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E_1934_Zeitung_Nr.062

E_1934_Zeitung_Nr.062

BERN, Dienstag, 31. Juli 1934 Mit Klausen-Beilage Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 62 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag MonaUich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich FT. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28,222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Was muss ich tun? Ueber das Verhalten bei Verkehrsunfällen. Wie oft stossen wir in der Zeitung unter digt wird und insbesondere der Automobillenker, sollte fähig sein, diese Interessen- Polizeinachrichten auf Meldungen von Unfällen, bei denen die Behörde versucht, unter Mithilfe der Oeffentlichkeit einen Täter zu eruieren? Wie oft wendet sich die Polizei durch das Radio an alle Hörer, mit der Aufforderung, Augenzeugen eines bestimmten Ereignisses möchten sich melden? In den meisten Fällen, die auf diese Weise unsere Aufmerksamkeit erregen, handelt es sich um Verkehrsunfälle sehr schwerer Art, bei denen vielleicht Tote zu beklagen sind. Eines aber haben alle diese Ereignisse gemeinsam, einen Schuldigen oder Mitschuldigen, der den Kopf vollständig verloren hat. Man braucht bei dieser Behauptung nicht Vi^unterscheiden zwischen demjenigen, der vjf.wusst das Weite sucht und dem andern, der einfach nicht mehr fähig ist, vernünftig zu denken und zu handeln. Wenn man zwischen diesen beiden Gattungen von Fahrern einen Unterschied machen wollte, dann nur so, dass derjenige, der absichtlich die Flucht bei einem- Unglücksfall ergreift, «gute» Gründe für sein Verschwinden hat, und damit sich selber zum Verbrecher stempelt, der kopflose Fahrer aber im ersten Schreck weiterfährt, um dann nach kurzer Zeit erst das zu tun, was er ursprünglich unterlassen hat. Beide Fahrzeuglenker stellen sich ja im Unglücksfall dieselbe Frage: Was soll ich tun? Der Verbrecher sagt: durchbrennen, der Kopflose weiss es gar nicht. Wir können uns im Rahmen dieser Arbeit nicht mit der erstgenannten Gattung beschäftigen. Wir wollen nur wünschen, dass jeder dieser Rohlinge erwischt und ohne die *ierkennung irgendwelcher Strafmilderung 'itir diese verbrecherische Art und Weise seines Verhaltens gebührend bestraft werde. Anders verhält sich die Beurteilung beim kopflosen Fahrer. Da es aber Tatsache ist, dass eine Grosszahl von Automobilisten kaum weiss, wie sie sich bei einem Unfall verhalten wird, soll das Nachstehende gewissermassen eine Anleitung sein, was man alles zu tun hat. Dabei handelt es sich nicht nur darum, den einschlägigen Gesetzesbestimmungen gerecht zu werden, sondern es handelt sich vor allem auch darum, das zu tun, was der eigenen Interessenwahrung dient. Jeder, der einer Rechtsverletzung beschul- F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (8. Fortsetzung) Die letzten Aufzeichnungen in Cillys Tagebuch lauten: Meilant den 14. Aprill 1924. — Hoite nacht reissen wir nach Flohrentz weiter, Weil es seid fier Tage immerzu reegnet ist der ganze Blaz ein Matsch, das würd in diese Nacht schlimm mid den Abbau, alle Zellte sünd gans nas unt die Leinhewant ist dan so furchtbar schweer unt die Zeltkolonne hat dann so grose Arbeit mid das Schapitoo. Führ Papa ist es auch schlimm weil er mit helfen mus die Tihre zum Baanhoff füren immer hin und her im Reegen. Mama und ich habens guht weil wir im Waagen kennen pleiben wenn unsere Abbarate abkebaut sind, ich mechte auch gern mid Tihre zum Baanhoff füren aber Inschpekdor Fridendaal erlaupt es nich weil er ferantwortlich ist wenn was bassierd, ich darf Herr Bux jez Ongkel Bux nennen und du sagen, das ist sehr schöhn weil ich ihn furchtbar gern haab. Flohrentz den 16. April 1924 — Hoite frü sünd wier in Flohrentz ankekommen, wier waren wieter drei lange Güderzüghe, Ongkel Bux seine Tihre sünd alle in ieren wahrung selber besorgen zu können, solange er sich am Unglücksort, also bei der 1 ersten Tatbestandaufnahme, befindet. Ganz abgesehen davon, dass er als Fahrer vielleicht der Einzige ist, der den Hergang hat miterleben müssen und noch darüber sprechen kann; das Bewusstsein, auch dieser Situation gewachsen zu sein, ist die Grundbedingung, in der Not doch richtig zu handeln. Man mag dem entgegenhalten, dass das eine ausschliesslich psychologische Forderung sei, die mit dem Verfahren in rechtlicher Beziehung nichts zu tun habe. Diese Einwendung ist eine durchaus irrtümliche. Unbekümmert darum, ob man aus eigenem Verschulden oder ohne jede Schuld an einem Unfall beteiligt ist, hat man sich nach gesetzlicher Vorschrift zur Verfügung zu halten. Diese Vorschrift, die im Art. 36 des Bundesgesetzes enthalten ist, verlangt vom Fahrer Verantwortungsgefühl und Disziplin. Ja sie verlangt noch mehr, nämlich das Vorkehren der ersten Hilfe. Was hier gefordert ist, ist Solidarität, gegenseitige Hilfe, trotzdem die Interessen unter Umständen in vollständig entgegengesetzter Richtung verlaufen. Der Gesetzgeber appelliert nicht nur an die Paragraphenkenntnisse des Fahrers, sondern er fordert neutrale Einstellung, Ehrlichkeit, Anstand und Nächstenliebe. Diese Forderung mag viel leichter gestellt werden an denjenigen, der nur indirekt am Unfall beteiligt ist, sie ist aber eine sehr grosse gegenüber demjenigen, der direkt einen Unfall herbeigeführt hat. Wir dürfen von jedem Fahrzeuglenker erwarten, dass er sich in diese Lage versetzen kann. Es gehört daher ein unerhörtes Selbstvertrauen und nicht nur ruhig Blut dazu, um selbst dann, wenn man schuldhaft ist, doch noch das zu veranlassen, was rechtens ist. Waagen gereisst nuhr Braama ist nadürlich in Meilant zum Baanhoff zu Fuhs gegangen unt hat dort geholfen beis Verlaten wie die antern Elefanden. ich haab zuhgeseen wie guhd er arbeitet, er schihbt die Waagen so genau von die Rampe auf die Eisenbaanwakkons das es erstglassig ist. Dakjee praucht garnich ihm dabei mit den Haaken zu füren unt spricht nur leise mit Braama, ich dachte es ist indisch aber Onkel Bux sagt es ist Elefandensprache die nur die indische Elefandenkutscher kennen, ich hab lange zuhgesen unt als ich um sex Uhr morgenz in unsen Wonnwaagen zu Bet ging waar ich pitsche nas unt Mama hat ein bisgen gescheltet. letzt sünd wir also in Flohrentz ankekommen schon ganz frü bei Dungelheit aber unser Woonwaagen ist mit Zuhg 3 gegangen unt der steht noch gans weit drausen unt ist noch nicht abgelaten es ist schon zehn Ur. Flohrentz den 18. Aprill 1924 — Wier haben einen wuntervollen Blaz hier, gestern war die erste Forstellung hier. Flohrentz ist eine schlechte Zirkus Statt, es sünd viel Menschen gekomen aber der Abiaus ist nicht so guht wie in Meilant aber Papa und Mama hatten doch guhten Abiaus und Herr Dierekdor und Ongkel Bux auch aber das Puplikum ist doch schweer hier. Ich mechte doch zu gern auch arbeiden. Wenn ich nuhr mit Tihre arbeiden dirfte, Wir dürfen uns als Automobilisten nicht darauf berufen, dass der Angeklagte seiner Schuld überwiesen werden und nicht seine Unschuld nachweisen müsse, und wir dürfen uns noch viel weniger darauf berufen, class der Angeschuldigte nicht, wie der Zeuge, an die unbedingte Wahrheit gebunden sei. Formell allerdings ist beides richtig. Bei der Beurteilung von Verkehrsunfällen aber handelt es sich vorwiegend um materielle Beurteilung. Diese stützt sich auf Gutachten, auf Zeugenaussagen und auf Rekonstruktion. Das Ereignis wird beurteilt von Leuten, die zwar gute Juristen, aber nicht unbedingt Automobilfahrer sein müssen. Daher ist derjenige Angeschuldigte materiell im Vorteil, der sachgemäss und klar den Hergang festhält und bei allem Unglück seine Interessen gewahrt hat. Also wollen wir uns so vorbereiten, dass wir, sollte uns das Missgeschick einmal erreichen, nicht ratlos dem Fall gegenüberstehen. Eines wollen wir da vorausschicken: Wir können weder sagen, was man tun soll, wenn höchste Gefahr besteht, noch was man tun wird, wenn das Unglück naht. Was sich in dieser Schrecksekunde in unserem Geiste abspielt, bleibt immer schleierhaft. Dann aber muss wieder ruhiges, klares Denken und Handeln einsetzen. Und dieses bleibt in jedem, ob schweren oder leichten Fall, ständig gleich. Ein Unterschied besteht lediglich darin, dass so oder anders mehr oder weniger Vorkehren notwendig sind. Wir wollen, um deutlicher zu sein, beim schweren Verkehrsunfall bleiben. Schon im ersten Moment kann eine Kolli- INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grandzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarit. InseratemchluBs 4 Tane vor Erscheinen der Nummern sion von Pflichten entstehen. Einerseits etwas ändert oder ändern lässt, mit einem schreibt uns das Gesetz vor, dass unverzüglich die Polizei zu benachrichtigen sei, an- festhalten. Man vergesse auch nicht, dass die Rötel die Lage des betreffenden Objektes derseits aber verlangt unser Gewissen, dass ersten wichtigen Spuren unter Umständen wir uns zuerst der Opfer annehmen. Wir weit vor dem eigentlichen Unfallort beginnen. Wenn zum Beispiel im späteren Ver- sind der Meinung, dass zwar beides sofort besorgt werden muss, dass aber in jedem fahren die Frage eine Rolle spielt, ob man Fall das Menschenleben über den Formvorschriften steht. Das soll nun aber nicht befahren sei, dann ist es sehr unangenehm, rechts oder Strassenmitte oder gar links gedeuten, dass man z. B. einen Verletzten «in wenn man sich entweder auf Zeugen oder Behandlung» nehmen soll. Hier ist Samariterdienst, er mag noch so gut gemeint sein, list aber muss immer damit rechnen, dass Vermutungen stützen muss. Der Automobi- das Verfehlteste. Wir können nie beurteilen, man seiner Darstellung nicht glaubt. Gerade ob und welche schweren Verletzungen vorliegen. Um dies festzustellen, gehört ein Arzt kannt werden, wenn man schon weit vor dem in diesem Fall aber muss der Beweis aner- auf den Platz. Ort des Zusammenstosses, ja sogar vor der Man wird an der ganzen Situation nichts Stelle, wo man die Gefahr erkannte, die ursprüngliche Fahrspur festhält. Dort wird ändern, man wird vor allem nicht mit dem man auch mit der ganzen Beweissicherung eigenen Wagen wegfahren, sondern entweder selber, wenn niemand des Weges kommt, beginnen, wobei man sich parallel mit den Markierungen auf der Strasse ein kleines sonst aber durch einen Dritten, vielleicht Protokoll erstellt. durch einen andern Automobilisten, den nächsten Arzt telephonisch herbeirufen oder holen. Erst jetzt erfolgt die sofortige Meldung tuationsplan hergestellt werden müsse. Dies Das heisst nicht, dass ein regelrechter Si- an den nächsten Polizeiposten. wird von der Polizei in der Regel gründlich Bis zum Eintreffen dieser Organe wird der besorgt. Was wir wollen, ist nur die Sicherung der Spur, die der Erklärung des Her- Fahrer alle Beweise sichern, die im Zusammenhang mit dem Hergang stehen. Es wäre ganges, der Beurteilung der Zeugenaussagen falsch, wenn man hiebei irgendwie zwischen und der Rekonstruktion dient, wo die amtliche Aufnahme Lücken aufweist, wenn entlastenden und belastenden Beweisen ab- bei wägen wollte. Jeder Automobilist soll daran denken, dass der tatsächliche Hergang für ihn in allen Fällen der günstigste ist und dass er ihn nicht verbessern, sondern nur verschlimmern kann, wenn er Vorsehung spielen wollte. Denn er kann ja nicht alle Spuren einer ganz fremden, ihn entlastenden Situation anpassen. Was er kann, ist höchstens Verwirrung herstellen, die sich später in der Beurteilung nur zu seinem Schaden auswirkt. Also gerade und ehrliche Beweissicherung. Worin besteht nun diese? Wir müssen uns das Verfahren vor den Untersuchungsbehörden und vor Gericht vor Augen halten. Es wurde schon einmal darauf verwiesen, dass bei der strafrechtlichen Beurteilung, von der hier vorwiegend die Rede sein soll, in der Hauptsache auf Rekonstruktion und Zeugen abgestellt werden muss. Also werden auch wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Punkte richten. Wenn, was zwar selten der Fall ist, Zeugen sich vom Unfallort entfernen wollen, dann wird man diese notieren. In allen andern Fällen wird man vorerst die Spuren sichern. Dies geschieht in erster Linie dadurch, dass man ein Verändern der Situation verhindert. Immer aber soll man, bevor man dan weer ich fro. Es ist gans falsch wenn man dengt das ein Schwein dumm unt immer dreckicht ist. Gretchen ist ser kluhg unt sie ist auch gans sauber weil sie sauber gehalten würd. Als Anton hoite nach der Nachmiddagsforstellung in den Stall geen wollte da hat ien ein Bereiter genekt und da ist ihm Anton nachkelaufen, Anton ist kein seer groses Nielpfert aber man mus sich wundern wie schnell er laufen kann wenn er bös würd, Tom konnte ihn nicht halden so stark ist Anton und der Bereiter konnte noch grat in einen Waagen flühen sonst wehr es ihm schlecht gegangen. Ich hab Anton seer gern, er hat ein so dreuhertziges komisches Gesicht unt er kukt immer so sorkenvoll als ob er der Geschefstfihrer vom Zirkus wehr. Am liebsten frist er gölbe Rüpen, aber man mus ihm kleich viele in den grosen Rachen werfen, bei nuhr eine gölbe Rüpe lohnt es Anton garnich mit kauhen antzufangen, die last er dann einfach irgendwo im Maul liegen. * Am Nachmittag lud Bux seine kleine Freundin zum Kaffee ein. Er gab ihr bei dieser Gelegenheit das Tagebuch zurück und sagte: «Was du da geschrieben hast, Cillychen, ist sehr nett, aber w i e du es geschrieben hast, ist fürchterlich. Kaum ein Wort ist richtig.» Cilly bekam einen feuerroten Kopf, und Bux fuhr fort: »Du brauchst dich deshalb nicht zu schämen, Cilly, denn du kannst nichts dafür, weil du ja nicht regelmässig zur Schule gehen kannst. Aber es ist doch nicht angenehm, wenn die Privatkinder über die Zirkuskinder lachen, weil sie ihre eigene Muttersprache nicht mal ordentlich sprechen und schreiben können — nicht wahr?» Cilly nickte verlegen. «Was meinst du nun dazu, wenn ich dich ein bisschen in Rechtschreibung unterrichten würde und in deutscher Grammatik — und auch in den anderen Schulfächern? — Du musst natürlich deine Eltern erst fragen, ob sie einverstanden damit sind.» «Ja, mir war' das schon recht», meinte Cilly. «Aber ich schäme mich so, weil ich fast gar nichts weiss.» «Na, wir wollen mal sehen, ob es gar so schlimm ist. Machen wir mal gleich ein kleines Examen! — Hast du schon Naturgeschichte gehabt in der Schule?» «Ja — Tierkunde und Pflanzenkunde.» «Gut — Welche zwei grossen Gruppen von Bäumen unterscheiden wir?» «Laubbäume und Nadelbäume.» «Richtig. — Nenne mir Nadelbäume!» «Die Tanne, die Kiefer, die Fichte.» «Gut. — Was ist eine Kaulquappe?» «Ein junger Frosch.»