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E_1933_Zeitung_Nr.097

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BERN, Freitag, 24.November 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang - N° 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen t ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Ft. 10.-. Im Ausland unter Portoztischlag, Htm Dicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Betteilung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Post check-Rechnung II1/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIÖNS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen ans dem Ausdand 60 Cti. Gröuere Inserate nach Seitentarif. imerBtensehluss 4 Tage vor Erscheinen 'er Nnmmern Unfallverhütung mit psychologischen Mitteln Dr. F. Bossart, Psychotechnisches Institut, Zürich. I. Allgemeines. in der Persönlichkeit des Einzelindividuums In den letzten zwei Jahrzehnten ist diebegründet ist, hat sich das Interesse vieler Idee der Unfallverhütung mit psychologischen Forscher zugewendet und es sind Methoden Mitteln fast in allen Kulturstaaten intensiv geschaffen worden, die es ermöglichen, solche vertieft und gepflegt worden. Aus der schon unfallgefährdeten Individuen zu erkennen und sehr reichhaltigen Literatur ergibt sich, dass festzustellen. Das Ziel dieser Forscher ist besonders in Amerika und England der Gedanke der psychologischen Unfallverhütung viduen, beispielsweise unter den Motorfahr- also, diese als «Unfäller» bezeichneten Indi- bereits praktische Gestalt angenommen hat zeugführern, zu eliminieren. Zum Beweis dafür, dass es Unfäller gibt, sind fast überall und schon weit über das Versuchsstadium hinaus gediehen ist. Auch in Frankreich, Statistiken gemacht worden, die ergeben, dass Deutschland und Oesterreich wird an diesem ein relativ kleiner Prozentsatz von Personen Problem ständig gearbeitet. einen grossen Prozentsatz aller Unfälle auf Durch die Verwissenschaftlichung der Betriebsführung ist man dazu gekommen, auch beispielsweise Prof. Lipmann im Lehrbuch einem bestimmten Gebiet verursacht. So hat das Problem der Unfallverhütung systematisch zu pflegen. So wie man in der wissen- veröffentlicht über Unfälle von Kraftwagen- der Arbeitswissenschaften 1932 eine Statistik schaftlichen Betriebsführung jeden Fehler und führern, die das Gesagte belegt. Er stellte jede Unwirtschaftlichkeit im Entstehen zu fest, dass von 3000 Kraftwagenführern in erkennen sucht, um einen Weg der Bestgestaltung der Arbeit zu finden, so kommt man Führer allein 20 Prozent der Unfälle, d. h. Chikago im Laufe von sechs Monaten 150 auch dazu, die Unfallursachen in ihren Anfängen zu erforschen und zu beseitigen. Die haben und 390 Führer 26 Prozent der Unfälle, also sechs Unfälle pro Mann, herbeigeführt Tatsache, dass letzten Endes jeder Unfall das macht drei Unfälle pro Mann. Die restlichen 54 Prozent der Unfälle verteilen sich seine Ursache im Verhalten eines Menschen hat, legt es nahe, die Unfallverhütung mit auf die übrigen 2460 Mann, die also nur je psychologischen Mitteln zu betreiben. einen Unfall hatten. Sehr interessant sind Die praktische oder angewandte Psychologie und vor allen Dingen die Psychotechnik versität Würzburg), der ein Pionier auf dem auch die Statistiken von Prof. Marbe (Uni- hat in den letzten Jahren auch in der Schweiz Gebiete der Unfall-Psychologie ist und der Fortschritte gemacht, die ihre Vertreter dazu berechtigen, das Problem der psychologi- Statistik festgestellt hat, dass die Unfall- durch eine sich über zehn Jahre erstreckende schen Unfallverhütung aufzugreifen und praktische Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen. nen Statistiken von der Annahme aus, dass neigung tatsächlich besteht. Er ging bei sei- Da die Unfälle, die durch Motorfahrzeuge die Unfallwahrscheinlichkeit eines Menschen beim heutigen Verkehr verursacht werden, (innerhalb einer bestimmten Gefahrenkategorie, also z. B. Automobilfahrer) nach nicht nur die staatlichen Organe, sondern die der grosse Allgemeinheit des Volkes und vor allen Dingen die Motorfahrzeugführer selbst lebhaft beschäftigen, so scheint es uns angezeigt zu sein, an dieser Stelle einmal die Möglichkeiten zu besprechen, die von unserem Standpunkt aus zur Bekämpfung der Automobilunfälle in Frage kommen und nutzbar gemacht werden könnten. Literatur. Die Unfallforscher sind sich fast allgemein darüber einig, dass es Menschen gibt, die in erhöhtem Masse zu Unfällen neigen und die daher von allen Betätigungen, bei welchen durch die objektiven Umstände Unfälle relativ leicht vorkommen können, ferngehalten werden sollten. Dieser «Unfall-Affinität», die F E U I L L E T O N Der geheime Kampf. Roman von Philipp Klein. (26. Fortsetzung) Der Major dachte eine Weile nach. «Ich Ihnen die Fesseln abnehmen lassen», sagte er schliesslich, «aber nicht aus den Gründen, die Sie genannt haben. Sondern weil sie überflüssig sind. Sie reisen selbstverständlich unter militärischer Eskorte, und ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie bei einem etwaigen Fluchtversuch glatt niedergeschossen werden. Uebrigens — wenn Sie wirklich ein Deutscher sind: ich verstehe auch ein wenig Deutsch. Ich kenne die hauptsächlichsten Ihrer klassischen Dichter. Können Sie mir ein Gedicht von Schiller aufsagen?» Die Situation fing an, humoristisch zu werden. «Kennen Sie die .Bürgschaft', Herr Major?», fragte Eberhard. «Ich glaube mich zu erinnern —» Und Eberhard begann: «Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich. •.» Wohl nie ist unter ähnlichen Umständen Schiller als Legitimation herangezogen worden! Nachdem Eberhard fünf Strophen der Ballade nicht ohne Pathos deklamiert hatte,, winkte der Major Zahl der früheren Unfälle gemessen werden könne. Personen, welche z. B. innerhalb von fünf Jahren mehrere Unfälle gehabt haben, werden in den unmittelbar folgenden fünf Jahren durchschnittlich wieder mehr Unfälle erleiden oder verursachen als solche Personen, die in den ersten fünf Jahren nur einen oder gar keinen Unfall erlitten haben. Die Richtigkeit dieser Behauptung belegt Marbe statistisch und stellt diejenigen Personen, die im Zeitraum der ersten fünf Jahre einer abgeschlossenen Versicherung keinen Unfall erlitten haben, solchen Personen gegenüber, die im selben Zeitraum nur einen Unfall und solchen, die in den ersten fünf Jahren mehr als einen Unfall erlitten haben. Er vergleicht alsdann die Anzahl der Unfälle dieser drei lächelnd ab. Er war zufrieden. «Ich will in Ihrem Interesse hoffen, dass es mit Ihren anderen Angaben auch seine Richtigkeit hat», sagte er jetzt, nicht unfreundlich. «Dass Sie ein Deutscher sind, glaube ich nun. Und es ist auch richtig, dass Sie gegen uns noch nichts unternommen haben können. Ich werde also dafür sorgen, dass Sie die Fahrt nach Sofia unter nicht allzu beschwerlichen Umständen unternehmen. Ich gebe Ihnen einen Offizier mit. Und die Fesseln lasse ich Ihnen auf meine Verantwortung abnehmen.» Immerhin machten Eberhard und Mercedes die Fahrt nach Sofia unter anderen Umständen, als sie gedacht hatten. Sie fuhren in einem Abteil erster Klasse, aber sie durften das Abteil nicht verlassen und hatten immer die Gesellschaft des bulgarischen Offiziers, eines noch jungen Hauptmanns, der es mit seiner Bewachung sehr genau nahm und sehr schweigsam in seiner Ecke neben der Tür sass. Eberhard und Mercedes wussten natürlich nicht, wie weit die fremdsprachigen Kenntnisse dieses Offiziers gingen; sie unterhielten sich auf italienisch. Im übrigen nahmen sie den Zwischenfall keineswegs besonders tragisch. Ueber kurz oder lang mussten sie ja doch freigelassen werden, wenn sie von der deutschen Vertretung legitimiert waren. — Das Bedauerliche war lediglich, dass inzwischen Zeit verloren Kategorien mit der Zahl der Unfälle der zweiten fünf Jahre der Versicherungszeit und findet auf diese Weise, dass Leute mit null Unfällen in der ersten Periode, durchschnittlich in der zweiten Periode weniger Unfälle haben als Leute mit einem Unfall und diese wieder weniger als jene mit mehreren Unfällen. Dieser Versuch wurde bei verschiedenen Gefahrenklassen durchgeführt und hat stets wieder dasselbe Resultat ergeben. Erwähnt seien auch die vielen Publikationen, die sich mit der Erforschung der primären Unfallursachen von Automobilisten befassen und die alle zum Schlüsse kommen, dass bei Automobilunfällen 65—90 % auf psychologische Ursachen zurückzuführen seien. Damit soll in diesem Zusammenhang nur gesagt sein, dass es sich zweifellos lohnt, die Automobilunfälle mit psychologischen Mitteln zu bekämpfen. Methodisches. Die psychoteehnische Eignungsuntersuchungsmethode, wie sie .sich in den letzten Jahren besonders in der Schweiz und den der schweizerischen Stiftung für Psychotechnik angehörenden Instituten und Prüfstellen entwickelt hat, ist ein praktisch brauchbares Mittel um die Unfäller zu erfassen. Die Methode erschöpft sich nicht nur darin, die Wahrnehmungsfähigkeiten, Reaktionen und Intelligenz festzustellen, sondern namentlich auch den Charakter, d.h. das typische Verhalten eines Menschen bei der Arbeit. In charakterologischer Beziehung ist die Untersucbungsmethode besonders ausgebaut worden, weil die Praxis gezeigt hat, dass die Bedeutung der Charakteranlagen und Gewöhnungen für die Frage der Eignung oder Nichteignung eines Menschen besonders wichtig ist. So ist die Dsychotechnische Untersuchung in neuerer Zeit ergänzt worden durch andere bewährte psychologische Untersuchungsmittel, wie beispielsweise die Graphologie und der Rorschachsche Formdeutungsversuch. Das hat. wie sich in den letzten Jahren durch Bewährungskontrollen gezeigt hat, Resultate von erhöhter, wir möchten sagen optimaler Sicherheit gegeben. Untersucht man einen Automobilunfall nach psychologischen Gesichtspunkten auf seine Ursachen, so findet man, dass irgendeine oder eventuell mehrere Fähigkeiten oder Eigenschaften dessen, der den Unfall verschuldet hat, eine für den Unfall causale Rolle spielt. Vergleicht man die psychologisch möglichen Unfallursachen mit einer psychotechnischen Analyse, so sieht man, dass die psychologisch möglichen Unfallursachen sich ging. Aber damit musste man sich eben abfinden. In Sofia wurden die beiden in einem geschlossenen Wagen sofort in das Gebäude des Kriegsministeriums gebracht. Man schloss sie in einen Raum ein, der sonst offenbar als Schreibstube benutzt wurde, und sie warteten stundenlang, bis sie endlich abgeholt wurden. Ein Oberstleutnant verhörte sie. Er hatte den Bericht des Majors von Burgas und legte nun Eberhard die gleichen Fragen vor wie der Major. Und zwar in deutscher Sprache, die der Oberstleutnant offensichtlich vollkommen beherrschte. Eberhard antwortete ihm so ausführlich, als es möglich war. Er schilderte ihm seine Erlebnisse m Petersburg und Moskau, die den Offizier sehr zu interessieren schienen, gab ihm auch Auskunft über seine persönlichen Verhältnisse und über Mercedes, die selbst genug Deutsch verstand, um dem Verhör folgen und die Angaben Eberhards gelegentlich ergänzen zu können. Als Eberhard von der Erwartung sprach, dass Bulgarien an die Seite Deutschlands treten werde, lehnte der Oberstleutnant dieses Thema mit einer energischen Handbewegung ab. «Darüber sprechen wir nicht! Das sind politische Angelegenheiten. Wollen Sie nicht vergessen, dass Bulgarien sich im Stand der Neutralität befindet, und Unsere Beilage: Die Anpassung der Automobile an Gesetz und Verordnung. mit den Feststellungen der psychotechnischen Untersuchungen weitgehend decken. Es ist also im Prinzip möglich, durch die Eignungsuntersuchung festzustellen, ob ein Führer über diejenigen Fähigkeiten verfügt, die für das Führen eines Motorfahrzeuges von wesentlicher Bedeutung sind, oder umgekehrt gesprochen, lassen sich mangelhaft entwickelte Fähigkeiten, die eine Unfallgefahr involvieren, feststellen. Die Bedeutung der Dsychotechnisehen Eignungsuntersuchung ist in der Praxis schon lange erkannt worden, und sie wird daher auch mit Bezug auf die Unfallverhütung namentlich verwendet bei den Bundesbahnen, der Post, bei verschiedenen Strassenbahnen und Privatbahnen, bei Elektrizitätswerken und vor allem auch bei Chauffeuren von Autobus, Last- und Privatwagen, sowie bei Herrenfahrern. Erfahrungen und praktische Vorschlage zur Unfallverhütung im Verkehr mit Motorfahrzeugen. Die psychotechnischen Institute der schweizerischen Stiftung für Psychotechnik hatten schon mehrere Jahre Gelegenheit« Motorfährzeugführer auf ihre Fähigkeiten zum Führen von Motorfahrzeugen aller Art zu untersuchen. Die kantonal-zürcherische Automobilkontrolle hat u. a. seit längerer Zeit die Praxis gepflogen, Motorfahrzeugkandidaten, welche die praktische Fahrprüfung nicht bestehen konnten und bei welchen Bedenken über die psychische Eignung aufkommen, durch das Psychotechnische Institut Zürich auf die Eignung untersuchen zu lassen. Die Erfahrungen mit den psychotechnischen (und ärztlichen) Gutachten über Automobilkandidaten haben in der Folge zu einem Beschluss der Polizeidirektion des Kantons Zürich geführt, in Welchem das Psychotechnische Institut Zürich für die Begutachtung von Automobilisten, bei denen Bedenken über ihre Fähigkeiten zum Führen eines Motorfahrzeuges in psychologischer Hinsicht bestehen, als ausschliesslich zuständig erklärt wird. Gleichzeitig wurde verordnet, dass Kandidaten, bei denen es sich mehr um physiologisch-medizinische Bedenken handelt, dem gerichtsmedizinischen Institut der Universität Zürich zugewiesen werden können. dass Sie, wenn Sie freigelassen werden sollten, diese Neutralität zu achten haben, wenn Sie -sich nicht straffällig machen wollen.» Das Verhör endete damit, dass der Oberstleutnant Eberhard und Mercedes ankündigte, man würde durch die diplomatische Vertretung Deutschlands die Angaben nachprüfen lassen. Der Offizier gestand ausserdem Eberhard zu, sich direkt an seinen Chef zu wenden, damit die Angelegenheit nach Möglichkeit beschleunigt würde. Dann mussten Eberhard und Mercedes voneinander Abschied nehmen, denn es verstand sich von selbst, dass man sie nicht zusammen in Haft nehmen konnte. Eberhard wurde in das Militärgefängnis gebracht, Mercedes in ein Frauengefäiisnis in der Nähe der Hauptstadt. Doch hatten beide sich über Unterbringung und Behandlung nicht zu beklagen. Nur war es natürlich schwer, hinter vergitterten Fenstern untätig sitzen zu müssen, während draussen an wichtigen Entscheidungen gearbeitet wurde. Und erschwert war die Gefangenschaft noch durch den Umstand, dass man gar nicht absehen konnte, wie lange sie dauern würde. Denn die direkte Verbindung zwischen Sofia und Berlin war nicht möglich, und ausserdem Diplomaten arbeiten langsam. Eberb^ui hoffte auf den Obersten Nicolai, dem er sein Missgeschick berichtet hatte.