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E_1934_Zeitung_Nr.067

E_1934_Zeitung_Nr.067

BERN, Freitag, 17. August 1934 Gel&e Liste Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 67 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlenstnn und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe R (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das Verhalten bei Unfall Der in Nu fi2 der A.-R. an erster Stelle veröffentlichte Artikel «Was muss ich tun?», der zahlreiche Ratschläse iih-cr das Verhalten der Fahrer bei Verkehrsunfällen enthielt, hat uns eine Reihe von Zuschriften eingebracht. Darin äussern die meisten Leser den Wunsch, auch über die rechtlichen Pflichten und Konsequenzen bei Unfällen, insbesondere über den Umfang der Meldepflicht noch einteilender unterrichtet zu werden. Wir haben daher einen unserer juristischen Mitarbeiter ersucht, die Automobilisten hierüber noch näher zu informieren, was in den nachfolgenden Ausführungen eescliieht. Die Red. Art. 36 des Automobilgesetzes (M F Q) schreibt vor, dass, wenn ein Motorfahrzeug oder ein Fahrrad an einem Unfall beteiligt ist, der Führer sofort anhalten muss. Dies gilt auch für Fahrzeuge mit Tierbespannung, sofern an dem Unfall ein Motorfahrzeug oder Fahrrad beteiligt ist. Ist bei dem Unfall jemand verletzt worden, hat der Führer, abgesehen von Beistands- und Hilfeleistung, der nächsten Polizeistelle Meldung zu machen. Ausserdem hat er seinen Wohnsitz und Aufenthaltsort anzugeben. Bei Personenschaden, auch wenn dieser nur gering, ist also die Meldepflicht bei der nächsten Polizeistelle obligatorisch. Die Bestimmungen dieses Artikels verfolgen den Zweck, dem bei einem Motorfahrzeug- oder Fahrradunfall Geschädigten den nötigen Beistand zu sichern, die Identität des Führers, dessen Fahrzeug den Unfall verursacht hat, festzustellen und die erforderlichen polizeilichen Erhebungen zu veranlassen. Schon die blosse Möglichkeit, dass ein Fahrzeug an einem Unfall beteiligt ist, begründet die Pflicht anzuhalten und sich zu vergewissern, ob Schaden entstanden ist und gegebenenfalls Beistand und Hilfe anzubieten. Das Gesetz schreibt somit unter allen Umständen eine Anhaltepflicht vor. Nicht ganz so weitgehend ist es bezüglich der Meldepflicht. Nicht obligatorisch ist zum Beispiel die Meldepflicht, wenn ausschliesslich nur Sachschaden entstanden ist. Obligatorisch ist in diesem Falle nur. dass der Führer dem Geschädigten oder der nächsten Polizeistelle sofort Anzeige macht, sowie seinen Wohnsitz und Aufenthaltsort angibt. Es genügt nach der Praxis nicht, dass sich der Führer bloss vergewissert, dass der Geschädigte die Nummer notiert hat oder dass Passanten ihm die Nummer des schadenverursachenden Fahrzeuges angeben, sondern der Führer ist verpflichtet, anzuhalten und dein Geschädigten Namen und Adresse anzugeben. Eigenartig ist, dass das Gesetz bei Sachschaden von einer sofortigen Anzeigepflicht F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (13. Fortsetzung) So verstand auch Jack Benson seine Worte, und weil er nicht nur frech, feige und falsch, sondern auch, wie fast alle Mulatten, sehr sentimental war, so fühlte er plötzlich Gewissensbisse, dass er diesen Mann, der so rührende Worte sprach, des Mordes für schuldig erklärt und denunziert hatte. Vom Friedhof lief er schnurstracks zum amerikanischen Generalkonsul und bat, die Anzeige vom Auffinden des Stockes nicht nach Amerika zu senden. Da kam er aber schön an! Der Generalkonsul fuhr so grob auf ihn los, wie man es einem amerikanischen Bürger gegenüber nur riskieren durfte, wenn Negerblut in seinen Adern floss: «Sie sind wohl blödsinnig geworden! Erst drängen Sie uns diese Sache auf, dann machen Sie es so dumm, dass Herr Valenzini misshandelt wird, und nun wollen Sie alles rückgängig machen? Die Anzeige ist längst spricht, während bei Unfällen mit Körperschaden nur Meldepflicht im allgemeinen vorgeschrieben ist. Es könnte nun aus diesem Gesetzestexte abgeleitet werden, es genüge bei Körperschaden auch eine nachträgliche Anmeldung. Dies ist nun aber nach der Praxis nicht der Fall. Zweck der Meldepflicht ist — wie bereits eingangs erwähnt —, abgesehen von der Feststellung des Führers, die Festlegung des Tatbestandes. Die Meldung bei Körperschaden ist mindestens ebenso dringlich wie diejenige bei blassem Sachschaden. Kann der Führer die Meldung nicht selbst erstatten, so hat er es, sofern es möglich ist, durch Hilfspersonen tun zu lassen. Wird er sich erst nachträglich bewusst, dass das von ihm geführte Fahrzeug an einem Unfall beteiligt war, hat er noch nachträglich der Meldepflicht zu genügen, bzw. sich der Polizei als am Unfall beteiligte oder möglicherweise beteiligte Person bekannt zu geben. Die Meldepflicht ist, wenn Körperschaden entstanden ist, auch keineswegs etwa dem Ermessen der Beteiligten anheimgestellt. Auch wenn die Beteiligten miteinander einig ihre gegenseitige Auffassung über Verur- und Verschulden verbalisiert und wären, von einer Meldung Umgang zu neh-sachunmen, würden der oder die Führer trotzdem beidseits unterzeichnet werden. strafbar, da die Meldepflicht, wie bereits erwähnt, ein gesetzlich vorgeschriebenes Obligatorium ist und damit dem Belieben oder Gutfinden der Beteiligten entzogen ist. Wenn also in Fällen von Körperschaden die Frage der Meldepflicht abgeklärt ist, fragt es sich, wie es bei Vorhandensein von blossetn Sachschaden praktisch gehalten werden soll. Sehr oft kommt es bei Unfällen vor, dass sich die Beteiligten — froh, dass es sich nur um Sachschaden handelt — friedlich verständigen, die Polizei nicht zu benachrichtigen. Sehr oft schliessen sie noch bezüglich Uebernahme der gegenseitigen Schäden durch die respektiven Haftpflichtversicherungen ein Konvenium ab und glauben damit, alles in bester Weise geregelt zu haben. Selbstverständlich sind die Haftpflichtversicherungen durch solche Verabredungen nicht im geringsten gebunden. Sehr oft führen dann nachträglich solche Fälle noch zu Differenzen und Prozessen. Dabei macht sich dann jeweils immer, namentlich wenn keine Zeugen vorhanden sind, das Fehlen einer genauen Tatbestandsaufnahme geltend, nicht selten zuungunsten desjenigen, den vielleicht das geringere Verschulden trifft. Das Fehlen genauer Tatbestandsaufnahmen erschwert in der Regel die nachträgliche Schadensreglierung erheblich. Das abgegangen! Ob Sie den Mann für schuldig halten oder nicht, ist uns gänzlich gleichgültig! Alles Weitere werden die amerikanischen und deutschen Behörden zu entscheiden haben! —Basta! Leben Sie wohl, Mister Benson!» Von dem Tage an drückte sich Jack Benson scheu an Bux vorbei, wenn er ihn sah. — In der Vorstellung, die wenige Stunden nach dem Begräbnis begann, machte Berno, alias Berndt, allein die rasende Fahrt auf dem schlaffen Drahtseil. Er konnte es sich nicht leisten, sein Engagement aufzugeben oder zu unterbrechen, denn er hatte für die Zukunft seines Kindes zu sorgen. Er musste^ froh sein, dass er bei einer so menschenfreundlichen Direktion engagiert war, die seine Nummer in dieser stark entwerteten Form weiterarbeiten liess. Trotz dem aufregenden Unglücksfall hatte der Zirkus seine Anziehungskraft für die Bevölkerung Roms nicht eingebüsst. Man musste den Aufenthalt in der Hauptstadt Italiens auf drei Wochen ausdehnen. Erst Mitte Mai siedelte der Zirkus nach Neapel über. Inspektor Friedenthal hatte gerade eine längere Unterredung mit Direktor Kreno gehabt. Als er sich schon zum Gehen wenden Nichtbeiziehen der Polizei kann somit in dieser Beziehung sicherlich einen Nachteil zur Folge haben. Dagegen kann selbstverständlich damit eine Anzeige mit eventueller nachfolgender Busse vermieden werden. Es ist somit abzuwägen, welches Vorgehen im einzelnen Falle grössere Vorteile oder Nachteile bietet. In der Regel ist zu empfehlen, dass in allen Fällen, in welchen grösserer Sachschaden vorliegt, die Polizei avisiert und zur Tatbestandsaufnahme beigezogen wird. In unbedeutenden Fällen ist, mit Rücksicht auf den grossen Zeitverlust, besser davon Umgang zu nehmen, ohne dass dabei wohl- viel riskiert wird. Immerhin ist zu bemerken, dass in vielen Fällen ein Verunfallter unmittelbar nach dem Unfall erklärt, keinen Schaden erlitten zu haben, um dann hintenher, sei es, dass sich tatsächlich erst später Unfallfolgen bemerkbar machen, sei es, dass er von guten Freunden aufgestachelt worden ist, Ansprüche zu stellen. Auch in solchen Fällen macht sich jeweils das Fehlen einer Tatbestandsaufnahme unangenehm fühlbar; am zweckmässigsten ist es jedenfalls, sich in Fällen, in denen allseitig die Beiziehung der Polizei nicht gewünscht wird, sofort gegenseitig schriftliche Reverse auszustellen, in welchen die Entscheidungen der Beteiligten sowie Theoretisch wäre jedenfalls auch in allen Fällen von Sachschaden eine Tatbestandsaufnahme empfehlenswert, praktisch würde dies aber, unseres Erachtens zu weit führen, weshalb die Meldepflicht auf Fälle erheblichen Sachschadens beschränkt werden sollte und in weniger wichtigen Fällen dagegen wohl das oben skizzierte Verfahren genügen dürfte. Dr. R. v. S.türler. Jm weitern äussert sich ergänzend auch noch ein Gerichtsbeamter zu dem Thema wie folgt: Jeder Unfall löst für gewöhnlich zwei Wirkungen aus: 1. eine strafrechtliche und 2. eine zivilrechtliche. Bei Unfällen denkt der Motorfahrzeugführer meistens zuerst an die strafrechtlichen Folgen. Hier müssen wir uns den folgenden Grundsatz merken, welcher auch von vielen Strafbehörden viel zu wenig beachtet wird: Für die strafrechtliche Beurteilung ist in erster Linie massgebend das Verhalten kurz vor dem Unfall, also die Zeit, die nötig gewesen wäre, den Unfall zu verhüten, wenn man ihn vorausgesehen hätte. Ein einziges Beispiel mag das erläutern: Es ist an und für sich gar nicht wesentlich, in welcher Distanz das Motorfahrzeug nach dem Zusammenstoss hat anhalten können. Es ist nur insofern von Bedeutung, als es Rückschlüsse über das Verhalten vor dem wollte, fiel ihm noch was ein: «Wat ick noch sagen wollte, Herr Direktor...» «Nun?» «Ick weess nich, ick weess nioh: der Berndt jefällt mir jar nicht! Der Tod von seine Frau hat ihn janz aus'n Jeleise jebracht. Er redet keen Wort mehr, stiert immer vor sich hin...» «Kein Wunder!» meinte der Direktor. «Die Frau war ja auch sozusagen die Seele von der Firma — menschlich und artistisch. — Ich habe übrigens neulich schon mit Ruperti darüber gesprochen. So kann doch die Sache nicht weitergehen. Berndt müsste sich unbedingt wieder 'nen Partner oder besser 'ne Partnerin suchen. Die Nummer ist jetzt so kurz, dass sie in gar keinem Verhältnis mehr zu dem grossen Aufbau steht. Die meisten Tricks fallen weg, weil sie auf zwei Personen berechnef waren.» «Ja, det mein' ick auch, Herr Direktor. Nur wird sich so schnell keener dazu finden. Vor allem der Schlusstrick mit's Tandem...» «Kann er ja vorläufig weglassen und bloss auf dem straffen Hochseil mit Netz arbeiten. Je länger er zögert, jemanden zu suchen, desto länger dauert's, bis er die alte Nummer wieder fertig hat.» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensohluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Zusammenstoss ziehen lässt. Nicht rechtzeitiges Erfassen der Situation, zu schnelles Fahren (Nichtanpassen der Fahrgeschwindigkeit an die gegebenen Strassenverhältnisse); falsche Reaktion (Gasgeben statt Bremsen) usw. Bei einem Zusammenstoss durchzucken eine Unmenge der verschiedensten Fragen das Gehirn: Durchbrennen? (es hat's ja niemand gesehen!). Alles bestreiten? Soll ich mich gegenüber den Anschuldigungen verteidigen? Die Beteiligten von der Haltlosigkeit ihrer Behauptungen überzeugen oder zu allem gar nichts sagen? Dem andern die Alleinschuld geben nach dem Grundsatz: Angriff ist die beste Verteidigung? ' Das Gehirn arbeitet fieberhaft. Es kann aber in solch erregenden Augenblicken nicht immer zuverlässig arbeiten. Wir wollen in den folgenden Zeilen in aller Ruhe die Antwort zu den obigen Fragen geben, und wenn der Leser sie bei einem Unfall verwenden kann, können sie ihn vor manchem Aerger und Schaden bewahren. Durchbrennen? Die Versuchung ist dann besonders gross, wenn «scheinbar» keine Beteiligten zugegen sind. Und wenn es auch wirklich niemand gesehen haben sollte, hat es ziemlich sicher jemand gehört, und das Telephon arbeitet schneller als das schnellste Auto. In den meisten Fällen kommt es doch aus, sei es durch die energischen Nachforschungen der Polizei oder durch Zufall, z. B. verdächtige Beschädigungen am Motorfahrzeug. Die Qual, welche die ständige Angst vor dem Erwischtwerden verursacht, ist oft grösser als der Aerger über eine Polizeibusse. Alles bestreiten und es einfach darauf ankommen lassen, ob der Gegenpartei die Beweisführung gelinge, davon ist dringend abzuraten. Der erfahrene Untersuchungsrichter wird seine unwahren und unrichtigen Behauptungen protokollieren, um ihn nachher durch glatten Gegenbeweis der Lüge, zum mindesten der Unzuverlässigkeit, zu bezichtigen. Die Folgen werden sein, dass der Richter (sowohl im Straf- wie im Zivilpround den Aussagen der Gegenpartei mehr zess) seine Aussagen sehr vorsichtig würdigt Glauben schenkt. Es kann sich dann der alte Volksspruch: «Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht» bitter rächen. Das Bestreiten hat aber noch eine weitere Wirkung: Wird der Tatbestand als solcher m grossen und ganzen anerkannt, so wird es meistens bei einer polizeilichen Bestrafung jleiben. Werden die wesentlichen Punkte aber bestritten, so müssen die Behörden die Zeugen einvernehmen. Der Tarif für eine solche Einvernahme ist 2 bis 4 Fr., wozu «Soll ick mal mit ihm reden, Herr Direktor?» «Wenn Sie wollen. Er muss sich doch mal rausreissen aus dieser Apathie. Sonst geht's noch bergab mit ihm. Ich höre, er trinkt jetzt viel — und zwar ganz allein in seinem Wagen. Das ist das Bedenklichste.» Friedenthal nickte vielsagend. — «Mir tut ja die kleene Cilly am meisten leid. Jekocht wird auch nichts Richtiges mehr; leben bloss von Butterstullen. Jut, det sich Bux um die Kleene so kümmert! Ihr Vater spricht auch zu ihr keen Wort! So wat muss ja dem Kind auf't Jemüte schlagen. Und Verwandte hat er nich, wo se hinkönnte.» «Na, versuchen Sie mal Ihr Heil, Friedenthal!» schloss der Direktor und nickte seinem Inspektor zu, als Zeichen, dass die Audienz beendet sei. — Friedenthal führte, wie's seine Art war, sein Vorhaben sofort aus. Er fand Berndt allein in seinem Wohnwagen — in Kleidern auf zerwühltem Bett liegend, neben sich auf einem Schemel eine halbgeleerte Flasche Kognak. — Der Artist liess Friedenthal ruhig reden, ohne ihn zu unterbrechen. Endlich, als der