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E_1934_Zeitung_Nr.072

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BERN, Dienstag, 4. Sept. 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 72 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb« Liste" Ausgab* A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.- REDAKTION o. ADMINISTRATION: Brettenrainstr. 97, Bern Ansgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 750, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Notizen vom Tage Die Offenhaltung des Julier Im Winter. Auf Grund der im Verlaufe des vergangenen Winters gemachten Versuche, hat das bündnerische Baudepartement beschlossen, den 2287 m hohen Julierpass regelmässig dem Motorfahrzeugverkehr auch während der Wintermonate offen zu halten. Die Verwirklichung dieser seit Jahren von den verschiedenen Strasseninteressenten vertretenen Idee wird sicherlich für die Fremdenfrequenz von immer grösserer Bedeutung werden. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die dem Kanton Graubünden zur Verfügung stehenden Mittel beschränkt sind, was sich diesen Sommer bereits in einem nicht ganz einwandfreien Strassenzustand des Juliers dokumentierte, während der Albulapass z.B. bedeutend angenehmer zu befahren war. Es liegt auf der Hand, dass der Winterverkehr durch das sog. Spurfahren die Julierstrasse hernimmt, wodurch erhebliche Mehraufwendungen entstehen. Da aber eine durchgehende Nord-Siidverbindung ein Gebot der Stunde darstellt,, sollte doch ein Modus gefunden werden, um eventuell grössere Anteile aus dem Benzinzoll freizumachen. Der Beschluss der bündnerischen Regierund, den Julierpass auch während des Winters 1934/35 offen zu halten, ist ausserordentlich begrüssenswert. Jahrelang sind wir in der Automobil-Revue dafür eingetreten, dass eine ganzjährig fahrbare Nord-Süd-Verbindung über die Alpen kommen müsse, und wir begrüssen es deshalb ganz besonders, dass diese unsere Forderung endlich in Erfüllung gegangen ist. Was wir schon vor Jahren vorausgesehen haben, dass nämlich die Offenhaltung des Juliers in den Wintermonaten sehr gut durchführbar sei, hat sich im vergangenen Winter mit aller Deutlichkeit gezeigt. Auch die aufgewendeten Kosten halten sich durchaus in einem tragbaren Rahmen, wenn auch zuzugeben ist, dass für den Kanton Graubünden diese Jährliche Ausgabe eine fühlbare Belastung seines Budgets sein wird. Es darf aber auf keinen Fall vergessen werden, welch eminente Bedeutung vom verkehrspolitischen Standpunkt aus, die ganzjährige Offenhaltung des Juliers hat. Bis heute stand die Schweiz sehr stark im Hintertreffen, indem der internationale Nord- Süd-Verkehr uns östlich und westlich umfuhr. Der Brenner, schon seit Jahren ganzjährig F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (18. Fortsetzune) Direktor Kreno blickte ihm forschend ins Gesicht. Dann ging ein Lächeln über seine Züge: «Ich glaube fast, lieber Bux, wir haben beide dasselbe vor. Nämlich die drei kleinen Tiger jemandem, der .. .> «... unser gemeinsames Mündel ist ...» «... zum Geburtstag zu schenken...» «... damit sie endlich Ruhe gibt und bald anfangen kann, mit Tieren zu arbeiten», schloss Bux lachend. Doch dann fügte er ernst hinzu: «Meinen Sie denn, Herr Direktor, dass wir als Vormünder das verantworten können?» Direktor Kreno trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Dann sagte er: «Wissen Sie, lieber Bux, ich glaube, da sind wir machtlos. Ob wir wollen oder nicht: Ich sage Ihnen, sobald diese Cilly Berndt mündig ist, geht sie doch zu den Katzen in den Käfig. Das hat sie sich nun geöffnet, zog einen Hauptteil des deutschen Reiseverkehrs über seine Strasse nach Italien und selbstverständlich verlief ein gleicher Verkehr auch in umgekehrtem Sinne. Anderseits wurde die Schweiz im Westen über die guten französischen Strassen ebenfalls umfahren. Dem Julier kommt nun die ausserordentlich wichtige Aufgabe zu, den uns zum Teil schon verloren gegangenen Durchgangsverkehr wieder der Schweiz zuzuführen. Wir zweifeln nicht daran, dass dies in kürzester Frist in weitgehendstem Masse gelingen wird. Wenn wir eine Karte von Europa betrachten, so sind die grossen Vorteile, die der Julier als letztes Verbindungsstück im grossen Nord-Süd-Strassenzug hat, sofort in die Augen springend. Der Julier stellt zwischen Deutschland und allen übrigen Staaten des nördlichen Europas die kürzeste Verbindung mit Italien her. Seine ganzjährige Offenhaltung ist um so wichtiger, als der Hauptverkehr nach Italien eigentlich früh im Frühling und im Spätherbst einsetzt, also gerade in einer Zeit, wo die übrigen Alpenpässe nicht mehr passierbar sind. Es ist auch sicher, dass das Reizvolle einer winterlichen Alpenüberquerung, die in wenigen Stunden eine seltene Fülle von Gegensätzen vermittelt, eine grosse Anziehungskraft ausüben wird. Schon die Fahrer, die letzten Winter, den Julier befuhren, waren begeistert von der winterlichen Schönheit des Hochgebirges. Alle diese Touristen haben schon weitgehend Propaganda für den Julier gemacht, und die Tausende, die diesen Winter hinüberfahren, werden den Ruf des winterlichen Juliers in noch viel weitere Kreise hinaustragen. Neben der internationalen Rolle des Juliers als Nord-Süd-Durchgangsstrasse ist aber auch die wirtschaftliche Bedeutung für unser Land nicht zu vergessen. Eine Menge Fahrer wird, wenn sie einmal den Weg über den Julier gewählt haben, auch einen kürzern oder längern Aufenthalt in der Schweiz einschieben. Eines der wichtigsten Wintersportgebiete der Schweiz, das Engadin, ist damit dem internationalen Autotourismus erschlossen worden, was sich in seinen kommenden Frequenzzahlen recht vorteilhaft auswirken wird. Aber nicht nur das Engadin, sondern das ganze Bündnerland und darüber hinaus auch noch andere Gebiete der Schweiz werden aus dem internationalen Durchgangsverkehr, der über den Julier geht, ihren Nutzen ziehen. Lr. einmal in den Kopf gesetzt. Und da ist es schon am besten, sie fängt so bald als möglich an. Die Gelegenheit ist sehr günstig: Sie kann sozusagen mit den drei Tigerchen zusammen aufwachsen. Später geben wir ihr dann noch andere junge Tiere dazu, damit sie eine hübsche Gruppe herausbringen kann.» Bux nickte eifrig. Direktor Kreno versank von neuem in Nachdenken. Und dann tat,er etwas, was sehr selten geschah: er sprach von sich und seiner Jugend. «Ja, ja, mit den Tieren ist es eine eigene Sache», begann er. «Und besonders mit den sogenannten wilden Bestien. — Ich glaube, jeder Mensch kann sich wohl an ganz bestimmte allererste Kindheitseindrücke erinnern. Oft mögen es wohl scheinbar Belanglosigkeiten sein, von denen man später nicht Verkehrs-Stümperei. Als solche muss entschieden ein allen Ernstes in einer führenden Tageszeitung zur Diskussion gestellter Vorschlag bezeichnet werden, den Automobilverkehr auf den Passstrassen zugunsten der Fusswanderer an einem bestimmten Tag der Woche ganz zu verbieten. Der Einsender will auf diese Weise die Alpenstrassen dem Fussgänger in ihrer ursprünglichen Beschaulichkeit zurückgewinnen und glaubt mit scheinbar einfachen Mitteln das Rad der Zeit um ein gutes Vierteljahrhundert zurückdrehen zu können. Es soll keineswegs bestritten werden, dass mit dem modernen Autotourismus die schöne Zeit endgültig vorbei ist, wo der Passwanderer in wohltuender Ruhe und Einsamkeit die Alpenübergänge zu Fuss zurücklegen konnte und ihm höchstens ab und zu eine Postkutsche, ein Warentransport, eine Kuh- oder Ziegenherde als willkommene Abwechslung begegneten. Das Automobil hat nicht nur einen die Wirtschaft in zunehmendem Masse belebenden Verkehr in die Berge hinein gebracht, sondern gleichzeitig Tausenden von Menschen erst die Möglichkeit geboten, sich eine genussreiche Fahrt durch unsere Alpenwelt zu leisten. Erst das Automobil hat weiten Volkskreisen unsere Berge und Passrouten erschlossen. Während früher vielleicht einige hundert unentwegte Alpinisten und Wanderer Pässe, wie Klausen, Furka, Grimsel, Julier usw., besuchten und die grosse Masse sie nur vom Hörensagen kannte, so haben Postautokurse und private Reiseunternehmungen Abertausenden von Stadt- und Talbewohnern die bessere Kenntnis der Heimat dank der billigen Passfahrten vermittelt und ihnen ermöglicht, all diese wundervollen Kunstbauten unserer Vorväter aus eigener Anschauung schätzen zu lernen. Wenn auf diese Weise die Wanderer auch aus ihrer Ruhe aufgestört wurden, so sind dafür andere Werte geschaffen worden, die weit überwiegen. Aber selbst, wenn man auf die Anregung näher eingehen möchte, so erhebt sich doch alsbald die Frage, ob der Vorschlag eine Lösung mit tauglichen Mitteln darstelle. Und hier wird jeder Unbefangene, ob Wanderer oder Automobilist, ob Selbstfahrer, freier oder bezahlender Fahrgast, auf den ersten Anblick erkennen müssen, dass der zeitweisen Schliessung der Paßstrassen für den Motorfahrzeugverkehr viel zu viel Schwierigkeiten rechtlicher, wirtschaftlicher und verkehrstechnischer Natur entgegenstehen, ganz abgesehen davon, dass wir mit einem solchen Schildbürgerstreich nur der Lächerlichkeit anheimfallen müssten. Dem Initianten scheint es zwar bei seinem und ich weiss nicht, weshalb es gerade in diesem Augenblick einen so tiefen Eindruck auf mich machte; vielleicht weil ich den Löwen dabei nicht sah und seine Stimme aus der Entfernung meine kindliche Phantasie besonders anregte. Kurz und gut, ich dachte: Da brüllt ein Löwe! — dieses gewaltige gelbe wilde Tier mit dem grossen Kopf und der mächtigen Mähne! Und dieser Löwe gehört — meinem Vater* — Ich kann Ihnen nicht beschreiben, Bux, was diese Tatsache, deren ich mir wohl damals zum erstenmal voll bewusst wurde, in meinem Kinderherzen für einen Eindruck hinterliess! Unter allen Menschen, die ich kannte, und unter den Hunderten, die ich täglich sah, besass keiner einen Löwen — nur mein Vater! Und von dem Augenblick an war es beschlossen: Wenn ich mal gross wäre, musste ich auch einen Löwen haben — ein, nicht einen, sondern viele — einen ganzen Käfig voll! — Meine Eltern wollten nie etwas davon hören, dass ich mal ihren Beruf ergreifen wollte! Dann traf uns auch noch ein schreckliches Unglück: Mein älterer Bruder wurde eines Tages von einem unserer braunen Bären umfasst und zu begreift, weshalb sie einem so besonders tiefen Eindruck gemacht haben. Wissen Sie, Bux, was meine allerfrüheste und aller stärkste Kindheitserinnerung ist? Ich will's Ihnen erzählen: Sie wissen doch, dass mein Vater eine kleine Menagerie hatte, mit der wir auf Jahrmärkten und Schützenfesten umherzogen. Und nun erinnere ich mich daran, wie ich einmal — ich kann höchstens vier Jahre alt gewesen sein — am Boden eines Raumes sass und mit Klötzchen spielte; wahr- Tode gedrückt. Von da ab durfte ich über- kein Wort mehr von solchen Zukunftsscheinlich war's in unserm Wohnwagen. Da jhaupt hörte ich plötzlich ein gewaltiges Brüllen. plänen verlauten lassen. — Und nun? Nun Es war der Löwe unserer Menagerie. Ich hab' ich doch meinen Löwen! — nicht einen, hatte ihn natürlich schon oft brüllen hören, sondern Dutzende von Löwen, Tigern, Bä- INSEHTIONS-PBETS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. tür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach SeUentarit. Inscratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen 4er Nummern Vorschlag selbst nicht ganz geheuer gewesen zu sein, denn von der vollständigen Sperrung der Pässe ist er im Verlaufe seiner Darstellung bereits wieder abgekommen und möchte wenigstens den Postautokursen das Recht zum Befahren der Strassen lassen. Ueber den für den Schwabenstreich zu wählenden Wochentag spricht er sich dagegen wohlweislich nicht aus, denn gerade hier liegt eine weitere Schwäche des Projektes. Der Tag könnte gewählt werden, wie er wollte, er würde nur immer einer verschwindenden Minderheit passen. Ihr zuliebe aber den internationalen und interkantonalen Durch- und Uebergangsverkehr abzuriegeln, kann wohl nur Querulanten oder weltfremden Schwärmern in den Sinn kommen. Ein viel aussichtsreicherer und praktisch auch leichter z.u verwirklichender Vorschlag ist dagegen seinerzeit in unserm Blatt dargelegt worden. Er wird erfreulicherweise auch weiter verfolgt und zeitigt bereits die ersten praktischen Früchte. Wir meinen die Schaffung der besonderen Wanderwege, die für die Fussgänger reserviert sind und fernab von den verkehrsreichen Hauptstrassen liegen. Das Netz dieser Wege, deren Schaffung sich vorab die Zürcherische Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege zur Aufgabe gemacht hat, soll dabei nicht auf die Talschaften begrenzt bleiben. Mancher alte Saumpfad und verschiedene frühere Passstrassen, die Neuatilagen weichen mussten und seither fast der Vergessenheit anheimfielen, können durch ein Mindestmass an Pflege und Unterhalt für die wanderfreudigen Touristen erhalten bleiben. Auf ihnen werden sie ungestört vom motorisierten Verkehr die Heimat durchziehen können und sich wie zur Zeit der Postkutsche als Beherrscher der Strasse und der Bergwelt tummeln und fühlen dürfen. Im übrigen werden sich aber die heutige und die kommenden Generationen damit abfinden müssen, dass sie die Strassen im Mittelland und im Gebirge mit dem übrigen Verkehr zu teilen haben. Wenn der langersehnte Ausbau der Alpenrouten endlich einmal kommt, wird die Möglichkeit bestehen, den Fussgängern dadurch besondere Rücksicht zu tragen, dass einmal die Oberflächen staubfrei gehalten, oder gar besondere Fussgängerstreifen eingerichtet werden, ähnlich den Trottoirs oder Radfahrerstreifen auf den modernen Ueberlandstrassen. Schliesslich wird kein Fussgänger, der ernst genommen werden möchte, heute noch die ganze Strassenbreite für sich allein beanspruchen wollen. Es wird daher im wohlverstandenen Interesse der Wanderlustigen liegen, sich dem bereits gegründeten Verband für Wanderwege anzuschlies- ren, Leoparden, Elefanten ... Und wozu hab ich sie? Um noch mehr Geld damit zu verdienen? Ach nein! Geld habe ich ja genug. Und wenn ich nicht so ein Narr wäre, dann würde ich jetzt meinen Zirkus und meine Tierschau auflösen oder verkaufen und als wohlhabender — ich darf wohl sagen, als reicher Mann in Frieden und Sorglosigkeit leben — anstatt ein so aufreibendes Wanderleben zu führen und dabei noch immer in Gefahr zu ein, auf einer unglücklichen Tournee, vielleicht in wenigen Wochen, alles einzubüssen, was ich in Jahrzehnten erworben habe. — Aber der Zirkus und die Tiere! — die lassen einen nicht mehr los, Bux! Nicht wahr? — Und da sagen Sie noch immer, es gäbe keine Zirkusromantik! Mensch, Bux, wenn das keine Romantik ist, dann hol' mich der Teufel!» Selten hatte Direktor Kreno so lange hintereinander .privatim' zu einem seiner Artisten gesprochen. Aber die Folge dieses Gespräches war, dass Cilly Berndt an ihrem vierzehnten Geburtstag von ihren beiden Vormündern zwei herrliche Geschenke erhielt: drei junge Tiger — und die Erlaubnis, Dompteuse zu werden. Als sieben und einen halben Monat später — Mitte November 1925 — die spanische Tournee des Zirkus Kreno in Saragossa ihr Ende erreichte, waren die drei jungen Tiger