Und sie durfte es aus Rücksicht auf Eberhard nicht einmal sagen! So vergingen die Tage, die sehr schön hätten sein können, in Ungeduld und Qual. Eberhard arbeitete wohl; er las die Blätter genau und fand manches, das der Mühe wert war, weitergegeben zu werden. Sie half ihm bei der Abfassung seiner Berichte, deren Beförderung nach wie vor Buturlin besorgte. Aber das war doch meist nichts anderes als ein geschäftiger Müssiggang, der nicht imstande war, ein Leben auszufüllen. Bis eines Tages ein Brief kam, der nur ein Wort enthielt: