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E_1934_Zeitung_Nr.058

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BERN, Dienstag, 17. Juli 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 58 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5 , jährlich Fr. 10 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitcnrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.— Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Bergrennen Develier-Les Rangiers Hans Stuber stellt mit seinem Alfa-Romeo-Sportwagen einen neuen Streckenrekord auf. — Zwimpfer auf Chrysler bester Tourenwagenfahrer und Hummel auf Amilcar Erster der Rennwagen. — Spannende Kämpfe bei den Touren- und Sportwagen und ein sehr bescheidener Rennwagenlauf. — Zehn neue Klassenrekorde und zwei Kategorienrekorde. Aus den freundlichen Gauen der heimatlichen Ostmark, wo vor vierzehn Tagen die Maschinen von Rheineck nach Walzenhausen hinaufdonnerten, sind unsere einheimischen Fahrer, verstärkt durch ein kleines Trüpplein treuer Ausländer, nach dem Berner Jura gezogen, wo der Blick von den Höhen nicht weniger frei und weit in der Runde schweift und über die Grenzen hinaus auch einen Teil des angrenzenden Frankreichs umfasst. Die rührige Sektion Les Rangiers des A.C.S. rief auf letzten Sonntag die schweizerische Autosportgemeinde zum schönen Bergrennen von Develier nach Les Rangiers, und in erfreulicher Anzahl sind die \ Fahrer der Einladung gefolgt. Zum dritten Male fand man sich in diesem Jahre zum friedlichen Wettstreit um die schweizerische Automobilmeisterschaft zusammen, um die in dieser Saison ein scharfer Kampf entbrannt ist, dessen Ausgang sich durchaus noch nicht absehen lässt. Die Leitung des jurassischen Rennens verfügte über alle Erfordernisse, die ein gutes Gelingen der Veranstaltung voraussetzten : Einen ausserordentlich zuverlässigen Mitarbeiterstab, der zu der fachlichen Eignung noch die typische welsche Liebenswürdigkeit mitbrachte, die einem den kurzen Aufenthalt in der westlichen Ecke des Landes zum Genuss werden liess, über eine sehr interessante und gut ausgebaute Rennstrecke, und schliesslich auch über einen landschaftlichen Rahmen von seltenem Reiz. Fahrer und Publikum belohnten die Anstrengungen der Veranstalter mit einem erfreulich starken Besuch, der die ^diesjährige Wiederholung des Rennens zu einem vollen Erfolg werden liess. Lange Zeit schien es zwar, als ob sich das Wetter wieder als unfreundlicher Spielverderber gebärden wollte. Man ist in Les Rangiers in dieser Hinsicht nicht gerade verwöhnt, dennoch sah man am Samstag mit mehr als gemischten Gefühlen zum tiefverhängten Himmel. Der Sonntag begann mit treibenden schwarzen Wolken, die sich alle Augenblicke in wahren Wolkenbrüchen auszuleeren drohten. Um 10 Uhr vormittags ging ein dichter Regenschauer über die Gegend nieder; später übernahm ein kühler Wind die Herrschaft, der die Strecke rasch wieder trocken machte, so dass sie sich am Nachmittag in gutem Zustand darbot. Die F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (4. Fortsetzung) Da warf sich Cilly auf den Bären. Ohne auch nur an die Gefahr zu denken, versetzte sie ihm ein paar so kräftige Schläge auf die Schnauze, dass er den Vogel sofort fahren liess und erschrocken zurückprallte. Dann hob Cilly den zitternden Vogel auf. Er warnur etwas zerzaust, aber unverwundet. Sie streichelte ihm unter zärtlichen Worten das Gefieder glatt und trug ihn nach dem Stallzelt. Als Cilly dort eintrat, hörte sie Bux schon toben. Er schrie die beiden bestürzten Wärter an und schien völlig ausser sich vor Sorge um den Raben. «Herr Bux, Herr Bux!» rief Cilly. «Hier bringe ich Mohrchen! Es ist ihm nichts geschehen.» Sofort befreite sich der Vogel aus ihrem Arm, flog seinem Herrn auf die Schulter und schmiegte sich an dessen Wange. Und dann erzählte Cilly, wie es Mohrchen um ein Haar ans Leben gegangen war. Dass kühle Temperatur liess den Sommer beinahe vergessen, und Mäntel und Handschuhe standen am Sonntag hoch im Kurs. Schon von Mittags 12 Uhr an begann der Zustrom zu der Rennstrecke einzusetzen. Die schweizerischen Sportfreunde waren verhältnismässig schwach vertreten, dafür leistete das Publikum der Umgegend dem Rufe der Organisatoren um so bereitwilliger Gefolgschaft. Von Delemont und von Les Rangiers her bewegte sich ein ununterbrochener Strom von Fahrzeugen und Fussgängern nach der Rennstrecke. Mit Auto, Motorrod, Velos und auch mit der währschaften Bauernchaise strebte das sportlustige Juravölklein dem Schauplatz der mit Spannung erwarteten sportlichen Kämpfe entgegen. Längs der Strecke entfaltete sich ein idyllischer Massenbetrieb. Alle interessanten Punkte waren mit dichten Menschenmassen besetzt. Ganz besonderer Sympathien er-r freuten sich die beiden Kurven von Montavon und die Fer-ä-cheval. Hier hatten die Fahrer ihre ganze Kunst zu entfalten, und das Publikum war bereit, sich den sportlichen Genuss auch durch einen stundenlangen Marsch nicht entgehen zu lassen. Am Ziel hatte sich nur ein kleines Trüpplein eingefunden, das den über die nebelverhangenen Höhen heranziehenden Wind einige Stunden lang wohl oder übel erdulden musste. Die Strasse von Develier nach Les Rangiers, die sich in bunter Abwechslung von Geraden, Kurven, ebenen Strecken und Steigungen die Höhen des Juras hinanzieht, befindet sich bekanntlich in gutem Zustand. Was jedoch ein normaler Tourenwagenfahrer auf einer genussreichen Bummelreise kaum bemerkt, entdeckt erst ein im 100 Kilometerstundentempo dahinrasender Rennfahrer. So entpuppte sich diese Route im Grunde genommen als ein giftiger Kurs, der seine schweren Tücken hat. Die Geraden weisen viele Unebenheiten und Löcher auf, die zum Teil auf das Rennen hin notdürftig ausgebessert wurden, aber doch noch spürbar waren. Ganz besonders unbeliebt waren die grosse Kurve von Montavon und die sie selbst ihn vor dem Tode bewahrt, sagte Cilly nicht. Doch Bux erfuhr noch am gleichen Abend durch den Bärenwärter und einen Requisiteur, der die Sache mit angesehen, von Cillys Heldentat. Von diesem Augenblick an schloss der Clown die kleine Cilly ganz in sein Herz. Am nächsten Morgen erschien der Neger Hufeisenkurve, in die man mit vollen Geschwindigkeiten einmündet und die dem blossen Augenschein nach bedeutend zahmer als in Wirklichkeit sind. Ein ausländischer Fahrer, der Woche für Woche Bergrennen bestreitet, behauptete sogar rundwegs, diese Route empfinde er als die heimtückischste und schwierigste, die er überhaupt kenne. Um so höher sind die Leistungen der Fahrer einzuschätzen. In sportlicher Hinsicht stellt das diesjährige Les Rangiers-Rennen ein Unikum dar. Der Gesamtsieger des Tages, Hans Stuber, stellte in der Sportwagenkategorie den neuen Streckenrekord auf. Das Les Rangiers-Rennen konzentrierte sich nur auf die beiden Läufe der Tourenwagen und Sportwagen, während die Rennwagen diesmal eine etwas klägliche Figur machten. Ganze drei Kleinrennwagen, die sich gegenseitig ein sehr zahmes Rennen lieferten, konnten beim Ziel begrüsst werden. Verschiedene Gründe führten zu dieser bedenklichen Dezimierung der Rennwagenkategorie. Diese Tatsache macht es auch erklärlich, dass der Tourenwagensieger Zwimpfer eine bedeutend bessere Zeit erzielte als der Rennwagensieger! Man muss der Hoffnung Ausdruck geben, dass in den noch ausstehenden Kämpfen die Rennwagen wieder etwas stärker vertreten sind. So interessant die Tourenwagen und Sportwagen auch immer sind, so bildet der Lauf der Rennwagen doch stets den Höhepunkt. Das Training. Das Training, das sich auf die Samstagnachmittagstunden beschränkte, sah alle Fahrer eifrig an der Arbeit. Es wurden ganz hervorragende Zeiten gefahren, die zum Teil sogat die Ergebnisse des Sonntags übertrafen. •Leider hat das Training auch sein Opfer gefordert. Glücklicherweise ist der Schweiz. Automobilsport an Unfällen von der Schwere desjenigen vom letzten Samstag arm. Der junge Bugattifahrer Hug scheint ein Opfer seiner eigenen Unternehmungslust und seines jungen Wagemutes geworden zu sein. Mit grossem Elan startete er zu einem Trainingslauf, um schon in der ersten Kurve nach dem Start, im Angesicht zahlreicher Sportkameraden, mit dem Hinterteil des Wagens nach links stark auszurutschen. Der Fahrer gab sofort Gas, um die Schleuderbewegung aufheben zu können; diese war jedoch zu gross und drückte im Schwung das linke Hinterrad ab, so dass die Maschine quer über die Strasse auf die andere Seite sauste, gegen einen kleinen. Baum prallte und sich darauf mehrmals überschlug. Der bedauernswerte Fahrer musste bewusstlos mit einem Schädelbruch ins Spital in Delsberg eingeliefert werden. Auch seine Maschine ist sehr stark beschädigt worden. Glücklicherweise kam Hug schon am Sonntag morgen wieder zum Bewusstsein, so dass er den Umständen entsprechend noch mit sehr viel Glück davongekommen ist. Am Abend aber kam es zu einem schlimmen Auftritt, der Frau Berndt von neuem Bedenken gegen Cillys Freundschaft mit einem so jähzornigen Menschen einflösste: Die grosse Dressurnummer von Bux war gerade zu Ende, und seine Tiere verliessen durch den Reitergang die Arena. Während der Clown für den Beifall dankte, fiel ihm Tom im Wohnwagen der Berndts und gabdas Missgeschick Mohrchens vom Abend ein Paket ab. ,An Fräulein Cilly Berndt' vorher ein, und nach ein paar schnellen Verbeugungen lief er den Tieren nach bis in den stand darauf. Unter den neugierigen Blicken der Eltern öffnete es Cilly. Es enthielt ein Aufsitzraum, um seine Wärter nochmals zu grosses Buch mit vielen bunten Bildern. Auf besonderer Aufmerksamkeit zu ermahnen. Da der ersten Seite stand geschrieben: ,Seiner sah er, wie Benson gerade mit der langen Lebensretterin, der tapferen Cilly Berndt, in Fahrpeitsche ausholte und Ali, den Storch, unauslöschlicher Dankbarkeit von Mohrchen' — und der gedruckte Titel des Buches marschierte, einen starken Hieb um die dün- der als Letzter hinter den anderen Tieren lautete: nen roten Beine versetzte. Einen Augenblick Tiergeschichten stand Bux völlig erstarrt. Der deutschen Jugend erzählt Herr Ruperti, der Oberregisseur, der nichts von von Bensons Hieb gesehen hatte, rief dem Willibald Buchsbaum Clown zu: «Gehen Sie doch in die Manege, Cilly strahlte vor Glück, und sie liess es Bux! Die Leute rufen ja nach Ihnen! Los sich nicht nehmen, gleich die erste Geschichte den Eltern vorzulesen. Dann aber Aber Bux hörte es gar nicht. In der näch- doch!» bat sie, zu Bux gehen zu dürfen, um sich sten Sekunde stand er vor dem erbleichenden für das herrliche Geschenk zu bedanken: und Benson, riss ihm die Peitsche aus der Hand dieses Mal hatte Frau Berndt nichts gegen und hieb damit auf ihn los, wo er gerade hintraf: ins Gesicht, auf Arme, Hände, Cillys Besuch bei dem Clown einzuwenden. Beine. INSERTIONS-PRlälS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; (Ur Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grßssere Inserate nach Seitentarif. Inseratensebluss 4 Tage vor Bnebelnen der Nummern Schon kurz nach 2 Uhr, als sich die Zuschauer kaum richtig placiert hatten, scholl aus der nebelveihangenen Tiefe das Geheul der warnendea Signalhörner. Mit dem Rennen der kleinen Tourenwagen nahm die Veranstaltung ihren interessanten Auftakt. Wenn diese kleinen Wägelchen auch mit keinem 100-km-Tempo die Kehren hinaufspiralten, so muss man angesichts ihrer Kleinheit die unheimliche Leistungsfähigkeit dennoch bewundern. Der Freiburger «Julon» schwang sich in der Klasse bis 1100 ccm an die Spitze des Feldes, und er eröffnete das Rennen sofort mit einem neuen KJassenrekord. Die welschen Fahrer Farine und Stehle auf D.K.W, mussten sich dem Elan des Freiburgers beugen und kamen mit kleineren Zeitabständen sicher durchs Ziel. In der 2000-ccm-Klasse war es erneut der Amateurfahrer Kautz, der durch seine sehr schneidige Fahrt Aufsehen erregte. Mit fliegender Eile schoss sein A.C. die Kehren heran. Der britische Fahrer sicherte sich mit seiner ausgezeichneten Leistung die beste Zeit der Tourenwag^namateure. Wüthrich auf Bugatti und Periat auf Fiat-Arditta beendeten ihre Rennen in sauberer Manier, ohne jedoch gan« an die Zeit des Ersten heranzukommen, dem im übrigen ebenfalls der Klassenrekord sicher war. In der 3O00-ccm-Klasse schien sich ein sehr interessanter Kampf anzubahnen, den zwei Amateure und zwei Experten miteinander aufnahmen. Der Berner Studer auf Ansaldo liess auch hier keinen Gegner an eich herankommen, trotzdem er wegen Glühzündungen kostbare Zeit verloren hatte und auf dan Geraden nicht auf volle Geschwindigkeit kam. Auch sein schärfster Gegner, der Freiburger Pilloud auf Fiat, gelangte nicht ohne Hindernisse den Berg hinan. Mit jener nur allzu leicht begreiflichen Nervosität, die einen Fahrer im Rennen ergreifen kann, schaltete dieser in einer Kurve den Rückwärtsgang ein. Am Ziel raufte er sich vergeblich die Haare über die Sinnlosigkeit dieser Verwechslung. Immer wieder zeigt es sich, dass Rennen auch eine Erprobung der Nerven sind. Zahlenmässig am stärksten besetzt war die 5000- ccm-Klasse, die den Favoriten Hans Gübelin auf seinem Plymouth neuerdings als Sieger sah. Der ausgezeichnete Zürcher Fahrer griff seine Aufgabe mit gewohntem Elan an und bestand sie tadellos. Gübelin fuhr seinen eigenen Klassenrekord von 1932 mit einer um 1-i Sek. besseren Zeit über den Haufen und kam sogar unter den bestehenden Kategorienrekord. Der Berner Pfäffli auf Chrysler schlug sich ebenfalls tüchtig und wusste sich gleichfalls unter den Klassenrekord zu setzen. Ganz knapp war die Entscheidung zwischen dem Ford-Fahrer Berthoud und dem Bugatti-Fahrer Locher. Berthoud konnte sich mit einer % Sek. besseren Zeit an die Spitze retten, während sich Locher infolge mangelhaften Funktionierens seines 3. Ganges vergeblich abplagte. Reichliches Pech hatte der Zürcher Gautschy auf Chrysler, dem die Fer-ä-Cheval-Kurve zum Verhängnis wurde. Die Maschine glitschte auf dem an einer Stelle nur halb trockenen Terrain aus tmd Gautschy geriet mit dem linken Vorderrad gegen eine Felswand, so dass die Achse verbogen und die Weiterfahrt unmöglich wurde. Mit grösster 'Spannung eah man dem Start des Altmeisters der Tourenwagen, Oskar Zwimpfer, entgegen, der den sieggewohnten Chrysler in überlegener Manier den Berg hinanjagte. Die erzielte Zeit übertraf alle Erwartungen. Mit 4 Min. 37,4 Sek. schlug Zwimpfer den bestehenden Tourenwagenrekord fast um eine halbe Minute. Die gedrängt stehenden Pferde wurden scheu, stiegen, schlugen aus. Ein allgemeiner Tumult entstand. Aber niemand traute sich an den rasenden Clown heran. «Bux! Bux! Bux!» hörte man die begeisterte Menge brüllen, die nicht ahnte, dass ihr Liebling, der Meister des Scherzes, in demselben Augenblick so blutigen Ernst trieb. Da raffte sich Benson endlich auf und stürzte sich auf seinen Peiniger. Der Clown warf die Peitsche weg und stiess ihm die Faust mit furchtbarer Wucht gegen das Kinn. Der Amerikaner fiel ohnmächtig der Länge nach in den Sand, ohne noch einen Ton von sich zu geben. — Bux wendete ihm den Rücken, brach sich zwischen den drängenden Menschen und Pferden Bahn und eilte in die Arena, wo die Menge noch immer nach ihm rief. Der Applaus schwoll von neuem an. Bux knickste, warf komische Wegen einer Das Rennen. (Fortsetzung auf Seite 3.) Zur Beachtung. technischen Störung erscheint die heutige Ausgabe mit einer kleinen Verspätung, die wir zu entschuldigen bitten.