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E_1934_Zeitung_Nr.038

E_1934_Zeitung_Nr.038

BERN, Dienstag, 8. Mai 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 38 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Bnehelnt Jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoznseblas, •otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Bappen. Postcheck-Rechmrag 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse s Autorevue, Bern Automobiltechnisches Sicht geht vor Deckung! Eine freie und vollkommen unbehinderte Fühlungnahme mit dem Verkehr ringsum hat unbestritten nur der Motorradfahrer. Schon der offene Wagen schränkt die Sicht des Fahrers etwas ein. Wer aber zum ersten Male einen geschlossenen Wagen führt, so schreibt ein Autosachverständiger in der « Verkehrswarte », wird sich des Eindruckes nicht erwehren können, dass er dabei gegen die Aussenwelt vorzüglich « geschützt » ist. Das ist zwar psychologisch leicht erklärlich. Leider aber ist die Aussenwelt gegen ihn um so weniger «geschützt»! Die Abschirmung bringt dem Wagenführer, besonders dem Anfänger, und auch dem mit vielleicht nur geringfügigen Mängeln der Sinnesfunktionen (Auge und Ohr) behafteten geübteren Fahrer die Gefahr, dass die «von aussen» kommenden Reize des Verkehrslebens nunmehr nicht mehr genügend «Durchschlagskraft» besitzen und daher von ihm leichter übersehen werden können. Bekanntlich hängt ausserdem die Länge der Reaktionszeit auch stark von der Intensität des Reizes ab! Abgesehen von dieser besonders in Grenzfällen gefahrbringenden Intensitätsminderung der von aussen in den geschlossenen Führersitz eindringenden optischen und akustischen Reize der jeweiligen Verkehrslage muss auch noch zusätzliche, rein physikalische Sichteinengung und die dadurch erwirkte weitere Verschlechterung der Wahrnehmungsbedingungen nachgeprüft werden. Die Veranschaulichung der Blickfreiheit aus einem geschlossenen Führersitz zeigt, welche Teile des Gesichtsfeldes des Führers tatsächlich für ihn vollkommen abgedeckt sind. Die bei niedrigen Wagen besonders knappe Sichtbegrenzung nach oben erschwert z. B. das Erkennen hoch hängender Verkehrsampeln; der Raum vor einem hochgebauten Kühler liegt weit vor dem Wagen im Sehschatten für den Fahrer verdeckt. Und nun zur Abdeckwirkung der Eckpfosten des Vorderfensters ! Der rechte Pfosten kann bei Links-Lenkung einen Sehschattenkegel unter einem Winkel von etwa 60° zur Fahrbahn, der linke Pfosten sogar unter einem Winkel von etwa 30° zur Fahrtrichtung verursachen, also das doch möglichst andauernd zu beobachtende Blickfeld des Fahrers merkbar beeinträchtigen. Bei Rechts-Lenkung liegen die Verhältnisse noch ungünstiger, da dann ja der rechte Sehschatten unter 30° in die Fahrtrichtung fällt. Kommt z. B. ein Radfahrer mit etwa der halben Geschwindigkeit des Automobils (tg 30° = etwa ^) aus einer rechten Seitenstrasse, so ist es sehr wohl möglich, wie die zeichnerische Veranschaulichung beweist, dass der Radfahrer unglücklicherweise sich gewisse Zeit andauernd ausgerechnet indem Sehschatten befinden kann und wird! Der Erfolg des verspäteten Bemerkens des Radfahrers durch den Wagenführer kann ein Zusammenstoss werden, — und dann heisst es: Unaufmerksamkeit des Automobilisten Schrecksekunde und ähnliches mehr! Bei Links-Lenkung z. B. ist die Gefahr des Nichtbemerkens von links, z. B. den Fahrdamm eilig überschreitender Fussgänger, vorhanden. Ueberhaupt, wenn der sehr geehrte Herr Fussgänger eine Ahnung davon hätte, wie wenig eigentlich der in seinem prachtvollen geschlossenen Wagen daherfahrende Fahrer wahrnimmt, und in wie unglaublich' kurzer Zeit er diese lückenhaften Wahrnehmungen sich im Gehirn zu einem Gesamtbild des Verkehrs und der Hindernisse um ihn herum zusammensetzen, kritisch beurteilen und entsprechend beantworten muss, ja, dann würde der Herr Fussgänger zumindestens mehr Rücksicht auf den Fahrer nehmen, was auch für den Fussgänger selbst von grossemWert wäre; denn schliesslich zieht er ja doch meist bei einer körperlichen Austragung einer Meinungsverschiedenheit über den Platz auf der Fahrbahn den bedeutend kürzeren. Wenn nun auch ein Wagenführer sich mit der Zeit an die Einengung seines Blickfeldes gewöhnen mag und sie nachher dann selbst nicht mehr so stark empfindet wie im Anfang, so darf man doch deswegen nicht etwa annehmen, dass sich durch die Gewöhnung nun seine Sichtmöglichkeiten gebessert hätten! Auch wenn es der Fahrer sich durch Gewöhnung später gar nicht mehr bewusst wird, werfen die Fensterpfosten doch immer noch einen vom Fahrzeug aus immer breiter werdenden Sehschatten, der in einiger Entfernung schon grössere Hindernisse vollkommen verdecken kann. Eigentlich ist dies ja selbstverständlich; aber eben deshalb geht man zu leicht achtlos daran vorbei! Ja, man sieht doch häufig genug noch Winker, Scheibenwischer, Rückblickspiegel (und sogar auch manchmal Blumenvasen!) mitten hinein in das wichtigste Blickfeld des Fahrers montiert! So etwas darf nicht vorkommen. Es mag manchmal etwas Kopfzerbrechen kosten, z. B. den Winker so anzubringen, dass er von anderen Wegebenutzern auch unter allen Umständen gut bemerkt werden kann. Sperrt aber die Anbringung die eigene Sicht des Fahrers, so ist die Lösung grundfalsch. Es ist nur zu begrüssen, dass das neue schweizerische Verkehrsgesetz in dieser Hinsicht teils neue, teil verschärfte Vorschriften brachte. Denn niemand hat weniger Interesse an der Vermeidung von Unfällen als gerade der Automobilist selbst. Man lacht so leicht und gern über einen Wagen älterer Bauart, bei dem der Fahrer reichlich hoch über dem kurzen, niedrigen Kühler thront. Aber man sollte sich dessen bewusst bleiben, dass dieser Fahrer ausser der besseren allgemeinen Sichtmöglichkeit auch noch wegen der sich ihm günstiger darbietenden- Strassenperspektive viel leichter in der Lage war, Abstände, Entfernungen und auch Geschwindigkeiten sicher und richtig abzuschätzen. Beim zu niedrigen Führersitz hinter einem hohen und langen Kühler wird die stereoskopische Komponente des Abstands-Schätzens viel stärker und fast allein in Anspruch genommen; die perspektivische Kontrolle wird erheblich gemindert und dadurch eine grössere Versagermöglichkeit gegeben. Man sieht wieder einmal: Jede Uebertreibung ist schädlich! Auch das Streben nach vollendeter Formenschönheit hat auf die Sichtmöglichkeit des Führers und damit auf die Verkehrssicherheit gebührende Rücksicht zu nehmen. Bei hellem Tageslicht macht sich die Verschlechterung optischer Wahrnehmungsmöglichkeit im geschlossenen Wagen noch nicht so bemerkbar wie in der Dunkelheit, da bei Tage die zu erkennenden Hindernisse immerhin noch gut erkennbare Kontraste bilden und das Gesamtstrassenbild, trotz physikalisch bedingter Unterbrechungen, wegen seiner gleichmässigen guten Ausleucht ung doch recht einheitlich wahrgenommen werden kann. In der Dunkelheit aber zerreisst die stets ungleichförmige Beleuchtung die Gesamtübersicht. Bedenkt man nun noch, dass bei einer Beeuchtungsstärke von etwa 3 Lux (bei der Abnahme der Wagen wird von den meisten kantonalen Motorfahrzeugkontrollen für die Hauptscheinwerfer nur 1,5 Lux auf 100 m verlangt) auf trockener Strasse das menschliche Auge gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen nur etwa 25%, auf regennasser Strasse nur noch etwa 15% seiner normalen Tageslicht-Kontrastempfindlichkeit besitzt, so kann man wohl verstehen, dass mancher Fahrer unter so ungünstigen Seh-Bedingungen dann die ganze schöne Führersitz-Verkleidung plötzlich zum Kuckuck wünscht. Sicht geht vor Deckung! INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausdand 60 Cti. Grögsere Inserate nach Seitentaril. Inseratenschluss i Tage vor Erscheinen der Nummern Die Automobilversicherungen in der Schweiz. Der alljährlich im Mai erstattete Bericht des eidg. Versicherungsamtes über das Schweiz. Versicherungswesen im vorvergangenen Jahre enthält auch Angaben über die Automobilversicherungen, die wir in den nachstehenden Ausführungen skizzieren möchten. In erster Linie interessiert wohl der Verlauf der Haftpflichtversicherung von Motorfahrzeugen. Das eidg. Versicherungsamt verweist darauf, dass mit dem Jahre 1932 für diesen Versicherungszweig eine Entwicklungsperiode abschliesse, unter deren Herrschaft die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung seine Lehrjahre durchgemacht hat. Sie zeigte in den letzten fünf Jahren folgende Entwicklung: Prämien Mill. Fr. Schäden Mill. Fr. in % d. Präm. 1928 10,02 7,06 71 4929 12,12 7,58 62 1930 14,31 8,64 60 1931 16,44 10,30 63 1932 16,33 12,33 75 1932 hat also die Prämieneinnahme einen leichten Abfall zu verzeichnen, welche weniger auf die Abnahme der Zahl der versicherten Fahrzeuge zurückzuführen ist, als darauf, dass die Versicherungsnehmer im Laufe des Jahres ihre Versicherung häufiger und länger sistiert haben. Für diesen Fall sind bekanntlich Prämienermässigungen vorgesehen, welche 1932 reichlich beansprucht wurden. 1932 fiel die Regulierung schwebender Schäden schwer ins Gewicht. Die Versicherungsleistungen beliefen sich auf 12,33 Millionen Franken, also rund 2 Millionen mehr denn 1931. 7,46 Millionen entfielen 1932 auf die Erledigung schwebender Schäden aus den Vorjahren. Für Schadenfälle, die sich 1932 ereigneten, mussten somit 4,86 Mill. Fr. bezahlt werden, was 29 % der Prämien ausmacht. Grösser aber ist der Bedarf für Schäden, die 1932 unerledigt geblieben und wofür 10,73 Mill. Fr. zurückgestellt worden sind. Die mutmassliche Schadenbelastung des Berichtjahres würde sich damit auf 90 % der Prämien stellen. Wenn auch anzunehmen ist, dass vorsorglich die schwebenden Schäden hoch eingeschätzt wurden, so zeigt dies Bild doch, dass die bisherige Tarifierung unhaltbar geworden war Die gesamte Rückstellung für schwebende Schäden im Schweizergeschäft betrug Ende 1932 rund 17 Mill. Fr., also mehr, denn der jährliche Prämieneingang. Die erwähnten 95 % Schadenquote Hessen also den üblichen Verwaltungskostenzusatz von 25 bis 30 % zum grössten Teil ungedeckt. Bei der Automobil-Feuerversicherung ist eine Zunahme der Prämieneinnahme von 464,120 Fr. auf 676,735 Fr. festzustellen, sowie eine Schadenvermehrung von 260,745 Fr. auf 448,681 Fr. Der Anteil der Schäden an I L Die ewige Wahrheit. (25. Fortsetzung) 9. T O N Roman von Oskar Sonnlechner. Ein nebelgrauer, nasser Herbstmorgen dämmerte. Im unbestimmten Lichte der verrussten Bahnhofhalle lehnten verschlafene Gepäckträger und sahen gelangweilt nacht der offenen Seite der Bahnhofhalle, die der Nebel wie eine Wand abschloss, in dem sich die nassen Schienenstränge in der Ferne verloren. Die Schläfrigkeit des frühen Morgens lag über allem. Hie und da aus der Ferne der gellende Pfiff einer Maschine. Die scharlachrote Kappe des diensthabenden Beamten tauchte auf. Die Gepäckträger ordneten sich in Reih und Glied, die wenigen, wartenden Menschen drängten am Bahnsteig vor, kleine Gepäckkarren rasselten ohrenbetäubend über die Fliesen, rücksichtslos alles beiseite drängend. Die grossen Blinklichter einer Lokomotive leuchteten aus der Ferne im Nebel auf, immer greller und greller aufflammend, die unbestimmten Umrisse einer Maschine erschienen schattengleich, immer mehr und mehr Form annehmend, und in ihrer gefesselten Macht schob sich, triefend vor Nässe, der Expresszug aus dem Süden in die Halle. Leichtfüssig sprang Enid van der Witte auf den Bahnsteig, erwartet von ihrer Kammerzofe, die sie sich zum Empfang auf den Bahnhof bestellt hatte. Aus den geöffneten Waggontüren quollen die Angekommenen. Umarmungen und Begrüssungen, freudige Zurufe, Gepäckstücke wurden polternd auf die bereitstehenden Karren geworfen, zwischen den drängenden freudigen Menschen, die der Zug auspie, schoben sich rücksichtslos kofferbeladene Träger, ein ungeduldiges Hinundherstossen nach allen Seiten. Alles eilte dem Ausgange zu. Langsam flaute der Menschenstrom ab, die letzten Träger in ihren hellen Arbeitskitteln verschwanden, der dienstführende Beamte mit der scharlachroten Dienstkappe wandte sich gelangweilt zum Gehen, als ein verspäteter Reisender zögernd sein Abteil verliess. Gross und schlank, die Reisemütze keck auf dem rechten Ohr. Zögernd wartete er, bis der letzte Mitreisende verschwunden war. Lächelnd nahm er die Reisekappe ab, fuhr sich mit den Fingern durch den hellblonden Haarschopf und winkte einem Träger. An dem Tage, an welchem ein gigantischer Ozeanriese, bugsiert von der Nusschale eines unansehnlichen Hafendampfers, majestätisch die Reede von Rotterdam verliess, hatten Jul und Enid die Stadt verlassen. Un-" auffällig. Jeder für sich. Nach wochenlanger Abwesenheit waren sie zurückgekehrt. Fern der Welt lebten zwei Glückliche. In einem verschwiegenen Winkel an der Küste der blauen Adria hatten sie die erste Zeit verbracht, nur sich selbst lebend, nichts suchend wie die abgeschiedene Ruhe ihres Alleinseins, bis sie sahen, dass sie der Aufmerksamkeit ihrer Umgebung denn doch nicht entrinnen könnten. In Sizilien tauchten sie auf. Durch die Schönheit Italiens j führte sie ihr Weg. Bald da, bald dort. Sie standen Arm in Arm auf der Höhe des Posilip und blickten, in Gedanken versunken, hinaus auf das sich zu ihren Füssen weitende, kobaltblaue Meer, auf dem gleich weissen Riesenschwänen Segelboote zogen. Aufgehend in Begeisterung träumten sie zwischen den Trümmern des Forum Romanum, sie standen mit verhaltenem Atem vor den Fresken des Andrea del Sarto in Florenz, sie träumten Hand in Hand vor Raffaels heiliger Cäcilie und den Wundern Guido Renis in Bologna und glitten schweigend, eng aneinandergeschmiegt, in lautloser Fahrt durch die schmalen Kanäle Venedigs. Den bunten, nichtssagenden Freuden der Welt gingen sie aus dem Wege, sie boten ihrem gleichgestimmten, innerlichen Gefühlsleben nichts. Sie schwelgten in den geistigen Eindrücken, die sie umgaben, einer den anderen ergänzend, und mieden darüber hinaus mit ängstlicher Scheu die Oeffentlichkeit. Schon in den ersten Tagen ihres Alleinseins hatte sie sich Jul anvertraut. Jetzt, wo es vorüber, konnte sie alles gestehen. Dass